Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Unbequem, aber ein guter Ort

9. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag des offenen Denkmals: Die Geschichte der Johanneskirche in Weimar ist mit der Ära der Deutschen Christen verbunden

Der Tag des offenen Denkmals am 8. September steht unter dem Motto: »Jenseits des Guten und Schönen: ­Unbequeme Denkmale?« Von ihrer ­Entstehungs­geschichte ist die Johanneskirche in Weimar ein ­unbequemes Denkmal.

Es ist spröde, das diesjährige Denkmalmotto mit seiner harten Feststellung und der bohrenden Frage. Können Denkmale denn überhaupt bequem sein? Wer beispielsweise für eine uralte Kirche Verantwortung trägt, weiß um finanzielle Belastungen und mancherlei Probleme. Bequem ist so ein Erbe nicht, aber geliebt und ein Stück greifbarer Ortsgeschichte. In der Erklärung zum Motto des Denkmaltages 2013 schreibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz: »Zu den ›unbequemen Denkmalen‹ zählen viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit ein gewisses Unbehagen auslösen.« Eine Kirche ist nicht unter den genannten Beispielen und doch gibt es auch hier bauliche Zeugen:

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche in Weimar. Sie macht weder durch Turm noch Glocken auf sich aufmerksam. Derweil liegt sie an exponiertem Ort oberhalb des Goethe- und Schillerarchivs mit Sichtbeziehung hinüber zum Ettersberg, wo der Glockenturm an das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald mahnt. Die Geschichte der Johanneskirche ist eng mit der Ära der Deutschen Christen verbunden – ein dunkles Kapitel Thüringer Kirchengeschichte.

Als in Weimar das Evangelische Gemeindehaus an der Carl-August-Allee den nationalsozialistischen Großbauten des »Gauforums« weichen muss, wird ein Ersatzbau beschlossen. Im April 1938 beginnt der Weimarer Architekt Hans Vogel mit den Planungen für ein Gemeindezentrum mit Pfarrhaus, Garten, Vorplatz, Mitarbeiterwohnung und großem Gemeindehaus an der Tiefurter Allee, auf den Bauzeichnungen »Osthalle« genannt. Die Bauarbeiten gehen schleppend voran. Am 2. Juni 1941 wird das Gemeindehaus als »Herzog-Bernhard-Kirche« mit einem Gottesdienst in einer »der Kriegszeit angemessener schlichter Weise« eingeweiht, so ein Vermerk in den Kirchenakten. Der Zweite Weltkrieg hatte neben Materialmangel auch dem Raumprogramm seinen Stempel aufgedrückt: Notbeleuchtung an den Türen und unter der Kirche Luftschutzkeller mit Belüftung für den Fall eines Giftgasangriffs.

Weitgehend unbeschadet übersteht der Gebäudekomplex den Krieg. Bis zum Wiederaufbau der Stadtkirche finden hier Kirchenkonzerte statt. 1947 erfolgt die Umbenennung in
»Johanneskirche« – Ausdruck von Umkehrwille und Neubesinnung. Der große rechteckige Versammlungssaal mit Steinboden und einfacher Holzbalkendecke, hohen Fenstern und einem Altarraum, der zur Theaterbühne umfunktioniert werden kann, strahlt Kühle aus. Doch es gibt Toiletten, Teeküche und seit 1953 auf der Empore eine Winterkirche samt Kachelofen.
Mit Immo Nieländer und seiner Frau Ingrid kommt dann 1972 eine Pfarrersfamilie, die das Potential dieses Komplexes für ein lebendiges ­Gemeindeleben erkennt und etabliert. Bald treffen sich hier regelmäßig viele christliche Gruppen und im einstigen Luftschutzkeller richtet sich die Junge Gemeinde ihre »Katakombe« ein. Es wird getanzt, gefeiert und diskutiert. Die Weimarer Staatskapelle nutzt die gute Akustik der Kirche für Tonaufnahmen.

Seit drei Jahren ist die Johanneskirche zentraler Ort für Projekte und Veranstaltungen der Kinder-, Jugend- und Familienkirche im Kirchenkreis Weimar. »Die Johanneskirche hat nach wie vor eine hohe Veranstaltungsdichte«, sagt Pfarrer Sebastian Kircheis, der jetzt mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnt. Er könne eine gewisse Distanz zu diesem Gebäude verstehen, aber er wisse auch um die Verbundenheit der Gemeinde mit diesem Ort. »Wenn hier die Orgel spielt, der Altar festlich geschmückt ist und sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, dann ist der Raum ganz Kirche.«

Die Johanneskirche ist von ihrer Planung her ein unbequemes Denkmal, doch ihre Nutzung hat sie zu einem guten und schönen Ort werden lassen.

