Reformation ohne Luther

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweiz: Über das Reforma­tionsjahr bei den Eidgenossen und die Rolle der Reformatoren dort sprach Markus Wetterauer mit Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu dem 2,4 Millionen Protestanten gehören.

Sie sind am 31. Oktober, am Reformationstag, geboren. Ist das eine Freude oder Last für Sie als Theologe?
Locher:
Es ist eine Freude! In der Schweiz ist der 31. Oktober nicht so zentral wie hier. Bei uns wird Reformationssonntag gefeiert, nicht Reformationstag. Ich habe erst im Verlauf des Studiums herausgefunden, welche Bedeutung mein Geburtstag hat.

Wie wichtig ist das Reformations-Jubiläum in der Schweiz?
Locher:
Es ist schön, dass Sie vom Reformations-Jubiläum und nicht einfach vom Lutherjahr sprechen. Bei uns ist 2017 nicht so entscheidend wie hier in Deutschland. Bei uns war die Reformation kantonal, also nicht in der ganzen Eidgenossenschaft gleichzeitig, deshalb haben wir einen Termin gefunden, der allen passt – und das ist eben 2017.

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

In Mitteldeutschland ist Luther omnipräsent. Wie ist das in der Schweiz?
Locher:
Luther ist der wichtige Reformator auch für die Schweiz. Aber dann hat sich die Schweizer Reformation auch mit eigenen Persönlichkeiten entwickelt. In Zürich mit Huldrych Zwingli, dann mit Heinrich Bullinger, und in Genf mit Johannes Calvin und anderen.

Fangen wir mit Zwingli (1484–1531) an. Was war für ihn wichtig?
Locher:
Es waren dieselben Ideen der Kirchenerneuerung wie in Deutschland. Es ging auch hier darum, Glauben so neu zu fassen, dass er verständlich und zugänglich für die Menschen wird. »Solus christus« war für Zwingli ganz entscheidend: den Blick frei zu bekommen auf Jesus Christus.

Dann gibt es aber Eigenheiten. Zwingli legte viel Gewicht auf soziale Erneuerung. Er war eine politische Figur. Er wollte, dass das Söldnerwesen in Zürich beendet wird. Er wollte die Bildung verstärken. Zwinglis Kirchenerneuerung war eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft, und hier unterscheidet er sich ein bisschen vom Augustinermönch, der viel stärker den Glauben im Mittelpunkt hatte.

Calvin (1509–1564) hat dann noch mal andere Schwerpunkte gesetzt.
Locher:
Die sicher etwas vereinfachende Formel gilt noch: Luther hat den Glauben erneuert, Zwingli hat die Gesellschaft erneuert und Calvin hat die Theologie erneuert.
Calvin war der systematische Denker. Ich lese immer noch mit viel Gewinn Calvins »Institutio«. Ich glaube auch, dass Calvin als Reformator der zweiten Generation anders als Luther und Zwingli versucht hat, Brücken zu schlagen. Calvins Sakramentenlehre beispielsweise versucht, die Gräben in der Abendmahlsfrage zu überwinden.

Was ist denn übrig geblieben von den Ideen der beiden heute in der Schweiz – nach fast 500 Jahren?
Locher:
Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, wäre nicht so ohne die Reformation. Es gibt bis heute katholisch geprägte Kantone und reformiert geprägte Kantone. Aufs Ganze gesehen waren die reformierten Orte die fortschrittlichen, es waren die Stadt-Kantone, die der Reformation besonders zugetan waren. Das hat dann auch einen Graben geschaffen zwischen progressiven, auch wirtschaftlich erfolgreichen Orten – eher reformiert geprägt – und katholischen, eher ländlichen Gebieten.

Calvin hat ja vor allem in Genf gewirkt, Zwingli überwiegend in Zürich. Hat das die Regionen geprägt?
Locher:
Die Liturgie beispielsweise ist auf calvinischer Seite, also in den französisch-sprachigen Kantonen, näher am Lutherischen. Es ist weniger reduziert. Wenn Sie in einen reformierten Gottesdienst gehen und es nicht gewohnt sind, dann fragen Sie sich: Wo ist die Liturgie? Die Predigt spielt oft eine alles dominierende Rolle. Im Kanton Bern, wo ich herkomme, spricht man noch heute davon, dass man nicht in den Gottesdienst geht, sondern man geht »z’ Prädig«, also man geht »die Predigt hören«.

