Ich sorge mich um deine Seele

15. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag



Zuhören
Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar,
als dass er sie mit ­Zuhören ­verbringen dürfte,
der wird nie Zeit haben für Gott und den Bruder,
sondern nur immer für sich selbst,
für seine eigenen Worte und Pläne.


Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Die Sorge um das Wohl und das Seelenheil des anderen ist allen Christinnen und Christen aufgegeben.
 

»Sie können jederzeit bei uns vorbeikommen, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen!« Gerade erst hatte die Frau ihren Mann ins Krankenhaus gebracht, voller Ungewissheit – da tat das aufrichtige Angebot einer Bekannten einfach gut.

Ein kleiner Satz, der zeigte: Da ist es jemandem wichtig, wie es mir geht.

Seelsorge: Jemand sorgt sich um die Seele eines Menschen; um sein Wohl, seine Bedürfnisse, sein Leben. Und um seine Beziehung zu Gott – um sein Seelenheil.

In der Vorstellung vieler Christinnen und Christen ist Seelsorge zur ­alleinigen Aufgabe der dafür ausgebildeten Pfarrerinnen und Pfarrer geworden.

Das aber war ursprünglich anders vorgesehen: Die Berichte, die das Neue Testament aus der Frühzeit der christlichen Gemeinde überliefert, setzen voraus, dass alle Gläubigen für die Seelsorge aneinander verantwortlich sind. »Nehmt euch der Nöte der Heiligen an«, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom, und: »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.«

Zuhören, mitfühlen, trösten oder praktische Hilfe leisten, das können alle Christen. Eine besondere Technik ist dafür nicht unbedingt notwendig. Was zählt, ist die Haltung – eine ­Haltung der Achtsamkeit und der Nächstenliebe.

Diese Haltung kann ­jeder einnehmen, egal ob theologisch oder therapeutisch gebildet oder nicht. Darum kann auch die Frage »Wie geht’s?«, die Einladung zum Kaffeetrinken oder der kurze Klön vorm Gemeindehaus zur Seelsorge werden.

Keine Situation ist zu banal, um jemandem zu zeigen: Es ist mir wichtig, wie es dir geht.

Gute Ratschläge sind dabei weniger gefragt. »Stattdessen ist es hilfreich, einen Menschen ein kleines Stück auf seinem Weg zu begleiten«, sagt etwa Pfarrerin Britta Möhring aus Schwerte, die ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche in die Technik des seelsorglichen Kurzgesprächs einführt.

Zu ihren Grundsätzen gehört: viel zuhören, weniger selber reden, nicht gleich ­wissen, was der andere meint. Denn: »Ich löse nicht für den anderen das Problem, sondern gehe mit ihm auf seiner Suche nach neuen Möglichkeiten«, so Möhring.

Die goldene Regel dabei lautet: zuhören, nicht selber reden. Den anderen ausreden lassen!

Oft kommt das eigentliche Thema erst nach einigen Sätzen.

Und: Wer zu schnell mit Ratschlägen bei der Hand ist, würgt ein Gespräch leicht ab.

Besser: mit dem Gesprächspartner gemeinsam nach neuen Möglichkeiten suchen.

Sätze wie: »Das wird schon wieder«, oder: »Irgendwann ist man darüber weg«, bergen zwar eine Wahrheit, nehmen die Gefühle des Gesprächspartners in der Situation aber nicht ernst. Besser fragt man: »Wie schaffst du das?«

Viele Menschen scheuen sich davor, andere auf ihre Trauer oder eine schwierige Situation anzusprechen. Tun Sie es trotzdem! Trauernde Menschen wollen andere mit ihrem Kummer nicht belästigen und verein­samen daher leicht.

Aber Vorsicht mit Bibelzitaten.

Auch wenn der Gesprächspartner sie als unpassend empfindet, wird er es kaum wagen, ­etwas dagegen zu sagen.

Als tröstend empfinden Menschen dagegen oft Sätze, die etwas »schenken«, etwa: »Ich denke an dich«, »Ich bete für dich«, »Ich wünsche dir viel Kraft und Gottes Segen«.

Mitweinen ist auch in Ordnung. Eine mitgeweinte Träne ist oft mehr Trost als 100 kluge Sätze.

Und: Auch praktische Hilfe und Unterstützung ist in manchen Situationen tätige Seelsorge.

Anke von Legat
Foto: © Bergsteiger

Fiktion trifft auf Realität

16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun.  Foto: epd-bild

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun. Foto: epd-bild


Drehbuchautoren holen sich bei Pfarrern Tipps für Filmstoffe

Wenn sich Schwester Hanna vom Kloster Kaltenthal aufs Fahrrad schwingt, um entlaufene Kinder oder Ehemänner einzufangen, dann beginnt für viele Fernsehzuschauer ein vergnüglicher Fernsehabend. Die ARD-Serie »Um Himmels Willen« zeigt einen unterhaltsamen Ausschnitt aus der Welt des Glaubens und der Kirche. Klischeehaft und unrealistisch oder sympathischer »Türöffner« für die Wahrnehmung des zentralen kirchlichen Arbeitsfeldes Seelsorge? Eine Begegnung von Seelsorge-Profis mit Drehbuchautoren und Medienexperten ermöglichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf einer Tagung in Köln.

