»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

»Wie ein Kriegsgebiet«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Die Katastrophe von Lærdal – von der Welt kaum beachtet, zerstörten Flammen ein Kleinod

In der Nacht zum 19. Januar zerstörte eine Feuersbrunst weite Teile des kleinen Ortes Lærdal an einem Seitenarm des Sognefjords. Die Ereignisse wecken zugleich Erinnerungen an 1904.

Nicht viel ist von dem schmucken kleinen Städtchen Lærdal übrig geblieben. Norwegens Königin Sonja sagte nach einem Besuch in der Gemeinde, es sähe aus »wie ein Kriegsgebiet«. Dabei war der Ort an den imposanten Fjorden zwischen Ålesund und Bergen ein Idyll aus traditionellen Holzhäusern. Viele davon waren denkmalgeschützt, die Gemeinde bei Touristen entsprechend bekannt und beliebt.

Doch am Morgen des 19. Januar 2014 wurde sichtbar, dass der nächtlichen Feuersbrunst 40 Gebäude völlig zum Opfer gefallen und viele andere abrissreif sind. Fast 100 Menschen wurden mit Rauchgas- und Brandverletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Viele mussten mit ansehen, wie all ihr Hab und Gut und ihre Erinnerungen verbrannten. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind. Und auch die 1868 aus Holz erbaute »Hauge Kirke« hat das Inferno in unmittelbarer Nähe zum Flammenmeer unbeschädigt überstanden.

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Vielen Menschen wird dabei wieder einmal bewusst, wie ohnmächtig sie den Naturgewalten und Unglücksfällen gegenüberstehen: ein kleiner Brand in einem einzelnen Haus, trockene Kälte und dazu ein Wind, der die Funken wie eine Brandfackel von einem Haus zum nächsten trieb. So wurde ein Brand entfacht, den die Feuerwehren nicht mehr kontrollieren konnten und der ihre Stadt in Schutt und Asche legte.

Nun besuchen Königshaus und Regierung den Ort des Geschehens. Dabei werden Erinnerungen wach: Fast genau vor 110 Jahren, am 23. Januar 1904, brannte nur wenige Kilometer weiter nördlich die Stadt Ålesund fast vollständig nieder. Auch damals war es der Wind, der den Brand erst vorantrieb und dann immer und immer wieder entfachte. Die Bürger Ålesunds bekamen damals nach der Katastrophe unerwartet schnelle Hilfe aus Deutschland: Kaiser Wilhelm II., großer Norwegenliebhaber, der oft im nahe gelegenen Hjørundfjord Urlaub machte, hörte von der Katastrophe und handelte spontan.

Vier Schiffe, die Baumaterial in die deutschen Kolonien transportieren sollten, wurden umgehend nach Norwegen umgeleitet. Finanziert aus dem Privatvermögen des Hohenzollern. Schon am 26. Januar, keine drei Tage nach dem Brand, konnten die kombinierten Fracht- und Passagierdampfer »Weimar« und »Prinz Heinrich« in den Fjorden bei Ålesund die Anker fallen lassen. An Bord hatten sie auch medizinische Ausrüstungen sowie dringend benötigte Lebensmittel. Der Wiederaufbau konnte umgehend beginnen, und die Schiffe selbst dienten vorübergehend sogar als winterliche Notquartiere für die Bevölkerung.

Heute ist das Zentrum von Ålesund, in dem alle Häuser nun aus Stein gebaut werden mussten, als eine Perle des damals herrschenden Jugendstils bekannt. Auch wenn der deutsche Kaiser nicht der Einzige war, der half, so hat sein Ruhm in den Fjorden doch seine politische Karriere und die deutschen Kolonien um vieles überdauert. Noch heute steht sein Standbild in Ålesund und eine Hauptstraße trägt seinen Namen, ebenso wie ein Ausflugsdampfer in der Bucht. Sogar eines der Fenster der Hauptkirche zeigt bis zum heutigen Tag das preußische Wappen. Deutsch hat in und um Ålesund nicht nur den Klang der Besatzer des 2. Weltkriegs, sondern eben auch des Retters der Stadt von 1904.

Ein ähnlicher Retter ist 110 Jahre später für Lærdal nicht in Sicht. Heute hat Norwegen das Geld und die Ressourcen, sich selbst und dem Städtchen im Sognefjord zu helfen. Doch es wird Zeit brauchen, bis die Häuser wieder stehen. Und bis vor allem nicht nur die äußeren Wunden verheilt sind. Für viele, die alle Erinnerungstücke verloren haben, ist es umso mehr ein Trost, dass zumindest ihre Kirche noch steht.

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann

Kampf gegen Windmühlen

3. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hilfe konkret: Wie eine Weimarer Familie zwei jungen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien eine neue Perspektive bietet

Die Augen von Riem und Riad ­strahlen: Sie sind der Hölle des ­Bürgerkriegs in Syrien entronnen. Doch der Reise in die Sicherheit ­gingen neun Monate Kampf gegen behördliche Gleichgültigkeit und Unwissenheit voraus.

Die Geschichte reicht zurück bis in die Tage der DDR. An der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen, der heutigen Bauhaus-Universität, studieren seit Mitte der 80er Jahre auch junge Menschen aus Syrien. Darunter nicht wenige Christen, die der syrisch-orthodoxen Kirche angehörten. Die in Weimar lebende Pfarrerin Marie-Elisabeth Lüdde und ihr Mann Horst, ein Apotheker, freunden sich mit einem jungen syrischen Paar an. Maher und May Kara lernten sich beim Sprachkurs in Dresden kennen, heirateten und studieren zusammen Bauingenieurwesen in Weimar. Hier kommen auch die Tochter Riem und der Sohn Riad zur Welt. Nach dem Abschluss ihrer Promotionen geht die junge syrische Familie 1990 zurück in die Heimat. Doch die Freundschaft zwischen den Lüddes und den Karas bleibt bestehen. Man hält Kontakt, die neue Reisefreiheit lässt gegenseitige Besuche zu.