Kritisch wird hier in Deutschland das Verhältnis von Luther zu den Juden gesehen. War das bei den Schweizer Reformatoren ähnlich?
Locher:
Bei uns ist ein anderes Thema im Mittelpunkt, nämlich der Umgang der Reformierten mit den Täufern. Insbesondere in Zürich, wo sie in der Limmat ertränkt wurden – mit dem Segen der Reformatoren. Da haben schon große Buß-Akte stattgefunden. Das ist weitgehend aufgearbeitet.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Reformationsjahr in der Schweiz?
Locher:
Ich glaube, es würde dem Anliegen der Reformatoren diametral widersprechen, wenn wir hier Konfessionsgrenzen zelebrieren würden. Wir haben drei große Elemente zusammen mit der katholischen Kirche. Erstens haben wir einen gemeinsamen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Zweitens haben wir eine große Nationale Feier in Zug. Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Niklaus von Flüe. Er ist der auch über die Konfessionsgrenzen hinaus verehrte Heilige. Und drittens haben wir einen Festgottesdienst im Juni mit den Spitzen der Konfessionen.

Was ist für Sie persönlich der Kern, das Entscheidende der Reformation?
Locher:
Es ist für mich »solus christus«. Wie sagen wir das in einer Form, dass es nicht einfach frömmlerisch klingt? Oder dass es zwar nett ist, theologisch richtig, aber niemanden bewegt? Was heißt es denn heute: den Blick auf Christus frei bekommen? Was heißt es, in der Nachfolge zu sein? Die Herausforderung ist heute formal nicht dieselbe wie in der Reformationszeit, aber inhaltlich: die Menschen für Christus zu begeistern in einer Form, dass sie zeitgemäß ist.

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Pommes mit Maja

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Insekten könnten eines der Lebensmittel der Zukunft sein, darin sind sich Experten für Welternährung einig. Ein Schweizer findet: Warum nicht Bienen?

Sour Soup with Emmentaler – klingt gut, oder? Saure Suppe mit Emmentaler, wer könnte da widerstehen? Nichts würde besser passen zu dem quietschbunten Bretterverschlag, den der Schweizer Daniel Ambühl aufstellt, wenn er seine Spezialitäten bekannt macht – und genauso steht es auch angeschrieben, allerdings mit einem Wort mehr. Tatsächlich verkauft Ambühl nämlich »Saure Suppe mit Bienendrohnen aus dem Emmental«.

»Man erkennt das oft, dass Leute eine Schere im Kopf haben. Sie merken: Das Essen sieht gut aus und riecht auch lecker – und trotzdem müssen viele erst eine Barriere überwinden«, sagt er. Daniel Ambühl, 58 Jahre alt, ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Er glaubt so sehr daran, dass er ein Bienenkochbuch geschrieben hat. Es trägt den Namen »Beezza«, man erfährt darin, wie man Bienenpizza zubereitet, Bienenburger – und für die Pommes dazu die »Majanaise«, die man gewinnt, indem man den Saft von ausgedrückten Larven mit Essig, Öl, Senf und Salz verrührt.

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Ambühl ist nicht der Einzige, der mehr Insekten auf den Speiseplan der Menschen bringen will. Die Welternährungsorganisation FAO sieht darin eine Methode, die Welternährung zu sichern – schließlich sind in Insekten zahlreiche Nährstoffe und vor allem Proteine enthalten. Gleichzeitig seien sie aber mit wesentlich weniger Aufwand zu produzieren als etwa Fleisch. Das ist wichtig angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Mittlerweile gibt es einen Wettlauf unter Forschern. Es geht nicht darum, ob wir einmal Insekten essen werden, sondern welche. In Teilen von Asien, Afrika und Lateinamerika werden Insekten seit jeher verspeist, insgesamt rund 1 900 verschiedene Arten. Sie tragen laut FAO zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei.

»Bekannt geworden ist das Insektenessen in Europa über den Zoohandel. Dessen Lieferanten haben angefangen zu experimentieren, was auch Menschen schmecken könnte«, sagt Guido Ritter, Ökotrophologe an der Fachhochschule Münster – und bekennender Insektenesser. Heuschrecken und Mehlwürmer: So laute das Programm vieler Zuchtbetriebe.

Was sich in Europa noch im experimentellen Stadium befindet, das ist in Südostasien bereits eine Industrie – und nicht immer nehmen die Züchter es dabei mit Umweltschutzstandards oder nachhaltiger Produktion besonders genau, wie Ambühl sagt: »In Thailand gibt es massenhaft Grillenfarmen. Dort wird Hochproteinfutter verfüttert, das normalerweise Hühner kriegen. Das ist überhaupt nicht durchdacht.«

Ein ähnlicher Ansatz wird Guido Ritter zufolge in Südafrika verfolgt, wo Schlachtabfälle verfüttert würden. »Das würde bei uns nicht gehen, da die Europäische Union (EU) bereits festgelegt hat, dass Insekten in der Zucht so behandelt werden müssen wie andere Tiere auch. Und die dürfen keine Schlachtabfälle bekommen.«

