Nichts ist wertlos

31. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Oft ausgenutzt, unverstanden, gescheitert, aber dennoch glücklich – der Architekt Otmar Jordan

Genial und fantasievoll: Otmar Jordan erklärt die Funktion des Brunnens in seinem Hausgarten – gebaut wurde er ­natürlich nur aus »Abfall«-Materialien. Das Gerüst besteht beispielsweise aus Betonbohrkernen. – Foto: Harald Krille

Genial und fantasievoll: Otmar Jordan erklärt die Funktion des Brunnens in seinem Hausgarten – gebaut wurde er ­natürlich nur aus »Abfall«-Materialien. Das Gerüst besteht beispielsweise aus Betonbohrkernen. – Foto: Harald Krille

Vieles in seinem Leben lief anders als gewünscht. Dennoch hadert Otmar Jordan nicht mit seinem Schicksal. Im Gegenteil.

»Schauen Sie sich bloß nicht um, es sieht unaufgeräumt aus«, sagt er zur Begrüßung. Auf den ersten Blick scheint das »unaufgeräumt« für Haus und Wohnung, Hof und Garten des Weimarer Architekten eine fast beschönigende Beschreibung zu sein. Doch wie so oft im Leben täuscht der erste Blick. Dem zweiten offenbart sich eine erstaunliche Ordnung der Dinge. Und ein faszinierendes, kreatives Gestalten mit dem, was anderen nichts mehr bedeutet, was in ihren Augen unnütz ist. Ob alte Ofenkacheln, Möbel oder Baumaterialien – für Otmar Jordan ist nichts Geschaffenes und Gewordenes wertlos.

So schuf – und schafft – sich der heute 68-Jährige eine geradezu geniale Gegenwelt zur allgegenwärtig angestrebten Perfektion. Ein Gesamtkunstwerk – mit Anklängen an das Werk so begnadeter Künstler und Berufskollegen wie Antoni Gaudi oder Friedensreich Hundertwasser. Stolz führt Jordan durch seine Glashäuser und Wintergärten, in denen auf und zwischen abenteuerlichen Balkenkonstruktionen Dutzende Pflanzen wachsen und blühen. »Opferpflanzen« nennt er sie. Pflanzen, die irgendjemandem zu groß oder zu »unmodern« wurden, die halb vertrocknet und unverkäuflich im Supermarkt den Weg in die Tonne antreten sollten. Er gibt ihnen Raum. Wortwörtlich: Wenn eine Palme die Zimmerdecke erreicht, kommt Jordan nicht mit der Schere. Dann bricht er schon mal die ­Decke zum Dachgeschoss auf.

Vielleicht hat Otmar Jordans Zuneigung zum Weggeworfenen damit zu tun, dass er selbst im Leben an so vielen Stellen ein Gescheiterter ist. ­Jedenfalls auf den ersten Blick. Schon mit seinem Wunsch Biologie zu studieren, scheitert er am Willen seines Vaters. Stattdessen beginnt er an der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen – der heutigen Bauhaus-Uni – ein Architekturstudium. Intelligent und begabt wird er Forschungsstudent, soll im Rahmen einer Gruppenpromotion seinen Doktor­titel erwerben.

Doch der junge Genosse, »bewusst« in die »Sozialistische Einheitspartei Deutschlands« eingetreten, scheitert. Weil er einen klaren Verstand und eine eigene Meinung hat und weil seine Forschungsergebnisse nicht den ideologischen Vorgaben entsprechen. Als »Antikommunist und destruktives Element« wird er ohne Graduierung zum Wohnungsbaukombinat nach Erfurt »delegiert«. »Als Architekt im Plattenbau – wo ­sogar die Grundstruktur der Wohngebiete schon durch die notwendigen Bahnen der Montagekräne vorgegeben war« – Jordan hebt resigniert die Schultern. Zum wirklichen Architekten wird er erst viel später, im eigenen Heim. Einem Haus, das eigentlich ­abbruchreif war …

Doch er stellt sich neuen Herausforderungen: Für den Bau des Palastes der Republik in Berlin werden Mitarbeiter gesucht. Jordan meldet sich, plant am Prestigeobjekt des Staates mit. »Mit einem Mal war ich eine Adresse im Kombinat.« Als ein Bauleiter für die Druschba-Trasse, den deutschen Bauabschnitt der Erdgasleitung durch Sibirien, gesucht wird, ist Jordan wieder mit dabei.

