Einer wie nur wenige

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Biografie: Der evangelische Pfarrer Christoph Wonneberger hat maßgeblich den Boden für die friedliche Revolution 1989 bereitet

Die Revolution vergisst oft ihre Väter, nicht alle, aber einen auf jeden Fall – Christoph Wonneberger, Jahrgang 1944. Seine Biografie hat Thomas Mayer geschrieben.

Vergessen ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn ein gar nicht so kleiner Kreis von Freunden und Weggefährten vermag sich kaum vorzustellen, dass irgendjemand ihn – »Wonni« – nicht kennt. Wo er doch an so vielen Aktionen beteiligt war und manche erst angeregt und praktisch durchgesetzt hatte. Die Forderung nach einem Wehrersatzdienst als »Sozialen Friedensdienst« (SoFd) war weit mehr als eine die Armee betreffende freche Idee, stellte sie doch die Ermächtigungsgewalt des Staates über seine Bürger an einem brisanten Punkt infrage. Eine neue Biografie von Thomas Mayer erzählt das spannende Leben – zum Beispiel wie Christoph Wonneberger bei der Diskussion über den Wortlaut der Erklärung zum SoFd noch den Satz hineinschreiben wollte, dass die DDR nicht verteidigungswürdig sei. Sein Anteil an den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen wird im Buch ausführlich beschrieben. Seine ideenreiche Handlungsfrechheit zeigt sich immer wieder im Detail: So stieg er beispielsweise einmal ausgerechnet bei den sowjetischen Truppen über den Zaun, um sich ein Stück Stacheldraht zu besorgen, das er dem Gekreuzigten in der Kirche zu Ostern um den Hals legen wollte. Symbolisches und praktisch aufklärerisches Handeln finden bei ihm in ungewöhnlicher Symbiose zusammen.

Wie kommt Geschichte in die Köpfe?

Dennoch fehlt den meisten ehemaligen DDR-Bürgern (und der jüngeren Generation sowieso) jede Erinnerung an Christoph Wonneberger. Wie kommen Geschichten in die Köpfe von Menschen, und wie werden sie dort zu erinnerter Geschichte? Zum Beispiel durch eine nah am Menschen erzählte Ereigniskette wie in diesem Buch. Geschichte wird ja nie als Gesamtheit wahrgenommen, sondern in lauter einzelnen Partikeln, Ereignisstücken, die sich mit dem schon Gekannten zum Verstehbaren, Nachfühlbaren verknüpfen. Dazu helfen eigentlich nur Biografien: als Knotenpunkte, in denen die Großkonflikte sich mit dem menschlichen Handeln Einzelner berühren.

Diese Biografie macht neugierig auf den Menschen Christoph Wonneberger, der durch sein Handeln den Geschichtsverlauf aktiv mitgestaltete. Der hier Porträtierte suchte vielfältige Kontakte, die nicht jeder DDR-Bürger zu den seinen zählen konnte – vor allem nach Polen und der Tschechoslowakei. Zum Beispiel fotografierte er 1968 in Prag sowjetische Panzer und schmuggelte Flugblätter über die Grenze. Das Strafmaß für Wonnebergers politische Aktionen in seinem DDR-Leben hätte nach den politischen Paragrafen des Staates wohl mehr als lebenslänglich ergeben, wäre er gefasst worden. Seine Kühnheit verwandelte sich manchmal zur Tollkühnheit: Als Student in Rostock stahl er zum Beispiel eine Antenne vom Dach einer staatlichen Einrichtung, um besser Westrundfunk hören zu können.

Diese Art der »Kleinkriminalität« berührt durchaus politisches Protesthandeln. Für Wonneberger hatte der Antennenklau Folgen: Die Staatssicherheit baute aufwendig und perfide ein Druckszenario gegen ihn auf, um ihn anzuwerben. Und Wonneberger unterschreibt – die kurze IM-Geschichte wird im Buch genau beschrieben, und es zeigt sich, dass wir es eigentlich mit der Geschichte einer verweigerten Kooperation zu tun haben. Wonnebergers Ausstieg aus der erpressten Zusammenarbeit ist offensiv und tollkühn – er lehnt nicht nur weitere Gespräche für sich, sondern solche zwischen SED-Staat und Kirche generell ab. Und beruft sich auf den Westberliner Bischof Kurt Scharf. An dieser Stelle waren die Rostocker Genossen offenbar nicht genau informiert, sie hätten das als Ankündigung staatsfeindlicher Tätigkeit mit mehr als der künftigen Überwachung Christoph Wonnebergers ahnden können.