Dass es auch anders geht, will Daniel Ambühl beweisen: Er verwendet in seiner Küche und seinen Kursen ausschließlich die Larven und Puppen der Drohnen, also der männlichen Bienen. Die Jugendform unter anderem deshalb, weil Honigbienen ihren Nachwuchs perfekt abgestimmt versorgen: »Deshalb haben die Tiere keinen Darm­inhalt. Das ist bei anderen Insekten ein Riesenproblem.«

Rund 2 000 bis 3 000 Drohnen werden jedes Jahr in einem Bienenstamm geboren, wie er erklärt. Gebraucht würden sie von Natur aus nur, wenn aus einem benachbarten Volk eine neue Königin hervorgehe und begattet werden müsse. Also gebe es für die Drohnenlarven keine Verwendung, vorhanden seien sie bei einer großen Zahl von Honigproduzenten trotzdem. »Es wäre für Imker überhaupt kein Problem, Drohnenlarven in Bio-Qualität zu produzieren«, sagt Ambühl. Genau genommen sei das oft jetzt schon der Fall. Nur wisse das meistens nicht mal der Imker selbst.

Doch egal, ob man Bienen, Mehlwürmer oder Heuschrecken züchtet: Welcher Europäer will das eigentlich essen? Vielleicht einer, der das Tier nicht in Gänze sieht, findet Ernährungswissenschaftler Ritter. Möglich seien etwa Snacks, Proteinriegel oder auch Burger. »Letztere gibt es schon in den Niederlanden und Belgien. Ich bin sicher: Bald schon wird man im Supermarkt Insektenschnitzel kaufen können.«

Bienenkoch Ambühl sieht das anders: »Man muss sich auf Leute konzentrieren, die wissen, dass wir nicht endlos Fleisch produzieren können. Die akzeptieren ganze Insekten dann viel eher.« Gerade bei jungen und gebildeten Menschen sei das häufig der Fall. »Das ist der Markt. Und nicht Leute, die etwas eigentlich gar nicht wollen«, sagt der Schweizer. »Sour Soup with Emmentaler Kingbees« – warum eigentlich nicht?

Sebastian Stoll

www.beezza.ch

Schweiz: Muslimische Teenager lösen Grundsatzdebatte aus

19. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brennpunkt Sekundarschule Therwil im Kanton Baselland: Hier verweigerten im vergangenen Herbst zwei muslimische Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Klassenlehrerin den Handschlag bei der Begrüßung, angeblich aus religiösen Gründen. Die Lehrerin meldete den Vorfall der Schulleiterin. Diese traf mit den Schülern schließlich eine »Vereinbarung«. Diese besagt, dass sie weiterhin der Lehrerin den Handschlag verweigern dürfen – unter der Bedingung, dass sie auch den Lehrern die Hand nicht geben. Damit die Lehrerin nicht einseitig diskriminiert wird, wie die Schulleiterin den Entscheid begründete.

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Man könnte den Vorfall unter dem Stichwort »Provinzposse« abbuchen, wenn er nicht den Nerv der Zeit treffen würde. Der Vorfall wurde vor zwei Wochen von der Sendung »Arena« des Schweizer Fernsehens zum Thema »Angst vor dem Islam?« erwähnt und führte sofort zu schweizweiten Schlagzeilen. Die Brisanz des Vorfalls liegt offenkundig darin, dass er eine unbewältigte Wertedebatte tangiert. Hier die nicht ausdiskutierten Fragen um die minimalen Standards einer Integration von Menschen aus anderen Kulturen, namentlich den Muslimen. Dort die anhaltende Genderdiskussion, die immer wieder aufbricht, wenn Frauen angeblich oder offensichtlich diskri­miniert werden.

In der Schweiz wird die Frage einerseits von Rechtspopulisten aus der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen – mit Volksinitiativen wie jene für ein Minarettverbot, die 2009 in der Volksabstimmung angenommen wurde, oder neulich mit der Lancierung einer Burkaverbots-Initiative. Zum andern versuchen gut meinende Pädagoginnen, mit einem Verzicht auf Weihnachtsfeiern die muslimischen Kinder nicht zu brüskieren. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein europäisches Land eine Leitkultur postulieren und durchsetzen soll, an der sich Migranten orientieren können. Dies hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt und ist auch in der Schweiz ein Tabu-Thema.

Die muslimischen Verbände in der Schweiz sind sich typischerweise nicht einig, wie weit sich Muslime anpassen sollen. Konservative Vertreter wie Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), zeigt ein gewisses Verständnis, findet die Vereinbarung von Therwil aber auch nicht glücklich. Er sieht das Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt, wenn der Handschlag verweigert wird.

