»Jesus hätte uns nicht ausgegrenzt«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.)  und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet.	Foto: Steffen Giersch

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.) und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet. Foto: Steffen Giersch

Seelsorge: Wenn gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft vor Gott besiegeln wollen, gibt es Probleme

Thomas Friedrich und ­Marcel Bauer wollen für ihre Partnerschaft um Gottes ­Segen bitten. Doch in ­Sachsen ist das nicht in ­einem Gottesdienst möglich.

Es war der Karfreitag 2009. Marcel Bauer weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie er mit dem Chor in der Chemnitzer Kreuzkirche stand und Bachs Matthäuspassion sang. Und wie sein Blick auf ein Augenpaar im Publikum fiel. So fand Marcel Bauer mitten in einem Gotteshaus die Liebe. Sie heißt Thomas Friedrich und ist ein Mann.

Die beiden Männer verstecken sich nicht. Friedrich ist Leiter des renommierten Museums Gunzenhauser, Bauer ein stadtbekannter Friseur. Am 1. Dezember lassen die 33-Jährigen ihre Partnerschaft im Chemnitzer Standesamt förmlich eintragen. Seit 2001 ist das in Deutschland für homosexuelle Paare möglich. »Doch wir wollten auch vor Gott noch einmal sagen, dass wir zueinander stehen und seinen Segen dafür erbitten«, sagt Thomas Friedrich, der wie sein Partner aus einer christlichen Familie stammt und in der Chemnitzer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde zu Hause ist. Eine Segnung in einem Gottesdienst – das war ihr Wunsch. Mit der Bitte darum schrieben sie an den sächsischen Landesbischof, doch er lehnte ab.

»Das hat uns enttäuscht«, sagt Thomas Friedrich. »Wir sind vollwertige Mitglieder einer Kirchgemeinde – und da plötzlich nicht mehr. In anderen Landeskirchen ist die Segnung homosexueller Paare doch auch möglich.« Neun Landeskirchen – darunter die von Berlin-Brandenburg – lassen zwar keine Trauung, aber eine Segnung
der Partnerschaft zu. Andere Landeskirchen – darunter die von Anhalt – haben sich noch nicht entschieden. Sechs lehnen eine solche Segnung ausdrücklich ab (lesen Sie dazu den Beitrag rechts).

Zu ihnen gehört die sächsische Landeskirche. Deren Kirchenleitung hat 2001 beschlossen: »Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in ­Betracht. Wohl aber ist die Segnung homosexuell geprägter Menschen im Rahmen der persönlichen Seelsorge möglich.« Geht man von Schätzungen über die Zahl homosexueller Menschen in Deutschland aus, sind in der sächsischen Landeskirche mehrere Tausend Christen von dieser Aussage betroffen.

»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jesus Menschen so ausgegrenzt hätte«, sagt der Chemnitzer Thomas Friedrich. »Doch aus unserer Kirchgemeinde und der Kantorei, in der wir mitsingen, hatten wir von vornherein Rückendeckung. Warum soll ein Paar, das sich liebt, nicht den Segen bekommen, fragten viele.« Der Vorstand der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde jedenfalls hatte schon im Dezember mehrheitlich keine ­Bedenken gegenüber einer Segnung im Gottesdienst. Es folgten ­Monate mit Gesprächen und Schriftwechsel hin und her zwischen den beiden Männern, dem Pfarrer der Kirchgemeinde, dem Chemnitzer Superintendenten und dem Landesbischof ­Jochen Bohl.

Bei dem Beschluss der Kirchenleitung werde es auch in den nächsten Jahren unverändert bleiben, betont Bohl. »Auf die Inhalte des ­Kirchenleitungsbeschlusses ist der Ortspfarrer durch meinen Referenten und den Superintendenten hingewiesen worden. Er hat in dessen Rahmen gehandelt.«

Am Ende stand ein Familiengottesdienst am Sonnabendnachmittag vor Pfingsten: Die Kreuzkirche war voll mit Gästen, Angehörigen, Freunden und Kollegen des Paares. Der Chor sang. Doch ihren Segen erhielten Thomas Friedrich und Marcel Bauer eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn nur im »seelsorgerlichen Rahmen«: Ohne Musik, ganz schlicht. Nur ihre Familien und ihre Trauzeugen vom Standesamt waren dabei. Gemeinsam mit dem Pfarrer beteten sie um Gottes Segen für ihre Partnerschaft. Es war ein Kompromiss.

Ein Kompromiss freilich, um den fast jeder in dem folgenden Gottesdienst wusste – und der deshalb trotz allem zu ihrem Gottesdienst wurde. »Danach kamen viele Menschen zu uns und gratulierten uns herzlich«, ­erinnert sich Marcel Bauer. »Viele von ihnen hofften, dass die Tür offen bleibt, die wir aufgestoßen haben.« Und manche aus der Kirchgemeinde sagten den Männern: »Der Gottesdienst war schön – so schön normal.«

Andreas Roth