»Einmal Jesus Freak, immer Jesus Freak«

4. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview mit Martin Dreyer, dem Gründer der Jugendbewegung, über sein Leben und die Volxbibel

In Hamburg aufgewachsen, war Martin Dreyer (47) Punk, jobbte auf einem Containerschiff, diente als Zeitsoldat und war Straßenmissionar, wurde drogenabhängig und schaffte den Ausstieg. Er gründete mit den Jesus Freaks eine Jugendbewegung, der in Deutschland gut 2000 Mitglieder angehören, und veröffentlichte in einer jugendgemäßen Sprache die Volxbibel, an der im Internet jeder mitarbeiten kann. Nun legt er seinen Lebensbericht vor. Steffen Reichert sprach mit ihm.

Ihr Weg hat Sie zunächst zu den Jesus Freaks und nicht zur Amtskirche geführt. Warum?

Martin Dreyer

Martin Dreyer

Dreyer: Ich glaube, dass ich schon immer sehr zu Extremen geneigt habe. Mittelmaß hat mich nie zufriedengestellt. Insofern war dieser Weg mit Höhen und Tiefen eigentlich folgerichtig.

Auf dem Tiefpunkt Ihrer Drogensucht haben sich aber gerade die Jesus Freaks von Ihnen abgewandt. Das muss Sie unglaublich verletzt haben …
Dreyer: Aber das hat mich nicht davon abgehalten, in meinem Herzen weiter dieses Jesus-Freak-Gen zu tragen. Und viele Jahre später gab es eine wirklich echte Aussöhnung. Ich werde weiterhin eingeladen, übernehme Seminare und Workshops und habe immer noch eine Stimme in der Bewegung. Ich würde schon sagen: Einmal Jesus Freak, immer Jesus Freak. Wenn man einmal in dieser Bewegung gelebt hat, lässt einen das nicht mehr los.

Dieser Euphorie steht entgegen, dass die Amtskirchen immer mehr Mitglieder verlieren. Worauf führen Sie diese Schere zurück?
Dreyer: Ich persönlich glaube, dass die deutschen Staatskirchen wieder zu den Ursprüngen zurückmüssen. Politik ist wichtig, soziales Engagement ist wichtig. Aber was die Kirche mal ausgemacht hat, war Glaubensvermittlung. Wenn du auf der Suche nach Gott warst, bist du in die Kirche gegangen. Und heute gehen die Leute auf der Suche nach Gott in die Esoterik, ins Partyleben, sie meditieren, wollen Sinn durch Karriere oder durch Sport. Sie kommen gar nicht mehr auf den Gedanken, dass sie das auch in der Kirche finden können.

Mit der Volxbibel sind Sie in Hamburg und Leipzig, München und Berlin unterwegs. Gibt es unterschiedliche Reaktionen zwischen Ost und West?
Dreyer: Ja, zum einen: Es gibt ein Bildungsgefälle. Die Volxbibel kommt bei Haupt- und Realschülern viel besser an als bei Gymnasiasten, die sie oft als Pseudo oder als sprachlich unzureichend abtun. Und es gibt tatsächlich ein Ost-West-Gefälle. Im Osten kommt sie besser an, obwohl der Osten eigentlich unreligiöser ist. Aber da kommen mehr Leute, die sind begeisterter. Vielleicht ist auch einfach die Hemmschwelle für den Zugang niedriger.

Ist das Projekt Volxbibel ausgereizt oder wie weit lässt sich das treiben? Ihnen schwebt ja eine unter öffentlicher Beteiligung erarbeitete Version 100.0 vor …
Dreyer: Das kann man weiter vorantreiben, zumal es auch heute selbst im Religionsunterricht noch nicht durchgedrungen ist. Ich sehe regelmäßig im Internet, dass sich wieder eine Schulklasse an dem Text versucht hat. Da ist also Wachstumspotenzial. Was die Veränderungen der Versionen 2.0 zu 3.0 zu 4.0 angeht, so habe ich das Gefühl der Entschleunigung. Die Zeiträume werden immer länger. Das kann daran liegen, dass die aktuellen Fassungen gut sind, aber auch dass sich Sprache nicht so schnell verändert.

Wie reagieren die Amtskirchen mit ihren relativ festen Strukturen?
Dreyer: Es gibt mehr und mehr Anfragen – im Übrigen auch aus der katholischen Kirche –, von Gemeinden, die meine Predigten hören wollen und die Volxbibel in ihren Gemeindealltag integrieren. Aber es gibt auch gerade im freikirchlichen Bereich sehr viele Konservative bis hin zu Fundamentalisten, für die ich ein Kind des Teufels bin, die protestieren oder noch immer fordern, dass alle Volxbibeln vom Markt genommen werden.

Ihr Leben beschreiben Sie als eins zwischen Koks und Kiez, zwischen Containerschiff und Kirche. Wo sehen Sie sich heute?
Dreyer: Ich glaube an ein Leben in Wellenbewegungen, zumindest bei mir. Nun bin ich schon geraume Zeit oben auf der Welle und kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn es wieder nach unten geht. Ich habe ein ganz süßes Baby und eine tolle Ehefrau, ich bin gesund. Dennoch weiß ich auch durch meine Krisen, dass das nicht auf ewig garantiert ist. Und dieses Wissen macht mich sehr dankbar. Auch wenn ich inzwischen sehr ruhig geworden bin: Ich habe das Gefühl, dass es da noch irgendwas geben wird. Erst die Jesus Freaks, dann die Volxbibel – das war alles total krass und intensiv. Ich glaube, dass da noch was Drittes kommt, was Gott durch mich starten will. Ohne heute zu wissen, was es ist.

Martin Dreyer: Jesus-Freak. Leben zwischen Kiez, Koks und Kirche, Pattloch Verlag, ISBN 978-3-629-02306-3, 320 S., 18 Euro