Ein schmerzhafter Prozess

10. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Versöhnung: In Tschechien ist die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen nach dem Krieg weiter als es scheint

von Steffen Neumann, Prag

Wer in Tschechien nach deutschen Soldatengräbern sucht, findet oft auch tote deutsche Zivilisten: Opfer der gewaltsamen Racheakte nach Kriegsende. Doch ­immer mehr Tschechen sind bereit, sich der Geschichte zu stellen.


Keine 21 Jahre jung war Karl Kinn, als er wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges als Angehöriger der Wehrmacht auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik fiel. Doch noch fast 65 Jahre mussten vergehen, bevor er gemeinsam mit fast 5600 weiteren deutschen Toten auf der Kriegsgräberstätte im westböhmischen Cheb (Eger) endlich eine würdige letzte Ruhestätte erhielt. Die insgesamt elfte und zugleich drittgrößte deutsche Kriegsgräberstätte in Tschechien wird an diesem Sonnabend, 11. September, feierlich eröffnet.

Die Suche nach Toten ist nur über Umwege möglich

Begegnung über Gräbern: Fast 5600 deutsche Tote aus Kriegs- und Nachkriegszeit haben in den vergangenen Jahren auf der neuen Kriegsgräberstätte im tschechischen Cheb (Eger) ihre letzte Ruhe gefunden. An diesem Sonnabend, 11. September, wird sie eingeweiht. (Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.)

Begegnung über Gräbern: Fast 5600 deutsche Tote aus Kriegs- und Nachkriegszeit haben in den vergangenen Jahren auf der neuen Kriegsgräberstätte im tschechischen Cheb (Eger) ihre letzte Ruhe gefunden. An diesem Sonnabend, 11. September, wird sie eingeweiht. (Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.)

Der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge (VDK) hat die Toten in den letzten Jahren gesucht, geborgen und teilweise identifiziert. Mit Karl Kinn sind immerhin rund 2000 namentlich bekannt, unter ihnen auch 473 Zivilisten. Auch bei den nicht identifizierten Toten schätzt VDK-Sprecher Fritz Kirchmeier ihren Anteil auf rund ein Viertel. Eine beachtliche Menge dafür, dass der VDK gar nicht nach ihnen suchen darf.

Die tschechisch-deutschen Beziehungen sind zwar nach fast einhelliger Meinung von Politikern heute auf dem besten Stand ihrer Geschichte, doch offensichtlich immer noch kompliziert genug. Denn Tschechien ist der einzige Staat, mit dem Deutschland bis heute kein Kriegsgräberabkommen unterhält. Erfassung, Schutz und Pflege der Gräber wird stattdessen über den Umweg des Artikels 30 im 1992 geschlossenen Deutsch-Tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrag geregelt.

Auf dieser ­Basis darf sich der VDK jedoch nur um gefallene Wehrmachtsoldaten kümmern. Finden sich in ihren Gräbern auch Zivilisten, werden allerdings auch sie exhumiert. Das ist der Grund, warum in Cheb auch zivile Opfer begraben sind, die bei der Vertreibung der Deutschen umgekommen sind. Sie fanden sich in Gräbern von Internierungslagern, in denen der VDK nach Wehrmachtssoldaten suchte. Ob sie indes eines gewaltsamen Todes ­gestorben sind oder auf natürliche Weise, aber bedingt durch die Vertreibung, lässt sich laut VDK-Sprecher Kirchmeier nicht mehr feststellen.

Mit polizeilicher Gewissheit lässt sich dies von den Toten sagen, die vor einem Jahr um das nordböhmische Postoloprty (Postelberg) gefunden wurden. 1945 ereignete sich in dem früheren Postelberg das größte Massaker der europä­ischen Nachkriegsgeschichte bis Srebrenica. Erst vor zwei Jahren hatte die Polizei Ermittlungen aufgenommen und die Ereignisse aufgeklärt. Dass sich eine staatliche Behörde um die Aufklärung bemühte, war ein Novum in der Tschechischen Republik.

Vor wenigen Wochen wiederholte sich das Szenario in Dobronin (Dobrenz), wo Deutsche nach dem Krieg sehr wahrscheinlich Opfer eines grausamen Verbrechens wurden. Anzeige bei der Polizei erstattete ein Journalist.

