Das geht unter die Haut

30. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Im Tattoostudio sind auch spirituelle und christliche Motive gefragt

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

In den Glasvitrinen sind Totenkopf-Modelle ausgestellt, die Wände mit Flammenmustern bemalt, aus Lautsprechern tönt harte Rockmusik. »Palatine Tattoo« im pfälzischen Pirmasens ist ein Tätowierstudio. Betrieben wird es von Jens Neumann und seiner Frau Ute. Der gebürtige Dortmunder passt ins Bild: lange Haare, Kinnbart und Tätowierungen auf den Armen. Längst sind Tätowierungen – neudeutsch: Tattoos – kein exklusiver Körperschmuck mehr für Seeleute, Rockmusiker oder ehemalige Häftlinge. Knapp zehn Prozent aller Deutschen haben Schätzungen zufolge ein oder mehrere Tattoos, darunter auch viele Prominente: Bettina Wulff, Lena Meyer-Landrut oder Fußballer wie ­Jerome Boateng und Marcell Jansen. Spirituelle Motive sind beliebt.

Bei »Palatine Tattoo« sprechen Neumann und seine Kolleginnen zunächst ausführlich mit den Kunden über Motivauswahl und -gestaltung sowie die Körperstelle, auf die das Tattoo gestochen werden soll. »Aber ab einem gewissen Punkt bin ich als ­Tätowierer natürlich Dienstleister und steche dem Kunden fast alles, was er will«, sagt Neumann. Ausnahmen sind verbotene Symbole und Texte.

Gefragte Motive seien Engel, Dämonen oder auch Totenköpfe, erzählt Neumann. Er schätzt, dass ungefähr 80 Prozent aller Tätowierungen spirituell motiviert sind. »Die Totenköpfe symbolisieren für mich die Vergänglichkeit allen Seins, also auch meine eigene«, sagt der Wahl-Pfälzer, der neun davon als Tattoo auf dem linken Arm trägt. Er ist Protestant, doch das schließt für ihn nicht aus, sich auch der Symbolik heidnischer Religionen zu bedienen. Die Zahl Neun habe er aufgrund der keltischen Mythologie gewählt, wo sie als Potenz der göttlichen Zahl drei einen Absolutheits­charakter habe, sagt er.

Die Praxis des Tätowierens ist aber viel älter als die Mythologie der Kelten. Auch an der etwa 5000 Jahre alten Mumie des Mannes vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen, besser bekannt als Ötzi, wurden Tätowierungen festgestellt. Die frühesten schriftlichen Belege für Tätowierungen finden sich in der Bibel. Dort wurde diese Art von Körperkult verboten. »Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einätzen«, heißt es etwa im Buch Levitikus (Levitikus 19,28).

Ursprünglich waren Tätowierungen bei den Israeliten in Anlehnung an den kanaanäischen Baalkult und seine Trauerrituale üblich, berichtet der Münsteraner Alttestamentler Rainer Albertz. Über Jahrhunderte hätten die Israeliten die Tradition des Tätowierens unreflektiert ausgeübt. Ein Wandel habe erst durch die prophetische Sozial- und Kultkritik des achten vorchristlichen Jahrhunderts eingesetzt. Papst Hadrian I. habe schließlich um 700 nach Christus jegliche Art von Tätowierungen verboten.

Jens Neumann kennt die einschlägigen Bibelstellen zum Tätowier-Verbot. »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?« (1. Korinther 6,19), schreibt Paulus im ersten Korintherbrief. Doch gerade mit diesem Vers lasse sich das Tätowieren auch befürworten, sagt Neumann. Denn die Frage sei, ob man den Tempel des Heiligen Geistes nicht zum Beispiel mit einer Tätowierung auch schmücken dürfe.

Das Kreuz ist, seinen Erfahrungen nach, das beliebteste christliche Tattoo-Motiv – noch vor Engeln, Albrecht Dürers »Betenden Händen« und Bibelzitaten. Das Symbol steht für Schmerz, Qual, Tod, aber auch für neues Leben. Viele Menschen ließen sich ein Kreuz stechen, um damit einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, weiß Neumann. »Als Tätowierer bin ich auch eine Art Seelsorger«, sagt er und erinnert sich an einen Fall von plötzlichem Kindstod. Die Kundin habe als Motiv ein Kreuz mit dem ­Gesicht des Kindes im Schnittpunkt gewählt. Während des Vorgesprächs und beim Tätowieren habe die Mutter ihm von diesem Schicksalsschlag erzählt.

Neumann kennt seine Grenzen. Wenn er den Eindruck hat, dass ein Kunde ein pathologisches Trauerverhalten zeigt, empfiehlt er, therapeutische Hilfe zu suchen. »Eine Tätowierung ist sicherlich nicht geeignet, ernsthafte psychische Probleme zu ­lösen.« Nur indem man die Bedeutung einer Tätowierung relativiere, bleibe sie, was sie ist: Ein einzigartiges Kunstwerk voller Symbolik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dejan Vilov (epd)