Der Held auf der »Titanic«

17. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein bayerischer Benediktiner verzichtete auf den Platz im Rettungsboot

Es geschah in der Nacht zum 15. April 1912. Ein tückischer Eisberg schlitzte die »Titanic«, als Wunder moderner Technik und »unsinkbare« Königin der Meere weltweit bestaunt und gefeiert, während ihrer Jungfernfahrt unterhalb der Wasserlinie auf. In einem dreistündigen Drama sank das Riesenschiff in der sternklaren Nacht. Nur 711 von 2201 Passagieren und Besatzungsmitgliedern überlebten. »Titanic« heißt auch der teuerste Film aller Zeiten, der die Katastrophe natürlich mit einer Love Story zwischen einer behüteten Oberschichtgöre und einem halbverhungerten Kunstmaler kombiniert.

Pater Joseph ­Peruschitz Foto: Archiv

Pater Joseph ­Peruschitz Foto: Archiv

Eine andere Liebesgeschichte, weit dramatischer und möglicherweise sogar spannender, fehlt in James Camerons Kino-Epos, und dabei wäre es eine wahre Story gewesen: die Geschichte von dem bayerischen Benediktinerpater Joseph Peruschitz. Gemeinsam mit einem englischen Geistlichen namens Thomas Byles verzichtete er auf einen Platz in den überfüllten Rettungsbooten, um die verzweifelten Menschen zu trösten und mit ihnen zu beten, während das sicherste Schiff der Welt Zentimeter um Zentimeter unter die Wasserfläche sank. Der einundvierzigjährige Priester sollte im US-Bundesstaat Minnesota ein katholisches Gymnasium aufbauen und leiten.
Joseph Benedikt Peruschitz war 1871 geboren. 1895 zum Priester geweiht, unterrichtete er die Internatsschüler der Benediktinerabtei Scheyern in Mathematik, Musik und Turnen. Für 155 Goldmark hat Peruschitz seine Schiffspassage für die erste Fahrt der »Titanic« über den Atlantik gebucht – bescheiden in der Dritten Klasse, wie es sich für einen Ordensmann gehört. Als das Riesenschiff am 8. April 1912 startet, rechnet keiner der Passagiere mit einer Gefahr.
Am 14. April kurz vor Mitternacht herrscht in den Bars auf dem Luxusdeck noch Hochbetrieb, elegante Menschen feiern, flirten, betrachten den grenzenlosen Sternenhimmel – während unten im Maschinenraum bereits die Wassermassen hereinströmen. Als die Passagiere die Katastrophe wahrnehmen, bricht Panik aus. Die Mannschaft versucht Ordnung in das Chaos zu bringen, verteilt die – viel zu wenigen – Schwimmwesten, dirigiert Frauen und Kinder in die ebenfalls nicht ausreichenden Rettungsboote.
Auch dem jungen Priester aus ­Bayern wird respektvoll ein Platz angeboten. »Doch hat er es abgelehnt«, berichtet ein Überlebender, »und dafür seinen Sitz einem anderen Mitreisenden überlassen. Als katholischer Priester blieb er auf dem sinkenden Schiff. Mit erhobenem Sterbekreuz eilte er von Kabine zu Kabine, segnete und tröstete. Fast alle Passagiere lagen auf den Knien, flehten und beteten. Als die Bordkapelle den Choral »Näher, mein Gott, zu dir« intonierte, ging auch Pater Peruschitz zusammen mit den anderen Todgeweihten unter.
Die elektrischen Lichter des Luxusschiffes seien bereits erloschen gewesen, gab die Überlebende Agnes Mac Coy in der New Yorker Zeitschrift »America« zu Protokoll, »so dass man nichts mehr sehen konnte, aber man hörte weder Jammergeschrei noch Schreckensrufe. Nur die friedvollen Stimmen des Gebets klangen herüber, als das Schiff in den Wellen verschwand.«
In den rund dreitausend Büchern über den Untergang der »Titanic« fehlt das Schicksal des bayerischen Ordenspriesters; lediglich sein englischer Mitbruder Byles findet Erwähnung, ganz selten. An Pater Peruschitz erinnert nur eine bescheidene, unter den vielen anderen Marmortafeln kaum auffallende Gedenkplatte im Kreuzgang des Klosters Scheyern. In Frieden möge Josephus Peruschitz ruhen, ist darauf gemeißelt, »qui in nave ista Titanica die 15. IV. 1912 pie so devovit«, der auf jenem Schiff »Titanic« fromm sein Leben hingab.
Christian Feldmann