»Alle reden über sie, keiner mit ihnen«

11. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Kirche und Zuwanderer: Nicht nur die Politik muss sich ändern, auch die Kirchengemeinden haben Nachholbedarf

Einwanderer und Asylbewerber sind eine Herausforderung – auch für die Kirchen. Propst Johann Schneider, Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, hat selbst einen Migrationshintergrund. Dietlind Steinhöfel sprach mit dem promovierten Theologen.

Herr Propst Schneider, Sie sind in Siebenbürgen geboren und haben dort Kindheit und frühe Jugend verbracht, sind sozusagen auch ein Zuwanderer. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?
Schneider:
Aus politischen Gründen. Eine Junge-Gemeinde-Gruppe aus Radebeul war in Siebenbürgen. Ich erlebte eine unwahrscheinliche Redefreiheit bei den Jugendlichen aus der DDR. Ich wollte genauso frei leben können. Ich wollte in die DDR auswandern, aber das war verboten – von einem sozialistischen Land in ein anderes. Es blieb nur die BRD. Doch meine Eltern waren strikt dagegen. Mein Bruder und ich haben viele Abende heftig mit ihnen gerungen. Mein Vater sagte: »Ich gehe hier nicht weg, unser Herrgott gibt uns jeden Tag zu essen, Gott hat uns an diesen Ort gewiesen. Von Politik und Freiheit wirst du nicht satt.« Auch ich bin der Meinung, dass man seine Heimat nicht leichtfertig aufgibt. Aber wir sind schließlich 1985 doch nach Würzburg gezogen.

Wie sind Sie damals in Deutschland empfangen worden?
Schneider:
Wir wurden sehr reserviert aufgenommen. Es hat niemand auf uns gewartet. Ich konnte mein Abitur nachholen in einem »Sonderlehrgang für Spätaussiedler-Abiturienten aus ehemaligen deutschen Ostgebieten«. Dabei gehörte Siebenbürgen nie zum Deutschen Reich. Die BRD hatte sich jedoch bereit erklärt, deutschsprachige Menschen als Kriegsfolge aufzunehmen. In Siebenbürgen haben wir gesagt: Wir wandern aus; aber »einwandern« durften wir in Deutschland nicht sagen, nur Einreise.

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Erste, was ich gelernt habe: nicht auffallen, keinem meine Lebensgeschichte erzählen. Niemand interessierte sich für den realen rumänischen Sozialismus oder die Junge Gemeinde aus Radebeul.

Als noch verschlossener als die Gesellschaft habe ich die Kirchengemeinden wahrgenommen. Bis heute sind unsere Kirchen kaum zugänglich für Außenstehende. Wenn jemand nach Deutschland kommt und Kontakt zur Kirchengemeinde möchte, muss er die Tür sehr fest in die Hand nehmen und sie kräftig öffnen. Wir pflegen keine Einladungskultur. Bei uns muss jemand von selbst kommen. Einladungen habe ich nur von national orientierten Verbänden bekommen. Doch da habe ich lieber Distanz gehalten.

Wie geht es Ihnen heute? Berührt Sie die Debatte um Zuwanderer und Asylbewerber?
Schneider:
Oft denke ich: Soll ich überhaupt was dazu sagen? Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland, bin hier zu Hause. Soll ich mich bekennen, dass ich woanders herkomme? Die Situation erinnert mich an die Erfahrung der ersten Monate und Jahre, in denen ich wenige getroffen habe, die mir mit einem gewissen Verständnis begegnet sind. Ich bin gelassen und empfinde es überhaupt nicht als Katastrophe, dass Menschen zu uns kommen. Sie kommen, weil sie bei uns eine Perspektive für ihr Leben sehen. Leider wissen sie meist gar nichts über unser Land.

Es gibt aber auch eine Distanz vonseiten der Einwanderer. Wir haben in unseren Gemeinden in Nordsachsen relativ viele Russlanddeutsche. Die allermeisten von ihnen haben keinerlei Beziehungen zur Kirchengemeinde Torgau, die ihre Türen für sie öffnet. Die Russlanddeutschen treffen sich im selben Haus, aber es kommt kaum zu einer Kommunikation. Es gibt Grenzen, die schwer zu überwinden sind.

