Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Askese mit Käse und Seife

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Im lutherisch geprägten skandinavischen Land entstehen katholische Klöster neu

In alter Zisterzienser-Tradition arbeiten und beten in Norwegen wieder Nonnen und Mönche in neu gegründeten Abteien.

Durch eine große Glaswand fällt der Blick frei auf den Fjord mit seinem dunkelblauen Wasser und den steilen Felswänden. Das kunstvoll gestaltete Holzdach bricht die Sonnenstrahlen in ein Spiel aus Licht und Schatten. Eine Glocke ertönt. Schweigend ziehen zwölf katholische Ordensfrauen in die Kirche ein. Sie singen das Stundengebet. Eine Schwester spielt die Harfe, eine andere an der Orgel. Die hellen Stimmen reißen den Besucher mit, zusammen mit der Landschaft vor dem Fenster entsteht eine ungewöhnlich spirituelle Atmosphäre.
Die Schwestern gehören zum Zisterzienserorden. Die Ordensgemeinschaft, die in Sachsen etwa die Klöster Marienstern und Marienthal betreibt und in Sachsen-Anhalt das Kloster Helfta bei Eisleben neu belebte, ist seit einigen Jahren auch wieder im lutherischen Norwegen ansässig. Auf der Insel Tautra, nahezu direkt gegenüber von Trondheim gelegen, hat sie mithilfe des deutschen katholischen Bonifatiuswerks das mit fünf Architekturpreisen ausgezeichnete Marienkloster errichtet. An einem Ort, wo schon im Mittelalter ein Zisterzienserkloster bestand.

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

»Als wir 1999 kamen und uns hier niederlassen wollten, haben die Nachbarn davon gesprochen, dass die Schwestern nach Hause zurückgekehrt seien«, sagt die Oberin des Klosters, Mutter Gilkrist Lavigne. Heute verdienen die Ordensschwestern ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Cremes und Seifen. Ein kleiner Klosterladen ist für Touristen geöffnet, und wer bereit ist, sich auf den klösterlichen Lebensstil einzulassen, kann auch »Tage der Stille« im Kloster erleben. »Manche Besucher geben uns sogar ihr Handy, damit sie wirklich ungestört sind«, sagt Mutter Gilkrist. Wer als Novizin in den Orden eintritt, muss zwei Jahre ohne jeden Internetzugang aushalten.

»Die Leute sollen wieder ein Buch lesen können – und wieder in Berührung mit Gott kommen«, sagt die Oberin. »Wir leben hier einen völlig anderen Lebensstil.« Die alltäglichen Arbeiten im Kloster werden schweigend verrichtet. Die entstandene Stille nützten die Schwestern zum Gebet. »Unser Leben ist völlig auf Gott und Christus ausgerichtet«, sagt Mutter Gilkrist. »Denn das ist doch der Sinn unseres Lebens.«

»Das asketische Leben der Mönche und Nonnen ist in unserer heutigen Welt etwas völlig Fremdes«, sagt der katholische Bischof von Oslo und apostolische Administrator von Trondheim, Bent Eidsvig. Aber gerade die völlige Hingabe für den Glauben mache katholische Orden im lutherisch geprägten, aber immer säkularer werdenden Norwegen interessant. Denn die Zisterzienserinnen auf Tautra sind nicht die einzige Neugründung eines Klosters, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Am Rande von Trondheim etwa haben sich die Birgittinnen niedergelassen. Sie betreiben in der Stadt ein Gästehaus, das auch Urlaubern offen steht. Oder Pilgern aller Konfessionen, die, wie auf dem berühmten Jakobsweg in Spanien, von Oslo aus zum Nidaros-Dom nach Trondheim wandern, wo der heilige Olav, der Patron Norwegens, begraben ist. Und etwas weiter außerhalb, in Munkeby, ganz in der Nähe der zum Nordkap führenden Europastraße 6, ist ein Kloster des Zisterzienser-Männerordens entstanden.

Mit den berühmten Klöstern in Citeaux, Cluny oder Marienthal ist der Neubau nicht vergleichbar – in Munkeby steht eine Art Einfamilienhaus mit angeschlossener Kapelle. Vier Mönche haben sich dort niedergelassen und produzieren Käse nach dem Vorbild im französischen Citeaux. Und zwar nicht nur zum Verkauf an durchreisende Urlauber in einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz vor dem Kloster. »Unser Käse wird mittlerweile beim Staatsbankett im königlichen Palast serviert«, sagt Bruder Joel, der aus Frankreich nach Norwegen kam.

Die Milch beziehen die Mönche von ihren Nachbarn – dadurch sind sie schnell Teil der lokalen Gesellschaft geworden. »In Norwegen müssen Sie selbst den ersten Schritt gehen«, sagt Bruder Joel. »Wer hier herkommt und auf die Menschen wartet, wird erleben, dass sie nicht kommen.«

Benjamin Lassiwe

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

www.evangelische-haeuser.de

»Herkommen und die Menschen lieb gewinnen«

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wie die deutschsprachige Gemeinde von Thessaloniki die Krise Griechenlands erlebt

Seit knapp einem Jahr ist Ulrike Weber Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde im nordgriechischen Thessaloniki. Harald Krille sprach mit ihr über ihre Erfahrungen in einer Gemeinde mitten in der Krise.

Frau Weber, schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben und nicht in einer der Schlangen vor den Bankautomaten stehen, die man in den Medien immer wieder sieht …
Weber:
Also ich selbst habe noch keine Schlangen gesehen, wohl aber mein Mann. Der Hintergrund ist, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr hier noch lange nicht so verbreitet ist wie etwa in Deutschland. Deshalb brauchen die Menschen unbedingt Bargeld.

Und wie nehmen Sie sonst die aktuelle Situation wahr?
Weber:
Wir sind seit 1. September vergangenen Jahres hier in Thessaloniki, kamen also schon in das Land der Krise. Aber ich habe durchaus den Eindruck, dass die Probleme seither deutlich größer geworden sind. Bei den Frauen unserer Gemeinde, zumeist Deutsche die mit griechischen Männern verheiratet sind, sehe ich viele sorgenvolle Gesichter. Niemand weiß, wie sich die Lage weiterentwickelt, was noch auf die Menschen zukommt und vor allem ist kein Ende abzusehen. Viele gehörten früher auch eher zu den gut situierten Familien, aber durch die Krise sind sie inzwischen alle betroffen. Unter ihnen erlebe ich aber auch Solidarität. Man macht sich gegenseitig Mut, organisiert Flohmärkte und Kleiderbörsen, wo man sich gegenseitig mit Dingen aushilft.

