Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Der Tod vermag nicht zu scheiden

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie das Leben nach dem Tod naher Angehöriger weitergeht

Ein Spaziergang am Ewigkeitssonntag über den Friedhof, vorbei an Gräbern unbekannter Menschen. An dem einen oder anderen Grab verweilen. Ein Grabstein schenkt den Hinterbliebenen Trost. Der Verstorbene ist nicht vergessen. Auf dem Grabstein ist sein Name, Geburts- und Sterbedatum festgeschrieben. Darüber hinaus hoffen Christen, dass ihr Name bei Gott ins Buch des Lebens eingeschrieben ist.

»Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter«, sagt Jutta Adler-Bickhardt (66). Ihr erster Mann, Dietmar Adler, ist vor 26 Jahren, 1989, gestorben. Als dessen Grab voriges Jahr aufgelöst wurde, wollte Sohn Benjamin den Grabstein behalten, erzählt Jutta Adler-Bickhardt. »Er wollte, dass etwas bleibt.« Der in Stein gemeißelte Name seines Vaters. Dieser Wunsch soll ihm erfüllt werden. Benjamin wird später neben dem Grabstein seiner Mutter auch den Namen seines Vaters lesen. Jutta Adler-Bickhardt ist in zweiter Ehe verheiratet. Sie und ihr Mann denken manchmal an die Zeit nach ihrem Tod. Jutta zeigt den Entwurf eines Grabsteines. Darauf stehen die beiden Namen der Eheleute und die ihrer vorherigen Partner. So ist das Leben!

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto:  Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto: Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt wählt eine Grabgestaltung, die ihre Lebenswirklichkeit spiegelt, die bleibende, unzertrennliche Verbundenheit mit den Menschen, die zu ihr gehören – auch wenn sie bereits tot sind. Die Verstorbenen – »man ist sie nicht einfach los«, sagt sie. Sie leben in der Erinnerung weiter mit uns, insbesondere, wenn Kinder da sind. »In Benjamins Familie lebt Dietmar weiter.« Und in ihrer neuen Partnerschaft wolle und könne sie ihre Vergangenheit nicht ausblenden. Es sei ihr wichtig, mit ihrem jetzigen Partner über ihre gemeinsame Zeit mit Dietmar reden zu können. Ebenso im Freundes- und Bekanntenkreis. Es sei ein Geschenk, wenn man sich mit Verwandten und Freunden über das frühere Leben austauschen könne. Dabei sind die Toten oft gegenwärtig.

Man ist sie nicht einfach los? Ist diese Formulierung zweideutig zu verstehen? Schwingt in ihr der leise Wunsch mit, vergessen zu können? Es gebe Erinnerungen, die Jutta am liebsten ausblenden würde. Bevor Dietmar unheilbar krank wurde, sei ihre Ehe in einer schweren Krise gewesen. Durch die ernste Krankheit ihres Mannes seien jedoch die Probleme nichtig geworden. Jutta hat ihren Mann bis zu seinem Tode zu Hause gepflegt. »Ich bin dankbar, dass wir uns in den letzten Tagen wiedergefunden haben. Er ist in meinen Armen gestorben.« Dass sie ihrem Mann an seinem Lebensende so nahe sein konnte, sei ein großer Trost für sie. Angehörigen bis zum letzten Atemzug zu Hause nahe sein. »Das würde ich jedem empfehlen. Es tut hinterher gut. Man muss sich keine Vorwürfe machen.«

Allerdings gibt sie zu bedenken: Ohne die Hilfe von Freunden hätte sie die Pflege ihres schwer kranken Mannes nicht bewältigen können. 1989 waren andere Zeiten, Hospizdienst gab es noch nicht. Die Unterstützung, die sie erfahren hat, erfüllt sie mit Dankbarkeit. »Ich hatte mir damals vorgenommen, wenn ich mal mehr Zeit habe, will ich das zurückgeben.« Heute ist Jutta ehrenamtliche Hospizhelferin im Dresdner St.-Joseph-Stift.

Trauern braucht nicht nur Zeit, sondern auch einen entsprechenden Rahmen. Der habe ihr gefehlt, bedauert Jutta. Die Bedingungen nach Dietmars Tod seien für sie schwierig gewesen. Politisch war das Jahr 1989 eine Zeit des Umbruchs. Existenzielle Sorgen drängten die Trauer in den Hintergrund. »Ich hatte Angst unter der Brücke zu landen.« Es fehlte an Geld, denn Dietmar war der Hauptverdiener. Das neunjährige Kind hatte seinen Vater verloren. Sie war nun alleinerziehende Mutter.

Das Leben ging weiter. Jutta fand eine Arbeit als Pharmareferentin, später ihren zweiten Mann.

Die Verstorbenen – sie treten nicht aus unserem Leben, weil sie körperlich nicht mehr anwesend sind. Sie bleiben gegenwärtig, begleiten uns.

Der Gedanke an die Auferstehung sei ihr früher fremd gewesen, erinnert sich Jutta. Als Dietmar jedoch krank wurde, ohne Aussicht auf Genesung, habe sie sich dem Thema genähert. Ohne zu wissen, wie sich ein Wiedersehen gestalten könnte, habe sie allmählich in dem Glauben an die Auferstehung Hoffnung und Trost gefunden.

Sabine Kuschel

Mein eigenes Begräbnis

23. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen erzählen, wie sie einmal beerdigt werden möchten

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Wichtiger als die Frage, wie ich selbst beerdigt werden möchte, ist mir die Frage, wie ich sterben möchte. Mit einem Wort geantwortet: getrost. Auf Gottes Liebe trauend zu allem, was lebt, auch über den Tod hinaus. Im Vertrauen darauf, dass mein Leben auch nach dem Tod eine Perspektive in Gottes Zukunft hat. So sterben zu können, das wünsche ich mir.

»Dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist«

Deshalb hoffe ich, dass bei meiner Beerdigung von der Auferstehungshoffnung gesagt und gesungen wird. Wenn von dieser Hoffnung her deutlich würde, was schön, verbunden und froh war in meinem Leben ebenso wie das, was schwer war, was fragmentarisch geblieben ist, wo es neben Gelingendem auch Versagen oder Schuld gab.

Bei einer kirchlichen Bestattung kann vieles in Dankbarkeit gesagt werden. Aber nichts muss geschönt werden. Es ist ja Gott, der uns ihm recht macht. Die Feier des Trauergottesdienstes, Texte und Musik bilden dann einen Raum, der alles fasst und aufnimmt, was an Sagbarem und vielleicht auch Unsagbarem da ist. Mir geben dabei vertraute Worte der Bibel Trost. In ihnen können Trauer, Schmerz und Hoffnung sich bergen. Wenn sie bei einer Beerdigung noch gesagt werden, berühren mich besonders die Geleitworte des »In Paradisum«: »Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.« Ein Wunsch zur eigenen Beerdigung ist noch: Ich möchte in einem Sarg in die Erde gelegt werden. Schön, wenn er aus dem Holz des Baumes ist, dessen Früchte ich seit meinen Kindertagen in Großvaters Garten liebe – Kirsche. Und wenn dies alles geschieht in der Hoffnung »dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist« (Dorothee Sölle) – ja, das ist eine tröstliche Vorstellung.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

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Volker Kreß

Volker Kreß

Es wird wohl mit Rücksicht auf das hohe Amt, das ich in unserer sächsischen Kirche ausüben durfte, nicht so schlicht werden, wie ich es mir wünsche. Und doch: Schön wäre ein im besten Sinn ganz normaler Beerdigungsgottesdienst in der schönen, alten Kirche meiner Heimatkirchgemeinde Dresden-Leubnitz.

Als biblische Lesungen wünsche ich mir den lebensweisen 90. Psalm (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) und die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes aus Markus 16, 1-8. Diese Erzählung habe ich immer geliebt, weil die Frauen nicht mit selbstsicherem Jubel, sondern mit tiefem Erschrecken auf die unserem kleinen Menschenverstand unfassbare Nachricht der Auferstehung reagieren. Ganz in diesem Sinne möge der Pfarrer bitte über den tiefen Paulus-Satz aus 1. Korinther 13, 12 predigen: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.«

»Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin«

Vielleicht könnte mein Cello-Enkel danach das seltsam kantige Präludium aus der vierten Cellosuite von Bach spielen, an dem ich mich oft und gern selbst versucht habe.

Unbedingt gesungen werden sollte von der Gemeinde die wunderbare Strophe des Schlusses von Bachs »Johannespassion« »Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.«
Und dann bitte still und andächtig zum Grab.

Volker Kreß war von 1994 bis 2006 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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Alexandra Husemeyer

Alexandra Husemeyer

Das Thema »Beerdigung« beschäftigt mich schon seit der Kindheit. Meine Mutter verabschiedete mich im Sommer 1981 in die Ferien mit dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer«. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses Buch fortan zu meiner Lieblingslektüre werden sollte. Und meine Lieblingsstelle? Toms Beerdigung. Wie herrlich war es doch, seiner eigenen Beerdigung putzmunter von der Kirchenempore aus beizuwohnen. Tante Polly trauerte und bereute alle über Tom verhängten Strafen. Mein kindliches Herz suhlte sich im Selbstmitleid. Toll, dann würden alle Erwachsenen endlich erkennen, wie unrecht sie mir getan hatten! Ich malte mir meine Beerdigung aus, wählte passende Bibelstellen aus meiner Kinderbibel »Das Wort läuft« aus, ordnete Lieder.

»Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab«

Und heute? Heute ist es immer noch ein wichtiges Thema und ich bin Anhängerin des »guten, alten Stils«. Anonyme Bestattungen sind mir suspekt; am liebsten möchte ich auch nicht verbrannt werden, sondern in einem schlichten, einfachen Holzsarg, ohne umweltbelastenden Lack, in der Erde schlummern dürfen. Rituale am Ende des Lebens sind Ausdruck unserer Kultur und unseres Glaubens. Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab. Auch das gemeinsame Singen, und wenn es noch so brüchig ist, erscheint mir unbedingt wichtig.

Wenn zu meiner eigenen Beerdigung noch Geld übrig ist, wünsche ich mir zur Orgelbegleitung die wundervolle Händel-Arie »I know that my redeemer liveth« (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt) aus dem Messias, denn das ist die Botschaft, die unserem Leben Sinn gibt – über den Tod hinaus.

Alexandra Husemeyer führt freiberuflich unter anderem als Katharina von Bora Gäste duch Eisenach

Wenn der Sohn plötzlich geht …

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Freya von Stülpnagel hat die Trauer über den Freitod ihres eigenen Kindes durchlitten

Der Freitod eines nahestehenden Menschen hinterlässt Betroffenheit, Trauer und oft auch Schuldgefühle. Freya von Stülpnagel hat dies persönlich durchlitten.

Es ist Frühling 1998 und Freya von Stülpnagel erholt sich mit ihrer Familie für einige Tage im Skiurlaub. Da erreicht sie die Nachricht vom Freitod ihres Sohnes Benni. Von diesem Moment an ist ihr altes Leben für immer vorüber. Zunächst gerät sie in eine Schockstarre. Tagelang isst sie nichts. Nächtelang schläft sie nicht. Ihre Seele und ihr Körper tun weh. Sie weint und weint. Die Familie steht zusammen, aber auch das kann den Schmerz kaum lindern. »In den ersten Tagen«, sagt sie heute, »ging es einfach nur ums eigene Überleben.« Den Tod eines Kindes könne man nicht denken. Er sei gegen die natürliche Ordnung und deswegen so unfassbar.

