Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

USA: Die endlose Debatte über Schusswaffen

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Es war spektakulär, als im Juni demokratische Kongressabgeordnete im US-Capitol einen Sitzstreik durchführten, um eine Abstimmung zur Schusswaffenkontrolle zu erzwingen. Doch die Debatte steckt fest. Barack Obama hat schon mehr als ein Dutzend Mal Hinterbliebenen von Schusswaffenmassakern kondoliert. Beschwerden über die Waffenindustrie und den Lobbyverband »National Rifle Association« (NRA), der unerbittlich auf das Recht zum Waffenbesitz pocht, haben allerdings nicht viel gebracht. Beide Seiten leben in verschiedenen Welten, fühlen sich als Opfer.

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Schätzungsweise 300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privathänden – statistisch beinahe eine pro Person. Etwa ein Drittel der US-Amerikaner lebt in Haushalten mit einer Schusswaffe. Laut dem »Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention«, einer öffentlichen Behörde, sind im Jahr 2013 in den USA 11 208 Menschen mit Schusswaffen getötet worden. Mehr als 20 000 Menschen haben sich mit einer Kugel selbst das Leben genommen.

Der Waffenhandel boomt jedes Mal nach Massenmorden. Viele legale Käufer treibt im Grunde genommen, was auch Schusswaffengegner treibt, die sich über die Waffenvernarrtheit entsetzen: das illusorische Verlangen nach Sicherheit. Selbstschutz wird bei Umfragen als Hauptgrund für den Waffenbesitz genannt. Dabei geht die Kriminalität seit Jahren stark zurück. Aber Bewaffnete verweisen zudem auf die US-Verfassung: Diese garantiere das Recht auf Waffenbesitz.

Tiefes Misstrauen liegt der Debatte zu Grunde. Schusswaffengegner misstrauen den Besitzern, die sich von den Herstellern und der NRA vereinnahmen ließen und einfach nicht verstehen wollten, dass die Todeszahlen so hoch sind, weil Waffen so leicht zugänglich sind. Die Bewaffneten misstrauen dagegen der Regierung und trauen ihr auch zu, Gesetze zu schreiben, die dem gesetzestreuen Amerikaner schaden könnten. Waffenbesitzer sind überwiegend konservativ eingestellte weiße Männer. Frauen bewaffnen sich kaum, und Afroamerikaner viel weniger als Weiße.

Doch trotz ihrer Erfolge beim Abschmettern von Reformen: Schusswaffenbesitz und der Stolz auf die Waffe gehören zu einem Amerika, das an Einfluss verliert. Anfang der achtziger Jahre wohnten noch 50 Prozent der US-Amerikaner in Haushalten mit einer Waffe. Junge Leute schießen heute nicht mehr auf der Jagd, sondern beim Computerspiel auf dem Laptop- oder Smartphonebildschirm.

Verglichen mit Europa ist in den USA die Zahl der Schusswaffenopfer astronomisch hoch. Doch bei aller Empörung: Die Rate ist nach Regierungsangaben seit Anfang der neunziger Jahre stark zurückgegangen, von sieben Morden pro 100 000 Einwohner auf 3,8 Morde. Die USA werden wohl weiter mit ihren Schusswaffenarsenalen leben. Für Kirchen ist die Diskussion schwierig: Denn auch in ihren Bänken sitzen viele Schusswaffenbesitzer.

Konrad Ege

»Das zerstört unsere Hoffnung auf Europa«

26. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Die kleine evangelische Kirche setzt sich trotz Wirtschaftskrise für die Flüchtlingshilfe ein

Die Griechische Evangelische  Kirche ist klein: nur  5 000 Gemeindemitglieder in 32 Gemeinden. Doch in der aktuellen Flüchtlingskrise zeigt sie ein bemerkenswertes Engagement. Doreen Just sprach mit dem leitenden Pfarrer Meletis Meletiadis.

Die Griechische Evangelische Kirche ist – misst man sie am Datum ihrer staatlichen Anerkennung – eine erst junge Kirche …
Meletiadis:
Unsere Kirche geht auf griechisch-stämmige Missionare aus den USA zurück. Sie machten den evangelischen Glauben Anfang des 19. Jahrhunderts im damaligen Osmanischen Reich unter der griechischsprachigen Bevölkerung bekannt. Erst im Jahr 2004 haben wir einen Antrag auf Anerkennung beim zuständigen Ministerium eingereicht. Es war ein langer Weg. Aber im Jahr 2014 hat das griechische Parlament dann das neue Religionsgesetz beschlossen, und seit April 2015 ist die Griechisch-Evangelische Kirche offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Was hat sich damit für die Kirche und ihre Gemeinden verändert?
Meletiadis:
Jetzt können die Gemeinden beispielsweise auf ihren Namen Bankkonten eröffnen oder Grundbesitz eintragen lassen. Das war vorher nicht möglich. Da mussten solche Dinge – mit all den Risiken – über private Personen abgewickelt werden. Wir dürfen jetzt auch Radio- oder Fernsehprogramme ausstrahlen, uns an europäischen Programmen beteiligen usw. Unsere Stimme wird in der griechischen Gesellschaft anders wahrgenommen.

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Wie erleben Sie die derzeitige Flüchtlingskrise?
Meletiadis:
Die Situation der Flüchtlinge überwältigt uns alle. Unsere Gemeinden helfen, wo sie können. Das bekannteste Beispiel ist sicher Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Bedingungen im Camp sind unvorstellbar. Was wir dort sehen und erleben, zerstört unsere Hoffnung auf ein an christlichen Werten orientiertes Europa.

Wie können die Gemeinden einer so kleinen Kirche etwas in einem Camp wie Idomeni bewirken?
Meletiadis:
Seit Februar 2015 helfen unsere Gemeinden in Idomeni. Sie besuchen das Camp drei- bis viermal in der Woche. Anfangs haben wir je 1 000 Sandwiches und Wasserflaschen verteilt, dazu Kleidung sowie Hygiene- und Babyartikel. Nun, wo die Grenzen entlang der Balkanroute geschlossen sind, hat sich die ohnehin angespannte Lage dramatisch verändert. Wenn unsere Gemeinden jetzt nach Idomeni fahren, verteilen sie 6 000 Mahlzeiten. Seit einigen Wochen haben wir unsere Hilfen zudem auch auf drei sogenannte Hot Spots, offizielle staatliche Flüchtlingscamps, ausgedehnt.

Griechenland steckt selbst seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise – wie können da Menschen noch anderen helfen?
Meletiadis:
Die Menschen hier teilen das, was sie haben mit den Flüchtlingen. Ein alter Mann aus unserer Gemeinde in Mylotopos hat vier Tonnen Holz gespendet, die wir nach Idomeni gebracht haben für Lagerfeuer. Es gibt Frauen, die sich treffen, um warme Schals, Mützen und Handschuhe für die Kinder im Camp zu stricken. Viele unserer Gemeindemitglieder helfen, Mahlzeiten zuzubereiten, die Transporte zu organisieren und die Hilfsgüter zu verteilen. Inzwischen haben Gemeindemitglieder damit begonnen, Flüchtlinge mit zu sich nach Hause zu nehmen. Wie könnten wir unberührt bleiben von dem Drama, das sich hier abspielt?

Welt-2-17-2016

Gibt es dabei auch eine ökumenische Zusammenarbeit?
Meletiadis:
Ökumenische Beziehungen gibt es in Griechenland offiziell nicht, zumindest nicht zur orthodoxen Mehrheitskirche. Doch auf Gemeindeebene ist das etwas anderes. Zum Beispiel: Die orthodoxe Gemeinde in Volos betreibt eine sehr gute Suppenküche, die täglich mehr als 2 000 bedürftige Menschen versorgt. Die evangelische Gemeinde in Volos beteiligt sich. Sie liefert derzeit jeden Monat 500 Kilogramm frisches Obst an diese Küche. Ein weiteres Beispiel guter ökumenischer Zusammenarbeit ist die griechische Bibelgesellschaft, in der Orthodoxe, Katholiken und Evangelische im Geiste gegenseitiger Anerkennung und Akzeptanz zusammenarbeiten.

Das Gustav-Adolf-Werk mit Sitz in Leipzig unterstützt die Flüchtlingsarbeit der Griechischen Evangelischen Kirche und leitet zweckgebundene Spenden gern weiter.
Konto: KD-Bank – LKG Sachsen, IBAN:
DE42 3506 0190 0000 4499 11, BIC: GENOD
ED1DKD, Kennwort: Flüchtlingsarbeit Griechenland

www.gustav-adolf-werk.de

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

»Unserem Heiland nacheifern«

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Jimmy Carter – der Evangelikale, der ebenso Präsidenten wie seine eigene Kirche kritisiert

Als Präsident der USA wurde Jimmy Carter viel belächelt und angefeindet. Im »Ruhestand« dagegen verschafft er sich großen Respekt. Er gilt zugleich als Amerikas erster evangelikaler Präsident.

James Earl Carter, seit mehr als drei Jahrzehnten außer Amtes, hat diesen Sommer wieder Menschen bewegt: Im August machte der 90-Jährige, der am 1. Oktober 91 wird, bekannt, er habe Krebs. Ärzte hätten Metastasen in seinem Gehirn gefunden. Carter sagte weiter: Sein Leben liege in Gottes Hand. Er fühle sich überraschend leicht. Wenige Tage nach der Pressekonferenz gab Jimmy Carter eine Bibelstunde in seiner Maranatha Baptistenkirche in Plains im Bundesstaat Georgia. Es ging um die Bergpredigt und »den wichtigsten Aspekt des Christentums«, so Carter: Liebet eure Feinde.

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Der Mann aus Plains war von 1977 bis 1981 US-Präsident. Das waren schwierige Jahre mit Ölkrise und langen Schlangen an den Tankstellen, einer Wirtschaftskrise mit zwölf Prozent Inflation, der gescheiterten Befreiungsaktion für 52 US-amerikanische Geiseln in Teheran und dem Nuklearunfall im Kraftwerk Three Mile Island. Spätestens nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 stand Carters Außenpolitik im Zeichen des Kalten Krieges. Er ließ aufrüsten. Für viele in den USA war der Erdnussfarmer, Sonntagsschullehrer und Ex-Gouverneur gewöhnungsbedürftig. »Ich werde euch nie anlügen«, hatte er im Wahlkampf versprochen. In einem viel begrinsten Interview ausgerechnet mit dem »Playboy« gab Carter zu, es habe ihn »im Herzen gelüstet« nach anderen Frauen. Das Wochenmagazin »Newsweek« erläuterte auf der Titelseite, 1976 sei das »Jahr der Evangelikalen«. Zuvor lebte dieser »schlafende Gigant der amerikanischen Politik« nach der Maxime, Politisches tendiere zum Sündhaften; der eigene Auftrag liege in der Bekehrung anderer Menschen.

Nach seiner Niederlage gegen den Strahlemann Ronald Reagan 1980 begann ein neues Leben. »Als ich das Weiße Haus verließ, war ich noch ziemlich jung, und ich hatte vielleicht 25 produktive Jahre in mir«, sagte Carter in einem Fernsehinterview. Zusammen mit seiner Frau Rosalynn gründete er 1982 das Carter Center in Atlanta. Dem Ehepaar und den vielen Mitarbeitern geht es um Menschenrechte, Demokratie und Krankheitsverhinderung in armen Ländern. Dutzende Male war Carter als internationaler Wahlbeobachter tätig. 2002 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Carter hat den amtierenden Präsident Barack Obama wegen des Drohnenkrieges kritisiert und sich für die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo ausgesprochen. Gläubige müssten »unserem Heiland nacheifern und so handeln wie er«, dies sei Carters Botschaft in den Bibelstunden, wie Beobachter berichten. In den letzten Jahren ist er allerdings mehrmals mit seiner Heimatkirche kollidiert, dem Südlichen Baptistenverband. Dass Frauen in dieser größten protestantischen Kirche der USA nicht predigen dürfen, widerspreche der Bibel. Oftmals missbrauchten Religionen ihre Lehre zur Unterdrückung der Frauen. Gegenüber Huffington Post Life äußerte sich Carter auch zur Homo-Ehe: Jesus würde wohl »eine jede Liebe gut heißen, die ehrlich und aufrichtig ist und niemanden verletzt«. Wie er es sehe, »tut die gleichgeschlechtliche Ehe niemandem anderen weh«.

»Ich wünsche, dass der letzte Guineawurm stirbt, bevor ich sterbe«, sagte Jimmy Carter, als er über seine Krebserkrankung sprach. Kryptisch nur für Nicht-Eingeweihte: Zum Programm des Carter Center gehört seit 1986 die Ausrottung der Guineawurm-Krankheit, die sich im verunreinigten Trinkwasser verbreitet. Die Kampagne steht kurz vor ihrem Ziel. Mitte der achtziger Jahre litten rund 3,5 Millionen Menschen in mehr als zwanzig Ländern an dieser extrem schmerzhaften und langwierigen Krankheit. Im Jahr 2014 wurden laut Carter Center weltweit nur mehr 126 Fälle gezählt: in Äthiopien, Mali, Sudan und im Tschad.

Für den Kampf gegen die Krankheit reichen einfache Mittel: Reinigung von Trinkwasser mit Filtertüchern und Abkochen. Carters Wunsch könnte in Erfüllung gehen.

Konrad Ege

Gemüse statt Cadillac

11. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Detroit: Wo einst Henry Ford das erste Fließband für Autos installierte sucht man heute nach Wegen aus der Krise

Farmen und Gemüsegärten hauchen der brachliegenden US-Industriemetropole Detroit wieder Leben ein. Eine der ersten städtischen Farmen war die eines Kapuzinerklosters.