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

Während die Eltern Maher und May inzwischen an der Universität der Stadt Homs im ­Westen Syriens arbeiten, gehen auch die Kinder ihren Weg. Tochter Riem eröffnet eine eigene Zahnarztpraxis, was in Syrien bereits mit einem Bachelorabschluss möglich ist. Sohn Riad beginnt ein Pharmaziestudium. Alles scheint auf bestem Weg, bis der »arabische Frühling« in ­Syrien zum blutigen Bürgerkrieg mutiert.

Von heute auf morgen Flüchtlinge im eigenen Land

In und um Homs toben die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten, Rebellen und Banden ­unterschiedlichster Couleur. Leidtagende sind die Zivilisten und darunter zunehmend vor ­allem die Christen. Schon kurz nach Beginn des Bürgerkrieges 2011 werden bei einem Rebellenüberfall die Zahnarztpraxis von Riem und die Wohnung der Karas zerstört. Die Familie kann kaum mehr als das nackte Leben retten, wird von Stund an zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Von all dem wissen Lüddes zunächst nichts, der Kontakt ist abgerissen. Sorge treibt die Weimarer Freunde um, sie bitten Kontaktpersonen um Nachforschungen. Anfang dieses Jahres kommt die erlösende Mail: Familie Kara ist am Leben! Aber die Zukunft sieht trübe aus, besonders für die Kinder. Für Lüddes steht fest: Wir holen die beiden hierher. Nicht als Flüchtlinge in ein Asylbewerberheim, sondern mit einem ­Visum, das es ihnen ermöglicht, hier weiter zu studieren. Sie sind bereit, die gesamten Kosten für Unterhalt, Versicherungen und Studium von Riem und Riad zu übernehmen. Keine kleine Summe. Doch wer glaubt, damit seien die wichtigsten Voraussetzungen erfüllt, irrt. Die praktische Umsetzung wird zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Wenn selbst Botschaften erst Nachhilfe brauchen

Den Flüchtlings-Hilfsorganisationen fehlt in dieser Frage die Kompetenz. Ausländerbeauftragte bei Stadt und Land geben völlig abwegige Auskünfte über das Prozedere. Die deutsche Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut, zuständig für Visafragen für Syrer, lehnt ein Visum für Riem ab. Mit der Begründung, die junge Frau habe doch bereits ein abgeschlossenes Studium. Ein offizielles Schreiben der Universität Jena muss die Vertreter Deutschlands im Ausland darüber aufklären, dass hierzulande wie in vielen anderen Ländern ein Bachelorabschluss in Medizin nicht für die Praxiszulassung ausreicht.

Dann fordert die Botschaft plötzlich Originaldokumente aus Deutschland an, die innerhalb von drei Tagen in Beirut sein müssen. Die Auskunft der Post: Nach Beirut geht gar nichts, das muss über den Zoll laufen. Der Zoll in Erfurt ­erklärt, Dokumente seien Wirtschaftsgüter, ­deshalb müsse eine Ausfuhrgenehmigung beantragt werden. Bei der Industrie- und Handelskammer die Auskunft, dass dies möglich sei, aber circa sechs Monate Bearbeitungszeit brauche …

Hektischer Mailverkehr nach Syrien, dort findet man den Weg: Mit dem Logistikdienstleister DHL geht die Sendung innerhalb von 48 Stunden unter Angabe der Telefonnummer eines Vertrauten an die Beiruter DHL-Zentrale. Von dort wird der Vertraute angerufen und kann die Dokumente in Empfang nehmen. Auch diese Herausforderung wird gemeistert. Ebenso, wie nach wochenlangem Kampf die Weimarer Ausländerbehörde überzeugt werden kann, ihren unbegründeten Widerstand gegen die Einreise beider Geschwister aufzugeben.

Mitte September sind Riem und Riad endlich in Weimar, können mit dem Sprachstudium an der Bauhaus-Universität beginnen, um sich nach eineinhalb bis zwei Jahren und bestandener Prüfung dann um ein Fachstudium zu bewerben. »Wir sind bei all den Problemen auf viele verständnisvolle und hilfsbereite Menschen in Ämtern, Behörden und Universitäten gestoßen, aber auch auf Unwissen und auf ­unbegreifliche Ignoranz«, resümiert Marie-Elisabeth Lüdde. Es waren harte Monate. Doch jetzt will sie gemeinsam mit ihrem Mann alles daran setzen, auch die Eltern von Riem und Riad nach Deutschland zu holen.

»Gehen Kirchengemeinden auf Ausländer zu?«

Was ihr über den eigenen Fall hinaus dabei unter den Nägeln brennt, ist die Rolle der Kirchengemeinden angesichts der Bürgerkriegs- und anderen Flüchtlingen oder auch der ausländischen Studenten. Durch ihre Kontakte und Freundschaften wissen die Lüddes, wie die Gäste sich oft Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und vor allem auch zu Glaubensgeschwistern wünschen. »Besonders aus Syrien, aber auch aus Korea und China kommen viele Christen. Ich möchte den Studentengemeinden und Kirchengemeinden gern Mut machen, auf diese Menschen zuzugehen«, sagt Lüdde.

»Gerade die syrischen Christen haben einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie wir, sie feiern die gleichen Feste, es gibt keine beson­deren Speisevorschriften zu beachten«, setzt sie hinzu. Einer gegenseitig bereichernden Begegnung stehe also nichts im Wege. »Gehen wir auf diese Menschen zu, laden wir sie ein, schaffen wir wenigstens in unseren Gemeinden eine Willkommenskultur«, so Lüddes Wunsch.

Harald Krille

Im Ernstfall auf sich allein gestellt

11. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der blutige Machtkampf im Nachbarland Syrien wird zum Testfall für die Verlässlichkeit des Westens

Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen in Syrien auch ein Testfall für das Problem eines Irans mit Atomwaffen.

Das offizielle Israel schweigt zu dem blutigen Drama im nordöstlichen Nachbarland, baut seine Grenzanlagen aus und gönnt seinen Nachrichtendiensten keine Atempause. Hin und wieder wird das Schweigen durchbrochen von der als Feststellung verkleideten Drohung in Richtung arabische Nachbarn, die wohl auch als Beruhigung für das eigene Volk gedacht ist: Man sei auf jede Eventualität vorbereitet. Reservisten werden eingezogen und wieder nach Hause geschickt. In aller Stille werden verletzte Syrer in israelischen Krankenhäusern behandelt.

