Bachsche Musik – komponierte Theologie

24. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: Wie Johann Sebastian Bach zu den Ideen Martin Luthers stand und sie in Musik umsetzte

Im Rahmen des Themenjahres »Reformation und Musik« beschäftigt sich ein Symposium mit lutherischer Theologie und Bachscher Musik. »Bach als Lutheraner«, so das Thema vom 24. bis 28. Februar in Eisenach.

Persönlich begegnen konnten sich die beiden prominenten Männer nicht. Als Johann Sebastian Bach am 21. März 1685 geboren wurde, war Martin Luther bereits 139 Jahre tot. Er starb am 18. Februar 1546. Dennoch sind die zwei großen Namen eng miteinander verbunden. Luther liebte die Musik. Sie war für ihn »nach Gottes Wort der höchste Schatz auf Erden«. Er wusste auch, dass ­Musik es vermag, das vom Verstand aufgenommene Wort mit dem Gefühl zu verbinden und so das Herz zu berühren. »Die Noten machen den Text lebendig.«

Wie kein anderer Reformer setzte Luther auf die Macht der Musik und nutzte sie zur Verbreitung seiner Lehre. »Luthers Lieder haben mehr Seelen verdorben als seine Schriften und Reden«, klagte deshalb 1620 der Jesuit Adam Contzen. Luther rückte den ­Gemeinde- und Chorgesang ins Zentrum des lutherischen Gottesdienstes und schuf so die Voraussetzung für Bachs spätere Tätigkeit als Kantor und Organist. Der Musiker ist dem Theologen in dessen Texten begegnet.

Von den 37 Kirchenliedern, die Luther schuf, hat Bach mindestens 30 vertont. Seine Musik sei komponierte Theologie, so Corinna Dahlgrün, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Jena.

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

»Johann Sebastian Bach war ein großartiger Musiker und Tonkünstler, der theologische Grundanliegen Martin Luthers in einzigartiger Vollendung zum Klingen brachte«, würdigt Christopher Spehr das Wirken des Komponisten. Der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Jena wird auf dem Symposium in ­Eisenach einen Vortrag halten: »Wortgewalt und Sprachgestalt. Bach als ­Interpret Martin Luthers«. Dabei beleuchtet er unter anderem, wie sich Bach von ­Luthers Schriften – über ­Luthers Bibel und den Kleinen Katechismus hinaus – inspirieren ließ.

Auf dem Symposium werden Experten die Wirkungsgeschichte Bachscher Musik, ihre Rezeption im Jazz und in der avantgardistischen Szene bedenken und erörtern, wie das Erbe von Bach und Luther als Impulsgeber für die europäische Musikkultur erlebt und weitergeführt werden kann. In Vorträgen, Workshops, Konzerten und Gottesdiensten solle der Austausch zwischen Theologie und Musik angeregt, akademischer Diskurs mit praktischer Erfahrung verknüpft werden, so Corinna Dahlgrün. Neben ihr sind als Referenten unter anderen Martin Petzoldt, Vorsitzender der Neuen Bachgesellschaft und Christfried Brödel, Rektor und Professor für Chorleitung an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden, eingeladen.

Das Symposium richtet sich an Kirchenmusiker, Pfarrer, Musikwissenschaftler und Studenten sowie an alle Liebhaber der Musik Bachs. Organisiert wird die Tagung von der Universität Jena und dem Kirchenkreis ­Eisenach-Gerstungen.

Der Veranstaltungsort Eisenach soll den Theologen und den Musiker symbolisch miteinander verbinden. Hier besuchte Luther die Lateinschule, erhielt Unterricht in Musiktheorie und musikalischer Praxis, sang im Gottesdienst der Georgenkirche und in der Eisenacher Kurrende und gehörte zum Schülerkreis um die Patrizierfamilie Cotta, in dem geselliges Singen von Liedern und mehrstimmigen Motetten gepflegt wurde.

Vom 4. Mai 1521 bis 1. März 1522 übersetzte Luther auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche. In Eisenach wurde Johann Sebastian geboren. Er besuchte die gleiche Lateinschule wie einst Martin Luther und sang ebenfalls in der Eisenacher Kurrende sowie im Chorus musicus der Georgenkirche. In der Stadt erhielt Bach Unterricht in Luthers ­Katechismus und den ersten Musikunterricht.

Zum Rahmenprogramm des Symposiums gehört eine Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik« im Bachhaus Eisenach. Sie thematisiert Luthers Liebe zur Musik und würdigt seinen Beitrag zur Musikgeschichte. »Das Gesangbuch ist die vielleicht schönste Erfindung der Reformation«, so Jörg Hansen, Geschäftsführer und Direktor des Bachhauses. Stolz berichtet er, dass die Ausstellung eine Rarität präsentiert: das erste deutsche Gesangbuch, das 1524 gedruckte »Achtliederbuch«, es ist eines von weltweit zwei Exemplaren. Daneben werden weitere Gesangbücher gezeigt, das von Luther herausgegebene »Wittenberger Gesangbuch« in der Auflage von 1535 ­sowie das »Babstsche« von 1545.

Eine weitere Ausstellung im Eise­nacher Lutherhaus widmet sich den Kantaten Georg Philipp Telemanns. Er wirkte vor 300 Jahren, von 1708 bis 1712, als Konzert- und Kapellmeister in Eisenach. Hier schuf er protestantische Kirchenkantaten und entwickelte dabei Strukturen, die Bach und andere Musiker aufgenommen haben. Eisenach gilt damit als »Geburtsstätte« der neueren protestantischen Kirchenkantate.

Die Schau »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« wolle zeigen, wie eng der Austausch zwischen Bach und Telemann war, erklärt Barbara Harnisch, Geschäftsführerin des Wartburg Verlages GmbH, zu dem das Eisenacher Lutherhaus gehört. Gezeigt werden Textbücher der für Eisenach komponierten Kantatenjahrgänge, die als Leihgaben aus zahlreichen Archiven Deutschlands kommen sowie Gemälde, Kupferstiche, Gesangbücher, Dokumente und andere Gegenstände der Telemann-Zeit.

Sabine Kuschel

Veranstaltungen
Höhepunkte im musikalischen Programm des Symposiums sind ein Festkonzert mit dem international renommierten Vokalensemble »amarcord« und die getanzte Version Bachs »Kunst der Fuge« sowie Henning Frederichs »Passionserzählung der Maria Magdalena« von 1985, aufgeführt von der Meißner Kantorei 1961.

Die Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik vom 24. Februar bis 11. November im Bachhaus Eisenach ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« vom 25. Februar bis 16. November im Lutherhaus Eisenach ist täglich 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.bach-als-lutheraner.de