Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

Worte gegen die Angst

26. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Advent: Wie die Wochen vor Weihnachten zu einer besinnlichen Zeit werden können, dazu hat der Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün einige Empfehlungen. Mit ihm sprach Willi Wild.

In Ihrem Buch »Achtsam sprechen – kraftvoll schweigen« unterscheiden Sie zwischen dem Sagen, Reden und Sprechen. Worin liegt der Unterschied?
Anselm Grün: Es wird viel geredet und wenig gesprochen. Das wird auch begünstigt durch die kurze Sprache, die wir heute in sozialen Medien per SMS, Twitter oder Facebook verwenden. Dadurch reduziert sich unsere Sprache. Allerdings ist diese Form ja nur virtuell und geschrieben. Schreiben wirkt nie so wie Sprechen. Sprechen kommt immer aus dem Herzen. Und ich spür den ganzen Menschen. In der Stimme wird der ganze Mensch offenbar. Durch das Sprechen kann ein Gespräch, kann ein Miteinander, Gemeinschaft entstehen.

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Als Christen haben wir aber nur das geschriebene Wort. »Am Anfang war das Wort.« Wo ist die Schnittstelle, der Übergang von der heiligen Schrift zur persönlichen Ansprache?
Anselm Grün: Wir haben nicht ganz genau die Sprache Jesu und die der Evangelisten. Aber wir dürfen vertrauen, dass die Evangelisten die Worte Jesu so überliefern, dass sie uns heute ansprechen können. Ich denke, wenn wir die geschriebenen Worte lesen, können wir schon etwas von der Sprache Jesu erahnen. Zum anderen ist es die Verantwortung derer, die die Bibel vorlesen, ob sie das aus dem Herzen tun oder sich nur selber gefallen wollen und sich mit den Worten schmücken. Wenn jemand durchlässig ist für die Worte Jesu, dann dürfen wir vertrauen, dass Jesus uns dadurch berührt.

Kann das auch passieren, wenn ich mir selber die Worte vorlese oder sie wie ein Mantra vor mir herbete?
Anselm Grün: Die frühen Mönche haben festgestellt, dass negative Gefühle durch Worte verstärkt werden. Die Angst wird verstärkt durch solche Worte: Was denken die anderen von mir, das kann ich nicht und ich bin zu schlecht. Und da sollte man dann ein Wort aus der Bibel nennen als Heilungswort, z. B. Psalm 118: »Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Ich kann das Wort auch laut sprechen. Indem ich diesen Trost höre, fällt es leichter, dem Inhalt zu trauen. Ich komme dann durch das Wort in Berührung mit dem Vertrauen. Das Vertrauen wird gestärkt und die Angst hat nicht mehr so viel Macht über mich.

Wie kraftvoll ist das heilende, gesprochene Wort?
Anselm Grün: Bibelworte sind keine Zaubersprüche. Sie sind eher Teil in einem Prozess. Zunächst ist es wichtig, Ängste oder Verletzungen wahrzunehmen. Wenn dann ein Bibelwort in einer Situation gesprochen wird, können die Angst oder der Schmerz verwandelt werden. Wir streben heute nur noch nach Veränderung. Wir wollen alles im Griff haben. Der christliche Weg ist die Verwandlung. Worte können mich verwandeln. Können meine Angst langsam verwandeln, aber sie ist nicht total weg.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das viele Reden oft nur dazu dient, der Stille auszuweichen. Wie halten Sie es selbst mit dem Schweigen?
Anselm Grün: Die ersten drei Stunden am Tag sind Schweigen und Beten. Wenn ich im Kloster bin, versuche ich, abends auch zu schweigen. Auf langen Autofahrten schweige ich meistens oder höre Musik. Nicht nur Berieselung, sondern, um wach zu bleiben. Um aufmerksam Musik zu hören, muss ich auch schweigen können.