Es herrscht Hochbetrieb auf der Earth Works Farm der Kapuzinermönche des St.-Joseph-Klosters. Studenten, Ex-Musiker, pensionierte Lehrer, Hausfrauen oder arbeitslose Nachbarn wuseln über den ehemaligen Gewerbehof. Einige tragen Spaten oder Harken, andere Säcke mit Kompost oder Kisten mit frisch geerntetem Gemüse. Die Earth Works Farm in East Side Detroit baut mithilfe freiwilliger Helfer Obst und Gemüse für die hauseigene Suppenküche an. Jeden Tag gibt die Küche 2 000 Essen für Obdachlose, sogenannte Working Poors oder Arbeitslose aus.

Mönche betreiben eigene Gewächshäuser

»40 Prozent der Zutaten für unsere Mahlzeiten stammen aus eigener Produktion«, erklärt Jerry Smith, einer der 15 Mönche des Kapuzinerklosters. Die Suppenküche des Ordens gibt es seit über 80 Jahren. Immer schon hatten die Mönche einen kleinen Gemüsegarten. In den letzten Jahren aber hat sich dieser zu einer regelrechten Farm ausgewachsen, mit einer Anbaufläche von über einem Hektar und vier Gewächshäusern, verteilt über drei Blocks in der Nachbarschaft. Und das mitten in Detroit, Motor City Detroit, dort wo Henry Ford einst das Fließband erfand.

Cadillac Garden: Einst parkten hier die Mitarbeiter von General Motors ihre Autos, heute bauen Anwohner gemeinsam ihr Gemüse an. Foto: Martin Egbert

Cadillac Garden: Einst parkten hier die Mitarbeiter von General Motors ihre Autos, heute bauen Anwohner gemeinsam ihr Gemüse an. Foto: Martin Egbert

Detroit galt damals als Stadt der Zukunft. Tausende Migranten aus dem ländlichen Süden der USA sowie aus Europa oder Südamerika kamen für gut bezahlte Jobs in der Autoindustrie. Die Stadtplaner bauten breite Straßen, Art Deco-Skyscraper und großzügig angelegte Siedlungen für zwei Millionen Menschen. Heute leben hier keine 700 000 mehr. In einigen Vierteln ist jeder zweite ohne Job. Das Durchschnittseinkommen liegt weit unter der Armutsgrenze.

Der lange Niedergang setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein und fand seinen Höhepunkt in der Bankrotterklärung der Stadtverwaltung 2013. Abgesehen von einigen wenigen Hauptverkehrsadern sind Detroits breite Straßen heute leer. Schwarze Eichhörnchen laufen über den löchrigen Asphalt, selten gestört von anderen Verkehrsteilnehmern.

»Unsere Farm produziert nicht nur frische Lebensmittel, wir beleben die ganze Nachbarschaft«, sagt Kapuziner Jerry Smith. Das ist bitter nötig in einem Quartier, in dem die Straßenbeleuchtung nicht mehr funktioniert, keine Schulen und Arztpraxen mehr geöffnet sind und Polizei sowie Feuerwehr erst Stunden später erscheinen, nachdem sie gerufen wurden.

Viele der leer stehenden Häuser in East Side Detroit sind ausgebrannt, die Grundstücke von Rankpflanzen und Schilf überwuchert, wie auch die zahllosen Gewerbebrachen. Kojoten, Rehe und Waschbären sind keine Seltenheit in dem Stadtgebiet voller ungeplanter Biotope. Künstler, Musiker, Studenten oder junge Unternehmer finden in Detroit ihren Abenteuerspielplatz.

Das öffnet Räume für Experimente, weit über die individuelle Lebensgestaltung hinaus. Wo lässt sich besser ausprobieren, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte? Schließlich sind schrumpfende Städte ein Problem vieler Industrienationen.

In dem Zukunftslabor von heute spielen Gemüsegärten und Farmen eine zentrale Rolle. Warum aus der Stadt nicht wieder Land machen? Oder zumindest aus Teilen von ihr? Gärten und Farmen sind in der ehemaligen Motorcity häufiger zu sehen als funktionierende Autosalons, Motels, Shopping Malls oder Tankstellen. Auf fast 2 000 wird ihre Zahl geschätzt.

Farmen könnten dreiviertel der Stadt selbst versorgen

Nach einer Studie der Michigan State University könnte Detroit mit Stadtfarmen, Nachbarschaftsgärten und Gewächshäusern dreiviertel seines Gemüse- und 40 Prozent seines Obstbedarfs selbst produzieren. Doch der Weg dorthin kann steinig sein. »Wir haben riesige Mengen Kompost gebraucht, um die Böden fruchtbar zu machen«, erklärt Greg Willerer. Der ehemalige Lehrer ist einer von rund 90 sogenannten Marketgardenern in Detroit. Das sind Stadtfarmer, die nicht nur für den persönlichen Bedarf oder den einer sozialen Organisation, sondern für den freien Markt produzieren.

Aber selbst ein so erfolgreicher wie Greg Willerer, der als »Brother Nature« stadtbekannt ist, muss im Winter zusätzlich Geld mit Schneeräumen verdienen. Aber es geht Willerer und den vielen anderen um mehr als den Lebensunterhalt: »Wir müssen uns von der industriellen Nahrungsmittelproduktion befreien, von dem staatlich geförderten Anbau von Monokulturen und dem ungesunden Essen.«

Greg Willerer stellt seinen Kompost selbst her, unter anderem mit Dung aus dem Detroiter Zoo. Chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmittel lehnt er ab. Regelmäßig muss er zudem die Schadstoffbelastung der Böden überprüfen lassen, die sich in den Wohnquartieren Detroits aber in Grenzen hält. »Unser Gemüse hat Bioqualität, eine Zertifizierung allerdings ist für uns zu aufwendig.« Dafür ist der Weg zu den Verbrauchern kurz. Zum Eastern Market im Stadtzentrum, einem der größten Bauernmärkte in den USA, braucht Willerer nur wenige Minuten in seinem verbeulten Pick Up.

Gemeinschaftsgarten auf einem ehemaligen Parkplatz

Der Cadillac Garden, im Südwesten der Stadt, am Rande einer hispanischen Nachbarschaft, ist ein sogenannter Gemeinschaftsgarten, der von Anwohnern betreut wird. Er befindet sich auf einem ehemaligen Parkplatz für GM-Mitarbeiter, eingezäunt von hohem Maschendraht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Lagerhallen, hinter denen eine Wüste aus Industriebrachen beginnt. In großen Boxen, einst für den Transport von Autoteilen gebaut, wachsen im Cadillac Garden Bohnen, Chillies, Rosenkohl oder Tomaten.

»Wir sind etwa vierzig Nachbarn, die den Garten pflegen; das Gelände und die Boxen hat uns ein Autozulieferer zur Verfügung gestellt, der noch nicht pleite gegangen ist«, sagt Rosa Gutierrez und stopft ein Bündel Spinatblätter in ihren Jutesack. Viele ihrer Mitgärtner sind wie sie ältere Hispanics, die mit einer Rente von wenigen hundert Dollar auskommen müssen. Kostenlose Lebensmittel, noch dazu frisch geerntet, bereichern ihren Speiseplan und entlasten die Haushaltskasse. »Und die gemeinsame Arbeit macht uns Spaß.«

Rettet also ausgerechnet urbanes Gärtnern die einstige Motorcity? Seit Neuestem investieren Anleger aus Europa und Asien in die preiswerten Immobilien in Detroit. Auch prüfen große Agrarunternehmen, ob sie Land in der Stadt nutzen wollen. Zumindest in Quartieren nahe Downtown sind die Grundstückspreise schon wieder gestiegen. Das besorgt viele der Stadtfarmen. Findet das Experiment Gemüse statt Cadillac also ein Ende, bevor es der gefallenen Industriemetropole auf die Beine helfen konnte? Das wäre schade. Nicht nur für Detroit.

Von Klaus Sieg (Text) und Martin Egbert (Foto)

Ohne Pass nach Ost-Berlin

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Vor 50 Jahren predigte der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in Ost-Berlin

Spontan und ohne Pass reiste US-Bürgerrechtler Martin Luther King 1964 nach Ost-Berlin. Ziel des späteren Friedensnobelpreisträgers waren zwei bekannte Kirchen. Das DDR-Regime war von dem Besuch offensichtlich überrascht.

Berlin, Checkpoint Charlie, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr: Ein Auto mit amerikanischem Kennzeichen nähert sich der Schranke. Die DDR-Grenzer staunen: Im Wagen sitzt ein dunkelhäutiger Mann; er will unangekündigt in die Hauptstadt der DDR reisen. Nicht mal seinen Pass hat der US-Amerikaner für seine Einreise ins sozialistische Ost-Berlin dabei. Diese Szene hat sich vor 50 Jahren an der Berliner Mauer zugetragen. Heute lässt sie sich in zahlreichen Dokumenten – von Stasi-Akten bis zu Zeitzeugenberichten – nachlesen.

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Weiter ist bekannt, dass den DDR-Grenzern schnell klar wurde: Vor ihnen sitzt der US-Bürgerrechtler Martin Luther King, Ikone von Millionen von Afroamerikanern. Beim »Marsch auf Washington« gegen die Rassentrennung hatte sich der schwarze Baptistenprediger mit seiner berühmten Rede »I have a dream« (Ich habe einen Traum) im August 1963 ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Das US-Magazin »Time« kürte ihn danach zum »Mann des Jahres 1964«.

Auch das DDR-Regime sympathisierte mit dem Pfarrer, solange er sich als »Kämpfer gegen den Kapitalismus« vor den eigenen Karren spannen ließ. Mitten im Kalten Krieg – vom 12. bis 14. September 1964 – besuchte King auf Einladung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt (SPD) den Westteil der geteilten Stadt. Nach US-Präsident John F. Kennedy galt King seinerzeit als berühmtester Berlin-Besucher.

Doch trotz dieser Popularität erklärten die DDR-Grenzer King, dass er sich irgendwie ausweisen müsse. Der damals 35-Jährige reichte seine American-Express-Card hinüber. Den Soldaten genügte die Kreditkarte, sie ließen ihn passieren. Der US-Bürgerrechtler fuhr nach dem Grenzübertritt direkt zur Marienkirche am Alexanderplatz und später weiter in die Sophienkirche in Berlin-Mitte. In beiden komplett überfüllten evangelischen Gotteshäusern predigte er vor rund 3 000 Menschen über Freiheit und Menschenrechte. Danach traf er im kleinen Kreis DDR-Kirchenvertreter. In den Stunden zuvor hatte sich unter Ost-Berliner Christen lediglich über Mund-zu-Mund-Propaganda die Information verbreitet, dass King möglicherweise kommt.

Die SED-Führung dagegen wusste von der Stippvisite bis zuletzt offenbar nichts. Das zumindest legen Recherchen des Theologischen Referenten der Marienkirche, Roland Stolte, nahe. Stolte trägt noch immer neue Informationen über den Besuch Martin Luther Kings in Ost-Berlin zusammen, befragt Zeitzeugen in Deutschland und den USA und wertet Dokumente aus.

Auch über die Hintergründe des spektakulären Besuchs kennt er zahlreiche Details. Lange war etwa von Historikern gemutmaßt worden, Kings Ausflug in den Osten sei eine Reaktion auf einen Zwischenfall an der Berliner Mauer gewesen. Am Morgen des 13. September 1964 war ein 21-Jähriger bei einem Fluchtversuch durch fünf Schüsse von DDR-Grenzsoldaten schwer verletzt worden. Als King von dem Vorfall erfuhr, eilte er sofort an den Ort des Geschehens und bezeichnete die Schüsse als »unfassbar«.

Doch der vermeintliche Spontan-Ausflug hatte eine längere Vorgeschichte, sagt Stolte. Der frühere Propst der Marienkirche, Heinrich Grüber, hatte demnach King zur Predigt in Ost-Berlin eingeladen. Grüber und der US-Bürgerrechtler standen seit 1963 in Briefkontakt miteinander. Der Propst, der während der NS-Zeit in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau interniert war, nahm intensiv Anteil an den Aktivitäten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Nach dem Mauerbau 1961 lebte Grüber in West-Berlin, Besuche des Ostteils blieben ihm untersagt. Dennoch hat der Theologe die Drähte zwischen King und der Marienkirche geknüpft. »Informationen, er könnte wirklich kommen, wurden schon in den Tagen vor seinem Besuch unter der Hand verbreitet«, erinnert sich auch Irmtraud Streit. Die damals 21-Jährige war Tochter des Präsidenten der Baptisten in der DDR. Ihr Vater, Herbert Weist, saß an der direkten Quelle, denn auch King war Baptist.

In den beiden Ost-Berliner Gotteshäusern predigte der US-Bürgerrechtler jeweils eine knappe halbe Stunde. Er kritisierte unter anderem trennende Mauern zwischen den Menschen. Vor allem aber griff er auch hier die Rassentrennung an. Viele Zuhörer waren des Englischen nicht ausreichend mächtig, um der Predigt folgen zu können. »Aber dass Martin Luther King, der soviel durchgemacht hat, zu uns unbedeutenden Ost-Berlinern kam, das beflügelte uns, in unserer Kritik an den herrschenden Zuständen nicht nachzulassen«, erzählt Augenzeugin Streit.

Der Ost-Berlin-Ausflug blieb der einzige Besuch Martin Luther Kings hinter dem Eisernen Vorhang. Genau einen Monat später bekam er den Friedensnobelpreis zuerkannt. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King im Alter von 39 Jahren in Memphis, Tennessee, von einem weißen Rassisten erschossen.

