Letzte Ruhe im Zitronenhain

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Unweit der Stierkampfarena: Der älteste protestantische Friedhof im katholischen Spanien ist in Andalusien zu finden.

Wie immer sonntags, hat sich Malagas anglikanische Gemeinde zum Gottesdienst in der Friedhofskapelle versammelt. Ein kleiner Tempel, in dem viel gesungen und gebetet, vor allem aber auch gelacht wird. Die Toten ringsum stört das nicht. Viele sind vermutlich froh gewesen, im katholischen Spanien überhaupt einen Grabplatz gefunden zu haben. Für Protestanten nämlich gab es nicht nur in Malaga jahrhundertelang keinen Friedhof. »In der Regel wurden deren Leichen«, erzählt eine Stadtführerin, »am Sandstrand mit dem Kopf nach oben eingegraben. Wenn die Hunde schneller waren als das Meer, erledigten sie den Rest«.

Eine furchtbare Vorstellung. Und eine schwere Hypothek für alle Nicht-Katholiken in Spaniens Süden, wo sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine kleine protestantische Kolonie – vorwiegend englische Geschäftsträger und Unternehmer – angesiedelt hatte. William Mark, von 1824 bis 1836 britischer Konsul in Malaga, erwarb deshalb 1830 einen Zitronenhain außerhalb der Stadt, um seine protestantischen Landsleute würdevoll zu beerdigen. Ein Jahr später war es so weit: Spanien hatte seinen ersten protestantischen Friedhof.

Ende des Jahrzehnts kam die Friedhofskapelle hinzu. Ein Tempel mit dorischen Säulen, in der die Church of England heute ihre Gottesdienste feiert. 1865 schließlich wurde der Friedhofseingang im gotischen Stil mit zwei von Löwen gesäumten Pfeilern neu gefasst. Der Friedhof selbst ist heute Eigentum einer Stiftung, die auch für seinen Unterhalt sorgt. Dazu trägt auch das kleine Eintrittsgeld bei, das Besucher vor ihrem Rundgang am Eingang entrichten.

Neue Gräber nämlich werden seit Jahren nicht mehr ausgehoben, sodass der Stiftung Einnahmen aus einem Friedhofsbetrieb fehlen.

2012 wurde der erste protestantische Friedhof Spaniens zum geschützten Kulturgut erklärt, zum Zeugen kleiner und großer Geschichte. Zum Touristenziel inzwischen auch, bietet er doch, keine fünf Fußminuten vom geschäftigen Strand der sechstgrößten spanischen Stadt entfernt, eine Oase der Ruhe. Eingebettet in grüner Natur ruhen mehr als Tausend Tote auf dem leicht ansteigenden Gelände in kleinen und großen Gräbern jeder Stilart – vom Klassizismus über Neogotik bis zum Jugendstil.

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

Der erste Prominente, der auf dem Friedhof seine letzte Ruhe fand, war der irische Lieutnant Robert Boyd (1805 – 1831). Er gehörte zu den halben Hundert Männer um General Torrijos, die Anfang der 1830er-Jahre einen Putsch gegen den absolutistischen spanischen König Ferdinand VII. planten.

Weil man ihr Vorhaben aber verriet, wurden sie an Malagas Playa San Andres hingerichtet. Während an die Katholiken der Verschwörung heute ein Denkmal auf der »Plaza de la Merced« erinnert, wurde Boyd auf dem seinerzeit neuen Friedhof begraben. Boyd ist nicht der einzig Prominente, der in Malaga seinen ewigen Frieden gefunden hat. Auch der spanische Dichter Jorge Guillén (1893 – 1984) und der britische Schriftsteller Edward Fitzgerald Brenan (1894 – 1987) mit seiner Frau sind hier begraben.