Die Überraschung hielt sich in Grenzen, denn diese Verbrechen sind zumindest in der älteren Generation bekannt. Neu ist, wie damit umgegangen wird. Nur wenige Tage, nachdem die Polizei mit den Ausgrabungen begann, hatten Einwohner aus der näheren Umgebung ein großes Holzkreuz an dem Ort aufgestellt. Und es ist zu erwarten, dass dies nicht das letzte Massengrab war. »Das ist ein langsamer Prozess hin zur Normalität«, wertet Ondrej Matejka das Geschehen. Matejka ist Geschäftsführer von »Antikomplex«, einem Verein, der diese Entwicklung in den letzten Jahren ­aktiv befördert hat.

Knackpunkt bis heute: die Benesch-Dekrete

Bisher hieß es beim Thema Vertreibung immer, dass Tschechien sich mit der Aufarbeitung seiner jüngeren Geschichte schwertue. Dieser Eindruck entsteht, da das offizielle Prag eine klare Distanzierung von den Benesch-Dekreten bisher vermissen lässt. Diese Dekrete seien schon »totes Recht« und man wolle lieber nach vorn schauen. Doch hinter diesen ­Verlautbarungen ist der Prozess der Aufarbeitung schon längst im Gange und kann sich durchaus sehen lassen. Fakt ist, dass die meisten Impulse zur Aufarbeitung Nichtregierungsorganisationen wie »Antikomplex« beziehungsweise dem Engagement von Privatpersonen zu verdanken sind, die jedoch später vom Staat großzügig unterstützt wurden.

So ist das auch im Fall des geplanten Museums der Deutschen, dessen Konzeption in diesen Tagen vorgestellt wurde und das im kommenden Jahr in Ústí nad Labem (ehemals Aussig) eröffnet werden soll. Ausgedacht von engagierten Bürgern, wird es inzwischen vom Kulturministerium gefördert. Mit dem Museum will sich Tschechien zur eigenen 600-jährigen Tradition bekennen, die von den deutschen Landsleuten geprägt wur­de. Aber sich auch ihrer Vertreibung nach 1945 stellen. Für »Antikomplex«-Geschäftsführer Matejka liegt die ­Aufarbeitung deshalb auch folgerichtig im ureigenen Interesse der Tschechen selbst.

Dieser schmerzhafte Prozess kön­ne laut Matejka Teil einer Reflexion über die eigene Identität werden, der so bisher noch nicht stattgefunden hat. Neben den umstrittenen Benesch-Dekreten müsste sich Prag auch von dem Gesetz Nummer 115 distanzieren, das in der Nachkriegszeit verübte Verbrechen von Strafverfolgung ausschließt. Eine Verfolgung der Täter könnte für Tschechien eine ähnlich wichtige Funktion haben, wie für Nachkriegsdeutschland der Auschwitz-Prozess, schließt Matejka. Vielleicht erfahren dann auch noch all jene Toten, nach denen der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge nicht suchen darf, eine würdige Bestattung.

Steffen Neumann, Prag

Tiefe Wunden bis heute

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine ­Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. 	Fotos: Andreas Kirschke

Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine ­Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. Fotos: Andreas Kirschke


Prag: Die Kommunisten setzten den tschechischen Kirchen hart zu – doch es gibt wieder lebendige Gemeinden

Tschechien gilt heute als eines der atheistischsten Länder Europas. Der protestantische Pfarrer Josef Benesch sieht das auch als eine Folge der ­kommunistischen Diktatur.

Josef Benesch beschreibt tiefe Wunden. »75 Prozent der Prager sind heute atheistisch. Vielen fehlen grundsätzliche Kenntnisse über den Glauben«, erläutert der Pfarrer der evangelischen St.-Salvator-Kirchengemeinde Prag die Folgen des Stalinismus. Die Teilnehmer der Bildungsreise »Tschechien. Geschichte, Politik und Kultur« – organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der deutsch-tschechischen Brücke/Most-Stiftung – hören hoch gespannt zu. Es geht um ­Kirche im Stalinismus und um Kirche heute.

Druck und Repression besonders gegen Katholiken

»1949 löste die Staatsmacht in Tschechien sämtliche Klöster auf. Ihre rund 40000 Nonnen und Mönche wurden verhaftet. Oder sie mussten emigrieren. Auch 2000 katholische Priester kamen in Haft«, schildert Josef Benesch. Bei seinen Recherchen in Bibliotheken stieß er auf einen Brief. Der stammte von einem Vertreter des Zentralkomitees der damaligen Kommunistischen Partei: »Wir müssen gleich die Hierarchie attackieren. Dann wird die Kirche von allein verschwinden«, zitiert der Pfarrer sinngemäß die Haltung der Partei- und Staatsmacht gegenüber den Katholiken. Gegen die zahlenmäßig kleineren protestantischen Kirchen ging man anders vor. Die Pfarrer durften bleiben. Doch der Staat ließ sie streng überwachen.

