Die Bo(o)tschafter aus Anhalt

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Aktion: Auf dem Weg zum 33. Deutschen Evangelischen – in Dessau heißt es dazu bald »Leinen los!«
 

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

 
Viele Wege führen zum ­Kirchentag vom 1. bis 5. Juni nach Dresden. Die Evangelische Landeskirche Anhalts reist von Dessau aus mit Marco Polo.

 
Genau genommen: auf der Marco Polo, denn gemeint ist nicht der venezianische Kaufmann und Entdecker, der im 13. Jahrhundert China und Ostasien bereist haben soll, vielmehr geht es um die MS Marco Polo: 27 Meter lang, 6,20 Meter breit, 80 Zentimeter Tiefgang und Platz für bis zu 150 Passagiere. Kapitän Silvio Süßenbach hatte schon häufiger Glaubensgemeinschaften an Bord. »Es wird auch ein paar kleine Seminare geben«, kündigt der Schiffsführer an: »Knoten, Schallsignale oder Flaggenkunde.«

Am Montag, 30. Mai, wird es in Dessau »Leinen los« heißen. Die erste Etappe führt bis in die Lutherstadt Wittenberg, am Dienstag geht die Reise weiter bis in das sächsische Riesa. Dort kommen am Mittwoch dann auch Kirchenpräsident Joachim Liebig und die anhaltischen Posaunenchöre an Bord und nehmen den letzten Abschnitt über etwa 50 Kilometer bis Dresden in Angriff, um am späten Nachmittag pünktlich zur Eröffnung des Kirchentages einzutreffen.

Während des Christentreffens vom 1. bis 5. Juni geht die MS Marco Polo dann am Schiffsanleger an der Carola­brücke in Dresden vor Anker und ­repräsentiert als schwimmende »Anhaltische Bo(o)tschaft« unter dem Motto »vernünftig und fromm« die Landeskirche. »Kirchentagsbesucher sind ganz herzlich eingeladen, Anhalt kennenzulernen«, sagt Martin Bahlmann vom Kinder- und Jugendpfarramt der Landeskirche und einer der Organisatoren der Flusskreuzfahrt zum Kirchentag. Es geht um »Christsein in einer kleinen, selbstbewussten ostdeutschen Landeskirche«, aber auch über die historische Region Anhalt, denn immerhin feiert das ehemalige Fürstentum im kommenden Jahr mit »Anhalt 800« das 800-jährige Jubiläum.

Auf der »Anhaltischen Bo(o)t­schaft« werden die Hauptthemen des Kirchentages aufgegriffen und aus ­anhaltischer Perspektive beleuchtet. So steht am Donnerstag, 2. Juni, der Glaube im Mittelpunkt und dabei vor allem Christsein in einem Umfeld, in dem die Kirche vielen Menschen seit Generationen fremd geworden ist.

Bildung und die gesellschaftliche Verantwortung von Christen in der Politik stehen am Freitag im Zentrum. In einer Podiumsdiskussion sollen die Herausforderungen an die Bildungsträger diskutiert und die Frage gestellt werden, welchen Beitrag die Kirchen leisten können. Mit zahlreichen evangelischen Kindergärten, Horten und Grundschulen bereichert die Landeskirche bereits jetzt die Bildungslandschaft.

Einbezogen in die Veranstaltungen am Freitag ist der inzwischen 4. Elbekirchentag. Bereits seit 2008 setzen sich Christen mit den Elbekirchentagen für den Schutz des letzten frei fließenden Stromes in Mitteleuropa ein. Die sieben Elbanrainerkirchen (Nordelbien, Mecklenburg, Hannover, Mitteldeutschland, Anhalt, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen) haben erst im Oktober vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe gefordert.

Mit dem Tagesthema Welt am Sonnabend werden dann abschließend die vielfältigen Beziehungen und Verbindungen Anhalts in andere Länder verfolgt.

Das Tagesprogramm auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« an der ­Caro­la­brücke in Dresden beginnt täglich um neun Uhr mit Morgengebet und der anschließenden Bibelarbeit. Neben den Tagesthemen gibt es zudem jeden Tag die Malaktion »Wenn mein Herz ein Schiff wäre«: Besucher sind dabei eingeladen, ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und so hat auch die MS Marco Polo eine ganze Menge mit Entdecken zu tun, ganz wie der venezianische Kaufmann: Man kann Anhalt und seine evangelische Landeskirche entdecken.

