Wahrheit unterm Tannenbaum

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichtlicher Überblick: Je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterscheiden sich die Gabenbringer zu Weihnachten

Geheimnisvolle Weihnachtszeit, Foto: epd-bild

Geheimnisvolle Weihnachtszeit (Foto: epd-bild)

Wer bringt die Geschenke? Der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht oder das Christkind? Eine Klärung.

Um es gleich zu sagen: Die Antwort auf die Frage, wer denn nun die Geschenke zu Weihnachten bringt, kann Eltern in Verlegenheit bringen. Denn die Sachlage ist kompliziert. Der Nikolaus oder der Weihnachtsmann? Und was ist mit Knecht Ruprecht? Oder ist das Christkind in Kooperation mit einer Heerschar himmlischer Helfer für die Gaben zuständig? Wer ist das Christkind überhaupt? Ein blond gelockter weiblicher Engel? Und was, bitte schön, hat das Christus-Kind in der Krippe mit dem Christkind tun?

Die Antwort auf die Frage, wer denn die Geschenke bringt, wird je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterschiedlich beantwortet.
»Ich dachte, in den Familien, wo der Weihnachtsmann es nicht schafft persönlich vorbeizukommen, da kommt eben das Christkind. So eine Mischung aus Engel und Jesuskind, auf dessen Glöckchenklang wir am Weihnachtsmorgen mit solchem Herzklopfen gewartet haben, dass wir am Abend zuvor eine halbe Baldriantablette bekamen«, erinnert sich Wolfgang (52) an seine Kindheit. Als er versehentlich ein Gespräch der Eltern zum Thema: »Wer kriegt was?«, mitbekam, brach er in Tränen aus. Unwiederbringlich vorbei, der wunderschöne Glaube an einen himmlischen Gabenbringer.

Tröstlich nur, dass der Siebenjährige sich jetzt endlich erklären konnte, warum das Christkind alle Jahre wieder die ungeliebten kratzenden Unterhemden statt des ersehnten Fahrrades brachte.

»Bei uns kamen die Geschenke vom Weihnachtsmann. Ich habe mich irgendwann gewundert, dass er dieselben Schuhe trug wie unser Nachbar«, erzählt Anne (26) und erinnert sich daran, dass sie diese Wahrheit nur sehr widerwillig akzeptiert habe. »Ich wollte so gerne an den Weihnachtsmann glauben.« Allerdings sei sie froh gewesen, dass mit der »Entmythologisierung« des Weihnachtsmanns auch das elterliche Druckmittel: »Wenn du nicht lieb bist, bringt der Weihnachtsmann nichts«, wirkungslos wurde.

»Unsere Eltern haben uns nie vom Weihnachtsmann oder dem Christkind erzählt. Weihnachten feiern wir Geburtstag von Jesus. Weil Gott uns Jesus geschenkt hat, machen wir uns gegenseitig Geschenke«, erzählen Lukas (11) und Lisa (13). »Mir ist wichtig, dass der christliche Grund für Weihnachten deutlich bleibt«, betont ihre Mutter Bettina. Sie fürchtet, dass mit dem Abschied vom Christkind auch der Abschied vom Glauben an das Christus-Kind eingeläutet werden könnte. Nach dem Motto, wenn die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Christkind nicht stimmt, dann taugt auch der Glaube an Jesus nicht fürs Erwachsenenleben. Geheimnisvoll und schön ist die Zeit vor Weihnachten trotzdem. Heimliche Basteleien und die Spannung, was wohl ­unterm Tannenbaum liegt, schaffen in der Familie eine besondere Atmosphäre.

Knapp vier von fünf Deutschen (78 Prozent) haben nichts dagegen, ihre Kinder an den Weihnachtsmann glauben zu lassen. Das ergab eine Emnid-Umfrage. Dabei liegt der Weihnachtsmann als Gabenbringer weit vor dem Christkind. Ist womöglich die Sehnsucht nach Geheimnissen, nach Spannung und Fantasie bei Eltern mindestens genauso groß wie bei ihren Kindern? Oder ist die mediale Präsenz von Weihnachtsmann und Christkind, die als Werbeträger im Dienste von Kommerz und Konsum unterwegs sind, so übermächtig, dass sich weder Eltern noch Kinder entziehen wollen oder können?

Jenseits von vorweihnachtlichem Kommerz und Kerzenschein kann ein Blick zurück ein wenig Klarheit ins weihnachtliche Gabenbringer-Durcheinander bringen.

Das Christkind – eine Erfindung Martin Luthers
Das Christkind ist, man höre und staune, eine Erfindung von Martin Luther. Der Reformator wollte, weil ihm die Heiligenverehrung ein Graus war, eine Gegenfigur zum heiligen Nikolaus schaffen. In Erinnerung an den Bischof und Kinderfreund aus Myra brachte nämlich zu Luthers Zeiten der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke. Luther, der am Brauch des Schenkens festhalten wollte, ersetzte den Nikolaus flugs durch das Christkind, das die Geschenke am 25. Dezember verteilte.

Wobei das Christkind keineswegs das Jesuskind ist. Wahrscheinlich ist, dass der Name auf Krippenspiele zurückgeht, in denen die »Christkinder« zur Krippe zogen und dem Christus-kind Geschenke brachten. Bis um 1900 herum hielten viele Katholiken am Nikolaustag als Tag des Schenkens fest.

Dann aber wendete sich kurioserweise das Blatt: Die Katholiken übernahmen Luthers Christkind, während in evangelischen Familien der Weihnachtsmann Einzug hielt. Und woher kommt der? Nein, er ist nicht von dem amerikanischen Konzern erfunden worden, der weltweit die koffeinhaltige Limonade verkauft – auch wenn das immer wieder behauptet wird. Im Rahmen einer Weihnachtswerbung verpasste der schwedische Maler Haddon Sundblom 1931 dem Weihnachtsmann lediglich den Rauschebart und das rot-weiße Outfit, das sich weltweit durchsetzte. Vorher trug der Weihnachtsmann mal einen blauen oder braunen Mantel. Sogar in Knickerbocker und breitem Hut wurde er schon gesichtet. Die Figur des Weihnachtsmannes selbst entstand aus der Verschmelzung der Nikolausfigur und des ihn begleitenden Knecht Ruprecht. Der wiederum stammt genau wie der schwarze Piet, der Julbock oder der Bullkater aus heidnischer Zeit, wo sie als dunkle Gestalten um die Jahreswende ihr Unwesen trieben.

Was tun mit der Sehnsucht der Kinder, die so gern ans Christkind oder den Weihnachtsmann glauben? In ­aller Regel kreiden sie es ihren Eltern nicht als »Lüge« an, wenn sie hinter die Wahrheit kommen. Rüdiger Maschwitz, Landespfarrer in der Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kindergottesdienst im Theologischen Zentrum Wuppertal, plädiert angesichts einer immer stärkeren Kommerzialisierung von Christkind und Weihnachtsmann dafür, den Glauben an das Christus-Kind ins Zentrum von Weihnachten zu stellen: »Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott uns Christus geschenkt hat und deshalb machen wir uns auch gegenseitig eine Freude.« Der Weihnachtsmann habe angesichts der Kommerzialisierung nichts mit der Sehnsucht von Kindern nach Märchen zu tun. Aus seiner Sicht sollten Eltern den Glauben an Christkind und Weihnachtsmann nicht aktiv fördern, sondern den an das Christus-Kind. Dennoch plädiert er nicht dafür, die »Ebene des Geheimnisvollen« vorschnell rational aufzubrechen. »Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach der Wahrheit fragen«, ist sein Rat.

Von Karin Vorländer