Der Traum vom Paradies

6. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Weltgebetstag 2018 haben Frauen aus Surinam vorbereitet. In der Hauptstadt, Paramaribo, liegen die Moschee und die Synagoge direkt nebeneinander. Ein Symbol für das friedliche Miteinander, auf das viele Surinamer stolz sind.

Der Taxifahrer ist hindustanisch, im Supermarkt steht eine Chinesin an der Kasse, in der Warung – einem Imbiss – wird javanisches Essen angeboten, an der Straße verkauft eine Indianerin Cassavafladen, die kreolische Lehrerin unterrichtet Holländisch und unter den breit ausladenden Ästen eines großen Baumes spielen Marronkinder – Marrons sind die Nachfahren entlaufender Sklaven – zwischen den bescheidenen Häusern. Am Sonntag im Gottesdienst kommen meist drei oder mehr verschiedene Sprachen vor.

Verschiedene Völker, verschiedene Gebräuche, verschiedene Sprachen treffen sich in Surinam im Sranan, der von allen gesprochenen Sprache des Alltags. Das Niederländische ist nach wie vor die Amtssprache. Das Leben in Surinam zeigt, dass es geht, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen eine multikulturelle Gesellschaft bilden können. Respekt vor dem anderen ist ein hohes Gut. Auf die gelebte Vielfalt im Neben- und Miteinander ist man zu Recht stolz. Wenn Surinamer eine Botschaft formulieren sollten, dann wäre es wohl die Idee einer Gemeinschaft, in der dennoch jeder das Recht hat, seine Besonderheiten zu leben. Einheit in Vielfalt.

In den Werbebroschüren der Reisebüros kann man ungefähr so etwas lesen: Wer die Natur liebt, kann sein Herz an Surinam verlieren. Es ist eines der weltweit grünsten Länder, weite unberührte Wälder, majestätische Flüsse, exotische Flora und Fauna, freundliche Menschen, die noch im Einklang mit der Natur leben.

Und ja, so ist es im Binnenland, weit weg vom Lärm der Städte, wo nachts die Sterne heller glitzern als anderswo, und wo das, was ist, einfach nur deshalb gut und richtig ist, weil es ohne irgendeinen Zweck erfüllen zu müssen einfach eben ist – auch man selbst kann einfach sein, und es ist gut. Man kommt Gott in seiner Schöpfung nah. Das ist ein gutes Gefühl und etwas, wonach viele von uns sich als Menschen und Christen sehnen: im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Und siehe, es war sehr gut.

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt.  Foto: Hilke Maunder

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt. Foto: Hilke Maunder

Eine junge Lehrerin aus einer großen deutschen Stadt kam nach Surinam. Sie wollte »etwas tun«, nicht nur als Tourist das Land besehen. Und es gab etwas zu tun für sie – in der Stadt bei der Erarbeitung von Lehrmaterial für die Grundschule. Aber der Höhepunkt ihrer Reise war doch ein Besuch in einem Indianerdorf, ganz weit weg, an der Grenze zu Brasilien, wo man nur schwer oder gar nicht hinkommt. Sie ist mit einem kleinen Flugzeug dahin geflogen, dahin, wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als sei sie auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. Ihre surinamischen Gastgeber waren noch nie so weit im Hinterland.

Sei es diese junge Frau, sei es der Tourist, der eine Woche in einer »Urwaldlodge« bucht, sei es der Mitarbeiter einer Nicht-Regierungsorganisation, sei es der ausländische Mitarbeiter einer Firma – sie alle zieht es ins Binnenland, dahin wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als seien sie alle auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. An den Autos der Menschen in Paramaribo sieht man selten oder nie den typischen roten Staub von einer Fahrt über die Lateritpisten des Binnenlandes, weil sie da so gut wie nie hinfahren.

In einer Zeit endloser kriegerischer Auseinandersetzungen in aller Welt und der Überflutung mit Anleitungen zum Glück ist solches Sehnen nach einem heilen Paradies nur allzu verständlich. Und vielleicht ist es auch gerade dies Lebensgefühl, aus dem heraus Surinam das Thema »Schöpfung« für den Weltgebetstag zugewiesen bekommen hat.

Einheit in Vielfalt zu leben, im Einklang mit der Schöpfung, wo keiner zu kurz kommt, und ein jeder seine Würde hat, so wie Gott ihn gedacht hat, das könnte ein gemeinsamer surinamisch-deutscher Traum werden.

Dorothea Rohde

Dorothea Rohde wohnt mit ihrer Familie seit anderthalb Jahren in Surinam. Sie ist Pfarrerin der Brüdergemeine Immanuel in Paramaribo und Mitarbeiterin am Theologischen Seminar.

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Frauen, Töchter und Mütter

5. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Generationen im Gespräch: Am 2. März ist Weltgebetstag der Frauen, am 8. März Internationaler Frauentag. Wie wachsen Mädchen heute auf? Wie prägen Mütter ihre Töchter? Hanna (66), Anna (45) und Paula Manser (16) stellten sich diesen Fragen.