Deutsche Besucher suchen aber meist die Gräber ihrer Landsleute auf, die im Winter des Jahres 1900 vor der Küste Malagas einen schrecklichen Tod fanden: Beim Untergang des Schulschiffes »Gneisenau« starben mindestens 40 der rund 450 Marinesoldaten. Kaum einer, der heute an Malagas Stränden Urlaub macht, ahnt, welche Kraft das Mittelmeer entfesseln kann. So wie an jenem Dezembertag, als ein Wettersturz die Besatzung des Schulschiffes dazu zwang, ihren Ankerplatz vor der Küste aufzugeben, wo die Gneisenau im Rahmen ihrer Afrika-Mission lag. Bei Windstärke 8 war an Segelsetzen nicht mehr zu denken – und die alte Dampfmaschine konnte dem Sturm nicht trotzen. Mit voller Wucht wurde das Schiff auf die Hafenmole geworfen, wo es zerbrach und innerhalb einer guten halben Stunde gesunken ist. Hunderte von Spaniern kamen den Gestrandeten zwar schnell zu Hilfe, für mindestens 40 Männer der Schiffsbesatzung aber war es zu spät. Auch 12 Spanier ließen bei der Hilfsaktion ihr Leben, weshalb Deutschland 1909 der Stadt zum Dank eine eiserne Fußgängerbrücke über den Fluss Guadalmedina schenkte.

Karl Kretschmann – Kapitän »der schwimmenden Repräsentanz des Deutschen Kaiserreiches«, wie das Schiff einmal genannt wurde – liegt heute in einem monumentalen Grab auf Malagas protestantischem Friedhof. Den Vorwurf, trotz Unwetterwarnung nicht rechtzeitig den schützenden Hafen aufgesucht zu haben, musste er mit ins Grab nehmen. Wenig weiter liegt ein weiteres Mitglied der Schiffsführung, Karl Theodor Tutmann aus Dresden. »Die Liebe höret nimmer auf«, steht auf seinem Grab, »so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das Erkenntnis aufhören wird« –
ein Spruch aus dem ersten Korintherbrief Vers 13/8.

Ohne große Sprüche, schlicht und einfach, sind die Schiffsjungen in Malaga begraben, der jüngste nicht einmal 15 Jahre alt.

Günter Schenk

Der »Cementerio Inglés« ist täglich außer montags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.
www.cementerioinglesmalaga.org

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Raub der Heiligen

21. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kastagnetten und Kirchenglocken: Im Herzen Spaniens ist ein Heiligenfest Ende September besonders spektakulär.

Die Männer mit den zwei Heiligen auf den Schultern machen Tempo. Irgendwo in den Gassen nämlich lauern Diebe, trachten Nachbarn nach den Zwillingsbrüdern auf ihrer von Nelken geschmückten Trage. Kosmas und Damian wollen sie an den Kragen, den Bärtigen mit dem Heiligenschein. Jährlich am 27. September sind sie in Arnedo auf Tour, der kleinen Schuhstadt in La Rioja, Spaniens wichtigster Weinbauprovinz.

Wie immer zum Fest der beiden stehen die Bürger ihren Stadtpatronen Spalier und warten auf die Burschen aus der Nachbarschaft, die ihnen die Heiligen rauben wollen. »Robo de los Santos« heißt der Brauch, einer der ausgefallensten Spaniens. Es ist der religiöse Auftakt zu einem weltlichen Spektakel, zu einer Woche mit Jubel, Trubel und Heiterkeit, zu einer typischen Fiesta eben.

Punkt elf verlassen Kosmas und Damian ihr Domizil, die alte Pfarrkirche hoch über dem Städtchen. Kastagnetten und Glockenklang begleiten ihren Auszug. Im Feststaat sind viele Bürger gekommen, einige gar in Tracht. Richtung Rathaus geht es weiter, durch alte Gassen ins Zentrum Arnedos. Plötzlich aber geraten die Heiligen in Bedrängnis, attackiert ein gutes Dutzend meist junger Burschen die Männer mit der Trage. Doch schnell reagieren die Einheimischen, drängen die Heiligenräuber unsanft ab. »Autrono« rufen sie den Bösewichtern hinterher, den Fremden aus der Nachbarprovinz Navarra, die Kosmas und Damian für sich beanspruchen.

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert geht das so, reklamieren die Menschen in Navarra die beiden Heiligen für sich. Denn früher, so erzählt eine Legende, seien Kosmas und Damian in Andosilla zuhause gewesen, wo sie die Bürger Arnedos irgendwann gestohlen hätten. Historisch gibt es dafür keine Belege. Aber bis heute kommen die Navarros Jahr für Jahr noch immer gern nach Arnedo, um lautstark und öffentlich die Rückgabe der Heiligen zu fordern. Schon früh morgens singen sie den beiden ihre Loblieder.

