Mit Mose durch die Wüste
3. September 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Comments Off
Theater: In Dresden wurde Marlene Röders »Zebraland« als Theaterstück uraufgeführt
In Dresden wird gezeigt, wie die großen Themen von Schuld und Vergebung auch für Jugendliche höchst ansprechend auf die Bühne gebracht werden können.

In der Sackgasse ihrer Verstrickungen: Das junge Ensemble des Dresdner tjg nimmt die Zuschauer überzeugend in die Welt gegensätzlicher Empfindungen mit. (Foto: Klaus Gigga/tjg)
»Wir sind Spieler«, so das Motto der neuen Saison des Dresdner theaters junge generation, kurz tjg. »Wir sind Spieler«, das heißt auch, wir sind Menschen auf der Suche nach den Regeln für unsere Spiele, bei denen es Verlierer gibt, unfaires Verhalten, Regelverletzungen und schlimmstenfalls irreparables, schuldhaftes Versagen.
Von Letzterem handelt das mit dem Evangelischen Buchpreis in diesem Jahr ausgezeichnete Jugendbuch der jungen Gießener Autorin Marlene Röder. Ihr gelinge es »hervorragend«, »die Themen Schuld, Verantwortung, Freundschaft und Befreiung mit biblischen Themen in Verbindung zu bringen«, sodass die »Geschichte des Exodus, der Zehn Gebote und Babylons in der Erlebniswelt von Jugendlichen zur Sprache gebracht« wird und dabei »ein Buch über die befreiende Kraft der Freundschaft und der Musik entstanden« sei, so die Begründung.
Was hier ein wenig theoretisch klingt wird in der gut einstündigen Aufführung der Mitglieder des Theaterjugendclubs am tjg höchst sensibel, fantasievoll, vor allem glaubhaft in ein Theatererlebnis verwandelt, das am Ende stürmisch gefeiert wird. Spannend wie in einem Krimi verstricken sich vier junge Leute immer stärker in lähmende und zermürbende Situationen aus Misstrauen, Verrat, Eifersucht und Aggression, die sie selbst durch schuldhaftes Verhalten herbeigeführt haben. Nicht irgendeine Schuld, einen Mord haben die vier jungen Menschen zu verantworten. Auf der Heimfahrt von einem Konzert haben sie eine Mitschülerin überfahren und sind abgehauen.
Und wie in einem Krimi gibt es einen Mitwisser. Er nennt sich Mose und schickt Erpresserbriefe, die von den Jugendlichen existenzielle Opfer fordern, was letztlich aber aus der tödlichen Sackgasse ihrer Verstrickungen führt und auf jenen Weg bringt, auf dem sie finden könnten, wonach sie sich sehnen: »die friedliche Lichtung«, auf der es wieder hell wird. Es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen, ob sie zusammen mit den wunderbaren Dresdner jungen Lebensspielern ihr »Zebraland« finden – nicht schwarz oder weiß, sondern schwarz und weiß.
Katja Heiser hat die Theaterfassung geschaffen und führt auch Regie. Sie führt die acht Spielerinnen und Spieler auf kleinstem Raum in die Weite gegensätzlicher Empfindungen oder in beklemmende, angstvolle Situationen am Rande von Abgründen. Durch geschickte Stilisierung und choreografische Ansätze, Musikalisierungen und den Verzicht auf so gut wie jede Art von Naturalismen gibt sie dem Spiel Begrenzungen, innerhalb derer sie den Darstellerinnen und Darstellern die Freiheiten ermöglicht, sich dem eigenen Empfinden für fremde Zuschauer nachvollziehbar zu stellen.
So wird auch der Wechsel der Schauplätze und Perspektiven nicht zum Problem. Die Verbindung unterschiedlicher Handlungsstränge wirkt am Ende wie jenes Netz, in dem sich die Protagonisten zum einen verhängnisvoll verfangen haben, das sie zum anderen aber auch vor dem völligen Absturz bewahrt und dessen Knotenpunkte zu Wendepunkten werden können. Der entscheidende Wendepunkt in diesem Stück um Schuld und Vergebung ist jener, an dem die Schuldigen aufhören sich als Opfer zu sehen.
Am Ende ist ein Theaterabend gelungen, der höchst moralische Fragen stellt und dennoch an keiner Stelle moralisiert. Es geht ums Ganze, es geht wahrhaft ernst zur Sache, aber weder der Humor noch die Details jugendlicher Spielfreude kommen zu kurz. Und so hat ganz nebenbei das Theater mal wieder die Nase ganz weit vorn, wenn es darum geht, zu zeigen wie ernsthaft Jugendliche spielend bei der Sache sein können, wenn man sie nur ernst nimmt, was für die Bühne und den Zuschauerraum gilt.
Theaterland ist Zebraland. Ein Besuch lohnt, ganz bestimmt auch für die Konfirmandengruppe.
Boris Michael Gruhl