Auf der Internetseite Ihrer Gemeinde finden sich auch etliche sozialdiakonische Angebote.
Weber:
Schon seit 2010, also vom Beginn der Krise an, hat die Gemeinde ihre sozialdiakonische Arbeit verstärkt. Und unsere Hilfsangebote werden zunehmend in Anspruch genommen. Nicht nur von Menschen, die zur Gemeinde gehören.

Welche konkreten Hilfen bietet die deutsche Gemeinde an?
Weber:
Weihnachten und Ostern haben wir beispielsweise Lebensmittelpakete zusammengestellt und an Bedürftige abgegeben. Oder: Wir haben Kontakt zu einem griechischen Sozialarbeiter im Gefängnis. Von dort kam im Winter die Anfrage nach Wolldecken, weil die Gefängnisinsassen frieren. Wir hatten einen Vorrat und konnten helfen. Es sind aber oft auch die kleinen Dinge für den Alltag der Menschen. Aktuell etwa Hygieneartikel, Duschbad und Ähnliches, was einfach gebraucht wird. Diese Artikel sind hier in Griechenland teurer als in Deutschland und manche Menschen können sie sich einfach nicht mehr leisten.

Woher nehmen Sie das Geld für solche Hilfen?
Weber:
Wir haben gute Kontakte zum Diakonischen Werk in Baden-Württemberg und zum Gustav-Adolf-Werk. Und wir werden natürlich auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt. Aber das ist gemessen am Bedarf alles ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen zusehen, dass wir Spenden bekommen. Und da brauchen wir ganz viel Fantasie. Ich biete beispielsweise Hochzeiten für Brautpaare aus Deutschland hier in Thessaloniki an – mit Trauung am Strand oder auf der Hotelterrasse. Dafür nehmen wir eine Gebühr, die vollständig der diakonischen Arbeit zugutekommt. Und die jungen Paare sind nach meiner Erfahrung gern bereit die Gebühr zu zahlen, weil sie wissen, dass sie damit konkret helfen können.

Die orthodoxe Kirche in Griechenland gilt auch nicht gerade als arm. Was geschieht von dieser Seite an Hilfe?
Weber:
Es ist unterschiedlich: Die eine oder andere griechisch-orthodoxe Kirche nimmt sich auch sehr der Armen an. Das ist nicht zuletzt vom jeweiligen Metropoliten abhängig, ob er ein Herz dafür hat. Wir haben guten Kontakt zu dem Metropoliten Barnabas, der hier in Thessaloniki eine große Armenspeisung organisiert. Da gehen täglich Tausende von Essen an die arme Bevölkerung. Wir haben auch Kontakt zur evangelisch-griechischen Kirche, die sich ebenfalls sehr um die Menschen bemüht. Die ökumenische Landschaft hier in und um Thessaloniki ist sehr bunt und lebendig. Da wird nicht zuerst gefragt, was der andere glaubt, sondern was gemeinsam getan werden muss.

Was würden Sie den Lesern der Kirchenzeitung in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gern ans Herz legen?
Weber:
Wir stellen immer wieder fest, dass die offizielle Berichterstattung nicht ganz das widerspiegelt, was die Menschen hier in ihrem Herzen bewegt. Die wünschen sich vor allem Solidarität. Deshalb wäre es eine Katastrophe, wenn in Deutschland jetzt alle denken würden, es sei schwierig oder gar gefährlich nach Griechenland zu reisen. Um Gottes Willen! Also bitte: Herkommen, sich das Land besehen, Urlaub machen und die Menschen lieb gewinnen. Das ist es, was dieses Land natürlich auch neben Investitionen von Firmen braucht.

Wenn jemand Ihre Gemeinde konkret unterstützen will, wie kann er das tun?
Weber:
Mit mir Kontakt aufnehmen über E-Mail oder Telefon. Wir haben auch eine Internetseite, dort findet man einen Flyer zum Herunterladen, mit allen Informationen über uns und auch unsere Bankverbindung. Ich freue mich herzlich über jeden Kontakt, der zustandekommt.

Kontaktdaten:
Evangelische Kirche deutscher Sprache Thessaloniki, P. Patron Germanou 13, GR-54622 Thessaloniki, Telefon (+30) 23 10 27 44 72

E-Mail <evkithes@otonet.gr>

www.evkithes.net

Aus dem Schatten des Vaters

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Wittenberg öffnete die weltweit erste Schau zu Lucas Cranach dem Jüngeren

Ernst schauen die braunen Augen des Knaben in die Ferne. Die dunklen Haare sind sorgfältig gekämmt, Wangen und Lippen rosig. Die Kleidung ist mit wenigen Strichen angedeutet. Das gezeichnete Porträt des etwa zehnjährigen Fürstensohnes ist eines von insgesamt 13. Aus dem Musée des Beaux-arts in Reims sind die Blätter nach Wittenberg gekommen und in der Ausstellung »Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« im Augusteum zu sehen.

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Dargestellten wirken so lebensecht, als würden sie gleich hinter dem Schutzglas, das sie umgibt, hervortreten. Die um 1540 beziehungsweise 1545/50 datierten Zeichnungen zeigen Angehörige fürstlicher Familien. Die Cranach-Werkstatt verfügte über das Bildnis-Monopol und konnte jederzeit auf Bestellung die gewünschten Porträts liefern. Einige Zeichnungen hat Cranach der Jüngere handschriftlich bezeichnet. Bei den anderen weist die technische Umsetzung darauf hin, dass sie von seiner Hand stammen. Und schließlich sind nach den Zeichnungen drei Gemälde entstanden, die allesamt als Arbeiten von Lucas Cranach dem Jüngeren anerkannt sind.