Und er übte immer mehr Druck aus. Bald wurden alle kirchlichen Kinderferienlager verboten. Ab 1955 gab es im heutigen Tschechien auch keinen Religionsunterricht mehr. Angst, Einschüchterung und Unterwanderung war die Taktik der Staatsmacht. Vor allem aber wurden sämtliche Kirchen sowie christlichen Spitäler, Altenheime und Kinderheime enteignet. »Im Unterschied zu Ostdeutschland setzte man hier bei uns Enteignung und Verstaatlichung komplett durch«, so der Pfarrer. »Unsere Kirche – die Kirche des Heiligen Salvator – wurde 1952 enteignet.«

Ursprünglich war sie die erste Jesuitenkirche in Prag. Seit 1578 erfolgte ihr Bau, unterbrochen durch den Dreißigjährigen Krieg. Nach Auflösung des Jesuitenordens gehörten die Gebäude der Kirche zur Karls-Universität. In der St.-Salvator-Kirche predigten berühmte Persönlichkeiten wie der Philosoph und Mathematiker Bernhard Bolzano. 1990 kam es zur Wiederaufnahme der Studentenseelsorge. 2004 wurde hier die erste akademische Pfarrei der Tschechischen Republik unter Dr. Tomaš Halik errichtet. Heute ist Josef Benesch gemeinsam mit Svatopluk Karásek Pfarrer in der Gemeinde.

»Wir mussten viel Druck ausüben, um unsere Kirche zurückzuerhalten«, schildert er. In den 40 Jahren Stalinismus verlor die Gemeinde die Hälfte ihrer Mitglieder. Warum die Kommunisten gerade in Tschechien so radikal und unerbittlich gegen die Kirche vorgingen? Josef Benesch holt tiefer aus. »Es gab hohe Sympathie für die Sowjetunion. Viele Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller waren Mitglied der Partei«, erzählt er. Viele – zu viele – haben geschwiegen. Und ein totalitäres Regime, das keinen Widerstand kennt, kann alles verwirklichen.«

Bis heute wird den Kirchen ihr Vermögen vorenthalten

Heute gehören 700 Christen und Sympathisanten zur Gemeinde. Jeden Sonntag füllt sich die Kirche. Mindestens 200 kommen dann zum Gottesdienst. »Die Gemeinde hat wieder ein sehr lebendiges Glaubensleben«, betont Josef Benesch, seit 2006 Pfarrer in der St.-Salvator-Gemeinde. »Es kommen viele junge Familien, Jugendliche und auch Senioren. Das ist ein gutes Zeichen.« Die St.-Salvator-Gemeinde gehört zur Gemeinschaft der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB). »Wir fühlen uns als kontinuierliche Nachfolger der hussitischen Bewegung und der böhmischen Brüder aus dem 14. Jahrhundert«, betont Josef Benesch.

Viele andere Prager Kirchengemeinden haben noch offene Forderungen aus der Zeit der Enteignungen. »Die katholische Kirche schlägt vor, dass der Staat 50 bis 60 Jahre für katholische und evangelische Priester das monatliche Gehalt bezahlt und dass dann die endgültige Trennung von Staat und Kirche erfolgt«, so Josef Benesch. »Doch bisher gibt es darüber keine Einigung.« Der Pfarrer hält das für eine Verzögerungstaktik der Regierenden. Er selbst erhält sein Gehalt nach wie vor vom Staat. »Das ist nicht sehr viel«, lacht er. »Pfarrer sein heute – das ist ein Martyrium. Die Finanzierung gelingt nur aus mehreren Quellen.«

Die Gemeinde hat auch mit Deutschland Verbindungen. Einige Gemeindeglieder wanderten im Zuge der Reformation nach Dresden aus. Dort wurden sie später heimisch in der evangelisch-lutherischen Johanneskirchengemeinde in Dresden-Johannstadt-Striesen. »Bis 1930 hatten die Zugewanderten sogar das Recht auf einen eigenen tschechischen Pfarrer«, so Josef Benesch. Heute sind beide Gemeinden – St.-Salvator- und Johanneskirche – Partnergemeinden.

Von Andreas Kirschke