ChurchNights oder Kirchennächte?

6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.


vds-logo-kleinAnglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese ­Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, ­stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?

proPro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Super­intendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-­Sondershausen


Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.

Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen ­Jüngern.«

Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.

Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.

Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die ­Bibel in ein verständliches Deutsch.

Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?

Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?

Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu ­lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.

Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.

Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?

Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.

Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.

Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.

Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.

Kontra: kontraLutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.


Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.

Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdiens­te« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.

Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.

Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.

Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.

Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.

Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die ­Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen ­Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen ­gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.

Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trau­er oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.

Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.

Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«