Am Fuße des Vesuvs

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt Kunst und Alltag in der antiken Stadt Pompeji

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt


Die neue Landesausstellung Sachsen-Anhalts steht unter dem Titel »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv«. Sie zeichnet das römische Leben am Hang des Vulkans nach.

Vesuv, das Wort allein weckt Assoziationen. Neapel und sein Feuer speiender Berg sind ein Begriff für Leid und Urgewalten. Gerade einmal 140 Meter höher als der Brocken hat der einzige auf dem europäischen Festland noch tätige Vulkan Geschichte geschrieben. Seit 1944 schlummert er in trügerischer Ruhe. Faszination ging von ihm zu allen Zeiten aus. Die Menschen an seinem Fuß blickten stets in Sorge auf den Krater.

Schon die Neandertaler erlebten vermutlich an den Hängen des Vesuvs Explosionen. Frühe Siedlungen aus der Bronzezeit wurden durch Asche und Lava verschüttet. Historiker und Archäologen sehen in solchen Funden nahezu einen Glücksfall, für die Menschen, die sich nicht retten konnten, waren die Ausbrüche eine Katastrophe. Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte greift das spannende Thema auf.

Die Ausstellung »Pompeji« widmet sich den zahlreichen Artefakten, die ein nahezu vollständiges Bild römischer Alltagskultur der Zeit 79 vor Christus widerspiegeln. Nur scheinbar ist zu diesem Thema alles gesagt. Die Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt blieben nicht bei der puren Rezeption der damaligen Ereignisse, sie wollten etwas Eigenständiges schaffen. So erlebt der Betrachter nicht eine der klassischen Wanderexpositionen zu diesem Thema, sondern eine Schau mit 600 originalen Exponaten vom kleinen Glasgefäß bis zu kompletten Räumen. Viele sind Leihgaben unter anderem aus dem Nationalmuseum in Neapel.

Die Zusammenarbeit mit den Machern des Projektes sei »hervorragend und fruchtbar« gewesen, sagt dessen Direktorin Valeria Sampaola. Sie lobt die dreijährige Vorbereitung und freut sich, dass im Land von Johann Joachim Winckelmann, des in Stendal geborenen Begründers der wissenschaftlichen Archäologie, historische Bezüge in die Antike dargestellt werden.

Und in der Tat, Parallelen finden sich an vielen Stellen zum Mitteldeutschen Raum. Erstmals wird in solcher Deutlichkeit gezeigt, dass die ganze Region zur Zeit des Untergangs von Pompeji enge Kontakte mit Italien verbanden. Das Grab einer reichen Germanin, entdeckt 2008 in einem Urnengräberfeld bei Profen im Burgenlandkreis und nun erstmals öffentlich gezeigt, belegt solche Beziehungen.

In ihre Urne hatten unsere Altvorderen ihren prachtvollen Goldschmuck gelegt. Und eine Kette aus dieser Bestattung findet eine Entsprechung in Funden der Städte am Vesuv. Selbst ein kleines Achatgefäß aus Kleinjena belegt frühe Handelsbeziehungen, wenn es auf sein Gegenstück aus Italien trifft.

Die Inszenierung der gesamten Ausstellung ist gelungen. Konzentration auf das Wesentliche, im richtigen Licht präsentierte Objekte, die Darstellung ganzer Gebäudeteile mit großformatigen und qualitativ hochwertigen Fotos sowie originalen Stücken lässt Geschichte nachvollziehbar werden. Nichts setzt allein auf den Schaueffekt um seiner selbst willen.

Fußabdrücke, die flüchtende Menschen des Dorfes Nola um 1900 vor Christus bei einem Vulkanausbruch hinterließen, sind zu sehen. Aber auch die Abdrücke von Menschen, die Pompeji nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Beeindruckend die Casa del Menandro (Haus des Menander), denn dieses Haus wurde komplett ausgegraben und nun in einer bislang außerhalb Italiens in solcher Vielfalt nie gezeigten Fülle vorgestellt. Eines der größten repräsentativen Häuser Pompejis lässt ein wenig vom Alltag erahnen.

Ein Korkmodell erleichtert die Orientierung. Möbelbeschläge, Amphoren, und fantastisch erhaltene Silbergefäße belegen den Reichtum der Bewohner. Im Zentrum finden sich gehobene Wohn- und Empfangsräume. Gladiatorenspiele waren Bestandteil des Lebens im antiken Rom. Verzierte Helme und Beinschienen aus einer Kaserne der untergegangenen Stadt dienen als Beleg für die unterschiedlichen Gattungen der Kämpfer.

Als Korrespondenzstandort der Ausstellung empfiehlt sich nahezu das Schloss Wörlitz. Vom 21. April bis zum 26. August werden dort »Fremde Welten ganz nah« zu sehen sein. Eine logische Folge, denn dieser Ort und das ganze Dessau-Wörlitzer-Gartenreich hat ein Stückweit das Interesse am Vesuv und der Antike nach Sachsen-Anhalt getragen. Fürst Franz bestieg 1766 selbst den Vesuv.

Seine Grandtour führte ihn durch Europa, er besuchte Pompeji und Herculaneum. Seine Eindrücke fanden später Eingang in seine Anlagen. Der künstliche Vulkan auf der Insel Stein – am 24. August soll er wieder einmal »ausbrechen« – gehört zu den Nachwirkungen der Entdeckerreise. Mit ihm begann die Antikenrezeption nördlich der ­Alpen. In seinen Schlössern geht ein Großteil der Ausstattung auf diese Zeit zurück. Die Nachahmung der Villa Hamilton gehört dazu. Das Gebäude mit dem angrenzenden Vulkan ruht auf neun Pfeilern.

Klaus-Peter Voigt

Die Ausstellung »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv« ist bis zum 8. Juni 2012 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr ­geöffnet.