Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Auf der Suche nach dem »wahren Leben«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die junge Generation hat es schwer, ihren Weg zu finden

Über zwei Millionen Menschen haben sich das Gedicht der jungen Psychologiestudentin Julia Engelmann im Internet angeschaut. Bis in die Hauptnachrichten hat es dieser kleine Film auf der Internet-Plattform YouTube geschafft. Dabei ist es kein heiterer Film. Vielmehr handelt er – sehr berührend – von verpassten Chancen und Lebensträumen einer jungen Generation. Die Aussage des Gedichtes, das sich gegen die Lethargie junger Menschen wendet, lässt sich in einer Liedzeile bündeln, die sehr nachdenklich macht: »Eines Tages werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.«

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.«   www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.« www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Man könnte meinen, einer jungen, schlauen und gut aussehenden Frau stände die Welt offen und das Leben läge ihr zu Füßen. Hört man aber einmal bewusst dieser Generation zu, wird man bemerken, dass eine tiefe Traurigkeit und Angst in ihnen ist. Dass sie nach außen vor Selbstbewusstsein strotzt, aber tief in ihrem Inneren von Selbstzweifeln zernagt ist. Woran mag das liegen, hab ich mich oft gefragt, wenn ich diese Mitzwanziger treffe und ihnen im Gespräch begegne.

Ich glaube, dass die mittlere und ältere Generation es einfacher hatte, ihren Lebensweg zu beginnen. Es gab klare Strukturen, Menschen und Institutionen, an denen man sich reiben konnte und eine Welt, die es einem nicht immer einfach gemacht hat. Wir, die Älteren von uns, lernten Fahrradfahren ohne Helm, man konnte auf Bäume klettern ohne Väter und Mütter, die unten standen und besorgt nach oben schauten. Die Wege unserer Kindheit hörten nicht 500 Meter hinter dem Elternhaus auf. Wer sich verletzte, wurde meist erst ausgeschimpft und bekam dann ein Pflaster. Wer Ärger in der Schule hatte, musste sehen, wie er selber damit klar kam. All das ist den jungen Erwachsenen versagt geblieben. Unter den besorgten Blicken der Eltern wachsen die meisten überbehütet auf. Sie werden verteidigt und umsorgt, wo es nur geht. Sicherheitsmaßnahmen werden überall ergriffen, dass keinem ein Leid geschieht. Eine Rechtschutzversicherung haben viele, damit sie gegen Lehrer und Institutionen klagen können. Vom »wahren Leben« werden sie gerne abgeschirmt. Alltagstauglichkeit steht bei den wenigsten im Erziehungsprogramm. Der Glaube als Lebensbegleiter findet nur noch selten statt.

Natürlich liegt es in der Natur der Eltern, dass sie wollen, dass es dem Nachwuchs gut geht. Aber wo endet es, wenn man versucht, alles Leid und Komplikationen des Lebens von ihnen fernzuhalten? Sind sie erwachsen, sind sie zutiefst verunsichert, was denn das nun eigentlich ist – das Leben. Selbst gemachte Probleme – mag man denken. Aber die Uhr zurückdrehen kann man ebenso wenig, wie den Lauf und den Geist einer Zeit.

Was wir aber machen können ist, dieser Generation zur Seite zu stehen. Ihnen – im besten Falle – als Vorbild dienen und sie unterstützen bei der Suche nach dem »wahren Leben«. Ihnen bei ihrer Angst beistehen, wenn sie vor all den Möglichkeiten, die sie heute haben, den Weg nicht finden. Und ihnen auch die Geborgenheit und den Trost in Gott vorleben.

Inge Wollschläger