Versteckte Kreuze und das Schweigen der Unesco

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Bild der kreuzlosen Bischöfe auf dem Jerusalemer Tempelberg sorgt für heftige Diskussionen. Ein Kommentar, warum die Demutsgeste so brisant ist.

Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Pilgerreise das Kreuz in einer Region verschwinden lassen, in der Tausende von Christen in jüngster Zeit ihr Leben dafür gelassen haben und Hunderttausende ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie eben dieses Kreuz nicht verstecken wollen. Warum haben Kardinal Reinhard Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mit diesen Menschen solidarisiert und von ihren muslimischen Gesprächspartnern eine eigentlich selbstverständliche Toleranz eingefordert?

Das Bild der kreuzlosen Bischöfe reiht sich zudem nahtlos ein in eine Kampagne, deren jüngstes Produkt ein Unesco-Entscheid zum »besetzten Palästina« darstellt, das wenige Tage vor dem Bischofsbesuch verabschiedet worden war.

Unter der Überschrift »Besetztes Palästina« bemängelt die »Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur« in 41 Paragrafen die Weigerung Israels, einen ständigen Unesco-Vertreter in Ostjerusalem zu genehmigen, bedauert die archäologischen Ausgrabungen Israels in Ostjerusalem und verurteilt »israelische Aggression gegen die muslimische Verwaltungsbehörde (Waqf)«. Zum Tempelberg fordert sie freien Zugang für Muslime und freie Hand für den Waqf in allen Verwaltungs-, Renovierungs- und Restaurierungsangelegenheiten.

Gleichzeitig kritisiert sie israelische Baumaßnahmen im weiteren Umfeld des Areals und bedauert, dass die Al-Aqsa-Moschee und der »Al-Haram Al-Scharif«, das »noble Heiligtum«, wie der Tempelberg von Muslimen in arabischer Sprache bezeichnet wird, von israelischen Rechtsextremisten und »uniformierten Kräften« »gestürmt« worden sei. Ein zweiter und dritter Teil befassen sich dann noch mit der Situation um den Gazastreifen, der Höhle Machpela in Hebron und dem Rahelsgrab in Bethlehem.

Problematisch an diesem Unesco-Beschluss ist nicht, dass er Israel kritisiert. Israels Verwaltung heiliger Stätten darf kritisch begutachtet werden und gewiss gäbe es da auch manches zu verbessern. Skandalös ist – genau wie bei den Kreuzen der deutschen Bischöfe –, was unsichtbar ist, verborgen, nicht genannt, ignoriert oder vielleicht sogar geleugnet wird.

So schwieg die Unesco, als zwei Jahre nach ihrer Gründung 58 Synagogen in Jerusalems Altstadt zerstört wurden. Ein jordanischer Kommandeur verkündete nach der Sprengung der traditionsreichen Hurva-Synagoge: »Zum ersten Mal seit 1 000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude verbleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.«

Die Unesco schwieg auch, als die jordanischen Besatzer in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten Juden den Zugang zu ihren heiligsten Stätten aus ideologisch-religiösen Gründen verwehrten.

Das Schweigen der Unesco schreit unablässig zum Himmel, bis hin zum Ausbaggern der Südostecke des Tempelbergs in den Jahren 1999 und 2000. Damals entfernte der Waqf zum Bau einer Moschee 9 000 Tonnen Schutt aus den sogenannten »Ställen Salomos« – ein archäologisches Verbrechen, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban und dem Zerschlagen von archäologischen Schätzen durch den Islamischen Staat vergleichbar ist.

Weil der jüdische Staat Israel derartige Ungeheuerlichkeiten unter seiner Hoheit aus politischen Gründen duldete, könnte man ihm in diesem Fall sogar Komplizenschaft vorwerfen.