Das Volk Arnedos ist dann meist müde auf dem Heimweg, kehrt zurück von den vielen Festen, mit denen es am Vortag, dem Namenstag der beiden Heiligen, gefeiert hat. Heiße Schokolade und Fettgebackenes warten jetzt auf die Spätheimkehrer, ein Muntermacher nach durchzechter Nacht.

Immer wieder reklamiert das halbe Hundert Burschen aus Navarra die Heiligen für sich. In Liedern und Gedichten tragen sie den Bürgern Arnedos ihre Argumente vor, wie immer witzig und wortreich. Doch die geben Kosmas und Damian nicht frei. »Autrono!«, machen sie die Schönredner nieder, die wenig später die letzte Attacke starten. Es ist der dritte und letzte Raubversuch, mehr sind im Drehbuch des Brauches nicht vorgesehen.

Gegen Mittag kehren Kosmas und Damian stets in die Kirche zurück. Das ist das Startsignal für acht lange Feiertage; für eine spanische Festwoche, die jeden Morgen mit dem Lauf der Stiere startet. Dem traditionellen Encierro, bei dem die Wagemutigsten aus Arnedo kräftigen Bullen vorausrennen, in einem Holzgatter bis zur Arena quer durch die Neustadt.

Mittags brutzeln Fisch und Fleisch in riesigen Pfannen und Töpfen, servieren die sogenannten Penas das Beste aus Küche und Keller. Es sind Gesellschaften, die das Heiligenfest organisieren. Für die Jüngsten gibt es Marionettenspiel, für die Älteren Volkstheater und Stierkampf. Bis tief in die Nacht spielen dann die Orchester, tanzt und singt man auf den Straßen.

Der Raub der Heiligen ist dann längst vergessen. Das kleine Spektakel zum Festbeginn, das Arnedos Kirchweih zum großen Fest hat werden lassen.

Günter Schenk

Die Bärtigen mit dem Heiligenschein

Kosmas und Damian waren der Überlieferung nach Zwillingsbrüder im heutigen Syrien. Als Ärzte hätten sie die Menschen kostenlos behandelt und so zum Christentum bekehrt. Im Gefolge der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian seien sie gefoltert und schließlich enthauptet worden. Auch wenn sichere historische Nachrichten über ihr Wirken fehlen, gilt der bereits um das Jahr 500 belegte Kult um die beiden Heiligen als Beleg für den historischen Kern der vielen über sie verbreiteten Legenden.

Viele Kirchen wurden in ihrem Namen erbaut. Im Mittelalter fanden die Mediziner vor allem in den immer wieder von Epidemien bedrohten Großstädten Verehrung. Um 850 brachte ein Hildesheimer Bischof einen Teil ihrer Reliquien nach Deutschland. Heute finden sich Teile ihre Gebeine auch in Essen und München. Ammen, Ärzten, Apothekern, Drogisten, Friseuren, Krämern und Zuckerbäckern gelten sie als Schutzpatron. Der Gedenktag der beiden Heiligen ist in der römisch-katholischen Kirche der 26. September.


Askese mit Käse und Seife

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Im lutherisch geprägten skandinavischen Land entstehen katholische Klöster neu

In alter Zisterzienser-Tradition arbeiten und beten in Norwegen wieder Nonnen und Mönche in neu gegründeten Abteien.