Thorsten Keßler

Frauen der Reformationszeit: Katharina von Bora – Luthers »Herr Käthe«

15. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Energisch schreitet sie – in Bronze gegossen – im Hof des Lutherhauses zu Wittenberg daher, Katharina von Bora, Luthers »Herr Käthe«. Kaum zu glauben, dass sie kurz zuvor noch eine stille, zurückgezogene Nonne war. Doch hier im Schwarzen Kloster, an Luthers Seite, füllte sie ihren mutig erkämpften Platz in der Welt souverän aus.

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Katharina von Bora wurde am 29. Januar 1499 geboren. Ihre Eltern kamen aus mitteldeutschen Adelsfamilien, waren aber kaum vermögend, sodass die Familie später ihr Gut aufgeben musste; ein Verlust, der gern bemüht wird, um das Streben der Lutherin nach Grundbesitz zu erklären.

1505 kam sie in das Benediktiner-Kloster nach Brehna. 1508/09 wurde sie dem Kloster Marienthron zu Nimb­schen übergeben. Im Kloster lernte Katharina Lesen, Schreiben, Singen, etwas Latein, Hauswirtschaft u. a. Dinge. 1515 leistete sie das Gelübde als Braut Christi und trug nun die weiße Kutte mit dem schwarzen Schleier der Zisterzienserinnen. Dann aber kam Martin Luther und verkündete Dinge, die sie nie zu denken gewagt hätte. Ostern 1523 floh sie mit elf weiteren Nonnen aus dem Kloster und nahm ihr Schicksal in die eigene Hand.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie den Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner geheiratet, ihre erste Liebe. Doch die Ehe kam nicht zustande. Die stolze und eigenwillige Adlige war schwer unter die Haube zu bringen. Als sie den von Luther vorgeschlagenen ­Kaspar Glatz ablehnte, weil sie »keine Lust und Neigung zu ihm« habe, schimpfte Luther: »Welcher Teufel will sie denn haben!« Doch sie erwählte gerade ihn, er erbarmte sich der »übrig gebliebenen« Nonne und musste bekennen: »Käthe ist das Beste, was mir Gott schenken konnte!«

Glaubt man den Tischreden, so entsprach Käthe ganz und gar nicht dem Frauenbild des Reformators, wird ihm doch nachgesagt, er hätte etwas gegen kluge und wortgewandte Frauen: »Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.« Katharina aber war klug, wortgewandt und resolut, selbst wenn sie ihrem Mann in Gesellschaft den nötigen Respekt zollte. In ihrem Hause aber war sie die Herrin, in ihrer Ehe war sie die Stärkere. Sie richtete ihren oft depressiven Mann wieder auf und pflegte ihn aufopferungsvoll, wenn er krank war. Zudem ruhte die ganze Last des Haushalts auf ihren Schultern, für den Luther so gar keinen Sinn hatte.

Die Familie lebte im Schwarzen Kloster, das Kurfürst Johann der Beständige Luther 1532 schenkte. Katharina hatte die Umgestaltung des Klosters zum Wohnhaus geleitet, einen Gemüse- und Obstgarten angelegt, Ställe bauen lassen. Sie war Gärtnerin, Bäuerin und Wirtschafterin, Bierbrauerin und Imkerin, bewirtschaftete Pachtland vor den Toren Wittenbergs und den Familienbesitz der Boras, Gut Zülsdorf, das ihr Luther 1540 geschenkt hatte. Einfach war das Leben für Katharina nicht. Die tägliche Arbeit wurde nur durch die Geburten ihrer Kinder unterbrochen, bei denen ihr Gatte mit ihr litt und überaus besorgt um sie war, auch wenn er unwissend noch 1522 verkündet hatte, schwangere Frauen sollten »ihre höchste Kraft und Macht daran stecken, dass das Kind ­genese, ob sie gleich darüber sterben.« Katharina brachte sechs Kinder zur Welt, die Stammmutter der Lutheriden.

Neben ihrer eigenen Familie hatte sie für zahlreiche Verwandte, darunter Kinder von ­Luthers verstorbenen Geschwistern, zu sorgen. Dazu kamen Studenten, Gäste, Durchreisende, Kranke und Waisen, die stets herzlich willkommen waren. Oft mangelte es bei Luthers an Bargeld. An diesem Zustand änderte sich zeitlebens kaum ­etwas, obgleich Luther nicht schlecht verdiente und Käthe hervorragend wirtschaftete.