Eintritt in die Werkstatt des Vaters

In der Schau im Rang einer Landesausstellung (Kuratorin: Katja Schneider) stehen zum ersten Mal überhaupt Werk und Leben von Lucas Cranach dem Jüngeren im Mittelpunkt. Anlass ist der 500. Geburtstag des Künstlers, der über Jahrhunderte im Schatten seines Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472-1553), stand. Auf knapp 850 Quadratmetern Fläche präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 120 Werke Cranachs des Jüngeren, die aus Museen und Sammlungen in Deutschland und dem Ausland zusammengetragen wurden. Sie lenkt den Blick auf eine Persönlichkeit, deren malerisches Können dem des älteren Cranach kaum nachstand. Als etwa Zwölfjähriger trat er in die Werkstatt des Vaters, die dieser zwischen 1504 und 1520 in Wittenberg zu einer erfolgreichen Bildmanufaktur aufgebaut hatte. Der Sohn führte diese ab 1550 in unverminderter Qualität fort. In der Folgezeit entwickelte er sie zu einer der größten und erfolgreichsten Kunstwerkstätten in Europa, aus der nicht nur Gemälde hervorgingen, sondern auch Raumdekorationen oder die Ausstattung höfischer Feste und Turniere. Der jüngere Cranach war zwar von Beginn seiner Laufbahn an in den Werkstattbetrieb eingebunden, doch gelang es ihm, sich in dem vorgegebenen Rahmen individuell zu entfalten. Zu sehen ist dies nicht nur an den (Fürsten-)Porträts, sondern an so eindrucksvollen Gemälden wie »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie (Epitaph für Leonhard Badehorn)« von 1554 oder »Christus als Überwinder von Tod und Teufel« von 1542. Zeitgenossen schätzen den »jungen Herrn Cranach« als Künstler wie als Ratsherrn, Geschäftsmann und frommen Christen hoch.

Künstler, Ratsherr, frommer Christ

Doch nachdem die Cranach-Werkstatt nach seinem Tod 1586 gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben wurde, gerieten beide Maler in Vergessenheit. Später wurden die Werke nur dem älteren Cranach zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gelang es der kunsthistorischen Forschung, die Bilder dem Vater oder dem Sohn oder beiden gemeinsam oder der Werkstatt zuzuordnen und negative Urteile zu revidieren.

Nicht nur die Kunstwerke, auch die Ausstellungsorte verdienen Aufmerksamkeit. Auf dem Gelände des Augustinerklosters wurde 1586 ein Gebäude für die Wittenberger Universität fertiggestellt. Nach seinem Bauherren, dem sächsischen Kurfürsten August, bekam es den Namen Augusteum. Als die Universitäten Halle und Wittenberg 1817 vereinigt wurden, nutzte das Evangelische Predigerseminar die frei gewordenen Räume bis zum Auszug wegen des Beginns der Gebäuderestaurierung. An der östlichen Hofmauer entstand ein neues Eingangsgebäude mit Kasse, Garderobe, Museumsshop und Toiletten, das zudem den barrierefreien Zugang zum Augusteum ermöglicht.

Einblick in das Leben der Familie

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Ein weiterer Ausstellungsort ist die Stadtkirche Sankt Marien, die nicht nur zahlreiche Originalgemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren beherbergt. Sie bezeugt zudem das Leben des Malers vom Anfang bis Ende: Hier wurde er getauft und getraut und hörte die Reformatoren predigen. Hier befinden sich sein Grab und das Grabmal. Am bekannten Reformationsaltar der Kirche arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Im Geburtshaus Lucas Cranachs des Jüngeren am Markt zeigt die Cranach-Stiftung die Ausstellung »Cranachs Welt«. Sie gibt Einblick in das Leben der Familie und den künstlerischen Schaffensprozess.

Nach jahrelanger Vorarbeit hat sich die Lutherstadt Wittenberg für vier Monate in »CranachCity« verwandelt. Dieses Ereignis sollte sich keiner entgehen lassen!

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist der Katalog »Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« erschienen. Herausgeber: Roland Enke, Katja Schneider, Jutta Strehle. Hirmer-Verlag München 2015. 432 Seiten. ISBN: 978-3-7774-2349-4. Verkaufspreis im Museumsshop: 29,95 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Die Ausstellung im Augusteum kann bis 1. November montags bis sonntags, 9 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Die Stadtkirche St. Marien ist montags bis sonnabends, 10 bis 18 Uhr, sonntags, 12 bis 18 Uhr geöffnet; das Cranach-Haus am Markt montags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.cranach2015.de

»Und führe uns nicht in Versuchung«

18. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur sechsten Bitte des Vaterunsers

Nach der Taufe folgt die Versuchung. In drei Versuchungen wird Jesus geführt: Steine zu Brot zu machen, seine Gottessohnschaft mit einem Zeichen zu erweisen und alle Macht der Welt zu erhalten. Jesus weist die caritative, die missionarische und die machtpolitische Versuchung je mit einem Schriftzitat von sich. Aber auch der Versucher erweist sich als schriftkundig. Die Schrift ist nicht nur in der Versuchung mehrdeutig.

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

In der Nachfolge Jesu, auf dem geistlichen Weg gibt es Versuchungen. Was bringt uns von dem Weg ab? Und warum sollen wir beten. »und führe uns nicht in Versuchung«?

Luther erklärt im kleinen Katechismus: »Gott versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.« Auch der Jakobusbrief ist sich sicher: »Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.« (Jak 1,14-15) Die Begierde des Einzelnen als Ursache der Versuchung und Sünde zu verstehen, hat seit Augustin eine lange Tradition. In sieben verschiedenen Charakteren tritt die Begierde auf und führt zu (Tod-)Sünden, so die alte Lehre, als da sind Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Die Begierde wurde dann in christlicher Männertheologie oft zur sexuellen Begierde und da war es nicht mehr weit, die Versuchung mit weiblicher Versuchung gleichzusetzen. Jesus denkt anders. Ihm geht es um die bessere Gerechtigkeit und er schützt Frauen und Männer vor dem gierigen Blick und dem bösen Wort.

Doch geht es hier überhaupt um die Versuchung des Einzelnen? Es fällt auf, das Vaterunser heißt nicht Vatermeiner, wie der Hallenser sagen würde. Hier leuchtet eine gemeinschaftliche Dimension auf. Wenn wir in diesem Jahr 70 Jahre zurückdenken, an das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und an die Versuchung, in die unsere Kirchen geführt wurden, dann bekommt die Bitte: »und führe uns nicht in Versuchung« einen anderen Klang.