Frau Manser, Sie sind Jahrgang 1952. Mit welchem Frauenbild sind Sie aufgewachsen?
Hanna:
Wir waren vier Mädchen. Meine Mutter, Jahrgang 1913, hat sich sehr für Literatur interessiert und war gern Lehrerin. Ihren Beruf hat sie bei der Geburt meiner ältesten Schwester aufgegeben und dann nie wieder beruflich gearbeitet. Manchmal flüsterte sie mir ins Ohr: »Denk dran: immer schön lieb, leise und lächeln!« Obwohl sie sich selbst nicht so angepasst benommen hat.

Sie gewährte mir viele Freiheiten: Ich durfte mit 17 Jahren nach Ungarn trampen. Ihre nonverbale Botschaft war: »Macht was aus eurem Leben.« Unsere Mutter war innerlich rebellischer, als sie das gelebt hat.

Ihr Vater war Pfarrer, war Ihre Mutter eine klassische Pfarrfrau?
Hanna:
Nicht in dem Sinne, dass der Satz fiel: »Ich halte meinem Mann den Rücken frei.« Ich erinnere mich an Streitgespräche. Meine Mutter wollte es nicht, dass sie beim Abendmahl knien sollte. Außerdem quälte es sie, dass unser Religionslehrer den Nationalsozialismus durch seine Kindheit so verinnerlicht hatte. Sie fand, wir sollten zu diesem Mann lieber nicht zur Christenlehre gehen. Das konnte sich mein Vater als Pfarrer natürlich nicht leisten.

Sie hat uns zu nichts genötigt. Die Stärkung und den Freiheitsdrang durch den Glauben, das habe ich von meiner Mutter.

Anna, Sie sind Jahrgang 1973. Mit welchem Frauenbild sind Sie groß geworden?
Anna:
Meine Mutter hat das Thema viel kämpferischer behandelt als wir. Aber aus ihrer Sicht und ihrer Historie verstehe ich das – ihr Vater war schon patriarchalisch.

Die Gleichberechtigung, Mutsch, war dir so wichtig, die hast du manchmal auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen. Und ich habe es eher als was Selbstverständliches übernommen, als etwas Natürliches. Vielleicht hast du uns den Weg etwas ebener gemacht.

Was wollte sie auf Biegen und Brechen durchsetzen?
Anna:
In Beruf und Erziehung wolltet ihr beide einen möglichst gleichwertigen Raum bekommen. Vater hat voll gearbeitet, du halb …
Hanna: Wir haben uns abgewechselt. Ich habe streckenweise voll gearbeitet.
Anna: Ich habe noch im Ohr, wie ihr im Gespräch wart: »Wenn du, dann ich auch.« Das hieß nicht, dass du nichts mit uns Kindern zu tun haben wolltest, aber es sollte nicht auf Kosten deines Berufs gehen. Das hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wie ich wäre ohne diese Wurzeln, du bist wie eine Löwin aufgesprungen für die Rechte der Frauen.

Paula, als Schwester unter zwei Brüdern: Wie ist das Gefüge in Ihrer Familie?
Paula: Meine Mama hat mir schon gerne Kleider angezogen und ich hatte viele Puppen. Das schon. Aber im Spiel mit meinen Brüdern gab es keine Geschlechterunterschiede.
Anna: Eher war es eine Ehre, ein Mädchen zu sein. Erinnerst du dich an deinen Spruch auf dem Anrufbeantworter: »Marc Manser, Anna Manser, Viktor Manser, Heinrich Manser, Paula Mädchen«?

Ist Emanzipation für die junge Generation ein Thema?
Paula:
Eigentlich nicht. Ein Beispiel aus dem Sportunterricht: Die Jungen haben gerade einen Kraftkreis, die Mädchen tanzen. Wir können aber wechseln, kein Problem. Ich spiele Fußball, früher auch in Jungsmannschaften.
Anna: Das höre ich zum ersten Mal mit dem Kraftkreis. Das finde ich stark. Uns sind in der Schule die Unterschiede deutlich gemacht worden. Auch was Kleidung und Spielzeug betrifft, Rosa für Mädchen, Blau für Jungs, und dass man Jungen keine Puppe schenkt.
Hanna: Mein eindrücklichstes Erlebnis ist die unterschiedliche Einschätzung des Leistungsvermögens. Mutter wollte, dass wir studieren. Vater brachte den Satz: »Ach, Krankenschwester reicht doch auch.« Und später im Studium merkte ich, Frauen werden viel mehr als Männer über ihr Äußeres eingeschätzt.
Paula: Unter uns Mädchen gibt es diese Bewertungen nicht, zumindest nicht in meinem Freundeskreis. Aber bei Jungs fragt man sich schon, ob es jetzt an Äußerlichkeiten liegt, dass die eine oder andere beliebter ist …

Anna, Sie arbeiten in einer Führungsposition. Was halten Sie von der Frauenquote?
Anna:
In unserem Team sind viele Frauen. Eine Freundin arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte und sie spricht von starken Auffälligkeiten, die eine Quote vielleicht lösen würde. Bis zur Promotion ist das Verhältnis der Bewerber pari-pari. Bei Habilitationen viele Männer. Frauen fehlt durch das Kinderkriegen z. B. oft die Auslandserfahrung, die wichtige Publikation etc.