Skandalös ist ferner, was die Unesco unter der Überschrift »Besetztes Palästina« nicht sagt. »Das Dokument bezieht sich auf die Jerusalemer Stätte nur mit ihrem arabischen Namen«, jubiliert der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Außerdem wird die Verbindung der Heiligen Schrift von Juden und Christen zu diesem Ort inhaltlich ebenso ignoriert, wie die Jahrhunderte unumstrittener Geschichte, in der ein israelitischer und jüdischer Tempel auf diesem Hügel stand.

»Die jüdische Geschichte: ausgelöscht, konsequent bis in die Sprache. König Salomon hin, Herodes her«, beklagt Georg M. Hafner in der Jüdischen Allgemeinen und bezeichnet den Unesco-Entschluss zum »Besetzten Palästina« als »schamlosen antisemitischen Plot, der seinesgleichen sucht«. Durch den Zusatz »die Besatzungsmacht« wird die Legitimität des Staates Israel, wann immer er namentlich im Unesco-Beschluss genannt wird, ebenso unterhöhlt wie die der nur als »sogenannte« bezeichneten Israelischen Antiken-Behörde.

Die jüngsten Vorgänge um den Jerusalemer Tempelberg werfen eine ganze Reihe von Fragen auf. Was treibt die offizielle Völkergemeinschaft? Haben selbst gebildete Araber überhaupt keine Sorge um ihre Glaubwürdigkeit, wenn historische Tatsachen derart mit Füßen getreten werden?

Sind führende Köpfe der deutschen Christenheit wirklich so wenig informiert, dass sie überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wie unglaubwürdig sie werden, wenn sie sich von politischen Narrativen und religiösen Herrschaftsgefühlen derart instrumentalisieren lassen, dass eigene Wertvorstellungen wertlos werden?

Johannes Gerloff

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Glauben hinter der Glaswand

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Juden unter uns: Die meisten heute hier lebenden jüdischen Mitbürger stammen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion

Trotz der ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es heute wieder zaghaftes jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Mitteldeutschland. Ein Besuch in der jüdischen Gemeinde Halle.

Seit sechs Jahren sei sie nicht mehr zur Synagoge gekommen. Warum sie aber gerade heute, am Freitagabend, zur Begrüßung des Sabbats, den Weg hierher eingeschlagen habe, kann sie nicht sagen. Vielleicht Sehnsucht, vielleicht ein unbestimmtes Gefühl. Das Essen nach dem Gottesdienst beschließt ein langes Gebet. In ihren Händen hält sie ein zerlesenes Heftchen mit dessen Texten in kyrillischen und hebräischen Buchstaben. Ihre Augen leuchten, eine sanfte Bewegung erfasst ihren Körper, als sie in die altbekannten Melodien hineinfällt.

Die ehemalige Trauerhalle wurde zum Bethaus

Melodien und Worte, die ihr Schutz zu geben scheinen, die sie bergen. Melodien und Worte, die von weit her kommen. Aus der Weite der Geschichte Israels. Und die bis hierher klingen in die Synagoge in Halle, dem kleinen Gebäude mit den Zwiebeltürmchen am Rand des alten jüdischen Friedhofs. Ein Gebäude, das eigentlich die Trauerhalle war und wie die große Synagoge im Herzen der Stadt von den Nazis zerstört wurde. Zu DDR-Zeiten, als vielleicht ein, zwei Dutzend Juden noch in Halle lebten, wurde die Trauerhalle saniert und zum Bet Knesset – zum Haus der Versammlung, zur Synagoge umgebaut. Heute hat die jüdische Gemeinde in Halle gut 600 Mitglieder.

