Der Mann mit der Sonnenbrille

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: 25 Jahre nach dem Beginn der Demokratisierung erregt der Tod eines Generals die Gemüter im Lande

Verbrecher oder Held? Der General mit der dunklen Brille, Wojciech Jaruzelski, der am 25. Mai im Alter von 90 Jahren verstarb, bewegt
in Polen immer noch die Öffentlichkeit.

Kurz vor seinem Tod ließ sich der letzte kommunistische Regierungschef, der streng katholisch aufwuchs, die Beichte abnehmen. Deshalb wurde am 30. Mai zu seiner Beisetzung auch eine Trauerfeier in der Warschauer »Feldkirche der Polnischen Armee« abgehalten.

Adam Churzuk und Roman Kuklinski, beide Anfang 80 und beide Oberst a.D., stehen danach noch ein wenig vor dem Gotteshaus und sind sich einig: Das war eine würdige Messe für ihren General – wären nur nicht diese Störer. Sie verweisen auf ein Grüppchen, das noch vor der Kirche herumsteht und Transparente hochhält.

Dann gehen sie zum Bus, der zum Begräbnis auf dem Powaski-Friedhof fährt. »Er hat Polen vor dem Einmarsch der Roten Armee gerettet, das ist sein größter Verdienst«, meint Churzuk, während der Stadtbus durch den Norden Warschaus fährt. Immer mehr weißhaarige Männer steigen ein, ehemalige Militärs und andere Staatsbeamte in Rente.

»Verräter, von Putin geehrt - Mörder erwartet ihre Strafe«: Demonstranten machen vor der Warschauer Armeekirche keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des  polnischen Ex-Generals und Staatschefs Jaruzelski.. Foto: picture alliance

»Verräter, von Putin geehrt - Mörder erwartet ihre Strafe«: Demonstranten machen vor der Warschauer Armeekirche keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des polnischen Ex-Generals und Staatschefs Jaruzelski.. Foto: picture alliance

Jaruzelski ließ in der Nacht auf den 13. Dezember 1981 als Chef der kommunistischen Partei und Ministerpräsident der damaligen Volksrepublik Polen den Kriegszustand ausrufen und die freie Gewerkschaft Solidarnosc verbieten. Der einzige Weg sei dies gewesen, eine Intervention Moskaus zu verhindern. Dies beteuerte Jaruzelski, der sich 2005 bei einer öffentlichen Diskussion in Prag zudem für Polens Beteiligung an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 entschuldigte, nach der Wende immer wieder.

Das Gespräch im Bus nimmt an Fahrt auf. »Wir sind keine Tschechen«, meint Churzuk in Anspielung auf jene Ereignisse im südlichen Nachbarland. »Das hätte in Polen ein Blutbad gegeben.« Der Hauptweg des Friedhofes ist von Demonstranten versperrt. Sie halten Transparente hoch, auf denen Jaruzelski als »Verräter« geschmäht wird, sowie Fotos von Menschen, die damals durch Staatsgewalt zu Tode gekommen sind. Insgesamt 100 polnische Staatsbürger wurden Opfer des Kriegszustandes, der bis Juli 1983 dauerte. »Er hat Blut an den Händen«, so steht es in einem offenen Brief rechter Gruppen, die zu den Protesten aufgerufen haben.

Churzuk und Kuklinski begrüßen alte Kameraden, die den Trauermarsch mit Jaruzelskis Urne abwarten. Als sich der Trauerzug in Bewegung setzt, werden die Rufe und Pfiffe lauter, Plastikflaschen fliegen. Emotionen brechen sich Bahn, einzelne Alte packen sich am Kragen, Schirme werden geschwungen. Ein Mann mit durchgestrichenem Hammer und Sichel will einer betagten Offiziersfrau »auf’s Maul« geben, weil sie ihn mit dem Schirm stupste. »Ganz Polen ist geteilt«, meint Churzuk mit Tränen in den Augen und reiht sich in den Zug ein.

In einer Trauerrede würdigt der ehemalige Staatspräsident Aleksander Kwasniewski den Verstorbenen als »Soldaten, der Polen diente« und als »Mitarchitekten der Transformation«. Polen feierte wenige Tage später, am 4. Juni, das 25-jährige Jubiläum der ersten halbwegs freien Wahlen im Ostblock, aus denen die Solidarnosc als Siegerin hervorging. Jaruzelski machte damals den Weg frei für den Beginn der Demokratie jenseits des Eisernen Vorhangs.

Unter den Menschen, die Blumen in das Grab legen, in das die Urne eingelassen wurde, sind darum auch viele frühere Gegner. Etwa der ehemalige Dissident Adam Michnik, der heute Polens einflussreichste Zeitung Gazeta Wybroca leitet. Bei der Messe erwiesen zudem der derzeitige Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Jaruzelskis Opponent Lech Walesa, der vom Arbeiterführer der Solidarnosc zum Staatspräsidenten von 1990 bis 1995 aufstieg, dem General die letzte Ehre.

Frau Agnieszka, Ende fünfzig, hat dafür freilich kein Verständnis. Sie gehört zu den stillen Protestierern, die den Trauergästen eine Postkarte mit Jaruzelski vor dem Kreml vorhalten. »Er hat nicht nur das Kriegsrecht verschuldet, er hat auch den Arbeiteraufstand 1970 in Danzig blutig niederschlagen lassen, er war von Anfang zum Schaden Polens tätig«, so ihr unerschütterliches Fazit.

Selbst die Kirche scheint geteilt. »Ich bete für alle, dann bete ich eben auch für ihn«, meinte ein Bischof schmallippig. »Die Abrechnung folgt nach der Beerdigung«, so der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz. Die kirchliche Zeitschrift »Der Sonntagsgast« glaubt, dass Jaruzelski nun vor ein Gericht käme, das »ihn auf’s Schärfste verurteilt«.

Jaruzelski hat sich mehrfach für das Leid entschuldigt, das er verursacht hatte. Dennoch stand er zu seinen Entscheidungen, hat somit im strengen Sinn nichts bereut.

Wegen der Verhängung des Kriegsrechts und seiner Rolle während des erwähnten Werftaufstands in Danzig liefen immer wieder Gerichtsprozesse ohne Ergebnis, bis die Verfahren wegen seines Gesundheitszustands eingestellt worden.

»Der Tod von Wojciech Jaruzelski ist eine Zeit der Probe für die Gläubigen«, meinte der Feldbischof Jozef Gudzek während der Trauerfeier. Wie lange diese Probezeit läuft, hat der Geistliche nicht verraten. Sicher ist: Der Mann mit der Sonnenbrille lässt die Polen nicht los.

Jens Mattern

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Wenn der Sohn plötzlich geht …

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Freya von Stülpnagel hat die Trauer über den Freitod ihres eigenen Kindes durchlitten

Der Freitod eines nahestehenden Menschen hinterlässt Betroffenheit, Trauer und oft auch Schuldgefühle. Freya von Stülpnagel hat dies persönlich durchlitten.

Es ist Frühling 1998 und Freya von Stülpnagel erholt sich mit ihrer Familie für einige Tage im Skiurlaub. Da erreicht sie die Nachricht vom Freitod ihres Sohnes Benni. Von diesem Moment an ist ihr altes Leben für immer vorüber. Zunächst gerät sie in eine Schockstarre. Tagelang isst sie nichts. Nächtelang schläft sie nicht. Ihre Seele und ihr Körper tun weh. Sie weint und weint. Die Familie steht zusammen, aber auch das kann den Schmerz kaum lindern. »In den ersten Tagen«, sagt sie heute, »ging es einfach nur ums eigene Überleben.« Den Tod eines Kindes könne man nicht denken. Er sei gegen die natürliche Ordnung und deswegen so unfassbar.

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Am Beginn ihres Trauerprozesses ist ungewiss, ob und wie sie diesen Schicksalsschlag verkraften wird. Einige Zeit arbeitet sie noch weiter in ihrem Beruf als Lehrerin. Das gibt ihrem Alltag Struktur. Irgendwie muss es ja weitergehen. Aber sie kann es irgendwann nicht mehr aushalten, vor Jugendlichen zu stehen, die so alt sind wie ihr Benni, als er starb.

Benni wurde nur 18 Jahre alt. Er ist eines von vier Kindern der von Stülpnagels. Ein fröhlicher Junge, der den Eltern viel Freude bereitet. Als Jugendlicher bekommt Benni plötzlich seelische Probleme, die die Eltern zur damaligen Zeit nicht einordnen können. Es ist eine Depression, die ihn niederdrückt und schwer belastet. Einmal äußert Benni kurz: » Wenn ich nicht wieder gesund werde, bringe ich mich um.« Für Freya von Stülpnagel ist Selbsttötung ein absolutes Tabu. Damals weiß sie noch nicht, dass es in ihrer Familie in dieser Hinsicht eine Belastung, eine Vorgeschichte gibt. Auch ihre Großmutter und ihre Großtante hatten sich das Leben genommen. Niemals jedoch verlor die Familie darüber ein Wort. Es gehörte sich nicht.

So geht sie, aus heutiger Sicht viel zu schnell, über die flüchtig hingeworfene Bemerkung Bennis hinweg. Später leidet sie deswegen an Schuldgefühlen wie alle Eltern, denen »so etwas passiert«. Die Frage danach, was man hätte tun können, ob man es hätte verhindern können, treibt viele verwaiste Eltern um. Die Leichtigkeit des Seins, die Unbeschwertheit des Lebens, wird mit dem Kind zu Grabe getragen.

Freya von Stülpnagel durchleidet eine exzessive Trauerphase. Ihr Pfarrer sagt, dass er selten einen Menschen gesehen hat, der seiner Trauer einen solchen Ausdruck zu verleihen wusste. Er weiß in dem Moment aber auch, dass diese Frau ihre Trauer verarbeiten wird, weil sie ihren Schmerz nicht verdrängt, sondern »herauslässt«.

Es dauert viele Monate, bis sich in ihr endlich wieder ein kleines Fünkchen Lebensmut meldet. Eine Sehnsucht nach Leben, der Wunsch, die Zeit, die ihr noch gegeben ist, auszufüllen und gut zu nutzen. Sie kündigt ihren Lehrerberuf auf und widmet sich dem Dienst an verwaisten Eltern. Die Selbsthilfegruppe ihrer Kirchengemeinde, die sie zunächst als Betroffene besucht, steht heute unter ihrer Leitung. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin und gestaltet Trauerfeiern. Bislang schrieb sie zwei Bücher (siehe unten), in denen sie ihre Erfahrungen zu Papier brachte.

Heute hat sich Freya von Stülpnagel mit ihrem Schicksal ausgesöhnt. Sie sagt: »Es geht mir gut. Ich habe den Verlust von Benni in mein Leben integriert und kann gut damit umgehen.« Wichtig sei, dass in der akuten Phase der Trauer mindestens ein Mensch da ist, der zu einem steht, der die Trauer mit aushält, ohne zu vertrösten. Denn es gäbe keinen Trost beim Verlust des eigenen Kindes. Diese Untröstlichkeit gilt es anzuerkennen und offen damit umzugehen. Wichtig sei, authentisch zu leben, das Unfassbare zum Ausdruck zu bringen und immer wieder darüber zu sprechen.

Ihre Trauer, sagt sie, habe sich über die Jahre verwandelt. Sie sei inzwischen nicht mehr lebenshemmend, sondern lebensbegleitend.

Freya von Stülpnagel engagiert sich heute als Trauerbegleiterin im »Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister«. Regionale Gruppen gibt es auch in Mitteldeutschland. Sie sind auf der Internetseite des Bundesverbandes zu finden.

Petra Franke

www.veid.de

Buchtipp:
von Stülpnagel, Freya: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37067-2, 14,99 Euro
von Stülpnagel, Freya: Ohne dich. Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37049-8, 15,99 Euro

Hier finden Suizidgefährdete und deren Angehörige Hilfe
Kostenlos und rund um die Uhr stehen die rund 8 000 ehrenamtlichen Ansprechpartner der in ökumenischer Verantwortung betriebenen Telefonseelsorge allen Betroffenen zur Verfügung.
Rufnummern: (08 00) 111 0 111 und (08 00) 111 0 222
Daneben gibt es in Mitteldeutschland unter dem Dach der Diakonie Beratungsstellen mit qualifizierten Ansprechpartnern.