Kinder verändern alles. Was verändern sie in einer Partnerschaft?
Anna:
Im Gegensatz zu meinen Eltern sind wir viel lockerer (mit der Aufgabenverteilung) rangegangen. Wir haben eine viel klassischere Rollenverteilung. Es war aber immer klar, dass ich wieder arbeiten gehe. Mein Mann war sehr stolz, als ich die Leitungsfunktion annahm. Wir haben das Abholen der Kinder am Nachmittag aufgeteilt.Manchmal ist mein Mann, nach meinem Empfinden, zu spät zum Kindergarten gefahren. Aber wir konnten uns immer aufeinander verlassen.

Ich war auch mal drei Wochen zur Kur, allein, ohne die Kinder. Das hat mir mein Mann nie vorgehalten.

Du lachst, Paula?
Paula:
Ja, uns kam es wie drei Jahre vor. Unter drei Männern war es nicht einfach. Ich erinnere mich, dass ich einmal vor Wut und Verzweiflung gebrüllt habe: »Papa kennt sich gar nicht mit kleinen Mädchen aus!«

War es in Ihrer Ehe auch klar, dass beide arbeiten, Hanna?
Hanna:
Ja, das war selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten bekam mein Mann einmal eine verlockende Stelle an der Uni Jena angeboten und er fragte, ob es für seine Frau auch eine Stelle gäbe. Da war nichts. Und dann hat er das Angebot abgelehnt. Unsere beiden ältesten Kinder kamen zur Welt, als wir noch studierten. Mit dem Eintritt in die Gemeinde mussten wir aushandeln, wer wann für die Kinder da ist.

Sie haben sich von dem Frauenbild Ihres Vaters emanzipiert, haben studiert, leben in einer gleichberechtigten Partnerschaft, übten einen Beruf aus, der lange Männern vorbehalten war. Dass es auch anders geht, haben Sie als Leitende Pfarrerin bei den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland erfahren, oder?
Hanna:
Ich habe in der Seelsorge oft diesen Fall erlebt: Die Frau ist Katechetin oder Sprechstundenhilfe, der Mann Pfarrer oder Arzt. Solange die Partnerschaft funktioniert, ist das kein Problem. Kommt es zur Trennung, offenbart sich ein Ungleichgewicht: Diese Frauen haben wenig verdient, waren oft nur in Teilzeit angestellt, sie sind im Alter nicht gut versorgt.

Ein Meilenstein in unserer Kirche war das Mentoring-Programm. Dort wurden Frauen begleitet und unterstützt, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen wollten. Diese jungen Frauen haben das unglaublich dankbar angenommen. Frauen wachsen an Frauenbeziehungen.

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Paula, wissen Sie, was Sie einmal beruflich tun möchten?
Paula:
Ich habe einmal in einen Beruf reingeguckt, das war nichts für mich. Ich kann mir bislang auch nicht vorstellen, in einer Führungsposition zu arbeiten. Ich mag es lieber, wenn mir jemand sagt, was zu tun ist, und ich das abarbeiten kann. Ich leite zwar gerade eine Gruppe von jüngeren Konfis. Wir sind vier Kreisleiter und ich bin die, die den Spaß macht.
Anna: Jetzt verkaufst du dich unter Wert. Du leitest den Kreis auch allein, wenn die anderen einmal nicht da sind. Da machst du dir gar nichts draus, du gehst los und machst es. Und das sage ich nicht nur aus Mutterstolz. Als junge Frau konnte ich mir es übrigens auch nicht vorstellen, ein Team zu führen.

Mussten Sie gegen Widerstände kämpfen?
Anna:
Nein, aber von alleine wäre keiner auf mich gekommen. Ich glaube, Männern wird es eher angeboten, sie werden angeworben. Stünden Männer und Frauen alle in einer Reihe, würde kein Unterschied gemacht werden. Aber in der Reihe stehen eben viele Männer und wenige Frauen.

Weil ihnen wegen der Baby-Pausen einige Berufserfahrungen fehlen, weil sie keine Lust auf Gerangel und Spielchen haben.

Hanna: In den Gemeindekirchenräten sitzen übrigens mehr Frauen,
da müssen wir auf eine Männerquote achten. Frauen sammeln meist die Kollekte, Männer übernehmen eher die Lesung.

Was ich rate: Frauen, tut euch zusammen. Nicht in dem kämpferischen Sinn mit gereckter Faust. Sondern: Schaut aufeinander, lernt voneinander, ermutigt euch. Und seid nicht eifersüchtig.

