»Der Tod ist nur ein Übergang«

27. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Der fröhliche Friedhof im nordrumänischen Sapanta ist einzigartig in Europa

Wenn der Tod die Leute von Sapanta besucht, kommt er mit einem Lächeln. Mal mit einem traurigen, mal mit einem fröhlichen, gelegentlich auch mit einem sardonischen.

Es hängt davon ab, wie sich die Bewohner des 3500-Einwohner-Dorfes zu Lebzeiten verhalten haben. Oder ob ihre Angehörigen einen doppelten Monatslohn für das Holzkreuz auf dem Cimitriul Vesel, dem fröhlichen Friedhof, aufbringen können.

Blaue Kreuze, naive Bilder, deftige Sprüche: Auf dem Friedhof im nordrumänischen Sapanta entstanden seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ­einzigartige Holzkreuze mit den Lebensgeschichten der Verstorbenen. Fotos: Steffen Giersch

Blaue Kreuze, naive Bilder, deftige Sprüche: Auf dem Friedhof im nordrumänischen Sapanta entstanden seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ­einzigartige Holzkreuze mit den Lebensgeschichten der Verstorbenen. Fotos: Steffen Giersch

Der fröhliche Friedhof von Sapanta ist die Attraktion der nordrumänischen Maramuresch, die im Herzen Europas liegt, aber in einer der entlegensten Gegenden des Kontinents. In der Maramuresch, so heißt es, messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit. Seit dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union liegt Sapanta unmittelbar an der EU-Außengrenze, die hier unüberwindbar scheint. Mitten im Ort jedoch, hinter dem hölzernen Eingangsportal zum Friedhof, tut sich eine andere Welt auf – eine fröhliche und farbenprächtige mit einem Grundton, der von Experten »Sapan­ta-Blau« genannt wird.

Rund 800 dieser blauen Holzkreuze stehen rund um die 1882 erbaute Kirche. Blau ist das Symbol für Hoffnung und Freiheit, so wie auch alle anderen Ornamente auf den Kreuzen für etwas stehen: Grün für das Leben, Gelb für Fruchtbarkeit, Rot für Leidenschaft, Schwarz für den Tod. Doch nicht die Verzierungen machen die Kreuze einzigartig in ganz Europa, sondern die Geschichten, die auf ihnen erzählt werden: mit Gedichten, die zumeist in der Ich-Form verfasst sind, und handgemalten Bildern.

Skurrile, satirische oder auch frivole Erinnerungen

Die Verse sind mit Wendungen aus der örtlichen Mundart durchsetzt, die ebenso archaisch anmuten wie die Bewohner der Maramuresch. Oft sind die Gedichte und Bilder satirisch und ironisch, skurril und frivol – zum Beispiel wenn das Doppelleben einer vorgeblich so tugendhaften Schönheit festgehalten wird: Auf der Vorderseite der Stele ist sie hochgeschlossen und züchtig zu sehen, auf der Rückseite in rotem Höschen und mit Engelsflügeln, die Arme über ihrer nackten Brust verschränkt, von Männeraugen lüstern beäugt.

Die Geschichten, die auf den Kreuzen erzählt werden, handeln von Freud und Leid, von Hoffnungen und Enttäuschungen, vom Schnaps und der bösen Schwiegermutter: »Unter diesem schweren Kreuz liegt meine selige Schwiegermutter, wenn sie noch drei weitere Tage gelebt hätte, wäre ich jetzt da unten und sie hätte das gelesen. Sie, die Sie hier vorbeiziehen, passen Sie auf, damit Sie sie nicht aufwecken, denn wenn sie wieder nach Hause kommt, wird sie mich wieder beschimpfen.« Es werden die Geschichten von Bauern und Bäuerinnen erzählt, von Förstern, Schafhirten, Wildhütern, Tierärzten, Lehrerinnen, Hausfrauen, Soldaten, Musikanten und Taugenichtsen wie einem Pferdefreund, der offensichtlich den Tag beim Pflaumenschnaps in der Schen­ke verbracht hatte: »Nur eines liebte ich mehr: am Tisch im Wirtshaus zu sitzen, neben eines anderen Weib.«