Haben Sie eine Empfehlung für Stille und Schweigen im Alltag?
Anselm Grün: Da empfehle ich einfache Rituale. Beispielsweise die Hände auf der Brust zu kreuzen und einfach sich selber anzunehmen mit allen Gegensätzen. Das Kreuz ist ein Bild für das Kreuz Jesu: Jesus umarmt uns am Kreuz. Und weil wir von Christus umarmt sind, umarmen wir uns selber. Das Kreuz ist auch ein Schutz für unseren inneren Raum. So spüre ich: Da unter dem Chaos ist ein innerer Raum der Stille. Am Abend halte ich Gott den Tag hin, ohne ihn zu bewerten. Ich will vertrauen, dass Gott all das, was war, in Segen verwandeln kann. So kann ich still und ruhig werden.

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Der Reformator war ein Luder

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Interview: Wer sich mit dem Reformator beschäftigt, weiß: Martin Luther wurde einst als Martin Luder geboren. Mit 35 Jahren änderte er seinen Namen. Warum, das wollte Willi Wild von dem Namenskundler Professor Jürgen Udolph wissen.

Herr Professor Udolph, was gab es für Gründe, zu Luthers Zeiten den Nachnamen zu ändern?
Udolph:
Am meisten hat man den Namen geändert, um etwas schicker zu klingen. Die normale Namensänderung war die, dass man seinen Namen ins Lateinische oder Griechische übertrug. Das konnten natürlich nur die Leute machen, die auch ein bisschen Ahnung hatten davon. Schulmann Neander, nach dem das Neandertal in Düsseldorf benannt ist, hieß Neumann. Er konnte etwas Griechisch: neos – neu, antros – Mann. Oder Melanchthon. Der hieß eigentlich Schwarzert. Aus schwarz und Erde hat er Melanchthon gemacht.

Bei Luther waren es aber offenbar andere Gründe?
Udolph:
Martin Luther wurde als Martin Luder geboren. Luder ist ein Name, der in Thüringen entstanden ist. Er ist eigentlich niederdeutscher Herkunft. Luther änderte seinen Namen in Wittenberg mit 35 Jahren. Das Volk in Wittenberg sprach niederdeutsch. Als Professor an der Universität gehörte er zur Oberschicht und die sprach hochdeutsch.

Warum hat er Luder zu Luther geändert?
Udolph:
Luder klang zu der Zeit absolut negativ. Ich habe ein früh-neuhochdeutsches Wörterbuch. Luder hat darin folgende Bedeutung: Verlockung, betrügerischer Anschlag, Fallstrick, Hinterhalt, liederliche Lebensführung, der Üppigkeit, dem Wohlleben, schwelgen, schlemmen, verfallenes Lotterleben. Im Luder liegen bedeutet: Sich dem Lotterleben, speziell dem Suff, der Trunkenheit ergeben.

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

Er schreibt Luder bis Herbst 1517. Und dann kommt der wichtige Brief an seinen kirchlichen Vorgesetzten von Brandenburg, in dem er am 31. Oktober seine 95 Thesen an ihn in einem langen Brief erläutert, und auch mit Luther unterschreibt. Die Theologen glauben, dass das der Auslöser für seinen Namen gewesen ist. Er habe sich theologisch neu orientiert.

Welche Bedeutung hat der Name Luder oder Luther?
Udolph:
Er besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steckt das Wort Laut drin, im Sinne von bekannt, berühmt. Und im zweiten steckt Haria drin, das ist das Heer, die Kriegerschar. Das ist ein ganz typischer altgermanischer Vorname, aus zwei Teilen gebildet. Er hat zu tun mit Lothar. Das ist auch eine andere Form. Und Luder ist die niederdeutsche Form wegen des »d«.

Das ist wie bei dem fränkischen Fußballer Lothar »Lodda« Matthäus?
Udolph:
Durchaus. Mundartig Lodda, hochdeutsch Lothar. Das entspricht etwa niederdeutsch Dochter – hochdeutsch Tochter.

Warum Luther dann mit »th«?
Udolph:
Das haben wir ja auch in Matthäus oder Thor. Damit sollten die Wörter einen höheren Stellenwert bekommen. Es galt als schicker.

