Der Herr des Tages und der Nacht
23. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Theologie: Tag und Nacht gehören zur Schöpfung Gottes und stehen unter seiner Herrschaft – Nachdenken über »Heilige Nächte«.
In der Nacht erscheint Gott dem Abraham, im Bethlehemer Stall wird des Nachts der Heiland geboren, der später ebenso in einer Nacht verraten wird. Ein nächtlicher Streifzug durch die Bibel.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!« – so beginnt ein Weihnachtslied von Dieter Trautwein (EG 56). Die tiefe Nacht der Gottesoffenbarung, die frohe Nacht der Geburt Jesu wird darin zur traurigen Nacht der Menschen in Beziehung gesetzt. In diesem Beziehungsgefüge leuchten Spuren dessen auf, was Nacht in der Bibel bedeutet.
Die Finsternis, das lehren die ersten Verse der Bibel, ist älter als das Licht. »Es werde Licht!«, spricht Gott als ersten Satz in der Schöpfung (1. Mose 1,3) und begrenzt mit diesem das Licht hervorbringenden Schöpferwort die Finsternis. Danach benennt Gott die Finsternis als Nacht und setzt sie sprachlich in Opposition zum Licht beziehungsweise zum Tag: Er »nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht«.
Tag und Nacht, Licht und Finsternis stehen so als aufeinanderbezogene Dimensionen unter dem Urteil, das Gott über seine Schöpfung gefällt hat: »Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut«.
Nach der Vertreibung aus dem Paradies, nach der Rettung der Menschheit durch die Sintflut hindurch verheißt Gott: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22).
Weder im Raum des Paradieses noch in dem der gefallenen Schöpfung wird also die Finsternis als unbegrenzte Macht oder absolute Kraft gedacht. Dies gilt trotz aller Gefahren, die nach biblischem Zeugnis die Nacht birgt als Zeit des menschlichen Versagens (zum Vergleich vor allem das Verhalten der Jünger Jesu in der Nacht seiner Verhaftung).
Dies gilt trotz aller todbringenden strafenden Begegnungen mit Gott in der Nacht (2. Mose 12,29+30) und allen Schmerzen, aller Angst, aller Einsamkeit und Unruhe, die vor allem die Psalmbeter und Hiob in Worte fassen. Und das gilt auch und vor allem angesichts des Todes, des dem Raum der Nacht zugeordneten Schlafes Bruder.
Dass die Nacht nicht gottlos ist, sondern dass die Finsternis vielmehr auch ein Bereich Gottes, ja ein Wohnort des göttlichen Geheimnisses ist, das wird in der Bibel vielfach bezeugt. Der weise König Salomo formuliert (1. Könige 8,12): »Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.«
»Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht« (EG 16, Strophe 5), dichtet Jochen Klepper in der Adventszeit 1938.
Zu dieser theologisch-weihnachtlichen Deutung der Nacht passt, dass die Nacht in der Bibel auch als die Zeit der Gottessuche und des Gebets verstanden wird: »Am Tage sendet der Herr seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.« (Psalm 42,9) Auch für Jesus, so berichten die Evangelien, war die Nacht der Raum für das persönliche Gebet (Lukas 6,12).
Vielfach werden in der Bibel nächtliche Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen bezeugt: In Träumen und Nachtgesichten erscheint Gott Jakob und Salomo; auch den nichtjüdischen König Abimelech warnt Gott im Traum und Paulus erfährt vielfach Gottes Ermutigung und Wegweisung in Nachtgesichten.
Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist die Nacht auch die Zeit der segensreichen Gottesoffenbarungen: In der Nacht verheißt Gott Abraham so viele Nachkommen als Sterne am Himmel zu sehen sind; in der Nacht sagt er Isaak seinen Segen und die Mehrung seiner Nachkommen zu; in der Nacht verheißt er durch den Propheten Nathan David und seinen Nachkommen das Königtum über Israel; in der Nacht offenbart er den Hirten die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem; in der Nacht erweist er seine Macht in der Auferweckung Jesu Christi vom Tode.
Auch die christliche Gottesdienstordnung ist von solchen Nachtbezügen gekennzeichnet: »In der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot …« heißt es in 1. Korinther 11,23 von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls – und bis heute feiert die christliche Gemeinde am Gründonnerstag einen Abend- oder Nachtgottesdienst. Die zwei wichtigsten nächtlichen Gottesdienste sind bis heute jedoch die Osternacht, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi, und natürlich das Weihnachtsfest. Das Licht der Osterkerze am Ostermorgen bezeugt wie die vielen Kerzen in den Gottesdiensten der Heiligen Nacht Jesus Christus, der von sich gesagt hat: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Johannes 8, 12)
Dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren ist, Christus in der Nacht des Ostersonntags auferstand, findet seine Fortsetzung darin, dass das Gericht, das der Wiederkunft Christi vorausgeht, an manchen Stellen in der Bibel als ein nächtliches Ereignis beschrieben wird. Erst nach Christi Wiederkunft, am Ende der Zeit, so erzählt es die Offenbarung, verschwinden Tag und Nacht, das Fortschreiten der Zeit, ja verschwindet die Dunkelheit und Finsternis für ewig: »Und es wird keine Nacht mehr sein … denn Gott der Herr wird sie erleuchten.« (Offenbarung 22, 5)
Bis die Nacht endgültig besiegt sein wird, feiert die Christenheit Weihnachten und singt dabei mit den Worten Martin Luthers: »Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis.« (EG 23, Vers 4)
Andreas Löw, der promovierte Theologe ist Pfarrer in Korntal.