Alter Daker-Glauben und orthodoxes Christentum

Volkskundlern zufolge beruht die Tradition des fröhlichen Friedhofs auf einem Glauben, der sich von herkömmlichen Sichtweisen auf den Tod unterscheidet: der Tod als ein Moment der Freude und Vorwegnahme eines besseren Lebens. Er geht zurück auf das Volk der Daker, die einst Rumänien besiedelt hatten und 106 n. Chr. von den Römern erobert worden waren. Der Geschichtsschreiber Herodot schildert die Daker als furchtlos im Kampf und dem Tode lachend ins Auge sehend, weil sie sich darauf freuten, nach dem Tod ihrem höchsten Gott Zamolxis zu begegnen. Nach der Christianisierung Rumäniens hat sich diese Grundeinstellung gehalten, auch in den Zeiten von Faschismus und Kommunismus. »In der orthodoxen Kirche sehen wir den Tod nicht so schrecklich, wie ihn andere Kirchen sehen«, bestätigt Metropolit Serafim.

»Für uns ist er ein Übergang, der Übertritt zum wahren Leben.«
Und so wird die Tradition der fröhlichen Gräber auch nach dem Tod von Stan Ioan Patras weitergeführt, der sie Mitte der 1930er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begründet hatte: von dessen Schüler Dumitru Pop, der am Rande des Friedhofs seine Werkstatt errichtet hat. Jährlich fertigt Pop etwa 15 Kreuze an, für umgerechnet 400 bis 500 Euro, einem doppelten Monatslohn in der bitterarmen Maramuresch. Bald wird sich Pop an ein neues Kreuz machen. Er wird aus dem Leben des Mannes erzählen, der an diesem Nachmittag beerdigt worden ist, verstorben an Herzversagen, gerade einmal 43 Jahre alt.

Uwe von Seltmann

Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit

26. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Europas furchtbare jüngere Geschichte prägt mit ihrer Verstrickung von Schuld und Versagen bis heute die Menschen vieler Länder


Der Enkel eines deutschen SS-Mannes erforscht gemeinsam mit seiner polnischen Frau die Geschichte ihres in Auschwitz ermordeten Großvaters. Herausgekommen ist ein Buch, das Tätern und Opfern ein Gesicht gibt.
Harald Krille sprach mit dem Autor Uwe von Seltmann.

Herr von Seltmann, Sie haben bereits die Geschichte Ihres Großvaters erforscht. Jetzt die Geschichte des Großvaters Ihrer polnischen Ehefrau Gabriela. Was waren die Erfahrungen?
Von Seltmann: In unseren beiden Familien sind dieselben Mechanismen zu beobachten: In meiner Familie war der SS-Großvater, in Gabrielas Familie der in Auschwitz ermordete Großvater das Tabu. Über beide wurde nicht geredet. Und eine zweite Parallele: So wie ich in meiner Familie der einzige war, der über einen langen Zeitraum hinweg Recherchen gemacht hat nach dem verdrängten und verschwiegenen Großvater, gab es auch in Gabrielas Familie jemanden, der sich mit der Vergangenheit beschäftigte, nämlich ihren Bruder Zbyszek. Und niemand anders in der Familie hat davon gewusst.

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Uwe von Seltmann, Jahrgang 1964, studierte Evangelische Theologie in Wien und Berlin, war Korrespondent und Chefredakteur evangelischer Wochenzeitungen. Seit 2008 lebt er als freier Publizist vorwiegend in Krakau. Auf den Spuren seines in der Familie beschwiegenen Großvaters, eines jungen SS-Offiziers im sogenannten Generalgouvernement, lernt er in Polen seine jetzige Ehefrau ­Gabriela kennen und das beschwiegene Geheimnis in deren Familie: der in Auschwitz ermordete Großvater Michał Pazdanowski. – Foto: Harald Krille

Der Enkel eines deutschen SS-Offiziers recherchiert über das Leben und den Tod eines polnischen Opfers. Hat das nicht Probleme gemacht?
Von Seltmann: Es gab beides. Man kann sich vorstellen, dass schon wenn der Enkel eines SS-Mannes in eine Familie einheiratet, in der der Großvater in Auschwitz ermordet wurde, der Großonkel in Dachau inhaftiert war, in dem ein Teil der Familie den Krieg irgendwo im Wald verbracht hat, das natürlich auf Schwierigkeiten stößt. Aber grundsätzlich kann ich sagen – wie in meiner Familie – ein Teil hat die Recherchen unterstützt, ein Teil hat sie regelrecht angefeindet und ein dritter Teil war neutral.

