Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Wenn der Sohn plötzlich geht …

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Freya von Stülpnagel hat die Trauer über den Freitod ihres eigenen Kindes durchlitten

Der Freitod eines nahestehenden Menschen hinterlässt Betroffenheit, Trauer und oft auch Schuldgefühle. Freya von Stülpnagel hat dies persönlich durchlitten.

Es ist Frühling 1998 und Freya von Stülpnagel erholt sich mit ihrer Familie für einige Tage im Skiurlaub. Da erreicht sie die Nachricht vom Freitod ihres Sohnes Benni. Von diesem Moment an ist ihr altes Leben für immer vorüber. Zunächst gerät sie in eine Schockstarre. Tagelang isst sie nichts. Nächtelang schläft sie nicht. Ihre Seele und ihr Körper tun weh. Sie weint und weint. Die Familie steht zusammen, aber auch das kann den Schmerz kaum lindern. »In den ersten Tagen«, sagt sie heute, »ging es einfach nur ums eigene Überleben.« Den Tod eines Kindes könne man nicht denken. Er sei gegen die natürliche Ordnung und deswegen so unfassbar.

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Am Beginn ihres Trauerprozesses ist ungewiss, ob und wie sie diesen Schicksalsschlag verkraften wird. Einige Zeit arbeitet sie noch weiter in ihrem Beruf als Lehrerin. Das gibt ihrem Alltag Struktur. Irgendwie muss es ja weitergehen. Aber sie kann es irgendwann nicht mehr aushalten, vor Jugendlichen zu stehen, die so alt sind wie ihr Benni, als er starb.

Benni wurde nur 18 Jahre alt. Er ist eines von vier Kindern der von Stülpnagels. Ein fröhlicher Junge, der den Eltern viel Freude bereitet. Als Jugendlicher bekommt Benni plötzlich seelische Probleme, die die Eltern zur damaligen Zeit nicht einordnen können. Es ist eine Depression, die ihn niederdrückt und schwer belastet. Einmal äußert Benni kurz: » Wenn ich nicht wieder gesund werde, bringe ich mich um.« Für Freya von Stülpnagel ist Selbsttötung ein absolutes Tabu. Damals weiß sie noch nicht, dass es in ihrer Familie in dieser Hinsicht eine Belastung, eine Vorgeschichte gibt. Auch ihre Großmutter und ihre Großtante hatten sich das Leben genommen. Niemals jedoch verlor die Familie darüber ein Wort. Es gehörte sich nicht.

So geht sie, aus heutiger Sicht viel zu schnell, über die flüchtig hingeworfene Bemerkung Bennis hinweg. Später leidet sie deswegen an Schuldgefühlen wie alle Eltern, denen »so etwas passiert«. Die Frage danach, was man hätte tun können, ob man es hätte verhindern können, treibt viele verwaiste Eltern um. Die Leichtigkeit des Seins, die Unbeschwertheit des Lebens, wird mit dem Kind zu Grabe getragen.

Freya von Stülpnagel durchleidet eine exzessive Trauerphase. Ihr Pfarrer sagt, dass er selten einen Menschen gesehen hat, der seiner Trauer einen solchen Ausdruck zu verleihen wusste. Er weiß in dem Moment aber auch, dass diese Frau ihre Trauer verarbeiten wird, weil sie ihren Schmerz nicht verdrängt, sondern »herauslässt«.

Es dauert viele Monate, bis sich in ihr endlich wieder ein kleines Fünkchen Lebensmut meldet. Eine Sehnsucht nach Leben, der Wunsch, die Zeit, die ihr noch gegeben ist, auszufüllen und gut zu nutzen. Sie kündigt ihren Lehrerberuf auf und widmet sich dem Dienst an verwaisten Eltern. Die Selbsthilfegruppe ihrer Kirchengemeinde, die sie zunächst als Betroffene besucht, steht heute unter ihrer Leitung. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin und gestaltet Trauerfeiern. Bislang schrieb sie zwei Bücher (siehe unten), in denen sie ihre Erfahrungen zu Papier brachte.

