Hiob macht nicht mehr mit

23. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Hiob glaubt Gott nicht mehr – genau deswegen ist er fromm

Das Buch Hiob ist das Buch des schwarzen theologischen Wissens, eine Partisanentheologie ohne Netz und doppelten Boden, ein Blick ins Dunkel vor dem ersten Schöpfungstag. Dass Hiob es überhaupt in den Kanon der heiligen Schriften geschafft hat, verdankt sich vielleicht einer der ehrwürdigsten Eigenschaften des Heiligen Geistes: Der List. Vielleicht waren die Zensoren nur müde geworden, vielleicht hatte sich aus der Müdigkeit Sympathie entwickelt, absichtslos, weil man spürte, dass der geschlagene Mann Hiob aus dem Lande Uz etwas mit einem selbst zu tun haben könnte.

Die Figur des unschuldig leidenden Hiobs hat immer wieder auch Künstler inspiriert – wie den Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981), der unter anderem vor seiner Verfemung durch die Nationalsozialisten Lehrer am Weimarer Bauhaus und an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle war. – Foto: Andreas Praefcke/Wikipedia

Die Figur des unschuldig leidenden Hiobs hat immer wieder auch Künstler inspiriert – wie den Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981), der unter anderem vor seiner Verfemung durch die Nationalsozialisten Lehrer am Weimarer Bauhaus und an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle war. – Foto: Andreas Praefcke/Wikipedia

Unheil wurde auf Gott zurückgeführt
Hiob ist ein glücklicher Mann, er hat sieben Söhne und drei Töchter, er ist wohlhabend durch großen Vieh- und Landbesitz. Vor allem aber: Er ist fromm und rechtschaffen, eingebunden in eine Religion, die von einem Tun-Ergehens-Zusammenhang menschlichen Handelns und menschlichen Schicksals ausgeht: »Sonderlich bei großen menschlichen Untaten wusste man, dass über kurz oder lang das Unheil zu dem Täter zurückkehren werde.

Man mache sich klar, dass die gesamte Unheilsverkündigung der Propheten auf dieser Erkenntnisruht«, schreibt der Alttestamentler Gerhard von Rad. Krankheit und Unheil wurden im hebräischen Denken auf Gott zurückgeführt, der so auf eine bestimmte Schuld der Menschen reagierte. Feierliche Schuldbekenntnisse bildeten dann den kultischen Rahmen, der dazu diente, das Verhältnis von Mensch und Gott wieder zu bereinigen.

Neuauslegung des Sündenfalls
Der theologische Dammbruch des Buchs Hiob besteht also nicht im Unglück Hiobs, sondern in seiner Reaktion: Er rebelliert, wo eigentlich kultisch gestaltete Buße geboten ist, wie sie etwa Samuel noch praktiziert: »Es ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt« (1. Samuel 3,18). Zunächst reagiert Hiob ähnlich kontrolliert, trotz des Todes seiner Kinder, trotz finanziellen Ruins, trotz der Krankheit, die ihn mit Geschwüren entstellt. Und doch ist sein Bekenntnis seltsam doppeldeutig:

»Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?« Hiob 2,10. Der Leser weiß hier längst, was Hiob nur ahnen kann, dass nämlich »Gott« selbst der Urheber von Hiobs Schicksalsschlägen ist, was das Buch Hiob theologisch zu einer ungewollten Neuauslegung des »Sündenfalls« macht: Gottes Sündenfall. »Du aber hast mich bewogen, Hiob ohne Grund zu verderben«, sagt Gott in Hiob 2,3 zu Satan.

Die Wette Gottes mit dem Satan
Die Theologie des Buches Hiob gleicht einem Drahtseilakt: Um die Herkunft des Bösen, des Unheils in der Welt zu erklären, führt sie das Böse auf Gottes freien Willen zurück – und erschafft einen Gott, der sich wissentlich fürs Böse entscheidet. Die Wette Gottes mit Satan im Buch Hiob verschlüsselt das bislang Undenkbare: Der unschuldige Hiob handelt moralischer als Gott:

»So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat. Siehe, ich schreie ›Gewalt!‹ und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da«, klagt Hiob (19,6+7). Hiobs Freunde sind aufgrund ihres Verhaltens nicht zu tadeln: Sie versuchen durch ihre Rückfragen, das Unglück Hiobs auf dessen moralisches Fehlverhalten zurückzuführen. Sie greifen auf nichts anderes als das überlieferte und darum gängige religiöse Wissen ihrer Zeit zurück.

Aus einem Gewittersturm antwortet Gott
Das Maß der Unantastbarkeit ihres theologischen Wissens ist zugleich das Maß der Unerbittlichkeit jenes Gottes, mit dem sie sich – gegen Hiob – verbunden fühlen. Genau diese Unerbittlichkeit Gottes wird am Ende des Hiobbuchs nicht aufgelöst, sondern verstärkt. Aus einem Gewittersturm antwortet Gott endlich auf Hiobs Fragen. Deutlicher formuliert: Indem der Gott des Gewittersturms vor Hiob seine eigene Macht betont, seine eigene Schöpfungskraft und Potenz, glaubt er, die Fragen Hiobs zu überwinden. »Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist.

Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?« (Hiob 38,4+5). In Wahrheit unterläuft er Hiobs Fragen, beantwortet, was nie in Zweifel stand, gibt naturkundliche Antworten, wo Hiob nach Moral fragte. Ernst Bloch hat den inneren Widerspruch des Gottesbildes Hiobs unvergleichlich auf den Punkt gebracht: »Der Freund, den Hiob sucht, der Verwandte, der Rächer, kann nicht der gleiche Jachwe sein, gegen den Hiob den Rächer aufruft.«

Ob der Himmel auf uns wartet, ist noch offen
Der Gott des Exodus, mit dem Abraham vor Sodom um Überlebende feilschte, der Israels Glaube an Recht und Gerechtigkeit band, der sich durch den Mund der Propheten für Rechtlose, Witwen und Waisen stark machte, kann unmöglich der Gott sein, der sich mit Satan aufs kurzweilige »Wetten, dass …« verständigt und sich abschließend auf dem schöpfungstheologischen Ticket aus der Verantwortung stiehlt. Die unausgesprochene Lösung, die das Hiob-Buch nahelegt, begreiflicherweise aber nicht ausspricht, ist die Verabschiedung dieses Gottes. Damit ist zugleich die Annahme, das Alte Testament, die Bibel der Hebräer, verfüge über ein einheitliches Gottesbild, damit auch über eine einheitliche Theologie, hinfällig.

Ob der Himmel auf uns wartet, ist noch offen. Hiob jedenfalls hält stand. Die entlarvende Auskunft des Gottes aus dem Gewittersturm, »dass die Welt auch ohne Mensch bestehen könne, dass sie nicht auf ihn bezogen sei: diese Lehre ist am wenigsten die messianische, die Hiob erwartet. Der Gott, von dem im Hiob die Rede ist: an seinen Früchten erkannt, mit so viel Gewalt und Größe herrschend und erdrückend, tritt nur als Pharao vom Himmel her entgegen, doch Hiob eben ist gerade fromm, indem er nicht glaubt«, schreibt Ernst Bloch.

Hiobs Thema im 20. Jahrhundert
Mehr als zwei Jahrtausende sind seit Hiob vergangen, sein Thema ist nicht vergessen. Nur seine Schlussfolgerung spitzte sich im 20. Jahrhundert dramatisch zu. Es war der jüdische Philosoph Günther Anders, der die Frage eines TV-Journalisten »Glauben Sie an Gott, wenn nein, warum nicht?« so beantwortete: »Wenn es Gott gibt, dann ist er einer, der Auschwitz und Hiroshima nicht verhindert hat. Ist solch ein Gott ein gerechter Gott? Einer, zu dem wir beten dürfen, ohne uns zu entwürdigen? Einer, den wir anbeten dürften, ohne uns zu schämen? Ohne uns zu Komplizen seines Zulassens zu machen? Finden Sie nicht, dann besser kein Gott?«

Der »mitleidende Gott« spendet Kraft und Trost
Ob der Himmel dereinst freundlich erleuchtet auf uns Menschen wartet oder ob er leer ist, weil niemand wartet, ist noch nicht ausgemacht. Kein innerweltliches Leid kann jedenfalls, durch welchen Tausch auch immer, wieder gut gemacht werden. Mit dieser Perspektive müssen wir Menschen, so der Philosoph Jürgen Habermas, »prinzipiell trostlos leben«. Dass der christlich vorgestellte »mitleidende Gott«, Kranken und Leidenden Kraft und Trost spenden kann, sei unbestritten. Dann aber ist er gewiss auch schwache Quelle jenes schwarzen Humors des kranken Schriftstellers Robert Gernhardt: »Gut schaust du aus! – Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.«

Christian König

Gott mutet auch sehr Schweres zu

11. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesbilder im Alten Testament (4): Gott und das Böse

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Die Bibel, vor allem das Erste Testament, interessiert sich nur ­wenig für den Teufel. In manche der biblischen Texte wird er hineinge-
deutet, ohne dass dies sachlich begründet wäre, wie bei der Schlange in 1. Mose 3.

Die Tatsache, dass im Christentum und teilweise auch im Judentum die Schlange mit dem Teufel identifiziert wird, führte zu einem sicherlich falschen Verständnis dessen, was sie in der Versuchungsgeschichte bedeutet. Hier wird gesagt: Der Mensch kann sich für Gut oder Böse entscheiden. Die Verantwortung liegt bei ihm, nicht bei einer externen bösen Macht.