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Am Beginn ihres Trauerprozesses ist ungewiss, ob und wie sie diesen Schicksalsschlag verkraften wird. Einige Zeit arbeitet sie noch weiter in ihrem Beruf als Lehrerin. Das gibt ihrem Alltag Struktur. Irgendwie muss es ja weitergehen. Aber sie kann es irgendwann nicht mehr aushalten, vor Jugendlichen zu stehen, die so alt sind wie ihr Benni, als er starb.

Benni wurde nur 18 Jahre alt. Er ist eines von vier Kindern der von Stülpnagels. Ein fröhlicher Junge, der den Eltern viel Freude bereitet. Als Jugendlicher bekommt Benni plötzlich seelische Probleme, die die Eltern zur damaligen Zeit nicht einordnen können. Es ist eine Depression, die ihn niederdrückt und schwer belastet. Einmal äußert Benni kurz: » Wenn ich nicht wieder gesund werde, bringe ich mich um.« Für Freya von Stülpnagel ist Selbsttötung ein absolutes Tabu. Damals weiß sie noch nicht, dass es in ihrer Familie in dieser Hinsicht eine Belastung, eine Vorgeschichte gibt. Auch ihre Großmutter und ihre Großtante hatten sich das Leben genommen. Niemals jedoch verlor die Familie darüber ein Wort. Es gehörte sich nicht.

So geht sie, aus heutiger Sicht viel zu schnell, über die flüchtig hingeworfene Bemerkung Bennis hinweg. Später leidet sie deswegen an Schuldgefühlen wie alle Eltern, denen »so etwas passiert«. Die Frage danach, was man hätte tun können, ob man es hätte verhindern können, treibt viele verwaiste Eltern um. Die Leichtigkeit des Seins, die Unbeschwertheit des Lebens, wird mit dem Kind zu Grabe getragen.

Freya von Stülpnagel durchleidet eine exzessive Trauerphase. Ihr Pfarrer sagt, dass er selten einen Menschen gesehen hat, der seiner Trauer einen solchen Ausdruck zu verleihen wusste. Er weiß in dem Moment aber auch, dass diese Frau ihre Trauer verarbeiten wird, weil sie ihren Schmerz nicht verdrängt, sondern »herauslässt«.

Es dauert viele Monate, bis sich in ihr endlich wieder ein kleines Fünkchen Lebensmut meldet. Eine Sehnsucht nach Leben, der Wunsch, die Zeit, die ihr noch gegeben ist, auszufüllen und gut zu nutzen. Sie kündigt ihren Lehrerberuf auf und widmet sich dem Dienst an verwaisten Eltern. Die Selbsthilfegruppe ihrer Kirchengemeinde, die sie zunächst als Betroffene besucht, steht heute unter ihrer Leitung. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin und gestaltet Trauerfeiern. Bislang schrieb sie zwei Bücher (siehe unten), in denen sie ihre Erfahrungen zu Papier brachte.

Heute hat sich Freya von Stülpnagel mit ihrem Schicksal ausgesöhnt. Sie sagt: »Es geht mir gut. Ich habe den Verlust von Benni in mein Leben integriert und kann gut damit umgehen.« Wichtig sei, dass in der akuten Phase der Trauer mindestens ein Mensch da ist, der zu einem steht, der die Trauer mit aushält, ohne zu vertrösten. Denn es gäbe keinen Trost beim Verlust des eigenen Kindes. Diese Untröstlichkeit gilt es anzuerkennen und offen damit umzugehen. Wichtig sei, authentisch zu leben, das Unfassbare zum Ausdruck zu bringen und immer wieder darüber zu sprechen.

Ihre Trauer, sagt sie, habe sich über die Jahre verwandelt. Sie sei inzwischen nicht mehr lebenshemmend, sondern lebensbegleitend.

Freya von Stülpnagel engagiert sich heute als Trauerbegleiterin im »Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister«. Regionale Gruppen gibt es auch in Mitteldeutschland. Sie sind auf der Internetseite des Bundesverbandes zu finden.

Petra Franke

www.veid.de

Buchtipp:
von Stülpnagel, Freya: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37067-2, 14,99 Euro
von Stülpnagel, Freya: Ohne dich. Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37049-8, 15,99 Euro

Hier finden Suizidgefährdete und deren Angehörige Hilfe
Kostenlos und rund um die Uhr stehen die rund 8 000 ehrenamtlichen Ansprechpartner der in ökumenischer Verantwortung betriebenen Telefonseelsorge allen Betroffenen zur Verfügung.
Rufnummern: (08 00) 111 0 111 und (08 00) 111 0 222
Daneben gibt es in Mitteldeutschland unter dem Dach der Diakonie Beratungsstellen mit qualifizierten Ansprechpartnern.

Diakonische Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt
Aschersleben: Ehe-, Lebens-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Silke Ben Amor, Eislebener Straße 5/6, 06449 Aschersleben, Telefon (0 34 73) 8 40 84 66
Bitterfeld-Wolfen: Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Iris Kroboth, Ratswall 18, 06749 Bitterfeld-Wolfen, OT Bitterfeld, Telefon (0 34 93) 4 26 49
Dessau: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Mandy Rüdiger, Georgenstraße 13-15, 06842 Dessau, Telefon (03 40) 2 60 55 34
Genthin: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Jana Berger, Magdeburger Straße 27, 39307 Genthin, Telefon (0 39 33) 80 18 41
Halle: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen, Silke Bauch, Kleine Märker Straße 1, 06108 Halle, Telefon (03 45) 2 03 10 16
Wittenberg: Erziehungs- und Familienberatung, Jana Ehrlich, Juristenstraße 1–2, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (0 34 91) 40 60 24
Magdeburg: Erziehungs- und Familienberatung, Susanne Granse, Leibnizstraße 48, 39104 Magdeburg, Telefon (03 91) 5 32 49-13
Quedlinburg: Familienberatungsstelle, Christine Schwindak, Carl-Ritter-Straße 16, 06484 Quedlinburg, Telefon (0 39 46) 37 40

