»Ich sehe, dass es wahr ist, was ich glaube«

27. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola fide« – allein durch den Glauben

Luthers Theologie und Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Das reformatorische Glaubensverständnis zeichnet sich durch einen im Spätmittelalter höchstens in der Mystik gekannten Gewissheits-, Intensitäts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich versteht Luther den Glauben als ein Sich-Halten an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Der Glaube ist der Weg, die Gnade Gottes persönlich zu erfahren. Luther hat an mehreren Stellen in der Sprache der Brautmystik den seligen Tausch beschrieben, den der Glaube zwischen Christus und dem Christen bewirkt: »Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war.« Indem ich im Glauben Gottes Urteil über mein Sündersein bejahe, trete ich auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit. Glaube besteht für Luther paradoxerweise nicht im sittlichen Streben, sondern primär im Eingestehen der Größe der eigenen Schuld.
GuA-03-2017

Es ist heute notwendig, diese Aussage Luthers vor einem Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein war für Luther kein Ausdruck einer entmündigenden und kleinmachenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Das Stehen zu meinem Sündersein ermöglicht mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die mir letztlich zugutekommt, weil Schuldigwerden zum Humanum wesentlich dazugehört. Eine Bagatellisierung der Schuld würde eine Missachtung der Würde meines Menschseins bedeuten.

Auf diesem Hintergrund wird auch eine der umstrittensten seelsorgerlichen Ratschläge Luthers verständlich. Mitten in den von den Zwickauer Propheten ausgelösten Wittenberger Wirren schrieb er 1521 von der Wartburg an Melanchthon: »Pecca fortiter, sed fortius fide …« Im Briefkontext lautet dieses Wort übersetzt: »Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger und freue dich in Christus.« Das pecca fortiter wahrt den entscheidenden, weil heilsnotwendigen Unterschied zwischen Glaube und Moral. Im Glauben an Jesus Christus ist der alte Mensch ertränkt samt seines Gewissens. Das Streben nach Heiligkeit hat in sich keinen Wert. Im Gegenteil bedroht es sogar den Glauben, wenn es als dessen eigentliche Aufgabe missverstanden wird.

Durch die Konzentration auf den individuellen Glauben ging evangelischer Spiritualität im Lauf der Geschichte – gegen Luthers Intention – immer mehr die Dimension der Gemeinschaft verloren. Die Konsequenz der Ausblendung der christlichen Gemeinde aus dem Glauben war eine entscheidungs- und profillose protestantische Spiritualität. So sehr Luther den Glauben des Einzelnen von klerikaler Bevormundung befreien wollte, intendierte er doch nie eine Spiritualität unabhängig von der christlichen Gemeinde. Das zeigt besonders schön seine Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus.

Neben der Dimension der Gemeinschaft ist es höchste Zeit, auch das Moment der Erfahrung für den Glauben zurückzugewinnen. Auch wenn Luther davon ausgeht, dass der Mensch durch den Glauben keine neue sittliche Qualität bekommt, ist für ihn selbstverständlich, dass dieser dem Menschen zur gelebten Erfahrung wird. »Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube.«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Das alles verbindende Gebet

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christinnen und Christen von den Geschwistern aus der Ökumene und von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine vierteilige Beitragsserie. Den Auftakt bildet der jüdische Gottesdienst.

Wenn Christinnen und Christen vom jüdischen Gottesdienst lernen wollen, so müssen sie wohl zuerst einsehen, dass der Begriff Gottesdienst gar nicht so einfach auf das Judentum angewendet werden kann. Das Gebet, zu dem sich Jüdinnen und Juden am Feiertag in den Synagogen versammeln, ist grundlegend nichts anderes als das Gebet im Alltag – nur in etwas anderer Form. Jüdinnen und Juden, die ihre Religion alltäglich praktizieren, beten dreimal täglich. Am Sabbat oder Feiertag bleiben die alltäglichen Abend-, Morgen- und Nachmittagsgebete in ihrer Struktur gleich, werden aber sprachlich besonders gestaltet. Das Gebet verbindet Alltag und Feiertag. Wenn der Jude Paulus die an Christus Glaubenden im Neuen Testament auffordert: »Betet ohne Unterlass!« (1. Thessalonicher 5,17), dann könnte er an eine solche, ihm aus seinem jüdischen Leben vertraute Praxis gedacht haben.

