Wer ist eigentlich ein Zionist?

4. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Zionismus: Kolonialismus, Rassismus oder die legitime nationale Ambition des jüdischen Volkes?

Eine aktuelle Schrift der Evangelischen Kirche in Deutschland widmet sich dem sogenannten »christlichen Zionismus« (siehe unten). Grund genug einmal zu fragen, was der Begriff Zionismus eigentlich meint.

»Unsere Hoffnung ist verloren, es ist aus mit uns!«, war das Lebensgefühl der aus Judäa Deportierten vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden. Dem setzte der Prophet Hesekiel (Kapitel 37,12-13) entgegen: »Ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.«

Im 19. Jahrhundert griff Naphtali Hertz Imber, selbst Bürger der Habsburger Monarchie, diese biblischen Formulierungen für ein Gedicht auf, das er »HaTikvah«, »Die Hoffnung«, nannte: »Solange im Innern des Herzens noch jüdisches Leben rumort, auf die äußersten Enden des Ostens, nach vorne gerichtet, ein Auge nach Zion blickt, ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung von zwei Jahrtausenden: Ein freies Volk zu sein, in unserem eigenen Land, im Land Zion und in Jerusalem!« 2004 wurde »Die Hoffnung« offiziell zur Nationalhymne des Staates Israel erklärt.

Sehnsucht nach der Heimat: Der Maler Eduard Bendemann (1811–1889) schuf das Bild »Die trauernden Juden im Exil« in Anlehnung an Psalm 137. Es ist im Original im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Repro: akg-images

Sehnsucht nach der Heimat: Der Maler Eduard Bendemann (1811–1889) schuf das Bild »Die trauernden Juden im Exil« in Anlehnung an Psalm 137. Es ist im Original im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Repro: akg-images

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts diese jahrtausendealte jüdische Sehnsucht Gegenstand konkreter politischer Überlegungen wurde, tauchte der Begriff »Zionismus« auf: Als Zusammenfassung der praktischen Bemühungen des jüdischen Volkes, nach zweitausend Jahren Diaspora in seine Heimat, nach »Zion«, zurückzukehren. Wer dem jüdischen Volk ein Recht auf Selbstbestimmung zugesteht, die Heimkehr des Volkes Israel in das Land zwischen Mittelmeer und Jordan für rechtens hält, sie grundsätzlich bejaht und unterstützt, ist »Zionist« – sei er nun Jude, Christ, Muslim, Hindu oder auch Atheist.

Von seinen Gegnern wird dem Zionismus vorgeworfen, Landraub, Gewalt und die Vertreibung von Palästinensern zu rechtfertigen. Er wird als Kolonialismus kritisiert. 1975 verurteilte die UNO-Generalversammlung Zionismus als Rassismus. 1981 riefen 53 Länder der Afrikanischen Union in der Präambel ihrer Charta für Menschenrechte dazu auf, »Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, Apartheid und Zionismus zu eliminieren.«

Abgesehen von einigen ultra-orthodoxen Strömungen des Judentums und dem Großteil der islamischen Welt war es vor allem die römisch-katholische Kirche, die ein theologisches Problem mit jüdischen Nationalbestrebungen hatte. Papst Pius X. ließ den Vater des säkularen Zionismus, Theodor Herzl, wissen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, deshalb können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzog der Vatikan eine Kehrtwende in seiner Einstellung zum jüdischen Volk und verurteilte alle christlichen Wurzeln des Antisemitismus. Dies bedeutete allerdings noch lange keine Unterstützung einer politisch real existenten Heimkehr des jüdischen Volkes in sein Land Israel. »Auch wenn wir die Juden nicht daran hindern können, nach Jerusalem zu gehen«, hatte Papst Pius X. einst Theodor Herzl erklärt, »wir werden das niemals sanktionieren.«

Doch der Zionismus hat nicht nur Gegenspieler. Es gibt vielerlei Zionisten, ganz unterschiedlicher Couleur. Während sich manche Juden lautstark als Antizionisten outen, befürworten unzählige Nichtjuden die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land Israel. Lange bevor Juden aktiv eine Staatsgründung vorbereiteten, waren die britische Königin Victoria, Frankreichs Napoleon Bonaparte, der tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und der Gründer des Internationalen Roten Kreuzes, Henry Dunant, de facto Zionisten.