Anna: Neid ist nichts Frauentypisches, auch wenn es bei Frauen Stutenbissigkeit heißt.
Paula: Unter Mädchen gibt es aber nicht diese Machtstreitigkeiten wie bei Jungs. Wer ist der Anführer, wer hat die meisten Muskeln, wer kann was am besten.

Was muss sich für die Frauen heute ändern?
Hanna:
Leider sind die typischen Frauenberufe noch immer weniger anerkannt und schlechter bezahlt. Frauen dürfen sich mehr zutrauen, mehr fordern, beruflich und in der Gemeinde.

An die beiden Älteren: Was geben Sie Ihrer Enkelin und Tochter mit auf ihren Weg?
Anna:
Ich hätte nie das Geschlecht wechseln wollen. Ich empfinde es als ein Glück, eine Frau zu sein.
Paula: In unserer Familie ist das nicht die schlechteste Wahl. (Alle lachen)
Hanna: Schwanger zu sein und Kinder zu gebären, ist ein Wunder. Das Gespür, das ich dadurch bekommen habe, wie verletzlich und kostbar das Leben ist. Dass du das in aller Fülle erfährst, das wünsche ich mir für dich, Paula.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Verfolgte Christen weltweit

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Religionsfreiheit: Die Zahl der verfolgten Christen lässt sich nicht exakt erfassen. So sind die genannten 200 Millionen durchaus umstritten. Fakt ist aber: Christen werden in vielen Ländern ihres Glaubens wegen diskriminiert, verhaftet, manchmal sogar getötet. Der Weltgebetstag rückt diese Tatsache am 12. November ins Blickfeld.

Als das evangelikale Hilfswerk Open Doors im Januar seinen Weltverfolgungsindex veröffentlichte, stellten Kritiker die Verdoppelung der Zahl infrage und bemängelten die Nachprüfbarkeit. Er bezweifele, dass es sich bei den genannten Zahlen immer um eine »konkrete Christenverfolgung« handele, äußerte beispielsweise der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks: Oft gehe es darum, dass Christen in ihrer Religionsausübung beschränkt sind oder keine Religionsfreiheit haben. Eine Definitionssache also? Positiv bewertete Haaks seinerzeit, »dass es Open Doors gelungen ist, auf die Situation von verfolgten Christen hinzuweisen, die in bestimmten Kontexten unter problematischen Bedingungen wirklich existieren«.

Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Im Fokus: die beiden Länder Eritrea und Jemen, die in diesem Jahr ins Zentrum des »Weltgebetstages für verfolgte Christen« rücken. Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Und das ist das erklärte Anliegen des Weltgebetstages, an dem laut Open Doors Christen und Gemeinden aus über 100 Ländern auf allen Kontinenten teilnehmen. In diesem Jahr hat die Hilfsorganisation zwei Länder, die sich am Horn von Afrika, getrennt durch das Rote Meer, quasi gegenüberliegen, ins Zentrum gerückt: Eritrea und den Jemen.

Eritrea

Auf den ersten Blick mag die prekäre Situation für Christen in Eritrea erstaunen. Denn hier machen Christen rund die Hälfte der rund 5,5 Millionen Einwohner aus. Jedoch: Lediglich den Mitgliedern der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften – der eritre­isch-orthodoxen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sowie Anhängern des Islams – ist es gestattet, ihre Religion auszuüben. Alle anderen gelten als illegal.

Seit Eritrea 1993 unabhängig wurde, regiert das autoritäre Regime unter Präsident Isayas Afewerki. Jede Form von nicht-registrierten Organisationen, Widerspruch und Meinungsfreiheit sind verboten. Auch die »legalen Kirchen« werden staatlich kontrolliert, nicht genehme Leiter von der Regierung abgesetzt. Sie rekrutiert Spitzel, um alle christlichen Aktivitäten zu überwachen.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten – sie werden als »Agenten des Westens« betrachtet – Christen aus traditionellen Kirchen oder mit muslimischem oder orthodoxem Hintergrund und Christen aus protestantischen Freikirchen sind laut Open Doors besonders stark von Verfolgung betroffen. Sie treffen sich in Untergrundgemeinden und riskieren, verhaftet und unter schlimmen Bedingungen inhaftiert zu werden. So wurden beispielsweise laut einem Bericht von Amnesty International (AI) Angehörige staatlich verbotener Minderheitenkirchen bei extremer Hitze unter Erstickungsgefahr in Frachtcontainern gefangen gehalten. Inhaftierte, die ihren Glauben praktizierten und deren Religionsgemeinschaft nicht anerkannt ist, haben laut AI weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch dürfen sie Besuch erhalten. Viele seien bereits seit weit über einem Jahrzehnt inhaftiert.

In besonderem Maß von Verfolgung betroffen seien Konvertiten, die die Eritreisch-Orthodoxe Kirche verlassen und sich protestantischen Freikirchen anschließen sowie christliche Konvertiten aus dem Islam, so Open Doors. Abgesehen von der Verfolgung durch den Staat erfährt die erste Gruppe Verfolgung durch die orthodoxe Kirche, die zweite durch ihre Familien und die muslimische Gesellschaft.

