Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Einzigartiges Freilichtmuseum

12. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstadt Wittenberg – langjährige Wirkungsstätte der Malerfamilie Cranach

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Heute: Lutherstadt Wittenberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Leben und Wirken der Malerfamilie Cranach verbunden wie die Lutherstadt Wittenberg. Die hier 1502 gegründete erste landesfürstliche Universität Deutschlands durch Kurfürst Friedrich III., der Weise, war ein vorausschauender, angesichts der Konkurrenz ringsum (Leipzig, Frankfurt/Oder) auch mutiger Schritt. Dass die »Leucorea« 1517 mit der Reformation zum Ausgangspunkt eines Ereignisses von weltgeschichtlicher Bedeutung werden würde, war freilich nicht vorhersehbar. Friedrich investierte, um die bis dato eher unscheinbare Stadt an der Elbe dem Status einer Residenzstadt gemäß aufzupolieren. Ein Freund Bildender Kunst, erteilte er den Besten dieser Sparte reichlich Aufträge. 1505 berief er den damals in Wien lebenden Lucas Cranach der Ältere zum Kurfürstlichen Hofmaler. Mit Martin Luther, der 1511 für immer nach Wittenberg kam, verband den elf Jahre älteren Lucas Cranach alsbald eine immerwährende enge Freundschaft.

Für Lucas Cranach sollte Wittenberg 45 Jahre lang der Hauptort seines künstlerischen Wirkens werden. Als Hofmaler im Dienst von nacheinander drei Kurfürsten schuf er mit seinem Team ein außerordentlich umfangreiches Werk, das Routinearbeiten ebenso wie Hochleistungen der Bildenden Kunst umfasst. Das damit erworbene Geld legte er äußerst geschickt in Grundstücken und Häusern an. Vom fähigen Geschäftsmann in ihm sprechen weitere Unternehmungen. So erhielt er – obwohl selbst in dem Fach nicht zu Hause – das Apothekenprivileg der Stadt, betrieb eine der erfolgreichsten Weinschenken der Stadt, engagierte sich im Gewerbe der Bierbrauer und betrieb zeitweilig eine Buchdruckerei. Bald engagierte er sich auch in der Kommunalpolitik.

Unterwegs in der Wittenberger Altstadt, bewegt sich der Gast in einem einzigartigen Freilichtmuseum. Auf der »Kulturmeile« Collegienstraße, aber auch wenige Schritte abseits von dieser, begegnen dem Besucher auf Schritt und Tritt steinerne Zeugen der Zeit, da die Familien der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, als auch die des Hofmalers Cranach hier lebten und wirkten. An den Bürgermeister und zeitweilig obersten Gerichtsherrn Cranach erinnert das zwischen 1523 und 1535 erbaute Rathaus am Markt.

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

In seiner Werkstatt (Cranach-Hof) erfuhren auch die beiden Söhne Hans und Lucas der Jüngere ihre Ausbildung. Nach dem frühen Tod von Hans Cranach rückte dessen jüngerer Bruder in der Hierarchie der Werkstatt in eine Führungsposition auf. Um alle Aufträge erledigen zu können, zeichnete sich die Werkstatt durch eine bis dahin nicht gekannte Variantenpraxis der Kunstproduktion aus.

Unser Bild von Martin Luther und seiner Zeit verdankt sich vor allem künstlerischer Arbeiten der Cranach-Werkstatt. Luther mit Doktorhut, Luther als »Junker Jörg« auf der Wartburg, Luther auf der Kanzel, Luther beim Abendmahl oder als Familienvater – die Vorstellung von Luther wird hier plastisch wie sonst nicht.

Vermutlich gab es, abgesehen von den Repräsentanten der zentralen Gewalt, von keinem anderen Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert mehr Bildnisse als von Martin Luther.

Heinz Stade

Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Cranach der Jüngere 2015« in Lutherstadt Wittenberg vom 26. Juni bis 1. November. Ausstellungsorte sind die Stadtkirche St. Marien, das Augusteum und das Cranach-Haus.

www.cranach2015.de

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Frau Halina trägt nur Blusen mit langen Ärmeln. Oder sie klebt sich ein Pflaster auf ihren rechten Arm. Sie will fünf dort eintätowierte Ziffern unsichtbar machen: 77 252. Niemand solle wissen, dass sie ein »Auschwitz-Kind« sei, sagt Frau Halina und bittet darum, ihren Namen nicht zu erwähnen.

