Im Wechsel der Zeiten

1. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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70 Jahre Wartburg Verlag

Ins Leben gerufen in der Nachkriegszeit, durchgehalten im real existierenden Sozialismus und behauptet in der Marktwirtschaft: So lässt sich die Geschichte des Wartburg Verlages auf den Punkt bringen, der vor 70 Jahren von Max Keßler in Jena gegründet wurde. Zunächst als kaufmännischer Leiter der Universitätsdruckerei Neuenhahn tätig, widmete sich Keßler mit seinem jungen Unternehmen der Veröffentlichung christlichen Schrifttums. Bei der Wahl des Verlagsnamens folgte er einem Wunsch des thüringischen Landesbischofs Moritz Mitzenheim.

Erstes Produkt war der »Christliche Hauskalender«, von dem 50000 Hefte verkauft wurden und für ein solides Startkapital sorgten. Der Verlag übernahm die Herausgabe der evangelischen Wochenzeitung »Glaube und Heimat«, deren Wiedergründung die sowjetische Militäradministration im Februar 1946 in einer Auflage von 80000 bis 100000 Exemplaren genehmigt hatte.

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Dass es Max Keßler gelungen war, noch in der sowjetischen Besatzungszone einen Privatverlag zu gründen, erwies sich gerade in Zeiten des »real existierenden Sozialismus« als Geniestreich. Der Wartburg Verlag brachte Kleinschriften ebenso heraus wie kostbare Bildbände. Da Keßlers Tochter Hiltrud keine Gewerbegenehmigung erhielt, verwandelte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 1987 den Verlag in eine »Verlegerische Arbeitsstelle«, um weitere Publikationen zu ermöglichen. Nach der »Friedlichen Revolution« erfolgte im Oktober 1990 die Gründung einer Wartburg Verlag GmbH, in der die Landeskirche und der Quell Verlag Stuttgart Gesellschafter waren. Zu einem gravierenden Einschnitt kam es, als 1997 der Buchverlag einschließlich der von ihm herausgegebenen Evangelischen Gesangbücher für Thüringen an den Quell Verlag veräußert wurde. Als dieser 1999 in die Insolvenz ging, mussten die Gesangbücher mit einem landeskirchlichen Kredit zurückgekauft werden. Aus dem Weiterverkauf von Wartburg-Titeln aus der Insolvenzmasse gelang es Geschäftsführerin Barbara Harnisch, ein Startkapital von 50 000 DM für den wiedererstandenen Buchverlag zu erwirtschaften. Seither werden wieder jährlich 12 bis 15 Titel herausgebracht, wie z. B. »Brot und Rosen« (2006) über die heilige Elisabeth oder das Reisebuch »Unterwegs zu Luther« (2016). Die 2000 gestartete »Edition Muschelkalk« umfasst 45 Bände mit Autoren wie Lutz Rathenow, Wulf Kirsten und Hanns Cibulka. »Als Verlegerin darf ich kluge Ideen kreativer Köpfe in schöne Bücher gießen. Das macht jeden Tag wieder Spaß«, zieht Barbara Harnisch heute Bilanz.

Michael von Hintzenstern

Dieser Streifen am Tier

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Katrin Marie Merten

Den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, mag ich am liebsten. Sie ist immer kühl, diese Bahn, ich streiche mit dem Zeigefinger von der Nasenwurzel an aufwärts oder berühre das Tier kurz mit den Lippen zwischen den Augen wenn ich ihm begegne, wie man im Vorübergehen den Arm hinstreckt, seine Fingerspitzen gleiten lässt über die raue Oberfläche einer Mauer, an der man entlanggeht, um ihre Unebenheit zu spüren, sie auf Wahrhaftigkeit hin zu prüfen.