Eine weitere »Quelle der Verfolgung« ist laut Open Doors das Fehlen eines zivilen Wehrersatzdienstes für diejenigen, die aus Gewissensgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten wollen. Der Militärdienst – für Frauen und Männer über 18 Jahren obligatorisch, aber de facto werden auch Minderjährige eingezogen – dauert 18 Monate, wird aber häufig auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jemen

Anders stellt sich die grundsätzliche Situation im Jemen dar: Hier bilden Christen eine fast verschwindende Minderheit: 99,1 Prozent der Einwohner sind Muslime, Schätzungen zufolge leben im Jemen nur 3 000 bis 6 000 Christen. Das »Land der Königin von Saba« ist eigentlich landwirtschaftlich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Doch im Jemen herrscht ein verheerender Krieg, der zwischen islamisch-extremistischen Gruppen ausgetragen wird und sich auf verschiedene Stämme ausgebreitet hat. Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) nutzen das Chaos, um ihre Gebiete zu erweitern. Die gesamte Infrastruktur ist inzwischen zerstört. Der Jemen befindet sich in einer dramatischen Notlage, die Hungerkrise dort gilt als eine der schlimmsten weltweit.

Vor diesem Hintergrund mutet erstaunlich an, dass die Zahl der christlichen Untergrundgemeinden im Jemen wächst – wie Linus Pfister in einem Beitrag für das von der Deutschen Evangelischen Allianz herausgegebene Heft zum Weltgebetstag schreibt: »Der jüngste Krieg hat alle ausländischen Christen vertrieben, die Verfolgung der einheimischen Christen verstärkt und erste christliche Märtyrer verursacht. (…) Doch Leiter der jemenitischen Christen sagen: ›Wir Christen wissen, dass leiden für Jesus dazugehört; das haben uns die ausländischen und einheimischen Märtyrer in unserem Land gezeigt. Wir wollen von ihnen lernen und im Glauben stark werden.‹ Als einheimische Christen verbreiten sie Hoffnung, leisten humanitäre Hilfe und sind ein Zeugnis der Liebe Gottes.« Innerhalb der letzten zwei Kriegsjahre habe sich die Untergrundkirche verdreifacht und wachse weiter, so Pfister.

Adrienne Uebbing

www.weltverfolgungsindex.de

www.ead.de/gebet/gebetstag-fuer-verfolgte-christen

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Fürsprecherin der Frauen

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Was ist denn fair?« – unter diesem Motto steht der Weltgebetstag am 3. März. Die Liturgie dazu stammt in diesem Jahr von den Philippinen. Schwester Mary John Mananzan kommt aus Manila und setzt sich für bessere Lebensbedingungen von Frauen ein.

In der Flagge der Philippinen steht die Farbe Rot für Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit und Entschlossenheit. So gesehen ist die 80-jährige Ordensschwester Mary John Mananzan eine echte Filipina. Zeit ihres Lebens setzt sich die Missionsbenediktinerin für Bildung und die Rechte der Frauen ein. Sie arbeitet als Lehrerin, Dekanin, leitete sechs Jahre das St. Scholastica’s College, eine der größten Mädchenschulen in Manila, und prägt die Arbeit von einer Vereinigung von Theologinnen und Theologen der Dritten Welt.

Auf ihre Initiative hin entstand das Institut für Frauenstudien in Manila, deren Direktorin sie ist. Schwester Mary John ist weltweit vernetzt. Befragt nach ihrem stärksten Credo, sagt sie sehr entschieden: »Ich bin eine betende und wirkende Mystikerin, und das ist für mich kein Widerspruch.«

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Frauen auf den Philippinen, wo sich 81 Prozent zur römisch-katholischen Konfession bekennen, lebten in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft; zur Genderpolitik gehöre die Aufklärung der Männer. In bisher 500 Seminaren hat Schwester Mary John mit Männern zur Gleichberechtigung der Geschlechter gearbeitet. Begonnen hat sie mit Professoren, Polizisten, Seminaristen, Priestern.

Es sei nicht die Natur des Mannes, Frauen zu unterdrücken, es sei die Prägung durch die patriarchalische Gesellschaft. »Ich habe ihnen gesagt, über Generationen wird an euer Unterbewusstsein weitergegeben, ihr hättet ein absolutes Recht auf den Leib und Geist der Frauen«, berichtet sie. Nur so sei Vergewaltigung möglich. »Die Männer, die die Kurse besucht haben, waren befreit, sie haben erlebt, auch sie dürfen menschlich sein, zart.«

Mary Johns dunkle Augen schimmern warm, wenn sie erzählt. Ihre Bewegungen sind lebhaft, und wenn sie lacht, dann aus vollem Herzen. Und man nimmt ihr sofort ab, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Kirche anlegt, wenn sie sagt, dass Frauen bessere Priesterinnen als Männer wären, weil sie weniger engstirnig als diese seien.Schwester Mary John nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie über moderne Sklaverei spricht. Auch wenn das Land wirtschaftlich zu den aufstrebenden sogenannten »Next Eleven«-Staaten gehört, arbeiten zehn Millionen Filipinos als Gastarbeiter im Ausland. Die Mehrheit sind Frauen, die mit ihrem Lohn als Krankenschwester, Hausangestellte, Kindermädchen oder im Service ihre Familien in der Heimat unterstützen.