Nachdenkenswert ist es, dass die Vorstellung vom personifizierten Bösen erst spät auftritt. In älteren Texten werden mit Gott gelegentlich »böse« Taten in Verbindung gebracht, die später auf den Teufel übertragen ­wurden: In 2. Samuel 24 ist es Gott, der David zur Volkszählung reizt, in 1. Chronik 21 der Satan. Der spätere Erzähler konnte sich Gott nicht mehr als denjenigen vorstellen, der etwas Böses, Verführerisches tut, deshalb nennt er den »Gegenspieler« als Verursacher. Aber es fällt auf, dass der hier »eingeführte« Satan im weiteren Lauf der Geschichte nicht mehr vorkommt. Offenbar ist er für ihr Verständnis nicht nötig.

Bemerkenswert bleibt: Beide Berichte wurden in die Bibel übernommen und dabei nicht angeglichen. Der Widerspruch wird ausgehalten, nicht ausgeblendet. Schwerer fiel es den Gläubigen in der Zeit, als die Chronik-Geschichte entstand, dagegen ganz offenbar, in Gott auch den Verursacher des Bösen auf der Welt zu ­sehen. Gott als der ausschließlich Gute – ein Glaubenssatz, der bis in ­unsere Zeit reicht und nicht wenige Texte des ­Alten Testamentes ausblendet. Dass Gott das Böse zulässt, ist ­unstrittig. Dass er es aber verursachen kann, mag uns eine fremde Vorstellung sein.

Und doch findet sie sich schon beim ältesten Propheten der Bibel, bei Amos im dritten Kapitel. Im Rahmen diverser Fragen, bei denen die richtige Antwort auf der Hand liegt, wird auch das Unheil auf Gott als den Verursacher zurückgeführt: »Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?« Das mag uns befremden und ­erschrecken, ist aber eine Aussage der Bibel, für die sich viele Beispiele finden lassen.

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Besonders eindrücklich ist die Darstellung Satans im Buch Hiob. Er gehört zum Hofstaat Gottes, zieht über die Erde und richtet keineswegs ohne Erlaubnis Gottes Böses an, sondern sucht auf der Erde Dinge, die Gott missfallen müssten. Wenn es zutreffen sollte, dass das Buch Hiob eine Art ­Gerichtsverhandlung darstellt – in manchen neueren Forschungen wird das so gesehen –, dann hätte Satan ­gewissermaßen die Rolle des Staatsanwaltes inne, des Vertreters der Anklage. Dies entspräche übrigens an nicht wenigen Stellen dem, was sonst im Ersten Testament über ihn gesagt oder gedacht wird.

Beim Gespräch zwischen ihm und Gott über den frommen Hiob kommt es bekanntlich zu einer »Wette«: Während Satan sich zutraut, Hiob vom Glauben abzubringen, hält Gott das für unwahrscheinlich. Er gesteht Satan eine begrenzte Macht über Hiob zu – aber eben nur eine begrenzte. Im Hiob-Buch ist sogar die spannende Frage möglich: Wenn hier die Gestalt des Satans gar nicht vorkäme – würde das etwas verändern? Mir scheint: nein. Wenn die harten, ja brutalen Prüfungen der Titelfigur dieses Buches allein aus der Hand Gottes kämen und nicht einer Wette zwischen Gott und dem Satan entsprängen, gäbe es durchaus Vergleichbarkeiten mit der Geschichte von der Opferung Isaaks (1. Mose 22), in der Gott Unbegreifliches fordert, und anderen biblischen Texten, in ­denen der »verborgene, unheimliche Gott« geschildert wird.

Gott ruft Menschen in seinen Dienst – diese Erfahrung gilt seit Jahrtausenden. Er mutet ihnen dabei auch schwerste Erfahrungen zu, und aus dem Ersten Testament können wir lernen, die unterschiedlichsten Gottesbilder auszuhalten und nebeneinander stehen zu lassen. Israel hat sich diese Freiheit genommen und bewahrt, vielleicht ist das auch für uns hilfreich.

Noch ein Aspekt: Wie geht, pauschal gesagt, das Erste Testament mit dem Bösen im Menschen um? Eine zentrale Stelle ist hier Psalm 99, Vers 8: »Du, Gott, vergabst ihnen und straftest ihr Tun«, so übersetzt Luther. Noch besser sind hier andere Übersetzungen, etwa die eines katholischen Theologen: »Vergebergott«, schreibt er – und weist so darauf hin, dass Gott im Alten Testament Sünde vergibt. Aber dennoch muss der Mensch mit den Konsequenzen seines Tuns leben, auch mit dem, was er als Strafe empfindet. Für all das ist kein Gegenspieler Gottes nötig. Nach all dem Unheil, das die Teufelsvorstellungen angerichtet haben, ist es Zeit zu sagen: Weg mit dem Teufel!

Ulrich Tietze