Uta Schäfer

Die Gesichter unserer Heimat

8. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag des offenen Denkmals: Interview über architektonische Besonderheiten an Fachwerkhäusern in Mitteldeutschland


Häuser und Städte in Mitteldeutschland können architektonisch unterschiedliche Prägungen haben. Was typisch für bestimmte Regionen ist, erörtert Bauforscher Frank Högg im Gespräch mit Sabine Kuschel.

Herr Högg, wenn wir etwa von Thüringen nach Sachsen-Anhalt fahren, begegnen uns charakteristische Baustile. Was sind die Besonderheiten beispielsweise von Schmalkalden und Quedlinburg?
Högg: Bei den beiden Orten denke ich vor allem an die prägenden Fachwerkbauten. Typisch für Thüringer Fachwerk ist z. B. die sogenannte »Thüringer Leiter«, eine Anordnung von kleinen senkrechten Stielen im Abstand von 30 bis 40 Zentimetern unter den Fensterbrüstungen. Das sieht tatsächlich aus wie eine waagerecht angeordnete Leiter – sie ist ein beliebtes Schmuckelement, typisch für Thüringen, tritt aber auch in anderen Hauslandschaften auf. Nördlich des Harzes zum Beispiel gibt es auch Fachwerkhäuser mit Leiterfachwerk.

Frank Högg beschäftigt sich als ­Bauforscher unter anderem mit Fachwerkgebäuden. – Foto: privat

Frank Högg beschäftigt sich als ­Bauforscher unter anderem mit Fachwerkgebäuden. – Foto: privat

In anderen Regionen sind unter den Fenstern Kreuzstreben vorherrschend, die Andreas-Kreuze. Das sind diagonal aufgestellte Kreuze, die unterschiedliche Formen haben können. Charakteristisch für die Gegend um Schmalkalden ist ein besonders reiches Fachwerk mit vielen krummen Hölzern, die verzierend angeordnet sind.
Wiederum in anderen Gegenden Thüringens fehlen am Außenbau durch Schnitzereien verzierte Hölzer fast gänzlich. Dafür ist das Haus im Inneren ganz besonders prächtig geschmückt. Dass Innenräume, insbesondere die »guten Stuben« in den Häusern ganz aus Holz konstruiert wurden, ist ein Phänomen, das in Thüringen sehr weit verbreitet war. Man spricht von sogenannten Holzstuben. Ihre Balkendecken und Wände sind ganz aus Holz gezimmert und manche ihrer Balken wurden prächtig verziert. Ihre Bauweise ist nebenbei gesagt unter modernen Aspekten außerordentlich energieeffizient durch den Verbund von Holz und Lehm.
Zum Quedlinburger Regionalstil gehört zum Beispiel der »Pyramidenbalkenkopf«, ein Ornament am Ende des Balkens in Form einer Pyramide. Diesen Diamantbalkenkopf gab es um 1600 in Quedlinburg das erste Mal. Er ist dann sehr beliebt geworden und wurde von vielen Zimmerern übernommen. Bis etwa 1750 war es das überwiegende Schmuckmotiv für Balkenköpfe, bis auf einige wenige benachbarte Orte nur in Quedlinburg.

Auch der Harz hat seine typische Prägung.
Högg: Stolberg zum Beispiel ist eine Stadt, mitten im Harz gelegen, die sowohl von Thüringen als auch von Südostniedersachsen beeinflusstes Fachwerk hat. In Stolberg gibt es eine große Anzahl von Fachwerkhäusern, die noch aus dem Mittelalter stammen. Sie haben ganz thüringische Konstruktionen, zum Beispiel die bereits genannten Bohlenstuben. Daneben sind in Stolberg Gebäude zu sehen wie sie im südlichen Niedersachsen, in Hildesheim und Braunschweig, üblich waren, das sogenannte »niedersächsische Fachwerk«. Es hat eine sehr reiche Ornamentik mit Kreuzstreben und verzierten Balkenköpfen. Zwischen 1530 und 1540 ist diese Bauweise eingedrungen in den Harz. In Stolberg kulminiert sie.