Eigentlich wäre jetzt der Anlass gegeben für eine Grundsatzdiskussion über unaufgebbare Werte in einer europäischen Gesellschaft, die für viele (muslimische) Migranten so attraktiv ist. Aber damit scheinen europäische Gesellschaften überfordert zu sein.

Fritz Imhof

Bibelworte zu Herzen nehmen

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweizer Pfarrer und Informatikstudent entwickelt Bibel-App

Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel hat eine App zum Auswendiglernen der Bibel entwickelt. Fast eine Million Mal wurde das Programm des Theologen, der Informatik an der FernUniversität Hagen studiert, schon heruntergeladen.

So richtig ernst wurde es im Ski-Urlaub: Tagsüber sauste der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel mit seinen beiden Jungen und seiner Frau die Pisten rund um Morschach im Kanton Schwyz herunter. Abends tüftelte der Informatikstudent der Fern-Universität Hagen an seinem großen Projekt: einer App zum Auswendiglernen von Bibeltexten. »Da habe ich mir im Bett den Kopf zerbrochen, meine Familie war schon lange eingeschlummert.« Den kombinierten Ski- und Erfinderurlaub verbrachte Schafflützel vor mehr als vier Jahren. »Fertig ist die App natürlich noch nicht«, sagt Schafflützel, sein Lachen ist ansteckend. »Da kann man immer etwas verbessern«, erläutert der 41-Jährige.

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Doch ein großer Erfolg ist die App schon jetzt: Inzwischen wurde sie fast eine Million Mal heruntergeladen: in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch, Schwedisch und sogar in Koreanisch. »Die App ist für Jung und Alt, für jeden, der die Bibel besser kennenlernen will«, sagt der reformierte Theologe, der sich in Fischenthal im Zürcher Oberland eine Pfarrerstelle mit seiner Frau teilt. »Doch habe ich mit diesem großen Interesse an der App nicht gerechnet.«
Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg der Bibel-App? Es ist wohl die Benutzerfreundlichkeit.

Das Lernprogramm »Remember Me« basiert auf der Idee des Zettelkastensystems. Nutzer können auf virtuellen Lernkarten Bibelverse lesen und auswendig lernen. Dabei werden die Texte in die Kategorien »Neu«, »Fällig« und »Erinnert« unterteilt. »Eine Vorlesefunktion, Puzzles und andere Spiele sollen zusätzlich helfen, um mit dem Text vertraut zu werden«, sagt Schafflützel.

Wie aber entstand die Idee? »Ich wollte mir Bibelworte durch Auswendiglernen zu Herzen nehmen. Damit Gott auch durch diese Worte zu mir sprechen kann«, so der Pfarrer. Es sei ihm wichtiger, immer wieder mal einen gelernten Vers zu meditieren und dabei auf Gott zu hören. Zuerst lernte er die Bibeltexte mit Karteikarten, ganz altmodisch. Doch da die Informatik eine große irdische Leidenschaft des Geistlichen ist, war die Entwicklung der Bibel-App folgerichtig der nächste Schritt.

Schnell fand er ein Motto für sein Projekt – natürlich aus der Bibel: »Ich behalte dein Wort in meinem Herzen«, Psalm 119, Vers 11. Vor vier Jahren konnte der Pfarrer eine erste Version ins Netz stellen. »Die Reaktionen einiger User waren teilweise vernichtend«, räumt er ohne Umschweife ein. »Andere jedoch wollten helfen und schlugen sehr gute Weiterentwicklungen vor.« Profitiert hat Schafflützel auch von seinem Informatikstudium in Hagen. »Ich habe das Studium zunächst aufgenommen, um von meinem Alltag abzuschalten«, macht der Theologe klar. An einen Abschluss dachte er anfangs nicht. Jetzt aber peilt der Eidgenosse seinen Bachelor an – Anfang nächsten Jahres könnte es soweit sein.

Und wann kommt das nächste religiöse IT-Projekt? »Eigentlich habe ich noch kein neues Projekt in der Pipeline«, meint der Pfarrer. »Eine Idee wäre eine App für Gebete«, sagt er dann, nur um die Idee schnell wieder zu verwerfen. »Eine Gebete-App gibt es ja schon.« Doch der Schweizer kann sich mit seinem Lieblingsbuch selbst zu neuen Taten motivieren: der Bibel.
So heißt es im Matthäusevangelium, Kapitel 7: »Und wer da sucht, der findet.«