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

Der Gottesdienst folgt Regeln, die den Außenstehenden verwirren. Die Männer versinken in den Gebeten und Psalmen, singen, wiegen sich betend. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Der Gesang füllt den Raum. Auch von der hinteren Seite des Vorhangs, wo die Frauen sitzen, mischen sich Stimmen in das Lied. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Dann, später, schlagen sich die Männer eine Hand vor die Augen. Gemeinsam und doch jeder für sich, sprechen sie in höchster Konzentration das »Sch’ma Jisrael«: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig.«

»Der jüdische Glauben ist keine Sache des Gefühls, sondern des Wissens«, sagt Rabbiner Alexander Kahanovsky. Das Wissen, dass der Ewige einzig ist. Das jeder Mensch dem Ewigen alles verdanke. Gefühle, so Kahanovsky, führen in die Irre. Sie sind wandelbar, kommen und gehen. Wissen aber, Wissen bleibe. Es ist ein Wissen, das in einen Dialog mit dem Ewigen führe, der nach dem Gottesdienst nicht zu Ende ist. Sondern der mit den Taten, mit dem Halten der Gebote fortgesetzt werde. Der Dialog höre nie auf, sagt der Rabbiner, und wenn er von den 613 Gesetzen, den Mizwot spricht, ist nirgends der Ton einer Klage über eine Bürde oder eine Last zu hören. Nein, das Halten der Mizwot ist eine Antwort des Menschen im Gespräch mit Gott.

Es ist Montag. Der Gottesdienst zum Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, ist gerade zu Ende. Wieder gibt es Essen. Borschtsch, Nudelauflauf, süßen Wein und Wodka. »Jetzt reden sie gerade über Stalin«, übersetzt flüsternd eine Frau, die in Weißrussland geboren wurde und seit zehn Jahren nahe Halle wohnt, das Tischgespräch der Männer. Die jüdische Geschichte unter den grausamen Regimen des 20. Jahrhunderts ist auch hier gegenwärtig, zwischen den vollen Tellern, den vollen Gläsern, den lachenden Gesichtern. Und nach dem Essen erzählt Rabbiner Alexander Kahanovsky eine Geschichte des Neubeginns, der Wiedergeburt.

Viele lernen erst hier, was Jude-Sein bedeutet

Das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland ist jüdisches Leben mit russischen, osteuropäischen Wurzeln. Ein Großteil derer, die heute als Juden hier leben, stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Aus einem Gebiet, so Kahanovsky, wo man Jude nur im Privaten, im Kreis der Familie sein konnte. Wo es jüdische Kultur in den eigenen vier Wänden gab, aber keinen Kultus in der Öffentlichkeit. Drei Generationen seien abgeschnitten gewesen vom lebendigen Strang der Tradition, bis nur noch Fragmente, Bruchstücke da waren. Jetzt, in Deutschland, beginnen sie neu zu lernen, was es heißt, Jude, Jüdin zu sein. »Meine Aufgabe ist es, die Menschen wieder mit ihrem Erbe vertraut zu machen«, erzählt Kahanovsky.

»Wir sehen uns, leben aber aneinander vorbei«

Und er erzählt noch viel mehr mit einer humorvollen Leidenschaft, mit Witz und Verve: vom Vergeben, von der Einheit von Wort und Tat, vom Ewigen, der alles gibt, von den Menschen, die Sinn und Geborgenheit suchen. »Kennen sie den Witz?«, fragt Kahanovsky. »Was ist der Unterschied zwischen einem Psychotherapeuten und einem Rabbi? Das Gehalt!« Und er erzählt vom Leben als Jude in Deutschland. Wenn er allein im ICE sitzen wolle, sagt er augenzwinkernd, lasse er seine Kippa auf. Die Menschen seien unsicher und wüssten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Ein kleiner Schelmenstreich, sicher. Doch fühle er sich auch sonst manchmal wie ein Fremder. »Wir Juden und die anderen Menschen im Land leben wie durch eine Glaswand getrennt. Wir sehen uns, wir nehmen uns wahr. Aber wir leben aneinander vorbei.« Mit seiner Familie lebt er in Berlin, weil es in Halle keinen jüdischen Kindergarten, keinen jüdischen Religionsunterricht gibt. Er kann die verstehen, die ihren jüdischen Glauben nicht hervorkehren. »Wer sagt schon gerne seinem Chef, dass er am Sabbat – von Freitagabend bis Samstagabend – nicht arbeiten dürfe? Da stehen doch schon andere bereit, die seinen Job wollen.«