Syriens Präsident Assad wird von der libanesischen Hisbollah, dem Iran und Russland unterstützt. Dieses »schiitische Bündnis« wird von der Freien Syrischen Armee und sunnitischen Gruppierungen bekämpft: Muslimbrüder, Salafisten, Dschihadisten aus aller Welt, »al-Qaida-nahestehende« Kämpfer. Der gemeinsame Feind eint und bringt die Sympathie Saudi-Arabiens, Qatars, der Türkei und Ägyptens, vor allem aber des Westens ein. Ansonsten ist die syrische Opposition heillos zerstritten. Fachkundige Beobachter spekulieren: Wenn Assad fällt, geht der Krieg erst richtig los!

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Israels Medien zeigen lange Schlangen an den Verteilstellen für Gasmasken, berichten von Ärger und Panik. 40 Prozent der Israelis haben keine Gasmasken zur Verfügung. Aber ein Wachmann vor einem großen Einkaufszentrum in der neu erbauten Stadt Modiin winkt lachend ab: »Wir haben den Krieg doch auf die Zeit nach den Festen verschoben!« Im Norden Israels sind Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels bis auf den letzten Platz ausgebucht. Niemand will sich den Urlaub während des jüdischen Neujahrsfestes (5. und 6. September), dem großen Versöhnungstag (14. September) und dem Laubhüttenfest (19. bis 25. September) verderben lassen. Nur die infolge der Syrienkrise steigenden Treibstoffpreise sind ein Wermutstropfen in der aufkommenden Festzeitstimmung.

Doch bei alledem verfolgt Israel das Zaudern Obamas mit Stirnrunzeln. Man fragt sich, ob Amerikas rote Linien mehr sind als heiße Luft? Mit Blick auf die atomaren Ambitionen des Iran, der den »Schandfleck Israel« lieber früher als später »von der Landkarte verschwinden« sehen will, ist Syrien ein Testfall. Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen ein weiterer Beweis dafür, dass man im Ernstfall ganz auf sich allein gestellt ist. Die Glaubwürdigkeit des Westens – nicht nur Amerikas! – steht auf dem Spiel. Und nicht nur in Israel! Im ­syrischen staatlichen Fernsehen wird satirisch der Sieg Assads über Obama gefeiert, während der syrische Präsident strahlend eine Delegation des iranischen Parlaments empfängt.

Ganz unversehens habe sich der glorreiche arabische Aufstand als apokalyptisches Inferno erwiesen, stellen liberale Kommentatoren in Israels Medien fest. »Das Ende der Welt hat in Damaskus begonnen«, titelt die Tageszeitung HaAretz: »Wenn 2013 Zivilisten vergast werden dürfen, bedeutet das ein Ende der Welt, die sich für moralisch und aufgeklärt hält.« In Damaskus würden nicht nur Vergaste zu Grabe getragen, folgert der Journalist Ari Schavit, sondern auch der aufgeklärte arabische Nationalismus, die Hoffnung auf das Gewissen der Welt, der Traum von einer Weltgemeinschaft, die Illusion von internationalem Recht.

Selbst linke Friedensbewegte sind sich einig, dass man von Glück reden kann, dass Israel die Golanhöhen nicht im Tausch für »Frieden« an ­Syrien abgegeben hat. Der jeglicher ­Netanjahu-Bewunderung völlig unverdächtige Schavit kommt zu dem Schluss: »So sehr man Netanjahu ­(Israels amtierender Ministerpräsident – d. Red.) im Westen auch verachten mag, der überwältigenden Mehrheit der israelischen Bevölkerung ist mittlerweile klar: Der Mann hat Recht! Die größte Gefahr im 21. Jahrhundert ist die Kombination von unkonventionellen Waffen mit unkonventionellen Regimes.«

Israels ehemaliger Oberrabbiner Israel Meir Lau wurde selbst als Achtjähriger von Amerikanern aus dem Konzentrationslager Buchenwald in der Nähe von Weimar befreit. Er beklagt die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Leiden des Nächsten. »Uns fehlt heute eine Persönlichkeit wie die Tochter Pharaos.« Sie öffnet das Körbchen im Schilf des Nils, entdeckt darin ein drei Monate altes Baby und – die Tora bezeugt: ›Sie hatte Mitleid mit ihm und sagte: Das ist eines der Kinder der Hebräer!‹« Rabbi Lau kommt zu dem Schluss: »Das Blut der Opfer des Massakers von Damaskus schreit uns vom Erdboden an!«

Rabbi Juwal Scherlow wurde von einem seiner Schüler gefragt, wie man sich im Blick auf die Krise in Syrien verhalten solle. Er antwortet mit einem Verweis auf die Macht des Gebets. Besonders die Psalmen 37 und 120 passten für die Lage in Syrien. Allerdings hat er auch ein eigenes Gebet verfasst für die Notleidenden in dem Land, das seinen eigenen Staat seit Beginn seiner Existenz bekämpft. Scherlow ist überzeugt, das Gebet ­eines Einzelnen wird von Gott erhört – aber auf dem gemeinsamen Gebet liege eine besondere Macht.

Johannes Gerloff

Unbequem, aber ein guter Ort

9. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag des offenen Denkmals: Die Geschichte der Johanneskirche in Weimar ist mit der Ära der Deutschen Christen verbunden

Der Tag des offenen Denkmals am 8. September steht unter dem Motto: »Jenseits des Guten und Schönen: ­Unbequeme Denkmale?« Von ihrer ­Entstehungs­geschichte ist die Johanneskirche in Weimar ein ­unbequemes Denkmal.

Es ist spröde, das diesjährige Denkmalmotto mit seiner harten Feststellung und der bohrenden Frage. Können Denkmale denn überhaupt bequem sein? Wer beispielsweise für eine uralte Kirche Verantwortung trägt, weiß um finanzielle Belastungen und mancherlei Probleme. Bequem ist so ein Erbe nicht, aber geliebt und ein Stück greifbarer Ortsgeschichte. In der Erklärung zum Motto des Denkmaltages 2013 schreibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz: »Zu den ›unbequemen Denkmalen‹ zählen viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit ein gewisses Unbehagen auslösen.« Eine Kirche ist nicht unter den genannten Beispielen und doch gibt es auch hier bauliche Zeugen:

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche in Weimar. Sie macht weder durch Turm noch Glocken auf sich aufmerksam. Derweil liegt sie an exponiertem Ort oberhalb des Goethe- und Schillerarchivs mit Sichtbeziehung hinüber zum Ettersberg, wo der Glockenturm an das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald mahnt. Die Geschichte der Johanneskirche ist eng mit der Ära der Deutschen Christen verbunden – ein dunkles Kapitel Thüringer Kirchengeschichte.