Jan Dirk Herbermann (epd)

www.remem.me

Schweiz: Wo sich Asylsuchende aufhalten dürfen …

21. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagelang hat die Schweiz in der vergangenen Woche ein de facto Randthema beschäftigt: Das westlich von Zürich gelegene und zum Kanton Aargau gehörende Städtchen Bremgarten war Objekt nationaler Schlagzeilen. Das Bundesamt für Migration hatte die Stadtbehörden dafür gewinnen können, die lokale Truppenunterkunft für ein Asylzentrum für 150 Asylsuchende zu nutzen. Das Bundesamt machte dabei die Konzession, dass die Stadt ein »Rayonverbot« (in Deutschland Haus- oder Platzverbot) für ­sensible öffentliche Plätze verhängen durfte. Das heißt, die in Bremgarten untergebrachten Asylsuchenden dürfen bestimmte Plätze, wo sich insbesondere Kinder aufhalten – Schulen und das lokale Schwimmbad – nicht, oder nur in Begleitung von Betreuern betreten.

In ersten Medienmitteilungen hieß es, auch Kirchen und ihre Vorplätze dürften von den Asylsuchenden nicht betreten werden. Doch dagegen nahmen – eher untypisch für das aufgeheizte Klima gegenüber den jungen Männern aus Nigeria und Nordafrika, welche im Zentrum des Interesses ­stehen – sogleich die Landeskirchen Stellung. Es kam zu einem Disput. ­Lokal- und Bundesbehörden sowie Medien meldeten Widersprüchliches. Menschenrechtler wandten ein, es fehlte an den rechtlichen Grundlagen für ein solches Verbot.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Das Beispiel Bremgarten macht den Konflikt und die Misere deutlich, in der die Schweiz aktuell steht. Sie sieht sich ihrer humanitären Tradition verpflichtet, hat es aber öfters mit jungen männlichen Asylbewerbern, die mit Drogenhandel und Kleinkriminalität auffallen, zu tun. Jedes neue ­Projekt, eine größere Zahl von Asylbewerbern lokal unterzubringen, führte daher bislang zu Ressentiments und organisiertem Widerstand der Bevölkerung. Dem wollten die Behörden in Bremgarten vorbeugen.

Das Schweizer Radio SRF wollte schließlich wissen, wie die Bevölkerung von Bremgarten selbst über die Sache denkt und holte Statements von Passanten ein. Die Überraschung war perfekt. Nicht einer der Angesprochenen fand die Aufenthaltsbeschränkungen für die zukünftigen Bewohner der Truppenunterkunft nötig oder sinnvoll. Auch die lokalen Kirchengemeinden nahmen dezidiert Stellung und lehnten die Einschränkungen ab. Die kantonalen Landeskirchen ihrerseits hatten schon zuvor beschlossen, einen Beratungsdienst für die ­Asyl­suchenden aufzubauen. Zwei Fachpersonen der Landeskirchen für interkulturelle und soziale Arbeit und Seelsorge sollen die Menschen im Asylzentrum begleiten und auf ihre sozialen und persönlichen Bedürfnisse und Fragen eingehen.

Haben die Behörden somit in ­vorauseilendem Gehorsam restriktive Maßnahmen beschlossen? Ist die ­Bevölkerung aufgeschlossener als es Behörden und politische Parteien zu wissen meinten? Die nahe Zukunft wird es zeigen.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Luther feierte Neujahr gleich zweimal

7. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Brauchtum: Der lange Weg zur Einheit – Katholiken und Protestanten hatten einst unterschiedliche Kalender

Was den Kalender und den Jahresbeginn anbetraf, so herrschte im mittelalterlichen Europa ein heilloses Durcheinander. Ein Beitrag über den Siegeszug des ­Gregorianischen Kalenders.

Der Kalender teilt unsere Zeit in Tage, Monate und Jahre. Er ist meist am Sonnenlauf oder Mondstand orientiert. Zwölf Monate weist das Jahr heute aus, das gewöhnlich aus 365 Tagen besteht. Doch weil das Jahr einen Viertel Tag länger ist, schieben wir alle vier Jahre ein Schaltjahr ein. Jahresschluss ist der 31. Dezember, Jahresbeginn der 1. Januar. Silvester und Neujahr aber markierten diese Daten nicht immer.

Ausgestattet mit Kostümen aus Pflanzenteilen und Kuhglocken ziehen die sogenannten »Silvesterchläuse« am 13. Januar durch die Dörfer im schweizerischen Kanton Sankt Gallen. Der Brauch erinnert daran, dass auch in Europa das neue Jahr längst nicht immer am gleichen Termin begann. Foto: picture alliance

Ausgestattet mit Kostümen aus Pflanzenteilen und Kuhglocken ziehen die sogenannten »Silvesterchläuse« am 13. Januar durch die Dörfer im schweizerischen Kanton Sankt Gallen. Der Brauch erinnert daran, dass auch in Europa das neue Jahr längst nicht immer am gleichen Termin begann. Foto: picture alliance