Natürlich war die DDR auch ein Überwachungsstaat, aber noch mehr einer, in dem die Stasi jedes staatliche Organ für seine Zersetzungsmaßnahmen nutzen, jede gesellschaftliche Informationsquelle anzapfen und damit missbrauchen konnte. So wurde Wonneberger in die Universität eingeladen – und die Stasi saß da. Zahlreiche Informanten werden später auf ihn angesetzt – mit teilweise perfiden Plänen, sich in das Vertrauen der Familie einzuschleichen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, solche MfS-Akten zusammenhängend auswerten zu können, um nicht auf isoliert dargebotene Seiten hereinzufallen.

Als Bürgerrechtler im Spätherbst 1989 in den Stasi-Objekten Akten sichern wollten, sollen Seiten der Wonneberger-Akte schon bereitgelegen haben, mehrfach kopiert. Eigens hingelegt für die Besetzer? Damit sich die Zersetzungsmaßnahmen auch nach dem absehbaren Ende der Stasi durch bruchstückhafte Informationsübermittlung fortsetzen? Lücken lassen Raum für Zweifel.

Egal, was man tut, Gewalt verändert den Menschen

Als Wonneberger seine Geschichte vor einer größeren Öffentlichkeit hätte reflektieren können, traf ihn seine tragische Erkrankung. Er hatte wortwörtlich seine Sprache verloren. Und jeder schämt sich wohl auch der eigenen Angst, selbst dann, wenn er sie überwinden konnte. Das ist Wonneberger sehr schnell nach seiner fatalen Unterschrift gelungen: die Angst zu überwinden.

Sein rascher und konsequenter Ausstieg zeigt über die einzelne Lebensgeschichte hinaus, was in der DDR an Widerstand möglich war. Wonnebergers Weggefährte, wie er evangelischer Pfarrer und heutiger Landesbeauftragter in Thüringen, Christian Dietrich, wies mich noch auf einen besonderen Zusammenhang hin: Aus dem Bewusstsein, im Vorhof möglicher Schuld gestanden zu haben, kann eine Quelle größerer Radikalitätsbereitschaft werden. Ein Zitat von Dietrich scheint mir sehr erhellend: »In meinen Erinnerungen an Christoph Wonneberger vor seinem Schlaganfall ist er risikofreudig – Bedenkenträger belächelnd und ignorierend – als hätte er gerade bei ihnen eine Rechnung offen und zugleich mit einer fast mystischen Weisheit, um die eigenen Grenzen wissend […] Für mich ist der Anfang seiner Rede im Friedensgebet am 25. 9. 89 dafür ein Schlüsseltext: Egal was man tut, Gewalt verändert den Menschen. Offenbar kannte er die Verletzung der eigenen Integrität, ja, des Ich-Verlustes durch Gewalt. Wie kommt man in der allgemeinen Finsternis ans Licht? Für Christoph Wonneberger waren es kleine, aber außergewöhnlich bewegende Gesten, gepaart mit Ironie, manchmal aber auch Beharrlichkeit und Über-Mut.«

Die jahrelange Vorarbeit wird kaum beachtet

Die Geschichte erscheint vielen als ein Netz, das über ihnen gestrickt wird – zu hoch, um es zu erreichen. Am 25. September 1989 geschah der Sprung nach oben – in die Öffentlichkeit außerhalb von Kirchen- oder Wohnungsmauern. Das Netz zerriss: Tausende gingen nach einer furiosen Predigt Christoph Wonnebergers auf die Straße und sahen sich plötzlich als Akteure. Vielleicht war das die schönste Zeit, nicht mehr einzeln zu sein und doch noch nicht in der Masse aufzugehen – die Zeit der entstehenden Großdemonstrationen wie auch am 7. Oktober 1989 in Plauen, als sich auf einmal ohne jahrelange Vorarbeit eine Massendemonstration mit über 10 000 Menschen selbstbewusst dem Rathaus näherte.

Christoph Wonneberger hat nicht nur diese furiose Rede gehalten. Er hat mit und neben anderen Bürgerrechtlern und Menschen, die erst in jenen Tagen zu solchen wurden, eine praktische, protestorganisierende Arbeit geleistet. Bei allem Befeiern der friedlichen Revolution gerät diese jahrelange Vorarbeit zu kurz. Aber ohne die Friedensgebete wäre die spezifische Protestkultur Leipziger Art schwer möglich gewesen.