Diakonische Beratungsstellen in Thüringen
Gera: Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle Gera, Katrin Teichmüller, Zabelstraße 2, 07545 Gera, Telefon (03 65) 7 73 63 21
Bad Langensalza: Beratungsstelle für Eltern Kinder und Jugendliche, Nadja Walter, Wiebeckplatz 3, 99947 Bad Langensalza, Telefon (03 03) 84 25 83
Eisenach: Evangelische Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle, Roland Fleischer, Schillerstraße 6, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 26 03 40
Erfurt: Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Paar-, Familien- und Lebensberatung Frau Roth, Schillerstraße 12, 99096 Erfurt, Telefon (03 61) 3 46 57 22
Gotha: Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Claus Hild, Klosterplatz 6 99867 Gotha, Telefon (0 36 21) 30 58 40
Greiz: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen, Antina Eichler, Kirchplatz 3, 07073 Greiz, Telefon (0 36 61) 26 17
Meiningen: Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Ines Müller, Alte Henneberger Straße 2, 98617 Meiningen, Telefon (0 36 93) 5 01 90
Pößneck: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Paar- und Lebensberatung, Gisela Külkens, Straße des Friedens 14, 07381 Pößneck, Telefon (0 36 47) 42 28 35
Saalfeld: Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Christiane Blaschke, Brudergasse 18, 07318 Saalfeld, Telefon (0 36 71) 45 58 91 20


Gott in der Finsternis

20. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Depression: Ein Betroffener schildert, wie er in eine Depression fiel und wie er in der Therapie die Hilfe Gottes erfuhr

Depression ist eine weit verbreitete Krankheit. Ein Pfarrer erzählt, welche Lektion zu lernen ihm die Depression aufgab.

Meine Depression fing damit an, dass mich die Schönheit der Schöpfung völlig kalt ließ. Mir wurde alles egal, auch mir selbst wurde ich gleichgültig. Ob eine Sache so oder so entschieden wurde – was ging mich das an! Später ließen meine Einsatzbereitschaft und meine Arbeitskraft immer mehr nach.

Ich musste mich regelrecht zwingen, wenigstens das Nötige zu tun und zu entscheiden. Meine Frau und gute Freunde merkten es. Sie sagten es mir auch. Ich wehrte mich dagegen und leugnete meinen Zustand. Ich war eben nur verdrießlich, dachte ich, wie man halt manchmal verdrießlich ist. Ich verlernte völlig das Lachen und wurde des Lebens überdrüssig. Ich lebte nur noch wie einer lästigen Pflicht gehorchend dahin. Wie um der Müdigkeit, der schlechten Laune und der Verdrießlichkeit etwas entgegenzusetzen, tauchten Suizidgedanken auf. Keineswegs quälend, sondern als befreiende Möglichkeit, den unhaltbaren Zustand Leben zu beenden. Zugleich wusste ich, dass diese Lösung für mich nicht in Frage kam. Ich blieb davon überzeugt, dass ich Verantwortung für mein Leben trug. Doch hoffte ich, von einem niederfallenden Ast erschlagen, von einem Auto totgefahren zu werden oder, noch besser, abends einzuschlafen und morgens nicht mehr aufzuwachen.

Zweifel, Wut und Lebensüberdruss

Dies war die erste Phase meiner Depression. Schon hier kam meine Praxis des Glaubens fast vollständig zum Erliegen. Über meinen Glauben legte sich eine Art Dämmerung. Gott trat in den Schatten und ich erlebte eine Zeit des Zweifelns, wie sie wohl jeder Glaubende bisweilen erlebt. Ich riss mich zusammen. Es gehörte zu meinem Beruf, die Zweifel und Fragen, die der christliche Glaube aufwirft, am eigenen Leib zu spüren. So dachte ich.

Zum Lebensüberdruss gesellten sich wenig später Aggressivität und Wut. Der geringste Anlass genügte für einen Wutausbruch. So schleppte ich in meiner Depression die Last der Tage dahin, bis ich des Schleppens müde wurde und mich einfach in mein Schlafzimmer verkroch. Das heißt, ich stand morgens nicht mehr auf, sondern verdunkelte das Zimmer so gut es ging und verbrachte den Tag im Dunkeln.

Nach drei Tagen sah ich es ein: Ich war krank! Ich brauchte Hilfe. Ich suchte meine Hausärztin auf und erhielt eine Überweisung an einen Neurologen und Psychiater. Also, ein Termin beim Neurologen musste her, aber das war gar nicht so einfach. Zwei Monate Wartezeit! Es waren zwei Monate meines seelischen Niederganges. Ich musste mich krankschreiben lassen. Das war auch gut so, denn ich hatte meiner Gemeinde nichts mehr zu sagen.

Mein Lebenshaus brach zusammen

In der nächsten Phase meiner Krankheit erfasste mich tiefe Trauer über mein verpatztes und verschleudertes Leben. Was war ich mir selbst und meinen Mitmenschen nicht alles schuldig geblieben! Wie hatte ich unter meinen Möglichkeiten gelebt! Und nun war ich schon so alt, zu spät, um noch irgendetwas nachzuholen. Die Trauer ging über in Selbstmitleid. Am meisten beunruhigte mich, dass mir mein Glaube abhandengekommen war. Das bedeutete für mich den Zusammenbruch meines ganzen Lebenshauses. Dass ich auch den Beruf eines Pastors nicht mehr würde ausüben können, war mir klar, war aber bei weitem nicht das Entscheidende. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen und ich baumelte mit den Beinen meiner Seele über dem Nichts. Gottesfinsternis breitete sich aus.

Foto: picture-alliance/dpa

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Ich wandte mich Hilfe suchend an einen Freund – ein Theologe und Psychotherapeut. Er sagte: »Du glaubst nicht mehr an Gott? Das ist in deinem Zustand völlig normal. Wer in einer Depression gefangen ist, kann nicht mehr glauben. Das gehört sozusagen zum Wesen der Depression dazu. Du trägst keine Verantwortung dafür. Du bist unschuldig.« Ich atmete tief auf. Das war eine durch und durch befreiende Botschaft. Wenn ich keine Schuld an meinem Unglauben trug, dann brauchte ich mich nicht zu fürchten, vor gar nichts.