Als Frau Halina nach Auschwitz kam, war sie zwei Jahre alt. Die Rote Armee rückte nach Westen vor, und so mussten die Deutschen im Frühjahr 1944 das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin räumen: Tausende Häftlinge wurden in Viehwaggons ins 400 Kilometer südöstlich gelegene Auschwitz geschickt, unter ihnen Frau Halina mit drei Geschwistern und ihrer Mutter.

An die neun Monate und zwölf Tage in Auschwitz hat Frau Halina keine Erinnerung. Auch nicht an den 27. Januar 1945, als sie mit wenigen Hundert anderen Kindern von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Über 200 000 Kinder und Jugendliche hatten die deutschen Nationalsozialisten nach Auschwitz verschleppt – an jenen Ort, der heute als Symbol steht für den millionenfachen Mord an Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen und all den anderen Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur »Volksgemeinschaft« gehörten.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Die erste Erinnerung, die sie habe, sei ein warmes und helles Zimmer, sagt Frau Halina. In einem Sanatorium für Kinder. Weil dort niemand wusste, wie sie hieß und woher sie kam, wurde sie getauft und mit einem polnischen Namen versehen. Später wurde sie von einem Ehepaar aus Krakau adoptiert.

Jahre vergingen, als plötzlich im Radio ihre Nummer verlesen wurde: Eine Mutter suche ihre Kinder. Alles wurde nun anders. Frau Halina hebt ein Schwarz-Weiß-Foto in die Höhe, es zeigt fröhliche und lachende Menschen – ihre Mutter, ihren Bruder, viele andere, aufgenommen in einem Dorf in Weißrussland. »Ich bin natürlich sobald wie möglich dorthin gefahren«, sagt sie, schweigt und fügt hinzu: »Und stand plötzlich zwischen zwei Müttern.« Entschieden hat sie sich für ihre Adoptivmutter. Sie kehrte nach Krakau zurück.

1969 Jahre zog Frau Halina nach Österreich, heiratete, bekam Kinder – und stieß auf Ignoranz und Hass der Täter und ihrer Nachfahren. Als sie sich in Wien als Auschwitz-Häftling registrieren lassen wollte, bekam sie von einem Beamten zu hören: »Sie waren doch eh nur ein Kind.« Ein anderer verlangte Beweise – eine Nummer könne sich doch jeder selbst eintätowieren. Eine Ärztin schickte sie zu einem Psychiater – es war Heinrich Gross, der trotz seiner Beteiligung an der Kinder-»Euthanasie« Karriere machen konnte. »Ich habe dann alles getan, damit niemand merkt, dass ich ein Opfer von Auschwitz bin.«

Frau Halina ist auch in diesem Jahr wieder zum Jahrestag der Befreiung gekommen. Sie will diejenigen treffen, mit denen sie »die schwerste Zeit verbracht« hat: die anderen Auschwitz-Kinder. Sie nennt sie »meine Geschwister.«

Uwe von Seltmann

Auf Cranachs Spuren

21. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Kronach, die Geburtsstadt von Lucas Cranach dem Älteren

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

An einem Oktobertag des Jahres 1472 kommt in dem damals Crana oder Cranach genannten Ort ein Junge zur Welt. Er ist das Kind von einem ortsansässigen Maler mit Vornamen Hans und dessen Ehefrau Barbara – sechs weitere Brüder und Schwestern werden folgen. Der in Kronach tätige Maler Hans war offenbar selbstbewusst genug, seinem Sohn per Vornamen die berufliche Zukunft vorzugeben, galt Apostel Lukas doch in dieser Zeit schon als Patron der Maler.

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Vom Weg des Kindes und Jugendlichen Lucas berichten die Quellen kaum etwas. Verbindlich ist wohl, dass er in der Werkstatt des Vaters eine Ausbildung zum Maler erhielt. Alsbald hatte sich der Junge statt nach dem damals üblicherweise vom Beruf her abgeleiteten Nachnamen Maler, den seiner Geburtsstadt gegeben. Kronach war eine fürstbischöfliche Stadt und Festung, die wichtigsten Auftraggeber für einen Maler jener Zeit dürften daher vor allem die Landesherren, die Bamberger Bischöfe gewesen sein. So ist es gut möglich, dass manches bis jetzt noch anonyme Altarbild oder Gemälde in dieser Region auch ein echter Cranach ist.
Künstlerisch wahrnehmbar wird der Maler Lucas aus Cranach, den wir heute als Lucas Cranach der Ältere kennen, erstmals 1502 in Wien. Im dortigen Milieu von Humanisten, Gelehrten und Künstlern fasst er offenbar rasch Fuß. Drei Jahre später beruft ihn Kursachsen als Hofmaler nach Wittenberg. Gemessen jedoch an den Zeitgenossen Dürer, Michelangelo oder Raffael, kann Cranach zu dieser Zeit nur ein schmales künstlerisches Oeuvre vorweisen.