Heute hat sich Freya von Stülpnagel mit ihrem Schicksal ausgesöhnt. Sie sagt: »Es geht mir gut. Ich habe den Verlust von Benni in mein Leben integriert und kann gut damit umgehen.« Wichtig sei, dass in der akuten Phase der Trauer mindestens ein Mensch da ist, der zu einem steht, der die Trauer mit aushält, ohne zu vertrösten. Denn es gäbe keinen Trost beim Verlust des eigenen Kindes. Diese Untröstlichkeit gilt es anzuerkennen und offen damit umzugehen. Wichtig sei, authentisch zu leben, das Unfassbare zum Ausdruck zu bringen und immer wieder darüber zu sprechen.

Ihre Trauer, sagt sie, habe sich über die Jahre verwandelt. Sie sei inzwischen nicht mehr lebenshemmend, sondern lebensbegleitend.

Freya von Stülpnagel engagiert sich heute als Trauerbegleiterin im »Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister«. Regionale Gruppen gibt es auch in Mitteldeutschland. Sie sind auf der Internetseite des Bundesverbandes zu finden.

Petra Franke

www.veid.de

Buchtipp:
von Stülpnagel, Freya: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37067-2, 14,99 Euro
von Stülpnagel, Freya: Ohne dich. Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37049-8, 15,99 Euro

Hier finden Suizidgefährdete und deren Angehörige Hilfe
Kostenlos und rund um die Uhr stehen die rund 8 000 ehrenamtlichen Ansprechpartner der in ökumenischer Verantwortung betriebenen Telefonseelsorge allen Betroffenen zur Verfügung.
Rufnummern: (08 00) 111 0 111 und (08 00) 111 0 222
Daneben gibt es in Mitteldeutschland unter dem Dach der Diakonie Beratungsstellen mit qualifizierten Ansprechpartnern.

Diakonische Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt
Aschersleben: Ehe-, Lebens-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Silke Ben Amor, Eislebener Straße 5/6, 06449 Aschersleben, Telefon (0 34 73) 8 40 84 66
Bitterfeld-Wolfen: Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Iris Kroboth, Ratswall 18, 06749 Bitterfeld-Wolfen, OT Bitterfeld, Telefon (0 34 93) 4 26 49
Dessau: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Mandy Rüdiger, Georgenstraße 13-15, 06842 Dessau, Telefon (03 40) 2 60 55 34
Genthin: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Jana Berger, Magdeburger Straße 27, 39307 Genthin, Telefon (0 39 33) 80 18 41
Halle: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen, Silke Bauch, Kleine Märker Straße 1, 06108 Halle, Telefon (03 45) 2 03 10 16
Wittenberg: Erziehungs- und Familienberatung, Jana Ehrlich, Juristenstraße 1–2, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (0 34 91) 40 60 24
Magdeburg: Erziehungs- und Familienberatung, Susanne Granse, Leibnizstraße 48, 39104 Magdeburg, Telefon (03 91) 5 32 49-13
Quedlinburg: Familienberatungsstelle, Christine Schwindak, Carl-Ritter-Straße 16, 06484 Quedlinburg, Telefon (0 39 46) 37 40

Diakonische Beratungsstellen in Thüringen
Gera: Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle Gera, Katrin Teichmüller, Zabelstraße 2, 07545 Gera, Telefon (03 65) 7 73 63 21
Bad Langensalza: Beratungsstelle für Eltern Kinder und Jugendliche, Nadja Walter, Wiebeckplatz 3, 99947 Bad Langensalza, Telefon (03 03) 84 25 83
Eisenach: Evangelische Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle, Roland Fleischer, Schillerstraße 6, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 26 03 40
Erfurt: Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Paar-, Familien- und Lebensberatung Frau Roth, Schillerstraße 12, 99096 Erfurt, Telefon (03 61) 3 46 57 22
Gotha: Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Claus Hild, Klosterplatz 6 99867 Gotha, Telefon (0 36 21) 30 58 40
Greiz: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen, Antina Eichler, Kirchplatz 3, 07073 Greiz, Telefon (0 36 61) 26 17
Meiningen: Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Ines Müller, Alte Henneberger Straße 2, 98617 Meiningen, Telefon (0 36 93) 5 01 90
Pößneck: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Paar- und Lebensberatung, Gisela Külkens, Straße des Friedens 14, 07381 Pößneck, Telefon (0 36 47) 42 28 35
Saalfeld: Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Christiane Blaschke, Brudergasse 18, 07318 Saalfeld, Telefon (0 36 71) 45 58 91 20