Natürlich habe ich meine Lieblingsstelle an diesem Tier, wie ich sie an jedem Menschen finde: Sei es eine besonders dunkle Sommersprosse oberhalb seines linken Mundwinkels, die wie ein Erkennungszeichen aus anderer Zeit Schönheit behauptet; ein Grübchen, das sich erst beim Lachen zu erkennen gibt oder die Art eine Augenbraue über Gebühr in die Höhe zu ziehen als Zeichen für Skepsis, und Skepsis gefällt mir immer.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Bei dem Tier aber ist es anders. Jeden Tag gehe ich meinen Weg und es folgt. Es folgt mir ungefragt zu jedem Ziel und wieder zurück nach Haus, zu einem zu Hause, das ich selbst nur durch die Begleitung des Tieres als mein zu Hause erkenne. Jeden Abend kurz vor Mitternacht trage ich es hinunter, all die Stufen, all die Etagen. Ich trage schwer daran, das Tier hat ein hohes Gewicht.

Jede Nacht schlafe ich halb nur, denn das Tier dreht sich in seinem Korb – rechtsherum, linksherum, wieder und wieder zurück und die Weidenäste rund um seinen Körper biegen sich quietschend. Jeden Morgen stehe ich auf, bin müde. Ich dusche und trockne mich ab, kleide mich an, schaue für Sekunden nur in den Spiegel, bestreiche mein Brot mit Butter, Pflaumenmus, nehme es auf die Hand und gehe hinunter, das Tier muss auf die Erde. Es hat keine Scheu vor Boden jeder Art, es braucht ihn, immer.

Das Tier schmiegt sich an Graswiesen, Asphalt, Beton, als wäre es weicher Stoff. Bleibe ich länger an einem Ort, etwa auf Arbeit, in Cafés und U-Bahnen, auch an Bahngleisen, in Warteschlangen, in Einkaufscentern oder in fremden Wohnzimmern, beginnt das Tier seinen Schlaf: Es überdehnt seinen Körper, sodass es von oben gesehen zum Halbmond sich fügt.

Häufig liegt das Tier bald rücklings und streckt seine Bauchkuhle der Welt entgegen. Es hat keine Scheu vor dem Abgleiten, nicht vor dem Übertreten in eine andere Welt, nicht vor der Schwelle dazwischen und auch nicht vor Verletzung.

Bleibe ich einem Menschen fern, sitzt das Tier unter meinem Stuhl und wartet auf Frieden. Grüße ich einen Freund, springt es ihm quer über die Straße oder durch jeden anderen Raum freudig entgegen. Manchmal im Traum bewegt das Tier seine Pfoten als würde es laufen. Ich wünsche es dann noch mehr als sonst auf eine Wiese mit Gänseblumen oder getreidehohem Gewächs. Ist aber niemand im Raum, wird es zum Halbmond. Dann sitze ich Stunden und schaue ihm zu, als würde es ein Kunststück vollführen.

Wenn das Tier dann ganz still bleibt, warte ich weiter. Ich warte auf einen, der kommt und mich und das Tier noch über das nächste Taglicht hinaus begleitet. Ich warte auf einen, der, wie von selbst, den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, nach oben streicht.

Aus: Merten, Katrin Marie: Rückwärtslaufen. Erzählungen, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-335-1, 11 Euro

Gottes Wort – klar und einfach

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Türen öffnen: Mit leichter Sprache Menschen mit Lernschwierigkeiten die Frohe Botschaft vermitteln

Dass sich für alle Menschen eine Tür zum Glauben öffnet, ist Anliegen des Erfurter Büros für Leichte Sprache.

Um Gottes Wort hören, lesen und erfassen zu können, dazu bedarf es der Sprache. Sie ist eine Tür für den Glauben. Doch es gibt Menschen, die haben Mühe, die Bibel, Andachten, Predigten, die theologische Rede über Gott zu verstehen: Zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Seh- und Hörschwächen, alte Menschen, Demenzkranke oder Migranten. Durch komplizierte Texte bleiben ihnen Informationen verschlossen, woraus Benachteiligungen entstehen können. Auch die Entscheidung für Gott, für den Glauben ist von der Sprache abhängig. Wer die Geschichten der Bibel oder Pfarrer nicht versteht, dem kann der Zugang zum Glauben fehlen.