Und wie ist die Situation heute?
Von Seltmann: Ein Bespiel: Gabrielas Tante ist nach Südfrankreich emigriert und hat ihr ganzes Leben über ihre Kriegserfahrungen geschwiegen. Es hat drei Jahre gedauert, bis sie endlich die Kraft fand, sich mit uns zu treffen. Aber am Ende dieses Gespräches sagte sie: »Auf diesen Tag hab ich mein ganzes Leben gewartet – und ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Deutscher bringt mir den Vater zurück.« Diese Erfahrung mache ich oft, auch in Begegnungen mit Amerikanern, mit Israelis, die dann sagen: Du bist der erste Deutsche den wir treffen und der sagt, ja, in meiner Familie hat es Täter gegeben; ja, mein Großvater war SS-Mann, war Polen- und Judenmörder.

Der Großvater Ihrer Frau wohnte im damals polnischen Ostgalizien, der heutigen Westukraine. Die Recherchen berührten also nicht nur deutsch-polnische Ressentiments …
Von Seltmann: Ich benutze ungern militärische Ausdrücke, aber hier ist es wirklich angebracht: Es ist ein einziges Minenfeld. Das Verhältnis Polen-Ukrainer ist sehr kompliziert. Die Polen waren ja in der heutigen Westukraine über Jahrhunderte hinweg die Herrscher und haben die Ukrainer auch nicht unbedingt gut behandelt. Wovon viele Polen aber nichts wissen wollen. Dann gab es während des Zweiten Weltkrieges die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die am Ende zwar gegen die Deutschen kämpfte, aber auch in Kollaboration mit den Deutschen gegen die Polen vorging und bei der Deportation der Juden half. Sie verübte Massaker, manche sprechen sogar von Völkermord.

Die Erinnerungskultur scheint in Polen und der Ukraine erst am Anfang zu stehen?
Von Seltmann: Da muss ich eine Lanze für die Polen brechen. Es gibt kein Land im ehemaligen Ostblock, in dem sich so intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt wird wie in Polen. Allerdings vornehmlich in den letzten zehn Jahren, vor allem infolge der Bücher des polnisch-jüdisch-amerikanischen Historikers und Soziologen Jan Tomasz Gross. Aber im Vergleich zur Ukraine ist Polen sehr weit in der Erinnerungskultur. In der Ukraine wird immer noch alles weithin unter den Teppich gekehrt. Und es gibt einen für Außenstehende absurden Opferwettlauf. Wer hat die meisten Opfer zu beklagen? Die Polen? Die Juden? Oder die Ukrainer? Aber wie gesagt, in Polen gibt es mehr und mehr Offenheit, auch über dunkle Seiten der eigenen Geschichte – Stichwort Kollaboration – zu sprechen.

Die Recherchen führten Sie quer durch ganz Europa – wer hat das alles bezahlt?
Von Seltmann: Zum allergrößten Teil haben wir das aus eigener Tasche bezahlt, unsere Ersparnisse aufgebraucht dafür. Offizielle Unterstützung haben wir, außer von der Heinrich-Böll-Stiftung, keine bekommen. Alle Förderanträge an deutsch-polnische Stiftungen wurden abgelehnt.

Mit welcher Begründung?
Von Seltmann: Wir haben es zunächst immer nur inoffiziell gehört, inzwischen hört man es auch offiziell: Es werden keine Projekte mehr befördert, die mit der Nazi-Zeit zu tun haben.