Christine Xuân Müller (epd)

Von wegen Freiheitsstatue

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: In der Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit kommen Minderjährige aus Mittelamerika illegal über die Grenze

Es sind Kinder und Teenager, die seit Monaten zu Tausenden ohne Papiere von Mexiko in die Vereinigten Staaten kommen. Experten sprechen inzwischen von einer humanitären Katastrophe.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat die US-Grenzbehörde 57 000 »unbegleitete Minderjährige« aus Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko in Gewahrsam genommen. Die jungen Menschen werden meist von Menschenschmugglern, sogenannten »Coyotes«, an die Grenze gebracht. Einmal in den USA, suchen die Teenager und Kinder nach Grenzern, um sich zu stellen – in der Hoffnung, im Land ihrer Hoffnung bleiben zu dürfen.

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Über parteipolitische Grenzen hinweg ist man sich einig: Hier geschieht eine humanitäre Katastrophe. Doch in den USA weht ein kalter Wind. Präsident Barack Obama ist unter Druck: »Illegale Einwanderung« erregt die Gemüter. Man könne nicht alle aufnehmen, heißt es gern. Die Grenze dicht machen und die »Illegalen« postwendend zurückschicken, fordern deshalb viele Politiker. Das sei auch das Beste für die Kinder. Die Migration werde nur aufhören, »wenn Flugzeuge voller Kinder nach Zentralamerika zurückkehren«, tönte jüngst der republikanische Senator John McCain.

Unbegleitete Minderjährige kommen schon seit vielen Jahren. Doch nie war der Andrang so stark. Früher waren es hauptsächlich junge Menschen aus dem Nachbarland Mexiko. Gegenwärtig stammen drei Viertel aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Hilfsverbände machen die dort eskalierende Drogen- und Bandengewalt verantwortlich. Es fliehen Jugendliche wie der 18-jährige Oscar Leonel Turcios Funez aus Honduras. Sein Vater, Eigentümer eines Internet-Cafés, sei ermordet worden, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte, sagte Oscar einem Rechtshilfeverband. Er selber sei bedroht worden und habe sich deshalb auf den Weg nach Norden gemacht.

Die größten Fürsprecher der Kinder sind gegenwärtig die Kirchen. Die biblische Heilige Familie habe auch keine Papiere gehabt bei der Flucht nach Ägypten, sagte die Leitende Bischöfin der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton. Und auch Papst Franziskus fordert, man müsse »die Kinder willkommen heißen und schützen«. Der Empfang müsse begleitet werden von Warnungen vor der Gefahr der Migration und von Maßnahmen, »die Entwicklung in den Heimatländern zu fördern«.

Die gerichtliche Prüfung soll ausgehebelt werden

Nach geltendem Recht dürfen Grenzbeamte junge Mexikaner ohne Papiere zurückschicken. Bei undokumentierten Minderjährigen aus Ländern, die nicht an die USA angrenzen, muss jedoch ein Gericht prüfen, ob Asyl gewährt oder ein Visum erteilt wird. Der Lutherische Einwanderungs- und Flüchtlingsdienst und andere Hilfsorganisationen haben skeptisch reagiert auf Obamas Krisenplan. Sein 3,7 Milliarden-Dollar-Vorhaben, dem der Kongress noch nicht zugestimmt hat, soll die Kinder versorgen helfen und die Grenze weiter befestigen. Zudem will Obama anscheinend das Immigrationsgesetz ändern, so dass alle Minderjährigen so behandelt werden wie die aus Mexiko.

Der Direktor der Hilfsorganisation Raices im texanischen San Antonio erklärte in der »New York Times«, vielen mittelamerikanischen Minderjährigen drohe Lebensgefahr in ihrer Heimat. Das stelle man erst fest, wenn man die Fälle genau prüfe.

Friedensnobelpreisträger Oscar Arias, der frühere Präsident von Costa Rica, schrieb am Wochenende in der »Washington Post«, die »Gewalt und Armut, die das Leben der Kinder unerträglich macht« stamme von den zentralamerikanischen Bürgerkriegen der achtziger Jahre. Nach dem Ende der Kriege seien aus Soldaten und Guerillas Gang-Mitglieder geworden. Statt in mehr Grenzbefestigung müssten die USA in Entwicklungsprogramme investieren. Mit nur 62 Millionen Dollar für ein Ausbildungsprogramm, wie es derzeit bereits in Costa Rica bestehe, könne man die in den letzten Monaten an der Grenze aufgegriffenen Kinder und Jugendlichen ein Jahr lang zur Schule schicken. Doch auch die drastischen Unterschiede zwischen Arm und Reich in Guatemala, El Salvador und Honduras selbst müssten angegangen werden: Es sei unentschuldbar, dass Zentralamerika trotz so viel Armut die niedrigsten Steuersätze der Welt für die Reichen habe.

Konrad Ege

Nigerias unheiliger Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Warum Armee und Polizei in Nigeria dem Terror keinen Einhalt gebieten können

Die Islamisten von Boko Haram wüten immer unverfrorener im Nordosten Nigerias. Militärische Reaktionen ändern daran nichts. Im Gegenteil, sie treiben immer mehr junge Männer zu den Extremisten.

Über die Lage seines Landes könnte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan in den sozialen Netzwerken vermutlich noch einiges lernen. Dort läuft die internationale Online-Kampagne »#BringBackOurGirls« auf Hochtouren, für die selbst die US-amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama ein Foto von sich postete. Es geht um das Schicksal der mehr als 240 Schülerinnen, die Mitte April in der Ortschaft Chibok im Nordosten Nigerias von Mitgliedern der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurden. Wie viele noch in der Hand ihrer Kidnapper sind und wo sich die Gruppe befindet, ist unklar.

Dennoch erklärte Jonathan vor einer Woche im Fernsehen, er sei glücklich darüber, dass die entführten Schülerinnen unversehrt seien. Weil es für diese Behauptung keine Grundlage gibt, war die Empörung groß. Bekannt ist nur, was der mutmaßliche Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, in einem Bekennervideo behauptete: »Ich werde sie als Sklavinnen auf dem Markt verkaufen.«

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Schon davor war die Informationspolitik der Regierung in dem Fall katastrophal. Und das nicht nur aus bösem Willen, meint der Nigeria-Experte Heinrich Bergstresser. Der aus dem prosperierenden Süden stammende Jonathan habe keine Vorstellung vom rückständigen und verarmten Norden, sagte Bergstresser. Der Norden sei für ihn eine andere Welt, mit der er nichts zu tun haben wolle. Stattdessen delegierte er das Problem an seine Berater und das Militär. Weil offensichtlich ist, dass die Regierung die Mädchen nicht befreien kann, haben die USA, Großbritannien und Frankreich Terrorspezialisten nach Nigeria entsandt.

Vor rund einem Jahr verhängte die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes, das Kerngebiet von Boko Haram. Trotzdem nimmt die Gewalt weiter zu. Unter den verarmten jungen Menschen im Norden Nigerias hat die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörende Gruppe durchaus Zulauf. Der Name der Gruppe heißt übersetzt etwa »Westliche Bildung ist verboten«. Die Miliz macht seit 2009 mit blutigen Anschlägen auf Regierungseinrichtungen, Kirchen und Moscheen von sich reden. Sie hat seitdem Tausende Menschen getötet, allein in diesem Jahr sollen es bisher schon etwa 1 500 sein.

Dass die Regierung den Norden Nigerias seit Jahren vernachlässigt, gehört zu den Hintergründen der Gewalt. Während der Süden Nigerias immerhin etwas von den Erdöl-Einnahmen profitiert, ist die Lage im Norden trist. Teile gehören schon zur trockenen Sahelzone am Rand der Sahara. Wer dort geboren ist, weiß, dass er praktisch keine Zukunft hat. Mehr als die Hälfte der jungen Leute hat nach offiziellen Zahlen keine Arbeit.

Nigeria stand jahrzehntelang unter Militärdiktatur. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1999 unterstützten viele Nordnigerianer muslimische Politiker. Sie hofften, dass diese einer islamischen Gerechtigkeit verpflichtet seien und die verzweifelte Lage der Bevölkerung verbessern würden. Doch die Hoffnung trog. In zwölf Bundesstaaten im Norden führten zwar Gouverneure das islamische Recht, die Scharia, ein – aber sie bereicherten sich genauso wie ihre Vorgänger. An der Armut änderte sich nichts. In diesem hochgradig korrupten System klingt es für viele wie ein Heilsversprechen, wenn Boko Haram die Rückkehr zum »wahren Islam« fordert. Die Anhänger träumen von einem transparenten und gerechten Staat, der in ihren Augen nach dem Scheitern des säkularen Systems nur islamisch begründet sein kann.

Dabei werde Boko Haram unter der Hand von lokalen und regionalen Politikern unterstützt, meint Nigeria-Kenner Bergstresser. Die steigende Präzision der Anschläge und Angriffe, zu denen sich die Miliz zuletzt bekannte, gilt außerdem als Indiz für die Kontakte der Gruppe zum Geheimdienst und anderen staatlichen Stellen. Wie sonst, fragt die Bevölkerung, konnte die Gruppe praktisch unter den Augen des Militärs 276 Mädchen aus einer Schule entführen?

Während die Armee offensichtlich unfähig ist, die Bürger im Norden des Landes vor Angriffen der Terrorsekte zu schützen, berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder auch von Übergriffen der nigerianischen Armee und anderer Sicherheitskräfte auf die Bevölkerung. Seit die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes verhängte, haben unabhängige Beobachter kaum noch Zugang. Wer genau welche Verbrechen an den unbewaffneten Menschen verübt, kann fast niemand überprüfen.

Bettina Rühl (epd)

Lampedusa in der Wüste von Arizona

16. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In den USA beziehen Bischöfe Stellung für Flüchtlinge

Hierzulande schauen wir auf das Mittelmeer und auf Lampedusa, aber Migrantenströme gibt es auch woanders. In den USA haben rund 6 000 Flüchtlinge seit 1998 beim Versuch des Grenzübertritts von Mexiko in die USA ihr Leben verloren.

In der seit Jahren laufenden Diskussion um die Reform der US-Einwanderungsgesetze haben die katholischen Bischöfe ein ungewöhnliches Zeichen gesetzt: Ein Dutzend US-Bischöfe versammelten sich Anfang April zu einer Messfeier direkt an dem zehn Meter hohen Grenzzaun nach Mexiko in der Wüste von Arizona. Zusammen mit mehreren Jugendlichen legte Kardinal Seán O’Malley einen Blumenkranz nieder. Hunderte Menschen aus Mexiko und Mittelamerika sterben jedes Jahr in der Wüste beim Versuch, in die USA zu gelangen. Bei der Gerichtsmedizin des Grenzlandkreises Pima lagen laut dem Jahresbericht des Amtes bei Jahresende 2012 mehr als 700 nicht identifizierte Leichen.

O’Malley betonte in seiner Predigt, die oftmals zu »Illegalen« abgestempelten Migranten seien »unsere Brüder und Schwestern«. Seine Familie komme aus Irland, und die meisten US-Amerikaner seien selber Einwanderer oder Nachfahren von Einwanderern. Die Wüste sei »das Lampedusa der Vereinigten Staaten«, erklärte Weihbischof Eusebio Elizondo, der Vorsitzende des bischöflichen Komitees für Migration. Im Juli 2013 hatte Papst Franziskus auf der Mittelmeerinsel für Migranten gebetet und die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« angeprangert. Elizondo forderte bei einer Pressekonferenz, die US-Regierung müsse »noch in diesem Jahr« eine umfassende Einwanderungsreform beschließen. Immigration sei ein moralisches und ethisches Anliegen, nicht nur ein politisches und wirtschaftliches.

Der Verband der katholischen Bischöfe der USA setzt sich schon seit Jahren für Reform ein. Den mehr als 10 Millionen Migranten in den USA ohne Papiere müsse ein »Pfad zur Staatsbürgerschaft« geöffnet werden. Außerdem müssten die Abschiebepraxis und die Grenzkontrollen menschlicher gestaltet werden. Hauptgrund der illegalen Einwanderung sei »extreme Armut«. Eine dauerhafte Lösung der »undokumentierten Migration« sei nur mit langfristigen Wirtschaftsmaßnahmen für mehr soziale Gerechtigkeit möglich. Kritiker haben jedoch bemängelt, dass sich die Bischöfe beim Thema Einwanderung anscheinend mit weniger Energie und Deutlichkeit einmischten als bei der Kontroverse, ob Krankenversicherungen im Zuge der Gesundheitsreform auch für Empfängnisverhütungsmittel zahlen müssten.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Kardinal O’Malley machte nach der Messfeier den US-Kongress für das gegenwärtige Stocken der Einwanderungsreform verantwortlich. Präsident Barack Obama sei bereit, ein umfassendes Reformgesetz zu unterzeichnen. Im Repräsentantenhaus, einem der beiden Häuser im Kongress, haben jedoch die Republikaner die Mehrheit. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, hat in den letzten Monaten mehrmals signalisiert, seine Partei werde nicht für Reform stimmen. Der vorgeschlagene »Pfad zur Legalisierung« sei eine »Amnestie für Illegale« und belohne den illegalen Grenzübertritt.

In hispanischen Bürgerverbänden kommt in den letzten Monaten freilich auch zunehmend Kritik hoch an Obama. Während seiner Amtszeit seien fast zwei Millionen Menschen abgeschoben worden, viele mit Familienangehörigen in den USA, beklagte der Latino-Verband »National Council of La Raza«. Bei der Messfeier auf der US-amerikanischen Seite des Grenzzaunes versammelten sich auch Hunderte Menschen auf der mexikanischen Seite. Bei der Kommunion wurden die Hostien durch die mehrere Zentimeter breiten Spalten zwischen den Eisenstangen zu den Gläubigen in Mexiko gereicht.

Konrad Ege

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

USA: Die Gläubigen und die Sache mit dem Geld

12. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Franziskus, Papst mit zehn Millionen »Followern« auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, kommt auch in den USA »an«. 88 Prozent der US-Katholiken und 58 Prozent der Bevölkerung sagten bei einer kürzlichen Umfrage, sie hätten einen guten Eindruck vom ersten jesuitischen Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Doch es stellt sich die Frage: Hören die Menschen wirklich hin, wenn der Papst vom »Weg der Bescheidenheit« predigt, dass die Gier nach Geld den Menschen krank mache, und dass Geld dienen müsse und nicht ­regieren dürfe?