In dieser Zeit, 1980, zerbricht seine in der »Palast-Zeit« geschlossene Ehe. Zu unterschiedlich die Erwartungen, zu lang die Trennungszeiten, zu unbändig der Wunsch nach Freiheit und Abenteuer, der ihn mit Freunden in der Freizeit illegal auf Achttausender Berge im sowjetisch-afghanischen Grenzgebiet treibt. »Im Blick auf das Ziel eine Familie zu gründen, bin ich wohl gescheitert«, so seine nüchterne Bilanz.

Nach einer kurzen beruflichen Episode beim Stadtbau Weimar lässt Jordan sich wieder »breitschlagen«: Weitere Einsätze in der sich verändernden und schließlich zerfallenden Sowjetunion. 1992 kommt er zurück – und steht vor dem Nichts. »Mit 49 Jahren, ohne Ahnung von einem Computer, ich konnte noch nicht mal einen Kopierer bedienen …«

Frühere Kommilitonen, die ein Architektenbüro gegründet hatten, stellen ihn zur Bauüberwachung ein. Jordan blüht auf. In seiner Freizeit segelt er. Nicht auf Ost- oder Nordsee – richtiges Blauwassersegeln: Jachtüberführungen über den Atlantik, Segeltörns in der Karibik. Doch als 1996 die Aufträge zurückgehen, ist er der Erste, der gehen muss. Arbeitslos mit 53. Jordan gibt nicht auf. Zwei Jahre später hat er wieder eine Arbeit. Bei einem Bauinvestor aus den alten Bundesländern, der in Thüringen aktiv ist mit hochkarätigen Sanierungen. »Ich habe ein Hausmeistergehalt bekommen und auch entsprechende Arbeiten gemacht. Aber das war schon OK so.«

Bis er, der immer arglos – mancher würde vielleicht sagen naiv – auf Menschen zugeht, mitbekommt, dass er gegenüber den Behörden als Betriebsleiter, als bauvorlageberechtigter Architekt geführt wird. »Ich hatte ohne es zu wissen die Verantwortung für Baustellen, die ich nie gesehen habe.« Jordan überlegt kurz, dann sagt er nachdenklich: »Das ist auch ein Stück Scheitern, dass ich letztlich nicht die Kraft hatte, dieser Gesellschaft, dieser menschengefährdenden Praxis das Handwerk zu legen.« Stattdessen beschließt er, sich kündigen zu lassen und in den Vorruhestand zu gehen. Mit allen Abschlägen seiner ohnehin nur geringen Rente.

»Bin ich ein Gescheiterter?«, fragt Jordan. »Weil ich immer versucht habe, für andere da zu sein und oft genug übers Ohr gehauen wurde?« Seine Antwort kommt klar: »Nein! Die Dinge sind geworden, wie sie geworden sind. Ich sehe mich selbst nicht als gescheitert.« Und er fügt hinzu: »Aber ich habe gelernt, in der Gegenwart zu leben, aus dem Augenblick meine Kraft zu schöpfen.« So viele Menschen leben nach seinen Beobachtungen nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Für Jordan sind das die wirklich Gescheiterten, auch wenn sie materiell besser dastehen, beruflich erfolgreicher sind. »Ich fühle mich wohl, habe einen ruhigen Schlaf, viele Freunde und Freundinnen und die Muse, das alles zu genießen.«

Harald Krille

Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.