Luther, Zwerge und jede Menge Streit
20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz. Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)
In Wittenberg regt bis September eine spektakuläre Kunstaktion zur Auseinandersetzung mit dem Reformator an
Martin Luther ist etwa einen Meter groß und ganz aus Plastik. Rund 800 rot, grün oder blau gefärbte Luther-Zwerge des Nürnberger Aktionskünstlers Ottmar Hörl stehen derzeit auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, ganz ordentlich in Reih und Glied. Alle sind sie dem normalerweise auf dem Marktplatz stehenden, im 19. Jahrhundert von Johann Gottfried Schadow errichteten Lutherdenkmal nachempfunden, das noch bis zum 12. September restauriert wird.
»Martin Luther hat sich selbst nie auf einen Sockel gestellt«, sagte Hörl bei der Übergabe des Kunstwerks am vergangenen Sonntag. »Luther hat sich immer ganz kleingemacht.« Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Bevollmächtigter in Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, die Initiative zu der Kunstaktion ergriffen hatte, sollen die Lutherfiguren zur Auseinandersetzung mit dem Reformator anregen. »Ist Luther ein Heiliger, gehört er auf einen Sockel oder mitten ins Leben?«, fragte Dorgerloh bei der Eröffnung der Kunstaktion. »Ich glaube, Luther stünde heute mittendrin, und würde versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.«
Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Der ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Wittenberg und frühere DDR-Bürgerrechtler bezeichnete das Kunstwerk als »theologisches und ästhetisches Schindluder«, das mit Luther getrieben werde. »Martin Luther ist doch nicht serienmäßig zu haben«, wetterte der Theologe, der schon Monate vor Beginn der Kunstaktion scharfe Kritik daran äußerte. Mehr noch, es sei ein »geschmackloser Ablasshandel mit Plastefiguren«, wenn die Lutherzwerge nach Ende der Aktion an Interessierte in der ganzen Welt verkauft werden.
Stephan Dorgerloh allerdings hält dagegen: »Von Feuerland bis Lappland entsteht dann ein Netz aus Botschaftern für Wittenberg«, beschreibt der Prälat die Vision. Schon heute fände sich eine Lutherfigur in Thailand, und eine weitere im Arbeitszimmer des finnischen Erzbischofs.
Und der Oberbürgermeister Wittenbergs, Eckhard Naumann (SPD), erinnerte daran, dass Martin Luther eine »universelle Persönlichkeit« gewesen sei. Luther zufolge sei jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. »Deswegen kann auch jeder, der sich eine kleine Lutherfigur kauft, selbst entscheiden, was er damit macht.«
Benjamin Lassiwe