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Die Realität der USA bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl der Millionäre und Milliardäre wächst gen Himmel. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes leben in den USA gegenwärtig 442 Milliardäre, ein neuer Rekord. 45000 der 310 Millionen US-Amerikaner verfügten über jeweils mehr als 50 Millionen Dollar, so der jüngste globale Reichtumsbericht von Credit Suisse. Doch ein Fünftel ­aller Kinder wächst in den USA nach Regierungsangaben in Armut auf. 47 Millionen Menschen sind auf staatliche Lebensmittelhilfe angewiesen. Auch ein neuer Rekord.

Der Aufschwung seit der Rezession von 2008/09 kommt in den USA fast ausschließlich den Top-Verdienern zugute. Die Ursachen: Steuer­gesetze zum Wohle derer ganz oben, ein Mangel an Maßnahmen zur Konjunkturbelebung. Und die Löhne ­stagnieren oder fallen sogar. Mehr als die Hälfte der neuen Arbeitsplätze ist im Niedriglohnsektor angesiedelt, ­berichtet das Wirtschaftsforschungsinstitut »National Employment Law Project«.

Von kirchlicher Seite kommt wenig Empörung über diese Zustände. Etwas Lobbyarbeit wird gemacht für ­Soziales und gegen die – dann doch im Kongress beschlossene – Kürzung der Lebensmittelhilfe. Doch grundsätzliche Worte gegen Habsucht und Gier hört man kaum. Und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist definitiv kein großes Thema in kirchlichen Kreisen. Über Geld sprechen ohnehin vor allem die ungern, die viel davon haben.

Es sei denn, man schimpft über Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der Bischof aus Limburg ist selbst in den USA bekannt geworden. »Protz-Bischof« (»bishop of bling«) wird er in den US-Medien genannt. Dass es da einen Kirchenmann gibt, der anscheinend in großer Opulenz lebt, das befreit dann irgendwie von der eigenen Verantwortung und vom schlechten Gewissen wegen der eigenen Liebe zum Geld. Da kann man getrost den zweiten, dritten oder vierten Stein werfen und weiterhin die Stars aus Sport und Medien mit ihrem pompösen Lebensstil verehren.

Es ist halt eine schwierige Sache mit dem Geld. Auf protestantischer Seite verkünden in den USA vielerorts Prediger immer noch ein »Wohlstandsevangelium«, demzufolge materieller Besitz eine Gabe Gottes sei für besonders gläubige Menschen. Und manche dieser Prediger leben in einem Luxus, der Tebartz-van Elst’s Behausung weit übertrifft.

Konrad Ege

Gottesdienst mit Klapperschlange

5. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Glaubenstest per Giftschlange – wer gebissen wird und stirbt, war eben dazu bestimmt

In einigen Kirchen in den USA gilt es als Glaubensbeweis, im Gottesdienst giftige Schlangen zu berühren.

Wenn Pastor Andrew Hamblin aus LaFollette im US-Bundesstaat Tennessee sonntags zum Gottesdienst geht, bringt er die Bibel mit – und ein paar Klapperschlangen. Das ist definitiv exotisch und theologisch fragwürdig. Aber es ist verwurzelt in der Tradition mancher pfingstkirchlich geprägter Gemeinden in den Bergen der Appalachen, in den südöstlichen Bundesstaaten Tennessee, Kentucky und West Virginia. Der US-Fernsehsender »National Geographic« zeigt zurzeit eine Realityshow über Christen, die beim Gottesdienst Giftschlangen berühren: »Snake Salvation« (Schlangenrettung) heißt die Serie.

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Begründet wird die Praxis mit dem 16. Kapitel im Markus-Evangelium, Vers 17 und 18: Gläubige würden »in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben«, und selbst, wenn sie etwas tödliches trinken, schade es ihnen nicht, heißt es dort. Das mit den Schlangen sei »ein Gebot genauso wie das Gebot, ›Du sollst nicht ehebrechen‹«, erklärte Hamblins Kollege Jamie Coots, Pastor in Middlesboro in Kentucky. Die Giftschlangen zeigten Ungläubigen die Macht Gottes.

Die Bergkette der Appalachen ist eine unwegsame Region, die Böden karg, die Wälder dicht. Früher wurde viel Kohle gefördert, doch der Bergbau hat nachgelassen. Die Einwohner mit ihrem langsamen Südstaaten-Dialekt haben in den USA eher das Image von Hinterwäldlern. In LaFollette lebt nach Regierungsangaben rund ein Drittel der 8000 Bewohner unter der offiziellen Armutsgrenze.

In dieser Gegend und im gesamten ländlichen Südosten der USA feiern mehr als 100 Kirchen mit Hilfe giftiger Schlangen Gottesdienst. Die Musik ist laut, Bassgitarren, Schlagzeug, Keyboard, das Gebet inbrünstig, Hände fliegen hoch im Lobpreis. Und dann werden die Holzkästen mit den Schlangen geöffnet. Betende, Singende und Tanzende heben die Schlangen hoch, reichen sie weiter, manche scheinbar in einer Art Trance. Beim Umgang mit den Schlangen verspüre sie unermessliche innere Freu­de, sagte eine Frau in »Snake Salvation«. Nicht alle Anwesenden berühren die Schlangen. Er riskiere es nur, wenn er in diesem Augenblick ­einen besonderen göttlichen Schutz empfinde, sagt Pastor Hamblin, 23, verheiratet, fünf Kinder.

Ralph Hood ist Professor für Psychologie der Religion an der Universität von Tennessee in Chattanooga und befasst sich seit 25 Jahren mit den »Schlangenkirchen«. Er selber lasse die Finger von den Reptilien, versichert er. Ab und zu habe er den Eindruck, einigen Schlangenbetern ginge es um eine Show. Doch er habe viele hochanständige, tiefgläubige Menschen in den Gemeinden kennengelernt. Der Umgang mit den Giftschlangen gebe den Gläubigen offenbar ein Gefühl der Ermächtigung. In ihrem Glauben hätten sie damit die Angst vor dem Tod überwunden.

Die Gottesdienste mit den Schlangen haben ihren Ursprung Anfang vergangenen Jahrhunderts in der pfingstkirchlichen Erneuerungsbewegung: In diesen charismatischen Kirchen ist Glaube nicht nur Wort, sondern etwas Gefühltes, das mit dem ganzen Leben zum Ausdruck gebracht wird, sagt Hood. Der Umgang mit den Giftschlangen habe viele Außenseiter beeindruckt, und anfangs wesentlich zum Wachstum der Pfingstkirchen beigetragen. Doch die Praxis sei seltener geworden.

Manchmal beißen die Schlangen nämlich. In »Snake Salvation« zeigt Pastor Coots seine Hand mit einem verstümmelten Finger. Hamblin ist auch schon gebissen worden. Und es gibt sogar tödliche Bisse. Der letzte bekannte Todesfall stammt vom Mai 2012: Pastor Mack Wolford aus Matoaka in West Virginia starb nach achtstündigem Todeskampf, nachdem ihn eine Klapperschlange gebissen hatte. Wie sein Vater 30 Jahre davor, hatte Wolford ärztliche Hilfe verweigert.

Die Todesfälle stünden für die Gläubigen nicht im Widerspruch zur Bibel, erläutert Hood. Denn jeder Mensch müsse sterben. Und wer durch einen Schlangenbiss sterbe, für den sei halt die Zeit gekommen.

Konrad Ege (epd)

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Gemüse im Sack macht mehr als nur satt

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Gärtnern auf kleinsten Flächen hilft den Slumbewohnern Kenias ihre Ernährung zu verbessern

In Europa und den USA stillt »Urban Gardening« die Sehnsucht hipper Städter nach Selbstversorgung und Bodenständigkeit – in Kenia sichert es die Existenz von Slumbewohnern.

Der Weg zu Alfred Dagadwa führt durch enge Gassen. Der Abstand zwischen den rissigen Lehmmauern ist kaum breiter als die eigenen Schultern. In der Mitte fließt ein schmutziges Rinnsal, auf dem ölige Flecken schimmern. Um nicht in die graue Brühe aus Abwaschwasser und dem Inhalt ausgekippter Nachttöpfe zu treten, eilen die Menschen breitbeinig wie torkelnde Seemänner über die Ränder der ausgetretenen Wege. Auch Dagadwa hat diesen Gang. Lächelnd streckt er die Hand aus. »Kommen Sie hier entlang.«

Hinter ihm führt eine Sackgasse noch weiter hinein in den Slum. »Das ist mein Gemüsegarten«, sagt Alfred Dagadwa und zeigt auf die Säcke mit Kürbis, Spinat und Kelipflanzen. Dann stellt er eine klapprige Holzleiter an die verbogene Dachkante. Weit überragen die Stängel und Blätter der Sukuma-Wiki-Pflanzen die rostigen Blechdächer. Dagadwa klettert hinauf und bricht ein tellergroßes Blatt ab. Es hat ausgeprägte Adern und ist an den Rändern ausgefranst.

Die auch Keli genannte Pflanze ist in der kenianischen Küche weitverbreitet. Das Blattgemüse ist kräftig im Geschmack, nahrhaft und robust. Und es wächst schnell. Dagadwas Augen leuchten: »Einige werden zweieinhalb Meter hoch.« Drei Jahre lang kann er die Blätter abbrechen, bei jeder Pflanze etwa zweimal pro Woche. Schnell bilden sich neue. Sie ernähren nicht nur den 35-Jährigen, seine Frau und die drei Kinder. Auch die Nachbarn bekommen regelmäßig etwas ab.

Gärtnern ohne Garten: Ein alter Zuckersack wird mit Erde gefüllt und in Löcher werden die Sämlinge gepflanzt. Foto: Martin Egbert

Gärtnern ohne Garten: Ein alter Zuckersack wird mit Erde gefüllt und in Löcher werden die Sämlinge gepflanzt. Foto: Martin Egbert

Alfred Dagadwa lebt in Kibera, ­einem der größten Slums der Welt. Er liegt an den Gleisen der noch von den Briten gebauten Eisenbahnlinie zwischen der kenianischen Hafenstadt Mombasa und der ugandischen Hauptstadt Kampala. Der Bahnhof ist nicht weit, um den herum Nairobi ­damals entstand. Nah ist auch das Zentrum mit seinen neuen Bürotürmen, wo Kenias wachsende Mittelschicht über die breite Kenyatta Avenue flaniert. Neue Sport-Geländewagen und glitzernde Auslagen zeugen nicht nur dort von Wirtschaftswachstum und Wohlstand in Kenia.

Die Menschen in Kibera leben zwar dicht an dieser Welt – aber gleichzeitig sehr weit von ihr entfernt. »Im Slum sind alle Ressourcen knapp: Geld, Wasser, Essen und Platz«, sagt Keith Porter von der französischen Nichtregierungsorganisation Solidarité. Projekte zur Ernährungssicherung gebe es meistens auf dem Land aber selten in städtischen Armutssiedlungen, wo sie ebenso dringend nötig seien.

Ernährungsprojekte gibt es sonst nur auf dem Land

Um das zu ändern, hat die Organisation Menschen in Kibera und einem weiteren Slum Nairobis mit Säcken, Setzlingen und Erde ausgestattet und ihnen die Grundlagen des »Urban Gardening«, der gärtnerischen Nutzung kleiner und kleinster städtischer Flächen beigebracht. Seitdem pflanzen die Menschen in Kibera Gemüse und Kräuter, hauptsächlich in Säcken aber auch in kleinen Beeten am Bahndamm, am Rande von Bolzplätzen oder in aufgebrochenen Fundamenten zusammengefallener Häuser.

Das ähnelt der »Urban Gardening«-Bewegung in unseren Breitengraden. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: Das, was in Hinterhofgärten, auf Verkehrsinseln, Brachgrundstücken oder Flachdächern in Berlin, Hamburg, Amsterdam oder New York die Selbstversorgerträume hipper Urbanisten erfüllt und befeuert, sichert in Kenias Hauptstadt die nackte Existenz.

»Die Lebensmittelpreise sind in den letzen Jahren sehr gestiegen, und in unruhigen Zeiten explodieren sie fast«, sagt Alfred Dagadwa. »Schon in normalen Zeiten spare ich durch den Anbau meines Gemüses mindestens 500 Schilling im Monat.« Das sind umgerechnet knapp fünf Euro. Dafür muss der Familienvater mindestens einen ganzen Tag arbeiten – wenn er denn Arbeit findet. Zwar wartet Dagadwa fast täglich an einem der bekannten Treffpunkte auf den Arbeitsvermittler. Aber selbst in guten Monaten klettert er höchstens zehn Mal auf die Ladefläche des klapprigen Lastwagens, der ihn auf irgendeine Baustelle der Metropole karrt.

Vor drei Jahren hat Dagadwa mit drei Säcken angefangen. In der Mitte der ausrangierten Reis- oder Zuckersäcke hat er eine kleine Säule aus ­Steinen geschichtet und den verbleibenden Platz mit Mutterboden aufgefüllt. Die Drainage ermöglicht den sparsamen Einsatz von Wasser. Wasser ist teuer in Kibera. Es gibt Tanks von der Stadt. Dort stehen die Menschen mit gelben Zwanzig-Liter-Kanistern Schlange, um sie für umgerechnet fünf Eurocent zu füllen. Oft aber gibt es dort kein Wasser mehr und sie müssen bei privaten Händlern den drei bis vierfachen Preis bezahlen. Das Abwasser, das durch die offenen Kanäle und Gassen des Viertels fließt, ist zu schmutzig.