Aus der anfänglichen Vernunftehe zwischen Luther und seiner Käthe wurde über die Zeit eine innige Liebesbeziehung, wie u. a. Anreden wie »mein Liebchen«, »meine herzliebe Käthe« oder der Gruß »dein Herzliebchen« bekunden. Mit seinem Letzten Willen aber brachte Luther seine Frau in große Schwierigkeiten. In seiner Abneigung gegen Juristen hatte er sein Testament selbst erstellt und ­Katharina zum Vormund ihrer Kinder und zur Alleinverwaltung des Besitzes ­bestimmt. Doch das Testament wurde nicht anerkannt; nach sächsischem Recht wurde der Witwe und ihren Kindern ein Vormund bestimmt. Katharina wäre jedoch nicht Katharina, hätte sie sich gefügt. In zähen Verhandlungen erreichte sie schließlich die Anerkennung des ­Testaments.

Nach Luthers Tod wurde es still um sie. Als 1552 in Wittenberg die Pest ausbrach, floh Katharina nach Torgau, wo sie am 20. Dezember starb. In der Torgauer Stadtkirche, der Grabstätte des kursächsischen Hofes, ist sie begraben.

Als flüchtige und mittellose Nonne reiste sie in Wittenberg ein. Am Ende war sie die Frau mit dem größten Grundbesitz in der Stadt. Sie war die einzige Gelehrtenfrau Wittenbergs, die von Cranach ­gemalt wurde, sie war eine ganz außer­gewöhnliche Frau – und ist doch im ­Gedächtnis der Nachwelt vor allem die »Lutherin«, die Frau an Luthers Seite.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt für europäisches Mittelalter.

Luther, Zwerge und jede Menge Streit

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz.  Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)

Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz. Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)



In Wittenberg regt bis September eine spektakuläre Kunstaktion zur Auseinandersetzung mit dem Reformator an

Martin Luther ist etwa einen Meter groß und ganz aus Plastik. Rund 800 rot, grün oder blau gefärbte Luther-Zwerge des Nürnberger Aktionskünstlers Ottmar Hörl stehen derzeit auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, ganz ordentlich in Reih und Glied. Alle sind sie dem normalerweise auf dem Marktplatz stehenden, im 19. Jahrhundert von ­Johann Gottfried Schadow errichteten Lutherdenkmal nachempfunden, das noch bis zum 12. September restauriert wird.

»Martin Luther hat sich selbst nie auf einen Sockel gestellt«, sagte Hörl bei der Übergabe des Kunstwerks am vergangenen Sonntag. »Luther hat sich immer ganz kleingemacht.« Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Bevollmächtigter in Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, die Initiative zu der Kunstaktion ergriffen hatte, sollen die Lutherfiguren zur Auseinandersetzung mit dem Reformator anregen. »Ist Luther ein Heiliger, gehört er auf einen Sockel oder mitten ins Leben?«, fragte Dorgerloh bei der Eröffnung der Kunstaktion. »Ich glaube, Luther stünde heute mittendrin, und würde versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.«

Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Der ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Wittenberg und frühere DDR-Bürgerrechtler bezeichnete das Kunstwerk als »theologisches und ästhetisches Schindluder«, das mit Luther getrieben werde. »Martin Luther ist doch nicht serienmäßig zu haben«, wetterte der Theologe, der schon Monate vor Beginn der Kunstaktion scharfe Kritik daran äußerte. Mehr noch, es sei ein »geschmackloser Ablasshandel mit Plastefiguren«, wenn die Lutherzwerge nach Ende der Aktion an Interessierte in der ganzen Welt verkauft werden.

Stephan Dorgerloh allerdings hält dagegen: »Von Feuerland bis Lappland entsteht dann ein Netz aus Botschaftern für Wittenberg«, beschreibt der Prälat die Vision. Schon heute fände sich eine Lutherfigur in Thailand, und eine weitere im Arbeitszimmer des finnischen Erzbischofs.