Was sind die Versuchungen, in die wir heute und morgen als Gemeinschaft geführt werden können? Ist es zuerst die Versuchung des Gottes Mammon? Ist es die Versuchung des Richtens über andere, die Überhöhung des Eigenen? Ist es die Bereitschaft, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten und Böses mit Bösem zu vergelten? Ist es die Versuchung, unseren Lebensstil nicht zu ändern? Ist es die Furcht vor den Fremden und die Herzlosigkeit gegenüber Flüchtlingen? Vielleicht ist es auch die Versuchung, sich mit einer Welt abzufinden, die in den Sünden der Moderne gefangen ist, so wie Mahatma Gandhi sie beschrieben hat: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien.

Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallt. So fordert Jesus seine Jünger auf. Bonhoeffer hat von Beten und Tun des Gerechten gesprochen, als einziger Möglichkeit in der Gegenwart zu bestehen.

Wie können wir mit Jesus der caritativen, der missionarischen und der machtpolitischen Versuchung widerstehen? Lasst uns gemeinsam wachen und achtsam sein und mit dem Vaterunser beten, dass wir nicht in Versuchung geführt werden.

Friedrich Kramer

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Hofkultur August von Sachsens

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Halles Moritzburg als Schatzkammer des 17. Jahrhunderts

Es scheint so, als ob sich das Mädchen auf dem Ölgemälde schon seiner Herkunft bewusst war. Nahezu würdevoll blickt Sophia von Sachsen-Halle (1654–1724) auf den Betrachter. Das Porträt der dritten Tochter von Herzog August gehört zu den besonderen Stücken der Ausstellung »Im Land der Palme«, die bis zum 2. November dieses Jahres in der Moritzburg Halle gezeigt wird. »Durch unsere Recherchen im Internet für die Exposition haben wir das Bild entdeckt«, berichtet Kurator Ulf Dräger. Es gehöre heute zum Bestand der Fundación Yannick y Ben Jakober auf Mallorca.

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Knapp 400 Exponate im Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt geben einen Einblick in eine bislang weitgehend kaum beachtete Epoche in der Geschichte der Saalestadt und des Landes Sachsen-Anhalt. Der 400. Geburtstag August von Sachsens (1614 bis 1680), des letzten Administrators des Erzstifts Magdeburg, ist Anlass, sie in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Erzählt wird die Geschichte von Krieg und Frieden im Jahrhundert nach der Reformation. Es war eine Zeit der unerbittlichen konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus. Trotz der gewaltigen Schäden, die der Dreißigjährige Krieg hinterlassen hatte, gelang es Herzog August, in Halle eine blühende barocke Hofkultur zu etablieren. Die Auswirkungen der Reformation prägten diese Epoche, in der August von Sachsen seinen Platz suchte.

Fast symbolhaft für diese Entwicklung steht ein lebensgroßes Gemälde August von Sachsens vor seiner halleschen Residenz. Annähernd 200 Jahre stand es mehr oder weniger unbeachtet im Depot, nachdem die prächtige Darstellung aus dem Weißenfelser Schloss, dem Wohnsitz des Sohnes des Kurfürsten Johann Georg I., nach Potsdam gebracht worden war. Die Wiederentdeckung zahlt sich für Sachsen-Anhalt doppelt aus. Nach einer umfassenden Restaurierung, unter anderem mit Mitteln des Kunstmuseums und der Stadt Weißenfels, stellt es die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Dauerleihgabe zur Verfügung. Nach der Ausstellung »Im Land der Palme« soll es in das Schloss Weißenfels zurückkehren.

Die Schau holt eine vergangene Epoche an einen authentischen Ort zurück, der sich einst durchaus mit dem höfischen Leben in Dresden vergleichen konnte. August, der die Künste liebte, ließ beispielsweise in der Oper und in einem speziell errichteten Komödienhaus in Halle mehr als 30 deutsche Opern aufführen. Er prägte letztlich eine eigene kulturelle Ära zwischen Frühbarock und Aufklärung.

Diese spannende Zeit im Umbruch lässt die Ausstellung lebendig werden. Sie will auch Verständnis für das Land Sachsen-Anhalt und dessen Identität wecken.

(mkz)

Öffnungszeiten »Im Land der Palme«: täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
Der Dom ist täglich von 12 bis 18 Uhr zugänglich.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

Wie kommt Kirchenland in Bauernhand?

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirchenland: Um die Neuverpachtung von Feldern und Wiesen gibt es in Tryppehna bei Möckern einen handfesten Streit – Kirchenaustritt inklusive

Alle zwölf Jahre gibt es neue Pachtverträge für das begehrte Kirchen- und Pfarrland. Doch die Vergaberichtlinien und die Folgen daraus sorgen für Unmut. Zwei aktuelle Beispiele aus Sachsen-Anhalt.

In der Agrarwirtschaft Möckern im Ortsteil Tryppehna (Kirchenkreis Elbe-Fläming) ist man zurzeit gar nicht gut auf Kirche zu sprechen. Der Grund ist, dass der Betrieb ab 2015 mit 130 Hektar weniger auskommen muss. Der zwölfjährige Pachtvertrag auf Kirchenland läuft zum Jahresende aus und wird nicht verlängert. Der Verlust von nahezu zehn Prozent der Anbaufläche wirkt sich negativ auf den gesamten Betrieb aus.

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Die 1991 gegründete Genossenschaft ist Nachfolgerin der LPG, die in DDR-Zeiten rund 4 400 Hektar bewirtschaftete. Nach der Wende waren es noch rund 2 500 Hektar. Sie setzt auf Vielfalt, baut Weizen, Roggen, Gerste, Raps und Rüben, und neben Mais auch Luzerne und Lupinen als Futter für die 340 Milchkühe an. Der Mist, den die Tiere machen, geht als Dünger auf die Felder. 1 500 Hektar bewirtschaftet die Genossenschaft zurzeit.

Kein Hinweis auf die Vergaberichtlinien

»So viel weniger Land bedeutet mindestens eine Arbeitskraft weniger«, benennt die Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, Elfriede Karbe, den Schaden. Insgesamt 18 Frauen und Männer arbeiten in der Genossenschaft. Außerdem werden drei junge Menschen ausgebildet. »Alle sind ganzjährig beschäftigt«, sagt Karbe, die als Diplomagraringenieurin seit 1981 in Wörmlitz, ganz in der Nähe von Tryppehna lebt und seitdem in der Genossenschaft arbeitet. Ihre derzeitige Tätigkeit übt sie seit 2007 aus.