»Sozialtourismus« wurde das Unwort des Jahres 2013. Ausdrücke wie Armutszuwanderung oder Freizügigkeitsmissbrauch richten sich speziell gegen Menschen aus Rumänien oder Bulgarien, die jetzt innerhalb der EU Freizügigkeit genießen. Ich höre auch in christlichen Kreisen oft den Satz: Wir können doch nicht alle aufnehmen. Was sagen Sie dazu?
Schneider:
Die allermeisten Menschen, die nach Deutschland kommen, finden mehr oder weniger problemlos hier Arbeit. Die privaten Pflegefirmen zum Beispiel rekrutieren ganz gezielt ihr Personal aus Rumänien. Diese Schlagworte, die im Wesentlichen negativ und abwehrend kommentieren, sind für mich Ausdruck einer Angst vor dem Unbekannten und vor einer eigenen Verarmung. Die Menschen fürchten, wenn andere Arme kommen, reicht es für uns nicht mehr. Ich möchte jene, die ihre Angst aussprechen, nicht als rassistisch diffamieren. Es ist eine Reaktion auf mediale Schlagworte. Sie kommt aus dem politischen Diskurs, nicht aus der Alltagsbegegnung mit Zuwanderern.

Für mich ist es ganz natürlich, dass Menschen auf einem Kontinent von einem Ort zum anderen gehen. Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand. Man kann auch sagen: Europa gibt den Armen eine Chance. Insgesamt ist das für mich ein sehr künstlicher Diskurs, denn mit den Einwanderern redet kaum jemand, sondern es wird über sie geredet.

Wird Deutschland nach Ihrer Beobachtung fremdenfeindlicher?
Schneider:
Ich nehme deutlich wahr, dass die Aggression im öffentlichen Diskurs zunimmt. Aber unter der Bevölkerung wurde die Distanz schon immer kultiviert. In Deutschland wartet niemand auf Zuwanderer. Das hängt mit der Geschichte unseres Landes zusammen. Bereits in der alten BRD wurde Zuwanderung diffamiert durch Vokabeln wie Gastarbeiter. Die sollten nur auf Zeit hier arbeiten. Wir bleiben unter uns! In der DDR kam die Abwehrhaltung, weil man die Ausländer kaserniert hat. Doch die Begegnung mit dem Fremden kann nur dann gelingen, wenn Verständigung möglich ist. Natürlich nehme ich auch in unseren Kirchengemeinden eine Angst vor Fremden wahr.

Was müsste da anders laufen?
Schneider:
Wir müssen Gelegenheit der Begegnung schaffen. Und was Arme betrifft, sollten wir im Gottesdienst nicht über Armut reden, sondern mit Armen feiern. Ich kenne einen emeritierten Pfarrer, der nimmt aus Barmherzigkeit obdachlose junge rumänische Familien bei sich auf, die hier um ihren Lohn betrogen worden sind. Er vermittelt und hilft, weil sie ihre Rechte nicht kennen und nicht wissen, dass man Arbeitgeber, die nicht zahlen, verklagen kann. Wir in Mitteldeutschland sind nicht gerade geberfreundlich. Wir haben eine klare Sozialgesetzgebung, die auf gut jüdisch-christlicher Tradition beruht. Und darauf verlassen wir uns. Aber die beiden Roma-Frauen, die draußen vor der Kirche betteln, kennen ihre Rechte nicht. Sie kennen unsere Sprache nicht und können nicht lesen. Aber es gibt genügend Leute bei uns, die Rumänisch sprechen und dolmetschen können. Wir haben vergessen, dass die christliche Gemeinde immer aus sehr vielen Kulturen bestand: Sklaven und Freie, Griechen, Juden, Äthiopier …

Frauen der Reformationszeit: Katharina von Bora – Luthers »Herr Käthe«

15. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Energisch schreitet sie – in Bronze gegossen – im Hof des Lutherhauses zu Wittenberg daher, Katharina von Bora, Luthers »Herr Käthe«. Kaum zu glauben, dass sie kurz zuvor noch eine stille, zurückgezogene Nonne war. Doch hier im Schwarzen Kloster, an Luthers Seite, füllte sie ihren mutig erkämpften Platz in der Welt souverän aus.

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Katharina von Bora wurde am 29. Januar 1499 geboren. Ihre Eltern kamen aus mitteldeutschen Adelsfamilien, waren aber kaum vermögend, sodass die Familie später ihr Gut aufgeben musste; ein Verlust, der gern bemüht wird, um das Streben der Lutherin nach Grundbesitz zu erklären.

