Perlen der Filmkunst zu Weihnachten

26. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages

Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages


 

Fernsehen: Zum Weihnachtsprogramm gehören Spielfilme, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen.

 
Es lohnt sich, an den Weihnachtstagen einen Blick ins Fernsehprogramm zu werfen. Neben Thriller, Action- und Horrorfilmen gibt es auch spannende Filme mit weihnachtlichem Flair.
 
Alle Jahre wieder, kommt …« das Weihnachtsprogramm der Fernsehsender und damit spätestens ab 22 Uhr am Heiligabend Thriller, Action- und Horrorfilme mit Titeln wie »Tödliche Weihnachten«, »Scream 2« oder »Stirb langsam 2«.
 
Daneben gibt es aber auch Perlen der Filmkunst mit weihnachtlichem Flair, versteckt im vorweihnachtlichen Programm, im Nachmittagsprogramm oder spät in der Nacht. Filme wie »Ist das Leben nicht schön?«, »Der kleine Lord« oder eine der vielen Verfilmungen von Charles Dickens klassischer Weihnachtsgeschichte »A Christmas Carol in Prose«.
 
Jahr für Jahr appellieren die Kirchen an die Sender, das Weihnachtsprogramm weniger blutig zu gestalten. »Ich bin mit allen Sendern darüber im Gespräch. Und auch bei den Privatsendern ist der Heilige Abend, zum Teil auch der erste Feiertag, moderat, feiertagsgemäß und familienfreundlich programmiert«, sagt Oberkirchenrat Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ab 22 Uhr am zweiten Feiertag sehe es dann aber oft anders aus: Der Quotendruck, der Wettbewerb sei hart, und dann werde oft auf den bewährten Blockbuster gesetzt.
 
Thriller sind laut Bräuer aber auch am zweiten Weihnachtstag und zu später Stunde deplatziert. Das Angebot an spannenden Filmen sei so groß, dass nicht auf Actionthriller gesetzt werden müsse, um die Quoten zu erreichen.
 
Ein gutes Weihnachtsprogramm spiegelt nach Ansicht Bräuers die Botschaft des Christfestes in allen Fernsehformaten: Fernsehgottesdienste in ARD und ZDF, die auch die Menschen, die nicht selbst in die Christvesper gehen können, über die Weihnachtsbotschaft aufklärt. Reportagen, die historische Kenntnisse über die Zeit Jesu und das Heilige Land vermitteln. Dokumentationen, die zeigen, wie viele Ehrenamtliche es zu einem Teil ihres Lebens gemacht haben, die Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben und in der Kältehilfe oder der Obdachlosenarbeit tätig sind.
 
Das ist das Programm, das er sich wünscht. »Für mich gehören auch Spielfilme dazu, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen«, sagt der Medienbeauftragte. Versöhnung, Frieden, die Wandlung vom bösen zum guten Menschen, der Sieg der scheinbar Schwachen und Armen über die Reichen und Hochmütigen – das sind auch die klassischen Themen der großen ­Weihnachtsfilme. Dabei taucht immer wieder ein Archetypus, eine charakteristische Figur auf: der Menschenfeind. Oft reich und geizig, fast immer hartherzig und gefühlsarm, aber nicht unbedingt von Grund auf böse. Manchmal ist er derjenige, der im Mittelpunkt der Handlung steht und sich wandelt, manchmal muss der Protagonist ihn überwinden.
 
Eine der besten Darstellungen dieses Archetypus ist Charles Dickens in seiner Erzählung »A Christmas Carol in Prose« – zu Deutsch »Eine Weihnachtsgeschichte« – mit seiner Hauptfigur Ebenezer Scrooge gelungen. Die Geschichte spielt zu Weihnachten. Scrooge ist seit dem Tod seines Geschäftspartners Jacob Marley einziger Inhaber eines Warenhauses im England des 19. Jahrhunderts. Seinen einzigen Angestellten beutet er aus. Seinen einzigen Verwandten, seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einladen will, weist er kalt zurück. Für zwei Männer, die für arme Menschen Geld sammeln, hat er nur Hohn und Spott.
 