Wie und wann ist dieses differenzierte Bild entstanden, das wir heute kennen, mit unterschiedlichen Ausprägungen?
Högg: Im Mittelalter gab es noch nicht so viele verschiedene typische Hauslandschaften. Nach heutiger baugeschichtlicher Vorstellung war im 13. und 14. Jahrhundert noch in ganz Deutschland die Fachwerkbauweise ähnlich schmucklos und schlicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Stadtbürger als Bauherren noch nicht so reich waren wie im 16. Jahrhundert. In der Zeit der Renaissance, die wegen ihrer vielen holzbautechnischen Innovationen auch das »hölzerne Jahrhundert« bezeichnet werden könnte, entstanden besonders viele der reich und malerisch verzierten Fachwerkhäuser.
Modische Entwicklungen wurden u. a. über den Holztransport weitergegeben. Es ist nachweisbar, dass in Magdeburg am mittleren Lauf der Elbe über den Floßhandel importiertes Holz aus dem Thüringer Wald verbaut worden ist. Ein Fichten- oder Tannenholzfloß war monatelang unterwegs vom Thüringer Wald bis nach Magdeburg. Mit ihm wurden neben dem unverzichtbaren Holz auch andere Handelsgüter und kulturelle Einflüsse transportiert.

Wahrscheinlich nahmen auch die Handwerker in der Zeit ihrer Wanderschaft fremde Einflüsse auf, die dann in ihre Arbeit einflossen und einer Region ein individuelles Gesicht gaben?
Högg: Jeder traditionell ausgebildete Zimmermann beherrschte sein Repertoire und seinen eigenen Stil perfekt. Anders als beim heutigen Hausbau, wo zunächst ein Architekt den Entwurf zeichnet, hat der Bauherr dem Zimmermann früher gesagt: »Bau mir bitte ein Haus, das soll zwölf Gebinde lang, ein bisschen größer als das vom Nachbarn und ansehnlich sein.« Der heute so bewunderte Zierrat der Gebäude ist höchstwahrscheinlich nicht gesondert bezahlt worden, sondern war das persönliche Aushängeschild jedes einzelnen Meisters. Dort sind sicherlich Einflüsse ästhetischer und konstruktiver Art zutage getreten, die der Meister einmal in seiner eigenen Lehrzeit aufgenommen hatte.

Herr Högg, Sie sind Bauforscher – womit beschäftigen Sie sich in diesem Beruf?
Högg: Ich beschäftige mich z. B. intensiv mit den Konstruktions- und Ornamentformen von Fachwerkgebäuden, das nennt sich Gefügekunde und hat auch viel mit Kunstgeschichte, meinem ursprünglichen Fachgebiet, zu tun. Ich werde oft dann beauftragt und hinzugezogen, wenn alte Gebäude saniert werden. Bei der Restaurierung von Fachwerkgebäuden kommt es vor allem auf eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Der Statiker prüft die Stabilität und macht Vorgaben. Der Denkmalpfleger sagt, was als geschichtlich bedeutend erhalten werden muss, damit eine Baugenehmigung erteilt werden kann. Der Bauforscher versucht, eine Brücke zwischen den Konstrukteuren und den Behörden zu schlagen. Er kann den bauhistorisch wertvollsten Bestand erkennen aber auch, wie stark das Gebäude im Lauf seiner Geschichte umgebaut und überformt worden ist. Ich versuche den Architekten und Baufirmen die Augen zu öffnen darüber, wo sie ohne Gefahr für die historisch wertvolle Substanz in den Bau eingreifen, reparieren und modernisieren können. Den Sinn der modernen Denkmalpflege zu erklären und sie praktikabel zu gestalten, ist ein Hauptanliegen der historischen Bauforschung. Aber es geht auch um Fragen, wer hat wann in dem Haus gewohnt? Das ist sehr interessant, weil sich mitunter durch die Bewohner der Häuser ein ganz buntes Bild von der historischen sozialen Topografie in einer Stadt erschließt. Ich sitze mitunter im Archiv und recherchiere zu einem alten Gebäude alte Baurechnungen, Heiratsregister oder Steuerlisten.

Sehr interessant!
Högg: Ja, die historische Erforschung von alten Häusern und Holzbauten, Zimmermannskonstruktionen oder Gemäuern hat für mich in den 15 Jahren, seitdem ich mich damit beschäftige, nichts von seiner Faszination verloren.