1505 kam sie in das Benediktiner-Kloster nach Brehna. 1508/09 wurde sie dem Kloster Marienthron zu Nimb­schen übergeben. Im Kloster lernte Katharina Lesen, Schreiben, Singen, etwas Latein, Hauswirtschaft u. a. Dinge. 1515 leistete sie das Gelübde als Braut Christi und trug nun die weiße Kutte mit dem schwarzen Schleier der Zisterzienserinnen. Dann aber kam Martin Luther und verkündete Dinge, die sie nie zu denken gewagt hätte. Ostern 1523 floh sie mit elf weiteren Nonnen aus dem Kloster und nahm ihr Schicksal in die eigene Hand.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie den Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner geheiratet, ihre erste Liebe. Doch die Ehe kam nicht zustande. Die stolze und eigenwillige Adlige war schwer unter die Haube zu bringen. Als sie den von Luther vorgeschlagenen ­Kaspar Glatz ablehnte, weil sie »keine Lust und Neigung zu ihm« habe, schimpfte Luther: »Welcher Teufel will sie denn haben!« Doch sie erwählte gerade ihn, er erbarmte sich der »übrig gebliebenen« Nonne und musste bekennen: »Käthe ist das Beste, was mir Gott schenken konnte!«

Glaubt man den Tischreden, so entsprach Käthe ganz und gar nicht dem Frauenbild des Reformators, wird ihm doch nachgesagt, er hätte etwas gegen kluge und wortgewandte Frauen: »Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.« Katharina aber war klug, wortgewandt und resolut, selbst wenn sie ihrem Mann in Gesellschaft den nötigen Respekt zollte. In ihrem Hause aber war sie die Herrin, in ihrer Ehe war sie die Stärkere. Sie richtete ihren oft depressiven Mann wieder auf und pflegte ihn aufopferungsvoll, wenn er krank war. Zudem ruhte die ganze Last des Haushalts auf ihren Schultern, für den Luther so gar keinen Sinn hatte.

Die Familie lebte im Schwarzen Kloster, das Kurfürst Johann der Beständige Luther 1532 schenkte. Katharina hatte die Umgestaltung des Klosters zum Wohnhaus geleitet, einen Gemüse- und Obstgarten angelegt, Ställe bauen lassen. Sie war Gärtnerin, Bäuerin und Wirtschafterin, Bierbrauerin und Imkerin, bewirtschaftete Pachtland vor den Toren Wittenbergs und den Familienbesitz der Boras, Gut Zülsdorf, das ihr Luther 1540 geschenkt hatte. Einfach war das Leben für Katharina nicht. Die tägliche Arbeit wurde nur durch die Geburten ihrer Kinder unterbrochen, bei denen ihr Gatte mit ihr litt und überaus besorgt um sie war, auch wenn er unwissend noch 1522 verkündet hatte, schwangere Frauen sollten »ihre höchste Kraft und Macht daran stecken, dass das Kind ­genese, ob sie gleich darüber sterben.« Katharina brachte sechs Kinder zur Welt, die Stammmutter der Lutheriden.

Neben ihrer eigenen Familie hatte sie für zahlreiche Verwandte, darunter Kinder von ­Luthers verstorbenen Geschwistern, zu sorgen. Dazu kamen Studenten, Gäste, Durchreisende, Kranke und Waisen, die stets herzlich willkommen waren. Oft mangelte es bei Luthers an Bargeld. An diesem Zustand änderte sich zeitlebens kaum ­etwas, obgleich Luther nicht schlecht verdiente und Käthe hervorragend wirtschaftete.

Aus der anfänglichen Vernunftehe zwischen Luther und seiner Käthe wurde über die Zeit eine innige Liebesbeziehung, wie u. a. Anreden wie »mein Liebchen«, »meine herzliebe Käthe« oder der Gruß »dein Herzliebchen« bekunden. Mit seinem Letzten Willen aber brachte Luther seine Frau in große Schwierigkeiten. In seiner Abneigung gegen Juristen hatte er sein Testament selbst erstellt und ­Katharina zum Vormund ihrer Kinder und zur Alleinverwaltung des Besitzes ­bestimmt. Doch das Testament wurde nicht anerkannt; nach sächsischem Recht wurde der Witwe und ihren Kindern ein Vormund bestimmt. Katharina wäre jedoch nicht Katharina, hätte sie sich gefügt. In zähen Verhandlungen erreichte sie schließlich die Anerkennung des ­Testaments.

Nach Luthers Tod wurde es still um sie. Als 1552 in Wittenberg die Pest ausbrach, floh Katharina nach Torgau, wo sie am 20. Dezember starb. In der Torgauer Stadtkirche, der Grabstätte des kursächsischen Hofes, ist sie begraben.

Als flüchtige und mittellose Nonne reiste sie in Wittenberg ein. Am Ende war sie die Frau mit dem größten Grundbesitz in der Stadt. Sie war die einzige Gelehrtenfrau Wittenbergs, die von Cranach ­gemalt wurde, sie war eine ganz außer­gewöhnliche Frau – und ist doch im ­Gedächtnis der Nachwelt vor allem die »Lutherin«, die Frau an Luthers Seite.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt für europäisches Mittelalter.