Am Heiligen Abend erscheint Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley und prophezeit ihm ein düsteres Ende für den Fall, dass er sein Leben nicht ­grund­legend ändere.
 
Den Geist des Miteinanders, das selbstlose Geben, die Armut des materiell Reichen und der Reichtum dessen, der Freunde hat – wohl kein Film vereint diese Themen besser als der Weihnachtsklassiker schlechthin: »Ist das Leben nicht schön?« von 1946. James Stewart ist George Bailey, der in der verschlafenen Kleinstadt Bedford Falls lebt. Als sein Vater stirbt, muss er seine hochfliegenden Pläne, die Welt zu bereisen und zu studieren, fallen lassen und die kleine Bausparkasse »Building and Loan« übernehmen. Privat findet er sein Glück mit seiner Jugendliebe Mary, doch beruflich gibt es immer wieder Rückschläge, und alle anderen scheinen an ihm vorbeizuziehen. Sein kleiner Bruder, dem er einst das Leben rettete, wird zum Baseball-Star und zum Flieger-Ass, sein bester Freund schwimmt in Geld und besitzt mehrere Fabriken. Seine Hochzeitsreise fällt aus, weil er das Geld in der Wirtschaftskrise braucht, um die Kunden seiner Bausparkasse zu bedienen.
 
Und dann ist da noch sein Gegenspieler: Mr. Potter, Besitzer von Mietskasernen, Banken und vielem mehr in Bedford Falls, hartherzig, gierig, nur auf Profit orientiert – unser Archetypus. George ist mit seiner Bausparkasse Potter ein Dorn im Auge. Denn George ermöglicht den ärmeren Menschen, sich ein Eigenheim zu bauen und aus Potters Mietskasernen auszuziehen. Doch dann passiert das Unglück: Die »Building and Loan« muss Potter 8000 Dollar zurückzahlen, und Georges Onkel verliert das Geld – und das zu Weihnachten. Die Pleite droht, George verzweifelt und will sich umbringen; wünscht sich gar, er hätte nie gelebt. Doch der Himmel schickt George einen Engel, um ihn zu retten.
 
Jochen Krümpelmann

Empfehlenswerte Weihnachtsfilme
Ist das Leben nicht schön? ZDF, 25. 12., 0.35 Uhr, auf DVD erhältlich.
Der kleine Lord ARD, 23. 12., 20.15 Uhr und 24. 12., 13.15 Uhr sowie in mehreren dritten Programmen.
Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, mehrere Verfilmungen zum ­Beispiel: Die Geister, die ich rief, Kabel 1, 26. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich, modernisierte Fassung der Geschichte Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte, Das Vierte, 24. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Schöne Bescherung, Vox, 24. 12., 20.15, auf DVD erhältlich.
Der Polarexpress, RTL, 25. 12., 16.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Noch ein Tipp: Ähnlich wie zu Silvester »Dinner for one« genießt bei vielen zu Weihnachten Loriots Sketchsammlung »Weihnachten bei Hoppenstedts« Kultcharakter, WDR, 26. 12., 17.40 Uhr.

Klopf noch einmal an

10. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie die Vorfreude auf Weihnachten Enttäuschung und Frust wettmachen kann.
 
Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal.  (Foto: Ullstein Bild)

Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal. (Foto: Ullstein Bild)

Klopf noch einmal …

Eigentlich reicht es mir in diesen Wochen vor Weihnachten. Genug Leute haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, eine Mauer auf dem Balkon errichtet, mir »die Wahrheit« ins Gesicht geschleudert.

Erhoffte neue berufliche Tore sind mir in diesem Jahr verschlossen geblieben. Wie oft wurden meine zur Versöhnung ausgestreckten Hände nicht ergriffen! Ich fühle mich erschöpft, verletzt, unverstanden, ausgegrenzt und – viel zu oft in letzter Zeit – auch wütend.