Diakonische Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt
Aschersleben: Ehe-, Lebens-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Silke Ben Amor, Eislebener Straße 5/6, 06449 Aschersleben, Telefon (0 34 73) 8 40 84 66
Bitterfeld-Wolfen: Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Iris Kroboth, Ratswall 18, 06749 Bitterfeld-Wolfen, OT Bitterfeld, Telefon (0 34 93) 4 26 49
Dessau: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Mandy Rüdiger, Georgenstraße 13-15, 06842 Dessau, Telefon (03 40) 2 60 55 34
Genthin: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Jana Berger, Magdeburger Straße 27, 39307 Genthin, Telefon (0 39 33) 80 18 41
Halle: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen, Silke Bauch, Kleine Märker Straße 1, 06108 Halle, Telefon (03 45) 2 03 10 16
Wittenberg: Erziehungs- und Familienberatung, Jana Ehrlich, Juristenstraße 1–2, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (0 34 91) 40 60 24
Magdeburg: Erziehungs- und Familienberatung, Susanne Granse, Leibnizstraße 48, 39104 Magdeburg, Telefon (03 91) 5 32 49-13
Quedlinburg: Familienberatungsstelle, Christine Schwindak, Carl-Ritter-Straße 16, 06484 Quedlinburg, Telefon (0 39 46) 37 40

Diakonische Beratungsstellen in Thüringen
Gera: Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle Gera, Katrin Teichmüller, Zabelstraße 2, 07545 Gera, Telefon (03 65) 7 73 63 21
Bad Langensalza: Beratungsstelle für Eltern Kinder und Jugendliche, Nadja Walter, Wiebeckplatz 3, 99947 Bad Langensalza, Telefon (03 03) 84 25 83
Eisenach: Evangelische Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle, Roland Fleischer, Schillerstraße 6, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 26 03 40
Erfurt: Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Paar-, Familien- und Lebensberatung Frau Roth, Schillerstraße 12, 99096 Erfurt, Telefon (03 61) 3 46 57 22
Gotha: Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Claus Hild, Klosterplatz 6 99867 Gotha, Telefon (0 36 21) 30 58 40
Greiz: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen, Antina Eichler, Kirchplatz 3, 07073 Greiz, Telefon (0 36 61) 26 17
Meiningen: Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Ines Müller, Alte Henneberger Straße 2, 98617 Meiningen, Telefon (0 36 93) 5 01 90
Pößneck: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Paar- und Lebensberatung, Gisela Külkens, Straße des Friedens 14, 07381 Pößneck, Telefon (0 36 47) 42 28 35
Saalfeld: Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Christiane Blaschke, Brudergasse 18, 07318 Saalfeld, Telefon (0 36 71) 45 58 91 20


Ein Land sucht seine Vision

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Der Tod Nelson Mandelas wird für die Republik am Kap der guten Hoffnung zur großen Herausforderung

Nach dem Tod des Nationalhelden wird Südafrika zum Land auf der Suche nach seiner neuen Identität.

Schon lange war Nelson Mandela aus der Öffentlichkeit verschwunden, und doch blieb er mitten dabei. Überall in Südafrika ist »Madiba« noch immer zu sehen und zu spüren. Statuen wurden schon zu Lebzeiten errichtet, sein Gesicht ziert Geldscheine, Straßen tragen seinen Namen. In seinem Heimatland hat der Freiheitskämpfer Heldenstatus. Seine Ideale sind der Leitfaden, seine Werte die Basis des heutigen Südafrikas. Doch nach Mandelas Tod muss das Land am Kap lernen, ohne ihn zu leben – und sucht ein neues verbindendes Element.

Südafrikaner versammeln sich am vergangenen Sonntag vor dem »Mandela Haus«-Museum im Stadtteil Soweto von Johannesburg, um ihre Hochachtung vor dem verstorbenen ANC-Führer und ersten schwarzen Präsidenten zu bekunden. Foto: picture alliance/Erhan Sevenler Anadolu Agency

Südafrikaner versammeln sich am vergangenen Sonntag vor dem »Mandela Haus«-Museum im Stadtteil Soweto von Johannesburg, um ihre Hochachtung vor dem verstorbenen ANC-Führer und ersten schwarzen Präsidenten zu bekunden. Foto: picture alliance/Erhan Sevenler Anadolu Agency

»Madiba«, wie ihn die Südafrikaner bei seinem Clannamen nennen, hat nach der Apartheid einen Staat und eine mächtige Partei aufgebaut. Er gilt als Vater der Nation, der das Land mit seinen elf offiziellen Sprachen und vielen Völkern zusammengehalten hat. Sein Lebenswerk, der Kampf für Freiheit, Gleichheit und Demokratie, ist ein Maßstab über alle ethnischen und politischen Grenzen hinweg.

Politischen Einfluss hatte Mandela in den vergangenen Jahren nicht mehr. Nach fünf Jahren als Präsident gab er 1999 das Amt ab und erklärte 2004 seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit. In Debatten konnte er sich wegen seiner Krankheit schon länger nicht mehr einmischen. Trotz seiner Abwesenheit blieb allerdings sein gesellschaftlicher Einfluss.

Manche sehen Südafrika nun in ethnische Gruppen zerfallen. Dass dem Land eine Identifikationsfigur, ein gemeinsames Projekt, Ziel oder eine Vision fehle, meint etwa Politik-Professor Daryl Glaser von der Witwatersrand-Universität Johannesburg. Doch das Festhalten an Mandela hat Südafrika auch gelähmt. Besonders deutlich wird das an seiner Partei: Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) hat bisher kein richtiges politisches Programm gebraucht, denn »Madiba« war das Programm. Heute weiß niemand genau, wofür die Partei unter der Führung von Jacob Zuma eigentlich steht.

Zwar sei ein Sieg des ANC bei den 2014 anstehenden Wahlen bisher noch nicht ernsthaft in Gefahr, glaubt Politik-Professor Glaser. »Es werden aber nach Mandelas Tod wohl einige Sympathie-Stimmen wegfallen.« Manche Wähler empfänden nicht mehr die innere Verpflichtung, ANC zu wählen, so Glaser. Hinzu kommt die wachsende Nach-Apartheid-Generation, die »Generation born free«: junge Erwachsene, die das System der Rassentrennung und der brutalen Unterdrückung der Schwarzen nicht mehr oder nur als Kleinkinder erlebt haben. Mandela ist für sie eine Figur der Geschichte, sie wählen nicht mehr automatisch ANC. Neue Parteien könnten bei ihnen Chancen haben. Glaser betont deshalb: »Der ANC braucht mittelfristig eine Strategie.«

Politiker auf der ganzen Welt mahnten denn auch zu einem Festhalten an Mandelas Vermächtnis: »Wir werden Leute wie Mandela wahrscheinlich nicht mehr sehen, deshalb ist es an uns, seinem Erbe zu folgen«, sagte US-Präsident Barack Obama. Und der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton, ein enger Freund der Familie Mandela, fügte hinzu: »Nelson Mandela hat uns so viele Dinge gelehrt.« Die vielleicht wichtigste Lektion vor allem für junge Leute sei, erklärte Clinton, dass man immer die Freiheit und die Verantwortung habe, etwas gegen Ungerechtigkeit, Grausamkeiten und Gewalt zu unternehmen.

Der südafrikanische Journalist Branko Brkic schrieb 2011, »Madibas« Leben sei ein moralischer Leitfaden, den das Land brauche. »Sein Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber er hat seinen Job bereits gemacht.« Nun sei es an allen, seine Ideale zu verwirklichen.

Benjamin Dürr (epd)

Trauerkultur im Wandel

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tod und Trauer: Friedhöfe sind nicht nur konkrete Orte der Trauer und der Erinnerung, sondern auch des Trostes

Noch ist die Beisetzung eines Verstorbenen auf einem Friedhof die Regel. Doch verändernde Lebensbedingungen stellen immer mehr Traditionen infrage.

Alljährlich im November herrscht auf den Friedhöfen reges Treiben. Gräber werden ausgebessert, abgedeckt und für den Winter vorbereitet. Noch sind es in Mitteldeutschland vor allem die Friedhöfe mit ihrem alten Baumbestand und ihren parkähnlichen Anlagen, die als letzte Ruhestätte und Orte der Erinnerung dienen. In Deutschland besteht ein allgemeiner Bestattungszwang, der in den einzelnen Bundesländern durch Gesetze festgelegt ist. Diese Bestattungsgesetze unterwerfen alle menschlichen Überreste dem Friedhofszwang, das heißt, sowohl Erdbestattungen als auch Urnenbeisetzungen dürfen nur auf kommunalen oder kirchlichen Friedhöfen oder auf speziell genehmigten privaten Bestattungsflächen wie zum Beispiel Friedwäldern erfolgen.

In anderen Ländern ist das anders und Hinterbliebene dürfen die Urne mit den sterblichen Überresten Angehöriger auch in der privaten Wohnung aufbewahren. Bremen plant derzeit als erstes Bundesland eine Gesetzesnovelle, die es ermöglichen soll, zumindest für einen gewissen Zeitraum die Asche von Verstorbenen mit in das häusliche Umfeld zu nehmen. Diese Nähe soll den endgültigen Abschied und das Loslassen erleichtern.

Es besteht einerseits der Wunsch nach sehr persönlich gestalteten Trauerfeiern und Begräbnisstätten. Durch den Einfluss russischer Spätaussiedler beispielsweise nahmen in den letzten Jahren auf den Grabmalen Mitteldeutschlands Bildnisse der Verstorbenen in Form gebrannter Medaillons zu.

Auf der anderen Seite erlebt die Bestattungskultur aber auch den Trend zur anonymen Bestattung, zur »grünen Wiese«. Die stille Beisetzung, in der die Urne wortlos im Kreise der engsten Angehörigen beigesetzt wird, ist keine Seltenheit. Ebenso die anonyme Bestattung auf Gemeinschaftsgrabstätten ohne jegliche Kennzeichnung und Namenstafel.

Noch bildet die traditionelle Trauerfeier mit Trauerflor, Blumen, Kerzen und Musik den Schwerpunkt heutiger Trauerkultur. Allerdings werden die einst kirchlichen Rituale zunehmend säkularisiert. Auch die Rahmenbedingungen verändern sich: Bis vor 150 Jahren war die Bestattung ausschließlich Sache der Kirchen. Danach kamen kommunale Friedhöfe und Trauerhallen hinzu. Heute gibt es in diesem Bereich einen offenen Wettbewerb. Die Trauerkultur ist in Deutschland ein hart umkämpftes Gewerbe, in dem es um viel Geld geht.

Eine weitere Ursache für Veränderungen in der Bestattungskultur: Lebens- und Sterbemittelpunkt stimmen in vielen Familien nicht mehr überein. Familien driften räumlich weit auseinander und es stellt sich die Frage, wer das Grab Pflegen soll, wenn niemand mehr vor Ort wohnt? Auch die Abschaffung des Sterbegeldes erschwert für manche Familie ein würdiges Begräbnis.

Der »Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands« möchte mit seiner aktuellen Kampagne »Trauer braucht Orte der Erinnerung« vor allem der Anonymisierung menschlicher Begräbnisstätten entgegenwirken. Ein bestimmter Ort, an dem sich tatsächlich die sterblichen Überreste der geliebten Angehörigen befinden, bleibe für die Hinterbliebenen von Bedeutung. »Es besteht hier eine große Nachfrage nach neuen Formen«, sagt Michael C. Albrecht, Pressereferent des Bundesvorstandes des Verbandes. Während die alten Strukturen zerfallen, fehle es auf den Friedhöfen noch an entsprechenden Alternativen.

Zwei gegenläufige Trends bestimmen derzeit die Trauerkultur: Auf der einen Seite eine zunehmende Sehnsucht nach individuellen Formen des Abschiedes und der Trauer, auf der anderen Seite steht eine zunehmende Anonymisierung des Todes, von Kritikern auch als »Entsorgungsmentalität« gegeißelt. Foto: racamani – Fotolia.com

Zwei gegenläufige Trends bestimmen derzeit die Trauerkultur: Auf der einen Seite eine zunehmende Sehnsucht nach individuellen Formen des Abschiedes und der Trauer, auf der anderen Seite steht eine zunehmende Anonymisierung des Todes, von Kritikern auch als »Entsorgungsmentalität« gegeißelt. Foto: racamani – Fotolia.com

Der Trauerprozess bleibe aber auch in Zukunft ortsgebunden, und es sei Aufgabe insbesondere der Kirchen, in der Bestattungskultur nach neuen Möglichkeiten zu suchen und dabei zu »umsorgen« statt zu »entsorgen«, betont Albrecht.

Die Tage am Ende des Kirchenjahres gemahnen an Sterben und Tod. Tränen und Schmerz bleiben Teil dieser Welt. Und doch ist das nicht das letzte Wort, weil Jesus durch seine Auferstehung den Tod überwand. Advent und Weihnachten werden trotz aller Trauer auch in diesem Jahr wieder Ausdruck der Sehnsucht sein, dass Gottes Verheißung sich erfüllt, die Tränen getrocknet, der Schmerz weggenommen und der Tod im Reich Gottes abgeschafft wird. Bis dahin bleibt die Liebe zu den Verstorbenen und die Erinnerung, die Teil jeden Lebensweges ist.

Augustinus von Hippo sagte: »Unsere Toten sind nicht abwesend, sie sind nur unsichtbar und sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Tränen.« In diesem Sinne sind die Orte der Trauer immer auch Orte des Trostes.

Petra Franke

Paläste in der Bibel

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom Glanz und Elend der biblischen Bauherren und ihrer stolzen Werke

Nicht nur die Fürsten der Renaissance oder die Bauherren heutiger Zeit stecken Unsummen in wertvolle Prachtbauten – schon die Mächtigen der Bibel ließen sich Paläste errichten. Mal erheischten sie damit Bewunderung, mal ernteten sie Kritik.