Die Setzlinge seiner Pflanzen steckt Alfred Dagadwa nicht nur in die obere Öffnung des Sackes, sondern auch in kleine Löcher an den Seiten, die er mit dem Messer hineinschneidet. Aus allen Öffnungen strecken sich die Kelipflanzen, die entfernt an Grünkohl erinnern, der Äquatorsonne entgegen. In einen 50-Kilogramm-Sack pflanzt er so viel, wie auf einem Beet von vier bis fünf Quadratmetern. »Wo sollte ich so ein Beet hier anlegen?« Dagadwa zieht die Schultern hoch.

Für jeden Quadratmeter kassieren die Slum-Lords

Jeder Quadratmeter wird in Kibera genutzt. Und bezahlt. Für sein zehn Quadratmeter großes Haus muss Alfred Dagadwa umgerechnet um die zwanzig Euro im Monat berappen. Die bekommt sein Slum-Lord. Die Vorfahren dieses alteingesessenen Bewohners von Kibera hatten das Land noch von den Briten zugeteilt bekommen – als Belohnung für ihren Kampfeinsatz im Zweiten Weltkrieg. Alfred Dagadwa ist erst vor fünfzehn Jahren aus seinem Dorf nach Nairobi gezogen. Nur in Kibera kann er sich eine Bleibe leisten.

Die Slumlords holen so viel wie möglich aus ihren Grundstücken heraus. Sie bauen so eng, dass von oben kaum die Gassen zwischen den Blechdächern der Häuser zu sehen sind. Alle zwei bis drei Meter führt eine grobe Holztür direkt in das Haus einer Familie. Im Inneren findet alles in ­einem Raum statt. Jacken, Hosen und Schuluniformen hängen über Leinen an den Wänden. Die Schlafmatratzen sind zu einem Sofa zusammengeschoben. In einer Ecke steht ein Gaskocher, auf dem Bord darüber Töpfe, Teller und ein Fernseher. Bewegt sich einer in dem Raum, müssen sich alle bewegen.Kib

Vor der Tür funktioniert es nicht anders. Platz für seine zwanzig Säcke mit den Pflanzen findet Alfred Dagadwa nur, weil er sie die Gasse entlang zwischen den Holztüren der anderen Familien an die Mauern stellt. Deshalb muss er auch seine Nachbarn mit Gemüse versorgen: »Ich pflanze direkt vor ihrer Tür, da kann ich es ihnen ja schlecht verkaufen.« Zu seinem Bedauern aber ist er der Einzige, der sich um die Pflanzen kümmert. Er tauscht zerschlissene Säcke aus, reichert die Erde mit Kompost an, gießt die Pflanzen oder schneidet sie zurück. Außerdem mischt er ein Pflanzenschutzmittel aus Knoblauch, den Früchten des Niembaumes und Chilis an. »Viel Arbeit für einen alleine.« Den Anbau von Tomaten hat Alfred Dagadwa deshalb wieder aufgegeben.

Klaus Sieg

Das Wunder von Quedlinburg

18. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Vor 20 Jahren kehrten verschollene Teile des Domschatzes in die Quedlinburger Stiftskirche zurück

Eine Sonderausstellung im Quedlinburger Domschatz erzählt mit Hilfe von Zeitzeugen und einer Fülle bislang noch nie öffentlich gezeigter Dokumente die Geschichte des Verlustes und der Rückkehr.

Fast alle der im Zweiten Weltkrieg verloren gegangenen Stücke des Domschatzes der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg sind vor 20 Jahren in die Kirche zurückgekehrt. Und Friedemann Goßlau, Pfarrer i.R., ist derzeit ein gefragter Interviewpartner: Dabei habe ich nur zufällig an dem Schreibtisch gesessen, über den alles lief, »Entschieden hat die Regierung in Bonn. Wenn die sich nicht eingemischt hätte, wäre der Schatz nicht hier«. Ganz so war es denn wohl doch nicht. Schließlich verhandelte er 1991 mit über die Rückgabe und das zu zahlende »Lösegeld« und flog schließlich 1992 in die USA, um die Kostbarkeiten zurückzuholen.

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Damals war Friedemann Goßlau schon seit 25 Jahren Pfarrer in Quedlinburg, kannte den Domschatz und wusste um den Verlust aus dem Jahr 1945. Einst war er zum Schutz vor Kriegsschäden in Höhlen ausgelagert. Im April 1945 kamen die Amerikaner nach Quedlinburg und Joe Tom Meador wurde zur Bewachung abkommandiert. Der Offizier hatte Kunstgeschichte studiert und wusste um den Wert der Stücke. Zwölf wählte er aus und schickte sie nach Texas. Nach dem Krieg erfreute er sich an der Beute und zeigte sie in seiner Wohnung Freunden. Nach seinem Tod versuchten seine Geschwister als Erben, sie auf dem Kunstmarkt loszuwerden, offenbar zunächst ohne ihren Wert zu kennen. Doch dann wussten sie Bescheid und der Schatz war für die Familie Sicherheit für Kredite und lag im Banktresor.

Bis dahin galten die Stücke als verschollen. »Wir machten bei Führungen darauf aufmerksam und haben vor allem Westdeutsche ermuntert, aufmerksam zu sein, weil wir sie dort vermuteten. Dass die Russen nicht als Diebe infrage kamen, wussten wir: Als die in Quedlinburg eintrafen, war der Diebstahl schon bekannt«, erinnert sich Friedemann Goßlau.

Dass vor mehr als 30 Jahren die Spur des verlorenen Schatzes aufgenommen wurde, ist dem Kunsthistoriker Willi Korte zu verdanken. »Der ließ nicht locker, nachdem das Samuhel-Evangeliar aufgetaucht war. Ohne irgendeinen Auftrag, ganz auf sich gestellt und auf eigenes Risiko hat er geforscht. Und schaffte es, dass in der National Bank in Texas das Fach der Meadors geöffnet wurde«, zollt Pfarrer Goßlau dem Schatzjäger hohen Respekt. Willi Korte wird auch zum Festakt anlässlich des Jubiläums erwartet.

Eine weitere wichtige Figur in der Rückkehr-Geschichte ist der Journalist William H. Honan von der New York Times. »Der holte mit seinem Buch die Meador-Familie aus der Anonymität. Als er in Quedlinburg zum Recherchieren war, ergab es sich, dass er in einem Gottesdienst die Lesung hielt. Ein ganz reizender Mensch«, erzählt Friedemann Goßlau. So hat die Rückkehr des Schatzes auch persönliche Bande zwischen Deutschland und Amerika geknüpft.

Zu den wichtigen glücklichen Fügungen gehörte zweifelsohne die Wende. Ohne die Euphorie der Nachwendezeit, ohne die neu gegründete Kulturstiftung der Länder wäre es wohl nie oder nicht so schnell zu dem Ergebnis gekommen, ist der ­Pfarrer überzeugt. Allein 10000 Dollar »Kaution« waren bereits Mitte 1990 von der Bundesregierung und der Kulturstiftung der Länder aufzubringen, um überhaupt die Rückkehr-Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg beginnen zu können. Für drei Millionen Dollar gaben die Meador-Erben in ­einem außergerichtlichen Vergleich schließlich die zehn noch vorhandenen Stücke zurück; zwei bleiben verschollen. Doch nicht nur das »Lösegeld« war nötig. Die Schatzkammer in der Stiftskirche entsprach nicht den notwendigen konservatorischen und Sicherheitsanforderungen, sodass weitere Zigtausende nötig waren, damit sie modernen Ansprüchen genügt. Hinzu kamen Kosten für die Restaurierung sowohl der gestohlenen Stücke als auch der am angestammten Platz verbliebenen.

So ist es nachvollziehbar, dass die Rückkehr und Präsentation des Domschatzes in Quedlinburg vor 20 Jahren vielen Menschen als Wunder erscheint.

Renate Wähnelt

Festakt anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Rückführung des Quedlinburger Domschatzes am 15. September, um 17 Uhr, in der Stiftskirche.
Sonderausstellung bis zum 15. Dezember 2013

www.domschatzquedlinburg.de

Quedlinburger Domschatz
Mehr als 50 Werke mittelalterlicher Kunst gehören zum Quedlinburger Domschatz. Sie sind aus Gold und Silber, aus Elfenbein und Bergkristall gearbeitet, mit Edelsteinen reich verziert und zeugen von großer Kunstfertigkeit. Er steht in engem Zusammenhang mit dem deutschen Königtum. Nach dem Tod ­König Heinrich I. (936) errichtete Königin Mathilde, ein Kanonissenstift auf dem Burgberg. Sie ließ über dem Grab ihres Gemahls eine Kirche errichten, die der Muttergottes, dem heiligen Servatius und dem heiligen Dionysius geweiht war. Ihr Sohn, Otto I., der Große (936–973), beschenkte das Stift großzügig mit Reliquien. Über 100 Jahre waren ausschließlich Töchter des regierenden ­Königshauses Äbtissinnen des Quedlinburger Stifts und nahmen auch Einfluss auf die Politik. Das Stift wurde weiterhin reich beschenkt. Vermutlich ließ ­Äbtissin Agnes II. (1184–1203), Tochter des Markgrafen Konrads von Meißen, den »Zitter« als Schatzkammer einbauen.

Präsident mit beschränkter Haftung

5. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Zum Problem werden für die Nahost-Friedensverhandlungen nicht nur der israelischen Siedlungsbau oder die Jerusalemfrage

Mit einem gemeinsamen Abendessen begannen am Montag in Washington ­direkte Verhandlungen ­zwischen Israelis und ­Palästinensern. Doch die Probleme sind groß, wie ein Blick allein auf die Situation der ­palästinensischen Seite zeigt.

Die Freude über die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen nach fünf Jahren Pause blendet die internen Spannungen unter den Palästinensern aus. Die Spaltung der Palästinenser in Westbank und Gazastreifen, in Fatah-Partei und Hamas, ist seit 2007 fast perfekt. Alle vermeintlichen Versöhnungsbemühungen sind gescheitert oder nicht umgesetzt worden. Die Hamas kritisiert die erneuten Friedensgespräche schon aus ideologischen Gründen, wegen ihrer bekannten Feindseligkeit gegenüber den Amerikanern und ihrer Nicht-Anerkennung einer »zionistischen Entität« (frei übersetzt »dem zionistische Ding«) in Palästina.

Entscheidender noch ist ihre Ablehnung des Präsidenten und PLO-Chefs Mahmoud Abbas. Da Israel und die USA die PLO (Palästinensische ­Befreiungsorganisation) als offizielle Vertretung der Palästinenser und so als Verhandlungspartner anerkannt haben, tritt Abbas in Washington nur als PLO-Chef auf und nicht als Präsident der Autonomiebehörde. Diese oft übersehene Formalität bedeutet, dass die Hamas ausgeschlossen ist, weil sie nie Mitglied der PLO geworden ist.

Abbas vertritt die PLO, nicht die Palästinenser

Zu Recht erinnert die Hamas zudem daran, dass Abbas gar keine Legitimität mehr habe, nachdem seine Amtszeit schon vor drei Jahren abgelaufen ist. Die letzten Wahlen haben 2006 stattgefunden. Seit 2007 ist das Parlament aufgelöst. Nachdem die Hamas jene Wahlen vor sieben Jahren mit einer Mehrheit gewonnen hat, können die Islamisten sogar behaupten, dass Abbas gar nicht die Mehrheit seines Volkes repräsentiere.

Die mehrfachen Rücktritte der von Abbas ernannten Ministerpräsidenten, darunter des Salam Fajad, zeugen von Spannungen innerhalb der Regierungsspitze in Ramallah. Abbas gilt als schwach und wenig populär in den palästinensischen Autonomiegebieten. Ihm fehlt das Charisma des Jassir Arafat.

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Die Verhaftung von Hamasleuten kürzlich in Yatta im Westjordanland bringt Abbas zudem in den Ruf, Handlanger der Zionisten zu sein. Der Präsident kann sich nur dank einer stillschweigenden Zusammenarbeit der israelischen und palästinensischen ­Sicherheitskräfte halten. Gleichwohl steht er innenpolitisch vor großen Problemen. Mit der palästinensischen Wirtschaft geht es abwärts, unter anderem, weil die ausländischen Spender weniger Geld in die Autonomie pumpen. Abbas kann kaum noch die Gehälter der öffentlichen Bediensteten bezahlen. Kritisch war für ihn auch die zeitweilige Einstellung israelischer Überweisungen (Zölle und Steuern) als Sanktion wegen seines »Alleingangs« bei der UNO, als Staat anerkannt zu werden. Schädlich für sein Ansehen war ­zudem Israels Bereitschaft, über Tausend palästinensische Häftlinge im Tausch für die Hamas-Geisel Gilad Schalit freizulassen. Um diesen Trumpf der Hamas auszugleichen, musste er darauf bestehen, jetzt wenigstens 104 lang einsitzende Gefangene freizuschlagen. Abbas sorgt zwar dafür, dass es fast keine Terroranschläge mehr gegen Israelis gibt, aber er kompensiert das mit antisemitischer Hetze in palästinensischen Medien und mit der Ehrung von »Freiheitskämpfern«, die Hunderte Israelis durch Terror und Selbstmordanschläge ermordet haben. Abbas besucht deren Angehörige und beteiligt sich an der Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen nach diesen »Kämpfern«. Israelis bezeichnen sie als »Kriegsverbrecher«, weil sie überwiegend Zivilisten umgebracht haben.

Schädlich für das Ansehen von Abbas in der eigenen Bevölkerung ist ­zudem der fortgesetzte israelische Wohnungsbau in den umstrittenen Siedlungen. Israelische »Gesten« wie der Abbau von Straßensperren, die Verteilung Tausender Passierscheine an palästinensische Gastarbeiter oder die Öffnung der Grenzübergänge während des Ramadan werden Abbas nicht angerechnet, aber auch nicht den Israelis, weil die Palästinenser Freizügigkeit in ganz Palästina für ihr natürliches Recht halten.