Als in Weimar das Evangelische Gemeindehaus an der Carl-August-Allee den nationalsozialistischen Großbauten des »Gauforums« weichen muss, wird ein Ersatzbau beschlossen. Im April 1938 beginnt der Weimarer Architekt Hans Vogel mit den Planungen für ein Gemeindezentrum mit Pfarrhaus, Garten, Vorplatz, Mitarbeiterwohnung und großem Gemeindehaus an der Tiefurter Allee, auf den Bauzeichnungen »Osthalle« genannt. Die Bauarbeiten gehen schleppend voran. Am 2. Juni 1941 wird das Gemeindehaus als »Herzog-Bernhard-Kirche« mit einem Gottesdienst in einer »der Kriegszeit angemessener schlichter Weise« eingeweiht, so ein Vermerk in den Kirchenakten. Der Zweite Weltkrieg hatte neben Materialmangel auch dem Raumprogramm seinen Stempel aufgedrückt: Notbeleuchtung an den Türen und unter der Kirche Luftschutzkeller mit Belüftung für den Fall eines Giftgasangriffs.

Weitgehend unbeschadet übersteht der Gebäudekomplex den Krieg. Bis zum Wiederaufbau der Stadtkirche finden hier Kirchenkonzerte statt. 1947 erfolgt die Umbenennung in
»Johanneskirche« – Ausdruck von Umkehrwille und Neubesinnung. Der große rechteckige Versammlungssaal mit Steinboden und einfacher Holzbalkendecke, hohen Fenstern und einem Altarraum, der zur Theaterbühne umfunktioniert werden kann, strahlt Kühle aus. Doch es gibt Toiletten, Teeküche und seit 1953 auf der Empore eine Winterkirche samt Kachelofen.
Mit Immo Nieländer und seiner Frau Ingrid kommt dann 1972 eine Pfarrersfamilie, die das Potential dieses Komplexes für ein lebendiges ­Gemeindeleben erkennt und etabliert. Bald treffen sich hier regelmäßig viele christliche Gruppen und im einstigen Luftschutzkeller richtet sich die Junge Gemeinde ihre »Katakombe« ein. Es wird getanzt, gefeiert und diskutiert. Die Weimarer Staatskapelle nutzt die gute Akustik der Kirche für Tonaufnahmen.

Seit drei Jahren ist die Johanneskirche zentraler Ort für Projekte und Veranstaltungen der Kinder-, Jugend- und Familienkirche im Kirchenkreis Weimar. »Die Johanneskirche hat nach wie vor eine hohe Veranstaltungsdichte«, sagt Pfarrer Sebastian Kircheis, der jetzt mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnt. Er könne eine gewisse Distanz zu diesem Gebäude verstehen, aber er wisse auch um die Verbundenheit der Gemeinde mit diesem Ort. »Wenn hier die Orgel spielt, der Altar festlich geschmückt ist und sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, dann ist der Raum ganz Kirche.«

Die Johanneskirche ist von ihrer Planung her ein unbequemes Denkmal, doch ihre Nutzung hat sie zu einem guten und schönen Ort werden lassen.

Uta Schäfer

Poet und Freund der Kinder

26. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Ein Weimarer Dichter und Sozialpädagoge schuf eines der bekanntesten Weihnachtslieder Deutschlands


»O du fröhliche« war ein sizilianisches Schifferlied. Dass die Melodie von Palermo nach Deutschland kam und zum Weihnachtslied wurde, hängt mit dem Wirken von Johannes Daniel Falk zusammen.

Das Lied kennt jeder, und manche mögen es sogar lieber als das unsterbliche »Stille Nacht«: Anders als die innig-zarte Weise aus dem Alpenland steht »O du fröhliche« für die ausgelassene, strahlende Seite des Festes. Kein Wunder, entpuppt sich die ebenso muntere wie feierlich-getragene Melodie doch als sizilianisches Schiffer- oder Hochzeitslied. Aber wer hat es nach Deutschland gebracht und mit dem weihnachtlichen Text versehen? Es waren der Weimarer Dichter, Theologe und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder und ein Privatgelehrter der pädagogischen Wissenschaft namens Johannes Daniel Falk, der ebenfalls in Weimar lebte, etwas schwerfällige Verse verfasste – und als Begründer der Sozialarbeit mit Jugendlichen gilt.

Johann Daniel Falk, Gemälde von Louise Seidler, um 1805. – Foto: Wikipedia

Johann Daniel Falk, Gemälde von Louise Seidler, um 1805. – Foto: Wikipedia

Der Vater, ein Perückenmacher, brachte nicht viel Verständnis für die poetische Leidenschaft seines 1768 in Danzig geborenen Sprösslings auf. Zum Glück fand sich irgendein Lehrer, der die Danziger Ratsherren auf den begabten Jungen aufmerksam machte; sie bezahlten ihm den Besuch des Gymnasiums und schickten ihn sogar auf die Universität Halle. Als er dort sein Theologie- und Sprachenstudium begann, bekam der junge Mann bald massive Schwierigkeiten: In den literarischen Zirkeln, wo er verkehrte, schimpfte man kräftig auf die kommunale Kulturpolitik und den bezopften Geschmack der Ratsherren. Falk verärgerte die Honoratioren mit boshaften Spottversen. Der Herr Student solle erst einmal etwas lernen, statt Satiren zu verfassen, befand der großmächtige Rat und wies den jungen Falk aus Halle aus.

In Weimar, wo er freundliche Aufnahme bei Geistesgrößen wie Goethe, Wieland, Herder fand, äußerte sich Falk erheblich vorsichtiger. Pfarrer wollte er nicht mehr werden, die Theologie war ihm viel zu verkopft erschienen und der Gelehrtenstreit über Bibelauslegung und Philosophie hatte ihn abgestoßen. Falk schrieb viel, zahllose Gedichte, ein »Geheimes Tagebuch«, ein einfühlsames Porträt seines großen Gönners mit dem Titel »Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt«.