Jeremia warnt vor Prunksucht

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Durch den Propheten Jeremia teilte Gott König Jojakim mit, was er von Prunksucht hielt: »Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht«, heißt es da. Wer sich »denkt: ›Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer‹, und lässt sich Fenster ausbrechen und mit Zedern täfeln und rot malen«, der solle lieber noch einmal in sich gehen. »Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst?«, fragt Gott König Jojakim. Und droht: »Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.« (Jeremia 22,14ff)

13 Jahre Bauzeit: Salomos Palast

Den in der Bibel am ausführlichsten beschriebenen Palast ließ König Salomo errichten. Dreizehn Jahre lang wurde an dem Königshaus gebaut, das aus mehreren Gebäuden bestand. Das »Libanon-Waldhaus« errichtete er aus kostbarem Zedernholz. Es gab große Hallen »mit Säulen und einem Aufgang davor«. Die »Thronhalle, in der er Gericht hielt«, war »vom Boden bis zur Decke« mit Zedernholz getäfelt. Außerdem ließ er sowohl für sich als auch für seine Frau ein eigenes Wohnhaus bauen. »Der König machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit dem edelsten Gold.« Das »Libanon-Waldhaus« ließ er mit Gold verzieren und auch alle Gefäße dort bestanden »aus lauterem Gold; denn das Silber achtete man zu den Zeiten Salomos für nichts«. (1. Könige 7,1ff)

König David: Import von Material und Fachleuten

Nachdem König David Jerusalem erobert hatte, ließ er sich einen Palast bauen. Unterstützung erhielt er von Hiram, dem König von Tyrus. Er schickte einige Ladungen Edelholz und stellte Handwerker zur Verfügung. Der Reichtum, der David plötzlich zur Verfügung stand, war für David ein Beweis dafür, dass Gott auf seiner Seite stand. Als die Boten mit dem kostbaren Baumaterial eintrafen, erkannte er, »dass der Herr ihn zum König über Israel bestätigt und sein Königtum erhöht hatte«. Auch auf die Frauenwelt scheint der Prunk gewirkt zu haben, denn »David nahm noch mehr Frauen und Nebenfrauen in Jerusalem.« (2. Samuel 5,11)

Wenig rühmlich: Ahab und sein Elfenbeinhaus

Auch König Ahab schien eher von Besitzgier geleitet als von Gottesgehorsam. Sein Palast stand in Jesreel. In der Nähe befand sich ein Weinberg, den er unbedingt besitzen wollte. Als der Eigentümer sich auf keinen Handel einließ, legte Ahab sich beleidigt ins Bett. Seine Frau nahm die Sache in die Hand und denunzierte den Weinbergsbesitzer, der daraufhin gesteinigt wurde. Die Strafe Gottes folgte einige Zeit später. Ahab zog gegen Gottes Willen in den Krieg, wurde angeschossen und verblutete elendig. Auch er hatte versucht, seinen Einfluss durch rege Bautätigkeiten zu unterstreichen. Von einem »Elfenbeinhaus, das er baute«, ist da die Rede und von Städten, »die er ausgebaut hat«. (1. Könige 21,1ff; 22,34ff)

Paläste werden vom Feuer verzehrt

Was Gott mit den Palästen derer anstellen will, die ihn über all dem Größenwahn beim Bau ihrer Luxusvillen vergessen haben, lässt er durch seine Propheten verkünden: »Israel vergisst seinen Schöpfer und baut Paläste, und Juda macht viele feste Städte«, klagt er durch Hosea. »Aber ich will Feuer in seine Städte senden, das soll seine Paläste verzehren.« Und Jesaja ergänzt: »Wilde Hunde werden in ihren Palästen heulen und Schakale in den Schlössern der Lust.« (Jesaja 13,22; Hosea 8,14)

In einem Palast wird Jesu Tod geplant

Die Grenze zwischen größeren Wohnhäusern, Villen und Palästen war in biblischer Zeit fließend. Es waren also nicht nur Könige, die in Palästen wohnten. Auch andere hochrangige Personen wie Priester stellten ihren Status durch luxuriöse Gebäude zur Schau. Und sie waren oft auch Orte der Diskussion. So heißt es im ­Matthäusevangelium zum Beispiel, die Verschwörung gegen Jesus habe im Palast eines Hohepriesters stattgefunden: »Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.« (Matthäus 26,3)

Völlig überirdisch: Gottes Palast

Von einem Palast ganz anderer Art ist beim Propheten Amos die Rede. Er beschreibt die Macht Gottes, der von seinem himmlischen Palast aus regiert, mit folgenden Worten: »Denn Gott, der Herr Zebaoth, ist es, der die Erde anrührt, dass sie bebt.« Und er fährt fort: »Er ist es, der seinen Saal in den Himmel baut und seinen Palast über der Erde gründet.« (Amos 9,5f)
Uwe Birnstein

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Höhen und Tiefen durchlebt

17. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Country-Sänger Johnny Cash – In seinen Liedern geht es um Verstrickung, Sünde und Vergebung

Vor zehn Jahren starb der Country-Star Johnny Cash. Das Leitmotiv seines Lebens und Werks war der feste Glaube an göttliche ­Erlösung.

Manchmal bin ich zwei Personen: Johnny ist der Nette, und Cash macht all den Ärger. Sie kämpfen miteinander!« Der Musiker, der am 12. September 2003 mit 71 Jahren starb, war ein Mensch mit zwei Gesichtern. Hier die populäre Country-Ikone, ein Hüne mit markantem Bassbariton und einem missionarischen Glauben. Dort der raue Rebell, launische Egoist und Drogensüchtige, der mit dem Gesetz in Konflikt kam, mit Schuldgefühlen, Depressionen und Schmerzen rang, sich umbringen wollte, seine Vorsätze verriet und längst am Ende schien.

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt: Cash hat alle Höhen und Tiefen durchlebt. Sein geliebter Bruder Jack stirbt jung einen schrecklichen Unfalltod, und der gewalttätige Vater gibt Johnny die Schuld daran. Die erste Ehe zerbricht am kometenhaften Ruhm, endlosen Tourneen und ungezügelter Tablettenabhängigkeit. Dann wieder schicksalhafte Fügungen. June Carter, die er 1968 heiratet, ist die Liebe seines Lebens, eine Seelenverwandte, ein fester Halt. Auch dank ihr entbrennt sein Glaube neu – er studiert die Bibel, nimmt Gospel-Alben auf und produziert 1973 einen Jesus-Film, in dem er als Erzähler sowie June als Maria Magdalena mitwirken – laut eigener Aussage das »wichtigste Projekt« seines Lebens. Seit Anfang der 70er tritt Cash nur noch als »Man in Black« auf – mit seiner schwarzen Kleidung trauert er um die Armen, Vergessenen – und auch um die, »die Gottes Wort nicht kennen oder hören wollen«. Später schreibt Cash, der durch June und seinen Halt im Glauben seine Süchte in den Griff bekommen hat, einen Roman über den Völkerapostel Paulus (»Der Mann in Weiß«), mit dessen Wandlung, Heilserfahrung und Missionsbereitschaft er sich identifiziert.

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Doch nach neuen Hits und einer eigenen Fernsehshow beginnt sein Stern Mitte der 70er langsam zu sinken – in der Countryszene setzt man auf neue, seichtere Töne. Der »Man in Black« mit seinen ernsten Liedern von Liebe, Gott, Verbrechen und Gerechtigkeit wird zum Auslaufmodell – und steht ­irgendwann ohne Plattenvertrag dar.

Da nimmt sein Leben eine weitere ungeahnte Wendung: der gerade mal 30-jährige Rick Rubin, zottelbärtiger Gründer der durch Rap- und Hardrock-Alben bekannten Plattenfirma »American Recordings«, spricht Cash 1993 an und bittet, ihn produzieren zu dürfen. Akustisch, nur mit Gitarre, aufs Wesentliche reduziert – Lieder, die dem Musiker am Herzen liegen, eigene und fremde Songs, die zu seinem düsteren Mythos passen. Rubin sei für den damals 62-Jährigen ein Geschenk des Himmels gewesen, »wie ein Engel, der in sein Leben herabkam«, sagt Cash-Tochter Rosanne. Das Ergebnis – eine kleine Auswahl aus 218 Studio-Aufnahmen – klang so eindringlich, so klar und authentisch, dass die schlicht »American Recordings« genannte Platte das wohl größte Comeback der Musikgeschichte einleiten sollte.

Dass sie nicht nur von Kritikern hochgelobt, sondern auch und gerade von vielen jungen Leuten außerhalb der Country-Szene geliebt wurde, ist ein kleines Wunder – auch, weil das Leitmotiv so uncool daherkommt: Es geht um Verstrickung in Sünde und Schuld – und die Hoffnung auf göttliche Vergebung. »Redemption«, Erlösung, ist denn auch eines der eindrucksvollsten Stücke. Als Cash das Lied 1994 in Montreux singt, herrscht stille Ergriffenheit. Er sagt: »Wenn es keine Vergebung gäbe, wäre ich jetzt nicht hier!« Schuld und Erlösung – dieses Themenfeld sollte auch die fünf weiteren »American«-Alben dominieren.

Ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt

Mit weiter spärlicher Instrumentierung arrangiert Cash alte Lieder neu oder macht sich moderne Stücke zu eigen – wie »Personal Jesus«: Von »Depeche Mode« als Wunderheiler-Verulkung gedacht, macht der Baptist ein Zeugnis persönlicher Gottesbeziehung daraus und wirbt für einen Glauben, der greifbar real ist: »Reach out and touch faith!« Und bei »Hurt«, das in der Ursprungsversion der »Nine Inch Nails« vom Elend eines Heroin-Junkies erzählt, reflektiert Cash gegenüber Gott, seinem »süßesten Freund«, über Sterblichkeit, Einsamkeit und die Schmerzen, die seinen Körper unablässig peinigten. In »Meet Me in Heaven«, der Grabinschrift seines Bruders, zeigt er sich überzeugt von einem Wiedersehen nach dem Tod, und »The Man Comes Around« (Wenn der Herr wiederkommt) bereitet mit apokalyptischer Metaphorik aufs Jüngste Gericht vor.

Der erfolgreichste und erst posthum erschienene fünfte Teil der »American Recordings« entsteht zwischen dem Tod seiner geliebten June im Mai 2003 und dem eigenen vier Monate später. Fast blind und im Rollstuhl sitzend bittet Cash den Produzenten, ungeachtet der Umstände weiterzumachen: »Gib mir zu arbeiten. Wenn ich an June denke, sterbe ich!« Mit brüchiger, aber würdevoller Stimme und im Wissen, dass ihm nur wenig Zeit bleibt, singt der Schwerkranke zwölf Lieder über Rückblick, Dankbarkeit, Tod und Erlösung – ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt. »Mit demütigem Herzen und gebeugten Knien flehe ich Dich an: Bitte, hilf mir. Steig von Deinem goldenen Thron tief herunter zu mir – ich brauche die Berührung Deiner sanften Hand!« (»Help Me«). Und mit Blick auf June: »Eines sonnigen Morgens werden wir auferstehen, und dann treffe ich Dich wieder – ein Stück weiter die Straße hoch« (»Further on up the Road«). Tief anrührend auch ein Lied, das man im Wissen um Cashs düstere Zeiten nur als demütiges Credo verstehen kann: »Ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich / ich kam zu der Einsicht, dass ich Hilfe brauchen würde, um durchzukommen / in kindlichem Glauben lenkte ich ein und gab Ihm eine Chance. Und ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich« (»I Came to Believe«).

Die Liebe überwindet den Tod

Cash war todkrank, einsam, unendlich traurig – aber er war mit sich, Gott und der Welt im Reinen, wie sein Sohn John Carter berichtet: »Er hatte einen Sinn, er hatte Glauben, und er hatte ohne sein Zutun einen Frieden, den Gott ihm schenkte. Ich glaube, das war die Gnade in seinem Leben, und darin lag die Erlösung.« Der bibelfeste Christ, war fest überzeugt, dass die Liebe den Tod überwindet und den Weg freimacht für ein neues Leben. Das letzte Lied, das der Paulus-Bewunderer vor seinem Tod schrieb und das ihm besonders am Herzen lag, verdeutlicht dies mit einem Zitat aus dem 1. Korintherbrief: »Tod, wo ist dein Stachel? … Leben, du bist ein leuchtender Pfad – und die Quelle der Hoffnung wird auf ewig sprudeln, wenn mein Erlöser mich zu sich winkt«.

Tobias Wilhelm

Nachruf auf meinen Vater

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Anlässlich des Weltfriedenstages am 1. September ­veröffentlichen wir eine ­Erzählung des Schriftstellers Theodor Weißenborn (Jahrgang 1933). Er schildert die dramatische Geschichte ­einer verunglückten Vater-Sohn-Beziehung.

Mein Vater unterrichtete Sport, in der Unterstufe – es war in den frühen 30er Jahren –, hatte ich das Unglück, ihn als Lehrer zu haben. Ich war der einzige Schüler, den er schlug. Er ohrfeigte mich mit Vorliebe in der Gegenwart meiner Mitschüler, damit, wie er sagte, niemand auf die Idee komme, dass er seinen Sohn bevorzuge.

Außer Sport hatte er Biologie als Fach. Mitte der 30er Jahre promovierte er mit einer Arbeit über »Rassenkunde«. Wenn meine Mutter musizierte, pflegte er zu lesen. Seine besondere Verehrung galt Nietzsche und Charles Darwin. Später kamen Spengler und Rosenberg hinzu. Nach dem Krieg dann wohl Udo Walendy.

Zeichnung: Klaus Bose

Zeichnung: Klaus Bose

Eines Tages, noch in der Sexta, war es soweit, dass wir schwimmen lernen mussten. Die Klasse marschierte ­unter dem Kommando meines Vaters im Gleichschritt zum Freibad. Wir standen aufgereiht am Rand des Schwimmbeckens, und mein Vater ­erklärte: »Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedes Säugetier, wenn es ins Wasser fällt, schwimmen kann. Das gilt auch für den Menschen, denn der Mensch ist ein Säugetier, und er braucht nichts zu lernen, was er von Natur aus schon kann. Probandum est!« Und mit den Worten: »Ich mach euch das jetzt mal vor«, packte er mich an den Oberarmen und warf mich ins Wasser, wo ich, wild um mich schlagend und schreiend, sogleich versank. Und wenn ich auch wieder auftauchte und aus eigener Kraft den Rand des Beckens erreichte, wo meine Klassenkameraden mich an Land zogen, so war doch meine Angst vor dem Wasser von Stund an so groß, dass ich’s niemals als bergend und tragend empfand und nur ein einziges Mal und nur in größter Not mich ihm preisgab: im Krieg, bei einem Feuergefecht vor Dünaburg, als ich, um mich zu retten, in die Winisja sprang.