Durch eine große Glaswand fällt der Blick frei auf den Fjord mit seinem dunkelblauen Wasser und den steilen Felswänden. Das kunstvoll gestaltete Holzdach bricht die Sonnenstrahlen in ein Spiel aus Licht und Schatten. Eine Glocke ertönt. Schweigend ziehen zwölf katholische Ordensfrauen in die Kirche ein. Sie singen das Stundengebet. Eine Schwester spielt die Harfe, eine andere an der Orgel. Die hellen Stimmen reißen den Besucher mit, zusammen mit der Landschaft vor dem Fenster entsteht eine ungewöhnlich spirituelle Atmosphäre.
Die Schwestern gehören zum Zisterzienserorden. Die Ordensgemeinschaft, die in Sachsen etwa die Klöster Marienstern und Marienthal betreibt und in Sachsen-Anhalt das Kloster Helfta bei Eisleben neu belebte, ist seit einigen Jahren auch wieder im lutherischen Norwegen ansässig. Auf der Insel Tautra, nahezu direkt gegenüber von Trondheim gelegen, hat sie mithilfe des deutschen katholischen Bonifatiuswerks das mit fünf Architekturpreisen ausgezeichnete Marienkloster errichtet. An einem Ort, wo schon im Mittelalter ein Zisterzienserkloster bestand.

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

»Als wir 1999 kamen und uns hier niederlassen wollten, haben die Nachbarn davon gesprochen, dass die Schwestern nach Hause zurückgekehrt seien«, sagt die Oberin des Klosters, Mutter Gilkrist Lavigne. Heute verdienen die Ordensschwestern ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Cremes und Seifen. Ein kleiner Klosterladen ist für Touristen geöffnet, und wer bereit ist, sich auf den klösterlichen Lebensstil einzulassen, kann auch »Tage der Stille« im Kloster erleben. »Manche Besucher geben uns sogar ihr Handy, damit sie wirklich ungestört sind«, sagt Mutter Gilkrist. Wer als Novizin in den Orden eintritt, muss zwei Jahre ohne jeden Internetzugang aushalten.

»Die Leute sollen wieder ein Buch lesen können – und wieder in Berührung mit Gott kommen«, sagt die Oberin. »Wir leben hier einen völlig anderen Lebensstil.« Die alltäglichen Arbeiten im Kloster werden schweigend verrichtet. Die entstandene Stille nützten die Schwestern zum Gebet. »Unser Leben ist völlig auf Gott und Christus ausgerichtet«, sagt Mutter Gilkrist. »Denn das ist doch der Sinn unseres Lebens.«

»Das asketische Leben der Mönche und Nonnen ist in unserer heutigen Welt etwas völlig Fremdes«, sagt der katholische Bischof von Oslo und apostolische Administrator von Trondheim, Bent Eidsvig. Aber gerade die völlige Hingabe für den Glauben mache katholische Orden im lutherisch geprägten, aber immer säkularer werdenden Norwegen interessant. Denn die Zisterzienserinnen auf Tautra sind nicht die einzige Neugründung eines Klosters, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Am Rande von Trondheim etwa haben sich die Birgittinnen niedergelassen. Sie betreiben in der Stadt ein Gästehaus, das auch Urlaubern offen steht. Oder Pilgern aller Konfessionen, die, wie auf dem berühmten Jakobsweg in Spanien, von Oslo aus zum Nidaros-Dom nach Trondheim wandern, wo der heilige Olav, der Patron Norwegens, begraben ist. Und etwas weiter außerhalb, in Munkeby, ganz in der Nähe der zum Nordkap führenden Europastraße 6, ist ein Kloster des Zisterzienser-Männerordens entstanden.

Mit den berühmten Klöstern in Citeaux, Cluny oder Marienthal ist der Neubau nicht vergleichbar – in Munkeby steht eine Art Einfamilienhaus mit angeschlossener Kapelle. Vier Mönche haben sich dort niedergelassen und produzieren Käse nach dem Vorbild im französischen Citeaux. Und zwar nicht nur zum Verkauf an durchreisende Urlauber in einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz vor dem Kloster. »Unser Käse wird mittlerweile beim Staatsbankett im königlichen Palast serviert«, sagt Bruder Joel, der aus Frankreich nach Norwegen kam.