Alle diese Produkte seiner Feder sind heute vergessen, bis auf das international bekannte Weihnachtslied, und sie brachten ihm auch damals weder großen Ruhm noch viel Geld. Die Schriftstellerei sei doch eine »recht lumpige Sache«, stellte er fest und fristete sein Leben als Privatlehrer und –gelehrter. Bis 1806 die Kriegsfurie über das stille Weimar hereinbrach: Flüchtlingsfamilien in panischer Angst, zersprengte Haufen der preußischen Armee, schließlich die siegreichen napoleonischen Truppen, 50000 Mann stark, eine zerstörerische, raubgierige, gewalttätige Soldateska. Da wurde aus dem verträumten Privatgelehrten plötzlich ein Held, ein kaltblütiger Verteidiger von Bürgerrechten, dazu ein geschickter Organisator: Falk stellte sich den Marodeuren entgegen, trieb Lebensmittel und Quartiere auf, um sie vom Plündern abzuhalten. Für die Kriegskrüppel, Obdachlosen und Hungernden leitete er Hilfsmaßnahmen in die Wege. Als wieder Friede war, machte ihn der Weimarer Herzog voller Respekt zum Legationsrat mit festem Gehalt, das konnte der Vater von sieben Kindern gut gebrauchen.

1813 kamen die französischen Truppen ein zweites Mal – und mit ihnen eine Typhus-Epidemie. Die Falks verloren vier ihrer Kinder, Johannes selbst erkrankte auf den Tod. Als er wieder aufstehen konnte, war er nach eigener Aussage »vom Satiriker zum Christen« geworden und hatte gelernt, sein persönliches hartes Schicksal zu verwandeln: in praktisch geübte Barmherzigkeit. Falk öffnete sein Haus für die halb verhungerten, verwahrlosten Waisen, die mit Napoleons Soldaten durch die Lande zogen. Er mietete einen leer stehenden Hof, richtete ihn als Schule ein, suchte und fand Pflegefamilien, vermittelte den Halbwüchsigen Lehrstellen bei Weimarer Handwerksmeistern, die den tapferen Falk schätzten und seinen Schützlingen einen Vertrauensvorschuss einräumten.

Die »Gesellschaft der Freunde in der Not«, die Falk 1813 für seine kleinen Streuner gründete, war vermutlich die erste sozialpädagogisch orientierte Bürgerinitiative Deutschlands. Eine heruntergekommene Weimarer Grafenburg wurde gemeinsam mit den älteren, handwerklich geschulten Kindern restauriert. Weil Martin Luther einmal in dem Schlösschen übernachtet hatte, bekam das Kinderheim den Namen »Lutherhof«.

Die Erziehung hier folgte freiheitlichen, höchst modernen Prinzipien, und weil der Kinderfreund seine Ideen durch eine ausgedehnte Korrespondenz und viele Artikel verbreitete, konnte er die Gründung ähnlicher »Rettungshäuser« in anderen Städten erleben. Am bekanntesten wurde das von Pastor Johann Hinrich Wichern errichtete »Rauhe Haus« in Hamburg.

Die Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof stammt von ­Johannes Daniel Falk selbst. – Foto: Harald Krille

Die Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof stammt von ­Johannes Daniel Falk selbst. – Foto: Harald Krille

Im »Lutherhof« ist angeblich auch das strahlend schöne Weihnachtslied »O du fröhliche« uraufgeführt worden, von den Knaben, die hier eine Heimat gefunden hatten. Die Melodie soll auf das sizilianische Schifferlied »O sanctissima, o piissima dulcis virgo Maria« (O du heiligste, überaus fromme, süße Mutter Maria) zurückgehen, das der Weimarer kosmopolitisch denkende Pädagoge und Superintendent Johann Gottfried Herder 1788 auf einer Reise nach Palermo von Fischern hörte. Herder sammelte Lieder aus allen Nationen und machte auch Shakespeare in Deutschland bekannt. Nach einer anderen Version war die Weise als Hochzeitslied in Süditalien gebräuchlich.

Den Liedtext hatte Johannes Daniel Falk ursprünglich 1816 als universal verwendbare Hymne für Weihnachten, Ostern und Pfingsten geschrieben, »Allerdreifeiertagslied« genannt: je eine Strophe für jedes Fest. Zum Ohrwurm wurde lediglich die erste, die Weihnachtsstrophe, von seinem Mitarbeiter Heinrich Holzschuher – an den unfairerweise niemand mehr denkt – 1819 um zwei weitere ergänzt. Die Menschen verliebten sich jedenfalls sofort in »O du fröhliche«: Der sonst eher spröde Geheimrat Goethe gestand, er sei vom »schlichten Glanz« des Liedes »hingerissen«.

Zu diesem Zeitpunkt war Johannes Daniel Falk, der bescheidene Poet und energische Kinderfreund, schon tot. Am 14. Februar 1826 war er an einer Blutvergiftung gestorben, erst 58 Jahre alt. Die volkstümliche, wenn auch barock lehrhafte Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Historischen Friedhof klingt, als hätte er selbst sie geschrieben – und das hatte er tatsächlich getan, Jahre zuvor auf einem Ritt durch das Rheinland:

Als Falk auf dem Sterbebett sein Testament und darin auch seine Grabschrift diktierte, hatte die vierte Zeile noch anders gelautet: »Kinder, die aus fremden Städten«. Man darf darin das bewusste Zeugnis eines weiten Geistes sehen, der gegen den Willen der Obrigkeit in seinen »Lutherhof« auch Waisen aus anderen Regionen und Ländern aufgenommen hatte.