Die zwei Monate waren um, und ich ging zu meinem Arzt. Er stellte die erwartete Diagnose: Depression. Er verschrieb mir ein Medikament, das den zu schnellen Abbau des Serotonins verzögerte, und verschaffte mir eine Therapie bei einem Psychotherapeuten. Dort konnte ich mein Leben ausbreiten, meine Fehler zugeben, über meine enttäuschten Hoffnungen sprechen und Kraft schöpfen für das Weiterleben. Langsam ging es aufwärts. Der Himmel bekam sein Blau zurück, die Bäume ihr Grün und die Blumen ihre Farbe. Und ganz langsam, mit dem Auftauchen aus der Dunkelheit, konnte ich wieder fühlen – Freude, Trauer, Ärger und Wut, Liebe.

Entscheidend aber war, dass auch mein Glaube wiederkam. Im Nachhinein begriff ich den Sinn meiner Krankheit. Ich hatte in meiner Depression eine Lektion zu lernen, die ich nur dort lernen konnte: Gott ist größer als mein Glaube und größer als mein Unglaube, größer vor allem als meine Depression. Ich konnte Gott nicht mehr festhalten; aber ich wusste später: Er hatte mich festgehalten. Gott ist nicht abhängig davon, ob ich die Kraft habe, an ihn zu glauben. Denn das ist gerade der Sinn und der Kern des evangelischen Glaubens an Gott: dass er für mich da ist, bevor ich überhaupt glauben kann, bevor ich lieben und etwas leisten kann. Ich erkannte fast wie zum ersten Mal: Gott ist für den Menschen da. Allein aus Gnade schenkt Gott den Glauben, und wenn man den Glauben nicht halten kann, ist Gottes Gnade nicht zu Ende. Sie bleibt, wenn alles andere schwindet. Christlicher Glaube ist nicht das Sahnehäubchen auf der Torte eines gelingenden Lebens, sondern ist Gnade für den, der glauben möchte und nicht kann, ist Trost für den, der Gott halten möchte und ihn nicht halten kann.

Aus der Versenkung ans Licht gekommen

Die Voraussetzung für diese Mut machenden Gedanken war allerdings, dass ich mich nicht scheute, fachliche Hilfe anzunehmen. Drei Dinge waren besonders hilfreich, um aus der Versenkung wieder ans Licht zu kommen: eine fachlich kompetente Seelsorge durch einen Kollegen, die Psychotherapie durch einen Therapeuten und die medizinische Versorgung durch einen Psychiater und Neurologen. In diesen drei Hilfsangeboten zusammen habe ich Gottes Hilfe erfahren.

Diederich Lüken

Abschied per Mausklick?

18. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Trauerkultur im Wandel: Virtuelle Friedhöfe, nie verlöschende Kerzen – das Internet bietet »ewiges« Gedenken

Wie passen Trauer und das Internet zusammen? Offenbar zunehmend gut, wie die zunehmende Zahl von virtuellen Friedhöfen zeigt.

Während auf den realen Friedhöfen die Zahl der anonymen Bestattungen steigt, weil es keine Angehörigen gibt, die das Grab pflegen wollen oder können, wächst seit Beginn der 1990 Jahre
die Zahl der virtuellen Friedhöfe. Vor allem Menschen, die mit dem Computer aufgewachsen sind, nutzen die moderne Technik, um ihrer Trauer in Online-Trauer-Portalen, Trauer-Blogs, Gedenkseiten, Chats und Foren, Ausdruck zu verleihen.

Auf digitalen Friedhöfen kann man einen Nachruf verfassen, eine Todesanzeige aufgeben, eine individuell ­gestaltete Gedenkseite oder eine virtuelle Grabstätte für einen lieben Verstorbenen einrichten und ihm damit ein »ewiges« Denkmal im Netz setzen. Denn das Internet vergisst ja bekanntlich nichts. Kondolenzbücher stehen bereit, um möglicherweise die anteilnehmenden Worte anderer zu dokumentieren. Sogar die Trauerkerze, die traditionell auf Gräbern entzündet wird, hat ihren Weg in die virtuelle Welt des Internet gefunden. Zu jeder Tages und Nachtzeit lässt sich per Mausklick eine virtuelle Kerze entzünden, die niemals niederbrennt oder in Regen und Wind verlöscht.

Mit Tonaufnahmen, Videos oder Fotos und Texten lässt sich das Leben des Verstorbenen multimedial festhalten. So können sich die Nutzer des virtuellen Friedhofs der Illusion hingeben, die Erinnerung vor dem Verblassen bewahren zu können. Anders als eine reale Grabstätte ist eine Gedenkseite zeitlich unbegrenzt zugänglich – es sei denn, diejenigen, die sie eingerichtet haben, verlangen beim Betreiber die Löschung.

Jederzeit zugänglich für jedermann in der Welt

Wer nicht aller Welt, sondern nur ausgewählten Menschen Zutritt zur virtuellen Gedenkstätte gewähren will, kann den Zugang durch ein Passwort schützen lassen. Dafür ist aber bei manchen Portalen eine Gebühr fällig. Und auch, wer beim Online-Auftritt einer Tageszeitung eine Traueranzeige aufgeben will, muss zahlen.

blick-47-2012»Ein virtueller Friedhof ist weltweit, kosten- und zeitsparend und jederzeit erreichbar, sodass die Hinterblie­benen stets darauf zurückgreifen ­können«, meinen die Betreiber von »www.gedenkseiten.de« die Vorteile und den Nutzen solcher virtuellen Trauerräume beschreiben zu können. Zudem könnten Wünsche und Nachrichten von anderen, die ebenfalls um den Verstorbenen trauern, den Hinterbliebenen Kraft geben. So könne eine »virtuelle Gemeinschaft« entstehen, in der man sich gegenseitig ­helfen könne, »zurück ins Leben zu finden«, heißt es.