Die Milch beziehen die Mönche von ihren Nachbarn – dadurch sind sie schnell Teil der lokalen Gesellschaft geworden. »In Norwegen müssen Sie selbst den ersten Schritt gehen«, sagt Bruder Joel. »Wer hier herkommt und auf die Menschen wartet, wird erleben, dass sie nicht kommen.«

Benjamin Lassiwe

Spanien: Schritt zur Gleichbehandlung von Protestanten

23. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis heute leidet die Kirche unter der ›historischen Schuld‹ des spanischen Staates gegenüber unseren evangelischen Pfarrern«, sagt Joel Cortés, Präsident der Iglesia Evangelica Española (IEE). »Sie durften in der Zeit der Franco-Diktatur nicht in die Pensionskassen und die Sozialversicherung einzahlen. Das war ein ­Berufsverbot!« Nach dem Ende der Diktatur hat die spanische Regierung zwar das Unrecht anerkannt, aber nichts unternommen. Für die IEE hatte das zur Folge, dass sie den pensionierten Pfarrern die Pensionszahlung aus dem Haushalt bezahlte. Zuletzt mussten dafür 30 Prozent der Mittel aufgewendet werden, was die Entwicklung der Kirche enorm eingeschränkte.

Pfarrer Enno Haaks (Leipzig) ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes.

Pfarrer Enno Haaks (Leipzig) ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes.

Pfarrer Francisco Manzanas ist einer von diesen Pfarrern der IEE. Inzwischen ist er 85 Jahre alt. Er ist den Weg durch alle spanischen Gerichtsinstanzen gegangen, um staatliche Pensionszahlungen einzuklagen. Bis hin zum spanischen Verfassungs­gericht wurde seine Klage abgelehnt, obwohl die Verfassung aus dem Jahre 1978 eigentlich eine Gleichbehandlung der katholischen und der evangelischen Pfarrer vorsieht. Doch während die Regelung der Pensionen für katholische Priester sofort galt, wurde sie für evangelische Geistliche erst 22 Jahre später wirksam.
Es blieb nur noch der Weg zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Unterstützt wurde Pfarrer Manzanas dabei von seiner Kirche. Im März 2011 reichte er die Klage ein. Am 3. April 2012 verkündete das Gericht in Straßburg nun das Urteil und erklärt darin die Vorzugsbehandlung der katholischen Priester als Verstoß gegen Artikel 14 (Diskriminierungsverbot) der Menschenrechtskonvention. »Der Unterschied der Behandlung bei gleichen Situationen gründet einzig und allein in der Frage der Bevorzugung eines religiösen Bekenntnisses«, stellt Straßburg fest. Der spanische Staat wird aufgefordert, die historische Schuld wieder gutzumachen.
Betroffen sind davon neben den Geistlichen der IEE auch weitere ­Pfarrer anderer evangelischer Kirchen, insgesamt 150. Meist haben sie ein ­hohes Alter. Erst ab 1999 war es für die jüngeren Pfarrer möglich, in die Sozial- und Pensionskasse einzuzahlen. »Heute ist für alle Protestanten auf der Welt ein glücklicher Tag, denn mit dem Urteil aus Straßburg ist das Recht der freien Religionsausübung gefestigt worden«, sagt der Sohn von Pfarrer Manzanas, ebenfalls Pfarrer der IEE.
»Nach dem Urteil hat der Spanische Staat die moralische Verpflichtung, endlich seine Verantwortung ­gegenüber den Evangelischen in Spanien wahrzunehmen und die Pensionszahlungen zu übernehmen!«, fordert Präsident Cortes. Ein wichtiger Schritt in einem Land, in dessen ­öffentlichem Bewusstsein noch weithin die Überzeugung gilt: spanisch ist gleich katholisch.
Enno Haaks

Trommeln bis das Blut fließt

9. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Spanien: Karfreitag laut und wild – mit Pauken und Trommeln wird an das Erdbeben beim Tode Jesu erinnert


Die Ursprünge des Brauches liegen im Dunkel des Mittelalters. Heute ist das lärmende Inferno zur Erinnerung an den Tod Jesu Volksfest und Touristenattraktion zugleich.

Kurz vor Mitternacht kommt Leben ins Dorf, füllen sich in Hijar die Straßen. Alt und Jung ist auf den Beinen und wie immer am späten Abend des Gründonnerstags zieht es die Menschen Richtung Marktplatz. Kleine Trommeln haben die Damen unter dem Arm, große Pauken die Herren vor den Bauch geschnallt. Andächtig die einen, ausgelassen die anderen. Doch je weiter die Uhr Richtung Karfreitag rückt, verstummen die Gespräche. Fast unheimlich ist schließlich die Stille, die mit dem neuen Tag ein dumpfer Schlag durchdringt. Wie jedes Jahr haut der Bürgermeister auf eine riesige Pauke. Es ist der Auftakt zur lautesten Nacht des Jahres. Zu einem lärmenden Inferno, das die Ohren bis zur Schmerzgrenze strapaziert.