Gott in der Finsternis

20. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Depression: Ein Betroffener schildert, wie er in eine Depression fiel und wie er in der Therapie die Hilfe Gottes erfuhr

Depression ist eine weit verbreitete Krankheit. Ein Pfarrer erzählt, welche Lektion zu lernen ihm die Depression aufgab.

Meine Depression fing damit an, dass mich die Schönheit der Schöpfung völlig kalt ließ. Mir wurde alles egal, auch mir selbst wurde ich gleichgültig. Ob eine Sache so oder so entschieden wurde – was ging mich das an! Später ließen meine Einsatzbereitschaft und meine Arbeitskraft immer mehr nach.

Ich musste mich regelrecht zwingen, wenigstens das Nötige zu tun und zu entscheiden. Meine Frau und gute Freunde merkten es. Sie sagten es mir auch. Ich wehrte mich dagegen und leugnete meinen Zustand. Ich war eben nur verdrießlich, dachte ich, wie man halt manchmal verdrießlich ist. Ich verlernte völlig das Lachen und wurde des Lebens überdrüssig. Ich lebte nur noch wie einer lästigen Pflicht gehorchend dahin. Wie um der Müdigkeit, der schlechten Laune und der Verdrießlichkeit etwas entgegenzusetzen, tauchten Suizidgedanken auf. Keineswegs quälend, sondern als befreiende Möglichkeit, den unhaltbaren Zustand Leben zu beenden. Zugleich wusste ich, dass diese Lösung für mich nicht in Frage kam. Ich blieb davon überzeugt, dass ich Verantwortung für mein Leben trug. Doch hoffte ich, von einem niederfallenden Ast erschlagen, von einem Auto totgefahren zu werden oder, noch besser, abends einzuschlafen und morgens nicht mehr aufzuwachen.

Zweifel, Wut und Lebensüberdruss

Dies war die erste Phase meiner Depression. Schon hier kam meine Praxis des Glaubens fast vollständig zum Erliegen. Über meinen Glauben legte sich eine Art Dämmerung. Gott trat in den Schatten und ich erlebte eine Zeit des Zweifelns, wie sie wohl jeder Glaubende bisweilen erlebt. Ich riss mich zusammen. Es gehörte zu meinem Beruf, die Zweifel und Fragen, die der christliche Glaube aufwirft, am eigenen Leib zu spüren. So dachte ich.

Zum Lebensüberdruss gesellten sich wenig später Aggressivität und Wut. Der geringste Anlass genügte für einen Wutausbruch. So schleppte ich in meiner Depression die Last der Tage dahin, bis ich des Schleppens müde wurde und mich einfach in mein Schlafzimmer verkroch. Das heißt, ich stand morgens nicht mehr auf, sondern verdunkelte das Zimmer so gut es ging und verbrachte den Tag im Dunkeln.

Nach drei Tagen sah ich es ein: Ich war krank! Ich brauchte Hilfe. Ich suchte meine Hausärztin auf und erhielt eine Überweisung an einen Neurologen und Psychiater. Also, ein Termin beim Neurologen musste her, aber das war gar nicht so einfach. Zwei Monate Wartezeit! Es waren zwei Monate meines seelischen Niederganges. Ich musste mich krankschreiben lassen. Das war auch gut so, denn ich hatte meiner Gemeinde nichts mehr zu sagen.