Das Büro für Leichte Sprache in Erfurt, ein Angebot des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD), will für Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen: mittels »Leichter Sprache«. Das heißt komplizierte, also für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwer verständliche Texte werden in die Leichte Sprache übersetzt. Kein leichtes Vorhaben, im Gegenteil, teilweise schwere Arbeit, so Nancy Brack, Jahrgang 1980, die Leiterin des Büros. Sie studierte Erziehungs- und Rechtswissenschaften, promovierte zum Thema »Wirklichkeitskonstruktion von Menschen, die von ihrer Umwelt als ›geistig behindert‹ bezeichnet werden«. Im 13-köpfigen Team des Erfurter Büros arbeiten zehn Menschen mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten als Prüferinnen und Prüfer. Sie sind die Experten für Leichte Sprache, sie prüfen, ob Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verstehen sind.

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Sabine Juppe, Jahrgang 1968. Wenn sie Nachrichten hört oder liest, erfasst sie oft nicht den Inhalt der Worte, entweder weil zu schnell gesprochen wird oder die Sätze zu kompliziert sind. Als Kind sei ihre linke Gehirnhälfte ausgefallen, sie litt unter schweren Anfällen. »Ich kann zwar gut logisch denken«, sagt sie. Aber Lesen fällt ihr schwer.

Heiko Schneider, Jahrgang 1967. Wenige Tage nach der Geburt bekam er epileptische Anfälle, in deren Folge sein Sehnerv abgestorben ist. Lesen bereitet ihm Probleme, zusätzlich erschwert durch die eingeschränkte Sehkraft.

Ute Koch, Jahrgang 1966. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt wurde ihr Gehirn geschädigt, sie kann lesen und schreiben, jedoch nicht rechnen.

Die drei arbeiten in den Erfurter Werkstätten des CJD, betraut etwa mit Aufgaben wie Verbandsmaterial in Schachteln zu verpacken. Und sie sind Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache. Wöchentlich kommen sie für zwei Stunden in das Erfurter Büro, um Texte auf Verständlichkeit zu testen. Ein Ergebnis ihrer Bemühungen liegt nun als Buch vor: »Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache«. Es soll Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen für Gottes Wort.

Am Anfang standen Fragen: Wie kann man christlichen Menschen mit Förderbedarf ermöglichen, eine Andacht besser zu verstehen? Welche Texte eignen sich? Pfarrer Christoph Victor, tätig im Diakonischen Werk Mitteldeutschland, stellte den Initiatoren die Manuskripte seiner im Rundfunk gehaltenen Andachten zur Verfügung. Diese wurden den Prüferinnen und Prüfern vorgelesen, sie durften auswählen, welche der Andachten ihnen besonders gut gefielen und deshalb in das Buch aufgenommen werden sollten. Zehn Prüfer, Christen und Nichtchristen, waren an der Entscheidung beteiligt. Es sei heftig diskutiert worden, erzählt Nancy Brack. Über Gott und das Leben, darüber, wo Gott war, als dies oder das passierte, wann er half oder wann nicht. Viele Wochen dauerte dieser Prozess. Die nach Meinung der Prüfer schönsten Andachten fanden Eingang in das Buch. Nachdem die Texte ausgewählt worden waren, machte sich Nancy Brack an die Arbeit, die in sogenannter schwerer Sprache verfassten Andachten in Leichte Sprache zu übersetzen. Etwa 40 Regeln habe das Netzwerk für Leichte Sprache aufgestellt. Kriterien für gute Lesbarkeit sind Schriftgröße und Zeilenabstand. Die Sätze sollten kurz sein und keine fremden Worte enthalten. Die allerwichtigste Regel: Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die Experten. Sie prüfen, ob die Texte gut zu verstehen sind. Die von Nancy Brack übersetzten Andachten nahmen die Prüferinnen und Prüfer wieder »unter die Lupe«. Sie strichen an, was ihnen unverständlich war, kritisierten, was ihnen nicht gefiel, suchten hier und dort nach einer anderen Formulierung. Zum Schluss überlegten alle noch, welche Bilder zu den Texten passen könnten. Viele Ideen lagen auf dem Tisch. Die zum Team gehörende Grafikerin Katharina Magerl illustrierte die Geschichten – klar und farbenfroh. Entstanden ist ein ansprechendes Buch mit »schönen Gedanken über Gott«. Welches Anliegen und welche Hoffnung die Macher mit diesem Projekt verbinden, klingt in Leichter Sprache so: »Jeder Mensch soll Texte über Gott verstehen. Deshalb sind Texte über Gott in Leichter Sprache wichtig. Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb brauchen die Menschen verschiedene Türen zu Gott. Mit diesem Buch wollen wir Türen öffnen.«