Ein Besuch in der von der Festung Rosenberg überragten Drei-Flüsse-Stadt Kronach heute ist beeindruckend und lohnenswert – auch wenn die Suche nach unmittelbaren Spuren der Malerfamilie im Altstadtkern wenig Vorzeigbares ergibt. Lange Zeit nahm man an, dass Lucas Cranach in dem als Gasthaus »Zum scharfen Eck« firmierenden Gebäude zur Welt gekommen sei. Inzwischen weiß man es genauer, kann jedoch nicht das tatsächliche Geburtshaus zeigen. Es stand am Marktplatz und musste im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einem neuen Rathaus weichen. Die Fassadenmalerei an einem Haus am Martinsplatz aber lässt die historische Situation lebendig werden. In der Fränkischen Galerie ist ein großer Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen von Lucas Cranach zu betrachten, faszinierende Gemälde wie »Christus und die Ehebrecherin«, »Lot und seine Töchter«, »Schmerzensmann« sowie »Venus und Amor als Honigdieb«.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst – Ein neuer Weg durch die Sammlung in der Fränkischen Galerie« auf der Festung Rosenberg in Kronach ist vom 1. März bis 31. Oktober zu sehen.

Hauptsache es gibt eine »schöne Leich«

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das »Wiener Blut« und der Tod – Kurioses und Nachdenkliches im Bestattungsmuseum der Donaustadt

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt.	Foto: Ulrich Traub

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt. Foto: Ulrich Traub


»Bei uns liegen Sie richtig!« So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener ­Bestattungsmuseum, das in seiner Art durchaus ­einzig­artig ist.

Das jährliche Probeliegen in ­einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. 1967 wurde das Museum als weltweit erstes seiner Art gegründet. Und es ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung und ihrer ­Vermittlung verschrieben hat.

Rund Tausend Exponate zeigt das Museum – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen, von denen das wie ein Fußball geformte Modell ins Auge fällt. »Sie wurde zur Europa-Meisterschaft 2008 auf den Markt gebracht«, erklärt der Museumschef.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der »schönen Leich«, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. »Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei«, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist. Zeitungsannoncen belegen, dass Fensterplätze zu Höchstpreisen vermietet wurden: ein todsicheres Geschäft. Der Trauerzug wurde als gesellschaftliches Ereignis angesehen. Für weniger Betuchte gab es Fachgeschäfte, in denen man seine Trauerkleidung, in der man schließlich nicht zweimal gesehen werden wollte, leihen konnte.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod ­all­gegenwärtig gewesen. »Aufwendige Feierlichkeiten waren eine Spezialität der Habsburger.« Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die »schöne Leich« dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Häufig wurde ein ganzes Leben für diese letzte Etappe gespart. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: »Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.«

Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die »Pompfüneberer«. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. »Heute spricht man von Ritualbestattern«, so der Wissenschaftler. »Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.« Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. »Das ist in anderen Kulturen nicht so«, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste sein Dekret zurücknehmen.

Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. »Die Scheintod-Hysterie grassierte seinerzeit«, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Da ging selbst der stärkste Scheintod k. o.

Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt wurden. Der Museumschef klärt auf: »Da hier niemand gewackelt hat, bereiteten die langen Belichtungszeiten auch kein Problem mehr.«

Sogar die Kleinsten wurden mit der »schönen Leich« vertraut gemacht – zum Beispiel mit einem Ausschneidebogen zum Bemalen, der einen stattlichen Trauerzug zeigt. Auch Wittigo Keller ist mit einem von ihm entworfenen Sitzsarg, der eine Gemäldevorlage des Surrealisten René Magritte aufgreift, im Museum vertreten. Bestattet wurde noch niemand darin – selbst in Wien nicht.

www.bestattungsmuseum.at

Ulrich Traub

Ein Ilmenauer in Wien

10. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

 
Ausstellung widmet sich dem bildnerischen Schaffen von Horst Aschermann.
 