Christian Feldmann

Literaturempfehlungen
Dietsch, Ingrid: Da fühlst du einmal meine Last. Vom Alltag der Caroline Falk in Weimar 1797-1841, Wartburg Verlag, 268 S., ISBN 978-3-86160-154-0, 8,35 Euro
Stapff, Ilse-Sibylle: Historische Grabstätten in Weimar. Jakobskirche, Jakobsfriedhof und historischer Friedhof, Wartburg Verlag, 43 S., ISBN 978-3-86160-157-9, 1,50 Euro

Das »System Gulag«

25. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erste deutsche Ausstellung zeigt Spuren und Zeugnisse des stalinistischen Terrors

Die riesige Landkarte ist überzogen mit zahlreichen roten Punkten. Sie markieren die sowjetischen Zwangsarbeitslager, in denen rund 20 Millionen Menschen dem stalinistischen Terror ausgesetzt waren: Eine Ausstellung in Weimar erinnert an die Opfer.

Auf dem Kleiderbügel hängt zerschlissen und durchlöchert ein violettes Sommerkleid. Die 31-jährige Walentina Buchanewitsch-Antonowa hat es getragen, als sie 1938 plötzlich verhaftet wurde. Anschließend verbrachte sie in diesem Kleid zwölf Monate in drei Moskauer Gefängnissen. Die Frau war unvermittelt Opfer des Großen Terrors unter dem sowjetischen Diktator Stalin geworden.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Das Kleid ist mit seiner Geschichte eines der berührenden Exponate in der Ausstellung »Gulag«, die in Weimar Spuren und Zeugnisse aus sowjetischen Zwangsarbeitslagern zeigt. Das Projekt der Gedenkstätte Buchenwald und der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« thematisiert erstmals in Deutschland das Lagersystem in der Sowjetunion. Weimar ist für die Wanderausstellung nach Neuhardenberg die zweite Station.

Das »System Gulag« wird nicht nur aus der Perspektive seiner rund 20 Millionen Opfer dargestellt, sondern auch in seinen gesellschaftlichen Bezügen. Damit gehe die Präsentation deutlich über die rund 300 russischen Gulag-Ausstellungen über das Leiden in den Lagern hinaus, erläutert Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau: Die Straflager sind eine der dunklen Seiten des »Modernitätsversprechens« einer humanen Gesellschaft, für dessen Verwirklichung inhumane Mittel eingesetzt wurden.

Deshalb beginnt der Rundgang mit einem zunächst irritierenden Exponat. Ein Modell zeigt den Entwurf des russischen Avantgardisten Wladimir Tatlin (1885–1953) für sein »Monument der III. Kommunistischen Internationale« von 1919. Der gigantische Turm für Petrograd mit rotierenden Gebäudeteilen sollte 400 Meter hoch werden und die Zukunftsgewissheit der Sowjetmacht demonstrieren. Das Projekt scheiterte wie die Gesellschaft, als deren Symbol es gedacht war.

Dem »Tatlin-Turm« sind als Kehrseite dieser Vision originale Hinterlassenschaften aus Straflagern gegenübergestellt – ein eiserner Schlitten für den Lastentransport, Teile von Arbeitsgeräten, Balken von früheren Häftlingsbaracken. Die umstehenden Boxen mit den teils sehr persönlichen Exponaten geben wie geöffnete Archivschränke ihre Geheimnisse preis.

Eine bunte Häftlingszeichnung mit dem Obelisken »Asia« erinnert an den Transport der Verbannten in die Ferne. Auf einer feinmaschigen Stickerei ist unschwer eine Heiligenfigur zu erkennen. Eine andere Textilarbeit zeigt Fensterkreuze mit Blumenvasen. Und auch der zerknautschen Zigarettenschachtel der Marke »Belomorkanal«, die es in Russland bis heute gibt, ist ihre lange Geschichte anzusehen. Sie verweist auf den Weißmeer-Kanal am Polarkreis, den Gulag-Häftlinge ab 1931 bauen mussten.

Das Lagersystem konnte jeden treffen, resümiert Kurator Lüttgenau. So spiegelte sich im Gulag das gesamte soziale Profil der Sowjetunion. Die Begründungen für die willkürliche Lagerhaft reichten von »Schädlingstätigkeit«, Verschwörung, Vaterlandsverräter und »Kollaborateur« bis zu »konterrevolutionärer Agitation und Propaganda«.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung »Gulag. Spuren und Zeugnisse. 1929–1956« im Weimarer Schiller-Museum ist bis 15. Oktober dienstags bis freitags und sonntags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Vom 16. bis 21. Oktober ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 9 bis 16 Uhr zu sehen.

www.ausstellung-gulag.org

Visionärer Künstler und der erste »Superstar«

5. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Thüringer Landesausstellung widmet sich Leben und Werk des vor 200 Jahren geborenen Komponisten Franz Liszt

 

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

 

Heute, da der Altar erbebt und schwankt, heute, da Kanzel und religiöse Zeremonien Gegenstand des Zweifelns und des Spottes sind, muß die Kunst notwendigerweise aus dem Tempel heraustreten, sie muß sich verbreiten und ihre künstlerische Entwicklung außerhalb vollenden. Wie einst, und mehr noch, muß die Musik sich an VOLK und GOTT wenden, sie muß vom einen zum anderen gehen, den Menschen bessern, veredeln und trösten, Gott loben und preisen.«

Franz Liszt war 23 Jahre alt, als er seine Vision einer »musique humanitaire« (Menschheitsmusik) formulierte, in der »THEATER und KIRCHE in gewaltigen Ausmaßen« vereinigt werden sollten. Der seit seiner Kindheit zutiefst religiöse Knabe, der als »neuer Mozart« gepriesen wurde, neigte immer wieder dazu, seine Karriere aufzugeben und sich ganz seinen geistlichen Studien zu widmen. Bis ins hohe Alter durchziehen seine Bemühungen um eine Reform der Kirchenmusik sein Schaffen. Dies ist einer von vielen Aspekten, die in der Thüringer Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« anlässlich seines 200. Geburtstages behandelt werden. Die kenntnisreich gestaltete Exposition dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, hartnäckig tradierte Klischees über Bord zu werfen und ein ganzheitliches Bild des visionären Künstlers entstehen zu lassen.

»Es ist die größte in Europa«, sagt Hauptkurator Prof. Dr. Detlef Altenburg über die mehr als 350 Exponate umfassende zweiteilige Ausstellung im Schiller- und Schlossmuseum, die er gemeinsam mit Evelyn Liepsch konzipiert hat. Dabei konnte man den Heimvorteil nutzen, dass in Weimar der weltweit größte Liszt-Bestand liegt. Dazu gehören 14000 Blatt Manuskripte von der Hand des Komponisten und seiner Sekretäre, die 3100 Titel umfassende Liszt-Bibliothek, mehr als 6000 Briefe sowie Notizbücher, Programmzettel, Urkunden, Diplome, persönliche Gebrauchsgegenstände wie sein Kruzifix, zeitgenössische Gemälde, Grafiken und Fotografien.