Generell ist das jüdische Gebet durch eine große Bedeutung der Tradition und des Rituals gekennzeichnet. Das gilt sogar für die Gottesdienste und Gebete der reformorientierten Kreise im Judentum. In den Gebeten finden sich zahlreiche Texte, die nie verändert werden: das sogenannte »Höre, Israel« (5. Mose 6,4–9), das in jedem jüdischen Gebet gemeinsam gelesen wird, das Achtzehngebet, das trotz seines Namens niemals 18 Bitten hat, sondern am Wochentag 19 und am Feiertag sieben, zahlreiche Psalmen und Preisungen, die wortgleich überall, wo Jüdinnen und Juden feiern, gesprochen bzw. gesungen werden. Was sich unterscheidet, sind die Art und Weise, wie diese Texte gottesdienstlich gestaltet werden und damit die Klangfarben der Gottesdienste.

Der polnisch-US-amerikanische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel (1907–1972) hat die Bedeutung des verbindlich festgelegten Textes überaus zu schätzen gewusst. Niemand müsse Gebete aus seinem eigenen Inneren selbst hervorbringen. Der Mensch stimme vielmehr ein in eine andere Melodie, die das Gebet vorgibt. »Es bringt uns weiter«, schreibt Heschel, »wenn wir das Echo der Musik der Jahrhunderte in uns wiedererwecken, als wenn wir auf der zersprungenen Flöte des eigenen Herzens spielen.« Interessant sind auch die Erfahrungen des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier, der anlässlich des Todes seines Vaters anfing, regelmäßig zu beten. Die für ihn zunächst völlig fremden Worte des Gebets wurden ihm nach und nach zur Heimat. Sie erwiesen sich wie ein Raum, den er betreten konnte und nicht selbst bauen musste. Manchmal stöhnt und ächzt der christliche Gottesdienst angesichts der Forderungen nach Originalität und Authentizität. Die Erfahrung vieler jüdischer Beter könnte den Kreativitätsdruck zurücktreten lassen. Und wer weiß, vielleicht kann ich, auch wenn für mich an einem Sonn- oder Feiertag kein einziges Wort des Glaubensbekenntnisses oder mancher Lieder einfach so aus dem Herzen sprudeln würde, im Mitbeten dieser Texte und Mitsingen dieser Lieder selbst Neues entdecken und von außen nach innen zum Glauben finden.

Dazu gehört auch, dass das jüdische Gebet an den meisten Orten auf Hebräisch gebetet wird – auch wenn nicht alle zum Gebet Versammelten diese Sprache wirklich verstehen. Verständlichkeit im kognitiven Sinn ist nicht alles im Gottesdienst – eine Wahrnehmung, die vernunftorientierten Protestanten gelegentlich gesagt werden muss. Apropos Protestanten: Jüdisches Gebet funktioniert immer auch ohne Predigt; in den Morgengottesdiensten der Feiertage aber nie ohne biblische Lesungen. Vor allem die Tora-Lesung hat einen hohen Stellenwert. In der Feier der Gemeinde wird die Gabe der Tora am Sinai liturgisch-symbolisch neu inszeniert, und die zum Gottesdienst Versammelten können sich so fühlen, als seien sie selbst am Sinai versammelt. Wer diese Praxis einmal gesehen hat, wird sich fragen, warum wir Evangelischen uns zwar manchmal »Kirche des Wortes« nennen, aber den Lesungen aus der Bibel so wenig Gewicht geben.

Da das jüdische Gebet im Prinzip festliegt, kann jeder aus der Gemeinde – in liberalen und vielen konservativen, nicht aber in orthodoxen Gemeinden auch jede – zum Vorbeter werden. Es braucht keinen ordinierten Rabbiner zum gemeinsamen Gebet. Die Reformation trat einst auch an, das Priestertum aller Getauften zu vertreten. Meines Erachtens handelt es sich dabei aber um eine der am häufigsten zitierten und am wenigsten praktizierten Wendungen in der evangelischen Kirche. Vielleicht wäre auch hier ein Lernen vom Judentum 500 Jahre nach der Reformation hilfreich.

Alexander Deeg

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Vertrauen, Mut und Orientierung schenken

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Großeltern ihren Glauben an Kinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Vertrauen, Orientierung und Mut wollen wir unseren Kindern vermitteln. Viele Regeln und Ordnungen lernen Kinder von uns, sie schauen und machen das, was die Erwachsenen ihnen vormachen. So lernen sie die Regeln und Ordnungen, die wie Geländer Raum und Zeit orientieren und strukturieren.

Im Zusammenleben erfahren sie erstes Vertrauen: Man bekommt Nahrung, wenn man Hunger hat; im glücklichen Fall wird man getröstet, wenn man sich wehgetan hat. Von Gott wird erzählt, dass er einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Sollte schon in die ersten Anfänge eines Lebens Gott hineinspielen?