Das Unglück kam an einem heißen Sommertag 1965. In der prallen Sonne mühte sich der 33-jährige Bildhauer Horst Aschermann am harten Stein eines drei Meter hohen Marmorkreuzes. Die Pestsäule sollte ein Mahnmal setzen in Purkersdorf, jenem kleinen Ort im Wienerwald, in dem der Schwarze Tod im Jahr 1713 die Hälfte der Bewohner dahinraffte. Dort, so idyllisch in der Natur und doch so nahe der Metropole Wien gelegen, hatte Aschermann nach seiner Flucht aus Thüringen seine neue ­Heimat gefunden.

Anfang der 1950er Jahre hatte er seiner Geburtsstadt Ilmenau den Rücken gekehrt, um in Mainz und später in Wien jene »Freiheit des Geistes« zu finden, die er so vermisst hatte in der DDR. Auf die Ausbildung als Kerammodelleur in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur Müetzler & Ortloff folgten fünf Jahre Arbeit in seinem Lehrberuf in Mainz. Schließlich, 1957, begann er ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er bereits 1964, zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, einen Lehrauftrag für Bildhauerei annahm. Und dann die Plackerei an dem Mahnmal aus Marmor. Der 1932 geborene Künstler hatte sich bei der Bearbeitung des harten Gesteins in der prallen Sonne so überanstrengt, dass er schwer erkrankte.

Aus dem Ringen mit der Form wurde nun auch ein Ringen mit der Krankheit, einer seltenen Form von Parkinson, die ihn zwang, statt mit der rechten mit der linken Hand zu ­arbeiten.Der Steinbildhauer wandte sich dem Metallrelief zu, häufig in Verbindung mit religiösen Themen wie dem Kreuzgang und der Genesis. Aschermanns Reliefe gleichen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Sie komponieren Menschen, Säulen oder Kuppelformen zu rhythmischen Ordnungen in Metall, zeigen enge Besiedlungen, Tempel, üppige Pflanzenwelt. Die Widrigkeiten der Herstellung entblößen die Werke derweil nicht.

Die Kunst des gebürtigen Ilmenauers ist zum Beispiel an den Türen der Wirtschaftsuniversität Wien, an Hausfassaden, auf freien Plätzen und in Kirchen zu sehen. Vier Reliefserien, entstanden zwischen 1969 und 1986, widmen sich dem Kreuzweg. Sie zeigen die zusammengeschnürten Hän­de, das Haupt mit der Dornenkrone oder die Abnahme vom Kreuz. Details wechseln mit der Darstellung kleiner Szenen. Ein Gotteshaus, die evangelische »Kirche am Wege« in Hetzendorf, einem Wiener Gemeindebezirk, birgt eines der Hauptwerke Aschermanns, eine achtteilige Genesis aus großformatigen Aluminiumreliefen aus dem Jahr 1972. Die Reihe beginnt mit »Das Prinzip« – einer wüsten und leeren Erde, die doch Fruchtbarkeit in sich trägt. Es folgen Pflanzen, die Tiere zu Land, zu Wasser und in der Luft, schließlich das nackte erste Menschenpaar und der Turmbau zu Babel. Die letzten beiden Reliefs mit den ­Namen »Ecce homo« und »Ecce mundus« zeigen Kreuzigung und Apokalypse. Das gleiche Thema, jedoch nun farbenfroh und abstrahiert, gestaltet Aschermann 1980 noch einmal mit Glasfenstern in der St. Jakobskirche in Purkersdorf.

Marmor, Bronze, Glas, Aluminium, Kohle, Gips, Beton, Tusche, Holz, ­Eisen, Buntstift, Acryl-, Öl- und Aquarellfarben. Gegossen, behauen, gezeichnet, gemalt. Collagen, Materialbilder, Skulpturen, Reliefs, Gemälde. – Facettenreich präsentiert sich Aschermanns Werk in der Retrospektive im Goethe-Stadtmuseum und der Jakobuskirche Ilmenau. Sie erinnert an ­einen Künstler, der die eigenwillige Fügung seines Lebens annahm. Der
in die Fremde ging, um geistige Freiheit zu finden, dabei aber seine körperliche Freiheit einbüßte. 2005 starb Horst Aschermann im Alter von 72 Jahren.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Horst Aschermann. Ein ­Ilmenauer in Wien« ist bis 6. November im Goethe-Stadtmuseum Ilmenau (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr) sowie bis 9. Oktober in der Jakobuskirche Ilmenau (geöffnet zu den Zeiten der »Offenen Kirche« und sonntags vor und nach den Gottesdienstzeiten) zu sehen.