Die meisten Gedenkportale versichern, dass sie kostenlos und ohne ­geschäftliches Interesse betrieben würden. Allerdings: Nicht selten führt ein Link zu einem Onlineshop, in dem passende Bücher, Videos oder Musik feil geboten werden. Oder es gibt einen Link zu Anbietern von Bestattungen, Steinmetzen oder anderen. Sogar den Hinweis auf eine Hellseherin, die ihre Dienste allerdings nicht zum Nulltarif anbietet, hat es schon gegeben.

Auch die Kirchen melden sich in Sachen Tod und Trauer im Internet zu Wort. Etwa auf »www.Trauernetz.de«, einem Online Angebot für Trauernde, das gemeinsam von der evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik getragen wird. Hier finden die Besucher zwar keine Möglichkeit, online Gedenkstätten mit Ewigkeitscharakter anzulegen, dafür aber hilfreiche Lyrik, Gebete und Meditationstexte, Hinweise auf Trauergruppen in der eigenen Umgebung, und das Angebot, mit gut ausgebildeten Pfarrerinnen Kontakt aufzunehmen.

Auch die Kirchen machen Trauerangebote im Netz

Kristiane Voll ist eine der beiden Seelsorgerinnen, die als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Die ausgebildete Trauerbegleiterin sieht in dem sich verstärkenden Trend zur Trauer im Internet eine »im Großen und Ganzen positive Möglichkeit«, die dem Bedürfnis, in der eigenen Trauer wahrgenommen zu werden und der Anonymität zu entrinnen, entspringe. Der »Stein der Weisen« allerdings ist die Trauer im Internet aus ihrer Sicht nicht. Ersatz für reale Begegnung, für Austausch von Angesicht zu Angesicht und für im wörtlichen Sinn Berührende Gesten kann ein virtueller Trauerort aus ihrer Sicht nicht sein.

Niemand kann virtuell in den Arm genommen werden

Nachdrücklich warnt die Pfarrerin auch vor der Gefahr des »Internet-Tratsches«. Trauernde, die allzu frei Gefühle oder Erinnerungen preisgeben, öffnen womöglich ungewollt das Tor für Mutmaßungen und Gerüchte, hat die Pfarrerin erlebt. Besonders dann, wenn die Eintragungen im Internet von Menschen aus der näheren Umgebung gelesen und interpretiert werden.

Und: Bei allem Verständnis für Trauernde, die den virtuellen Raum zur Trauerbewältigung nutzen wollen, rät Kristiane Voll dazu, immer auch den Kontakt mit realen Menschen zu suchen. Denn virtuell kann niemand einen anderen in den Arm nehmen, ein Taschentuch zum Tränenabwischen zustecken oder einfach nur still zuhören. Zur gelingenden Trauer gehört auf lange Sicht, den anderen loszulassen und ihn realistisch mit seinen starken und schwachen Seiten zu würdigen und zu respektieren. Ob die Trauer im Internet, die momentane Gefühle »verewigt«, dazu wirklich beiträgt, bleibt fraglich.
Karin Vorländer

www.trauernet.de

Der Weg führt durch Trauer zum Licht

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Mit Verlusten neu leben lernen – Eine Betrachtung zum Ewigkeitssonntag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille


Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«, sagt Erika (Name geändert). Für sie ist es jetzt ganz schlimm. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Lange schon war er schwer krank. Aber dass er so verzweifelt war, hatte sie nicht geahnt. In das Entsetzen über dieses Sterben mischt sich ein alter Schmerz. Vor Jahren kam ihr achtjähriges Kind, das einzige Mädchen, bei einem Unfall ums Leben. »Da hab’ ich mich gefühlt, als wäre ich nur noch halb«, sagt sie. Die Wunde ist wieder aufgerissen.

Ich weiß nichts zu sagen, was Erika trösten könnte. Sie selbst sagt das ­Entscheidende: »Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt.« Ich staune über ihre Hoffnungskraft. Dieser Satz redet nichts schön. Trauer und Entsetzen sind in ihr Leben eingekehrt. Obwohl da keine Worte sind, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was mit ihr geschieht, ist es nötig, das auszudrücken. Im Moment genügt dieser schlichte Satz: Es ist ganz schlimm.

Doch da ist noch der zweite Teil: Man darf nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt. Damit begibt sich Erika auf einen Weg. Sie bleibt nicht im Finsteren stecken, sondern sie geht Schritt für Schritt – wie durch einen Tunnel. Das Licht am Ende kann sie nicht sehen. Noch nicht. Aber sie weiß und glaubt, dass ihr Weg wieder zum Licht führt.

Jeder Verlust entreißt uns ein Stück unseres Lebens. Das kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein, das Zerbrechen einer Partnerschaft oder eine Krankheit, die zu bleibenden Einschränkungen führt. Verluste hinterlassen Wunden in uns. Die heilen am besten, wenn wir sie betrauern. Tränen helfen dabei, dass der Schmerz sich in unserem Inneren löst und Ausdruck findet. Gefährlich wird die Trauer, wenn ein Mensch sie nicht als Weg versteht, sondern hocken bleibt. Oder wenn er sie gar nicht ­zulässt und versucht, so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Dann wird sie sich in seinem Inneren verfestigen, und die Seele kann nicht gesunden.

»Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«

 
Trauer braucht Zeit, oft viel Zeit. Und sie kostet Kraft. Nicht umsonst sprechen Fachleute von Trauer-Arbeit. Sie verläuft in verschiedenen Phasen, die manchmal auch durcheinanderlaufen oder sich wiederholen. Am Anfang kann unsere Seele noch nicht fassen, was geschehen ist. Vielleicht fühlen wir gar nichts, funktionieren einfach weiter und tun, was getan werden muss. Die Gefühle sind wie abgeschnitten. Dann wundern sich andere zuweilen, dass wir so »gefasst« sind, und halten das womöglich für besondere Glaubensstärke. Nach und nach erst kommen die Gefühle an die Oberfläche. Ganz verschiedene Gefühle: Zorn kann dabei sein, Zorn auf Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können. Auch Zorn auf Gott. Oder auf sich selbst.

