Akteneinsicht

22. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Vojen Syrovatka gibt seine Lebensgeschichte als Sohn eines politischen Häftlings an Jugendliche weiter

»Im Fadenkreuz der Geheimpolizei« war das Motto eines Seminars, bei dem ein Zeitzeuge von der politischen Verfolgung in der ­ehemaligen CSSR spricht.

Wir durften Vater nur einmal im halben Jahr 15 bis 20 Minuten sehen. Meist war ein Draht zwischen uns oder ein Fenster.« Wenn Vojen ­Syrovatka heute davon erzählt, wie er als Kind mit Mutter und Schwester in den 1950er Jahren seinen Vater im ­Gefängnis besuchte, klingt das weit weg. Für die 32 deutschen und tschechischen Jugendlichen, die ihm bei ­einem Seminar in der Dresdner Brücke/Most-Stiftung gespannt zuhören, ist das Geschichte. Sie sind zwischen 16 und 19 Jahren alt und haben den Sozialismus nicht erlebt.

Vojen Syrovatka studiert gemeinsam mit Schülern aus Most Kopien aus der Stasi-Akte seines Vaters, der zwischen 1949 und 1963 in politischer Haft war. Fotos: Robert Gommlich

Vojen Syrovatka studiert gemeinsam mit Schülern aus Most Kopien aus der Stasi-Akte seines Vaters, der zwischen 1949 und 1963 in politischer Haft war. Fotos: Robert Gommlich

»Doch das ist nahe Geschichte, ­deren Einfluss auf unser heutiges Leben noch sehr stark ist«, meint einer der Jugendlichen, der 16-jährige Mittelschüler Tomas Kochlöffel aus Most (Brüx). Für Vojen Syrovatka war das bis vor Kurzem noch unendlich entfernte Vergangenheit. Erst als er letztes Jahr knapp 10000 Akten aus dem Archiv der Staatssicherheit in Prag über seinen Vater ausgehändigt bekam, änderte sich das.

»Der Zugang zu den Stasiakten besteht ja schon länger, aber ich war ständig unterwegs und habe mir dafür keine Zeit genommen«, sagt der 71-Jährige. Seine wachen Augen liegen tief unter buschigen Augenbrauen. Wer bei seinem ergrauten Rauschebart an einen orthodoxen Priester denkt, liegt fast richtig. Syrovatka ist bis heute evangelischer Pfarrer, davon zwischen 1971 und 1990 im nordböhmischen Rumburk (Rumburg).

Erst als ihn ein Mitarbeiter des Stasi-Archivs wegen seines Vaters sprechen wollte, befasste er sich mit dessen Vergangenheit aus der Sicht der Spitzel. Die Akten halfen ihm, die ­Erinnerungen wachzurufen. Ein Jahr nach seiner Geburt ging der Vater in den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Okkupanten. Nach dem Krieg gehörte er zu einer Armeeeinheit, die die Deutschen vor der wilden Vertreibung schützen sollte und war doch wehrlos, als das deutsche Kindermädchen seiner Frau von fanatischen Tschechen umgebracht wurde.

Nur kurze Zeit später wurde er selbst Opfer der Repression. Als ­entschiedener Antikommunist verbrachte er seit 1949 14 Jahre ­seines ­Lebens hinter Gittern und in schwersten Arbeitslagern wie dem Uranbergbau in Jachymov (Joachimsthal) im Erzgebirge.

Dass ihm seine jungen Zuhörer aufmerksam an den Lippen kleben, hat auch damit zu tun, dass Syrovatka in ihrem Alter war, als er mit der Abwesenheit des Vaters leben musste. »Erst wurde mir die Elektromechanikerlehre verwehrt, später durfte ich nicht auf die Hochschule«, schildert Vojen Syrovatka die Folgen. Die politische Verfolgung hatte Auswirkungen bis ins alltägliche Leben der Familie. Seine Mutter bekam nur schlecht bezahlte und körperlich schwere Arbeit und keiner wollte mit ihnen zu tun ­haben. Dazu die ständigen Verhöre.