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Noch vor dem entscheidenden 9. Oktober 1989 verfasste er mit anderen Vertretern der unabhängigen Gruppen einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit, der als Flugblatt bei der Demonstration tausendfach verteilt worden ist. Und nicht nur das – der Aufruf erschien am 9. Oktober in der Westberliner »taz«.

Und nicht erst hier kamen westdeutsche Medien ins Spiel, die oft in West-Berlin ansässig waren und manchmal mit Redakteuren arbeiteten, die selbst aus der Bürgerrechtszene stammten. Wie oft wurde die taz-Meldung am 9. Oktober 1989 zitiert? Ich kann mich erinnern, sie im Rundfunk gehört zu haben. Wie viele Leipziger haben sie im RIAS oder im Deutschlandfunk vernommen?

Am 9. Oktober 1989 schmuggelten zwei Berliner Bürgerrechtler die Filmaufnahmen von der wichtigsten Demonstration in der Geschichte der DDR zu den Westmedien – ein spannender und riskanter Vorgang, der so erfolgreich endete wie die Montagsdemo: mit der Ausstrahlung der historischen Aufnahmen in den Tagesthemen.

Ein Telefoninterview als kleine Sensation

Und Christoph Wonneberger gab live ein Telefoninterview, mehr war technisch noch nicht drin. Er gab an jenem Abend den Demonstranten von Leipzig eine Stimme und ein Gesicht, wenn es auch nur per Foto eingeblendet werden konnte. Er hat nichts Sensationelles gesagt, aber diese Nachrichten selbst waren eine Sensation. Jeder wusste nun: Nichts im Staate DDR würde mehr sein wie vorher – auch wenn die meisten damals noch nicht zu glauben wagten, dass nur ein Jahr später gar kein DDR-Staat mehr existieren würde.

Lutz Rathenow
Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Für Sie gelesen: Wegbereiter der Wende

25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung Thomas Mayer zeichnete »18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig«, die maßgeblich zum Erfolg der Friedlichen Revolution beigetragen haben.

eva_cover_9783374027125Er bezeichnet sie als »eher stille Helden, die mutig, jede, jeder auf seine Weise dazu beigetragen haben, dass im Herbst 1989 die SED-Diktatur ihr Ende fand«.

Nicht zu Unrecht steht an erster Stelle der Beitrag über den sächsischen Pfarrer Christoph Wonneberger: Auf seine Initiative hin sind die Friedensgebete ins Leben gerufen worden. Außerdem gründete er 1987 die kirchliche ­Arbeitsgruppe Menschenrechte, »was für damalige Zeiten auch ein mutiges Novum darstellte« schreibt Mayer und erwähnt die damit verbundenen Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen.

Auch die anderen im Buch vorgestellten Helden engagierten sich fast allesamt vor 1989 in Menschenrechts-, Friedens- oder Umweltgruppen und trugen zum erfolgreichen Gelingen der Friedlichen Revolution bei: so u. a. Jochen Läßig, der das Straßenmusikfestival organisierte, Gisela Kallenbach, eine engagierte Umweltschützerin, Thomas Rudolph, der heute im Leipziger Osten als Sozialarbeiter wirkt, Edgar Dusdal, einer der sieben Sprecher des Neuen Forums, der Theologe Friedel Fischer, der es ­bedauert, dass die Bürgerrechtler nach 1989 kein Programm hatten, »um den schnell die Szene bestimmenden (West)-Parteien etwas entgegensetzen zu können«.

In seinem Vorwort würdigt Michael Beleites, der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, diese Menschen wegen ihrer Zivilcourage, »die spontan und beherzt gehandelt haben« und zitiert den Naturschützer Reimar Gilsenbach, der angesichts der 1989er Revolution sagte: »Um in Umbruchsituationen überlebensfähig zu sein, braucht jede Population fünf Prozent Unangepasste.« Ein paar dieser unangepassten und engagierten »Helden der Friedlichen Revolution« hat Thomas Mayer dankenswerterweise noch einmal zu Wort kommen lassen.
Matthias Caffier

Mayer, Thomas: Helden der Friedlichen Revolution. 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt 2009, 160 S., ISBN 978-3-374-02712-5, 12,80 Euro