Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Theologie als Spielball des Zeitgeistes

4. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Theologie gehen viel zu beliebig mit der Bibel um – meint Udo Schnelle, einer der renommiertesten Theologieprofessoren Deutschlands. Im Gespräch mit Andreas Roth spricht er über die Grenzen der historisch-kritischen Theologie, zu viele Moralpredigten und die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte.

Herr Professor Schnelle, Sie sind als Theologe Experte darin, biblische Texte auseinanderzunehmen – aber Sie waren auch einmal Pfarrer und mussten trösten und verkündigen. Hat Ihnen das die historisch-kritische Theologie schwer gemacht?
Schnelle: Sie hat mir eher geholfen. Gott der Schöpfer hat mir Vernunft gegeben, und wenn sich durch die biblischen Texte historische Fragen stellen, dann muss ich sie beantworten. Bei der zentralen Glaubensentscheidung, der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, kommt die Vernunft an ein Ende – aber davor darf ich fragen, etwa, ob Jesus ein bestimmtes Wort gesagt hat oder nicht.

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Das ist gut protestantisch. Doch Sie werfen der evangelischen Kirche und Theologie Beliebigkeit gegenüber der Bibel vor – warum?
Schnelle: Sie haben natürlich nicht die Bibel verworfen, aber sie haben im Sinne der Postmoderne wesentliche Inhalte für nicht mehr aktuell erklärt. Das Zweite ist: Es werden ständig ethische Fragen in Kirche und Theologie behandelt, aber die eigentlichen Glaubensfragen treten permanent zurück. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt eine Intensiv-Ethik, in der das Christentum rein moralisch gefasst wird. Das halte ich für grundfalsch. Denn der Kern des Christentums ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Jesus ­Christus – das ist in den letzten Jahrzehnten immer undeutlicher geworden in der evangelischen Kirche.

Machen wir es konkret: Um welche Themen drückt sich denn die Kirche?
Schnelle: Zum Beispiel das Gericht Gottes. Landauf, landab wird der liebe Gott verkündet. Das ist natürlich nicht falsch, aber da haben wir eine Art Schmusegott, der im Grunde genommen nichts anderes tut als das, was wir selbst wollen. Dabei steht im Neuen Testament klar, dass mein Handeln und Nicht-Handeln Folgen haben wird im Gericht Gottes. Das Nächste ist die Auffassung von der Ehe. Sowohl der historische Jesus als auch Paulus sind gegen das Scheitern und Scheiden von Ehen. Die evangelische Kirche aber passt sich ständig der politischen Mehrheitsmeinung an.

Kann man in manchem Zeitgeist nicht auch den Heiligen Geist entdecken? Die zentrale Botschaft Jesu ist doch, dass der Wille Gottes Liebe und Erbarmen ist.
Schnelle: Ich will gar nicht bestreiten, dass das Zentrum des Evangeliums die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist. Aber ich kritisiere eine einseitige Fokussierung darauf.

Ist das so schlimm?
Schnelle: Der evangelische Verzicht auf Glaubensinhalte führt dazu, dass die wenigen, die noch zur Kirche halten, enttäuscht sind. Das erklärt den anhaltenden kirchlichen Abwärtstrend, denn für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung sind heute alle Parteien. Dafür brauche ich keine Kirche mehr.

Ist an dieser Entwicklung die historisch-kritische Theologie schuld? Sie selbst haben namhafte Lehrbücher über sie geschrieben.
Schnelle: Sie ist teilweise mitschuldig. Die Entwicklung setzte in den 1950er-Jahren ein, mit dem Theologen Rudolf Bultmann und anderen. Sie vertraten eine radikale Theologie: Alles, was als rückständig, überholt und mythologisch angesehen wurde, das müsse man nicht mehr glauben. Die Auferstehung Jesu wurde verflüchtigt zu einem bloßen Symbol – sie ist dann kein reales Geschehen mehr, und vom historischen Jesus blieb fast nichts mehr übrig. Das ändert sich in den letzten Jahrzehnten langsam wieder, Gott sei Dank.