Am Freitagabend trägt die Frau mit dem Liederheftchen ihren Rucksack heimlich, aber schmunzelnd aus der Synagoge. »Der Rabbi darf das nicht sehen. Am Sabbat darf man doch nichts tragen«, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Wie lebt es sich als Jüdin hier im Land? Hat sie Angst? Nein, sagt sie erst. Doch dann flüstert sie im Hinausgehen: Der neue Antisemitismus komme nicht nur von Deutschen. Der komme anderswoher. Aber das, sagt sie traurig, dürfe man nicht laut sagen.

Stefan Körner

www.jghalle.de

Liebe in dreifacher Weise

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes auf der Spur

Vor einiger Zeit besuchte eine Gruppe von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam die Synagoge, die Moschee und eine der Kirchen am Ort. In der Synagoge wurde ihnen elementar und verständlich die besondere Bedeutung der Thorarollen vor Augen geführt. In der Moschee erklärte ihnen ein Student mit einfachen Worten die fünf Säulen des Islam. In der evangelischen Kirche ging der Pfarrer zu ihrem Erstaunen zunächst auf das Gesangbuch ein, das die Besucher am Eingang erhielten. Er hob die besondere Rolle der Kirchenmusik hervor und ließ dies mit einem ausführlichen Orgelstück unterstreichen. Danach erklärte er Altar, ein wenig die Bibel, ausführlicher Kanzel und Fenster. Wohl aus Rücksicht auf die Besucher fand das Kreuz hinter dem Altar keine Erwähnung. Der Frage einer Muslimin, warum die Christen nicht nur Allah allein verehren, wich er aus. Die Sache mit der Dreieinigkeit Gottes sei ziemlich kompliziert und auch unter Christen nicht ganz unumstritten.

Diese peinliche Situation macht deutlich, welche Unsicherheit und Sprachlosigkeit an den Tag kommt, wenn Christen die Bedeutung der Dreieinigkeit Gottes erklären sollen. Dabei ist sie im Grunde nicht schwer zu verstehen. In einem Gespräch mit Andersgläubigen sollte zunächst einmal klar werden: Christen glauben an den einen und einzigen Gott, nicht weniger als Juden und Muslime. Der christliche Glaube ist eindeutig ein monotheistischer Glaube. Auch für Christen gilt ohne Abstriche das erste Gebot. Der Glaube an den dreieinigen Gott will den Glauben an den Gott Israels nicht ersetzen. Im Licht des Lebens und Sterbens Jesu interpretiert er ihn aber auf neue Weise.

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Lehre von der Dreieinigkeit oder Dreieinheit Gottes ist der Versuch der ersten Christengemeinden, sich selbst und andere Menschen von ihrem Gottesglauben denkend Rechenschaft zu geben. Bereits das Neue Testament wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Jesus eigentlich zu Gott steht. Ist er etwa einer der großen Propheten? Für die Jünger ist er mehr. Petrus bekennt, er sei der »Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (Matthäus 16,16).

Auch an vielen anderen Stellen der Evangelien wird hervorgehoben, dass Jesus nicht nur ein besonderer Mensch war, sondern zugleich ganz auf die Seite Gottes gehört. Wenn dafür der Ausdruck »Gottes Sohn« benutzt wird, meint dies nicht ein biologisches Abstammungsverhältnis, sondern die Wesenseinheit zwischen Gott und Jesus. In ihm begegnet der Mensch also Gott selbst, hat das allgegenwärtige, liebende Wesen Gottes menschliche Gestalt angenommen.

