Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Hoffnungslos optimistisch

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schimon Peres: »Keine Sorge, ich werde nicht vergessen zu sterben!«, sagte der vor Vitalität sprühende 90-jährige Präsident des Staates Israel vor drei Jahren zu Journalisten. Sein starrsinniger Optimismus war zu allem bereit – außer, sich den finsteren Realitäten des Nahen Ostens zu beugen.

Die Frage, ob er sich von Jassir Arafat hintergangen fühle, dessen Hand er zum Abschluss der Verträge von Oslo geschüttelt hatte – und der im Rückblick bewiesenermaßen gleichzeitig den Terror gegen Israel geschürt hatte –, wischte Peres unwirsch vom Tisch: »Fragen Sie Arafat!« Die Provokation, wie er angesichts des Hasses auf sein Volk so zuversichtlich in die Zukunft sehen und so ungebrochen auf eine bessere Zukunft zuarbeiten könne, beantwortete er in dunkelster Zeit mit den Worten: »Ich habe keine Alternative!«

Jetzt hat sich Israels Profi-Optimist dem Zwang der Natur gebeugt und sein Versprechen, das Sterben nicht zu vergessen, eingelöst: In der Nacht vom 27. auf den 28. September ist Schimon Peres im Alter von 93 Jahren nach einem Schlaganfall und kurzer, schwerer Krankheit verstorben.

Schimon Peres war definitiv der bekannteste und weltweit beliebteste Israeli. Seit 1959 gehörte er der Legislative des Staates Israel an und war damit der am längsten amtierende Parlamentarier des jüdischen Staates. Die Politkarriere des polnisch-stämmigen Sozialdemokraten erstreckte sich über sechs Jahrzehnte. Mit Peres verabschiedete der jüdische Staat den letzten Profipolitiker seiner legendären Gründergeneration.

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Am 2. August 1923 wurde Szymon Perski in Wiszniew, das heute in Weißrussland liegt, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seinen Eltern in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Seitdem er 1948 politischer Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion war, hatte Schimon Peres praktisch alle hohen politischen Ämter des Staates Israel inne. Im Alter von 29 Jahren war er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, zweimal Premierminister, dreimal Außenminister, zuletzt – von 2007 bis 2014 – Staatspräsident.

Peres wird als »Vater des israelischen Atomprogramms« gehandelt und zog bei einigen der spektakulärsten Militäraktionen Israels, wie etwa der Befreiungsaktion von Entebbe 1976, im Hintergrund die Fäden. Gleichzeitig war er Meister der Geheimdiplomatie, entscheidender Motor des Prozesses von Oslo und erhielt für den Handschlag mit PLO-Chef Jassir Arafat auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus in Washington im September 1993 gemeinsam mit Jassir Arafat und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. Allerdings wurde er von seinen eigenen Leuten dafür auch als »Verbrecher von Oslo« beschimpft.

In Israel ist Schimon Peres als notorischer Träumer bekannt und wurde für seinen »Neuen Nahen Osten« oft verhöhnt. Als frisch gewählter Staatspräsident verkündete er, dass er in seinen 48 Jahren in der Knesset »keinen Augenblick die Hoffnung verloren« hätte. Hoffnung zu vermitteln, sah er auch im hohen Alter als eine seiner vornehmsten Aufgaben. So ließ er es sich auch noch als Ex-Präsident mit über 90 Jahren nicht nehmen, in einem humorvollen Videoclip mit seiner Enkeltochter auf Job-Suche zu gehen und sich etwa als Tankwart filmen zu lassen.

Dabei war das beharrlichste Urgestein der israelischen Politik vor allem als »Loser«, als Verlierer, bekannt. Schimon Peres hatte bis zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten am 13. Juni 2007 nie eine Wahl gewonnen. Journalisten witzelten hinter seinem Rücken: »Wir wissen nicht, was im Jahr 2050 sein wird – außer, dass es Wahlen geben und Schimon Peres verlieren wird.« Was wohl als Beweis dafür gelten muss, dass Journalisten schlechte Propheten sind und Träumer manchmal auch nach langer Zeit noch Erfolge erzielen.

Eine der beharrlichsten Journalistenfragen, die den hochbetagten Staatsmann in den vergangenen Jahren begleitete, war wohl die, wann er denn endlich in Rente gehen wolle. In Krisenzeiten hatte er darauf mit nachdenklichem Ernst geantwortet: »Solange ich meinem Volk helfen kann, stehe ich zur Verfügung.« Mit Bravour gelang es Peres, das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in das Amt des Präsidenten wiederherzustellen, nachdem sein Vorgänger, Mosche Katzav, wegen Vergewaltigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Im letzten Abschnitt seines Lebens erwies er sich als großer Staatsmann, indem er das chronisch zerstrittene Volk seines Landes auf souveräne Weise einte. Außenpolitisch war Peres definitiv der erfolgreichste Repräsentant des so vielfach angefeindeten und verleumdeten Staates Israel.