Leben ist geschenkt, gegeben, wir haben es nicht gemacht. Schon am Anfang ist Gott mit im Spiel: »Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.« (Psalm 139,16) »Gott als Geheimnis der Welt«, unter diesem Titel hat der Theologe Eberhard Jüngel sein Nachdenken über Gott und Welt zusammengefasst. Gott also in der Welt, aber als Geheimnis, die Welt ist offenkundig kein Beweis für Gott. Gott schenkt Leben, er provoziert Vertrauen, Orientierung und Mut. Die Bibel nennt das Glauben. Aber das Geheimnis ist nicht greifbar, es ist kein Beweismittel, und was wir nicht als Beweismittel greifen können, wird rasch vergessen. Der Geschenkcharakter des Lebens gerät in Vergessenheit. Das ist moderne Gottvergessenheit.

Die Geschichte Gottes wirbt für die Einsicht, dass ein Mensch sich geschenkt ist. Mit den vielen Geschichten, Gebeten, Verheißungen und Klagen verweist die Bibel auf Gott. Gott erschließt sich, wenn wir im Erzählen in die Geschichten verwickelt werden. Das Erzählen macht Menschen empfänglich für Gottes ursprüngliches Ja: »Fürchte dich nicht, … ich habe dich bei deinem Namen gerufen«. (Jesaja 43,1)

Schauen wir auf das erste Kapitel der Bibel. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Ein Kind mag fragen: Ist so die Welt entstanden? Das kann doch nicht sein! Aber es versteht, dass schon am Anfang die Welt Schutz brauchte, Fürsorge, wundervolle Ordnung von Raum und Zeit. Die Welt ist schön, ein Lobgebet äußert das: Der Himmel freue sich …, es sollen jauchzen alle Bäume im Walde (Psalm 96,11/12). Der Bericht des ersten Kapitels der Bibel fährt fort mit der Schöpfung des Menschen: der Mensch im Angesicht Gottes, angeredet als Ebenbild, verantwortlich und voller Würde.

Als Mensch in Gottes Geschichte kann ich rufen und werde gehört. Ich spreche mit Kindern den 23. Psalm: Die uralten Worte, mit denen Israel seinen Glauben bekannte, erweisen sich als zuverlässig und tragfähig. Die Worte schaffen einen Raum von Vertrauen, da hört uns jemand und versorgt uns wunderbar mit erquickendem Wasser. Ich bin nicht der einsame Einzelne, der allen gleichgültig ist.

Ein Kind erziehen heißt, mit ihm zusammenleben, ihm Vertrauen, Orientierung und Mut einflößen. Man kann das tun, indem man von der Geschichte erzählt, in der einem jeden Menschen Anerkennung und Würde zugesprochen wird. So wird ein Mensch, ein Kind in Gottes Geschichte verwickelt. Während des Zusammenlebens mit meinen Kindern und später mit den Enkeln waren für mich leitend die Gedanken des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak, der von 1912 bis zum Ende 1942 das jüdische Waisenhaus in Warschau leitete. Korczak entstammte einer jüdischen Familie, praktizierte aber die jüdische Religion nicht. Dennoch blieb er fest verwurzelt in der biblischen Tradition. Er galt als nicht religiös, aber er richtete im Waisenhaus ein Morgengebet ein, an dem die Kinder freiwillig teilnehmen konnten.

Das Gebet ist Lebensraum und Ordnung, es teilt die Zeit ein, innerhalb und außerhalb meiner selbst: Gott ist der Name für das Geschenk und die Güte des Lebens.

Janusz Korczak konnte den Kindern sein Lebensverständnis vermitteln beim Betrachten einer Wiese. »Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens ihnen, das Leben für eine Wiese zu halten.« In seinem Tagebuch im Warschauer Getto schreibt er: »Dank dir, guter Gott, für die Wiese und die bunten Sonnenuntergänge, für das frische Lüftchen am Abend nach einem heißen Tag der Mühsal und Arbeit. Guter Gott, der du es so weise eingerichtet hast, dass die Blumen duften, die Glühwürmchen auf der Erde leuchten, die funkelnden Sterne am Himmel.« Korczak schreibt aus der Erinnerung – im Getto gab es keine Wiese – im Vertrauen auf das ihm geschenkte Leben. Die fröhliche Wiese ist gestaltet vom Realismus der Barmherzigkeit. Eine Hand ist neben mir und sorgt für mich wie der barmherzige Samariter. Das ist die Sicht auf die Welt, die immer wieder die Spur des Geheimnisses der Welt entdeckt.

Gunda Schneider-Flume

Die Autorin war Theologieprofessorin in Heidelberg und Jena. Bis zu ihrer Emeritierung 2006 hatte sie den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Leipzig inne.

Buchtipp:
Schneider-Flume, Gunda: Kinder können fliegen. Leben mit Kindern – Im Gespräch mit Janusz Korczak, Verlag Peter Lang, 95 S., ISBN 978-3-63166-364-6, 19,95 Euro

Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de