Als das zuständige Kreiskirchenamt (KKA) sie aufforderte, ihr Angebot zur Neuverpachtung vorzulegen, fand sie darin keinen Hinweis auf die 2011 geänderten Vergaberichtlinien mit dem Punkteverfahren. Außerdem hat sie jetzt, wo sie die kennt, einiges daran auszusetzen. »Wie wird seitens des Amtes die ›ordnungsgemäße Bewirtschaftung‹ festgestellt?« Werde kontrolliert, ob einer nachhaltig wirtschafte oder nur Monokulturen anbaue?

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Der stellvertretende Geschäftsführer Volker Oelze verweist darauf, dass die Flächen der Agrarwirtschaft Möckern mit ausreichend organischer Substanz versorgt werden, um damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu fördern. Es wird auch viel Zeit und Geld in die Pflege und Wartung der vorhandenen Drainagesysteme investiert. Nur so kann langfristig und nachhaltig produziert werden, was sicher auch im Interesse der Kirche ist. »Ich muss gegen Ende eines Pachtvertrages fragen, ob sich der ganze Aufwand noch lohnt«, meint der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt, der ebenfalls seit Jahrzehnten in Tryppehna arbeitet.

Auch die Genossenschaft braucht eine Mindestgröße

Karbe und Oelze vermissen auch, dass nicht darauf hingewiesen wurde, welche Rolle der Mindestpachtpreis bei der Vergabe spielt. Und die Bedeutung der Kirchenmitgliedschaft: Der dreiköpfige Vorstand der Agrargenossenschaft gehört der Kirche an, weitere Mitarbeiter auch. Aber alle? »Das ist schwierig zu erreichen bei jüngeren Mitarbeitern und als Folge des Traditionsabbruchs«, sagen beide.

Im Übrigen verweisen sie darauf, dass ihre Genossenschaft in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Pachtland zugunsten von kleinen Bauern und Wiedereinrichtern abgegeben habe (»Ohne Murren«, wie der zuständige Pfarrer bestätigt). Vor 25 Jahren war die Genossenschaft alleinige Pächterin der Kirchenflächen. Doch irgendwann sei die Untergrenze erreicht. »Wir müssen Gewinn erwirtschaften. Nur dann können wir investieren und sind konkurrenzfähig«, so Elfriede Karbe. »Stillstand gefährdet den Betrieb.«

Auch Bauer Matthias Nagel gehört zu denen, die abschlägig beschieden wurden. Seine Familie ist seit 1430 in Tryppehna ansässig und der Kirche verbunden. Er gehört seit drei Legislaturperioden dem Gemeindekirchenrat an. »In den zurückliegenden Jahren sind Bauer Nagel und seine Familie eine der wichtigen und tragenden Säulen im Gemeindeleben geworden«, sagt Pfarrer Martin Vibrans.

Schwerer Schlag für Wiedereinrichter Nagel

Als im August der Bescheid kam, dass sein Pachtvertrag über sieben Hektar nicht verlängert wird, war Matthias Nagel schwer getroffen. Er und seine Frau haben 1991 den Hof wieder eingerichtet, mit 70 Hektar Acker begonnen, 50 gekauft und weitere gepachtet und sich ihre Existenz aufgebaut. Die Familie lebt vom konventionellen Ackerbau und von der Aufzucht von Ferkeln in Lohnarbeit für einen Bio-Betrieb (mit entsprechender Fütterung und Haltung der Tiere). Wenn die älteste Tochter 2015 ihr Landwirtschaftsstudium beendet hat, will sie im elterlichen Betrieb mit einsteigen. Alle drei Kinder wollen im Dorf bleiben. Arbeit hat die Familie ohne Ende.

Der Gewinn ist von vielen Faktoren abhängig, die Bauern nur wenig beeinflussen können: Die Preisentwicklung für landwirtschaftliche Produkte oder das Wetter sind nur einige davon. Wichtig ist, dass da etwas stabil bleibt. »Es wäre am besten gewesen, wenn alles so geblieben wäre«, sagt Matthias Nagel. Es sei schlimm, dass das Kirchspiel nichts zu sagen hätte. »Wie kann die Kirche fördern, dass manche Bauern größer und größer werden? Was hat das mit vernünftiger Landwirtschaft zu tun?«, fragt der Bauer.

Vorwurf: Kirchengemeinde soll nur abnicken

Pfarrer Vibrans suchte vor der Vergabe das persönliche Gespräch mit der zuständigen Mitarbeiterin im Kreiskirchenamt. Ergebnislos. »Das Land, das Bauer Nagel und der Agrargenossenschaft weggenommen wurde, hat jetzt zum Großteil ein Großbauer, der seine Angestellten jeden Winter in die Arbeitslosigkeit entlässt. Ob er das in sein Pachtangebot geschrieben hat?« Auch Martin Vibrans bemängelt an den Vergaberichtlinien einiges. Die Frage der Monokulturen zum Beispiel. Oder die Frage Kirchenmitgliedschaft/aktives Engagement in der Kirche. Außerdem verweist er darauf, dass die neuen Pachtverträge im Frühjahr hätten abgeschlossen sein müssen, damit die Bauern planen können. »Man beruft sich immer auf den Punktekatalog, ohne sich in der Kirchengemeinde zu vergewissern. Die darf nur noch nicken«, so Vibrans. Er will, dass das Mitspracherecht der Gemeinden erhöht wird und dass Ausnahmen möglich sein sollten.

Wenn am 27. August (nach Redaktionsschluss) der Gemeindekirchenrat Möckern zu seiner nächsten Sitzung zusammentritt, wird das Thema Verpachtung ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Auch an anderer Stelle laufen Gespräche, um nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Unabhängig vom Ausgang ist schon Schaden angerichtet: Der Ruf der Kirche hat gelitten. Und einen ersten Austritt gab es im Zusammenhang mit der Vergabepraxis des Pachtlandes auch schon.

Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Hintergrund: Wie die EKM ihr Land verpachtet

Das Verfahren zur Vergabe kirchlicher Landpachtflächen (PVV) in der EKM ist in einem Beschluss der Landessynode vom 19. November 2011 nachzulesen, der auch im Internet einzusehen ist. Darin heißt es unter anderem zur Pächterauswahl:

Alle eingegangenen Pachtbewerbungen sind mithilfe des vom Landeskirchenamt vorgegebenen Pächter-Punkte-Systems zu bewerten. Dabei gilt es, sechs Kriterien zu bewerten … Die maximal erreichbare Gesamtpunktzahl beträgt 16. Es soll der Bewerber mit den meisten Punkten Pächter werden.

Zuständig für die Durchführung des PVV ist das Kreiskirchenamt (KKA) und zwar unabhängig davon, ob es sich um Kirchenland oder Pfarrland einer Kirchengemeinde oder um Flächen einer Pfarreipfründe handelt, wobei bei Kirchenland das Benehmen mit der Kirchengemeinde herzustellen ist.

Das PVV ist kein öffentliches Ausschreibungsverfahren, sondern ein kirchliches Auswahlverfahren mit begrenztem Teilnehmerkreis. … Es soll im Herbst des Jahres eingeleitet werden, welches der Beendigung des Pachtvertrages vorangeht … Ziel ist der Abschluss eines neuen Pachtvertrages mit Anpassung der Vertragsbedingungen. Abschluss der PVV sollte im darauffolgenden Frühjahr sein …

Gaben mehrere Pachtbewerber die gleiche Punktzahl und ist eine Aufteilung der Pachtflächen nicht möglich oder nicht zweckmäßig, ist nach weiteren wirtschaftlichen, kirchlichen und sozialen Abwägungsgründen ein geeigneter Pächter auszuwählen … Die entsprechenden Entscheidungen trifft der zuständige Kreiskirchenrat: Bisheriger Pächter vor neuem Pächter; Kirchenmitglied vor nicht Kirchenmitglied; evangelisch vor anderer Konfession; näherer Pächter vor fernerem Pächter; höherer Pachtpreis vor niedrigerem Pachtpreis; Haupt­erwerbslandwirt vor Nebenerwerbslandwirt; ökologischer Anbau vor konven­tionellem Anbau.

Stichwort Existenzgefährdung: Es gibt keine definierte Größenordnung im Zusammenhang mit einem Pachtflächenverlust … Verbreitete Auffassung ist eine Verlustquote von mehr als 20 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche. Geringere Verluste können i. d. R. durch ein verändertes Betriebskonzept ausgeglichen werden.

»Ich habe erlebt, wie der Glaube Brücken baut«

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Militärseelsorge: Vier Monate im Kosovo – Erfahrungen eines Militärseelsorgers aus Mitteldeutschland

Pfarrer Andreas Kölling aus Burg bei Magdeburg war von Mai bis September dieses Jahres mit der Bundeswehr im Kosovo. Harald Krille sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Militärseelsorger.

Herr Kölling, wie haben Sie den Kosovo erlebt?
Kölling:
Sehr gegensätzlich. In dem Land – etwa so groß wie Sachsen-Anhalt – gibt es schöne Berge von 2000 Meter Höhe und mehr. Doch die Bäche werden als Kloaken benutzt. Die Menschen sind sehr freundlich, aber im Straßenverkehr gibt es außer dem Halten an roten Ampeln praktisch keine Regeln.

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Wie schätzen Sie die Situation im Kosovo ein und welche Rolle spielt die Bundeswehr dort?
Kölling:
Ich kann mich dazu nur privat äußern. Die Kosovaren, die ich getroffen habe, sind sehr zufrieden mit dem, was die Bundeswehr erreicht hat. Die Zahl der Soldaten geht auch seit Jahren zurück. Das Ende von KFOR kommt wahrscheinlich in wenigen Jahren. Trotzdem ist das Land natürlich von deutschen Verhältnissen weit entfernt, was zum Beispiel die Wirtschaftsleistung oder den Sozialstaat betrifft.

Was gehörte zu Ihren Aufgaben als Militärseelsorger?
Kölling:
Ich habe die knapp 800 deutschen Soldaten betreut. Mein Dienstsitz war in Prizren im Süden des Landes, wo die Bundeswehr ein großes Lazarett betreibt. Außerdem habe ich als »Theatre Chaplain« die Arbeit aller Militärseelsorger bei der KFOR koordiniert und nach außen vertreten.

Gab es ein Ereignis, dass Sie besonders beeindruckte oder bewegte?
Kölling:
Ich traf einen Kosovo-Serben, dessen Sohn im Krieg 1999 erschossen wurde. Wir beide gingen zum Grab und haben dort gemeinsam gebetet und uns umarmt. Da habe ich erlebt, wie der Glaube Brücken baut über Kulturen, Generationen und Konfessionen hinweg.

Ein Militärpfarrer ist ein Armeeangehöriger, aber er ist kein Soldat?
Kölling:
Das ist richtig. Während für einen Soldaten im Einsatz an allen sieben Tagen der Woche während 24 Stunden die Befehle gelten, war bei mir der kirchliche Auftrag entscheidend. Aber ich habe erlebt, wie es den Soldaten geht, die vier Monate lang das Lager nicht ohne dienstlichen Grund verlassen dürfen, deren Alltag bis in private Dinge hinein reglementiert wird. Meine persönliche Einstellung zur Bundeswehr ist dadurch kritischer geworden.

Inwiefern?
Kölling:
Weil ich diese Probleme, die Soldaten in der Bundeswehr haben können, zwar schon kannte, aber im Einsatz viel unmittelbarer und authentischer damit konfrontiert war.

Haben Sie selbst früher Militärdienst geleistet?
Kölling:
Nein.

Wie hat sich die Situation im Einsatz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Kölling:
Ich konnte die Soldaten besser erreichen als Zuhause, weil wir uns besser kennenlernen und vertrauen konnten. Neben Gottesdienst und Seelsorge habe ich einen Glaubenskurs durchgeführt, in dem wir uns zehn Wochen lang intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt haben. Außerdem habe ich einige ­Betreuungsfahrten organisiert. Dabei ging es darum, nicht nur etwas vom Land kennenzulernen, sondern auch mit Einwohnern ins Gespräch zu kommen, vorzugsweise zu religiösen Fragestellungen.