Im Jahre 2009 waren es 17 Milliarden Dollar, die per Überweisung aus dem Ausland in die Präsidialrepublik gingen. »Die Kinder der Frauen, die ins Ausland gehen, bleiben bei den Großeltern zurück, viele Familien zerbrechen, die Schüler, die in unseren Schulen zu psychologischen Beratungen kommen, sind zu 90 Prozent Kinder, deren Eltern im Ausland leben«, sagt Schwester Mary John.

In einer eigenen Fernsehshow hat die Ordensfrau Schicksale von Frauen vorgestellt, die im Ausland misshandelt wurden. »Einer dieser Vorfälle passierte in Riad: Arbeitgeber vergewaltigten ihre philippinischen Angestellten, sie entkamen, flohen auf eine Polizeistation«, berichtet Schwester Mary John. Dort seien sie erneut vergewaltigt und zum Konsulat gebracht worden, wo man ihnen ein Rückflugticket anbot unter der Bedingung, zu Hause als Prostituierte zu arbeiten. »Die Ehemänner haben sie verlassen, die Frauen kümmern sich um ihre Kinder, Arbeit hatten sie nicht«, sagt die 80-Jährige.

Über das katholische Missionswerk Missio wurde beispielsweise ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Frauen mit einem kleinen Kredit einen sogenannten Sari-Sari-Shop eröffneten, einen Kiosk. »Darüber bin ich sehr glücklich«, sagt sie.

Doch die eigentliche Ursache der Migration ist ökonomischer Natur. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in extremer Armut – Wolkenkratzer und Slums in großer Nähe geben ein Bild der Zerrissenheit der Gesellschaft. Frauen gingen ins Ausland, um ihre Familien zu ernähren. »Mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist politisch nicht gewollt, über die Philippine Overseas Employment Administration (POEA) ist die Regierung an der Arbeitsmigration beteiligt«, nennt Schwester Mary John Fakten. Im Ausland würden den Frauen meist die Pässe weggenommen, manche machten Knochenjobs, immer wieder würden Frauen vergewaltigt, das sei moderne Sklaverei.

Präsident Dutertes Drogen-Krieg mit über 7 000 Todesopfern bringt die Philippinen immer wieder in die Schlagzeilen. »Ich bin für Krieg gegen Drogen, aber mit anderen Methoden«, sagt Schwester Mary John. »Die Kirche hat Hilfe und Beratung angeboten, Selbstjustiz durch Polizisten und Privatpersonen sind keine Wahl«, so die engagierte Ordensfrau.

Das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken, dafür sitzen auf den Philippinen Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Frauen aus Slums auf der Schulbank. Feministisch-theologische Studien können mit einem akademischen Abschluss gekrönt werden. »Die Frauenbewegung auf den Philippinen ist stark, in ›Gabriela‹, dem nationalen Frauen-Dachverband, sind alle vernetzt, wir sind weit gekommen, aber wir haben noch einen weiten Weg.«

»Nirgendwo gibt es eine Gesellschaft, die die völlige Gleichberechtigung von Frau und Mann kennt«, zieht Schwester Mary John Mananzan Bilanz. Und berichtet von ihrer Gastprofessur an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main im Jahr 2002. Beim Eröffnungsgottesdienst habe sie die jungen Frauen herausgefordert. »Warum habt ihr kein Interesse am Feminismus, eure Großmütter und Mütter haben dafür gekämpft«, habe sie die Zuhörerinnen gefragt. Die anschließende Diskussion sei »heiß« gewesen.

Brigitte Jähnigen

Info: Schwester Mary John Mananzan trat mit 19 Jahren in den Orden der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing ein, studierte in Münster und Rom Theologie.

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


Paradies mit Schattenseiten

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Beim Weltgebetstag der Frauen am 6. März stehen in diesem Jahr die Bahamas im Blickpunkt

Klares Wasser, Traumstrände, Korallenriffe: Die Bahamas gelten als Urlaubsparadies. Doch auch Vergewaltigungen, Teenager-Schwangerschaften und Aids prägen den Alltag im karibischen Inselstaat.