Zu gut verstehe ich Josef, wie Sarah Ann ihn bei den Proben zum Krippenspiel spielt. Sie stampft mit dem Fuß auf und brüllt in die Runde: »Weiß denn keiner hier was Schmerzen sind? Gibt es niemanden hier in dieser Stadt, der Mitleid mit uns hat?«

Da berührt ihn Maria (von Tina ­ergreifend gespielt, eine zurückhaltende, bescheidene Maria, die ganz in ihrer Rolle aufgeht) sanft am Arm und bittet flehend: »Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Und Josef überwindet seinen Zorn und bestimmt auch seinen verletzten Stolz und klopft noch einmal, ­demütig, an der letzten Herberge am Stadtrand. Und die Wirtin zeigt Verständnis und hat Mitleid mit dem Paar. Sie ­bietet ihnen, beteuernd, leider nicht mehr tun zu können (eine überzeugende Geste, wie Lisa die Arme vorstreckend, seufzt), immerhin den Stall an. Merkwürdigerweise ist Josef jetzt nicht mehr sauer: »Nun gut. Ein Stall ist besser als ein Quartier auf offener Straße. Wir werden schon zurechtkommen.«

Fügt er sich in sein Schicksal?

Ist er froh, wenigstens diese Unterkunft für seine Frau gefunden zu haben, die ausgerechnet jetzt dieses Kind – was hat er eigentlich damit zu schaffen – zur Welt bringen muss?

Wahrscheinlich weiß er, dass er das ihm im Augenblick Mögliche getan hat und kann darauf vertrauen, dass dies genug ist. Und dann ist er wieder in seiner Rolle, wie wir sie uns traditionell vorstellen, er bleibt sorgend und schützend im ­Hintergrund.

Warum rührt mich diese Szene so?

Dieses »klopf noch einmal« höre ich als Aufforderung. Es gab Situationen, in denen mich Gott bat: »Komm, klopf noch einmal. Suche noch mal das ­Gespräch, schreib eine Karte, verzichte doch mal auf dein Recht. Gib nicht auf. Versuche, aus dem, was sich aufgetan hat, das Beste zu machen. Denke nicht, es ist nur ein Stall, sondern denke, es ist besser als kein Dach über dem Kopf. Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Ich habe manches Klopfen gewagt, Jesus zuliebe. Damit es ein kleines Fleckchen Platz gibt für seine Ankunft in mir. Es ist mir beileibe nicht leichtgefallen, meine Enttäuschungen, meinen verletzten Stolz, meine Vorurteile zu überwinden. Es fühlt sich nicht großartig an, auf mein Recht zu verzichten, meinerseits um Vergebung zu bitten. Aber ich hab wenigstens noch einmal geklopft, Jesus zuliebe.

Manchmal geht es mir wie Josef, plötzlich erscheint mir der zu guter Letzt noch zugewiesene Stall als eine akzeptable Alternative.

Diese vermeintlich zweitschlechteste Wahl, erweist sich als gerade richtig. Denn was dann zu Weihnachten nachts im Stall passiert, ist nicht nur staunenswert, es ist froh machend und alles verändernd.

So will ich nicht rumjammern, weil ich ihm werde keinen Palast anbieten können. Wenn er kommt, wird wieder nur eine winzige Krippe in meinem Herzen stehen. Ärmlich. Und doch kann ich darauf vertrauen: Die Krippe reicht ihm, um bei mir anzukommen.

Ja, ich klopfe noch einmal, das heißt, ich schreibe diese zwei Weihnachtskarten, von denen ich bis vorgestern dachte, schade ums Papier.

Wer weiß, vielleicht öffnet sich eine Tür.

Petra Ng’uni

Statt Tanne eine Casuarina

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. 	Foto: LMW

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW

Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.

Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.

Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.

Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das ­Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.

Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.

Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Von Ute Penzel

Gott ist da, er lässt dich nicht allein

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten lässt sich nicht ignorieren. Überall ist es präsent, auch auf unserem kleinen Markt vor meiner Lieblingsbibliothek: »Madame, nur ein Euro, dass ist geschenkt!«, strahlt mich der junge, dunkelhäutige Verkäufer an.

