Jesus befreit – das ist das Wunderbare

2. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Vorgestellt: Rüdiger Borchardt – das 85-jährige Urgestein der Thüringer Suchtkrankenarbeit ist bis heute im Einsatz für Alkoholkranke

Das aktuelle »Jahrbuch Sucht« hat es gerade wieder gezeigt: Alkohol ist und bleibt die Droge Nummer 1 in Deutschland (siehe unten). Einer, der seit Jahrzehnten um die Probleme und um Wege der Hilfe weiß, ist Rüdiger Borchardt.

Ende März wurde die kleine Tamina geboren. Sie ist sein sechstes Urenkelchen. Liebevoll betrachtet Rüdiger Borchardt, der in seinem Leben unzählige Alkoholiker betreute, das Foto der neuen Erdenbürgerin. »Wir sind dankbar, dass du uns ein Wegweiser auf unserem Glaubensweg bist«, ist auf einer Osterkarte von Christine und Michael aus Chemnitz zu lesen. »Na – das ist doch schön«, meint der 85-Jährige und zeigt auf seine Schätze: eine deutlich abgegriffene Bibel im Ledereinband, ein Büchlein mit Losungen und Bibelversen und sein Gebetsbuch. »Hier stehen alle drin, für die ich täglich bete.«

Die Hände zu falten ist für ihn ungeheuer wichtig. »Wir denken immer, wir können alles, dabei sind wir arme Sünder«, sagt er. Das Foto eines in Paraguay tätigen Freundes fällt ihm in die Hände. »Für die Mission bete ich auch. Bei uns zu Hause wurde viel gebetet.« Mit sieben Jahren hat er bereits in der heimischen Küche gepredigt. »Ich bin auf eine Fußbank geklettert und los ging es.« Zeit seines bewegten Lebens war ihm das Predigen immer ungeheuer wichtig. »Ich bin dankbar, dass ich mithelfen durfte, die Frohe Botschaft weiterzugeben«, meint er schlicht.

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Sein Lieblingsspruch steht im Römerbrief und lautet: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.« – »Darauf habe ich mich mein ganzes Leben verlassen«, sagt er. »Jedes Mal, wenn ein Alkoholiker zu mir kam, wusste ich vorher nicht, was ich ihm sagen sollte – Gott hat mir immer die rechten Worte geschenkt.«
In der englischen Kriegsgefangenschaft fand der im westpommerschen Treptow an der Rega, heute Trzebiatów, als Sohn eines Bäckermeisters geborene Rüdiger Borchardt zum Glauben. Dort lernte er als 17-Jähriger gläubige Männer kennen, die Andachten hielten. Er schloss sich ihnen an und begann, für seine Mutter zu beten. Gott erhörte ihn – die Mutter war am Leben. Über das Rote Kreuz fand er zu ihr nach Königsee. Es dauerte nicht lange, bis er dort in der Jungen Gemeinde mitarbeitete.

Anfang der 1950er Jahre zog es Rüdiger Borchardt in den Westen. In Heidenheim engagierte er sich in der christlichen Jugendarbeit und leitete seine erste Freizeit. Schon frühzeitig entschloss sich Rüdiger Borchardt, enthaltsam zu leben. Als in Heidenheim ein Blaukreuzverein gegründet wurde, stand für ihn sofort fest, darin mitzuarbeiten.

Wieder zurück im thüringischen Königsee lag der Schritt, Alkoholiker zu Hause zu besuchen, nahe. Das war der Beginn einer lebenslangen Aufgabe. Als Mitglied der in der ehemaligen DDR existierenden Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtkrankheiten (AGAS) setzte er in Jena seine Tätigkeit in der Trinkerrettungsarbeit fort. Dort war er im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen über zehn Jahre Landesbeauftragter für Suchtgefahren. Seine »Klienten« fand er in allen Bevölkerungsgruppen. Ob Ärzte, Parteisekretäre, einfache Arbeiter oder Lehrer – Rüdiger Borchardt schickte nie jemanden weg. »Selbst wenn Honecker gekommen wäre, hätte ich geholfen«, sagt er rückblickend. Dieter Nix fand er in Jena auf einer Müllkippe. Bis heute gehört er jährlich zu den ersten Geburtstagsgratulanten.

Viele Menschen hätten die Mitarbeiter der AGAS darum beneidet, dass gerade in dieser Organisation so viele Trinker dem Alkohol entsagten. »Eine Kur wurde nicht gebraucht – allein der Glaube an Jesus Christus zählte«, so Borchardt. Bei den ersten Gesprächen behaupteten die meisten von sich, nicht abhängig zu sein. Rüdiger Borchardt öffnete ihnen trotzdem die Tür, bat sie mit einem freundlichen »wir werden sehen« herein. Im Laufe des Gespräches begannen den Betroffenen dann die Hände zu zittern. Eine große Tasse mit Kaffee half.

»Viele waren von diesem Angenommensein überwältigt«, erinnert sich Borchardt. Und fügt hinzu: »Es gibt keine hoffnungslosen Alkoholiker – Jesus kann helfen.« Das war zudem die Aufschrift eines Stempels – »unserem Traktat«, wie Borchardt erzählt. Er zierte zu DDR-Zeiten viele Briefe und wurde nicht verboten. »Viele Abhängige haben die Liebe Gottes erfahren, sind zur Beichte gegangen und haben danach ihr Leben geordnet.«

Ein Oberarzt der Jenaer Universitätsklinik hatte in den 70er Jahren einmal zu ihm gesagt: »Alle meine Patienten gehören zu Ihnen, nicht zu mir.« Daran erinnert sich Borchardt immer wieder gern. Alkoholiker sind für ihn Perlen, die ihren Glanz verloren haben. Durch die Liebe Gottes leuchten jetzt viele wieder, sagt er, als wäre es die leichteste Sache der Welt.

Als die Familie im Mai 1989 nach Steinbach-Hallenberg übersiedelte, lagen neun Jahren im mecklenburgischen Linstow hinter ihr. Dort wohnten sie gemeinsam mit zwölf alkoholabhängigen Männern in einem ehemaligen Pfarrhaus. In Steinbach-Hallenberg suchte man seinerzeit einen Mitarbeiter im Suchtbereich. Rüdiger Borchardt war der Richtige. Kaum in der Kleinstadt angekommen, rief er hier eine Blaukreuzgruppe ins Leben.

»Bei Gott gibt es immer einen Ausweg – Jesus befreit, das ist das Wunderbare«, sagt der Mann, dessen Haar längst weiß geworden ist. Trotzdem strahlt er eine große Ruhe und Zufriedenheit aus. »Ich könnte auch Trübsal blasen, das liegt mir aber nicht, weil ich immer wieder neu sehe, wie Gott am Wirken ist«, sagt der tiefgläubige Christ und lächelt. In seinem Leben gebe es keine Zeit, an die er sich nicht gerne erinnere. Besonders froh ist er, erleben zu können, wie die von ihm begonnene Arbeit heute von vielen wertvollen Menschen fortgeführt werde. Seinen Weg mit Jesus gegangen zu sein, hat er nie bereut. Auch auf seine vier Kinder konnte er das übertragen. Und so ist Rüdiger Borchardt dankbar für die zurückliegende Zeit, für seine Familie, seine Kinder, seine Enkel und Urenkel.

Annett Recknagel

Am 4. Mai, Saalfeld, Treffen des Landesverbandes »Blaues Kreuz« Thüringen