Was hat es nun mit Eleutherius auf sich?
Udolph:
Eleutherius ist eine theologisch begründete Namensänderung. Griechisch: Eleutherios, das heißt frei. In Eleutherius kommt die Freiheit des Christenmenschen zum Ausdruck. Freigeworden von Gottes Zorn.

In welchem Zusammenhang hat er diesen Namen verwendet?
Udolph:
Nur in einem ganz begrenzten Kreis. In Briefen an etwa sechs bis sieben engere Freunde und Bekannte hat er mit diesem Namen unterschrieben. Diesen Namen hat er nie unter ein offizielles Schriftstück gesetzt. Eleutherius spielte demnach nicht die Rolle, die von der Forschung bisher angenommen wurde.

Buchtipp:
Udolph, Jürgen: Martinus Luder – Eleutherius – Martin Luther. Warum änderte Martin Luther seinen Namen? Universitätsverlag Winter, 150 S., ISBN 978-3-8253-6640-7, 26 Euro

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

Foto: privat

Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission praktisch: Wer Menschen erreichen will, sollte sich die Mühe machen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bewegt, meint der Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Altbischof Axel Noack, im Gespräch mit Willi Wild.

Welche Bedeutung hat Mission bei uns heute?
Noack:
Ich denke, das Verständnis dafür zumindest in der Kirche wächst. Früher war klar: Christliche Eltern erzeugen christliche Kinder und die Kirche setzt sich automatisch fort. Das ist nicht mehr so. Erstens erzeugen christliche Eltern ohnehin weniger Kinder. Und dann werden das auch nicht unbedingt Christen. Tatsache ist, wir werden weniger.

Das heißt, man muss sich etwas Neues einfallen lassen? Was halten Sie von der Mission unter Flüchtlingen?
Noack:
Die Frage nach der Mission in anderen Religionen, bei Juden oder Muslimen, sollten wir sehr behutsam angehen. Wir müssen von unserem Glauben überzeugt sein, aber wir dürfen den der anderen nicht kränken. Ich sage gern: Schaut euch erst mal um nach den vielen Heiden im Land. Da habt ihr genug zu tun.

Die Zahl derer, die keiner Religion angehören, wird aber deutlich abnehmen. Ganz schnell wird das gehen, durch die vielen Zuwanderer. Und die haben auch noch viele Kinder. Da spielen der Glaube und die Religion eine große Rolle. Wir müssen uns deshalb aber nicht verstecken. Die Kirchen müssen von ihrem Glauben Zeugnis geben und Rechenschaft ablegen über die Hoffnung, die in ihnen ist. Allerdings gibt es missionarisch engagierte Gruppen im Lande, die ein schwieriges Verhältnis zum achten Gebot in Luthers Auslegung haben, wenn es darum geht, andere nicht zu kränken oder den Ruf nicht zu schädigen. Wir müssen den Glauben anderer hoch achten, wenn wir auch geachtet werden wollen. Mission unter Muslimen hat für mich nicht oberste Priorität. Wir haben genug anderes zu tun.

Wie sollte Mission heutzutage aussehen?
Noack:
Es ist nicht mehr wie früher, dass man einfach ein Traktat verteilt oder evangelistische Kongresse abhält. Das funktioniert heute fast nicht mehr. Mission sollte so verstanden werden, wie es Fulbert Steffensky ausdrückt: »Wir sollten vom Äußeren zum Inneren kommen.« Über die Musik kann man viele Menschen erreichen, über die Kirchengebäude oder über eine Beteiligung am Kirchbau. Dabei ist es möglich, auch vom Glauben zu reden. Aber es sollte vom Äußeren zum Inneren gehen.