Sie schwärmt von der wunderschönen Natur, den unzähligen Sonnenstunden und der Herzlichkeit ihrer Landsleute. Dass ihre Heimat, die Bahamas, sechs Millionen Touristen im Jahr anlocken, wundert die quirlige Ordensschwester Annie Thompson deshalb nicht. Obwohl die Bahamaer sich das diesjährige Motto «Begreift ihr meineLiebe?» nicht aussuchen konnten, findet die Benediktinerin es sehr passend: »Gott hat es mit den Menschen aus den Bahamas sehr gut gemeint. Wir sind ein kleines, aber gesegnetes Land. Und oft vergessen wir das.«

Die Bahamas sind das reichste karibische Land. Auf Bildung wird sehr viel Wert gelegt: 95 Prozent aller Inselbewohner können lesen und schreiben.Doch es gibt auch Schattenseiten, von denen das Mitglied des Bahamaischen Weltgebetstagkomitees erzählt: Die Bahamas sind wirtschaftlich extrem abhängig vom Ausland und vom Tourismus. Nicht nur für die schönen Strände, auch für illegale Finanz-Transaktionen und Drogenhandel ist das Land bekannt. Immer mehr Flüchtlinge aus Haiti kommen mit Schleusern übers Meer auf die Bahamas, wo sie oft alles andere als willkommen sind.

Teenager als Mütter: In kaum einem anderen Land der Welt haben junge Mädchen so früh Sex wie auf den Bahamas. Jede vierte Mutter ist jünger als 18 Jahre. Vielfach werden junge Mädchen auch Opfer von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt. Foto: Weltgebetstag/F. Marquardt

Teenager als Mütter: In kaum einem anderen Land der Welt haben junge Mädchen so früh Sex wie auf den Bahamas. Jede vierte Mutter ist jünger als 18 Jahre. Vielfach werden junge Mädchen auch Opfer von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt. Foto: Weltgebetstag/F. Marquardt

Außerdem ist HIV und Aids ein großes Problem, geschätzte drei Prozent der 15- bis 49-Jährigen seien mit dem Virus infiziert. In der Hauptstadt der Bahamas, in Nassau, setzte sich die 73-Jährige Ordenschwester viele Jahre beruflich als Lehrerin und Schulleiterin für benachteiligte Kinder ein. Besonders am Herzen liegen ihr die schwangeren, minderjährigen Mädchen. »Etwa jede vierte Mutter auf den Bahamas ist jünger als 18 Jahre, viele wurden wegen Vergewaltigung, Inzest, oder einer sehr frühen sexuellen Beziehung schwanger.« Die Bahamas weisen eine der höchsten Vergewaltigungsraten weltweit auf, häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung.

In Nassau steht die Benediktinerin einem Konvent von elf Nonnen vor. Thompson schätzt am Weltgebetstag, dass er eine überkonfessionelle Bewegung ist. »Viele Menschen auf den Bahamas sind sehr gläubig, es gibt viele verschiedene Kirchen«, sagt die Ordensschwester. Über 90 Prozent der Bevölkerung auf dem karibischen Inselstaat gehören einer Kirche an, die größten Kirchen sind die protestantische, römisch-katholische und anglikanische.

»Auch ich wuchs in einer ökumenischen Atmosphäre auf«, erinnert sich Schwester Annie mit einem versonnenen Lächeln. »Ich selbst war Methodistin, aber wir wohnten als Familie direkt neben einer Baptistenkirche. Deshalb kenne ich die Hymnen der Baptisten von Kindheit auf und liebe sie bis heute. Als ich neun Jahre alt war, konvertierte mein Vater und damit unsere ganze Familie zum Katholizismus.« Doch egal, welche Konfession: Gospelmusik ist bei der schwarzen Bevölkerung der Bahamas sehr beliebt, sagt
Thompson.

Auf den Bahamas selbst ist der Weltgebetstag hauptsächlich in der Hauptstadt Nassau und Umgebung bekannt, aber die bahamaischen Frauen des Komitees versuchen ihn auch auf den anderen Inseln bekannt zu machen. Doch das ist nicht so einfach und auch nicht billig, wenn man nur mit dem Flugzeug oder einem Schiff zu den anderen Inseln kommt.

Judith Kubitscheck (epd)

www.weltgebetstag.de

Das Stichwort: Bahamas
Die Bahamas bestehen aus rund 700 Inseln, von denen 30 bewohnt sind. Der Inselstaat, zu dem rund 2 400 Korallenriffe gehören, liegt im Atlantik und ist Teil der Westindischen Inseln in der Karibik. Die Hauptinseln sind New Providence und Grand Bahama, in denen rund 250 000 der insgesamt etwa 370 000 Einwohner leben. Etwa ein Drittel der Bevölkerung gehört den Baptisten an, 20 Prozent der Anglikanischen Kirche und 19 Prozent sind Katholiken. Ebenfalls vertreten sind die Methodisten und die Church of God mit etwa sechs Prozent sowie weitere protestantische Kirchen.

Die ehemalige britische Kolonie ist seit 1973 unabhängig als Parlamentarische Monarchie innerhalb des Commonwealth. An der Spitze steht die britische Königin Elizabeth II.

»Wir hoffen auf den Segen für Ägypten«

4. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Weltgebetstag: Frauen aus Ägypten laden die Christen in aller Welt zum Weltgebetstag ein – im Gespräch mit einer der Autorinnen der Liturgie

Die Liturgie des diesjährigen Weltgebetstages am 7. März wurde von Ägypterinnen verfasst und steht unter dem Eindruck der Umbrüche dort. Salwa Seif aus Kairo hat daran mitgearbeitet.