Dabei waren und sind es nicht nur Christen, die zionistische Meinungen äußern, sondern auch Muslime. Bereits im 19. Jahrhundert befürwortete der Schah von Persien, Naser al-Din Schah Kadschar, dass Juden sich in Palästina niederließen. Später war es der pakistanisch-amerikanische Journalist und Autor Taschbih Sajjed. Unter den muslimischen Zionisten dürfte heute der Direktor des Kulturinstituts der italienischen islamischen Gemeinde und Imam von Rom, Scheich Abdul Hadi Palazzi, der bekannteste sein. Nicht selten zitieren Israel-freundliche Muslime den Koran, wie etwa Sure 7,137: »Und wir [Allah] gaben dem Volk, das (vorher) [in Ägypten] unterdrückt war [den Israeliten], die östlichen und westlichen Gegenden des Landes [die Ostbank und die Westbank des Jordan] (d. h. das ganze Land) zum Erbe.«

Asaad Schukeiri, Vater des ersten PLO-Generalsekretärs, Achmed Schukeiri, widersprach in der Zeit des Britischen Mandats Palästina öffentlich dem palästinensischen Nationalisten und Hitler-Freund Großmufti Hadsch Amin al-Husseini, als dieser islamische Lehren nutzte, um den Zionismus anzugreifen. Emir Faisal, Sohn des Scherifen Hussein von Mekka, der sich nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs als rechtmäßiger Herrscher der arabischen Völker verstand, sympathisierte offen mit den Vorstellungen der Zionisten. Bis zum heutigen Tag haben jüdisch-nationale Ambitionen große Freunde, nicht nur unter Muslimen in Kurdistan und Nordafrika, sondern auch in Indien. Internationale Umfragen offenbaren Indien als pro-israelischstes Land der Welt – während es gleichzeitig die größte muslimische Bevölkerung weltweit verzeichnet.

Johannes Gerloff
(Johannes Gerloff ist Journalist in Jerusalem)

Wege ins »Gelobte Land«

13. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Bis heute wandern Juden aus aller Welt nach Israel ein – drei Beispiele aus drei Generationen

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)


Auslöser war der zunehmende Antisemitismus in Europa: Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Zionismus – der Traum vom freien jüdischen Leben im eigenen Land.

Henry Stern gestikuliert unter einem Olivenbaum im Kibbuz Lavi, nahe des Sees Genezareth. Er erzählt von einer amerikanischen Reisegruppe, die ihn fragte, wie es komme, dass die Kibbuzim immer in den schönsten Parks gebaut wurden? »Als wir 1949 als junge Männer hier ankamen, gab es nur Steine und Geröll, zwei oder drei Olivenbäume, kein Wasser«, erinnert sich der heute 86-Jährige.

Zehn Jahre zuvor war der in Stuttgart geborene Henry im Alter von 14 Jahren im Rahmen einer Kinderevakuierung gerade noch aus Deutschland herausgekommen. Er kam nach England, bereitete sich dort in einem Farmkurs auf die »Alija«, die Auswanderung ins »Gelobte Land«, vor. Viel hat die britische Farmausbildung nicht geholfen. »Immerhin – wir haben gelernt, wie eine Kuh aussieht«, schmunzelt Henry Stern. »Der junge Staat unterstützte uns so gut es ging, aber wir mussten unsere Erfahrungen durch Versuch und Irrtum machen.«

Henry Stern

Henry Stern


Von den Mühen der Anfangszeit ist nichts mehr zu spüren: 1000 Kühe, 600000 Hühner, 800 Menschen, eine eigene Möbelfabrik und ein Gästehaus in idyllischer Parklandschaft. Aber auch Schutzräume und Bunker in allen Häusern, Kindergärten, Schulen gehören heute zur Heimat von Henry. 4000 Raketen feuerte die Hisbollah im Libanon vor fünf Jahren auf den Norden Israels. Dennoch gibt sich Henry Stern gelassen: »Wir wissen im Nahen Osten doch nie, was morgen passiert«.

Hadar Samalo gehört zu den fast 100000 äthiopischen Juden, die seit den 80er Jahren in teils spektakulären Aktionen aus Not, Verfolgung und Bürgerkrieg evakuiert wurden. Die sogenannten Falascha führen sich selbst auf die Begegnung des biblischen Königs Salomo mit der Königin aus Saba zurück. Den Juden gelten sie als Nachkommen des Stammes Dan. Fest steht, dass sie über Jahrhunderte eine archaische Form des Judentums bewahrten. Und die große Sehnsucht, eines Tages nach Hause, nach Zion zu kommen.

Hadar Samalo

Hadar Samalo


Die heute 44-jährige Hadar wusste nichts vom Staat Israel, als sie sich 1984 auf den Weg macht. Aber es sollte irgendwie im Sudan die Möglichkeit bestehen, ins »Gelobte Land« zu ­kommen, »dem Land, wo Milch und Honig fließen«. Gemeinsam mit zwölf anderen jungen Leuten vertraut sie sich bezahlten Führern an, wird von ihnen verraten, von Räubern überfallen. Irgendwie schafft sie es bis in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes im Sudan.

Dort wird sie von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad entdeckt und auf damals noch geheimen Wegen nach Israel gebracht. Lange braucht sie, um sich im modernen Land Israel zurecht zu finden. Kulturen prallen aufeinander. Heute ist sie selbst Leiterin eines Aufnahmezentrums für afghanische Einwanderer in der Nähe von Jerusalem. Wurden ihre übersteigerten Erwartungen an »Zion« nicht enttäuscht? »Nein, ich bin froh und glücklich«, bekennt Hadar Samalo. Die einzige Enttäuschung sei die Erfahrung, dass es säkulare Juden gibt, die die Gebote nicht halten.