Als Kind, nach jenem Schulvormittag, floh ich aus meiner Verstörung in die Arme meiner Mutter, die mich auffing und barg und der ich alles Vertrauen danke, ohne dass ich nicht hätte sein können, weder damals noch später. Und ich erinnere mich, dass sie meinem Vater an jenem Tag beim Mittagessen die heftigste Szene machte, die ich je mitbekam. Mit einem ganz bestimmten Satz, genauer: einer ganz bestimmten Frage, die sich mir einprägte, vertrieb sie ihn so nachhaltig vom Tisch, dass er das Haus verließ und – wahrscheinlich weil er sich betrunken hatte – die nächste Nacht in einem Hotel verbrachte. Die Frage hatte gelautet, ob er mit Brutalität seine Potenzschwäche kompensieren wolle.

Das hatte nicht nur ihm, sondern auch mir zu denken gegeben, und so gewitzt war ich schon mit meinen zehn Jahren, dass ich mich unter Benutzung des stets unverschlossenen Bücherschranks meiner Eltern sogleich sachkundig machte. Und wenn auch mein Vater mich »Muttersöhnchen« schalt und wenn schon der Pimpf, der ich war, ihm nicht hart, zäh und flink genug schien, um eine Zierde der HJ zu werden – dem Wesen und Verhalten meiner Mutter danke ich’s, dass mein Gott weibliche Züge trägt und dass gleichwohl Tatkraft in meiner Vorstellung mit Weiblichkeit gepaart ist. Und ich wusste, um mit Adorno zu reden, wo einzig ich geliebt war: da, wo ich Schwäche zeigen durfte, ohne Stärke zu provozieren.

Ich bin nicht sicher, dass meine Mutter meinen Vater zu jener Zeit noch zur Familie zählte.

Er war ohnehin wenig zu Hause, sondern entweder in der Schule oder im Parteibüro. »Er gehört nach Cayenne!«, sagte meine Mutter, und wenn jemand nicht gleich verstand und nachfragte, sagte sie: »Weil da der Pfeffer wächst.« Später kam er mit der Waffen-SS an die Ostfront, und als er wenige Tage vor Unterzeichnung der Kapitulation in Zivil vor unserer Wohnungstür stand – er hatte von Stuttgart aus vorher angerufen –, da fand er keinen Einlass, aber seine Koffer vor der Tür, und er begriff und trollte sich und sah meine Mutter nur noch ein einziges Mal: beim Scheidungsprozess.

Dies erfuhr ich, als ich aus der ­Gefangenschaft heimkam, aus den ­Erzählungen meiner Mutter. Sie war inzwischen selbst in den Schuldienst gegangen – ihr Fach war Musik –, und über den Verbleib meines Vaters wusste sie wenig zu sagen. Einmal war sein Name in einer Pressemeldung aufgetaucht, im Zusammenhang mit einer »Wehrkampfgruppe«. Seine Ehre hieß Treue. Jahre später erzählte mir eine Cousine meines Vaters, zu der ich Tante sagte, dass er »unrühmlich« gestorben sei: bei einem »Kampfsporteinsatz«, infolge eines Unfalls, dessen Ursache nie völlig geklärt wurde. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein.

Natürlich hätte ich Spuren suchen und das Leben, vor allem die Kindheit meines Vaters erforschen können. Er war, nach dem frühen Tod seiner ­Eltern, kraft Autorität seines Onkels, der ihn adoptierte, in einer Kadettenanstalt erzogen, nein, deformiert worden. Aber um dem nachzugehen, hätte ich ihn lieben müssen.

Ich liebe meine Mutter. So wie Konfuzius nicht seine Feinde, sondern seine Freunde liebte.

Ich war vaterlos.

Theodor Weißenborn

Loslassen im Leben und im Sterben

6. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Sterbehilfe: Die Grenzen des eigenen Lebens akzeptieren – Interview mit Landesbischöfin Ilse Junkermann

Die moderne Medizin kann einerseits Leben verlängern. Andererseits wird eine Diskussion über die Möglichkeit der Sterbehilfe geführt. Dietlind Steinhöfel sprach mit Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Viele Menschen sagen, sie haben weniger Angst vor dem Tod als vor dem Sterben. Verstärkt sich diese Angst angesichts der Diskussion um Sterbehilfe?
Junkermann:
Ja, ich denke, sie verstärkt sich, weil man nicht weiß, ob Sterbehilfe auch gegen meinen Willen angewendet wird. In einer Patientenverfügung kann ich zwar festlegen, ob lebensverlängernde Maßnahmen eingesetzt werden sollen. Ob das in der konkreten Situation noch mein Wille ist, kann man nicht abschätzen. Wir kennen die Situation nicht, das macht Angst. Und wir wissen: Sterben heißt, das Leben loslassen. Ich habe keine Gestaltungsmacht mehr.

Deshalb ist Sterbehilfe so ein Versuch, bis zum Schluss selbst zu bestimmen, nicht nur die Art, sondern auch den Zeitpunkt. Aber selbst Sterbehilfevereine machen das von ärztlichen Gutachten abhängig. Folglich ist es nicht wirklich selbstbestimmt.

Die Gesetzeslage ist für einen Normalbürger schwer zu durchschauen. In Deutschland sind die Regeln relativ streng. Da darf ohne Einwilligung des Patienten oder der Angehörigen auch die künstliche Beatmung oder Ernährung nicht beendet werden. Greift hier der Mensch nicht unzulässig in den Sterbeprozess ein, zögert ihn hinaus? Oder zwingt andererseits die moderne Medizin Menschen zum Weiterleben, die gar nicht mehr wollen?

Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Junkermann: Ich denke, es ist die größte Angst, dass die Ärzte den Patienten sozusagen künstlich am Leben halten. Doch Ärzte sagen, das sei eine unbegründete Befürchtung. Die Palliativbewegung hat den Ärzten und Pflegekräften ihre Verantwortung im Sterbeprozess deutlich gemacht, gerade wenn sie nichts mehr tun können. Die Einsicht, nichts mehr tun zu können, ist dann gebotenes verantwortliches Handeln.

Es ist die ärztliche Pflicht und auch die ärztliche Kunst, immer das Individuelle anzuschauen und zu beraten, was der mutmaßlich letzte Wille ist. Da sind die Angehörigen mit einzubeziehen. Es gehört viel Gespür dazu zu sagen: Wir machen jetzt noch eine Versorgung, die das Sterben leichter macht, aber weder hinauszögert noch beschleunigt. Und dafür brauchen Ärzte eine gute Wahrnehmung. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel geändert.

Früher, als die Angehörigen zu Hause gestorben sind, kannten die Menschen die Anzeichen des Todes. Das wird wieder neu entdeckt in der Palliativmedizin. Heute sterben 80 Prozent der Menschen nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus, im Pflege- und Altersheim oder durch Unfälle.

Was ist denn heute zu Hause, ist nicht auch das Altersheim dann das Zuhause, wo ich jetzt die letzten Jahre gelebt habe?
Junkermann:
Ich denke, das Zuhause hat ganz viel mit Beziehungen zu tun. Es ist ein Ort, wo ich mich Menschen anvertrauen kann, wo vertraute Menschen da sind, die meine Menschenwürde respektieren, selbst wenn ich sie nicht mehr einfordern kann. Ich glaube, das ist ganz entscheidend. Das ist im Sterben nicht anders als im Leben. Wenn Menschen einsam und alleine leben, sterben sie auch einsam und alleine. Ganz gleich, ob es ihre Wohnung ist oder ein Altersheim. Diese Bitternis der Einsamkeit ist dadurch nicht weggenommen.

»Mir ist alles erlaubt, es dient aber nicht alles zum Guten«, heißt es im 1. Korintherbrief. Die Sterbehilfe ­definieren Diskutanten sehr unterschiedlich, was dem Guten dient, was nicht. In den Niederlanden gibt es europaweit die weitestgehende Regelung, wo aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Ist das jetzt eine Lizenz zum Töten?
Junkermann:
In einer Gesellschaft, in der aktive Sterbehilfe freigegeben ist, besteht die Gefahr, dass eine Erwartungshaltung entsteht. Menschen geraten unter Druck, von sich aus diese Entscheidung zu treffen. Wir haben das genauso bei den Schwangerschaftstests, also am Anfang des Lebens.

Das sind ganz ähnliche Fragestellungen. Je mehr wir wissen oder meinen zu wissen, desto mehr Verantwortung übernehmen wir. Wenn beim ­gezeugten Leben Downsyndrom oder eine andere Behinderung bei 80 Prozent liegt, muss das Paar entscheiden, weil es dieses Wissen hat.

Ähnlich ist es am Ende des Lebens. Wenn ich weiß, ich kann dem auch ein Ende setzen oder setzen lassen, dann muss ich mich vielleicht von Angehörigen fragen lassen: »Was machst denn du noch?« Oder ich empfinde: »Ich falle den anderen zur Last.« Ich sehe eine große Gefahr, dass sich eine Gesellschaft dorthin entwickelt zu entscheiden: Was ist und wer ist lebenswert? Und dass die Menschen auch selber ihr Leben nur lebenswert empfinden, wenn sie noch tätig sein können. Die Erfahrung, Leben hat seinen Wert und ich hab meine Würde, weil Gott mich ansieht und mein Leben achtet, die geht dabei verloren. Genau deshalb spitzt sich in unserer Gesellschaft diese Frage so zu.

Angesichts der Hightech-Medizin fragen Trauernde: Ja, hätten die Ärzte nicht noch mehr tun können, damit der Vater, die Mutter, das Kind noch überlebt hätten?
Junkermann:
Ja, das ist die andere Seite. Deshalb ist zu lernen, dass ­unser Leben auf jeden Fall begrenzt ist und auch unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir müssen dafür Gespür entwickeln. Nicht meinen, ich habe die falsche Entscheidung getroffen, bei einer anderen wäre es besser gegangen. Sondern sagen, es gibt eine grundsätzliche Begrenzung unseres Lebens im Tod.

Uns fehlt diese öffentliche Kultur dafür. Jeder muss es sozusagen für sich selbst entscheiden. Das macht es so schwer. Je mehr Menschen Grenzen erweitert haben, steht die Frage: Warum musste jetzt dort die Grenze sein, hätte sie nicht noch verschoben werden können? Die Menschen wollen sein wie Gott, das erzählt uns die Bibel von Anfang an. Aber das funktioniert nicht.

Wir leben mitunter, als ob wir nicht sterben müssten. Wie können wir als Kirche in diesen Fragen noch offensiver in der Gesellschaft wirken?
Junkermann:
Gott begegnet uns im Leben und im Sterben und gibt uns das Leben, bewahrt es uns, auch wenn wir sterben. Das ist sozusagen unsere Hoffnung und unser Trost. Wie üben wir das ein? Wie gehen wir selbst mit dem Loslassen und Abschiednehmen im Leben um, das uns begleitet von Anfang an mit schmerzlichen Prozessen: vom Kindsein über die Pubertät und viele Veränderungsprozesse.

Wie gelingt es uns als Christen, das Abschiednehmen zu leben und zu sagen: Gott hält mich. Er will unser Leben und bewahrt es, auch wenn es für uns ein Geheimnis ist, wie das gehen kann. Die Selbstbestimmung ist kein absoluter Wert. Die Selbstbestimmung braucht das Gespräch mit den anderen. Das ist keine einsame Entscheidung, sondern ich muss meine eigenen und die Grenzen und das Recht des anderen sehen. Auch in der nichtchristlichen Gesellschaft können wir den grundlegenden gemeinsamen Wert der Menschenwürde stark machen: dass die Würde nicht an der Tat und der Leistung hängt, sondern unverletzlich ist. Und auch durch meine Selbstbestimmung nicht verletzt werden darf.

Ich denke, das ist im Blick auf Sterben, Tod, Umgang mit Krankheit, mit Behinderung etwas ganz Wichtiges.

Der Weg aus der »Krankheit zum Tode«

5. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 200 Jahren wurde der Existenzphilosoph und Theologe Sören Kierkegaard geboren

Entweder – oder«, hieß der zweibändige Wälzer, der im Jahr 1843 in Kopenhagen erschien; schwer verdauliche philosophische Kost, doch beim Publikum schlug das Buch wie eine Bombe ein. Dem Leser wurde die Entscheidung zwischen verschiedenen Lebensformen abverlangt: der ästhetischen, der ethischen, der religiösen. Ein klarer Entschluss, keine Halbheiten mehr. Die Leser waren erschlagen von der Wucht dieses geballten Angriffs und fasziniert von der funkelnden Sprache. Der Verfasser versteckte sich zwar hinter mehreren fiktiven Autoren und Herausgebern, aber das passte zum Buch: Nicht um einen Schriftsteller ging es, sondern schlicht und einfach um die Wahrheit.

Gott hören Beten heißt nicht sich selbst hören, sondern verstummen und warten, bis der Betende Gott hört. Sören Kierkegaard

Gott hören Beten heißt nicht sich selbst hören, sondern verstummen und warten, bis der Betende Gott hört. Sören Kierkegaard

Die Wahrheit bildete den Lebensinhalt des jungen Kopenhagener Philosophen Sören Kierkegaard, von dem der Bestseller stammte. Kierkegaard: ein psychopathischer Einzelgänger, krankhaft misstrauisch, nachtragend, ein Unglückswurm im Umgang mit anderen. Aber er hat der Welt Denkanstöße geschenkt, die zu den klarsten Ideen des 19. Jahrhunderts zählen.