Wir scheuen uns immer noch vor nichtkirchlichen Gruppen. Ich meine Vereine, Interessen- oder Berufsgruppen, wie Jäger, Handwerker oder Motorradfahrer. Da gibt es viele Gelegenheiten, den Glauben zu bezeugen. Ich mache als Pfarrer öfter mit bei Freisprechungen von Gesellen oder Meisterfeiern. Wenn wir als Kirche angefragt werden, dürfen wir uns davor nicht drücken. Wir sollten auch offen sein für Segensfeiern an den Schulen. Die Kritiker meinen, wir seien als Kirche dann nur noch die Blumenkübel, die anderen das Fest schön machen. Ich sehe das anders. Denn ich glaube, mit dem Evangelium werden wir die Menschen nur wirklich erreichen, wenn wir uns Mühe geben darüber nachzudenken, was die Menschen wirklich bewegt. Und die Jäger sind eben bei ihrer Jägerei betroffen, und die Motorradfahrer beim Motorradfahren, und die Handwerker in ihrem Beruf. Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte. Das ist viel besser, als bei der Sündigkeit des Menschen anzusetzen oder bei nicht gelingendem Leben, wie das früher oft der Fall war.

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Derzeit machen sich vor allem Gruppen außerhalb der Kirche lautstark Gedanken über den Fortbestand des christlichen Abendlandes. Ist das ihrer Meinung nach auch ein Ansatz für Mission?
Noack:
In der Tat ist es so, dass Ängste dann entstehen, wenn man unsicher ist. Oft sind die Leute, die diese Sorge um das christliche Abendland äußern, gar keine Christen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Kirche, Menschen in der eigenen Tradition sicherer zu machen. Vorausgesetzt, wir erreichen die Menschen. Ich habe schon ein paar Mal versucht zu diskutieren. Da wurde es dann ziemlich schnell laut. Und das ist nicht mein Stil. Die Pegida-Demonstrationen sind für mich fürchterlich, aber die Gegner sind auch nicht viel besser. Die pfeifen oder skandieren in Sprechchören: »Schnauze halten, Schnauze halten!« Das bringt’s auch nicht. Wir müssen eine Kultur hinkriegen, die friedfertig ist und auch auf verbale Gewalt verzichtet. Das klingt jetzt komisch, aber es geht tatsächlich um das christliche Abendland. Das ist es, was uns ausmacht. Wir sollten deutlich sagen, dass unsere Kultur ganz stark vom Christentum geprägt ist. Das ist vor allem für Juristen ein Problem. Tierschutz oder Eherecht – alles christlich geprägt. Das kollidiert dann mitunter mit den Prinzipien eines weltanschaulich neutralen Staates oder Vorstellungen anderer Religionen. Aber das müssen und werden die Rechtsgelehrten lösen.

Welche Rolle spielt Mission im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum?
Noack:
Das ist eine große Chance. Dadurch werden viele Menschen mit unterschiedlichen Themenfeldern erreicht. Die Tourismus-Wirtschaft hat sogar einen neuen Begriff geprägt: spiritueller Tourismus. Das ist toll. In Halle fährt eine Straßenbahn mit einem großen Werbeschriftzug. Darauf steht zu lesen: »August Hermann Francke bringt Luther in Bewegung! Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln!« Das zieht sich über die ganze Straßenbahn hin. Das hätte es ohne das Reformationsjubiläum nicht gegeben. Natürlich gibt es auch Kritik. Die Kulturschaffenden oder die Touristiker sagen: Ihr Protestanten beschäftigt euch immer nur mit den Problemen und Schattenseiten, wie etwa mit dem Thema »Luther und die Juden«. Könnt ihr euch nicht mal richtig freuen? Doch, wir können und wir wollen uns freuen, aber wir müssen auch die Probleme benennen. Deswegen gab es di e zehn Themenjahre. Natürlich wäre es schön, wenn wir unverkrampft und fröhlich an die Sache herangehen könnten. Aber so sind wir.

Wie sieht Ihre persönliche Mission aus?
Noack:
Ich bin an der Uni. Ich habe mit vielen Studenten zu tun, die wenig oder nichts von Kirche wissen. Ich spreche mit vielen Studenten und habe auch schon einige getauft. In Mötzlich, das ist das Dorf, in dem wir leben, bin ich kein Missionar. Aber die Menschen wissen, ich bin Pfarrer, und wenn sie mich brauchen, bin ich da. Ein Pfarrer, der sich nicht versteckt, ist per se missionarisch.

Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Alle Wege führen nach Rom – doch wo ist der Lutherplatz?

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Er fand Rom widerlich. Luther hatte bei seinem Rombesuch an vieles gedacht, sicher nicht, dass nach ihm in der Ewigen Stadt einmal ein Platz benannt werden würde. Vermutlich hätte er sich das verbeten. Rom war für ihn »eine Bestie«. Jetzt ist es doch geschehen, im Herbst des vergangenen Jahres, 507 Jahre nach der Rom-Reise des Reformators! Die Anregung kam von der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der Stadtrat hat »Ja« gesagt. Für den Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom, Jens-Martin Kruse, »ein Ausdruck gelebter Ökumene«. Er hätte sich auch eine Treppe an der Augustinerkirche Santa Maria dell’popolo, wo Luther möglicherweise übernachtet hat, vorstellen können. Aber so sei es auch gut.

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Ich mache mich also auf die Suche. Kruse gibt mir noch den Tipp, Richtung Kolosseum, am Colle Oppio (dt. Opium-Hügel). Der Taxifahrer schaut mich ratlos an. Nach mehrmaliger Wiederholung schreibe ich ihm die Adresse auf: Piazza Martin Lutero. Auf der Straßenkarte ist der Ort nicht verzeichnet. Plötzlich hat er etwas gefunden, allerdings handelt es sich um eine Piazza Martin Lutero in Gubbio, oberhalb von Perugia. Rom: Fehlanzeige. Der freundliche Taxifahrer steigt aus und fragt seine ortskundigen Kollegen am Fuße des Petersplatzes. Achselzucken und Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz bitte ich ihn, mich Richtung Kolosseum zu fahren. Er lässt mich raus, an der Via Luigi Cremona, in Sichtweite des Kolosseums. Zu meiner Freude treffe ich gleich zwei hilfsbereite Polizisten, die gerade dabei sind, die Ausweise einer kleinen Menschenansammlung am Opium-Hügel zu kontrollieren. Piazza Martin Lutero geben sie in ihr Dienst-Smartphone ein und deuten auf die Spitze des Colle Oppio.

Ich bedanke mich und laufe schnellen Schrittes nach oben, denn es dämmert bereits. Die Kamera im Anschlag, um den Moment festzuhalten. Vorbei an der Via deli Orte di Mecenate, über die Via Carlo Saviotti. An einem Spielplatz erklären mir zwei junge Frauen gestenreich, dass der Platz nicht hier, sondern außerhalb des Parks am Osteingang zu finden sei. Wer Martin Luther war, wussten sie nicht. Sie nicken aber anerkennend, als ich ihnen erkläre, dass sich heute eine weltweite Kirche nach ihm benennt. Die Sonne geht unter und im Laternenschein erreiche ich den besagten Eingang. Von Luther keine Spur. Drei »mittelalterliche« Römer mit einem ausgewachsenen Golden Retriever kreuzen meinen Weg. Ja, Martin Lutero ist ihnen ein Begriff, aber von dem Platz im Colle-Oppio-Park haben sie noch nichts gehört. Ich wünschte mir, der Hund könnte eine Fährte aufnehmen. Ich bin kurz davor aufzugeben. Auf der Viale della Domus Aurea springen mich zwei Straßenköter an. Ich nehme die Beine in die Hand. Als sie von mir ablassen, bleibe ich stehen. Mein Blick geht nach oben. Ich traue meinen Augen kaum. Da stehe ich und kann nicht anders, ich bin ergriffen: »Piazza Martin Lutero« steht auf dem Schild und darunter »Teologo Tedesco della Riforma (1483–1546)«.

Etwa sieben Kilometer vom Petersdom entfernt versteckt sich der kleine Platz des großen Reformators. Außer dem Schild erinnert nichts an Martin Lutero. In der Mitte ein Springbrunnen: Ein Plätzchen zum Ausruhen und Luftholen in der hektischen Metropole. Vielleicht hätte dieser Ort mit Volksnähe dem Signor Lutero doch gefallen.

Willi Wild

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.