»Silvesterchläuse« nennt sich der bunte Maskentrupp, der noch heute jährlich am 13. Januar singend und lärmend durch die Täler im Schweizer Kanton Appenzell streift. Dann erst nämlich feiert das protestantische ­Urnäsch dort den Jahresschluss. Der eidgenössische Mummenschanz ist für jeden sichtbarer Beleg, dass der Jahresbeginn nicht immer gleich war. Schon in der Steinzeit hatten die Menschen ihr Leben an Phänomenen wie der Tagundnachtgleiche oder der Winter- und Sommersonnenwende orientiert. Zu den ersten ­richtigen Kalendermachern gehörten schließlich Babylonier und Ägypter. Auch Juden und Römer hatten ihre ­eigene Zeitrechnung.

Das römische Jahr begann am 1. März

So begann das römische Jahr einst am ersten März. Daran erinnern bis heute unsere Monatsnamen. So wurde der siebte Monat zum September, der achte zum Oktober und der zehnte zum Dezember. Januar und Februar gab es damals im Kalender offiziell nicht, da in dieser Zeit nicht gearbeitet wurde. Sogenannte »ungezählte Tage« füllten diese Lücke. Erst anno 720 vor Christus traten Januar und Februar an ihre Stelle. Mit 355 Tagen aber war das Jahr damals erheblich kürzer als heute, sodass man alle zwei Jahre mitten in den Februar einen Schaltmonat setzte. Ein kompliziertes und vom Volk kaum verstandenes Kalendersystem!

Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts wurde der Kalender reformiert, der Jahresbeginn auf den ersten Januar gesetzt. Doch die römischen Herrscher verlängerten oder kürzten immer wieder den Jahreslauf nach Gutdünken, ehe Julius Cäsar dem Wirrwarr ein Ende machte. Um das altrömische Jahr von seinen zehn Schalttagen zu befreien, verlängerte er die einzelnen Monate und fügte einmalig zwei Schaltmonate von zusammen 67 Tagen in den Kalender ein. Damit war der Julianische Kalender geboren, der aus dem Mondjahr endgültig ein Sonnenjahr gemacht hatte.

Festlegung des Geburtsfestes Christi

Die römischen Provinzen aber feierten den Jahreswechsel unterschiedlich weiter. So terminierte man in Kleinasien den Jahresbeginn auf den 23. September, den Geburtstag des Kaisers Augustus. In Ägypten fiel das Neujahrsfest auf den 29. August, an dem die Koptische Kirche im Oberen Niltal noch heute ihr liturgisches Jahr beginnt.

Aber auch im Kern Europas war der Jahresauftakt nicht einheitlich: Nachdem die Kirche im 4. Jahrhundert die Geburt Jesu auf den 25. Dezember festgelegt und damit die Grundlagen für unser Weihnachtsfest geschaffen hatte, galt in den kirchlichen Kanzleien der Geburtstag des Herrn als Neujahrstag. Vermutlich wollte die Kirche mit der Festlegung des Geburtsfestes Christi auf den 25. Dezember die am gleichen Tag stattfindenden Feiern zu Ehren des heidnischen Sonnengottes Mithras abwerten, den vor allem die römischen Soldaten verehrten. Der Feiertag für den Sonnengott wurde zum »Geburtstag der unbesiegbaren Sonne« umgedeutet, mit der damals Christus gemeint war.

Den Konflikt um den Beginn des Jahres aber löste auch die Festsetzung des Christ-Geburts-Festes nicht. Im Gegenteil: Während in den meisten deutschen und polnischen Erzbistümern, in Oberitalien, Ungarn und der Nordschweiz, Weihnachten zum neuen Jahresanfang wurde, fiel er in Teilen Frankreichs, später auch in England auf den 25. März, den Tag Mariä Verkündigung. Die Engländer hielten an dieser Zählung übrigens bis 1752 offiziell fest. Ähnlich ging es im Bistum Lausanne und im niederländischen Delft zu, wo man ebenfalls, wie in weiten Teilen Spaniens und Portugals, den 25. März als Neujahrstag feierte. Wieder eine andere Jahreseinteilung gab es in Köln, wo Kurienbeamte den Jahresauftakt auf Ostern gelegt hatten – eine Zählung, der sich Frankreich, Burgund, das Bistum Genf und Teile der Niederlande anschlossen.