Peres war nicht nur Politiker. Er war belesen und hat Gedichte verfasst. Nicht zufällig zählten die Schriftstellerin Simone de Beauvoir und andere Literaten zu seinen engsten Freunden. Im äußerst korruptionssensiblen und skandalbewussten Israel konnte ihm, im Gegensatz zu anderen Politikern, nie Geldgier, Korruption, unlautere Nähe zu Millionären oder Wirtschaftsmagnaten vorgeworfen werden. Auch Frauengeschichten werden über Peres nicht erzählt.

Sein Privatleben hat Schimon Peres mit Erfolg vor der Öffentlichkeit versteckt. Seine Frau Sonja, die im Januar 2011 im Alter von 87 Jahren verstarb, hielt sich beharrlich im Hintergrund und verweigerte sich auch dann noch dem Rampenlicht der Öffentlichkeit, als ihr Mann Staatspräsident wurde. Peres hinterlässt eine Tochter namens Zvia, sowie zwei Söhne, Jonathan und Nehemia, und sechs Enkel.

Johannes Gerloff

Videoclip mit Peres auf Arbeitssuche (mit deutschen Untertiteln) im Internet:

www.youtube.com/watch?v=__7b9O8k1tw)

Wenn Panik(mache) überhand nimmt

6. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Der Anschlag von Boston und die zwiespältige Diskussion um Terrorismus und Sicherheit

Vor knapp drei Wochen ­explodierten beim Boston-Marathon zwei Bomben. Die Täter wurden schnell gefasst. Doch die Diskussion um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit ist noch lange nicht beendet.

Wer schon länger lebt in der US-Hauptstadt, erinnert sich gut und mit ungutem Gefühl an den »Washington Sniper«, den Scharfschützen von Washington. Es war eine beunruhigende Zeit, damals im Oktober 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon: Jemand schoss mit nicht erkennbarem Muster und aus großer Entfernung auf Menschen in Washington und Umgebung. Auf ­einen Gärtner beim Rasenmähen, eine junge Frau in einer Bushaltestelle, mehrere Menschen beim Auftanken ihrer Autos, einen Jungen auf dem Schulweg, eine Frau nach dem Einkauf im Baumarkt. Drei Wochen ging das. Zehn Menschen kamen ums Leben, drei wurden verletzt.

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Die Polizei nahm John Allen Muhammad (40) fest und dessen Helfer, den 17-jährigen Lee Boyd Malvo. Die beiden hatten aus dem umgebauten Kofferraum ihres PKWs geschossen. Die bekannt gewordenen Motive waren kaum nachvollziehbar. Bei Muhammad anscheinend ein diffuser Hass, angereichert mit Verschwörungsthesen und gemischt wohl mit psychischen Problemen. Bei Malvo ­offenbar extreme Loyalität zu der manipulierenden Vaterfigur. Muhammad wurde zum Tod verurteilt und 2009 hingerichtet, Malvo verbringt den Rest seines Lebens in Isolationshaft.

Der »Washington Sniper« machte große Angst, weil er seine Opfer anscheinend so willkürlich aussuchte. »Unschuldige Opfer«, heißt es oft in den Medien – als ob Opfer eines ­Mordes auch schuldig sein könnten. Die drei Bombenopfer beim Boston-Marathon, der achtjährige Martin ­Richard, die Restaurant-Managerin Krystle Campbell (29) und die Studentin Lu Lingzi (23) starben bei einem Sportfest. Den Tätern war es egal, wen sie töteten. Ziel war offenbar, möglichst viel Blutvergießen anzurichten.

Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie damit leben will, dass es trotz aller polizeilicher Arbeit keine absolute Sicherheit gibt. Vor allem, wenn es um den »Terrorismus« geht. Mit diesem Begriff hat man freilich Probleme in den USA. Der »Sniper« galt nicht als Terrorismus-Fall. Ebenso ­wenig vergangenen Dezember das Massaker an der Schule in Newtown in Connecticut mit 26 Toten; da sprach man von einem Amokläufer. Oder das Morden eines weißen Rassisten in einem Sikh-Tempel in Ohio im August 2012 mit sechs Toten. Der Anschlag auf den Boston-Marathon aber schon. Da waren Muslime mit ausländischen Hintergrund tätig gewesen.

Und dann droht in den USA der Verlust der Verhältnismäßigkeit. Der 11. September 2001 hat US-Amerikaner bewegt, zu Hause weitreichende Überwachung hinzunehmen. Im Namen der Terrorismusbekämpfung sind bei Kriegen im Ausland Hunderttausende Menschen umgekommen. Präsident Barack Obama hat nun Besonnenheit signalisiert. Doch bei der Verfolgungsjagd wurde eine Millionenstadt dicht gemacht. An die zehntausend Polizisten waren im Einsatz, über Twitter und im Internet konnte der Bürger sich an der Suche betei­ligen. »Sicherheitsexperten« warnen, das Modell des Anschlags werde Schule machen.
Rund 30000 Menschen kommen jedes Jahr in den USA durch Schusswaffen ums Leben. Doch die nach dem letzten Schulmassaker mit viel präsidialem Elan angegangenen Schusswaffenkontrollgesetze sind diesen Monat im Kongress gescheitert.

Konrad Ege