Wie aber kommt ein Mensch zu einer solchen Erkenntnis? Sicher nicht aus sich selbst heraus. Dass Jesus der Messias und »Gottes Sohn« ist, diese Erkenntnis muss ihm vielmehr vom »Vater im Himmel« gegeben werden (Matthäus 16,17). Damit kommt eine dritte Größe ins Spiel: Der »Geist Gottes«, auch »Heiliger Geist« genannt.

Das Konzil von Konstantinopel bringt es im Jahre 381 auf den Punkt: Die Gewissheit des Glaubens wird den Christen durch den Heiligen Geist zuteil, der »aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht« (Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel). Damit ist die Lehre von der Trinität im Kern formuliert, dass es Gott selbst ist, der in Jesus Mensch wurde und wirkte. Dass es dreimal ein und derselbe Gott ist, der sich in seinem dreifachen Sein den Menschen liebevoll zuwendet: als fürsorglicher Schöpfer – Vater mit mütterlichen Zügen – befreiender Erlöser und Mut machende Lebenskraft. Drei Seiten des einen Gottes. Der Gott, an den Christen glauben, ist also nicht der Alleinherrscher, der einsam in seinem Himmel thront, sondern der Gott, der sich in Liebe den Menschen zuwendet, ihnen durch Jesus Christus Vergebung und Befreiung schenkt und sie durch seinen Geist tröstet und ermutigt. Keine drei Götter also, sondern ein Gott, der Liebe ist, Liebe in dreifacher Weise.

Verschiedene Bilder können helfen, diese Dreieinheit Gottes zu veranschaulichen: So findet sich in der Kunst immer wieder das Bild vom gleichseitigen Dreieck, in dessen Mitte ein Auge zu sehen ist, das für die personhafte Wirklichkeit Gottes steht. Im Dreieck sind ebenso wie im dreieinigen Gott drei und eins kein Widerspruch.

Ein anderes Beispiel für die Trinität ist der Dreiklang in der Musik: Grundton, Terz und Quinte sind zwar drei unterschiedliche Töne, bilden aber einen Gesamtklang. In diesem Beispiel werden auch die Unterschiede zwischen den drei Seinsweisen deutlich.

Und auch das Bild vom Wasser in seinen drei Aggregatzuständen kann helfen: als Flüssigkeit, Eis und Wasserdampf. Ganz ähnlich ist es mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist: Die Kraft, die sie so untrennbar miteinander verbindet, dass sie eins sind, ist die Liebe. Aus Liebe schenkte Gott, der Schöpfer, das Leben. Aus Liebe sandte er den Sohn. Aus Liebe verkündigte Jesus die Botschaft der Versöhnung und des Friedens. Aus Liebe ging er für die Menschen den Weg des Leidens bis zum Kreuz. Liebe ist auch das Wesen des Geistes, denn er macht Menschen bereit, einander zu helfen und beizustehen. »Gott ist Liebe«, heißt es im 1. Johannesbrief (4, 8). Das Geheimnis der Dreieinigkeit ist die Liebe. An den Sonntagen, die dem Trinitatisfest folgen, wird es in den biblischen Texten, über die in den Kirchen nachgedacht wird, immer wieder um diese Frage gehen: Wie kann die Liebe des dreieinigen Gottes in unserem Leben Früchte tragen?

Wolfgang Riewe

Liebt eure Feinde! Das ist möglich

12. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Seine Familie musste aus Deutschland fliehen, trotzdem wirbt Paul Oestreicher heute für die Feindesliebe

Der Theologe Paul Oestreicher (82) engagiert sich seit Jahrzehnten für Versöhnung und Frieden. Mit ihm sprach Susanne Sobko

Der 1931 im thüringischen Meiningen geborene anglikanische Friedensaktivist Paul Oestreicher war Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England. Er gründete unter anderem den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden beisteuerte. Foto: Jürgen Scheere

Der 1931 im thüringischen Meiningen geborene anglikanische Friedensaktivist Paul Oestreicher war Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England. Er gründete unter anderem den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden beisteuerte. Foto: Jürgen Scheere