Der von den heidnischen Römern bestimmte 1. Januar jedenfalls, darin waren sich fast alle Länder einig, war als Jahresauftakt eines Christenmenschen unwürdig. Eine Meinung, die 576 auch das Konzil von Tours teilte, das jedem, der an diesem Datum festhielt, mit der Exkommunikation drohte. Erst im 13. Jahrhundert besannen sich die ersten deutschen Städte auf die Vorzüge des Julianischen Kalenders. Zuerst Frankfurt, dann auch Münster und Augsburg. Länder wie Frankreich und die Spanischen Niederlande folgten. Für Martin Luther gab es deshalb gleich zwei Jahresanfänge, einen weltlichen am 1. Januar (»newer iars tag«) und einen geistlichen am 6. Januar, dem Fest der Taufe Jesu (»unsers Herrn Tauftag, der recht New jars tag«).

Um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang

Der Julianische Kalender aber hatte das Problem, dass nach seiner Rechnung das Jahr um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang war, was zu einer zunehmenden Abweichung vom Sonnenlauf führte. Papst Gregor XIII. schuf deshalb einen neuen Kalender, bei dem auf den 4. Oktober (julianisch) anno 1582 direkt der 15. Oktober (gregorianisch) folgte. Allerdings nahmen anfangs nur die katholischen Länder – voran Spanien, Portugal, Italien und Polen – die Reform an. Frankreich und Lothringen folgten. Die Niederlande konnten sich nicht eindeutig entscheiden – und in Skandinavien hörte ohnehin kaum jemand auf den Papst. Auch im Deutschen Reich war der Widerstand der Protestanten gegen den Gregorianischen Kalender groß. Folglich feierten Katholiken und Protestanten nebeneinander her, fand Weihnachten in katholischen Haushalten zehn Tage vor dem Fest in protestantischen Familien statt. Schließlich legten die protestantischen deutschen Fürsten einen eigenen »verbesserten Kalender« vor, den auch die protestantischen Kantone der Schweiz und die Skandinavier schließlich übernahmen.

Ausdehnung der Woche auf zehn Tage
Heillos durcheinander waren im Mittelalter so Europas Kalender. Auch als Papst Innozenz XII anno 1691 den Jahresbeginn seitens der katholischen Kirche offiziell auf den 1. Januar festlegte, bestärkte das die protestantischen Regionen erneut in ihrer Ablehnung des päpstlichen Kalenders. Zuletzt starteten die Franzosen eine Kalenderreform, deren Revolutionstruppen 1793 gesetzlich eine neue Jahreseinteilung verfügten. Zwölf Monate mit jeweils 30 Tagen hatte ihr Kalender, dem fünf (in Schaltjahren sechs) Tage angehängt wurden. Zum Jahresbeginn wurde die herbstliche Tagundnachtgleiche Mitte September bestimmt. Außerdem wurde die Woche auf zehn Tage ausgedehnt, der Tag nicht mehr in 24, sondern nur noch in zehn Stunden eingeteilt, die aus je 100 Minuten bestanden.

Doch schon wenig später musste Napoleon den Kalender und seine ­Dezimaluhr wieder abschaffen, hatten sich doch Bauern und Handwerker nicht mit der langen Arbeitswoche abfinden können. Auf Dauer war so der Siegeszug des Gregorianischen Kalenders nicht zu stoppen, zumal die päpstliche Kalenderreform auch auf der anderen Seite der Erdkugel immer mehr Wirkung zeigte. Japan rechnet seit 1872 gregorianisch, Griechenland seit 1923. Türken, Ägypter und Araber übernahmen 1972 die gregorianische Zählweise. Spätestens als China 1949 die neue Zeitrechnung einführte, war der 1. Januar rund um die Welt zum Neujahrstag geworden.

Günter Schenk

Das bessere Ich der Eidgenossen

13. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweiz: Ein Einsiedler bewahrte einst das Land vor dem Bürgerkrieg – und gilt bis heute als Friedenspatron


Wie kaum ein anderer Heiliger wird der eidgenössische Friedenspatron Bruder Klaus von evangelischen Christen verehrt. Auch in Deutschland. Woran liegt das?

Am Anfang stand ein Missverständnis. Als Martin Luther in einer Schrift gegen das Papsttum eine Vision des Niklaus von Flüe (1417–1487) zitierte, geschah dies aufgrund einer falschen Quelle. Luther hatte von einer Schau des Einsiedlers aus dem Kanton Obwalden erfahren, worin dieser angeblich ein Menschenantlitz erblickt hatte, das den Papst darstellte, umgeben von Schwertspitzen, die als Zeichen für die blutige Herrschaft des Kirchenführers gedeutet werden konnten.