Aus dieser Fülle an Materialien im Zusammenspiel mit Leihgaben aus dem In- und Ausland eine schlüssige Präsentationsform mit klaren inhaltlichen Akzenten zu entwickeln, ist in beeindruckender Form gelungen.
Schon beim Betreten der Ausstellung im Schillermuseum ist auf einer Europa-Karte mit 400 gekennzeichneten Orten nachvollziehbar, wie weit der Aktionsradius des ersten »Superstars« reichte: von Lissabon bis Konstantinopel, von Glasgow bis Moskau, von Rom bis Kopenhagen.

Liszts »Pèlerinage« (Pilgerreise) durch Europa und die europäische Kultur sowie seine große Syntheseleistung als Künstler bilden die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Ausstellungsteiles im Schillermuseum, während im zweiten sein Wirken in Weimar beleuchtet wird.

Eine weitere Ausstellung im Schlossmuseum ist unter dem Motto »Kosmos Klavier« der Weiterentwicklung des Instrumentes im 19. Jahrhundert gewidmet.

Zu den Attraktionen gehört ein Flügel der Firma Boisselot (Marseille), an dem ein Großteil seiner Weimarer Werke entstanden ist, und ein minutiöser Nachbau, der bei Konzerten im Weißen Saal originalen »Liszt-Sound« bietet. Besonders für Kinder ist ab 2. Juli ein begehbarer Flügel im Schlosshof bestimmt, in dem leibhaftig zu spüren ist, wie sich die Schwingungen der Klaviersaiten auf den Körper übertragen und wie überhaupt Töne entstehen.

Michael von Hintzenstern

Die Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« ist bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Schillermuseum und Schlossmuseum Weimar zu sehen.
www.klassik-stiftung.de/liszt

»Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«

16. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kindheitserlebnisse prägten den Weimarer Unternehmer Rudolf Keßner für seine Rolle als Oppositioneller der DDR.


In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma Verrat. Diesmal das Porträt eines Bürgerrechtlers, der in Konfrontation mit den staatlichen Vertretern der DDR geriet.

Das Wort Verrat nimmt er öfters in den Mund. Doch er meint damit nicht zuerst die Bewachung durch die Stasi, die er vor allem in den letzten Monaten der DDR auf Schritt und Tritt erlebt hatte. Mit Verrat meint er vor allem seine Erfahrungen als Oppositioneller der DDR. In dem »verbrecherischen Regime«, wie er sagt, in dem er vielen Schikanen ausgesetzt war. Mit seinem Enga­gement in Friedens-, Umwelt- und ­Menschenrechtsgruppen machte sich Rudolf Keßner bei den Machthabern äußerst unbeliebt.

»Ich hatte viel Kraft«, sagt der 61-Jährige. Möglicherweise sei auch sein Konfirmationsspruch dafür mit verantwortlich: »Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!« (1. Korinther 16,13). Es gibt einige Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugendzeit, die ihn prägten für seine spätere Rolle als Oppo­sitioneller und Bürgerrechtler.

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

1950 in der Oberlausitz geboren, wurde Keßner in seinem Elternhaus christlich erzogen. Sein Vater besaß eine kleine Druckerei, stand dem DDR-Regime distanziert gegenüber, sei aber nicht antikommunistisch eingestellt gewesen. Als jedoch Rudolf eines Tages mit einem Pionierhalstuch nach Hause kam, ist dem Vater der Kragen geplatzt. »Da habe ich das erste Mal von meinem Vater richtig Dresche gekriegt.«

Der Junge wäre mit dem Ablegen des Halstuches in der Schule abgestempelt worden. Doch die Eltern nahmen ihn aus der staatlichen Einrichtung, brachten ihn nach Herrnhut in ein christliches Kinderheim und bezahlten die teure Ausbildung in der Zinzendorfschule. »Ein absoluter Segen«, sagt Keßner heute. Doch die Zeit des ideologiefreien ­Lernens sollte nicht ewig währen. Für das Abitur musste er auf die staatliche Erweiterte Oberschule in Löbau. Der erste Tag dort hielt ein weiteres prägendes Erlebnis für ihn bereit. Auf dem Schulhof waren alle Schülerinnen und Schüler in FDJ-Hemden angetreten – bis auf Keßner und zwei Mädchen, die ebenfalls die Schule ­gewechselt hatten. »Da setzte etwas ein«, erinnert sich Keßner staunend an die Reaktion, die das Bild der versammelten FDJler auf dem Schulhof in ihm auslöste. »Wir waren nicht verzweifelt.« Auch nicht bange, nun in eine Außenseiterrolle zu geraten, sondern stark. »Nur wir drei sind wichtig«, habe er damals gedacht. In ihm regte sich so etwas wie Stolz, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Unangepasst. Kein Mitläufer! »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.«

Er fühlte sich stark für einen eigenen kritischen Standpunkt und würde dafür Nachteile und Behinderungen in Kauf nehmen. Diese ließen nicht lange auf sich warten. Nach dem Abitur wollte Keßner gern Entwicklungsingenieur werden, doch die Machthaber der DDR ­machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Er ging zum Studium nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Da er aber den Wehrdienst verweigert hatte und Bausoldat werden wollte, wurde er nach einem halben Jahr ­exmatrikuliert. Verraten und verkauft!

Keßner gehört zu den Jahrgängen, die während der Oberschulzeit einen Beruf erlernten. Er war bei seinem ­Vater in die Lehre gegangen und ist Schriftsetzer geworden. Ein Glücksumstand, da er auf diese Weise überhaupt zu ­einem Berufsabschluss kam. Arbeit erhielt er, nachdem er von der Uni ­geflogen war, trotzdem nicht. Der einzige Job, den er ausüben durfte, war der eines Friedhofsarbeiters. »Ich sage immer Totengräber, denn das war es, was ich gemacht habe.«

Viele der ebenfalls exmatrikulierten Kommilitonen reisten nach Westdeutschland aus oder studierten an einer kirchlichen Hochschule Theologie. »Ich ärgere mich, dass ich das nicht auch gemacht habe. Ich wollte zwar Entwicklungsingenieur, nicht Pfarrer werden. Aber es hätte mir Freude gemacht, mich geistig zu bilden, Hebräisch und Griechisch zu ­lernen.« Zweckfrei etwas lernen zu dürfen –, er bedauert bis heute, dass er diese Chance nicht hatte.