Mit Trommeln und Pauken: Die lautstarke Erinnerung an das Leiden und ­Sterben Jesu ist in Spanien längst keine Männerdomäne mehr. – Foto: Günter Schenk

Mit Trommeln und Pauken: Die lautstarke Erinnerung an das Leiden und ­Sterben Jesu ist in Spanien längst keine Männerdomäne mehr. – Foto: Günter Schenk

Wie in Hijar hauen Punkt Mitternacht auch in einer Handvoll umliegender Gemeinden Tausende auf die Pauke, strapazieren wie Besessene ihre großen und kleinen Trommeln. »Romper la hora« (»die Stunde zerschlagen«) heißt der Brauch, mit dem man im Herzen Spaniens des Leidens und Sterbens Christi gedenkt. Doch was früher in Nieder-Aragonien nur ein Stück lokaler Volksfrömmigkeit war, ist in der dünn besiedelten Region zwischen Madrid und Barcelona inzwischen eine touristische Attraktion. In Calanda, das sich selbst gern Trommelhauptstadt nennt, hat man den Brauch deshalb auf den Karfreitagmittag verlegt. Punkt Zwölf bricht hier das Inferno aus, strapazieren Tausende von Lärmenden die Ohren.

Ein alter Brauch, der nach Francos Tod populär wurde
In Aragonien aber ist die »Romper la hora« mehr als der Höhepunkt der Karwoche. Genau betrachtet ist es ein kollektiver Freudenrausch, beseelt von Wein, Bier und Schnäpsen, die wie zum rheinischen Karneval längst auch zu Spaniens religiös motivierten Karfreitagsriten gehören. Das gemeinsame Trinken, so deuten es manche Kulturforscher, erinnere an das letzte Abendmahl, mit dem Christus einst Abschied von seinen Jüngern nahm.
Über die Ursprünge des Brauches ist viel gerätselt worden. So macht in Calanda gern die Legende die Runde, dass am Karfreitag anno 1127 ein Schäfer mit wildem Getrommel die Dorfbewohner vor dem Überfall maurischer Ritter gewarnt habe. Seitdem würde in Calanda getrommelt. Verlässliche Quellen aber reichen allenfalls bis ins späte Mittelalter. So sind schon im frühen 16. Jahrhundert in Hijar von den Franziskanern organisierte Umzüge trommelnder Bruderschaften belegt.
Richtig populär aber wurde der Brauch erst nach dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975, als sich das demokratische Spanien mehr und mehr für neue Formen der Volksfrömmigkeit öffnete. Noch mehr Zulauf fanden die Karfreitagstrommler, nachdem neun Gemeinden 1970 mit der »Ruta del Tambor y Bombo« (»Route der Trommel und Pauke«) eine neue touristische Marke schufen, die schließlich zum Fest von nationalem touristischen Interesse deklariert wurde. Und mit den Fremden, die jetzt kamen, wuchs in den Dörfern die Lust am Trommeln weiter. Allein im 3500-Einwohner-Städtchen Calanda verdreifachte sich die Zahl der Fellverhauer im letzten halben Jahrhundert.