Moralische Autorität für seine Zeitgenossen: Bruder Klaus in der ältesten erhaltenen Darstellung aus dem Jahre 1492. – Repro: Wikipedia

Moralische Autorität für seine Zeitgenossen: Bruder Klaus in der ältesten erhaltenen Darstellung aus dem Jahre 1492. – Repro: Wikipedia

Tatsächlich hat es diese Vision nie gegeben. Die Abbildung, auf die sich der Wittenberger Reformator im Jahr 1528 bezog, sollte eigentlich das Antlitz Christi zeigen, und die vermeintlichen Schwertspitzen repräsentierten die göttlichen Strahlen, die vom Erlöser in die Schöpfung ausgehen und wieder zu ihm zurückkehren. Die Darstellung stammte im Original von einem bemalten Tuch, das Niklaus von Flüe möglicherweise zur meditativen Betrachtung benutzte.

Doch die Tatsache, dass Luther derart ausdrücklich auf den Schweizer Gottesfreund Bezug nahm, der sich selbst schlicht Bruder Klaus nannte, erscheint dennoch aufschlussreich. Sie ist ein Beleg dafür, welch großes Ansehen dieser in den Augen der ersten Protestanten genoss, die dem Heiligenkult an sich sehr ablehnend gegenüberstanden. So bezeichnete der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli seinen Landsmann ehrfurchtsvoll als den »edlen Bruder Klaus«, während er ansonsten schon einmal Reliquien verbrennen und Prozessionen verbieten ließ.

Schon zu Lebzeiten hatte sich der Ruf des frommen Eidgenossen weit herum in Europa verbreitet. Als Niklaus von Flüe, ein wohlhabender Bauer und Ratsherr, im Alter von 50 Jahren Haus und Familie im innerschweizerischen Dorf Flüeli verließ, um sich als Eremit in die nahe Ranftschlucht zurückzuziehen, fand dort bald »täglich ein großer Volkszulauf« statt, wie eine zeitgenössische Quelle berichtet. Besondere Aufmerksamkeit bei den Pilgern erregte das wundersame Fasten des Mystikers, der offenbar bis auf die Hostie in der Messe keine Nahrung zu sich nahm.

Die nüchternen Reformatoren schätzten Bruder Klaus dagegen vor allem als moralische Autorität in einer Zeit korrupter weltlicher und geistlicher Mächte. Von den Zeugnissen seiner Spiritualität fand im evangelischen Wirkungsbereich sein »gewöhnliches Gebet« rasche Verbreitung bis nach Norddeutschland (siehe Kasten) und wurde durch die lutherischen Kirchenlieddichter Johann Heermann und Paul Gerhardt literarisch aufgenommen.

Geprägt hat den Nachruhm von Bruder Klaus jedoch ein historisches Ereignis, bei dem er selbst eine Schlüsselrolle spielte. Als mehrere Kantone seiner Heimat aufgrund von Konflikten untereinander an den Rand eines Bürgerkriegs gerieten, vermochte er 1481 mit einem geheim gebliebenen Ratschlag an die politischen Vertreter einen Friedensschluss zu vermitteln, der als »Stanser Verkommnis« in die Geschichte einging. Damit wurde er im Andenken seiner Landsleute zum »Vater des Vaterlandes«, der bis heute über alle Konfessionsgrenzen hinweg Verehrung genießt. »Das bessere Ich der Schweiz« nannte ihn einmal der reformierte Theologe Georges Méautis.

So wichtig war den Protestanten der Ratgeber aus dem Ranft, dass sich manche von ihnen gegen seine späte Heiligsprechung durch Papst Pius XII. im Jahr 1947 wehrten, weil sie darin eine Vereinnahmung seitens der katholischen Kirche sahen. Karl Barth, der evangelische Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, machte deutlich: »Trotz der Kanonisierung, die wir grundsätzlich ablehnen, bleibt Bruder Klaus auch unser Heiliger.«

In der Folge des Zweiten Weltkriegs wurde der Friedensstifter in Deutschland für viele Gläubige zur Symbolfigur für die Hoffnung auf Versöhnung und die Überwindung der Spaltung der Nation. Manche schrieben seinem geistigen Wirken auch die glückhafte Verschonung der Eidgenossenschaft von den Kriegswirren zu. Zum illustren Kreis seiner Bewunderer gehörte neben dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer unter anderem der Bild-Verleger Axel Springer. Der bekennende Lutheraner, der die Wiedervereinigung zeitweise als eine Art Privatprojekt betrieb, hatte sogar eine Statue des Visionärs in seinem Büro stehen.

Als 1975 Springers Chalet in der Nähe des Schweizer Nobelferienorts Gstaad einer Brandstiftung zum Opfer fiel, errichtete er einen Gedenkstein mit einem Bronzerelief des Nationalheiligen und dessen berühmt gewordenen Worten: »Was die Seele für den Leib, ist Gott für den Staat.« Der umstrittene Zeitungszar sah in Niklaus von Flüe, der selber weder lesen noch schreiben konnte, ein Vorbild für sein eigenes politisches Handeln. War dies vielleicht auch ein kleines Missverständnis?

Fabian Kramer