Ein Opfer, das Leben bringt

8. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Warum Jesu Sterben mehr ist als das anderer Unschuldiger – im Gespräch mit dem früheren Methodisten-Bischof Walter Klaiber


Um die Frage, warum Jesus Christus gekreuzigt wurde, gibt es immer wieder Streit. Volker Kiemle sprach darüber mit dem ehemaligen Bischof der methodistischen Kirche, Walter Klaiber.

Herr Klaiber, warum wird über die Bedeutung des Todes Jesu gestritten?
Klaiber: Zum einen ist für uns manches Denkmodell, mit dem der Tod Jesu im Neuen Testament erklärt wird, fremd geworden. Wir kennen etwa Opfer nur noch im übertragenen Sinn – die Vorstellung, dass durch das Opfer eines Tieres etwas bewegt wird, können wir nicht nachvollziehen. Zum anderen haben wir eine Tradition, die diese Botschaft oft ziemlich verzerrt dargestellt hat und wo Aussagen falsch zitiert werden.

Walter Klaiber, Jahrgang 1940, leitete von 1989 bis 2005 als Bischof die Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland. Der promovierte Theologe war zudem von 1999 bis 2009 Präsident der Deutschen Bibelgesellschaft. – Foto: EmK

Walter Klaiber, Jahrgang 1940, leitete von 1989 bis 2005 als Bischof die Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland. Der promovierte Theologe war zudem von 1999 bis 2009 Präsident der Deutschen Bibelgesellschaft. – Foto: EmK

Worin besteht die Verzerrung?
Klaiber: Es ist etwa immer wieder von dem zornigen Gott die Rede, der nur dadurch vergeben kann, indem er seinen eigenen Sohn opfert. Damit wird der Gott Israels mehr oder weniger anderen Göttern gleichgesetzt. Das ist weder die Denkweise des Alten noch die des Neuen Testaments. Vielmehr sind Sühneopfer Zeichen und Handlungen, die die Menschen brauchen, damit ihr Leben untereinander und mit Gott wieder in Ordnung kommt. Gerade durch das Sühneopfer schenkt Gott Vergebung.

Das könnten die Menschen doch aber auch ohne Gott miteinander ausmachen …
Klaiber: Das ist der Knackpunkt: In unserem Bewusstsein hat Schuld nur in der Beziehung zu anderen eine Bedeutung. Und wir meinen, mit dem Satz: »Ich vergebe dir«, sei es geschehen. Doch das Alte Testament sieht in der Schuld mehr: eine Art Gift, die das Leben der Gemeinschaft zerstört. Diese Lebensvergiftung wird durch das Sühneopfer beseitigt. Das brauchen die Menschen – Gott braucht das nicht.

Was bedeutete der Tod Jesu für die ersten Christen?
Klaiber: Sie standen unter Schock und hatten keine fertige Theorie. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen hat in ihnen das Bewusstsein geweckt, dass in diesem Tod ein tieferer Sinn liegen musste. Sie haben sich dann an entsprechende Andeutungen Jesu erinnert und im Alten Testament nach Spuren gesucht, die etwas über diesen Tod aussagen konnten. Sie haben unterschiedliche Spuren gefunden, und das hat dann zu unterschiedlichen Deutungen geführt.

Welche Deutungen sind das?
Klaiber: Da ist etwa das Motiv des leidenden Gerechten: In der Geschichte Israels mussten immer wieder Propheten leiden oder wurden getötet, weil sie zur Sache Gottes standen. Dieses Modell greifen auch heutige Kritiker der Heilsbedeutung auf. Demnach ist der Tod des Gerechten vor allem Zeichen der Treue zur Sache Gottes. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das für die Gemeinschaft, für die sich diese Leute eingesetzt haben, nicht ohne Bedeutung ist. Zumindest ist es ein Signal umzukehren. Bis heute ist das Kreuz ein Zeichen dafür, dass sich Christus in die Ungerechtigkeit der Welt hineinbegeben hat.

Auf welchen Nenner lassen sich diese verschiedenen Deutungen bringen?
Klaiber: Unabhängig vom einzelnen Erklärungsmodell ist die Tatsache, dass Jesus diesen Tod auf sich genommen hat, ein starker Erweis der Liebe Gottes. Gott will uns damit bis in die Tiefe des Todes hinein nahekommen! Das macht Paulus im Schluss von Römerbrief, Kapitel 8, deutlich: Nichts kann uns von der Liebe Gottes scheiden.

Paulus bezeichnet das Wort vom Kreuz als »anstößig«. Warum?
Klaiber: Paulus zeigt, dass sich Gott in diesem Tod erniedrigt hat, um auch den Armen und Verachteten zu zeigen: »Ich bin ganz bei euch!« Damit ist das Kreuz auch ein Zeichen der Solidarität Gottes mit Menschen, die leiden müssen – und gleichzeitig eine Kritik an Menschen, die sich auf Kosten anderer groß machen. Diese Botschaft ist anstößig, weil sie letztlich vom Menschen auch fordert, die Zerbrochenheit der eigenen Existenz anzuerkennen, und gleichzeitig betont, dass Gott in diese Zerbrochenheit gekommen ist.

Sie sagen in Ihrem Buch »Jesu Tod und unser Leben«, von einer positiven Bedeutung des Kreuzestodes könne nur im Licht Ostern gesprochen werden. Was meinen Sie damit?
Klaiber: Man kann zwar die Tatsache, dass Jesus seinem Auftrag bis in den Tod treu geblieben ist, ebenfalls als positive Bedeutung seines Sterbens verstehen. Aber dass dieser Tod mehr ist als das Sterben vieler anderer unschuldig Ermordeter und dass Gott an ihm zum Heil der Menschen gehandelt hat, das erschließt sich erst aus der Gewissheit, dass Gott sich zu ihm und seinem Leiden bekannt und an ihm die lebendig machende Kraft seiner Liebe gezeigt hat.

Ist die Geschichte von der Auferweckung Jesu also mehr als eine symbolische Erzählung?
Klaiber: Für mich, ja. Die Jünger und Jüngerinnen sind bei den Erscheinungen des auferstandenen Jesus einer Wirklichkeit begegnet, die sie überzeugt hat, dass Gott in der Auferweckung Jesu schon an einer Stelle die Herrschaft des Todes durchbrochen und Leben für eine neue Welt geschaffen hat. Aber schon im Neuen Testament wird diese Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise beschrieben. Entscheidend sind nicht die Vorstellungen, die wir uns von ihr machen, sondern die Kraft die von ihr ausgeht.

Buchtipp
Klaiber, Walter: Jesu Tod und unser Leben, Evangelische Verlagsanstalt, 208 Seiten, ISBN 978-3-374-02845-0, 12,80 Euro