Sie haben viel mit Soldaten aus den neuen Bundesländern zu tun, denen man allgemein religiöse Ignoranz nachsagt. Was sind Ihre Erfahrungen?
Kölling:
Es gibt die ganze Bandbreite, auch Ignoranz. Oft liegt das daran, dass keine eigenen Erfahrungen mit Kirche vorliegen. Bei einer Runde mit 20 Soldaten fragte ich einmal, wer denn außerhalb der Bundeswehr schon mal einen Pfarrer getroffen habe. Vier meldeten sich.

Ihren Worten kann man entnehmen, dass die Arbeit der Militärseelsorge in der Bundeswehr große Freiheit ­genießt?
Kölling:
Das stimmt. Ich treffe aber auch auf Vorgesetzte, die nicht recht wissen, wie sie mit der Militärseelsorge umgehen sollen. Da wird dann beispielsweise ein Antreten auf die Gottesdienstzeit gelegt.

Und wie reagieren Sie darauf?
Kölling:
Ich muss dann sehr deutlich und selbstbewusst für meinen Auftrag eintreten. Auch einen Konflikt darf ich nicht scheuen. Aber mir ist es wichtig, dass mein Handeln nachvollziehbar ist, dass klar wird, warum ich mich so verhalte.

Von Gegnern der Militärseelsorge ist gelegentlich der Vorwurf zu hören, Militärpfarrer sollen ja nur den Soldaten die moralischen Skrupel zum Töten nehmen – was sagen Sie darauf?
Kölling:
Schaut euch eure Pfarrer an! Wir sind berufen zum Dienst unter den Kindern Gottes. Bei Bestattungen werden wir unmittelbar mit der Trauer konfrontiert. Wie sollen wir es dann fertigbringen, Menschen das Töten zu erleichtern?

Die KFOR-Truppe ist International – welche Rolle spielt die Ökumene?
Kölling:
Als Gemeindepfarrer habe ich nie so viel Ökumene erlebt, wie in der Militärseelsorge. Und jetzt im Einsatz war es noch intensiver: Da war täglich die Zusammenarbeit mit dem deutschen katholischen Militärseelsorger. Wir wurden bei den Soldaten als ein Team wahrgenommen. Dann waren da die anderen Militärseelsorger aus zehn verschiedenen Nationen, darunter ein orthodoxer Priester. Am stärksten haben mich unsere gemeinsamen Gottesdienste beeindruckt.

Wie ging es Ihnen persönlich im Einsatz?
Kölling:
Vier Monate weg von der ­Familie waren nicht schön, und für meine Frau mit den zwei Kindern schwerer als für mich. Ich selber wurde durch mein Kirchenamt bei der Bundeswehr hervorragend betreut und sogar im Einsatz besucht. Der Glaubenskurs, den ich den Soldaten anbot, war auch für mich selbst gut, um mir immer wieder deutlich zu machen, aus welchen Quellen ich lebe und glaube. Insgesamt war es für mich eine gute Zeit, weil ich als Seelsorger dicht an den Menschen dran sein konnte. Und mit einer Soldatentaufe beim letzten Gottesdienst hatte ich noch ein richtiges Highlight zum Schluss.

Hintergrund: Die KFOR im Kosovo

Blick-2-Logo-43-2013Die Kosovo-Truppe (englisch Kosovo Force oder kurz KFOR) ist die 1999 nach Ende des Kosovokrieges aufgestellte internationale militärische Schutztruppe unter ­Führung der NATO. Sie hat die Aufgabe, im Namen des UN-Sicherheitsrates Recht und Ordnung, insbesondere den Schutz der Zivilbevölkerung und die Rückkehr der Flüchtlinge in der ehemaligen serbischen Provinz sicherzustellen. Daneben soll sie für die Demilitarisierung der Region sorgen. In diesem Zusammenhang wurden bereits viele Tonnen an Waffen und Munition in der Region aufgespürt und eingezogen. Das KFOR-Hauptquartier befindet sich in der Hauptstadt Priština. Derzeit umfasst die KFOR Soldaten aus 31 Nationen, Deutschland stellt mit 741 Soldaten das größte Kontingent.
(mkz)

Zeitreise ins Mittelalter

28. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt feiert ihr 20-jähriges Bestehen

Sachsen-Anhalt feiert in diesem Jahr seine Geschichte. Und das von Mai bis Oktober an 80 Orten mit einer Zeitreise zurück in das Mittelalter. »80 Tage an der Straße der Romanik«, heißt eine Veranstaltungsreihe, mit der die Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen begeht und ihre einzigartigen Baudenkmäler verstärkt in das Blickfeld rückt. An jedem der 80 Tage steht ein Ort der insgesamt 80 Stätten im Mittelpunkt. So viele sind es genau, die mittlerweile die Route zwischen dem Benediktiner-Nonnenkloster in Arendsee im Norden und der Moritzburg in Zeitz im Süden, zwischen der Klosterkirche Ilsenburg im Westen und dem Figurengrabstein in Genthin-Altenplathow im Osten umfasst.

»Die Straße der Romanik ist eine Erfolgsgeschichte«, sagt Andrea Meyer, Geschäftsführerin des Saale-Unstrut-Tourismusvereins. Sie zähle nicht nur zu den vier touristischen Marken im Land, sie gehöre auch zu den Top zehn der Tourismusstraßen in Deutschland. Der Anteil der Gäste, die sich bei einem Besuch den historischen Baudenkmälern widmen, sei in den vergangenen Jahr gestiegen, zog die Vereinschefin weiter Bilanz. Von 29 Prozent und rund 468000 Besuchern im Jahr 2007 auf 34 Prozent und 554000 Besuchern im Jahr 2012. 1993 auf Initiative des Wirtschaftsministe­riums gegründet, eröffnete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 7. Mai 1993, am Todestag von Kaiser Otto des Großen, im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg die Straße der Romanik. Die Route verbindet Dome, Burgen, Klöster und Kirchen, die zwischen dem 10. und der Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden sind. Die Straße der Romanik markiert auf 1200 Kilometern mit einer Nord- und einer Südroute und Magdeburg als Schnittpunkt die Form einer Acht.