Und der Oberbürgermeister Wittenbergs, Eckhard Naumann (SPD), erinnerte daran, dass Martin Luther eine »universelle Persönlichkeit« gewesen sei. Luther zufolge sei jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. »Deswegen kann auch jeder, der sich eine kleine Lutherfigur kauft, selbst entscheiden, was er damit macht.«

Benjamin Lassiwe

Martin geht’s an den Kragen

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Denkmäler für Luther und Melanchthon werden restauriert

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt.  Foto: Achim Kuhn

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt. Foto: Achim Kuhn

Über die Wittenberger Lutherzwerge ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden, zumeist hinter vorgehaltener Hand. Von öffentlicher Finanzierung, von Differenzen in diversen Leitungsebenen der evangelischen Kirche spricht man da, und kaum hat sich die Lage beruhigt, werden alte Informationen an neue Aktionen gekuppelt und im Kirmeskostüm durchs Städtchen getrieben. Brot und Spiele: Sie hielten das Volk schon im alten Rom bei Laune. Erst zu den Spielen. Zum Brot später.

Ein kalter Apriltag in der Lutherstadt. Es gibt Kaffee aus Plastikbechern und Blasmusik aus Potsdam, Glocken läuten wie bestellt. »Seid ihr traurig? Martinus verlässt uns heute!«, schreit die Stadtwache, das allgegenwärtige Luther-Double Bernhard Naumann konferiert mit Oberbürgermeister Eckhard Naumann, und dann endlich geht es Luther an den Kragen. Am Rumpf und am Hals des tonnenschweren Monuments sind schwere Seile befestigt. Ein Kran hebt es vorsichtig vom Sockel und wiederholt die Prozedur anschließend bei der Melanchthon-Statue.

Für 1,2 Millionen Euro werden beide Denkmäler saniert, stark beschädigt waren vor allem die Baldachine. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr, zunächst für den Reformationstag dieses Jahres versprochen, sei ungewiss, räumt der Oberbürgermeister ein. Nicht so sehr wegen der Restaurierung an sich, sondern weil der Boden unter den ebenfalls abgebauten Sockeln fürs Erste an die Archäologen falle. Trösten dürfen sich die Wittenberger mit dem historisch einmaligen Abschiedsfoto: Bevor er auf die Ladefläche kommt, wird Luther zum Ablichten mit der Lokalprominenz aus Stadt und Kirche aufs Rathausportal herabgelassen. Melanchthon muss gleich auf den Wagen.
Wird also der Markt bis zur – zweifelsohne mit einem Volksfest zu zelebrierenden – Wiederkehr des Kirchenerneuerers aussehen, wie ihn die Bürger letztmalig am Reformationstag 1821 betrachteten? Nicht ganz. Luther geht, die Zwerge kommen: in Schwarz, Rot, Blau und Grün, 500 bis 800 an der Zahl, genau will man es noch nicht wissen. Vier Sommerwochen lang werden sie auf dem Markt stehen und anschließend als Lutherbotschafter – so die offizielle Sprachregelung – in die ganze Welt verkauft.

Wenn sie nicht vorher geklaut werden. Immerhin sind 70 von knapp 130 bisher registrierten Interessenten Wittenberger. Verluste, die der Sicherheitsdienst nicht verhindern könne, seien kalkuliert, erklärt Professor Ottmar Hörl aus Nürnberg, Schöpfer der metergroßen Plastikfiguren – ebenso wie die ganze Aktion ja ohnehin rein privatwirtschaftlich finanziert sei.

Mittlerweile nimmt die Konsequenz, mit der Stadt und Kirche ihre Rechtfertigungsstrategie forcieren, imposante Züge an. Man könnte das auch Sturheit nennen. Der Künstler, der Oberbürgermeister und der Prälat sprechen erneut über Kunst im öffentlichen Raum, die Reformationsdekade und die Geistesimpulse, welche sie in die Welt senden wird, über Glaube und Vernunft, Freiheit und Verantwortung, Staat und Kirche. Wie schön, so viel Einigkeit war selten.

»Ist ja gut, dass die beiden nun endlich repariert werden«, bemerkt am Rande des Spektakels völlig richtig ein Passant. Seine Mitbürger speist der Oberbürgermeister inzwischen mit Mini-Lutherzwergen ab, die er bei einem der besten Bäcker der Stadt bestellen ließ – ein kleiner Vorgeschmack darauf, dass am Ende alles genauso wird, wie es vorher war. Ob groß, klein oder ganz klein: Die Wittenberger haben ihren Luther eben einfach zum Fressen gern.

Ute van der Sanden