Mein Lebenshaus brach zusammen

In der nächsten Phase meiner Krankheit erfasste mich tiefe Trauer über mein verpatztes und verschleudertes Leben. Was war ich mir selbst und meinen Mitmenschen nicht alles schuldig geblieben! Wie hatte ich unter meinen Möglichkeiten gelebt! Und nun war ich schon so alt, zu spät, um noch irgendetwas nachzuholen. Die Trauer ging über in Selbstmitleid. Am meisten beunruhigte mich, dass mir mein Glaube abhandengekommen war. Das bedeutete für mich den Zusammenbruch meines ganzen Lebenshauses. Dass ich auch den Beruf eines Pastors nicht mehr würde ausüben können, war mir klar, war aber bei weitem nicht das Entscheidende. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen und ich baumelte mit den Beinen meiner Seele über dem Nichts. Gottesfinsternis breitete sich aus.

Foto: picture-alliance/dpa

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Ich wandte mich Hilfe suchend an einen Freund – ein Theologe und Psychotherapeut. Er sagte: »Du glaubst nicht mehr an Gott? Das ist in deinem Zustand völlig normal. Wer in einer Depression gefangen ist, kann nicht mehr glauben. Das gehört sozusagen zum Wesen der Depression dazu. Du trägst keine Verantwortung dafür. Du bist unschuldig.« Ich atmete tief auf. Das war eine durch und durch befreiende Botschaft. Wenn ich keine Schuld an meinem Unglauben trug, dann brauchte ich mich nicht zu fürchten, vor gar nichts.

Die zwei Monate waren um, und ich ging zu meinem Arzt. Er stellte die erwartete Diagnose: Depression. Er verschrieb mir ein Medikament, das den zu schnellen Abbau des Serotonins verzögerte, und verschaffte mir eine Therapie bei einem Psychotherapeuten. Dort konnte ich mein Leben ausbreiten, meine Fehler zugeben, über meine enttäuschten Hoffnungen sprechen und Kraft schöpfen für das Weiterleben. Langsam ging es aufwärts. Der Himmel bekam sein Blau zurück, die Bäume ihr Grün und die Blumen ihre Farbe. Und ganz langsam, mit dem Auftauchen aus der Dunkelheit, konnte ich wieder fühlen – Freude, Trauer, Ärger und Wut, Liebe.

Entscheidend aber war, dass auch mein Glaube wiederkam. Im Nachhinein begriff ich den Sinn meiner Krankheit. Ich hatte in meiner Depression eine Lektion zu lernen, die ich nur dort lernen konnte: Gott ist größer als mein Glaube und größer als mein Unglaube, größer vor allem als meine Depression. Ich konnte Gott nicht mehr festhalten; aber ich wusste später: Er hatte mich festgehalten. Gott ist nicht abhängig davon, ob ich die Kraft habe, an ihn zu glauben. Denn das ist gerade der Sinn und der Kern des evangelischen Glaubens an Gott: dass er für mich da ist, bevor ich überhaupt glauben kann, bevor ich lieben und etwas leisten kann. Ich erkannte fast wie zum ersten Mal: Gott ist für den Menschen da. Allein aus Gnade schenkt Gott den Glauben, und wenn man den Glauben nicht halten kann, ist Gottes Gnade nicht zu Ende. Sie bleibt, wenn alles andere schwindet. Christlicher Glaube ist nicht das Sahnehäubchen auf der Torte eines gelingenden Lebens, sondern ist Gnade für den, der glauben möchte und nicht kann, ist Trost für den, der Gott halten möchte und ihn nicht halten kann.

Aus der Versenkung ans Licht gekommen

Die Voraussetzung für diese Mut machenden Gedanken war allerdings, dass ich mich nicht scheute, fachliche Hilfe anzunehmen. Drei Dinge waren besonders hilfreich, um aus der Versenkung wieder ans Licht zu kommen: eine fachlich kompetente Seelsorge durch einen Kollegen, die Psychotherapie durch einen Therapeuten und die medizinische Versorgung durch einen Psychiater und Neurologen. In diesen drei Hilfsangeboten zusammen habe ich Gottes Hilfe erfahren.

Diederich Lüken