Mit der vorzeitigen Freilassung des Vaters in der politischen Tauwetterphase der 1960er Jahre war es jedoch nicht getan. Die Familie hatte sich entfremdet. »Viele zerbrachen daran«, unterstreicht Syrovatka.
Ihm selbst war der Antikommunismus des Vaters lange zu radikal. Er setzte große Hoffnungen auf den ­Prager Frühling, dass der Sozialismus sich als reformfähig erweisen würde. »Nach 1968 musste ich dem Vater recht geben«, sagt Syrovatka heute.

Da beendete er gerade sein Theologiestudium, wurde Pfarrer in Rumburk, wo er 1977 als einer der ersten die Charta 77 unterzeichnete und fortan selbst der Geheimpolizei ausgesetzt war. »Meine Mutter nahm das sehr mit. Erst damals wurde mir klar, wie stark sie unter der politischen Haft des Vaters gelitten hat«, schließt Syrovatka.
Ob er glaubt, dass sich die Geschichte wiederholt, fragt ihn zum Abschluss einer der Jugendlichen. »Das hängt auch von euch ab, ob ihr nachdenkt, euch im System gut orientiert und nicht Ideologen verfallt«, gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg.

Steffen Neumann

Die Stasiakten der ehemaligen CSSR

Das Seminar »Im Fadenkreuz der Geheimpolizei« wurde im Rahmen eines ­Zeitzeugenprojekts der Brücke/Most-Stiftung und des Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem (Aussig) organisiert.
In Tschechien ist seit Mitte der 1990er Jahre die Einsicht in die Akten der Staatssicherheit möglich. Seit 2008 gibt es ein gemeinsames Archiv, das alle Geheimdienstakten zwischen 1945 und 1992 vereint und erforscht. Bemerkenswert ist die Vielzahl an Diplom- und Doktorarbeiten zu dem Thema. Bis heute werden Angestellte im tschechischen Staatsdienst obligatorisch auf Stasi-­Mitarbeit überprüft.

Einspruch!

11. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Die Akten der Staatssicherheit gelten vielen als Kronzeugen für eine erfolgreiche Unterwanderung und Steuerung der DDR-Kirchen. Doch wie zuverlässig sind die Hinterlassenschaften?

Dass die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) trotz ihres erhaltenen Aktenbestandes von 178 laufenden Kilometern nicht ausreicht, um der DDR-Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wird niemand infrage stellen. Was der Geheimdienst bienenfleißig, interessengeleitet und menschenverachtend an Informationen gesammelt hat, kann nicht für bare Münze genommen werden, sondern muss sich an anderen Quellen messen lassen. Selbst als zeitgeschichtliche Primärquelle können sie nicht dienen, obschon die Enthüllungsliteratur der 90er Jahre dies weitgehend praktiziert hat. »Wer dem problematischen Charakter der Stasiakten nicht Rechnung trägt, setzt ihr Zerstörungswerk fort«, ist sich der Thüringer Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große sicher. »Auch die verheerende Wirkung missbrauchter oder fahrlässig gehandhabter Akten gehören zur Wirkungsgeschichte des MfS.«

1999 wurde Ludwig Große von seiner Landeskirche und der Jenaer Theologischen Fakultät beauftragt, Einflussversuche des MfS auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und über sie auf die Organe des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) exemplarisch zu prüfen und den Umgang mit Stasiakten aus hermeneutischer Sicht zu erörtern.

