Kinder begegnen dem Tod

12. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Angebote für einen kindgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Ich sehe die Szene immer noch deutlich vor mir: Eines unserer Kinder, damals knapp vier Jahre alt, steht am Fenster: Auf dem Weg vor unserem Pfarrhaus bewegt sich ein Trauerzug langsam in Richtung Kirche. »Da läuft Papa«, ruft die Kleine mir zu. »Ja«, sage ich, »er geht mit der Familie von Herrn X in die Kirche zur Trauerfeier.«

»Mama«, tönt es, »also, du hast doch gesagt, dass im Sarg nur die Hülle vom Menschen liegt. Und die wird dann begrabt. Und dann hast du gesagt, dass das Wichtigste von mir, also dass ich ICH bin, nicht begrabt wird, sondern zu Gott geht und lebt.«

»Du meinst die Seele?« – »Ja, die Seele. Also Mama, wann genau geht denn die Seele aus dem Menschen? Wenn er stirbt, wenn er in den Sarg ­gelegt wird oder wenn er in das Grab kommt?« – Da stehe ich nun: Pfarrerin und Mutter und sprachlos … »Da kann ich dir leider gar nicht so leicht eine Antwort geben«, stammele ich. »Vielleicht müssen wir beide gemeinsam mal ganz in Ruhe darüber nachdenken.« Eine druckreife Antwort gibt es bis heute nicht – viele kleine Antworten sind es geworden und viele neue Fragen. Am Wichtigsten aber ist uns, dass wir gemeinsam sprechen und nachdenken – immer wieder neu.

»Wenn dein Kind dich fragt …«, dieser Auftrag aus den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens stellt sich den Eltern und allen, die mit Kindern zu tun haben, immer wieder im Blick auf den Umgang mit dem Thema »Sterben, Tod und Trauer«.

Es ist wichtig, auf die Fragen der Kinder sensibel zu hören, diese Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam Antworten zu suchen. Zum anderen können Erwachsene solche Fragen dem Kind gegenüber artikulieren, bevor es mit dem Tod direkt konfrontiert wird. Oft ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch: Ein Kind findet auf dem Spaziergang einen toten Vogel. Das Meerschweinchen stirbt nach Jahren intensiven Streichelns. Ein Brief mit einem schwarzen Rand um das Kuvert liegt im Briefkasten …

Ein wichtiges Medium sind Bilder- und Kinderbücher zum Thema »Sterben – Tod und Trauer«. Auf diesem Sektor hält der Buchmarkt allein in Deutschland derzeit mehr als 100 Titel bereit. Leider werden Bücher zum Thema Tod und Sterben Kindern viel zu selten zur Verfügung gestellt.

Kinder- und/oder Bilderbücher sind gut geeignet für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie vermitteln Informationen und bieten Anlass für Gespräche. Weil es leichter ist, über die Figuren des Buches zu sprechen, ermöglichen sie Distanz.

Bei der Lektüre erfährt der Leser Solidarisierung, denn so wie ihm, geht es auch anderen. Die Gefühle des Betrachters werden verbalisiert (»Schau, wie traurig der jetzt aussieht!«). Die Bücher helfen bei der Verarbeitung von eigener Trauer. »Ich musste in den letzten Tagen so viel entscheiden, was die Trauerfeier für meinen Mann angeht, dass ich gar nicht zu meiner eigenen Trauer komme – ich funktioniere nur!«, sagt eine Frau. In dieser Situation habe ihr ein Kinderbuch gut getan. »Ich konnte erst mal richtig weinen«, erzählt sie.

Welches Buch ist geeignet? Bevor eine Publikation zu diesem Thema in die Hand eines Kindes kommt, sollte es von einer Bezugsperson selbst gelesen werden. »Wie wirkt dieses Buch auf mich? Wie ist die Sprache, wie sind die Bilder und in welchen Farben gewählt? Illustrieren sie den Text oder vermitteln sie Wissen? Für welches ­Alter ist es geschrieben?

Neben solchen »allgemeinen« Fragen sollten dann die inhaltlichen ­stehen. Zum Beispiel: Welche Fragen werden beantwortet? Wird der Tod in der Spannung zwischen Verneinung und Bejahung thematisiert? Ist das Buch für die Frage nach Gott offen? Wird die Beziehung Gottes zum Menschen als eine über den Tod hinausreichende beschrieben? Ist das angedeutete oder formulierte Gottesbild vertretbar?

Als Christen haben wir die großartige Möglichkeit, den Tod vom Leben aus zu sehen und uns immer wieder zu vergewissern: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« (1. Korinther 15, 55a) Wir sind es den Kindern schuldig, das Thema nicht »totzuschweigen«, sondern »lebendig zu ­reden«.

Ulrike Spengler

Die Autorin ist promovierte Theologin und wohnt in Bad Berka bei Weimar.