Halbierter Segen über die Schöpfung
25. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch
Von der Notwendigkeit der geschlechtergerechten Theologie
Warum beginnt die Bibel mit dem Buchstaben Bet, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alefbets, und nicht mit Alef? Die Bibel beginnt mit Bet/B, so lautet eine der jüdischen Antworten, weil dies der Anfangsbuchstabe des Wortes beracha (= Segen) ist, während das Wort für Fluch mit Alef/A beginnt. Schon dem ersten Buchstaben der Bibel lässt sich also entnehmen, dass Gott von Anfang an Segen im Sinn hat. Gott segnet das Erschaffene – von den Wassertieren und Vögeln bis hin zum siebten Tag, dem Ruhetag.
Der Mensch, männlich und weiblich erschaffen, die ganze Menschheit wird gesegnet, nicht nur der Mann. Umso mehr muss überraschen, wenn dann wenige Kapitel später, beim Neuanfang nach der Flut, nur noch davon die Rede ist, dass Gott Noah und dessen Söhne, nicht aber Noahs Frau und die Schwiegertöchter segnet. Der Schöpfungssegen ist halbiert!
Ich lese diese kleine Notiz als einen sensiblen Beleg für biblischen Realismus und als eine Verlustanzeige: Zu den empfindlichsten Störungen der ursprünglich sehr guten Schöpfung gehören das Unsichtbarmachen, die Minderung und Verunglimpfung von Frauen, gehören männerorientierte und -zentrierte Strukturen, die unsere Lebenswelten bis heute prägen. Theologie und Kirche haben ihrerseits viel zur Etablierung und Aufrechterhaltung solcher Strukturen beigetragen. Sie haben etwa die Schwestern neben den Brüdern, die Jüngerinnen neben den Jüngern, die Prophetinnen neben den Propheten zum Verschwinden oder zum Schweigen gebracht. Sie haben Frauen ihre Gottesbildlichkeit abgesprochen und ihnen zugleich eine besondere Schuld am Bösen in der Welt aufgebürdet. Sie haben sie aus Leitungsfunktionen und -ämtern in den Gemeinden gedrängt und in den Raum der Familie verbannt.
Es ist seit Jahrzehnten das besondere Verdienst feministischer Theologie, dies aufzudecken und zugleich die verschütteten, verzerrten und verschwiegenen Gegentraditionen wiederzuentdecken. Welche verborgenen Schätze gilt es da neu zu heben!
Wir brauchen gar nicht so spektakuläre Fälle wie die Verwandlung der Junia in einen Junias (Römer 16,7) zu bemühen, um zu erkennen, wie schon in unseren Bibelübersetzungen unbewusste Tendenzen und bewusste Strategien am Werk sind, um Frauen zum Verschwinden zu verbringen. Dies setzt sich – um Vieles verschärft – in der Auslegungsgeschichte und der mit ihr verbundenen Dogmatik fort. Nur ein Beispiel dafür: Während man in der Alten Kirche einen gebärenden Gottvater kannte, während ein offizieller Konzilstext sogar von einer Gebärmutter Gottes des Vaters (uterus patris) spricht, gehen aktuelle dogmatische Lehrbücher davon aus, dass weibliche Lebenswelten nicht gleichnisfähig für Gott sind. In unserem Glaubensbekenntnis bezeugen wir Gottes »eingeborenen Sohn«. Nehmen wir dabei aber noch wahr und ernst, dass dies bedeutet: Gott gebiert? Wir sprechen im Zusammenhang der Taufe von Wiedergeburt. Doch wer gebiert uns da?
Nun ist »feministische Theologie« für viele Menschen, auch für manche Frauen in unseren Gemeinden, ein Reizwort, mit dem sie nichts zu tun haben möchten. Was aber ist so beunruhigend, was gar bedrohlich daran, dass Frauen sich nicht länger mit gemeint sehen, wenn von Brüdern die Rede ist? Dass sie auch sprachlich sichtbar sein wollen und vor allem Freude daran haben, das eigene Erbe einer unerwartet reichen Theologie- und Kirchengeschichte anzutreten? Lernen Sie doch einmal die Frauen der Reformation (und nicht nur die Frauen der Reformatoren!) oder die Mystikerinnen kennen! Freunden Sie sich doch einmal mit weiblichen Bildern für Gott an! Entdecken Sie die Heilige Geistkraft!
Feministische Theologie ist keine nur von Frauen für Frauen gemachte Theologie. Sie geht uns alle an. Und sie lässt sich auch nicht auf einige wenige Frauenfiguren und -traditionen beschränken. Es geht ihr um nicht weniger als den ganzen Segen für Männer und Frauen. Deshalb möchte ich auch lieber von geschlechtersensibler, geschlechtertransparenter oder geschlechtergerechter Theologie sprechen. Eine solche Theologie ist und bleibt notwendig, bis es wirklich wahr wird, dass es in Christus nicht mehr männlich und weiblich gibt (Galater 3,28). Der Geschlechterdual ist ja viel zu eng, um die bunte Vielfalt des Lebens zu beschreiben, das uns nach biblischer Verheißung blüht.
Magdalene L. Frettlöh
Literaturhinweis:
Schottroff, Luise, Wacker, Marie-Theres (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung,
Gütersloher Verlagshaus,
832 S., ISBN 978-3-579-00552-2, 39,95 Euro
Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Systematische Theologin an der Ruhr-Universität Bochum