Dazwischen, wenn es gut geht, empfinden wir Dankbarkeit für glückliche Tage, die wir mitein­ander hatten, für Momente ­inniger Verbundenheit selbst im Schmerz, für die Zeichen der Liebe, die uns andere in solchen ­Zeiten geben. Wir spüren Gottes bergende Nähe. Oder das Gegenteil: Von Gott und Menschen im Stich gelassen zu sein. Manchmal verdichtet sich das Durcheinander der Gefühle so sehr, dass wir wie in ein schwarzes Loch ­fallen.

Es ist wichtig, dass wir unserer Seele in all dem Wirrwarr der Gefühle Gehör schenken. Dann liegt es in unserer Macht zu entscheiden, welche Gefühle wir bewahren wollen und welche wir besser loslassen. Vorwürfe beispielsweise, wenn wir sie festhalten, werden unser Inneres vergiften. Zorn, wenn er festgehalten wird, macht uns hart. Selbstmitleid wird wie eine undurchdringliche Mauer, die unser Inneres im Dunkel einschließt. Dankbarkeit dagegen gibt uns Kraft.

Mitten im Trauerprozess haben wir die Möglichkeit, bewusst Schönes zu suchen und uns an kleinen Dingen zu freuen. Erika beispielsweise hat sich von Freundinnen einladen lassen. Sie sind miteinander verreist. Das hat den Trauerweg nicht verkürzt. Aber es waren Lichtpunkte, die ihr Mut gaben, weiterzugehen.

Als ich sie frage, ob ich ihre Geschichte erzählen darf, stimmt sie sofort zu. Und sie ergänzt: »Aber schreiben Sie doch auch, was einem in solchen Zeiten wirklich hilft. Es sind ganz praktische Dinge. Die Leute brauchen gar nicht so viel zu sagen. Nur da sein und fragen, was man braucht.«

Das Ziel des Trauerweges besteht darin, neu leben zu lernen. Wir treten heraus aus dem Tunnel, genießen das Licht und die Farben. Das Verlorene tragen wir wie einen Schatz in uns und sind zugleich frei für das, was heute dran ist.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin im Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Fasten schwächt nicht, sondern stärkt

8. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Fasten

Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden – die Fasten-Tipps der Bibel.
 

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Im Gegenteil, etwas Neues beginnt: die Fastenzeit. In der Bibel finden sich einige Tipps, die den Fastenden aller Zeiten geholfen haben.

»Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler.« (Matthäus 6,16)

Fromme Heuchler waren Jesus ein Graus: Jene Menschen also, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, um Ansehen damit zu erlangen. Diese Strategie wandten sie auch beim Fasten an. Um aller Welt zu zeigen, wie entbehrungsreich sie leben, haben sie das leidvollste Gesicht aufgesetzt. Jesus empfiehlt das Gegenteil: Dass ein Mensch fastet, muss niemand sehen außer Gott, der »Vater im Verborgenen«. (Matthäus 6,16-18)

Den Zusammenhang von Fasten und Gerechtigkeit üben stellt der Prophet Jesaja mehrmals heraus. Den Wohlhabenden seiner Zeit redete er besonders ins Gewissen. »Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe«, sagt Gott durch Jesaja: »Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast!« Anstatt die Fastenzeiten einzuhalten, sollten die Gutsherren ihre Sklaven in die Freiheit entlassen. Außerdem fordert Gott, Obdachlosen ein Zuhause zu geben und sie zu speisen. (Jesaja 58,5-7)

Äußerliche Zeichen – solange sie nicht der Zurschaustellung dienen – können das Fasten unterstützen. In biblischen Zeiten kleideten sich die Fastenden mit einem Sack, einem Überwurf aus Ziegen- oder Kamelhaar. Dieser »Sack« wurde auch in Trauerzeiten angezogen, vom König bis zum Leibeigenen. Der Prophet Jona empfiehlt den Bewohnern der Stadt Ninive sogar, auch Rinder und Schafe in einen Sack zu hüllen.

»Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.« (Jona 3, Vers 5)

Tagsüber nur Tee und nach Sonnenuntergang die Chipstüten hervorholen? So nicht! Zu Beginn einer ­Wanderpredigerzeit geht Jesus 40 Tage in die Wüste und fastet Tag und Nacht. Er machte die Erfahrung: Fasten schwächt nicht, sondern stärkt. Danach konnte er die Versuchungen des Teufels parieren und ließ sich nicht von ihnen beeindrucken.

Im ­Gespräch mit dem »Versucher« sagte er auch jenen Satz, der als Motto über jedem spirituellen Fasten stehen könnte:»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« (Matthäus 4,2-4)

Viele Gründe gibt es, zu fasten: zur Buße, zur Selbstreinigung, aus Trauer, zur spirituellen Reifung … Die Urchristenheit kannte einen weiteren.

Als Paulus mit seinem Mitstreiter ­Barnabas durch Kleinasien zog und Gemeinden gründete, beteten und fasteten die beiden Missionare für die Ältesten der neuen Gemeinden. Fasten für neue Kirchenvorstände? Das wäre eine evange­lische Überlegung wert …

»Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.« (Apostelgeschichte 14,23)

Wie bringt man Heuchlern den Unterschied von wahrem und falschem Glauben nahe?

Jesus wählt die Form des Gleichnisses. Ein Pharisäer geht zum Gebet in den Tempel und zählt seine guten Taten auf – unter anderem gehört dazu, zweimal in der Woche zu fasten. Unweit steht ein Zöllner; aus Demut traut dieser sich gar nicht, die Augen gen Himmel zu richten, sondern schlägt sich reuig an die Brust und betet: »Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Allen Versuchen, durch fromme Rituale Gottes Wohlwollen zu erzwingen, erteilt Jesus mit diesem Gleichnis eine eindeutige Abfuhr: »Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.« (Lukas 18,9-14)

Gleichzeitig fasten und streiten, prügeln gar?