Dennoch gilt: »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.« Nachdem er einige Jahre auf dem Friedhof, dann kurze Zeit als Schriftsetzer gearbeitet hatte, kundschaftete sein Vater die Firma Stempel-Rabe in Weimar aus, dessen Inhaber einen Nachfolger suchte. Keßner wurde Meister des Flexografenhandwerks und übernahm 1980 den Privatbetrieb. Er war nun selbstständiger Stempelmacher, bekam Aufträge für Dienstsiegel sogar von der sowjetischen Kommandantur. Die Geschäftsräume der Firma waren auch ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung in Thüringen, wo Keßner, der sich in Rechtsfragen kundig gemacht hatte, für Information und Beratung bereitstand. Ein Engagement, das den staatlichen Stellen ein Dorn im Auge war. Keßner wurde rund um die Uhr bewacht, mehrfach festgenommen und verhört.

Anfang 1989 entschloss er sich auf Drängen seiner Frau, mit der Familie, zu der vier Kinder gehören, nach Westdeutschland auszureisen. Die Wende machte diesen Schritt glücklicherweise überflüssig. Heute sind die Graphischen Betriebe Rudolf Keßner Weimar Corax Color & Stempel-Rabe GmbH ein modernes mittelständisches Unternehmen.

So gilt für Rudolf Keßners Leben ähnlich wie für das aus dem Alten ­Testament bekannte des Josefs, dem Lieblinssohn Jakobs: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott ­gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20).

Sabine Kuschel

Das »Belvederer Modell«

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Geschichte des Weimarer Musikgymnasiums.

Die Geschichte des heutigen Musikgymnasiums Schloss Belvedere beginnt im Gründungsjahr der DDR und in Eisleben. Das Land Sachsen-Anhalt etablierte im Mansfeldischen eine Musikfachschule. Eine Außenstelle wurde in Sangerhausen eingerichtet. Den Namen und den Sitz wird die Schule des Öfteren wechseln. 1952 erfolgte die Übersiedlung nach Weimar. Denn die staatlichen Stellen waren der Meinung, dass eine Musikschule im Umfeld einer Musikhochschule am besten aufgehoben sei. So kam Weimar zu jener Einrichtung, die heute Vorbildcharakter hat für die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Doch bis es so weit war, war es ein sehr langer Weg.

Die Geschichte des Musikgymnasiums Schloss Belvedere beschreibt Reinhard Schau, der bis zur Emeritierung Leiter der Opernschule an der Weimarer Hochschule für Musik war, mit nicht zu überbietender Gründlichkeit auf 300 Seiten und in einem erzählerisch mitreißenden Ton.

Dass die Musikschule in den ersten Jahren ihres Bestehens trotz eklatanten Platz- und Lehrermangels qualitativ hochwertigen Unterricht bot, lag zweifelsohne an der Umsicht und den Leitungsqualitäten von Hans Della Guardia (1918–1996), einem aus Köln gebürtigen Künstler-Pädagogen alter Schule. 1954 wurde er als Direktor entlassen und in gleicher Funktion an eine Fachschule nach Bernburg versetzt, ging aber 1955 zurück in seine alte Heimat Köln. Die Nachfolger Della Guardias haben, wie Schau anschaulich zeigen kann, mehr Gewicht auf ideologische Linienführung, u. a. mit morgendlichen Appellen, denn auf eine gediegene musikalische Ausbildung gelegt, was hintere Platzierungen bei Wettbewerben bewiesen. Ein Parteisoldat wie Siegfried Möckel, der Direktor und Parteisekretär der Schule war, vergiftete die Atmosphäre nachhaltig. Seiner Machtanmaßung und seiner Initialen »S. M.« wegen wurde er hinter vorgehaltener Hand nur »Seine Majestät« genannt. So konnte das textlose Musizieren von Weihnachtsliedern bei ihm zu cholerischen Anfällen führen. Unter neuer Leitung wurden Anfang der 80er Jahre auch die musikalischen Leistungen besser, erreichten die »Belver« bei DDR-Leistungsvergleichen immer öfter vordere Plätze.

MusikNach der Wende und der deutschen Einheit mussten zwar keine ideologischen Querelen mehr ausgetragen, wohl aber Selbstbehauptungskämpfe geführt werden. Die Vernachlässigung zu DDR-Zeiten hatte zu unhaltbaren Zuständen in den Schul- und Internatsräumen geführt; eine Sanierung und Erweiterung des Belvederer Schulkomplexes war unaufschiebbar. Das vorhandene Häuser-Ensemble wurde modernisiert und ein neues, in seiner Formensprache zum Belvederer Barock kontrastreiches Unterrichtsgebäude errichtet. Das Musikgymnasium ist heute nicht nur architektonisch eine Vorzeige-Einrichtung, sondern auch eine vielfach prämierte pädagogische Insel, die, in ­enger Kooperation mit der Musikhochschule Franz Liszt, Nachwuchskünstler ausbildet, die weltweit überzeugen können.

Das Erfolgsrezept dieser Spezialschule gründet auf drei Säulen: der Allgemeinbildung am Gymnasium, der musika­lischen Spezialausbildung am Hochbegabtenzentrum und der sozialen Gemeinschaftsbildung im Internat. Und ­dieses »Belvederer Modell« macht Schule. Kurzum: Die Chronik des Musikgymnasiums Belvedere, die Reinhard Schau hier vorlegt, ist, auch und gerade für die Zeit nach 1990, pädagogisch und musikalisch eine singuläre Erfolgs­geschichte.

Kai Agthe

Schau, Reinhard: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar – Geschichte und Gegenwart, Böhlau Verlag, 317 S., ISBN 978-3-412-20556-0, 22,90 Euro