Sören (dänisch für Severin) Kierkegaard kam am 5. Mai 1813 in Kopen­hagen als Sohn eines reichen Wollhändlers zur Welt, der sich vom kleinen jütländischen Schäfer hochgearbeitet hatte und in dessen Haus die feine Gesellschaft verkehrte, auch Wissenschaftler und hohe Geistliche. Ihm verdankte er hervorragende geistige Anregungen, aber auch ein verpfuschtes Seelenleben voller Ängste und Schuldgefühle.

Zwischen drückender Schwermut und dandyhafter Lebenslust schwankt Sören auch noch als Theologiestudent, sarkastischer Ironiker und reiner Parzival zugleich und auf jeden Fall ein schrecklich komplizierter Mensch: Er verlobt sich mit einer 16-jährigen Schönheit, entsagt ihr nach wenigen Monaten, weil er ihr seine ­inneren Konflikte nicht eingestehen will; aber als sie einen anderen heiratet, flüchtet er sich in eine abgrundtiefe Frauenverachtung und erklärt sie fortan alle für treulose Wesen.

Doch ausgerechnet dieses scheinbar nie aus der Pubertät herausfindende Nervenbündel, dieses Musterexemplar eines selbstzerstörerischen Neurotikers wird zum großen Mutmacher unter den Existenzphilosophen. Klar wie kaum ein zweiter sieht er die tausend Verstrickungen des Menschen in Schuld und Angst – und ­erklärt ihn unverdrossen für fähig, ­gerade im Annehmen seiner Grenzen und Belastungen das Leben zu bewältigen.

Er beendet sein Studium in kürzester Zeit, liefert eine brillante Doktor­arbeit über die Ironie bei Sokrates, wechselt nach Berlin, lernt Deutsch und trinkt alle möglichen Vorlesungen in sich hinein. Wieder daheim in ­Kopenhagen, nimmt er den Kampf gegen alle »Ismen« und starren Denksysteme auf – vor allem gegen Georg Friedrich Hegel, den Philosophengott seiner Zeit.

Für den Beruf eines Geistlichen hielt er sich immer weniger geeignet – kein Wunder bei seiner Skrupulanz. Viel lieber als die Predigten, die er als Kandidat der Theologie zu halten hatte, verfasste er denn auch von Kampfeslust sprühende philosophisch-theologische Polemiken. In den zwölf Jahren bis zu seinem frühen Tod hat er Bücher geschrieben, die 15 großformatige Foliobände füllen. Wie ein Besessener soll er geschrieben haben, an mehreren Manuskripten gleichzeitig, während er um einen großen papierübersäten Tisch herumwanderte und vom Tisch zum Stehpult lief – oder zwischendurch auch einmal schnell ins Theater eilte, sich eine Mozart-Ouvertüre anhörte und so beflügelt zu Hause weiterschrieb.

Gegen die Vermassung, das Abwälzen der Verantwortung auf anonyme Instanzen, gegen die seichte Unverbindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft setzt er ein neues individuelles Bewusstsein: den »Mut, ein Einzelner zu werden«. Jeder Mensch sei aufgefordert, sich seiner selbst bewusst zu werden, Verantwortung für sich und die anderen zu übernehmen. Er leugnet keineswegs die Fremdeinflüsse, denen jeder Mensch ausgesetzt ist, Schuldverstrickungen und die Macht der Triebe. Aber er hält ihn für fähig, sich sein Selbst zu schaffen – besser gesagt zu erkennen, was er vom Schöpfer an Individualität empfangen hat.

Damit rettet Kierkegaard dem zum Rädchen im Getriebe degradierten Menschen der Neuzeit seine Würde. Die Menschen sieht er zur Gemeinschaft bestimmt – aber eben zur Gemeinschaft bewusster Einzelner, was etwas ganz anderes ist als die namen- und gesichtslose Masse.

Zu dieser bewussten Existenz gehört auch die Angst; denn sie ist das Wissen um die Möglichkeit, die eigene Bestimmung zu verfehlen. Angst kann erlösend wirken, weil sie den Menschen an sein höheres Ziel erinnert. Angst kann aber auch zur dumpfen Verzweiflung werden, zur fatalistischen Idee, verloren zu sein, sich selbst zu verfehlen. »Krankheit zum Tode« nennt das Kierkegaard. Der Mensch kann nicht er selbst sein; er leidet darunter, so zu sein, wie er ist; er möchte sich selbst loswerden.

Die einzige Rettung aus der Verzweiflung an der eigenen Existenz ­besteht für Kierkegaard darin, mich selbst im Gespräch mit dem wiederzufinden, der mich ins Dasein gesetzt hat. Wenn ich nicht verzweifeln will, muss ich mich in die Arme Gottes ­fallen lassen – auf Gedeih und Verderb, auf ­eigenes Risiko. Es ist eine Entscheidung, die Kierkegaard selbst als Zumutung bezeichnet, als Paradox; aber es führt kein Weg an ihr vorbei. Denn der Mensch ist an das Ewige gebunden.

Man könne sich für eine ästhetische Lebensauffassung entscheiden, sagt Kierkegaard, für eine ethische oder eine religiöse. Letztlich gebe nur die religiöse Entscheidung eine wirklich angemessene Antwort auf die Befindlichkeit des Menschen.

Kierkegaard gibt sich erst gar keine Mühe, zu beweisen, dass die Entscheidung für den Glauben etwa ein Gebot der Vernunft oder aus der historischen Entwicklung ableitbar wäre. Nein, es geht um die Zumutung, »den Verstand fahren zu lassen, um den Sprung zu machen ins Religiöse.« – »Siehe, Gott wartet! So spring zu in Gottes Arme.«

Am Ende ist der schwierige Philosoph komplett isoliert. Mit sich, den Frauen und der Welt zerfallen, voller Wut auf die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche mit ihrer Beamtenmentalität, zieht er sich völlig zurück. Im Oktober 1855 bricht er auf der Straße zusammen, wird in ein Krankenhaus gebracht, wo sich die Ärzte vergeblich um eine Diagnose bemühen. Am 11. November 1855, mit 42 Jahren, ist Sören Kierkegaard tot. Vermutlich hat er ganz einfach keinen Lebenswillen mehr gehabt.
Christian Feldmann

Auferstehung – ein Sieg des Lebens

31. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Der Tod ist verschlungen vom Sieg – Die Geschichte einer Heilung nach lebensbedrohlicher Krankheit

Es ist ein innerer Wandel, der sich beginnend mit einer akuten lebensbedrohlichen Erkrankung im Laufe des mehrwöchigen ­Heilungs­prozesses vollzogen hat. Für meine Umwelt ist er wahrscheinlich nicht bemerkbar, ich empfinde ihn wie eine Auferstehung.

Der 2. März 2000 war für mich ein Schicksalstag. An die ­Stunden nach der Operation kann ich mich nicht ­erinnern. Dank wirkungsvoller Medikamente spürte ich auch in der folgenden Nacht keine Schmerzen. Es war nicht meine erste Operation. Ich wußte, wenn der Tag der Operation vorüber ist, geht es aufwärts. Die Heilungskräfte meines Körpers übernehmen treu ihren Dienst. Solche Gedanken gingen mir nach dem ersten morgendlichen Aufstehen mit Hilfe der Schwestern durch den Kopf. Ich lag wieder im Bett – froh, die ­Operation gut überstanden zu haben, zuversichtlich auf Genesung hoffend. Doch es sollte anders kommen. Schlimmer als befürchtet.

Foto: epd-bild

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Plötzlich – mir wurde schwindlig, das Karussell in meinem Kopf drehte sich immer schneller und heftiger. Ich bekam keine Luft, drückte die Klingel, die in meiner Hand lag. Ich fühlte mich dem Tod nahe – ein Vers aus Psalm 25 schoss mir durch den Kopf. Stumm flehte ich zu Gott: »Errette mich. Lass mich nicht zuschanden werden.« Eine Schwester kam, ihr folgte eine zweite. Der Blutdruck wur­de gemessen. Die Krankenschwester – ich nahm ihren Schreck und ihre Aufregung wahr – maß ihn zum zweiten Mal. Sie wandte sich ihrer Kollegin zu und sagte ihr den Wert des Blutdrucks. Er war viel zu niedrig. Die Krankenschwester kontrollierte wiederholt, immer mit demselben Ergebnis. Der Blutdruck fiel weiter ab. Schwestern eilten herbei. Eine Ärztin kam mit dem Sauerstoffgerät, dessen Schläuche sie mir an die Nase klemmte. Ich hörte sie sagen: »Wir bringen Sie auf die Intensivstation. Dort können Sie besser versorgt werden.« Schwestern und Pfleger schoben im Laufschritt mein Bett über den Krankenhausflur. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, saß ein Arzt hinter mir und ließ den Ultraschallkopf über meinen Oberkörper gleiten. Er diagnostizierte: »Eine Lungenembolie.« Ich litt unter Luftnot, war aber hellwach. Ein gewaltiger Druck lastete auf meinem Brustkorb. Ein Blutgerinnsel hatte ein Lungengefäß verstopft. Eine Lysetherapie, bei der die Blutgerinnung gehemmt wird, sollte den Thrombus auflösen. Das war unmittelbar nach einer ­Operation wegen der Gefahr innerer Blutungen ein ­großes Risiko. Der Mediziner klärte mich über mögliche Komplikationen auf. Doch es gab keine Alternative: »An der Embolie können Sie sterben.« Mir wurde himmelangst. Mit meiner Unterschrift gab ich mein Einverständnis in die Behandlung, die sofort begann.

Die nächsten Stunden waren wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Die Laboruntersuchung zeigte, meine Blutwerte sanken. Ich bekam die erste Bluttransfusion. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Werte verbesserten sich. Wenig später sanken sie wieder. Es folgte die nächste Blutkonserve. Das wiederholte sich noch mehrere Male an diesem Tag. Die Ärzte traten mit ernster, besorgter Miene an mein Bett. Meine Familie, vom Krankenhaus benachrichtigt, wusste, dass mein Leben an einem seidenen Faden hing. Besuche strengten mich unglaublich an.

Mittlerweile war es Abend geworden. Viele Mediziner versammelten sich im Krankenzimmer, um mir zu sagen, dass die massiven inneren Blutungen eine Notoperation erforderlich machten. Ich haderte, doch der Anästhesist gab mir zu verstehen: »Die Ärzte haben keine Wahl.« Wieder im Laufschritt wurde mein Bett von der Intensivstation in den Op-Saal geschoben. Mein mir seit vielen Jahren vertrauter Arzt trat zu mir heran: »Wir machen alles, was möglich ist.« Die Ärzte kämpften um mein Leben.

Tatsächlich wachte ich am nächsten Morgen wieder auf. Mein Körper fühlte sich an wie in von einem engen Panzer umgeben. Es ging mir sehr schlecht, aber ich lebte. Die folgenden Tage war ich sehr schwach, vollkommen auf Hilfe angewiesen. Nach vier Tagen auf der Intensivstation sprach mir einer der Ärzte Mut zu: »Ab jetzt geht es aufwärts.« Und: »Sie hatten ­einen guten Schutzengel.«

Nach einer Woche wurde ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt – zwar noch mit Infu­sionstropf und anderen Schläuchen. Ich spürte jetzt, meine Kräfte kehrten zurück, allmählich, ganz langsam wie im Kaffeebohnenschritt, aber stetig. Jeden Morgen spürte ich eine winzig kleine Verbesserung. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen war, fuhr ich für vier Wochen zur Kur. Danach war ich wieder so leistungsfähig wie zuvor. Geheilt. Und – ein neuer Mensch. Ich fühlte mich wie neuge­boren.

In den schweren Krankheitstagen hat sich in mir ein Wandel vollzogen. Ich weiß nicht, ob der für meine Mitmenschen bemerkbar ist. Für mich ist eine große Veränderung geschehen, die ich wie eine Auferstehung empfinde. Meine Einstellung zum Leben ist eine andere geworden. Mit der Heilung ist in mir eine Dankbarkeit und Liebe zum Leben gewachsen, die so groß ist wie nie zuvor. Das Leben, das ich als selbstverständlich hinnahm, das mir nur in seltenen Momenten Anlass zum Danken war, empfinde ich als ein kostbares, einmaliges Geschenk. Viel zu oft hatte ich mit dem Leben, mit meinem Schicksal gehadert. Das ist vorbei und nie wieder bin ich in den Jahren, die seitdem vergangen sind, hinter die alte Lebenseinstellung zurückgefallen. Dankbarkeit und Liebe erfüllen mich. Jeden Tag danke ich Gott für das Schöne, das ich erlebe, für die kleinen alltäg­lichen Dinge und die großen. Mein Schicksal, die Vergangenheit und das Heute betrachte ich als von Gott gegeben.

Gott muss verrückt sein, könnte man meinen, angesichts der Zumutung, die Schmerz und Leid sind. Doch ich habe nie gefragt, warum mir das passiert ist. Gott hat mir eine Erfahrung von unschätzbarem Wert geschenkt. Ich war in großer Not, bin fast gestorben. Ich hatte Angst, tief und hart zu fallen und fühlte mich zugleich gehalten. Gott hat mich geheilt, durch Dunkelheit und Leid zum Leben geführt.

Sabine Kuschel

Die Künstler und der Tod

11. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Schirn-Kunsthalle Frankfurt zeigt, wie unterschiedlich Künstler auf den kommenden Tod reagiert haben

Wie malt ein Künstler, wenn das Lebensende naht? Die Ausstellung »Letzte ­Bilder. Von Manet bis ­Kippenberger« in Frankfurt gibt ­darüber Aufschluss.

