Malta: Wenn die Kirche zum Kreditinstitut wird

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Insel ist voll, hieß es noch vor zwei Jahren. Das bevölkerungsreichste Land der EU war vermutlich das einzige mit einer wirklichen Flüchtlingskrise. Die Insel mit einer Fläche von Rügen und 430 000 Einwohnern – 6,5 mal so viel, wie das Eiland in der Ostsee – führte lange die Asylstatistik in der Europäischen Union an.

Jeden Morgen standen und stehen diejenigen am Straßenrand, die es über das Meer von Libyen auf die Insel geschafft haben und bieten ihre Arbeitskraft für Niedrigstlöhne an. Denn einmal auf Malta gestrandet, kommen sie – mittellos – nicht mehr weg.

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Italien fängt die Boote bereits vor der Küste Libyens ab und bringt die Flüchtlinge entweder wieder zurück oder nach Kalabrien und Sizilien. Schätzungen zufolge, sagt Kim Hurst, Pastorin der schottischen St. Andrews Gemeinde in Valletta, sind aber, zum Teil schon seit mehreren Jahren, derzeit rund 9000 Flüchtlinge im Land. Sie zu integrieren, haben sich die Kirchen zur Aufgabe gemacht.

Ein Aktionsbündnis hat sich über Konfessionsgrenzen hinausgehend gegründet, initiiert vom ehemaligen Referenten für Entwicklungspolitik im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Oberkirchenrat Wilfried Steen. Am Beginn seines Ruhestands hat er für zwei Jahre die Pfarrstelle der Evangelisch-Ökumenischen Andreas Gemeinde auf Malta übernommen.

Noel Cauchi, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats, sitzt von Anfang an mit am runden Tisch. »Die Hilfen sind nötig«, sagt er. »Malta ist teuer geworden, die Mieten sind explodiert.« Anfänglich gab es keine Programme zur Integration. Mittlerweile werden regelmäßig Nahrungsmittelpakete für Bedürftige gepackt. 80 Familien können jede Woche unterstützt werden. Die schottische St. Andrews Church vermittelt Mikrokredite an Flüchtlinge. Bis zu 2500 Euro werden für den Einstieg in die Selbstständigkeit oder aber für ein Studium verliehen. Sobald Geld verdient werde, so die Abmachung, wird der Kredit wieder zurückgezahlt.

»Es funktioniert«, sagt Kim Hurst. Die Kirche habe sich Fachleute geholt und sei mittlerweile sogar als Bank öffentlich anerkannt. Im Keller des Kirchengebäudes in der Altstadt Vallettas hat man Räume für die Beratung eingerichtet. Restaurants, Bäckereien oder kleine Läden sind dadurch bereits entstanden.

Willi Wild

OKR i. R. Wilfried Steen ist Reisebegleiter der Leserreise nach Malta vom 8. bis 15. Mai 2018. Dabei sind unter anderem eine ökumenische Begegnung in der Andreas Gemeinde und Informationen über die Flüchtlingsarbeit der Kirchen vorgesehen. Informationen und Anmeldung: Telefon (0 36 43) 24 61 20

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Himmel und Erde küssen sich

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Popkultur: Siegerin einer Gesangsshow ist eine sizilianische Nonne

Ob sich da für einen Moment Himmel und Erde berührt haben? Was sonst kann es gewesen sein, das die italienischen Zuschauerinnen und Zuschauer der jüngsten Staffel der Gesangsshow »Voice of Italy« im Juni bewogen hat, die sizilianische Nonne Cristina Scuccia zur Siegerin zu küren? Und zwar mit deutlichen 62 Prozent der Stimmen.

Es ist unzweifelhaft: Die 25-Jährige ist begabt – mit einer starken Stimme und tänzerischem Talent. Das und ihr christlicher Glaube führten sie zur Musicalschule des Ursulinerinnen-Ordens nach Rom. Aber reicht das als Erklärung? Auch bei »Voice of Italiy« treten schließlich eine ganze Reihe von Talenten auf.

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Darum hat bei der Entscheidung für Schwester Cristina vermutlich noch etwas anderes mitgespielt, das mehr gewesen sein dürfte als der Paul-Potts- oder Susan-Boyle-Effekt. Deren Auftritte hatten das Publikum einer britischen Castingshow vor wenigen Jahren millionenfach zu Tränen gerührt und aus zwei unbekannten Hobby-Sängern quasi über Nacht Weltstars gemacht.

Wenn jedoch eine Nonne in schwarzer Tracht mit Kruzifix um den Hals über die Bühne wirbelt und mit ebenso starker Stimme wie Ausstrahlung übrigens durchaus weltliche Popsongs zum Klingen bringt, dann hat das wohl doch noch eine andere Qualität: Schwester Cristina vereint zwei Welten – Showbusiness und Klosterleben, Popkultur und »Ora et Labora«, weltliche Eitelkeiten und christliche Demut.

Gerade das scheint das Publikum im Innersten berührt zu haben, ebenso wie die Jurymitglieder, auf deren Gesichtern sich ungläubiges Staunen breitmachte, als sie wie üblich die Sängerin erst nach dem Ende ihres ersten Auftritts zu sehen bekamen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht im wahren Leben. Eine Nonne als Showstar. Das kannte man nur aus Hollywood: aus dem Musical »Sister Act«, das von einer als Ordensschwester verkleideten eher zweitklassigen Barsängerin erzählt, von ihrem Unterschlupf im Kloster und von der Macht der Musik.

Aber diese Nonne, die da im italienischen Fernsehen zu sehen war, war nicht verkleidet. Sie war echt. Authentisch. Glaubwürdig. Nicht nur in ihrem Gesang, auch in ihrer Botschaft. Weil sie die Aufforderung ihres Papstes ernst genommen hat, die Kirche solle mitten hineingehen in die Welt. Mitten hinein in die Welt: So hat es Schwester Cristina sogar geschafft, während einer Fernsehsendung mit dem Publikum das »Vaterunser« zu beten und dieses Gebet in Millionen von Wohnstuben hineinzutragen. Das war für die junge Sizilianerin wahrscheinlich der größte Erfolg.

Die singende Nonne verkörpert offenbar etwas, das hinausweist über unser irdisches Leben. Sie und ihr Erfolg lassen ahnen, dass viele Menschen die Sehnsucht teilen, für Momente die Banalität ihres Alltags hinter sich zu lassen, an etwas Höherem teilzuhaben. Auch die, denen ein personaler Gott und traditionelle Formen christlichen Lebens fremd geworden sind.

Schwester Cristina hat diesen Menschen etwas geschenkt, sie hat in ihnen etwas zum Klingen gebracht, dem man nur wünschen kann, dass es bleibt: das Gespür dafür, wie es ist, wenn sich Himmel und Erde berühren.

Annemarie Heibrock