Der 1933 in Zeutsch geborene Tannrodaer Gemeindepfarrer, Saalfelder Superintendent, Leiter der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft und Eisenacher Oberkirchenrat für Ausbildung und Erziehung weiß, wovon er redet, war er doch selbst 28 Jahre lang aktenkundig im Visier der Staatssicherheit, wurde in drei operativen Vorgängen mit dem Ziel der Zersetzung bearbeitet und war wegen seines mutigen Auftretens der Lieblingsfeind staatlicher Stellen. Als Synodaler seit 1964 in Thüringen und seit 1974 auch im DDR-Kirchenbund, Mitglied in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, in der Beratergruppe zwischen ostdeutschem BEK und westdeutscher EKD und schließlich im Thüringer Landeskirchenrat, bekam der Theologe auf allen ­Ebenen Informationen aus erster Hand. Offizielle kirchliche Verlautbarungen, aber auch sorgsam archivierte interne Gremienprotokolle und persönliche Aufzeichnungen ermöglichten es, der vielschichtigen Wahrheit im Vergleich von Stasiakten, kirchlicher Überlieferung und Zeitzeugeninterviews näherzukommen. Wobei letzteren besondere Bedeutung zukommt, wenn es um die Geschichte ­einer Diktatur geht, in der Widerständiges aus naheliegendem Grund oft nur mündlich oder verschlüsselt weiterge­geben wurde.

Nun liegt das Ergebnis der Recherchen vor in einem von der Evangelischen Verlagsanstalt herausgegebenem dicken Band mit dem Titel »Einspruch!« und ­einem Vorwort des letzten Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Gleich die ersten Buchseiten zeigen am Beispiel der Vorgänge um den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen«, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die verschiedenen Quellen reden. Während staatliche Stellen und das MfS von der gelungenen Spaltung der Landeskirchen einerseits und der Träger des Symbols und den Kirchen andererseits zu berichten wissen, dokumentieren kirchliche Informationen, u. a. im Blick auf das am 7. April 1982 stattgefundene Gespräch der Konferenz der Kirchenleitungen mit Staatssekretär Klaus Gysi in dieser Sache, eine geschlossene kirchliche Front. »Wer die staatlichen Texte mit den kirchlichen vergleicht, muss sich fragen: Ist hier von der gleichen Veranstaltung die Rede?«

Wenn ein Zeitzeuge die Akten ehemaliger Gegner liest und sie bei einer Fülle von Fallbeispielen mit eigenen Quellen und den Erfahrungen Dritter zusammenbringt, wird auch nicht die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit herauskommen. »Ein bewusst oder unbewusst wirksames Vorverständnis liegt jeder Untersuchung zugrunde, auch dieser«, gibt der Autor zu. Wer ihn kennt, wird ohnehin nicht eine leidenschaftslos nüchterne Bilanz erwarten, sondern eine Streitschrift.

Sie bietet auftragsgemäß und notwendigerweise keine lückenlose Chronik der MfS-Einflussversuche auf die Thüringer Kirche, sondern nur exemplarisch untersuchte Vorgänge und Texte. Wobei sich manches, was in der Superintendentur Saalfeld vor sich ging, nicht unbedingt auf alle anderen Regionen oder Landeskirchen übertragen lässt. Immer wieder wichtig ist dem Autor der Hinweis auf die von den Genossen völlig unterschätzte politische Wirkung biblischer Texte als Handlungsgrundlage einer Kirche, die Ludwig Große immer als Versammlung aller Gläubigen und nicht als Institution begreift.

Dass die Einschätzung der Kirche durch das MfS nach energischem »Einspruch« verlangt und deren geheime Akten der Auslegung bedürfen und nicht als Kronzeugen verwendet werden können, wird durchgängig deutlich. Und auch, dass jeder Vorgang für sich bewertet werden muss im Spiegel unterschiedlicher Aussagen. Wenn dafür jetzt mehr kirchliche Quellen und Zeitzeugenberichte zur Verfügung stehen als vorher, ist das ein Verdienst dieses Buches und seines kenntnisreichen Verfassers. Eine Unmenge von Anmerkungen, Dokumenten, umfangreiche Literatur-, Personen- und Sachregister fördern Verständnis und Weiterarbeit.

Christine Lässig

Buchcover-EinspruchGroße, Ludwig: Einspruch!
Das Verhältnis von Kirche und Staatssicherheit im Spiegel gegensätzlicher Überlieferungen,
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig,
776 S., ISBN 978-3-374-02713-2, 38,00 Euro

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Telefon (03643)246161