Auch das ist kein gottgewolltes Fasten, erklärt der Prophet Jesaja: »Wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.« Fasten bedeutet nicht nur äußere Entbehrung, sondern hat einen inneren Sinneswandel zur Folge. Die Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden. Wer es anders sieht, dem ruft Jesaja unmissverständlich entgegen: »Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Hö­he gehört werden soll.« (Jesaja 58,3-4)

Sich vollzustopfen, stumpft den Geist ab und lenkt ab vom Wesent­lichen. Diese Erkenntnis durchzieht die ganze Bibel und die jüdisch-christliche Tradition bis heute. Wer eine Weile auf Nahrung verzichtet, kommt sich selbst und Gott näher. So ist zu verstehen, dass Fasten ein Zeichen der Buße und der Umkehr ist.

Uwe Birnstein

Kinder begegnen dem Tod

12. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Angebote für einen kindgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Ich sehe die Szene immer noch deutlich vor mir: Eines unserer Kinder, damals knapp vier Jahre alt, steht am Fenster: Auf dem Weg vor unserem Pfarrhaus bewegt sich ein Trauerzug langsam in Richtung Kirche. »Da läuft Papa«, ruft die Kleine mir zu. »Ja«, sage ich, »er geht mit der Familie von Herrn X in die Kirche zur Trauerfeier.«

»Mama«, tönt es, »also, du hast doch gesagt, dass im Sarg nur die Hülle vom Menschen liegt. Und die wird dann begrabt. Und dann hast du gesagt, dass das Wichtigste von mir, also dass ich ICH bin, nicht begrabt wird, sondern zu Gott geht und lebt.«

»Du meinst die Seele?« – »Ja, die Seele. Also Mama, wann genau geht denn die Seele aus dem Menschen? Wenn er stirbt, wenn er in den Sarg ­gelegt wird oder wenn er in das Grab kommt?« – Da stehe ich nun: Pfarrerin und Mutter und sprachlos … »Da kann ich dir leider gar nicht so leicht eine Antwort geben«, stammele ich. »Vielleicht müssen wir beide gemeinsam mal ganz in Ruhe darüber nachdenken.« Eine druckreife Antwort gibt es bis heute nicht – viele kleine Antworten sind es geworden und viele neue Fragen. Am Wichtigsten aber ist uns, dass wir gemeinsam sprechen und nachdenken – immer wieder neu.

»Wenn dein Kind dich fragt …«, dieser Auftrag aus den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens stellt sich den Eltern und allen, die mit Kindern zu tun haben, immer wieder im Blick auf den Umgang mit dem Thema »Sterben, Tod und Trauer«.

Es ist wichtig, auf die Fragen der Kinder sensibel zu hören, diese Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam Antworten zu suchen. Zum anderen können Erwachsene solche Fragen dem Kind gegenüber artikulieren, bevor es mit dem Tod direkt konfrontiert wird. Oft ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch: Ein Kind findet auf dem Spaziergang einen toten Vogel. Das Meerschweinchen stirbt nach Jahren intensiven Streichelns. Ein Brief mit einem schwarzen Rand um das Kuvert liegt im Briefkasten …

Ein wichtiges Medium sind Bilder- und Kinderbücher zum Thema »Sterben – Tod und Trauer«. Auf diesem Sektor hält der Buchmarkt allein in Deutschland derzeit mehr als 100 Titel bereit. Leider werden Bücher zum Thema Tod und Sterben Kindern viel zu selten zur Verfügung gestellt.

Kinder- und/oder Bilderbücher sind gut geeignet für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie vermitteln Informationen und bieten Anlass für Gespräche. Weil es leichter ist, über die Figuren des Buches zu sprechen, ermöglichen sie Distanz.

Bei der Lektüre erfährt der Leser Solidarisierung, denn so wie ihm, geht es auch anderen. Die Gefühle des Betrachters werden verbalisiert (»Schau, wie traurig der jetzt aussieht!«). Die Bücher helfen bei der Verarbeitung von eigener Trauer. »Ich musste in den letzten Tagen so viel entscheiden, was die Trauerfeier für meinen Mann angeht, dass ich gar nicht zu meiner eigenen Trauer komme – ich funktioniere nur!«, sagt eine Frau. In dieser Situation habe ihr ein Kinderbuch gut getan. »Ich konnte erst mal richtig weinen«, erzählt sie.

Welches Buch ist geeignet? Bevor eine Publikation zu diesem Thema in die Hand eines Kindes kommt, sollte es von einer Bezugsperson selbst gelesen werden. »Wie wirkt dieses Buch auf mich? Wie ist die Sprache, wie sind die Bilder und in welchen Farben gewählt? Illustrieren sie den Text oder vermitteln sie Wissen? Für welches ­Alter ist es geschrieben?

Neben solchen »allgemeinen« Fragen sollten dann die inhaltlichen ­stehen. Zum Beispiel: Welche Fragen werden beantwortet? Wird der Tod in der Spannung zwischen Verneinung und Bejahung thematisiert? Ist das Buch für die Frage nach Gott offen? Wird die Beziehung Gottes zum Menschen als eine über den Tod hinausreichende beschrieben? Ist das angedeutete oder formulierte Gottesbild vertretbar?

Als Christen haben wir die großartige Möglichkeit, den Tod vom Leben aus zu sehen und uns immer wieder zu vergewissern: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« (1. Korinther 15, 55a) Wir sind es den Kindern schuldig, das Thema nicht »totzuschweigen«, sondern »lebendig zu ­reden«.

Ulrike Spengler

Die Autorin ist promovierte Theologin und wohnt in Bad Berka bei Weimar.