Berühmt sind beide Impressionisten, beide wählten Blumen als Motive, aber wie unterschiedlich sind ihre letzten Bilder: Während Claude Monet (1840–1926) seine Seerosenbilder wandgroß werden ließ, in denen die Pflanzen in gelb-grün oder blau leuchtenden Farben ihre Formen verschwimmen lassen, malte Édouard Manet (1832–1883) die Blumensträuße, die er ans Krankenbett gebracht bekam, in kleinen Formaten ganz konkret und genau ab, rote Pfingstrosen, cremefarbene Rosen und gelbe Tulpen in ihren Vasen.

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

»Es gibt keinen typischen Altersstil oder ein typisches Spätwerk«, sagt die Kuratorin der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main, Esther Schlicht. »Künstler gehen ganz unterschiedlich mit ihrem nahenden Lebensende um.« Dies macht die Ausstellung »Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger« deutlich, die in der Schirn ­gezeigt wird. 100 Werke vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden bis 2. Juni präsentiert. Darunter befinden sich Arbeiten von Alexej von Jawlensky, Henri Matisse, Giorgio de Chirico, Willem de Kooning und Andy Warhol.

Für die Auswahl war für Schlicht ausschlaggebend, dass die Arbeiten herausragend sind und Antworten geben auf die Frage nach der Vollendung eines Lebenswerkes. Die Werke erhellen unterschiedliche Facetten ­eines Künstlers im Angesicht des Todes wie eine neu gewonnene Freiheit, Neuausrichtung, Rückbesinnung auf die eigenen Anfänge oder stoisches Beharren.

In der Schau sind die Arbeiten von jeweils zwei Künstlern in ­einem Raum gegenübergestellt und sollen sich gegenseitig interpretieren.

Experimentierfreudigkeit in ihrem Alterswerk zeigen sowohl Henri Matisse (1869–1954) als auch Willem de Kooning (1904–1997). Von Matisse zeigt die Schirn Bilder des Künstlerbuchs »Jazz«, deren Collagetechnik er krankheitsbedingt erfand und die eine heitere Lebensfreude ausstrahlen. Auch die wandgroßen Gemälde des an Alzheimer erkrankten de Kooning mit ihren abstrakten Formen in vornehmlich roten und gelben ­Farben markieren einen heiteren Neubeginn.

Ganz anders die letzte Werkphase von Alexej von Jawlensky (1864–1941): Die als »Meditationen« bekannten, ikonenhaften und jahrelang variierten kleinformatigen Bilder wurden zum Lebensende immer dunkler. Der Maler war nahezu gelähmt und von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegt. Ihnen gegenüber ist der letzte Film des US-amerikanischen Experimentalfilmers Stan Brakhage (1933 bis 2003) »Chinese Series« zu sehen, der ähnlich schwer von Krankheit gezeichnet, im Liegen mit den Finger­nägeln zeichenhafte Formen in einen schwarzen Filmstreifen kratzte.

Anders verhält es sich mit Werken, die unerwartet zu den letzten wurden: Nachdem Andy Warhol (1928–1987) den Bildzyklus »Das letzte Abendmahl« geschaffen hatte, starb er überraschend. So wurde das Bild des Abschied nehmenden Jesus Christus im Kreis seiner Jünger zum künstlerischen Vermächtnis Warhols. Variation und Wiederholung waren ebenso die Themen von Giorgio de Chirico (1888 bis 1978). Gegenüber Warhols Monumentalbild hängen Spätwerke von ihm, die mit ihren bunten, surrealistischen Motiven zeitgenössische Kunst mit Chiricos Frühwerk verbinden.

Das definitiv letzte Bild ist Gegenstand der Gegenüberstellung des US-amerikanischen Künstlers Ad Reinhardt (1913–1967) und des niederländischen Konzeptkünstlers Bas Jan Ader (1942–1975). Reinhardt fand das letztgültige Künstlermotiv im schwarzen Quadrat, das er in den letzten sechs Schaffensjahren in menschengroßen Bildern ausschließlich und immer wieder malte.

Tragisches Ende oder Absicht – Ader kehrte von seiner Arbeit unter dem Titel »Die Suche nach dem ­Wunderbaren« nie zurück. Sein erster Teil der Arbeit, kleine, schwarz-weiße Nachtaufnahmen aus Los Angeles und eine Installation aus 80 Dias und der Tonbandaufnahme einer Chorprobe, ist in der Schirn zu sehen. Als zweiten Teil nahm er sich eine Atlantiküberquerung in einem kleinen Einmann-Segelboot vor. Geborgen wurde Monate später nur das Wrack des Bootes, von dem Künstler fehlt jede Spur.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Öffnungszeiten: Bis 2. Juni dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Ein Katalog ist erhältlich.

www.schirn.de

Dieses Konklave wird anders als die vorangegangenen

6. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Für die Wahl des Nachfolgers von Papst Benedikt XVI. werden die Kardinäle im März zum 75. Mal von der Außenwelt isoliert für das Konklave eingeschlossen. Seit dem Jahr 1295 müssen die Purpurträger sich in einen versiegelten Raum zurückziehen, um unter Ausschluss politischen Drucks von außen ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche zu ­bestimmen. Dennoch wird dieses Konklave sich in mehreren Punkten grundlegend von allen vorangegangenen unterscheiden.

Allein die Tatsache, dass der Wahl nicht der Tod des bisherigen Amtsinhabers vorangeht, sorgt für eine veränderte Konstellation. In der Trauerzeit wäre Kritik an der Amtsführung des Verstorbenen tabu gewesen, heute kann ein Nachfolger durchaus unter Berücksichtigung der Stärken und Schwächen von Papst Benedikt XVI. gewählt werden. Damit könnte es zu einer besonders ausgewogenen Entscheidung kommen. Der ­Wahl­prozess könnte sich durch offene Auseinandersetzungen jedoch auch in die Länge ziehen.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Joseph Ratzinger wurde 2005 ebenso wie sein Vorgänger Johannes Paul II. im vierten Wahlgang zum Papst gewählt. Er hatte bei der Trauerfeier für seinen Vorgänger die Gelegenheit, sich dem Kardinalskollegium mit einer beeindruckenden Predigt vorzustellen. Eine solche Gelegenheit fällt diesmal weg. Allerdings hatte der päpstliche »Kulturminister« Gianfranco Ravasi mit täglich drei Ansprachen an das Kardinalskollegium während der Fastenexerzitien im Vatikan eine Woche lang die Möglichkeit, sich den in Rom anwesenden Purpurträgern von herausragender Position vorzustellen.

Im Unterschied zum letzten Konklave gibt es bislang keine klare Favoritenliste. Benedikt empfahl dem Kardinalskollegium seinen Kulturminister zwar als möglichen Kandidaten, indem er ihn mit den diesjährigen Fastenexerzitien in der Kurie beauftragte. Darüber hinaus ist die Liste der Namen, die in Rom als mögliche Anwärter zirkulieren, jedoch lang.

Der Mailänder Erzbischof Angelo Scola gilt als konservativer Theologe, der zugleich den Dialog zu denen sucht, die der Kirche fern sind, ob im Dialog mit anderen Religionen oder mit Einladungen zum Gottesdienst, die an Straßenkreuzungen verteilt werden.

Der Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden, Peter Turkson, könnte die Hoffnungen auf den ersten Schwarzafrikaner auf dem Papstthron erfüllen. Der 64-Jährige hat Erfahrungen als Kurienmitglied im Vatikan und als ehemaliger Bischof von Cape Coast in seinem Heimatland Ghana. Der Kanadier Marc Ouellet hat als Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation Kontakt zu den Diözesen weltweit. Neben ­einer tiefen Kenntnis der Kurie blickt er aber auf eine Amtszeit als Bischof von Quebec und auf Erfahrungen als Missionar in Lateinamerika zurück. Südamerika spielt wegen der großen Zahl an Katholiken im Vergleich zu anderen Kontinenten bei den Überlegungen zum Konklave eine besondere Rolle.

Die Liste der »Papabili« lässt sich über den Argentinier Leonardo Sandri, den Philippiner Luis Antonio Tagle, den Ungarn Peter Erdö oder den Österreicher Christoph Schönborn und viele andere beliebig verlängern. Die Zeit vor dem eigentlichen Beginn des Konklaves werden die Kardinäle in Rom vom 1. März an nutzen, um Mehrheiten für einzelne Kandidaten auszuloten.

Bettina Gabbe

»Der Tod ist ein großer Aufräumer«

14. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Sterbebegleiterin Andrea Fuß über ihre Erfahrungen mit Schwerkranken und Sterbenden

Jeder will in Frieden gehen, meint die Sterbebegleiterin und Hospiz-Koordinatorin Andrea Fuß. Amet Bick sprach mit ihr darüber, wie man sich auf den Tod ­vorbereiten kann.

Frau Fuß, wie reagieren Menschen, wenn sie erfahren, dass sie bald sterben werden?
Fuß:
Die Menschen verarbeiten diese Nachricht sehr unterschiedlich. Viele können es nicht fassen, weil es ja auch unfassbar ist. Sie sind erst einmal sprachlos. Dann folgen verschiedene Verarbeitungsphasen: Depression und Verstimmung, Traurigkeit und Aggression. Zuerst wollen es manche Menschen nicht wahrhaben und verhandeln noch mit dem Schicksal. Sie befragen einen zweiten Arzt, probieren alternative Heilmethoden. Es ist ein Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Man ringt und kämpft. Manche tun es laut, manche leise, jeder auf seine Art.

Aber dann kommt vermutlich der Punkt, an dem man sein Leben loslassen muss.
Fuß:
Man kommt nicht darum herum und man muss es mit sich selbst ausmachen. Weil es eben ein Weg ist, den man alleine geht. Trotzdem ist es von großer Bedeutung, ob Menschen da sind, die einen auffangen. Im Grunde kann jeder schon in seinem Leben ein bisschen dafür sorgen, dass er in dieser Krisenzeit nicht allein ist und die Kraft hat, sie durchzustehen.

Wie das?
Fuß:
Jeder kann seine Beziehungen pflegen. Und sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren. Die Frage ist doch: Worin besteht der Sinn meines Lebens? Diese Frage muss sich jeder irgendwann beantworten. Viele Menschen, die wir begleiten, sagen: Es ist viel schiefgelaufen, ich war nicht immer erfolgreich, es gab viele Tiefen – aber ich habe gelebt. Und darauf sind sie stolz. Und es gibt andere, die sagen: Ich habe immer nur gearbeitet und gespart und mich auf später gefreut. Und sie sterben vielleicht, bevor sie das Rentenalter erreichen. Ich habe daraus für mich gelernt, dass es »später« nicht gibt. Man soll jetzt und heute leben.

Wissen Sterbenskranke, wann für sie der Zeitpunkt gekommen ist zu gehen?
Fuß:
Ich bin mir inzwischen 100-prozentig sicher, dass der Sterbende das genau weiß. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, er bestimmt selbst, wann es Zeit ist. Wir haben schon oft erlebt, dass Schwerstkranke Tag für Tag durchhalten, obwohl es medizinisch nicht zu erklären ist. Aber sie sagen beispielsweise, sie möchten noch erleben, wie ihr Enkelkind geboren wird. Und wenn das Enkelkind da ist, können sie in Ruhe gehen. Viele stehlen sich auch heimlich davon. Die Angehörigen haben stundenlang am Bett gesessen und gehen nur mal kurz raus, und genau in diesem Moment stirbt der Kranke.

Weil es einfacher ist zu sterben, wenn man alleine ist?
Fuß:
Vielleicht hatte der Sterbende das Gefühl, die Familie halte ihn mit ihrer Angst und Liebe fest. Wir empfehlen den Angehörigen manchmal, den Sterbenden zu sagen, dass sie ­gehen dürfen. Er wird dann losge-
lassen.

Aber der Tod bleibt trotzdem etwas Unfassbares?
Fuß:
Ja, denn man lässt alles hinter sich. Es ist hart, wenn die Rahmenbedingungen nicht gut sind. Wenn zum Beispiel der Mann, der nun stirbt, derjenige der Eheleute war, der noch einen Job hat. Die Frau ist arbeitslos und muss nun noch die Raten für das Haus alleine abbezahlen. Oder es sind noch kleine Kinder da. Wenn man noch sehr gebraucht wird, fällt sterben besonders schwer.

Andrea Fuß ist Sterbebegleiterin und  Hospiz-Koordinatorin des ambulanten  diakonischen Besuchs- und Hospizdienstes Chronos in Königs Wusterhausen. Foto: Rotraud Kauschka

Andrea Fuß ist Sterbebegleiterin und Hospiz-Koordinatorin des ambulanten diakonischen Besuchs- und Hospizdienstes Chronos in Königs Wusterhausen. Foto: Rotraud Kauschka

Für die Beziehungen ist die Situation bestimmt eine große Herausforderung?
Fuß:
Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Entweder die Beziehung hält und wird vielleicht noch stärker oder sie zerbricht. Es zeigt sich, ob die Liebe groß genug ist, um diese Krise zu meistern. Es liegt auch eine Chance darin. Als meine Oma im Sterben lag, versammelten sich zwei zerstrittene Familien, Kinder und Enkel, um ihr Bett. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, doch durch den Schock, dass das Leben endlich ist, konnten wir uns versöhnen. Am Sterbebett tranken wir Sekt miteinander und nahmen uns in den Arm. Meine Oma konnte nicht mehr sprechen, aber ihr Lächeln werde ich nie vergessen. Der Tod kann ein großer Friedensstifter sein. Eigentlich möchte jeder in Frieden gehen. Der Tod ist aber auch ein großer Aufräumer. Manchmal muss man sich eingestehen, dass eine Versöhnung nicht möglich ist, weil die Verletzungen zu groß sind.