Herr Oestreicher, seit Jahrzehnten kämpfen Sie für Frieden und Gerechtigkeit, doch immer wieder gibt es neue Krisenherde. Ist das nicht ein Grund zur Resignation?
Oestreicher:
Wenn man als jüdisches Kind ausgegrenzt wurde, mit den Eltern flüchten musste und am anderen Ende der Welt in Neuseeland ankommt; wenn man dann plötzlich der deutsche Ausländer ist, den die anderen Kinder als Feind um den Schulhof jagen; und wenn man dann erfährt, dass sich die jüdische Großmutter vor der Deportation nach Polen das Leben genommen hat; dann weiß man, wie es um diese Welt bestellt ist. Doch wenn man trotzdem so viel Liebe erlebt hat, dass man selbstsicher geworden ist und einen Sinn im Leben sieht, dann wirft einen nichts zurück. Dann erweist sich mir in jedem kleinen Liebeszeichen, dass das Leben lebenswert ist.

Diese kleinen Liebeszeichen sind für Sie sicher mehr als ein Kuss Ihrer Frau?
Oestreicher:
Es gibt sie ständig – man erfährt sie im Alltag im Kleinen wie im Großen. Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass Menschen fähig sind, ihre Feinde zu lieben. Von wem haben wir das? Von einem jungen, radikalen Rabbiner aus einer kleinen Stadt in Palästina, der sogar noch für seine Feinde gebetet hat als sie ihn kreuzigten. Seine Predigt in der Synagoge ­seiner Heimatstadt ging zum Herz der Dinge: Gott liebt euch, sein Volk, nicht mehr als andere Völker, die Fremden. Das gilt gleichermaßen für uns Christen heute. Wenn man versucht, diesem Jesus zu folgen, dann verzweifelt man nicht.

Auch der überall aufkeimende Antisemitismus und Neonazismus lässt Sie nicht am Menschen verzweifeln?
Oestreicher:
Nein. Neonazis und ihresgleichen in jedem Volk auf Erden sind die Kehrseite dessen, was ich über die Liebe gesagt habe. Aber auch sie müssen als Menschen geachtet werden – sie einfach auszugrenzen, dient dem Frieden nicht. Diese Menschen zeigen im geistigen Sinne Krankheitserscheinungen einer Gesellschaft, und wir müssen lernen, friedlich damit fertigzuwerden. Auch hier ist Heilung möglich.

Aber mal ganz ehrlich, können Sie wirklich jemanden lieben, der kaltblütig mehrere Menschen ermordet hat?
Oestreicher:
Ja. Zum Beispiel liebe ich die Verantwortlichen für den Tod meiner Großmutter. Wie hat Jesus auf die römische Besatzung Palästinas reagiert? Er hat ein Kind der feindlichen Soldaten geheilt – das war seine Antwort auf die Aggression.

Woher schöpfen Sie die Kraft für solches Denken?
Oestreicher:
Das habe ich von meinem Vater gelernt. Ich bin so erzogen worden, und ich habe meine Kinder auch so erzogen, dass jeder Mensch geachtet werden muss – egal was er tut. Sündig sind wir schließlich alle in irgendeinem Maße, und unter anderen Einflüssen könnte ich vielleicht auch ein Neonazi sein. Deswegen muss ich natürlich die falschen Ideen bekämpfen, aber den Menschen habe ich zu lieben.

Also sollte Liebes- und Friedenserziehung zum Pflichtfach an allen Schulen werden?
Oestreicher:
Unbedingt. Gerade auf dem Schulhof können Kinder gut lernen, wie man einen Konflikt schlichtet. Ich kenne Schulen, wo das schon sehr erfolgreich umgesetzt wird. Und wenn die Kirchen die Friedenserziehung nicht praktizieren können oder wollen, dann haben sie nichts zu sagen.