Foto:  Harald Krille

Foto: Harald Krille

Kleinigkeiten zu Weihnachten: Klebeband, Tischschmuck, bunte Karten. Ach, ja, Tannenzapfen für den Weihnachtsbaum wie zu Omas Zeiten. Ich habe keinen Weihnachtsbaum, trotzdem kaufe ich, weil die Dinge mich an das Weihnachten meiner Kindheit erinnern. Und so leuchtet für nur ein Euro die Vergangenheit in mir auf.
Alle Jahre wieder die gleichen Rituale: Wohnung herrichten, Märchen schauen. Wenn sich dann die Fenster der gegenüberliegenden Plattenbauten ins Weihnachtslicht tauchen, zünde auch ich meine Kerzen an, höre leise Musik, öffne bei duftendem Kaffee meine gesammelte Weihnachtspost und fühle mich verbunden mit den Menschen, die anderswo ihr Weihnachten feiern.

Nur in diesem Jahr bekam ich nichts so richtig in die Reihe. Meine Wohnung wollte sich nicht schmücken lassen, die Rituale hatten ihre Kraft verloren und Weihnachtsharmonie stellte sich nicht ein.
So war mir ein Anruf, ob ich mit in die Kirche fahren möchte, sehr willkommen. Meistens fällt es mir schwer die Wohnung zu verlassen, wenn ich mich einmal gemütlich eingerichtet habe. So aber dachte ich: Vielleicht ist Weihnachten diesmal für mich vor der Tür.

In den großen Kirchen ist Heiligabend kaum Platz, zu viel Gedränge, zu wenig Raum für Andacht. Also ­entschieden wir uns für eine kleine Gemeinde mitten in Berlin. Die kleine Kirche steht zwischen Berliner Altbauten – Mietshäuser mit Problemfamilien. Sie sah aus wie ein Zweifamilienhaus, dessen Tür weit ­geöffnet und hell beleuchtet ist. Der Innenraum strahlte Wärme und Geborgenheit aus, erinnerte an die gute Stube mit dem großen Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsstern.

Der Gottesdienst begann und ich sang voller Freude die mir vertrauten Lieder, lauschte dem Chor, summte leise mit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Blick ging zum Weihnachtsstern, zu den großen mit Lichtern geschmückten Fenstern. Diese gaben die Sicht zum Berliner Innenhof frei: Beleuchtete Küchen, hinter denen vermutlich die letzten Handgriffe für das Abendbrot getan werden, Treppenhäuser im Halbdunkel, die sich ab und zu erhellten.

Plötzlich in diese Andacht hinein drei Kanonenböller, mitten hinein in den Hofschacht. Sichtbar erschrocken sangen alle tapfer weiter, die Blicke fest auf den nun wieder im Dunkeln liegenden Hofschacht gerichtet. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Und noch einmal knallte es dumpf. Der Pfarrer war zur Predigt ans Pult getreten. Man konnte auch in seinem Gesicht Beunruhigung erkennen. Ein Mädchen in einem Rollstuhl, körperlich und geistig behindert, wurde vom Vater hinausgefahren.

Ich dachte verzagt: Wo ist mein Glaube, wenn plötzlich die Harmonie gestört ist? Davongeflogen wie ein erschreckter Vogel??

Noch immer schaute ich ängstlich zur Fensterfront. Was ist das für ein Glaube, der in Gefahr davonfliegt? In meine Zweifel hinein hörte ich die leicht verunsicherte Stimme des Pfarrers: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst, er ist da! Er lässt dich nicht allein.« Ich staunte. Die Worte klangen für mich wie eine Antwort von Gott. Langsam wurde ich ruhiger. Auf der Rückfahrt sprachen wir darüber, wie erschrocken alle über das laute Knallen waren. Anschließend besuchte ich eine ­ältere Dame in unserem Haus. Sie lebt ebenso allein. Wir aßen zusammen Abendbrot und sangen Weihnachtslieder aus ihrer Erinnerung.

Als ich am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag, erwachte, hatte ich das Gefühl, Weihnachten sei nun doch auch bei mir eingekehrt. Wieder fielen mir die Worte des Predigers ein: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst. Er ist da! Er lässt dich nicht allein.«

Margarete Noack