»Wir wollen kein kirchliches Themen-Placement im fiktionalen Programm durchsetzen, sondern den Austausch von Experten fördern«, betont Markus Bräuer, EKD-Medienbeauftragter. Wie wichtig es ist, dass Fiktion auf Wirklichkeit trifft, zeigt sich an dem großen Interesse von Krimi-Autoren und Produzenten an dem kirchlichen Berufsalltag. Die Drehbuchschreiber wollen wissen, wo sich zwischen Büro, Kirchenbank und Unfallort beim Gemeindepfarrer, der Krankenhausseelsorgerin oder dem Polizeiseelsorger der Glaube abspielt – und was sie von Psychologen und Therapeuten unterscheidet.

Die Kölner Kinderkrankenhausseelsorgerin Christa Schindler erzählt von Eltern, die monatelang im Patientenzimmer zwischen Plastikstuhl und Bettkante leben, um beim schwer kranken Kind zu sein. Sie erzählt von dem Vater, der vor Verzweiflung einen Arzt zusammenschlug, weil er dessen »Fachchinesisch« nicht mehr ertragen konnte. Von den Eltern, die nach einem Unglück ihr totes Kind nicht mehr berühren durften, weil die Polizei zur Spurensicherung das Zimmer versiegeln musste.

»Wir sind Freiräume im System«, sagt Polizeiseelsorger und Landespfarrer Werner Schiewek aus Münster. Anders als Polizeipsychologen stünden die kirchlichen Seelsorger bei den Beamten nicht im Verdacht, gleich ­einen pathologischen Befund zu erstellen. Zwar stünden die Seelsorger für die Beamten nach Familie und Kollegen an letzter Stelle als persön­liche Helfer. »Aber wir sind niedrig schwellig ansprechbar, wir kennen die Logik der Polizei, müssen uns aber nicht daran halten – und alle wissen um unsere Schweigepflicht.«

Seelsorge in Verbindung mit Berufsethik stelle ein wachsendes Arbeitsfeld dar, auch im Unterricht während der Ausbildung, schildert Schiewek. Die Diskussion etwa über die ­polizeiliche Folterandrohung bei der Vernehmung des Kindesentführers Magnus Gäfgen berühre die Arbeit des Polizeiseelsorgers immer wieder. Oder die Frage des Umgangs mit Waffengewalt. Und wie ein unter Schweigepflicht stehender Seelsorger mit ­Äußerungen von Eltern umgeht, die vermutlich ihr Kind selbst töteten.

Im beruflichen Alltag eines kirchlichen Seelsorgers reiben sich Glaubens-, Sinn- und Schuldfragen. Polizeiseelsorger Schiewek und auch der Düsseldorfer Polizeihauptkommissar Wolfgang Lorenz würdigen, dass in einer wachsenden Zahl von TV-Produktionen, vor allem Krimiserien, durchaus theologische und berufspraktische Fragen lebensnah behandelt werden und die Figuren an Tiefenschärfe gewinnen. Kirche und Glauben müssen im fiktionalen Programm nicht nur als dekorative Kulisse dienen.

»Viele mögen bemängeln, dass Religion und Glauben im Alltag eher Privatsache geworden sind, und damit umso seltener offenkundig als gelebte Gemeindekirche im Fernsehen erscheinen«, sagt Pfarrer Christian Engels, evangelischer Senderbeauftragter der EKD für das Privatfernsehen. »Aber das ist meiner Meinung nach gut so.« Denn sonst gewännen wie in den 50er Jahren wieder »engelsgleiche und edelgute Pfarrer« die Oberhand. Derartiger »Kitsch« bleibe zumindest mit Blick auf Kirche dem Fernsehpublikum weitgehend erspart, sagt er.

Soll mehr gelebter Glaube im TV gezeigt werden, etwa wie Menschen beten oder die Arbeit eines Pfarrers als Teil einer lebendigen Gemeinde, der nicht als Kriminalist ermittelt? Da sind sich auch die Medienschaffenden uneins. Polizeiseelsorger Schiewek jedenfalls vermisst sich und seine Rolle nicht im TV. »Zu viel Büroarbeit, zu viele Gesprächssituationen, das ist dramaturgisch nicht sexy genug«, räumt er ein. Aber der Theologe hat jede Menge Stoffideen aus dem wahren Leben im Kopf, etwa von dem verdeckten ­Ermittler und seiner gebrochenen Biografie. Drehbuchautoren auf der Suche nach Stoffen sollten sich an den Münsteraner wenden.

Gabriele Fritz (epd)