Wenn die historisch-kritische Theologie mitschuldig ist – sollte man sie dann nicht besser abschaffen?
Schnelle: Sie ist notwendig, weil die Texte des Alten und Neuen Testaments historische Texte sind. Sie sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sondern sie sind von Menschen geschrieben worden und gewachsen – und diese historische Dimension muss untersucht werden. Aber diese historischen Untersuchungen dürfen nicht an die Stelle des Glaubens treten, sondern sie müssen ein Schritt hin zum Glauben sein. Der Glaube weiß, dass die Bibel mehr als Menschenwort ist.

Wenn Konfirmanden oder Schüler fragen, ob Jesus nun Wunder vollbracht hat oder nicht – was sagen Sie dann?
Schnelle: Es gibt Wundergeschichten wie die Speisung der 5 000, die deutlich vom Alten Testament beeinflusst sind – ob die historisch sind, kann man bezweifeln. Dann gibt es aber wieder andere Wundergeschichten wie die Heilung der Schwiegermutter des Petrus, wo es keinen vernünftigen Grund gibt, sie dem historischen Jesus abzusprechen.

Ich bin nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir Theologen behandeln die Bibel kritischer und skeptischer als die Geschichtswissenschaftler jedes andere Buch der Antike. Aber es muss ein Grundvertrauen in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte geben – und das ist gerechtfertigt, weil wir über keine Gestalt der Antike so genau Bescheid wissen wie über Jesus von Nazareth.

Darf ein Pfarrer Weihnachten sagen, dass die Weihnachtsgeschichte historisch so wahrscheinlich gar nicht geschehen ist?
Schnelle: Ja, das darf er sagen, wenn er klar macht, was die Weihnachtsgeschichte dennoch theologisch aussagt: Nämlich, dass Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Insofern ist die Weihnachtsgeschichte auch wahr.

Muss das die Menschen in den Kirchgemeinden nicht verwirren?
Schnelle: Man muss sicher über den Ort nachdenken, wo man historisch-kritische Fragen erörtert. Bei Gemeindeabenden, in der Erwachsenen- und Jugendarbeit kann man sich biblischen Texten sehr wohl so nähern – und zwar, indem die Teilnehmer selbst entdecken, welche Spannungen, Doppelungen und Widersprüche es teilweise in der Bibel gibt.

Ist ein Grund für innerkirchliche Zerreißproben wie die Diskussion um Homosexualität, dass ein Brückenschlag zwischen akademischer Theologie und Gemeinde oft nicht gelingt?
Schnelle: Ja, das sehe ich so. Im Theologiestudium geht es viel um die rein historischen Fragen – aber wie ich das theologisch einzuordnen und zu verstehen habe, das kommt nur selten vor. Es gibt eine Unfähigkeit der akademischen Theologie, Glaubensfragen ernsthaft im Studium zu verankern.

Viele Pfarrer kommen nach ihrem Studium in eine Gemeinde und haben das Gefühl: Das, was ich gelernt habe, kann ich hier gar nicht sagen. Ich sehe, dass viele von ihnen innerlich und intellektuell vereinsamt sind. Das ist seelisch auf Dauer ungesund.

Gibt es eine Medizin dagegen?
Schnelle: Ich rate sehr dazu, die Probleme nicht auszuklammern und die kritischen historischen und theologischen Fragen in die Gemeindearbeit einzubinden. Und die Pfarrer sollten untereinander das theologische Gespräch suchen, zum Beispiel in den Konventen. Ihr Glaubenspaket, das sie mitbekommen haben, schmilzt im Laufe der Jahre, und es gibt nur wenige Ladestationen, wo der eigene Glaube geistlich und intellektuell wieder aufgeladen wird.

Müssen dafür Theologie und Kirche wieder mehr Ernst machen mit dem Evangelium?
Schnelle: Ja, man müsste mit ihm mehr Ernst machen – und es auch ernster nehmen.

Udo Schnelle (64) ist Professor für Neues Testament an der Fakultät für evangelische Theologie der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat einige der derzeit verbreitetsten Lehrbücher zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments geschrieben.