Christen haben in den letzten Jahrzehnten ein dreigeteiltes Leben geführt«, sagt Salwa Seif aus Kairo. Sie ist studierte Pharmazeutin und Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theologischen Hochschule. Bis zur ersten Revolution des Arabischen Frühlings, an deren Ende im Jahr 2011 die Absetzung Präsident Mubaraks stand, habe der Präsident das ganze Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern kontrolliert, so Seif. »Christliche wie muslimische Familien wurden in der gleichen Dunkelheit gehalten, die keinerlei Demokratie und Menschenrechte zuließ«, sagt die 56-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne.

Salwa Seif, Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theolo- gischen Hochschule, gehört zu den ägyptischen Frauen, welche die diesjährige Weltgebetstagsliturgie vorbereiteten. Foto: factum/simon granville

Salwa Seif, Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theolo- gischen Hochschule, gehört zu den ägyptischen Frauen, welche die diesjährige Weltgebetstagsliturgie vorbereiteten. Foto: factum/simon granville

1980 wurde der Islam Staatsreligion. Artikel 18 der ägyptischen Verfassung habe zwar Religionsfreiheit gewährt, aber die christliche Minderheit sei gegenüber den 90 Prozent Muslimen im Land benachteiligt worden. »Christen haben nie eine leitende Stellung in der Politik eingenommen, und wir hofften, dass sich diese Situation nach der Absetzung Mubaraks ändern würde«, sagt Salwa Seif. Ihre ganze Familie habe sich an den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz beteiligt, ihr Sohn sei dafür extra aus Kanada angereist.
Dass die Demonstranten bei ihren Protesten je nach Religionszugehörigkeit Koran und Kreuz in die Höhe hielten, missfiel vor allem den Islamisten. »Und dann kam die Stichwahl am 24. Juni 2012, bei der Muslimbrüder und Salafisten siegten und Mohammed Mursi mit 51,7 Prozent zum Präsidenten gewählt wurde«, berichtet die Ägypterin. Und auch, dass damit eine der schlimmsten Zeitphasen für Christen gekommen sei.

Die Zahl der Muslimbrüder in Ägypten werde auf etwa eine Million geschätzt. »Meine Erfahrung sagt mir, es müssen weit mehr sein«, sagt Seif. Sie seien bewaffnet und »supergut vernetzt«. Üblicherweise sei das nachbarliche Verhältnis zwischen den »Muslimen in der Mitte« und Christen in Ägypten gut. »Mein Mann ist Arzt, in seiner Klinik werden alle Patienten behandelt, die Hälfte unserer Nachbarn im Häuserblock ist muslimisch, es gibt keine Probleme«, sagt die 56-Jährige.

Doch dann hätten Muslimbrüder sofort die politische Leitung in den Provinzen besetzt. Die Reaktion der Christen: »Wir haben ein 24-Stunden-Gebet in der Höhlenkirche von Mokattam organisiert«, erzählt Seif. Es sei das erste ökumenische Treffen aller Christen der Orthodoxie, der Katholiken und der Protestanten gewesen. Alle hätten für ein Wunder gebetet – das Wunder der Absetzung von Mursi. 12 000 Menschen fasst die Höhlenkirche, doch auch vor dem Platz des Gotteshauses hätten Menschen gebetet. Als Mursi tatsächlich am 3. Juli 2013 abgesetzt worden sei, hätten viele – vor allem auch im Ausland – geglaubt, das sei das Ergebnis eines Militärputsches gewesen. »Aber es war der Volkswille«, ist die Christin überzeugt. Und nie werde sie müde, das zu sagen. »Denn wir wissen, wenn die Muslimbrüder einmal an der Macht sind, geben sie ihre Macht nie wieder her«, zeigt sich Salwa Seif überzeugt.

Die Liturgie für den Weltgebetstag wurde im Frühjahr 2011 verfasst und stand unter dem Eindruck der politischen Veränderungen seit der Absetzung Mubaraks und den Forderungen der ägyptischen Bevölkerung nach Freiheit, Brot und Gerechtigkeit. Die politische Lage hat sich seither mehrfach verändert, doch die Liturgie wurde nicht umgeschrieben. Denn die Forderungen und Hoffnungen der Ägypter bleiben aktuell.

»In der Bibel steht, gesegnet sei mein Land Ägypten, und deshalb ist unsere Hoffnung auf diese Segnung gerichtet«, sagt Salwa Seif. Mitte Januar haben die Ägypter nun über eine neue Verfassung abgestimmt. Zwar ist der Islam weiter Staatsreligion, doch sollen die Christen mehr Rechte bekommen und die Religionsfreiheit garantiert sein. Zudem wurde das Parlament verpflichtet, in seiner ersten Legislaturperiode ein Gesetz zum Kirchenbau zu verabschieden. Denn allein während der Unruhen im vergangenen Sommer wurden mehr als 80 Kirchen zerstört.

Brigitte Jähnigen

www.weltgebetstag.de