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar


Zu diesen eher säkularen Juden ­gehört auch der 1977 geborene Arye Sharuz Shalicar. Der heutige Sprecher der israelischen Armee im Range eines Hauptmanns, der fließend zehn Sprachen spricht und Politikwissenschaften und Geschichte studierte, kam vor zehn Jahren nach Israel. Zuvor musste der Sohn iranischer Juden, die vor dem Ajatollah-Regime geflohen waren, wegen ­seiner Abstammung erleben, wie er durch Berlins Straßen gejagt wurde. Nicht von unbelehrbaren Deutschen, sondern von jungen Muslimen. »Diesen neuen muslimischen Antisemitismus in den Straßen Deutschlands habe ich jahrelang am eigenen Leib zu spüren bekommen«, erinnert er sich bitter.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch mit dem Titel »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben. »Für Deutsche war ich ein Türke, für die Türken und Araber ein verhasster Jude, hier in Israel bin ich als Jude endlich zu Hause – ob ich in die Synagoge gehe oder nicht, hier bin ich Mensch unter Menschen.«

Das ist es auch, was für Reuven Rozen im Mittelpunkt steht. Der Sohn dänischer Juden, die einst mit einem Fischkutter vor der SS flohen, ist einer der leitenden Mitarbeiter des Keren Hayessod. Die Stiftung fördert seit 1920 den Aufbau des Landes und die Integration der Neubürger. Zu den Unterstützern gehören nicht zuletzt Christen in Deutschland (siehe unten). »Jeder Jude auf der Welt kann und soll wissen, dass er jederzeit in ­Israel eine Heimat hat«, so das Credo von Reuven.

www.kh-uia.org.il

Harald Krille
 

»Jesus ist ohne Israel nicht zu haben«

 
Warum Christen Israel unterstützen – drei Fragen an Wilfried Gotter von den Sächsischen Israelfreunden

Eine der größten Israel-Unterstützer-Gruppen im mitteldeutschen Raum sind die Sächsischen Israelfreunde. Soeben wurden sie für ihren Einsatz sogar vom israelischen Parlament geehrt. Drei Fragen an den Geschäftsführer Wilfried Gotter.

Seit wann gibt es die Sächsischen Israelfreunde und was ist das Anliegen des Vereins?
Gotter: Die Sächsischen Israelfreunde wurden nach dem 50. Geburtstag des Staates Israel 1998 gegründet. Auslöser war eine erste große Konferenz in Chemnitz mit fast 6000 Teilnehmern. Seither fanden 15 Sächsische Israelkonferenzen statt. Da Israel in der ­Bibel kein Nebenthema für irgend­welche Spezialisten ist, lohnt es, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen. Schwerpunkte unseres Tuns sind die Versöhnungs- und Bildungsarbeit im Blick auf Israel und das Judentum. Dazu gehört etwa auch die Unterstützung von Holocaust-Über­lebenden und Terroropfern. Und wir ermutigen zum Gebet für Israel. Die nächste ­Israelkonferenz findet übrigens am 17. Mai 2012 im Bildungs- und Begegnungszentrum im vogtländischen Reichenbach statt.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.


Die Sächsischen Israelfreunde unterstützen unter anderem die Organisation Keren Hajessod. Warum eine dem Zionismus verpflichtete Gruppe?
Gotter: Christen sind eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel: »Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.« Man lese dazu den Römerbrief. Da der Jude Jesus ebenfalls Zionist war, wäre es verwunderlich, wenn wir es nicht wären. Wenn man Christ ist, kommt man an Jesus und seinem Land nicht vorbei. Jesus ist ohne Israel nicht zu haben. Geistlich und weltpolitisch haben wir als Christenheit keine Zukunft ohne Israel. Und noch eins ist wichtig: Das jüdische Volk ist das Gerichtskriterium Gottes für die nichtjüdischen Völker, siehe beim Propheten Joel. (Joel 4,1-4)
 
Und wie schätzen die Sächsischen ­Israelfreunde die Arbeit des Keren Hajessod ein?
Gotter: Aus der eben beschriebenen Sicht war und ist es uns eine große Freude, nach unseren Möglichkeiten den Keren Hajessod, der zu den drei großen Säulen der Unterstützung ­Israels gilt, zu helfen. Der Segen fliest zurück – denn wer Israel segnet, soll gesegnet sein! Übrigens die anderen zwei Säulen, die Jewish Agency, die ­offizielle Einwanderungsorganisation Israels, und den Jüdischen Nationalfonds, Keren Kayemeth Leisrael (KKL), unterstützen wir ebenfalls. Beispielsweise durch Baumpflanzungen in der Wüste. Vertreter dieser Organisationen sind natürlich auch auf unseren Konferenzen anwesend.

www.zum-leben.de