Hören Sterbende, wenn man mit ihnen spricht?
Fuß:
Das Gehör geht als Allerletztes. Deswegen ist es auch fatal, wenn man sich am Bett zum Beispiel über die Erbschaft streitet, weil man denkt, der Sterbende bekommt sowieso nichts mehr mit. Wir ermutigen die Angehörigen, dem Sterbenden noch einmal zu sagen, was man für ihn empfindet. Das ist ja etwas, das Männern immer noch schwerfällt. Aber wenn sie sich dann trauen und vielleicht weinen und endlich ihre harte Schale durchbrechen, dann ist das für sie wie ein Lebensquell. Wie ein Wasser, das sie reinwäscht. Die werden durch ihre Schwäche richtig stark. Das ist für mich ­immer ein Wunder.

Sie haben gesagt, jeder Mensch wolle in Frieden gehen. Gehört dazu auch, dass man Bilanz zieht?
Fuß:
Ja. Und wenn die Menschen zum Schluss merken, so, wie sie gelebt haben, das war es eigentlich nicht, dann tut das weh. Diejenigen, die zufrieden zurückblicken, sagen, sie waren immer echt und immer da. Sie haben in jedem Moment nach ihren Bedürfnissen gelebt, wenn auch nicht rücksichtslos. Sie haben nichts anderes aus sich machen lassen als sie sind.
Es ist ja oft so, dass die Außenwelt von einem etwas fordert, was man selbst gar nicht will. Viele passen sich dann an, stürzen sich in krankhafte Arbeitswut oder kaufen ein Haus, weil die ­anderen das auch machen. Aber brauchte man das eigentlich? Das ­fragen sich viele zum Schluss.

Gibt es noch etwas, was einem leidtun kann?
Fuß:
Manche bedauern, dass sie zu wenig gelacht haben, zu wenig Freude hatten. Sie wünschen sich, sie hätten das Leben öfter genossen. Oft ist einem ja gar nicht bewusst, wie gut es einem geht. Es wirkt so, als könnte man leichter von dieser Welt gehen, wenn man in Frieden und Dankbarkeit geht. Die, die hadern, haben es schwerer.

Haben Sie das Gefühl, dass Gott im Sterbezimmer anwesend ist?
Fuß:
Ich spüre oft, wie viel Liebe im Sterbezimmer ist. Manche Angehörigen sagen mir, dass die letzten Tage die intensivste Zeit in ihrer 50-jährigen Ehe gewesen sind. Das ist etwas ganz Besonderes. Für mich ist Gott Liebe. Ich bin mir sicher, dass Gott
da ist.

Welche Hoffnungen gibt es?
Fuß:
Die Leute erzählen mir ganz unterschiedliche Sachen. Viele denken, dass man sich wiedersieht im Himmel. Dass es kein Abschied für immer ist. Wobei sich unter »Himmel« jeder etwas anderes vorstellt. Manche sind auch der Meinung, dass sie wiedergeboren werden, zum Beispiel, wenn sie Buddhisten sind. Hoffnung ist das, was einem gut tut. Und selbst diejenigen, die sich als Atheisten bezeichnen, sagen, es gibt einen Energieerhaltungssatz. Es geht keine Energie verloren auf dieser Welt, das ist ein physikalisches Gesetz. Diese Sicht hat zwar nichts mit Glauben zu tun, aber so kann man sich es ja auch erklären.

Haben Menschen, die sterbenskrank sind, eine konkrete Vorstellung, wohin sie gehen werden?
Fuß:
Ich glaube nicht. Vielleicht erzählen sie es mir auch nur nicht, weil es zu persönlich ist. Aber Schwerkranke, die schon einmal klinisch tot waren und eine Nahtoderfahrung gemacht haben, erzählen von einem Tunnel, durch den sie mussten, und von dem Licht, das dann kommt. Alles wurde leicht. Das Schwere fiel von ­ihnen ab. Es gab nichts mehr, was sie quälte. Und sie sagen auch, dass es nicht gut war, wieder zurückzukommen.

Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?
Fuß:
Nein. Ich habe eine Patientenverfügung verfasst und seitdem fürch­te ich mich nicht mal mehr vor dem Sterben. Ich habe die Hoffnung, dass alles leicht wird und die Last der Erde von mir abfällt. Obwohl ich die meist gar nicht als so schwer empfinde.

Niederlande: Gewalt ist salonfähig geworden

8. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Es war ein ganz normaler Sonntag. Ein Fußballspiel der B-Junioren in Almere bei Amsterdam. 2:2 stand es beim Abpfiff. Die Auswärtsmannschaft vom SV Nieuw Sloten in Amsterdam war frustriert. Schuld war der Linienrichter, meinten manche. Der hatte schließlich falsche Entscheidungen getroffen. Wütend schrien sie ihn an, schlugen zu. Der Mann fiel, konnte entkommen, doch die Jugendlichen verfolgten ihn, rissen ihn zu Boden und traten zu, auch auf den Kopf. Der 41 Jahre alte Richard Nieuwenhuizen erlag einen Tag später seinen schweren Verletzungen. Die mutmaßlichen Täter waren 15 bis 17 Jahre alt, aber auch ein 50-jähriger Vater wurde festgenommen.

Ein ganz normaler Sonntag? Nein. An jedem Wochenende spielen rund eine Million Niederländer Fußball, und die meisten der 33000 Spiele verlaufen friedlich. Dennoch war der Gewalttod des Linienrichters keine Ausnahme.

Aggression ist alltäglich auf den Fußballplätzen in den Niederlanden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern gerade an den Rändern. Sogar Eltern der ganz Kleinen, der sechs- und siebenjährigen, entpuppen sich als wahre Hooligans. Sie schreien und pöbeln die Schiedsrichter an. »Mach ihn alle!«, feuern Mütter und Väter ihre kleinen Lieblinge an. »Hast du Tomaten auf den Augen?«, wüten sie gegen die Unparteiischen. Diese sind wie sie selber auch ganz normale Eltern, die ihre Kinder zum Spiel begleiten und wenn es nötig ist, ehrenamtlich zu Flagge oder Pfeife greifen.

Dieselben Männer und Frauen sehen dann gemeinsam mit ihren Kindern am Abend in der Sportschau, wie die Profis das tun: Auch die treten, schreien und bedrohen Schiedsrichter. Und die braven Bürger schenken ihren Kindern dann noch zu Weihnachten für 75 Euro ein Trikot mit dem Namen dieser ›Vorbilder‹.

Dieselben Eltern klagen aber laut über die Verrohung der Sitten und machen sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder. Die Angst ist durchaus gerechtfertigt. Denn Aggression und Gewalt greifen um sich. Immer häufiger werden Polizisten, Krankenpfleger oder Feuerwehrleute grundlos angegriffen, nur weil sie helfen wollen. Alkohol und Drogen machen gerade auch in der Silvesternacht aus der feiernden Menge oft einen gefährlichen Mob.

Dramatischer Tiefpunkt war im vergangenen Sommer eine Projekt-X-Party in Haren im Norden des Landes. Tausende Jugendliche waren in das idyllische Dorf gereist und einer irrtümlich via Facebook verbreiteten Einladung gefolgt. Sie hatten nur ein Ziel: Randale. Mit Steinen, Laternenpfählen und Flaschen griffen sie die Polizei an. Der Schaden ging in die Millionen.

Alle diese Vorfälle erschrecken. Die Niederländer fordern dann immer wieder das harte Eingreifen des Staates. »Wer tut so etwas?«, fragen sie sich, fest davon überzeugt, dass ihre Kinder, Schüler, Freunde oder Nachbarn dies nie täten. Und schon gar nicht sie selbst. Es sind immer die anderen.

Dieser fatale Denkfehler ist nach dem Tod des Linienrichters Richard Nieuwenhuizen nicht mehr möglich. Nun hat das Nachdenken begonnen. Viele sehen ein, dass es nicht immer die anderen sind. Gewalt und Aggression sind schon längst salonfähig geworden, und jeder hat dazu beige­tragen.

Annette Birschel

»Der Tod ist nur ein Übergang«

27. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Der fröhliche Friedhof im nordrumänischen Sapanta ist einzigartig in Europa

Wenn der Tod die Leute von Sapanta besucht, kommt er mit einem Lächeln. Mal mit einem traurigen, mal mit einem fröhlichen, gelegentlich auch mit einem sardonischen.

Es hängt davon ab, wie sich die Bewohner des 3500-Einwohner-Dorfes zu Lebzeiten verhalten haben. Oder ob ihre Angehörigen einen doppelten Monatslohn für das Holzkreuz auf dem Cimitriul Vesel, dem fröhlichen Friedhof, aufbringen können.

Blaue Kreuze, naive Bilder, deftige Sprüche: Auf dem Friedhof im nordrumänischen Sapanta entstanden seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ­einzigartige Holzkreuze mit den Lebensgeschichten der Verstorbenen. Fotos: Steffen Giersch

Blaue Kreuze, naive Bilder, deftige Sprüche: Auf dem Friedhof im nordrumänischen Sapanta entstanden seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ­einzigartige Holzkreuze mit den Lebensgeschichten der Verstorbenen. Fotos: Steffen Giersch

Der fröhliche Friedhof von Sapanta ist die Attraktion der nordrumänischen Maramuresch, die im Herzen Europas liegt, aber in einer der entlegensten Gegenden des Kontinents. In der Maramuresch, so heißt es, messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit. Seit dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union liegt Sapanta unmittelbar an der EU-Außengrenze, die hier unüberwindbar scheint. Mitten im Ort jedoch, hinter dem hölzernen Eingangsportal zum Friedhof, tut sich eine andere Welt auf – eine fröhliche und farbenprächtige mit einem Grundton, der von Experten »Sapan­ta-Blau« genannt wird.

Rund 800 dieser blauen Holzkreuze stehen rund um die 1882 erbaute Kirche. Blau ist das Symbol für Hoffnung und Freiheit, so wie auch alle anderen Ornamente auf den Kreuzen für etwas stehen: Grün für das Leben, Gelb für Fruchtbarkeit, Rot für Leidenschaft, Schwarz für den Tod. Doch nicht die Verzierungen machen die Kreuze einzigartig in ganz Europa, sondern die Geschichten, die auf ihnen erzählt werden: mit Gedichten, die zumeist in der Ich-Form verfasst sind, und handgemalten Bildern.

Skurrile, satirische oder auch frivole Erinnerungen

Die Verse sind mit Wendungen aus der örtlichen Mundart durchsetzt, die ebenso archaisch anmuten wie die Bewohner der Maramuresch. Oft sind die Gedichte und Bilder satirisch und ironisch, skurril und frivol – zum Beispiel wenn das Doppelleben einer vorgeblich so tugendhaften Schönheit festgehalten wird: Auf der Vorderseite der Stele ist sie hochgeschlossen und züchtig zu sehen, auf der Rückseite in rotem Höschen und mit Engelsflügeln, die Arme über ihrer nackten Brust verschränkt, von Männeraugen lüstern beäugt.

Die Geschichten, die auf den Kreuzen erzählt werden, handeln von Freud und Leid, von Hoffnungen und Enttäuschungen, vom Schnaps und der bösen Schwiegermutter: »Unter diesem schweren Kreuz liegt meine selige Schwiegermutter, wenn sie noch drei weitere Tage gelebt hätte, wäre ich jetzt da unten und sie hätte das gelesen. Sie, die Sie hier vorbeiziehen, passen Sie auf, damit Sie sie nicht aufwecken, denn wenn sie wieder nach Hause kommt, wird sie mich wieder beschimpfen.« Es werden die Geschichten von Bauern und Bäuerinnen erzählt, von Förstern, Schafhirten, Wildhütern, Tierärzten, Lehrerinnen, Hausfrauen, Soldaten, Musikanten und Taugenichtsen wie einem Pferdefreund, der offensichtlich den Tag beim Pflaumenschnaps in der Schen­ke verbracht hatte: »Nur eines liebte ich mehr: am Tisch im Wirtshaus zu sitzen, neben eines anderen Weib.«

Alter Daker-Glauben und orthodoxes Christentum

Volkskundlern zufolge beruht die Tradition des fröhlichen Friedhofs auf einem Glauben, der sich von herkömmlichen Sichtweisen auf den Tod unterscheidet: der Tod als ein Moment der Freude und Vorwegnahme eines besseren Lebens. Er geht zurück auf das Volk der Daker, die einst Rumänien besiedelt hatten und 106 n. Chr. von den Römern erobert worden waren. Der Geschichtsschreiber Herodot schildert die Daker als furchtlos im Kampf und dem Tode lachend ins Auge sehend, weil sie sich darauf freuten, nach dem Tod ihrem höchsten Gott Zamolxis zu begegnen. Nach der Christianisierung Rumäniens hat sich diese Grundeinstellung gehalten, auch in den Zeiten von Faschismus und Kommunismus. »In der orthodoxen Kirche sehen wir den Tod nicht so schrecklich, wie ihn andere Kirchen sehen«, bestätigt Metropolit Serafim.

»Für uns ist er ein Übergang, der Übertritt zum wahren Leben.«
Und so wird die Tradition der fröhlichen Gräber auch nach dem Tod von Stan Ioan Patras weitergeführt, der sie Mitte der 1930er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begründet hatte: von dessen Schüler Dumitru Pop, der am Rande des Friedhofs seine Werkstatt errichtet hat. Jährlich fertigt Pop etwa 15 Kreuze an, für umgerechnet 400 bis 500 Euro, einem doppelten Monatslohn in der bitterarmen Maramuresch. Bald wird sich Pop an ein neues Kreuz machen. Er wird aus dem Leben des Mannes erzählen, der an diesem Nachmittag beerdigt worden ist, verstorben an Herzversagen, gerade einmal 43 Jahre alt.