Sabine Kuschel

www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Victor, Christoph; Brack, Nancy: Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-267-5, 14,80 Euro

In gutem, verständlichem Deutsch geschrieben

21. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Buch »Martin im Sturm« erklärt auf kindgemäße Weise, was Reformation bedeutet

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Nach der Erzählung »Martin sucht die Freiheit« von 2010 legt Andreas Müller nun erneut ein Kinderbuch über Martin Luther vor: »Martin im Sturm«. Die Erzählung spielt im Winter 1521/22. Der zwölfjährige Martin aus Luthers Geburtsort Möhra fährt als Gehilfe des alten Zunderkurt, der Feuerschwämme verkauft, nach Wittenberg und gerät dort in die Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der alten und der neuen christlichen Lehre sowie in die Streitigkeiten innerhalb von Luthers Anhängern. Luthers Predigten gegen die Bilderstürmer und der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt sind die geistlichen Höhepunkte von Martins Aufenthalt in Wittenberg. Die Stadt erscheint ihm wie ein »aufgescheuchter Hühnerstall«, »lauter aufgeregte Menschen«. Auf kindgemäße Weise wird erklärt, was Reformation bedeutet. Der Student Lukas, dem Martin sich anschließt, geht von der Bedeutung des Wortes »Re-Formation« aus. »Wir sollen alles in der Kirche so zurückformen, wie es Jesus gewollt hat. Alles Gold und Geld muss den Armen gegeben werden, denn Jesus und seine Freunde waren arm. Und einen Papst in Rom muss es nicht geben, und Götzen brauchen wir auch nicht. ­Re­formation ist viel Arbeit und Streit und viel Neues, was aber längst in der ­Bibel geschrieben steht.«

Martin entgegnet: »Und ich dachte, Reformation heißt nur, dass man keine Angst mehr zu haben braucht, weil vor Gott alle gleich sind. Und dann dachte ich noch, dass man sich frei fühlt, wenn man keine Angst mehr hat. Ich dachte, Reformation heißt, mutig sein und fromm.«

Im Unterschied zu der früheren Erzählung liegt hier der Schwerpunkt auf dem geistigen und geistlichen Verstehen von Reformation. Die Handlung ist wieder farbig, in sich stimmig und interessant, wenngleich nicht ganz so spannend. Aber das liegt am Stoff, der sowohl dem zwölfjährigen Helden als auch den Lesern ab etwa zehn Jahren Reflexion und Interesse an Geschichte und existenziellen ­Problemen abverlangt. Aber gerade Kinder stellen ja die entscheidenden Fragen nach Tod und Leben.

Christian Badels teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen werden die Kinder erfreuen. Empfehlenswert ist das Buch noch aus einem anderen Grund: Es ist in einem guten, verständlichen, dem Stoff und den Lesern angemessenen Deutsch geschrieben.

Jürgen Israel

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag, 68 S., ISBN 978-3-86160-253-8, 14,80 Euro