Wenn die Eltern pflegebedürftig werden

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflege im Alter: Angehörige in der Spannung zwischen eigenem Anspruch und Grenzen sowie den Erwartungen der Umwelt

Du sollst Vater und Mutter ehren, sagt das vierte Gebot. Doch was heißt das, wenn die Eltern rund um die Uhr Betreuung brauchen? Dazu einige Ratschläge.

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Gabriele Müller (Name geändert) ist hin- und hergerissen: Seit fünf Jahren schaut die 54-Jährige zweimal am Tag nach ihrem Vater, der nur zwei Häuser weiter im Ort wohnt. Der 86-Jährige braucht Hilfe beim An- und Ausziehen, ansonsten kommt der Witwer noch gut alleine zurecht. Das Mittagessen, das ihm die Tochter mitbringt, kann er sich selbst warm machen. Doch seit ein paar Tagen geht vieles nicht mehr so wie früher: Der Vater vergisst manchmal sein Essen, gestern Abend stand er plötzlich im Morgenmantel auf der Straße, und oft beklagt er sich darüber, dass niemand nach ihm schaut.

Es ist klar, dass der 86-Jährige künftig mehr Hilfe brauchen wird – Hilfe, die Gabriele Müller nicht leisten kann: Sie ist beruflich voll eingespannt, und sie ist sich ihrer Grenzen bewusst. Aber darf sie, kann sie den Vater irgendwann in ein Heim geben? Muss sie ihn nicht im Ernstfall zu Hause pflegen? Was bedeutet das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, in diesem Zusammenhang? Fragen, die sich viele Menschen stellen: Denn viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Wer in die Pflegestufe drei eingestuft wurde, braucht eine Betreuung rund um die Uhr. Für die Pflegenden heißt das Knochenarbeit, die leicht zur seelischen und körper­lichen Erschöpfung führt.

Ingrid Felgow kennt diese Zwickmühle. Als Seelsorgerin im Seniorenzentrum Martha-Maria in Stuttgart trifft sie immer wieder Angehörige, die zwischen ihrem eigenen Anspruch, den Erwartungen der Umwelt und ­ihren Grenzen zerrissen sind. Rechtlich, sagt sie, sei die Sachlage klar: Für die Versorgung der Eltern sind zuerst die Kinder zuständig. Eltern haben berechtigte Erwartungen, im Alter von ihren Kindern nicht alleine gelassen zu werden. »Aber Eltern zu versorgen heißt für mich nicht, dass man sein ­eigenes Leben opfert«, betont Felgow. Es ist geradezu lebensnotwendig, dass Kinder mit dem Segen der Eltern ein eigenes Leben führen können.«
Damit es nicht zu solchen Konflikten kommt, empfiehlt die Seelsor­gerin, rechtzeitig und offen zu klären, was geschehen soll, wenn die Eltern pflegebedürftig werden. »Am besten ist es, wenn sich alle Kinder und die Eltern in Ruhe zusammensetzen, bevor Handlungsbedarf besteht.«

Das sei nicht immer leicht, räumt Felgow ein. »Wenn die Eltern das nicht wollen, können die Kinder nichts machen.« Allerdings zeige nicht zuletzt die lange Warteliste im Seniorenzentrum, dass sich viele Menschen frühzeitig Gedanken machen, wo sie im Alter hingehen. Für die Angehörigen ist das eine gewaltige Entlastung, denn oft ändern sich die Verhältnisse von einem Tag auf den anderen. Schwieriger ist es bei Demenz-Erkrankungen: Was bloße Vergesslichkeit ist und was schon Anzeichen einer Demenz sind, lässt sich zumindest im Anfangsstadium nicht so leicht feststellen.

Felgow rät zur ­besonderen Aufmerksamkeit. »Man sollte es nicht so weit kommen lassen, dass jemand sich selbst und andere gefährdet«, erklärt sie. Grundsätzlich sei es für die meisten Menschen wichtig, in der gewohnten Umgebung alt zu werden. »Aber man muss immer abwägen, wann die Lebensqualität zu Hause geringer ist als in einem Pflegeheim.« Viele alte Menschen, so ihre Erfahrung, sind zu Hause einsam und ernähren sich schlecht. »Manche blühen richtig auf, wenn sie zu uns ins Heim kommen«, sagt die Seelsorgerin. Aber ein Leben im Seniorenzentrum müsse nicht für jeden passen. »Entscheidend ist, dass der alte Mensch mit seiner Situation zufrieden ist und dass er angemessen versorgt werden kann.«

Wer plant, die Eltern oder ein Elternteil zur Pflege zu sich nach Hause zu nehmen, sollte zunächst sich selbst prüfen ob es geht. »Ich würde den Kindern empfehlen, ein Pflegepraktikum zu machen«, sagt Felgow. ­»Zumindest sollte man sich von Fachkräften zeigen lassen, welche Handgriffe wie ausgeführt werden oder ­einen Hauspflegekurs besuchen.« Ob jemand die Pflege übernehmen kann, hängt nach ihrer Erfahrung sehr ­davon ab, wie das Verhältnis zu den Eltern ist. »Beide Seiten müssen sich fragen, ob sie solche Berührungen zulassen können.«

Natürlich muss auch klar sein, ob die Pflege körperlich und zeitlich zu leisten ist. Und da lastet auf den Pflegenden – in der Regel Frauen – ein großer Druck. »In manchen Orten heißt es: Bei uns gibt man seine Eltern nicht ins Heim«, sagt Ingrid Felgow. »Aber davon sollte sich niemand leiten lassen. Vielmehr sei immer zu fragen, wo die eigenen Grenzen und die eigene Mitte sind.« Natürlich sei das immer eine »angefochtene Mitte« gerade beim Thema Pflege. »Wenn dann die Nachbarn erklären, bei ihnen sei es doch auch gegangen, kommt man rasch in Erklärungsnot.«

Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist aber nichts Ehrenrühriges, schließlich geht es um das Wohl aller Beteiligten, der Angehörigen wie auch der Pflegebedürftigen. Und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind und somit die Töchter- und Schwiegertöchtergeneration für die Pflege zu Hause nicht mehr zur Verfügung stehen wird, nehmen auch immer mehr Menschen professionelle Pflege in Anspruch.

Wenn es aber zu Hause nicht mehr geht, sollte der Umzug in ein Pflegeheim gut vorbereitet und begleitet sein. Dabei kommt den Kindern eine wichtige Rolle zu. »Niemand kann das leisten, was Kinder für ihre Eltern tun können«, sagt Felgow. Darüber hinaus sollten vor allem in der Eingewöhnungszeit Angehörige, Mitarbeitende, Seelsorger und Ehrenamtliche eng zusammenarbeiten. Und Konflikte aus der Vergangenheit sollten angesichts des nahen Todes nicht mehr aufgewärmt werden, es sei denn, sie könnten noch aufgearbeitet werden. Wichtig aber ist es, einander zu vergeben und einander zu danken. »Es hat keinen Sinn, alt gewordenen Eltern Uraltes, Unveränderbares vorzuhalten«, sagt Ingrid Felgow. »Lebensaufgaben sollte man lösen, wenn sie anstehen.«

Von Volker Kiemle