Vorwurf: Verhandlungen ohne Gegenleistungen

Der Gang nach Washington ist für Abbas auch deshalb problematisch, weil es wirkt, als hätte er amerikanischem Druck ohne Gegenleistung nachgegeben. Zwar hat er die Israelis zur Freilassung von 104 Gefangenen gedrängt, aber weder einen Baustopp in den Siedlungen noch eine israelische Verpflichtung zum Rückzug hinter die Grenzen von 1967 erzwingen können.
Einzige Hoffnungsschimmer für Abbas und seine Stellung sind der Sturz der Islamisten in Kairo und – in der Folge – eine Schwächung der ­Hamas im Gazastreifen. Die Ägypter haben offensichtlich in den vergangenen Wochen zudem alle Schmugglertunnel zerstört, sodass der Gaza­streifen künftig allein über Israel mit Strom, Benzin und Nahrungsmitteln versorgt wird. Daran verdient die ­Hamas nichts im Gegensatz zu den früheren Abgaben der Schmuggler.

Die Friedensverhandlungen werden am Montag wieder aufgenommen. Sollte es am Ende tatsächlich zu einem Vertrag kommen, fragt sich angesichts der Zustände auf der palästinensischen Seite, wer die politische Kraft und die praktische Möglichkeit hat, ein Abkommen umzusetzen. Nicht nur im Westjordanland, sondern auch in dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen.

Ulrich W. Sahm

In Noahs Arche

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Aufführung von Benjamin Brittens Oper in der Johanniskirche Gera

Als Benjamin Brittens Kirchenoper »Noahs Flut« für den aktuellen Spielplan ausgewählt wurde, ahnte wohl niemand, dass die biblische Geschichte über die Sintflut solch eine brennende Aktualität zum Zeitpunkt der Aufführung erhalten würde.

Während die Proben auf Hochtouren laufen überschwemmen reißende Wassermassen der Weißen Elster gro­ße Teile der Ostthüringer Stadt. In den Folgewochen melden ganze Landstriche in Sachsen und Sachsen-Anhalt Land unter.

»Der verantwortungsvolle Umgang mit der Erde war von Anfang an Kernpunkt und aktueller Bezug des Stückes«, erklärt Julia Ackermann, die als Dramaturgin an der Umsetzung der Oper beteiligt ist. »Menschen und Tiere solidarisieren sich in der Arche und diese gemeinsamen Anstrengungen lassen sie die Katastrophe überleben«.

Genau diese Gemeinschaft versucht die Inszenierung von Chefdramaturg Felix Eckerle in die Kirche zu transportieren. Die Besucher werden sich als Insassen der Arche wiederfinden, erleben hautnah theatralische Effekte und werden zum Mitsingen der Choräle in der Oper eingeladen. Kulissen und Ausstattung aus Recyclingmaterial sprechen für sich und jede Menge Zeitungspapier symbolisiert die Informationsflut der heutigen Zeit.

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

Noahs Flut wurde anlässlich des 100. Geburtstages von Benjamin Britten in den Spielplan des Geraer Theaters aufgenommen. Grundlage für die Oper bildet ein Mysterienspiel aus dem 17. Jahrhundert. Brittens Erfahrungen mit der sogenannten »Community Opera« in den USA während der 30-er und 40-er Jahre lassen mehrere Stücke für Profis, Laien- und ­Kinderdarsteller entstehen. An der Inszenierung in Gera sind neben drei ausgebildeten Darstellern rund 150 Schüler aus Chören von Schulen und Gymnasien beteiligt. Im Orchester musizieren Mitglieder des Philharmonischen Orchesters gemeinsam mit Musikschülern.

»Es ist eine großartige Veranstaltung, wir werden gute Gastgeber sein und erwarten viele Theaterbesucher«, freut sich Martin Hesse, Kantor der Johanniskirche. Der Handglockenchor der Johannisgemeinde und Martin Hesse an der Orgel wirken bei den Aufführungen musikalisch mit.

Zusammen mit Theaterschaffenden wurde am 30. Juni in der Kulisse von Noahs Flut ein Theatergottesdienst mit der Johannisgemeinde gefeiert. »Es hört nicht auf.« Pfarrer ­Mathias Hock stellte dabei die Worte Gottes nach der Rettung in den Mittelpunkt seiner Predigt. Er sprach über die biblische Wahrheit vom Werden und Vergehen menschlicher Existenz, vom Leid, das die Menschen während der aktuellen Flutkatastrophe erfahren mussten, dankte aber auch gemeinsam mit der Gemeinde für alles, was unser Leben reich macht. Der Regenbogen, das Zeichen Gottes für den Bund mit den Menschen, charakterisierte über dem Altarraum dieses Versprechen. Während des Gottesdienstes wurde die biblische Geschichte der Sintflut durch Schauspieler und Lektoren vorgetragen und Choräle aus der Kirchenoper gesungen.

Wolfgang Hesse

Neben der Premiere am 4. Juli um 19.30 Uhr, gibt es nur noch drei weitere Aufführungstermine: 5. Juli, 10.00 und 19.30 Uhr, 6. Juli, 16.00 Uhr.


USA: Obrigkeitsgläubigkeit und Telefonüberwachung

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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1931 wurde Carl Zuckmayers Theaterstück »Der Hauptmann von Köpenick« uraufgeführt, 1933 wurde es von den Nazis verboten, 1956 wurde es verfilmt und für den Oscar nominiert. »Der Hauptmann von Köpenick« mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle wird noch heute immer wieder im Fernsehen gezeigt. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im uniformverliebten Preußen: Der wegen seiner Vorstrafen in aussichtsloser Situation steckende Schuster Wilhelm Voigt besorgt sich eine Hauptmannsuniform, stellt zwei vorbeimarschierende Wachmannschaften kurzerhand unter seinen Befehl, besetzt das Rathaus von Köpenick. Er verhaftet den Bürgermeister sowie einen weiteren Stadtbeamten und »beschlagnahmt« die Stadtkasse. Weil er Uniform trägt, wird ihm widerstandslos gehorcht. Er handle »auf allerhöchsten Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs«, sagt er.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Heute lacht und schmunzelt man beim Film. Wie konnten die Leute nur so obrigkeitsgläubig die Hacken zusammenschlagen und salutieren? Wir, Bürgerinnen und Bürger einer internet-vernetzten Welt, wollen da viel schlauer sein, skeptischer halt. Doch die jüngsten Enthüllungen vor allem im britischen »Guardian« über die umfassende geheimdienstliche Überwachung der Welt wecken Zweifel an dieser Selbstzufriedenheit. Deutschland empört sich öffentlich über die Telefon- und Internetüberwachung des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA (National Security Agency) und des britischen GCHQ (Government Communication Headquarters). In den USA hält sich die Entrüstung etwas zurück. Der Chef der NSA, General Keith Alexander, hat doch versichert, mit Hilfe der Späheprogramme habe der Geheimdienst mehr als 50 Terroranschläge vereitelt. Muss man halt glauben, wenn er das so sagt.

Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City im September 2001 nehmen Menschen nicht nur in den USA außerordentliche Eingriffe in ihr privates Leben in Kauf.

Ziehen ihre Schuhe aus vor der Durchleuchtung im Flughafen, akzeptieren zahllose »Sicherheitskameras« in fast allen Lebensbe­reichen, erlauben den Aufbau eines riesigen Sicherheitsapparats. Die NSA hat angeblich 35000 Mitarbeiter. In meinem Heimatstaat ist die NSA der größte Arbeitgeber. Wie nun bekannt ist, speichert der Dienst alle Telefonverbindungsdaten. Natürlich geheim, der Bürger weiß ohnehin nicht, was sonst noch alles passiert. Seit wenigen Wochen dürfen in den USA Polizeistellen die DNA von Festgenom­menen nehmen und speichern. Die ersten Polizeibehörden rüsten sich mit Drohnen aus. Die Terrorismus­bekämpfer brauchen nicht mal eine Uniform.

Europäische Politiker haben sich beschwert über den »großen Bruder«. Ihre vorgebliche Unwissenheit kann man nun glauben oder bezweifeln. Die Überwachung geschieht, angeblich um die Freiheit zu bewahren, und die Sicherheit. In der Illusion, der Mensch könne seine Zukunft kontrollieren. Auch wenn, zumindest in den doch recht frommen USA, viele Menschen behaupten, sie legten ihr Leben in Gottes Hände.

Konrad Ege

»Niemand hilft uns«

26. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Erzbischof Mor Dionysios Isa Bürbüz sieht seine Glaubensbrüder in Syrien von der Welt verlassen

Zu den großen Verlierern des Bürgerkriegs in Syrien gehören jetzt schon die Christen. Fabian Kramer sprach ­darüber mit dem ­syrisch-orthodoxen Erzbischof der Schweiz und Österreichs, Mor Dionysios Isa Gürbüz.

Seit über 50 Tagen befinden sich der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo und sein griechisch-ortho­doxer Amtsbruder in der Gewalt von Entführern. Gibt es irgendeinen Kontakt zu den beiden?
Mor Dionysios:
Nein. Es heißt lediglich, dass sie am Leben sein sollen. Ansonsten gibt es keine Neuigkeiten.

War dies das erste Mal, dass Ihre Kirche oder deren Vertreter in Syrien direkt angegriffen wurden?
Mor Dionysios:
Keineswegs. Es wurden schon viele Priester gekidnappt und ein, zwei auch getötet. Manche sitzen im Gefängnis. Außerdem wurden eine Kirche in Deir ez-Zor und die Kathedrale von Homs zerstört, eine der ältesten Kirchen der Welt. Andere Sakralbauten wurden entweiht oder beschädigt.

Wer steckt hinter diesen Anschlägen?
Mor Dionysios:
Wir wissen es nicht. Es gibt mittlerweile so viele Parteien, die gegeneinander kämpfen, sowohl bei den Rebellen als auch in den Reihen der Regierung. Jeder macht, was er will.

Besteht überhaupt noch so etwas wie ein kirchliches Leben in Syrien?
Mor Dionysios:
Es ist sehr gefährlich geworden, eine Kirche zu besuchen. Kürzlich wollten unsere Leute in Aleppo ein Gebet abhalten und haben sogar Flugblätter mit Einladungen verteilt. Doch dann explodierte am Morgen vor der Veranstaltung eine Bombe vor der Kirche. Am Ende ist niemand gekommen. Die meisten christlichen Schulen, die früher auch von muslimischen Kindern besucht wurden, sind geschlossen. Unser Priesterseminar bei Damaskus arbeitet allerdings noch.

Mor Dionysios Isa Gürbüz ist Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Christen in der Schweiz und in Österreich. Foto: Fabian Kramer

Mor Dionysios Isa Gürbüz ist Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Christen in der Schweiz und in Österreich. Foto: Fabian Kramer

Der armenische Patriarch sagte kürzlich über seine große syrische Gemeinde: »Unser Ende ist nur eine Frage der Zeit.«
Mor Dionysios:
Ja. Uns droht dieselbe Situation wie im Irak. Dort gab es vor 20 Jahren zwei Millionen Christen. Heute sind es noch 500000. Alle anderen sind geflohen.

Haben Sie Zahlen, wie viele syrische Christen auf der Flucht sind?
Mor Dionysios:
Die Lage ist sehr unübersichtlich. Bestimmt sind es Hunderttausende. Die meisten halten sich in den Nachbarländern auf. Einige Tausend haben in der Osttürkei Zuflucht gefunden, auch in unseren dortigen Klöstern. Fünfhundert haben es bis nach Griechenland geschafft. Außerdem gibt es große landesinterne Flüchtlingsströme von Christen in die Kurdengebiete und nach Damaskus, weil dort die Lage noch sicherer ist.

Wo stehen die Christen politisch in dem Konflikt?
Mor Dionysios:
Ich denke, sie unterstützen mehrheitlich die Regierung. Aber auch Millionen sunnitischer Muslime tun dies.

Wird dies Ihren Glaubensbrüdern nun zum Verhängnis?
Mor Dionysios:
Das mag einer der Gründe für die Gewalt sein. Doch der wichtigere Grund ist die Feindseligkeit gegenüber Christen allgemein. Es ist dasselbe wie in Ägypten.

Gab es solche Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften schon früher?
Mor Dionysios:
Ich habe acht Jahre in Damaskus gelebt, wo ich unser Priesterseminar leitete. Es war ein wundervolles Leben. Wir konnten unseren Glauben frei ausüben, Kirchen bauen, unsere Religion unterrichten. Nachdem, was ich gesehen habe, war es besser als überall sonst im Nahen Osten, was die Freiheit betraf. Der Umgang mit den Muslimen war brüderlich. Doch seit zwei Jahren hat sich alles geändert. Die Gründe dafür sind allein politischer Natur.

Der neue Präsident des oppositionellen Nationalrates, Georges Sabra, ist griechisch-orthodoxer Christ. Wie sehen Sie seine Rolle?
Mor Dionysios:
Sein Einfluss scheint gering zu sein. Wir vermuten, dass er nur gewählt wurde, um bei der Europäischen Union und den USA einen guten Eindruck zu erwecken.

Was erwarten Sie denn vom Westen?
Mor Dionysios:
Wir wünschen uns vor allem politische Unterstützung, sodass unsere Leute in ihrer Heimat bleiben und in Sicherheit leben können. Es braucht Druck, auch auf die Opposition, damit alle Religionsgemeinschaften geschützt werden. Bisher hat die Europäische Union nur die Opposition unterstützt. Niemand hilft uns. Wir erwarten von den Christen, dass sie ihren Brüdern und Schwestern in Syrien helfen.

Die Rückkehr des Bösen?

3. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Teufel und Dämonen – eine theologische Klärung jenseits von Wegrationalisierung oder Übertreibung ist nötig

Während Engel als gute Mächte seit Jahren einen ­regelrechten Boom auch in evangelischer Spiritualität ­erleben, wird der Gedanke an Mächte des Bösen weithin noch negiert.

Seit Jahren lässt sich in Kirche und Gesellschaft eine Rückkehr des Bösen beobachten. Nach Jahrzehnten eines ausschließlich von der Vernunft geprägten Verständnisses der Wirklichkeit hat die Kulturentwicklung in den westlichen Industriegesellschaften transrationale Wirklichkeitsbereiche wiederentdeckt. Kinofilme, die den Bereich des Übersinnlichen einbeziehen, sind ein Beleg dafür. Eine zunehmende Zahl von Menschen beschäftigt sich, beeinflusst durch die Medien, mit okkulten beziehungsweise parapsychologischen Dingen.

Die amerikanische Kulturanthropologin Felicitas D. Goodman plädiert dafür, im Westen die »Realität von Geisterwesen« ernst zu nehmen, allein schon um der Achtung vor der Würde von Menschen aus anderen Kulturkreisen willen. Für viele Religionswissenschaftler stellen Magie und Religion ein und dasselbe Phänomen dar. In den USA hat eine Bewegung unter Psychiatern eingesetzt, die mit einer dämonischen Dimension psychischer Krankheiten rechnen. Sie sind der Auffassung, dass sich auf diese Weise bestimmte Krankheitsbilder besser erklären lassen als mit den herkömmlichen psychiatrischen Ansätzen.

Der heilige Antonius wird von Dämonen geplagt – ein Kupferstich von Martin Schongauer (1430–1491)

Der heilige Antonius wird von Dämonen geplagt – ein Kupferstich von Martin Schongauer (1430–1491)

In pfingstlich-charismatischen Bewegungen macht der sogenannte Befreiungsdienst immer wieder von sich reden. Charismatiker lehnen die Entmythologisierung des Bösen entschieden ab. Sie verstehen die biblischen Aussagen über Satan und Dämonen wörtlich und rechnen mit deren Einfluss im Alltag.

Eine theologische Klärung dämonischer Phänomene wird dadurch erschwert, dass die westliche Kultur keine aussagekräftigen Begriffe mehr besitzt, um von geistigen Mächten sprechen zu können, die den Alltag beeinflussen. Trotzdem führt für die kirchliche Seelsorge kein Weg daran vorbei, mit okkulten Phänomenen in angemessener Weise umgehen zu lernen. Die Autoren des Neuen Testaments rechnen nicht nur mit einer sichtbaren, sondern auch mit einer unsichtbaren Wirklichkeit. Das Interesse an den dämonischen Mächten ist dabei ausschließlich auf ihre Entmächtigung, nicht etwa auf ihre Existenz an sich oder ihre Beschreibung gerichtet.

Deshalb ist auch die Forderung, man müsse an den Teufel glauben, absurd. Wer so redet, hat weder das Wesen des Glaubens, noch das Wesen des Teufels erkannt. Manche charismatischen Theologen erwecken den Eindruck, als bestehe zwischen guten und bösen unsichtbaren Mächten praktisch ein Dualismus. Dadurch gerät der Geist Gottes mit den geschaffenen Mächten der unsichtbaren Welt auf die gleiche Ebene: Er wird zum Geist unter Geistern. Die Folge ist eine Uminterpretation des Evangeliums: Es wird aus einer Botschaft von der Überwindung der lebenszerstörenden Mächte zu einer Botschaft von den Gefährdungen der Welt und des Einzelnen durch Satan und seine Dämonen. Der Christ wird zum Spielball des Teufels; Krankheiten und moralische Entgleisungen sind unmittelbar satanischen Ursprungs. Für Teile der pfingstlich-charismatischen Bewegung folgt daraus, dass alle Menschen dämonisch belastet sind und ständig des Befreiungsdienstes bedürfen.

In Zukunft geht es darum, einen seelsorgerlichen Weg zu finden, der Extreme vermeidet. Betroffenen Menschen ist nicht durch die Wegrationalisierung der dämonischen Dimension geholfen. Genauso wenig hilft aber die Vorstellung, dass böse Geister ein weitverbreitetes Phänomen sind. Ein erster Schritt sollte darin bestehen, die Wirklichkeit der Engel, also der guten Mächte Gottes, wiederzuentdecken. Frühere Generationen ­haben mehr über die Welt der Engel gewusst als wir heute. Martin Luther hat noch täglich in seinem Morgen- und Abendsegen gebetet: »Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.« Das Gebet hilft, der Faszination durch die dämonische Welt zu entgehen.

Zur Person: Der Autor, Peter Zimmerling, ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit dem Forschungsschwerpunkt Seelsorge und evangelische Spiritualität.

Zur Person: Der Autor, Peter Zimmerling, ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit dem Forschungsschwerpunkt Seelsorge und evangelische Spiritualität.

Ein nächster Schritt ist, sich neu mit den alten Seelsorgemitteln der evangelischen Kirche im Hinblick auf böse Mächte zu beschäftigen. Exorzismus und Abrenuntiation (Absage an den Teufel) wurden erst Jahrhunderte nach der Reformation in den meisten Landeskirchen abgeschafft. Beide Seelsorgemittel waren für Luther selbstverständliche Bestandteile kirchlichen Handelns, wie auch seine Theologie nur auf dem Hintergrund seiner ständigen Auseinandersetzung mit dem Bösen zu verstehen ist.

Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung besteht darin, dass Psychiater und Seelsorger gemeinsam an der Frage arbeiten, auf welche Weise sich Einflüsse des Bösen auf psychische, parapsychische und psychopathologische Krankheitsbilder auswirken.

Eduard Thurneysen, der Klassiker der Seelsorge im 20. Jahrhundert, schrieb im Hinblick auf den seelsorgerlichen Umgang mit dämonischen Belastungen: Keine Beschäftigung mit dem Bösen aus bloßer Neugier! Nur angesichts des Sieges Jesu Christi über die Mächte und Gewalten soll vom Bösen geredet werden. Im Zentrum jedes Exorzismus steht die Vergebung der Schuld durch Jesus Christus. Vergebung verstanden als Herrschaftswechsel: Sie befreit aus der Knechtschaft des Bösen und führt zur Hingabe des Lebens an Gott.

Peter Zimmerling

Buchtipp: Zimmerling, Peter: Charismatische Bewegungen, Verlag UTB, 293 Seiten, ISBN 978-3-8252-3199-6, 23,99 Euro

Wenn Panik(mache) überhand nimmt

6. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Der Anschlag von Boston und die zwiespältige Diskussion um Terrorismus und Sicherheit

Vor knapp drei Wochen ­explodierten beim Boston-Marathon zwei Bomben. Die Täter wurden schnell gefasst. Doch die Diskussion um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit ist noch lange nicht beendet.

Wer schon länger lebt in der US-Hauptstadt, erinnert sich gut und mit ungutem Gefühl an den »Washington Sniper«, den Scharfschützen von Washington. Es war eine beunruhigende Zeit, damals im Oktober 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon: Jemand schoss mit nicht erkennbarem Muster und aus großer Entfernung auf Menschen in Washington und Umgebung. Auf ­einen Gärtner beim Rasenmähen, eine junge Frau in einer Bushaltestelle, mehrere Menschen beim Auftanken ihrer Autos, einen Jungen auf dem Schulweg, eine Frau nach dem Einkauf im Baumarkt. Drei Wochen ging das. Zehn Menschen kamen ums Leben, drei wurden verletzt.

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Die Polizei nahm John Allen Muhammad (40) fest und dessen Helfer, den 17-jährigen Lee Boyd Malvo. Die beiden hatten aus dem umgebauten Kofferraum ihres PKWs geschossen. Die bekannt gewordenen Motive waren kaum nachvollziehbar. Bei Muhammad anscheinend ein diffuser Hass, angereichert mit Verschwörungsthesen und gemischt wohl mit psychischen Problemen. Bei Malvo ­offenbar extreme Loyalität zu der manipulierenden Vaterfigur. Muhammad wurde zum Tod verurteilt und 2009 hingerichtet, Malvo verbringt den Rest seines Lebens in Isolationshaft.

Der »Washington Sniper« machte große Angst, weil er seine Opfer anscheinend so willkürlich aussuchte. »Unschuldige Opfer«, heißt es oft in den Medien – als ob Opfer eines ­Mordes auch schuldig sein könnten. Die drei Bombenopfer beim Boston-Marathon, der achtjährige Martin ­Richard, die Restaurant-Managerin Krystle Campbell (29) und die Studentin Lu Lingzi (23) starben bei einem Sportfest. Den Tätern war es egal, wen sie töteten. Ziel war offenbar, möglichst viel Blutvergießen anzurichten.

Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie damit leben will, dass es trotz aller polizeilicher Arbeit keine absolute Sicherheit gibt. Vor allem, wenn es um den »Terrorismus« geht. Mit diesem Begriff hat man freilich Probleme in den USA. Der »Sniper« galt nicht als Terrorismus-Fall. Ebenso ­wenig vergangenen Dezember das Massaker an der Schule in Newtown in Connecticut mit 26 Toten; da sprach man von einem Amokläufer. Oder das Morden eines weißen Rassisten in einem Sikh-Tempel in Ohio im August 2012 mit sechs Toten. Der Anschlag auf den Boston-Marathon aber schon. Da waren Muslime mit ausländischen Hintergrund tätig gewesen.

Und dann droht in den USA der Verlust der Verhältnismäßigkeit. Der 11. September 2001 hat US-Amerikaner bewegt, zu Hause weitreichende Überwachung hinzunehmen. Im Namen der Terrorismusbekämpfung sind bei Kriegen im Ausland Hunderttausende Menschen umgekommen. Präsident Barack Obama hat nun Besonnenheit signalisiert. Doch bei der Verfolgungsjagd wurde eine Millionenstadt dicht gemacht. An die zehntausend Polizisten waren im Einsatz, über Twitter und im Internet konnte der Bürger sich an der Suche betei­ligen. »Sicherheitsexperten« warnen, das Modell des Anschlags werde Schule machen.
Rund 30000 Menschen kommen jedes Jahr in den USA durch Schusswaffen ums Leben. Doch die nach dem letzten Schulmassaker mit viel präsidialem Elan angegangenen Schusswaffenkontrollgesetze sind diesen Monat im Kongress gescheitert.

Konrad Ege

USA: Götterdämmerung der alten Ordnung

20. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Woche oder zwei werden die medialen Analysen der US-Präsidentschaftswahl wohl noch anhalten. Aber wenigstens sind die Fernseh-Werbespots vorbei! Schon bald ist mit »Schnellschuss«-Büchern zu ­rechnen, die bis ins kleinste Detail ­erklären werden, wie Barack Obamas Wiederwahl am 6. November zustande gekommen ist. Bei den Verlierern haben die Schuldzuweisungen begonnen.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Die Sieger haben freilich nicht so wild gefeiert wie 2008. Waren die vier Jahre Obama doch ein permanenter Realitäts-Check gewesen, und so manche Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Wenn man schon von Realität spricht: Mitt Romneys unterlegene Republikaner sind zu einer von ihnen verdrängten Realität aufgewacht: Dass sich mit ihren Stammwählern, konservativ eingestellten Weißen und den weißen Evangeli­kalen beziehungsweise den »Wertewählern«, offenbar keine nationalen Wahlen mehr gewinnen lassen.

Die USA sind von einer weißen Nation mit einer schwarzen Minderheit zu einem diversen Land geworden. ­Jugendliche wachsen heute mit der Selbstverständlichkeit auf, dass ein Afroamerikaner Präsident ist. Als ­Ronald Reagan 1980 gewählt wurde, stellten Weiße 89 Prozent der Wähler. 2012 sind es noch 72 Prozent. Doch Romney führte einen auf konservative Weiße zugeschnittenen Wahlkampf. Er bekam 61 Prozent der weißen Stimmen. Das hat nicht gereicht.

Auch »religiös« verschiebt sich die Demografie. Die Protestanten machen nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung aus. Immer mehr US-Amerikaner haben keine feste ­religiöse Bindung, vor allem junge Menschen. Und die wählen viel eher demokratisch. Feste Zahlen gibt es noch nicht zum Stimmverhalten der weißen Evangelikalen. Anscheinend votierten knapp 80 Prozent für Romney. Auch das hat nicht gereicht.

Optimistische Prognosen rechts-christlicher Wortführer, ihre Leute würden aus Sorge über Obamas Zustimmung zur Homo-Ehe in Massen wählen gehen: Fehlanzeige. Obwohl sich führende Evangelikale stark parteipolitisch engagierten, selbst der auch von vielen Nicht-Christen geschätzte Billy Graham. Der 94-jährige Evangelist bezog öffentlich Stellung für Romney. Die römisch-katholischen Bischöfe betonten, dass Katholiken nicht für einen Kandidaten stimmen sollten, der »für Abtreibung« sei und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Etwa die Hälfte der Katholiken wählte Romney, die andere Hälfte Obama.

Die Republikaner haben ein ausgesprochenes »Frauenproblem«. 55 Prozent der Frauen stimmten für Obama. Sie haben keine Lust auf eine Partei, die ihren Programm zufolge Schwangerschaftsabbruch verbieten will, und die nicht viel tut, um Chancengleichheit im Berufsleben herzustellen.

Man wird sehen, ob sich das konservative Amerika ernsthaft der Auseinandersetzung mit der veränderten Gesellschaft stellt. Vermutlich eher nicht. Bei den »Analysen« jetzt hört man von Konservativen, dass die Wahlen gar nicht so viel bedeuteten. Habe doch nur ein bisschen mehr als die Hälfte für Obama gestimmt.
Konrad Ege

»Bei uns in Bischkek«

2. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wie eine deutsche Familie in einem mehrheitlich muslimischen Land einheimische Christen unterstützt

Mehr als zehn Jahre sind sie schon als Missionare im fernen Kirgisistan. Auf Heimaturlaub im Erzgebirge berichten sie über ihre Erfahrungen.