Uwe von Seltmann

Frei und niemandem untertan

18. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Organspende: Regelmäßig werden wir mit dem Tod konfrontiert und gezwungen über ihn hinauszudenken

Das Transplantationsgesetz, das die Organspende regelt, ­betrifft uns alle. Wie wollen wir nach unserem Tod behandelt werden? Notger Slenczka beantwortet diese Frage als ­Theologe und für sich persönlich.

Die rechtliche Regelung der Entnahme von Spenderorganen wird derzeit wieder diskutiert. Die intensivmedizinischen Möglichkeiten haben dazu geführt, dass der Hirntod – der irreversible Ausfall des Gehirns und seiner Funktionen – und der Zusammenbruch der Herztätigkeit und des Kreislaufs zeitlich auseinandertreten können. Die zeitliche Lücke zwischen Hirntod und Herztod eröffnet die Möglichkeit, unbeschädigte Organe zu entnehmen und an geeignete Empfänger weiterzugeben.

»Das Leben zerbricht, aber eben dadurch geht die Tür auf, und Er steht auf der anderen Seite« Romano Guardini (1885–1968)

»Das Leben zerbricht, aber eben dadurch geht die Tür auf, und Er steht auf der anderen Seite« Romano Guardini (1885–1968)

Die Zahl der oft verzweifelt wartenden Empfänger, darunter viele Kinder, übersteigt bei Weitem die Zahl derjenigen, die sich zu Lebzeiten bereitfinden, in einem solchen Fall ihre ­Organe zur Verfügung zu stellen. Denn geltendes Recht in Deutschland ist eine »Zustimmungsregelung«: eine Organentnahme ist nur zulässig, wenn der Spender dies zu Lebzeiten ausdrücklich verfügt hat. Diese Zustimmung kann schriftlich vorliegen, kann aber auch von den nächsten ­Angehörigen bezeugt werden. Daher heißt die Regelung »erweiterte Zustimmungsregelung«. Seit Mai dieses Jahres wurde diese Regelung verändert: Beginnend mit dem 16. Lebensjahr wird jedem Krankenversicherten in regelmäßigen Abständen die Aufforderung zugeschickt, sich zu entscheiden, ob er als Spender zur Verfügung stehen will. Unverändert wird nur derjenige, der zustimmt, im Fall eines Falles als Organspender herangezogen.

Wir werden regelmäßig mit dem Tod konfrontiert und gezwungen, über ihn hinaus zu denken. Gewöhnlich verdrängen wir ihn – und werden darin durch den antiken Philosophen Epikur bestärkt: Warum fürchten wir uns eigentlich vor dem Tod?, fragt er und gibt zu bedenken: »Das schrecklichste Übel, der Tod, geht uns eigentlich nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.« Allerdings zeigt spätestens die Diskussion um das Transplantationsgesetz: Auch wenn es richtig ist, dass wir nicht mehr sein werden, wenn der Tod eingetreten ist, geht uns dennoch der Tod an. Denn jetzt, wo wir noch leben, werden wir aufgefordert, uns Gedanken darüber zu machen, was dann, nach dem Tod, mit uns sein wird.

Der Tod hat in der Tat eine schreckliche Macht. Aus fühlenden, denkenden, handelnden, sich bewegenden und behauptenden Wesen macht er uns zu kalten und starren Dingen. Ein Leichnam ist nicht zu unterscheiden vom Kadaver von Tieren, kalt wie ein Stein, starr wie ein Stück Holz im Unterschied zur Wärme und Beweglichkeit eines lebenden Körpers.
Der Tod macht uns verfügbar wie die Dinge. Wir sind ausgeliefert – nicht nur dem Verwesungsprozess, sondern dem Gutdünken der Menschen, die uns überleben. Bislang haben sie mit uns gerechnet, haben unsere Eigenständigkeit respektiert auch dann, wenn sie uns für ihre Zwecke eingesetzt haben. Und bislang konnten wir uns notfalls wehren – verbal oder durch aktiven und passiven Widerstand. Erst der Tod macht uns zu puren Dingen in der Verfügungsgewalt von anderen.

Der Tod ist auch darum schrecklich, weil es gar nicht wahr ist, dass wir nicht mehr sind, wenn er da ist. Noch vor jeder Frage nach einem wie auch immer gearteten Leben nach dem Tod gilt: Der Tod ist nicht einfach das Nichtsein. Es bleibt der Leib. Wir – als ein Ding, über das nun andere verfügen. Der Tod ist der Verlust der Selbstbestimmung. Ein Teil des Schreckens des Todes ist dies Übergehen in die Verfügung von anderen. Andere erinnern sich meiner und schreiben meine Lebensgeschichte. Andere verfügen über meinen Körper.

Wie ein Stein, wie ein Tierkadaver ist der Tote – aber nie würden wir einen toten Menschen als »Kadaver« bezeichnen. Wir umgeben den toten Körper mit Ehrfurcht. Die Störung der Totenruhe ist eine Straftat. Der Umgang mit Verstorbenen ist ein uralter Generationenvertrag. Er ist mit Riten und Tabus umgeben. Diese Riten haben auch den Sinn, uns dessen zu vergewissern, dass wir nach unserem Tod würdevoll behandelt werden: Auch unser Leichnam wird nicht einfach achtlos weggeworfen wie ein Kadaver oder verwendet wie ein Gegenstand.

Mit der Neufassung des Transplantationsgesetzes ändert sich daran nichts. Niemand verfügt gegen unseren Willen über uns. Aber es tritt mit neuer Dringlichkeit die Frage an uns heran, ob wir selbst es zulassen, dass unsere Organe für Menschen eingesetzt werden, die auf Spender­organe warten, falls es dazu kommen sollte, dass wir bei stabilem Kreislauf hirntot sind. Viele Fragen sind mit ­dieser einen Frage verbunden: Die Frage beispielsweise, ob der endgültige Ausfall des Hirns wirklich das zentrale Kriterium für den Tod ist – oder ob man warten muss, bis alle zentralen Lebensfunktionen, also auch der Kreislauf, an ein Ende gekommen sind.
Einen christlichen Vorbehalt gibt es hier nicht. Im Falle des Hirntodes verhindern nur die intensivmedizinischen Apparaturen, dass in kürzester Zeit auch der Herztod eintritt. Auch wenn man es beim Hirntod mit einem Schritt im Sterbeprozess zu tun hätte: Es ist der entscheidende Schritt, hinter den es kein Zurück mehr gibt.

Bereits in der Alten Kirche, aber auch in der Gegenwart wird zuweilen die Frage gestellt, ob nicht der Körper, weil die Christen an dessen Auferweckung glauben, darum auch unversehrt ins Grab gelegt werden muss. Einmal ganz abgesehen von der Frage, ob angesichts vom 1. Korintherbrief 15,35–44 die »Auferstehung des Leibes« wirklich die Wiederherstellung desselben physischen Körpers meint: Im Laufe unseres Lebens werden alle Körperzellen mehrfach ausgewechselt. Sie sterben ab, und neue wachsen nach. Physisch ist unser Körper am Lebensende nicht mehr derselbe wie zu Beginn – und doch kommt kein Mensch auf die Idee, dies für ein Hindernis für die »Auferstehung dieses unseres Leibes« zu halten. Auch nach einer Amputation, nach einer Blinddarmoperation oder nach einer Zahnentfernung kommt niemand auf die Idee, dass der Betroffene »nach der Auferstehung’« nicht komplett sein könnte. Nein: Die Auferstehung des Leibes ist kein Argument gegen die Organspende.

Im Tod vertrauen wir uns – zunächst einmal – der Nachwelt an in der Hoffnung, dass sie mit unserem Leib würdevoll und im Respekt vor dem, wer und was wir jetzt sind, umgeht. Und das ist die eigentliche Frage, die uns gestellt wird, wenn wir in ­Zukunft regelmäßig aufgefordert ­werden, über die Möglichkeit einer Organspende nachzudenken: Wer sind wir? Und wie wollen wir nach unserem Tod behandelt werden? Jeder kann das nur für sich beantworten – ich tue das so: Ich bin Christ. Als Christ gehöre ich zu Jesus Christus, zu dem Herrn aller Wirklichkeit. Mein Geschick nach dem Tod ist nur vordergründig in der Verfügung anderer Menschen. »Ich befehle mich, meinen Leib und meine Seele und alles in deine Hände«, spricht Luther im Morgensegen vor. Das heißt: Jetzt schon ist mein Leben getragen von Jesus Christus, der ein dienstbarer Knecht aller wurde und allen zur Verfügung stand. Wie er, so bin auch ich und ist jeder Christ »ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan«.

Kein Christ sollte sich gegen Gefühl und Gewissen selbst nötigen oder gar genötigt werden, als Spender zur Verfügung zu stehen. Es gibt auch hier keinen (un)heiligen Zwang. Ich selbst aber sage mir in aller Freiheit, dass ich gerade als Herr »ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan« bin (Luther: »Von der Freiheit eines Christenmenschen«). Daher stelle ich mich zur Verfügung und habe schon seit langem einen Organspendeausweis.

Notger Slenczka

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

Kinder begegnen dem Tod

12. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Angebote für einen kindgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Ich sehe die Szene immer noch deutlich vor mir: Eines unserer Kinder, damals knapp vier Jahre alt, steht am Fenster: Auf dem Weg vor unserem Pfarrhaus bewegt sich ein Trauerzug langsam in Richtung Kirche. »Da läuft Papa«, ruft die Kleine mir zu. »Ja«, sage ich, »er geht mit der Familie von Herrn X in die Kirche zur Trauerfeier.«

»Mama«, tönt es, »also, du hast doch gesagt, dass im Sarg nur die Hülle vom Menschen liegt. Und die wird dann begrabt. Und dann hast du gesagt, dass das Wichtigste von mir, also dass ich ICH bin, nicht begrabt wird, sondern zu Gott geht und lebt.«

»Du meinst die Seele?« – »Ja, die Seele. Also Mama, wann genau geht denn die Seele aus dem Menschen? Wenn er stirbt, wenn er in den Sarg ­gelegt wird oder wenn er in das Grab kommt?« – Da stehe ich nun: Pfarrerin und Mutter und sprachlos … »Da kann ich dir leider gar nicht so leicht eine Antwort geben«, stammele ich. »Vielleicht müssen wir beide gemeinsam mal ganz in Ruhe darüber nachdenken.« Eine druckreife Antwort gibt es bis heute nicht – viele kleine Antworten sind es geworden und viele neue Fragen. Am Wichtigsten aber ist uns, dass wir gemeinsam sprechen und nachdenken – immer wieder neu.

»Wenn dein Kind dich fragt …«, dieser Auftrag aus den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens stellt sich den Eltern und allen, die mit Kindern zu tun haben, immer wieder im Blick auf den Umgang mit dem Thema »Sterben, Tod und Trauer«.

Es ist wichtig, auf die Fragen der Kinder sensibel zu hören, diese Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam Antworten zu suchen. Zum anderen können Erwachsene solche Fragen dem Kind gegenüber artikulieren, bevor es mit dem Tod direkt konfrontiert wird. Oft ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch: Ein Kind findet auf dem Spaziergang einen toten Vogel. Das Meerschweinchen stirbt nach Jahren intensiven Streichelns. Ein Brief mit einem schwarzen Rand um das Kuvert liegt im Briefkasten …

Ein wichtiges Medium sind Bilder- und Kinderbücher zum Thema »Sterben – Tod und Trauer«. Auf diesem Sektor hält der Buchmarkt allein in Deutschland derzeit mehr als 100 Titel bereit. Leider werden Bücher zum Thema Tod und Sterben Kindern viel zu selten zur Verfügung gestellt.

Kinder- und/oder Bilderbücher sind gut geeignet für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie vermitteln Informationen und bieten Anlass für Gespräche. Weil es leichter ist, über die Figuren des Buches zu sprechen, ermöglichen sie Distanz.

Bei der Lektüre erfährt der Leser Solidarisierung, denn so wie ihm, geht es auch anderen. Die Gefühle des Betrachters werden verbalisiert (»Schau, wie traurig der jetzt aussieht!«). Die Bücher helfen bei der Verarbeitung von eigener Trauer. »Ich musste in den letzten Tagen so viel entscheiden, was die Trauerfeier für meinen Mann angeht, dass ich gar nicht zu meiner eigenen Trauer komme – ich funktioniere nur!«, sagt eine Frau. In dieser Situation habe ihr ein Kinderbuch gut getan. »Ich konnte erst mal richtig weinen«, erzählt sie.

Welches Buch ist geeignet? Bevor eine Publikation zu diesem Thema in die Hand eines Kindes kommt, sollte es von einer Bezugsperson selbst gelesen werden. »Wie wirkt dieses Buch auf mich? Wie ist die Sprache, wie sind die Bilder und in welchen Farben gewählt? Illustrieren sie den Text oder vermitteln sie Wissen? Für welches ­Alter ist es geschrieben?

Neben solchen »allgemeinen« Fragen sollten dann die inhaltlichen ­stehen. Zum Beispiel: Welche Fragen werden beantwortet? Wird der Tod in der Spannung zwischen Verneinung und Bejahung thematisiert? Ist das Buch für die Frage nach Gott offen? Wird die Beziehung Gottes zum Menschen als eine über den Tod hinausreichende beschrieben? Ist das angedeutete oder formulierte Gottesbild vertretbar?

Als Christen haben wir die großartige Möglichkeit, den Tod vom Leben aus zu sehen und uns immer wieder zu vergewissern: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« (1. Korinther 15, 55a) Wir sind es den Kindern schuldig, das Thema nicht »totzuschweigen«, sondern »lebendig zu ­reden«.

Ulrike Spengler

Die Autorin ist promovierte Theologin und wohnt in Bad Berka bei Weimar.