Junge Frauen geben heute beim Trommeln den Ton an
Heute gehören junge Frauen zu den Trommel-Motoren. So wie Maria, die mit fünf anderen Frauen vor der Disco in Hijar ihr Karfreitagsbier trinkt. Ausgelassen malträtieren sie immer wieder ihre Pauken, so als wollten sie den Burschen zeigen, wer heute in der Karwoche den Ton angibt. Zusammen bilden sie eine »Cuadrilla«, wie die Spanier die einzelnen Trommelgruppen nennen, die in Bruderschaften, Freundeskreisen oder familiären Verbänden organisiert sind. Manchmal sind es nur drei oder vier Leute, oft aber Gruppen von 30 und mehr. Hauen alle synchron auf ihre Felle, ist der Höhepunkt der Tamborada erreicht. Minuten kann die dauern, aber auch fast eine Stunde wie in den Trommelhochburgen Hijar oder Calanda.
Inzwischen gilt das gemeinsame Trommeln in Nieder-Aragonien als das wichtigste Stück regionaler Identität. Mancherorts ist fast die Hälfte des Dorfes in der Karwoche beim großen Trommeln dabei. Dann marschieren sie in Kolonnen, außen die Trommler, innen die Männer und Frauen mit den Pauken, zwischen den einzelnen Pasos, den dreidimensionalen Bildern vom Leiden und Sterben Christi. Diese Figuren finden sich in fast jeder spanischen Kirche und werden von Palmsonntag an durch die Straßen der Dörfer und Städte getragen werden.

Nur Weicheier schützen die Hände mit Handschuhen
Jesu Einzug nach Jerusalem zeigen sie ebenso wie seinen Kreuzweg, seine Schmähungen und Verhöhnungen, aber auch Maria, die leidende Mutter Gottes. Bumm-Bumm-Bumm! Noch immer hallt es durch die Dörfer entlang der Trommelroute. Mehr als 24 Stunden sind die Tapfersten jetzt schon unterwegs, manche mit blutverschmierten Fingern. Längst hat sich die Haut von den Knöcheln gelöst, tropft frisches Blut auf die Felle der Pauken. Rostrot werden sich die Flecken nächstes Jahr zeigen, sichtbarer Beweis für die Leidenschaft, die keinen Schmerz kennt. Nur Weicheier, so heißt es, tragen Handschuhe oder binden sich ein Tuch um die Knöchel.
Auch wenn man miteinander wetteifert, versucht, die anderen aus dem Takt zu bringen, am Schluss ist aus vielen Individuen eine neue Gemeinschaft geworden, aus einem kollektiven musikalischen Gedächtnis regionale Identität gewachsen.

Günter Schenk

Ein »würdevoller Tod« oder hässliche Tierquälerei?

23. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Als nationales Kulturgut verteidigt, als Tierquälerei verpönt entzweit er die Gemüter: Stierkampf in der Plaza de Toros, der Stierkampfarena. 	Foto: epd-bild

Als nationales Kulturgut verteidigt, als Tierquälerei verpönt entzweit er die Gemüter: Stierkampf in der Plaza de Toros, der Stierkampfarena. Foto: epd-bild


Spanien: Die Stierkampfsaison hat begonnen – und mit ihr lebt die Diskussion über das Ritual erneut auf.

Er hat eine jahrhundertelange Tradition – und er ist wie kaum ein anderes Ritual ein Dorn im Auge von Tierschützern: der Stierkampf im Süden Europas.

Es ist ein Bild wie aus dem Paradies. Sechs Stiere liegen im Schatten unter einer alten Steineiche. Das Gras auf den Weiden ringsum steht hoch, im Winter hat es viel geschneit, und aus der Sierra de Guardarama vor Madrid fließt viel Wasser herunter. »So gut wie diesen Kampfstieren geht es keinem Masttier«, sagt Manuel Sanz überzeugt. Er züchtet in Colmenar Viejo bei Madrid Kampfstiere und hat kein Verständnis für die Gegner des Stierkampfs, die in diesem Frühjahr erneut eine Debatte über das blutige Ritual in Gang gesetzt haben. In der Region Katalonien diskutiert das Parlament schon seit Langem über ein Verbot.

Der Tag hat für Manuel Sanz früh begonnen. Zwei Jungstiere sind mit den Hörnern aufeinander los, haben dabei eine Mauer durchbrochen, die die Weide begrenzt. Mit einem Geländewagen und laut hupend und rufend hat er sie schließlich wieder zu den anderen Tieren zurückgetrieben. »Zum Glück passiert das nicht ständig«, sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Im Schlachthof würden sie viel mehr leiden«
Auf der 400 Hektar großen Finca leben seine knapp 40 Stiere, nach Jahrgängen getrennt. Manuel Sanz füllt die Futterstellen auf, jeder Stier hat einen eigenen Trog. »Gerste, Mais, Hafer, Bohnen, Soja und ein Vitaminzusatz«, erklärt der Züchter. Währenddessen spricht er mit den Tieren, mal langsam und leise, dann ruft er wieder laut.