Was angesichts der sich wieder breitmachenden braunen Gesinnung höchst problematisch erscheint …
Von Seltmann: Ich halte das für ein fatales Signal. Wir sehen unser Projekt auch als ein auf die Zukunft gerichtetes Versöhnungsprojekt. Wir müssen unsere je eigene Vergangenheit kennen, um die Zukunft gestalten zu können. Es ist unglaublich, wie viele Familien in allen Ländern bis heute unter den Folgen der NS-Zeit leiden. Das, was die Leute während des Krieges erlebt haben, wird – unbewusst natürlich – von einer Generation an die andere weitergegeben. Doch alles, was unter den Teppich gekehrt wird, kommt irgendwann mal wieder an die Oberfläche. Das ist wie bei einem Schwelbrand. Dann bricht das Feuer irgendwo aus und keiner weiß warum.

Viele sagen, »lasst doch die alten Geschichten ruhen …« Heilt nicht auch die Zeit manche Wunden?
Von Seltmann: Nein! Die Alten in der Bibel haben mit nichts so recht gehabt wie mit dem Satz: »… bis ins dritte und vierte Glied« (2. Mose 20, Vers 5). Das wird uns heute von den Psychologen und den Erinnerungsforschern bestätigt: Vier Generationen stehen in einem Zusammenhang und alles, was in diesen vier Generationen geschieht, hat einen Einfluss, wird unbewusst weitergegeben. Auch diese Ängste oder Schuldgefühle bei vielen Polen gegenüber Deutschen und umgekehrt, zwischen Ukrainern und Polen oder zwischen Juden und Polen werden weitergegeben. Das beste Beispiel ist Gabrielas Cousine, die in Frankreich geboren ist. Ihre Mutter stammt aus Polen, ihr Vater ist Nichtpole, sie hat nie in Polen gelebt. Aber sie hat die gleichen Ängste wie meine Frau. Sie hat nie irgendwas über die Familiengeschichte gewusst. Aber die beiden Cousinen entdeckten, dass sie beide ständig auf gepackten Koffern sitzen, dass sie immer Angst haben, es bricht wieder irgendwo Krieg aus, dass sie immer das Gefühl haben, keine Wurzeln zu haben, auf der Flucht zu sein. Und das in der dritten Generation.

Sie sind zu Lesungen auch in Schulen unterwegs – hat die junge Generation überhaupt noch Interesse an solchen Themen?
Von Seltmann: Die Frage ist, wie man’s vermittelt. Die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden beispielsweise ist so abstrakt, dass keiner was damit anfangen kann. Aber was junge Leute anspricht, sind persönliche Geschichten, wenn Opfer und Täter ein Gesicht erhalten. Und da werde ich nach jeder Veranstaltung an Schulen optimistischer was die Zukunft betrifft.

blip_cover_26-12Ihr Buch liegt inzwischen in polnischer Übersetzung vor. Wie sind die Reaktionen im Nachbarland?
Von Seltmann: Die Reaktionen in Polen sind überwältigend. Das Medienecho ist gigantisch und durchweg positiv, und wir bekommen Reaktionen aus aller Welt von Leuten, die uns ihre Familiengeschichte erzählen oder um ein persönliches Gespräch bitten. Mich hat überrascht, wie viele junge Menschen das Buch lesen und sich dann über Facebook an uns wenden. Offensichtlich haben wir den Nerv der Zeit getroffen. Das zeigt auch der Kommentar einer jungen Frau: Das Buch sei eine »Erlaubnis zum Reden« und helfe, die »Mauer des Schweigens« zu durchbrechen. Das freut uns natürlich.

Seltmann; Uwe von: Todleben. Eine deutsch-polnische Suche nach der Vergangenheit, F. A. Herbig, 320 Seiten, ISBN 978-3-7766-2681-0, 19,99 Euro

Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70

23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.
Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«.	 (Foto: epd-bild/akg-images)

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)


Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz ­Großen der Musikwelt.

Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein ­Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten ­erreichte – in Großbritannien stand ­Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.

»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.

Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.

Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.

1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. ­Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«

Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.

Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.

Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!

Er war nun einer von uns!

Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«

Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evange­likalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.

Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter ­Bibelstunden-Einfalt« seien.

Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.

Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.

Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.

Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.

Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.

Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.

Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

Uwe von Seltmann

Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.