Wenn sie von ihrem Leben und Alltag erzählen, fallen oft die Worte »bei uns«. Doch damit ist nicht die Welt in der beschaulichen Erzgebirgsstadt Annaberg-Buchholz gemeint, auch wenn sie derzeit dort wohnen. »Bei uns« meint das ferne Kirgisistan und seine genau 4638 Kilometer entfernte Hauptstadt Bischkek. Seit mehr als zehn Jahren leben und arbeiten Friedhelm und Janiza mit ihrer dreijährigen Tochter Hanna in dem Gebirgsland zwischen China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan. In einem der Vororte der Millionenmetropole Bischkek nennen sie sogar ein kleines Häuschen ihr eigen.

Tradition und nationale Identität stehen bei den Kirgisen bis heute hoch im Kurs. Foto: privat

Tradition und nationale Identität stehen bei den Kirgisen bis heute hoch im Kurs. Foto: privat

Die beiden sind Missionare. Zwei Wochen nach dem Terrorangriff auf die USA vom 11. September 2001 gingen sie in die ehemalige Sowjetrepublik, deren Bevölkerung offiziell zu 80 Prozent dem sunnitischen Islam angehört. »Alle haben uns für verrückt erklärt«, erinnert sich Friedhelm. Doch der im Schwarzwald aufgewachsene lutherische Theologe und seine aus Annaberg-Buchholz stammende Frau ließen sich nicht beirren: »Für uns war es Gottes Berufung.«

Doch sie sind nicht Missionare im klassischen Sinn. Das dürften sie in dem islamischen Land auch nicht sein. Zwar gilt offiziell Religionsfreiheit und in der Hauptstadt gibt es allein 30 bis 40 christliche Gemeinden unterschiedlichster Prägung. Doch als Ausländer müssten sie für jeden Auftritt in einer Gemeindeveranstaltung eine staatliche Genehmigung beantragen. »Selbst wenn ich in einer der Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Kirgisien das Fürbittgebet sprechen wollte, müsste ich das genehmigen lassen«, sagt Janiza.

Sie predigen deshalb nicht, gründen keine neuen Gemeinden. Ihr von der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) in Sinsheim getragener Dienst gilt der theologischen Ausbildung und der seelsorgerlichen Begleitung einheimischer Pfarrer und Gemeindeleiter. »Wir investieren in persönliche Beziehungen, sowohl zu Christen als auch zu Muslimen«, beschreiben sie ihre Aufgabe. Und sie freuen sich über das wachsende geistliche Leben der verhältnismäßig wenigen Christen im Lande. Eine von koreanischen Christen gegründete Bibelschule, die einzige überkonfessionelle Ausbildungsstätte im Lande, wird inzwischen ­völlig von einheimischen Lehrern geführt. Die kirgisischen Gläubigen nennen sich im Übrigen nicht Christen, sondern »Nachfolger Jesu«. Denn mit dem Wort Christen verbinden Kirgisen die russisch-orthodoxe Kirche, einen nationalen Fremdkörper.

Die Hinwendung zum christlichen Glauben bringt für Einheimische allerdings große Probleme. Auch wenn der kirgisische Islam – bisher zumindest – vorwiegend ein toleranter »Volks-Islam« mit vielen schamanistischen Einflüssen ist: Wer Christ wird, wird in der Regel aus der Gemeinschaft der Familie ausgestoßen. Was für Kirgisen besonders im Blick auf den eigenen Tod fatale Folgen hat: Sie dürfen nicht mehr, wie es die Sitte bis heute gebietet, »zu den Vätern« auf dem Friedhof der jeweiligen Sippe bestattet werden. »Allein wegen der Beerdigung überlegt es sich jeder Kirgise zweimal, ob er Christ wird«, betont das Ehepaar. Und: Ins Land kommen zunehmend radikale muslimische Missionare aus dem Ausland!

Dennoch haben Friedhelm und Janiza inzwischen viele muslimische Freunde. Der große Durchbruch kam, als vor zwei Jahren das Land beinahe in einem Bürgerkrieg versank, marodierende Banden die Gegend unsicher machten. Friedhelm beteiligte sich mit seinem muslimischen Nachbarn an einer Bürgerwehr ihres Wohnviertels. »Die gemeinsamen nächtlichen Patrouillen, die Tatsache, dass wir als Ausländer mit einem Kleinkind das Land nicht fluchtartig verließen, öffneten uns die Türen zu den Herzen unserer Nachbarn«, erinnert sich Friedhelm.

Am 16. Dezember wird die Familie wieder in der berühmten Annenkirche von Annaberg stehen, um von der Kirchengemeinde ein weiteres Mal ausgesandt zu werden. Dann geht es wieder dahin zurück, wo »bei uns« ist.

Harald Krille

www.dmgint.de

Vorurteile und Waffenwahn

4. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Der Tod von Trayvon Martin erschüttert das Land – und stellt einmal mehr die Waffengesetze in Frage

Protest: Jugendliche halten am vergangenen Sonntag in East Cleveland im Bundesstaat Ohio eine Packung Skittles in die Luft – die Süßigkeit, die der getötete Trayvon Martin in Florida gekauft hatte. – Foto: picture alliance/landov/Joschua Gunter

Protest: Jugendliche halten am vergangenen Sonntag in East Cleveland im Bundesstaat Ohio eine Packung Skittles in die Luft – die Süßigkeit, die der getötete Trayvon Martin in Florida gekauft hatte. – Foto: picture alliance/landov/Joschua Gunter

Ein privater »Nachbarschaftswächter« erschießt einen unbewaffneten Teenager – weil der dunkelhäutig ist und einen Kapuzenpulli trägt. Das reicht in den USA bis heute, um verdächtig zu sein.

Kundgebungen der Empörung mit Zehntausenden, Mahnwachen, auch US-Präsident Barack Obama hat das Wort ergriffen, freilich erst drei Wochen nach der Bluttat. Der Tod des 17-jährigen Trayvon Martin in Florida entsetzt. Der afroamerikanische Teenager wurde am 26. Februar von einem »Nachbarschaftswächter« namens George Zimmerman erschossen, der in seinem Wohnviertel freiwillig Sicherheitspatrouillen durchführte.

Martin war in der Gegend zu Besuch und hatte in einem Laden Süßigkeiten gekauft und ein kaltes Getränk. Zimmerman meinte seinem Anruf bei der Polizei zufolge, der Junge mit dem Kapuzenpulli führe »nichts Gutes im Schild«. Er verfolgte Martin, es kam offenbar zu einer Auseinandersetzung. Zimmerman schoss Martin in die Brust. In der Aufzeichnung des Telefonanrufs einer Zeugin hört man verzweifelte Hilferufe. Martin war unbewaffnet. Bei seinen Lehrern galt er als Musterschüler.

Rassenbegründete Vorurteile sind tief verwurzelt in der US-Gesellschaft. Und das ist auch kein Wunder angesichts der amerikanischen Geschichte mit Sklaverei, Unterdrückung und Diskriminierung. Wohl kein weißer Amerikaner kann allen Ernstes behaupten, er oder sie sei immun von Vorurteilen. Wer ein Gewissen hat, der ringt mit diesen Vorurteilen. Aber es geht nicht nur um die Haltung einzelner: Viele Weiße, besonders das »eine Prozent«, wie man heute sagt, hat lange von dem einem institutionalisierten Rassismus profitiert, der die mit der dunkleren Haut allzu oft zu Jobs mit schlechterem Lohn verurteilt. Und im Justiz- und Polizeiwesen gelten junge schwarze Männer schnell als Verdachtspersonen.

Doch manches hat sich in den vergangenen Jahren auch verbessert. Vor allem unter jungen Menschen fällt ethnische Herkunft offenbar weniger ins Gewicht. Das sieht man an den Pärchen, die in Colleges und High Schools Händchen halten. Die Etikette Schwarz, Weiß, Gemischt, Latino, Asiatisch, lassen sich nicht mehr so einfach aufkleben. »Rasse« entpuppt sich zusehends als Konstrukt. Barack Obama, der erste »schwarze« Präsident, wie es heißt, hatte einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter. Selbst bei dem Todesschützen Zimmerman wird es kompliziert: Vom Namen her könnte man meinen, der 28-Jährige sei deutschstämmig. Doch schaut man sich sein Foto an: Zimmerman hat eine leicht braune Hautfarbe, so dass man ihn nachts auf der Straße unter Umständen sogar selber für einen Afroamerikaner halten könnte. Zimmerman sei »halb-hispanisch«, gab dessen Vater zu Protokoll.

Irgendwann (in ein paar Generationen?), werden Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Kulturen hoffentlich gleichberechtigt und gemeinschaftlich leben. Bis man so weit ist, muss die Gesellschaft Wege finden, diese Entwicklung zu steuern. Appelle helfen wenig. Trayvon Martin wäre aber noch am Leben, hätten die USA keine so irrsinnigen Schusswaffenvorschriften. In Florida und in 25 weiteren Bundesstaaten gelten sogenannte »Stand your Ground«-Gesetze (»weiche nicht zurück«-Gesetze), denen zufolge Bürger schießen dürfen, wenn sie sich bedroht fühlen.

Wer sich bedroht fühlt, darf schießen – ganz legal

Zimmerman hat möglicherweise sogar legal gehandelt, aus »Notwehr«. Die Polizei hat ihn auch nicht fest genommen. Doch kaum ein Politiker hat den Mut, sich mit der Schusswaffenlobby anzulegen. Und ganz große Fans des Rechts auf Schusswaffenbesitz sind gewöhnlich die Politiker, die sich bei der Abtreibungsfrage für »Lebensschutz« stark machen.

Erst vor wenigen Tagen besuchte der erzkonservative republikanische Präsidentschaftsbewerber Rick Santorum bei einer Wahlkampfreise im Bundesstaat Lousiana demonstrativ einen Schießplatz in West Monroe, um den Südstaatlern zu zeigen, wie gut er mit der Schusswaffe umgehen kann. Unter dem Beifall der Waffennarren feuerte er zwei Magazine auf eine Zielscheibe, die den Umriss eines Menschen zeigt.

Konrad Ege

USA: Eine Nation im demografischen Wandel

20. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Hoch oben auf einem Kran weht die rot-weiß-blaue Nationalflagge der USA. Aus übergroßen Lautsprechern tönt Patriotismus pur, die Hymne des Country-Sängers Lee Greenwood, »I am proud to be an American« (ich bin stolz, Amerikaner zu sein). Imbissbuden verkaufen Hamburger und Hotdogs. Hunderte Junge, Alte und Kinder sitzen auf ­Decken und Klappstühlen oder einfach im Gras in Erwartung der Hauptattraktion: In der Abenddämmerung explodieren schließlich die Feuerwerke. Es funkelt, knallt und blitzt. Denn es ist der 4. Juli. So oder so ähnlich wird überall in den USA der Geburtstag der Nation gefeiert.

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Von weißen, englisch-sprechenden Siedlern aus Europa.

Bei »meiner« Geburtstagsparty in College Park im Bundesstaat Maryland fällt auf: Viele Feiernde sprechen spanisch. Sie stammen aus Mexiko und Mittelamerika. Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Die USA befinden sich im demografischen Wandel: Man muss die Bilder in den Köpfen revidieren, dass »der Amerikaner« weiß ist. Dass die USA so etwas sind wie ein britischer oder mittel­europäischer Ableger auf einem anderen Kontinent. Etwa im Jahr 2040, in knapp drei Jahrzehnten, schätzt die Statistikbehörde »Census Bureau«, werden Nicht-Weiße, also Latinos, Afroamerikaner und aus der Dritten Welt stammende Menschen, mehr als die Hälfte der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Gründe sind Einwanderung und Geburtenraten: Einwanderung aus Lateinamerika, der Karibik, aus Asien und aus Afrika. Die Einwanderer sind im Schnitt deutlich jünger als die ­weißen US-Amerikaner und haben folglich auch mehr Kinder. Nach jüngsten Erhebungen des »Census Bureau« machen »Minderheiten«-­Babys gegenwärtig mehr die Hälfte der Neugeborenen der USA aus. In zehn Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Maryland stellen die »Minderheiten« zusammen bereits die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen.

Im weißen Amerika wird gerungen, ob man das als Bedrohung sehen will oder als Bereicherung und als Chance, die Nation neu zu erfinden. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile, sondern letztendlich um die politische Macht. Man sah’s bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen: Barack Obama wäre ohne
die Stimmen der Afroamerikaner und der Latinos (66 Prozent wählten Obama) nicht Präsident geworden. Nur 43 Prozent der Weißen stimmten für Obama. Die sich von den vielen »Ausländern« bedroht Fühlenden fordern drakonische Gesetze gegen »Illegale«, obwohl ohne gültige Papiere Eingewanderte nur einen kleinen Teil des »ausländischen« Zuwachses ausmachen.

Das kann hässlich werden. Im Bundesstaat Alabama beispielsweise wurde es unter Strafe gestellt, einen »Illegalen« im Auto mitzunehmen. Kann heißen: Eine in den USA geborene junge Frau (wg. Geburt ist sie ­automatisch Bürgerin) macht sich strafbar, fährt sie ihre illegal in die USA gekommene Mutter zum Einkaufen. Doch viele weiße US-Amerikaner, vor allem die jungen, sehen die Bevölkerungsdynamik gelassener. Welche Hautfarbe man hat, wo man herkommt, ist den Jungen nicht mehr so wichtig. Immer häufiger sieht man »gemischte« junge Paare. Bei den Erhebungen des »Census Bureau« weigern sich immer mehr Menschen, sich nur einer Rasse zuzuordnen. Und: 54 Prozent der weißen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren stimmten für Obama.

Konrad Ege