Fremden gegenüber sind die Tiere misstrauisch. »Die machen nichts«, versichert Sanz selbst, als die rund 400 Kilo schweren Tiere den Kopf ­senken und ihre Hörner zeigen. »Nur in der Arena greifen sie an, sie verteidigen sich ja, es geht um ihr Leben. Ein solcher Tod nach 20, 25 Minuten ist würdevoll«, ist der Züchter überzeugt. »Im Schlachthof hätten sie diese Möglichkeit nicht. Darum sage ich ja, dass sie dort mehr leiden.« Aber den Kritikern könne man das nicht ­erklären.

Manuel Sanz meint die Stierkampfgegner, die immer heftiger gegen die »fiesta nacional« protestieren. Im nordostspanischen Katalonien streiten die Parlamentarier seit Monaten über ein Verbot, bald soll die Entscheidung fallen. Die Anhörung im Parlament war der Spiegel eines sich schon seit Jahren wiederholenden Rituals, bei dem die Argumente längst ausgetauscht sind. Ein echter Dialog scheint kaum möglich: Für die einen ist Stierkampf eine Tierquälerei, für die anderen Hochkultur und ein Zeichen spanischer Identität. Die Frage, ob das ritualisierte Töten in der Arena ethisch zu rechtfertigen ist, hat die Fronten längst verhärtet.

Gegner sprechen von »Schule der Brutalität«
»So eine Schule der Brutalität darf niemals zum Kulturgut erklärt werden«, verlangten jüngst Teilnehmer einer Demonstration in der Madrider Innenstadt. Sie kritisierten die Pläne ­einiger spanischer Regionalregierungen, den Stierkampf als Kulturgut zu schützen und forderten, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich zu überprüfen.

Dabei gäbe es durchaus Ansatzpunkte für einen Dialog. Kaum etwas verachten etwa die Anhänger des Stierkampfs mehr, als ängstliche Toreros, deren zaghaftes Verhalten das Leiden des Stiers unnötig verlängert. So steht der Torero beim Töten des Tiers unmittelbar vor ihm, um ihm den Degen durch die Schulterblätter bis ins Herz zu stechen, während der Stier auf ihn zuläuft. Dreht sich der Torero zu früh weg, trifft er die fragliche Stelle nicht. »Das ist Tierquälerei«, schrieb darum auch einmal »El País« in einer Stierkampfkritik über einen Kampf, bei dem der Torero immer wieder vergeblich zum Töten ansetzte.

Aber auch Manuel Sanz ist von der Haltung der Tier- und Umweltschützer nicht so weit entfernt, wenn er über Landschaftsschutz und ausufernde Bebauungspläne spricht. Früher hätten die Züchter von Colmenar Viejo die Stiere aus der Madrider Sierra bis nach Madrid zu Fuß getrieben, erzählt er. Dafür benutzten sie die »Cañadas Reales«, königliche Viehwege, die König Alfons der Weise schon im 13. Jahrhundert unter Schutz gestellt hatte. Doch inzwischen werden diese traditionellen Wege immer mehr verbaut, verlaufen durch geschlossene Ortschaften. »Mit Kampfstieren kann man da nicht mehr durch«, sagt der Züchter.

Der Widerspruch zwischen der Fürsorge für die Tiere und dem Kampf in der Arena löst sich für Außen­stehende schwer auf. Vier Jahre zieht Manuel Sanz die Kampfstiere auf, sorgt sich darum, dass es ihnen gut geht, spricht mit ihnen. Aber wenn in der Arena ihr Blut fließt, sieht er ­keinen Grund für Mitleid. »Wenn sie in den Schlachthof kämen, das würde mich sehr schmerzen«, sagt er, und ­erklärt: »Diese Tiere sind nicht dafür da, im Schlachthof zu sterben. Sie sind dafür gemacht, in der Arena zu sterben.« (epd)

Hans-Günter Kellner