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Die Veranstaltungsreihe als Initiative des Landes wird unter anderem in der Saale-Unstrut-Region mit insgesamt 17 Angeboten gefüllt, koordiniert von der Arbeitsgruppe Romanik. »Als das Konzept erarbeitet wurde, haben wir überlegt, welche Veranstaltungen in die Reihe passen. Ein runder Geburtstag soll besonders gewürdigt werden«, betont Kerstin Wille, Sprecherin der Domstifter. Dabei stehen nicht nur Führungen auf dem Programm. Eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen wird aufgefahren – mit zum Teil besonderen Gästen und speziellen Angeboten. Im Merseburger Dom und in der Ägidienkurie am Naumburger Dom wird die Klangvielfalt des Mittelalters und die Akustik der romanischen Räume erlebbar. Mit kulinarischen Raffinessen warten die Eckartsburg und die Rudelsburg auf. Während im Kloster Memleben an der Grenze zu Thüringen Pater Anselm Grün am 18. September zu einem Vortrag mit dem Titel »Leben im Angesichts des Todes« erwartet wird, gastieren die Neue Elbland Philharmonie und der Meißner Domchor am 7. September im Naumburger Dom. Auf Schloss Goseck findet am 5. Oktober die fünfte Novalisnacht statt. Zudem heißt es mit mehreren Ausstellungen »Neue Kunst in alten Mauern«. »Diese Vielfalt sollte rege genutzt werden«, meint Kerstin Wille und bemerkt: »Hinter jedem Ort steht nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten von engagierten Menschen.«

Wer die Saale-Unstrut-Region besucht – der kann in diesem Jahr noch weitere besondere Angebote wahrnehmen. Innerhalb der Bewerbung zum Titel Weltkulturerbe der UNESCO wurde ein Programm mit ­Erlebnisführungen gestrickt. Und mit der Weinstraße an Saale und Unstrut begeht eine weitere Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen.

Constanze Matthes

www.sachsen-anhalt-tourismus.de

So viel Melanchthon wie nie

26. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das restaurierte und erweiterte Wohnhaus des Reformators wurde wiedereröffnet

Wittenberg bekam am 15. Februar eine Attraktion zurück. Die ­Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eröffnete das restaurierte Wohnhaus des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Zudem erhielt der Renaissancebau von 1536, den die Universität dem Gelehrten schenkte, um ihn dauerhaft an die Stadt zu binden, einen Neubau. Dieser auf dem Nachbargrundstück errichtete Kubus mit der grauen Klinkerfassade hat sich zum Stein des Anstoßes entwickelt. Stiftungsdirektor Stefan Rhein sah sich mit dem Zorn der Bürger konfrontiert, den kurz vor der Eröffnung noch Friedrich Schorlemmer in Worte fasste. In einem Zeitungsartikel hatte er vollendete oder geplante Neubauten in der Lutherstadt kritisiert und im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau des Melanchthonhauses von »Hässlichkeit« gesprochen. Rhein hatte erwidert, dass die Stiftung über Neugestaltungen nicht allein entscheide. Sie wolle sich der Diskussion über Ästhetik stellen. Zugleich müsse aber immer unterstrichen werden, dass Wittenberg eine Stadt des 21. Jahrhunderts sei.

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Der dreigeschossige Neubau nach einem Entwurf des Büros Dietzsch & Weber Architekten aus Halle grenzt auf einer Seite an die alte Wittenberger Universität Leucorea. Seine Formen beziehen sich auf das Melanchthon-Wohnhaus und greifen zum Beispiel mit den rauen Klinkern historisches Baumaterial auf. Die Ausstellungsfläche hat sich durch ihn auf 600 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Zudem nimmt der Neubau einen Vortragsraum, Garderobe, Kasse, Sanitärräume, Haustechnik und einen Fahrstuhl auf. Die barrierefreie Erkundung nahezu des gesamten Hauses ist erstmals möglich. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Philipp Melanchthon: Leben – Werk – Wirkung«. Das wichtigste Exponat ist das Wohnhaus selber, das über die Jahrhunderte nahezu unverändert erhalten blieb. Jetzt kann es bis unter das Dach erkundet werden. Dank der Bauforschung können einzelne Räume einer Nutzung zugeordnet werden: die Küche, das angrenzende Esszimmer mit Blick auf den Garten, das wappenverzierte Wohnzimmer der Studenten, die bei Familie Melanchthon Kost und Logis bekamen, ihre kalte Schlafkammer nebenan, und die gute Stube des Hauses. Weil vom originalen Haushalt der Gelehrtenfamilie bis auf die Steinplatte des Gartentisches nichts erhalten blieb, wurde dieser Raum im 19. Jahrhundert mit schweren Eichenmöbeln im altdeutschen Stil ausgestattet, die restauriert sind. Die weiteren Räume des Altbaus hat das Berliner Designerbüro Iglhaut+von Grote mit einigen Möbeln und Figuren so gestaltet, dass sie die Funktion andeuten. Kinder dürfen eigens für sie aufgestellte Truhen und Laden aufschließen, Spielzeug herausnehmen oder der Tochter Magdalena Melanchthon zuhören. Sie berichtet zum Beispiel vom Sprachgewirr mit den Worten ihres Vaters: »Heute sind an meinem Tisch elf Sprachen gesprochen worden.«

Über das geistige Erbe Melanch­thons, des »Lehrers Deutschlands«, des »Vaters der Ökumene« oder des »Außenministers der Reformation«, informieren die Räume im Anbau. Die Kuratoren Martin Trau und Jutta Strehle haben aus Melanchthons Lebenswerk von rund 2000 Büchern und Schriften sowie rund 9500 Briefen einige ausgewählt. Im Raum »Melanchthons Schätze« etwa begegnet der Besucher im Dämmerlicht empfindlichen Originalen: frühe Drucke oder Handschriften, die von Wittenberg aus in die Welt strahlten. Zwar bleibt Melanchthon, was seine bildhafte Darstellung betrifft, weit hinter Martin Luther zurück. Doch zeugen die in Wittenberg ausgestellten Gemälde, Grafiken, Büsten und Medaillen von dem Respekt, der dem Gelehrten über Jahrhunderte entgegengebracht wurde.

Restaurierung und Neubau haben rund 4,8 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam von der Europäischen Union, vom Bund, vom Land Sachsen-Anhalt und der Lutherstadt Wittenberg. Zudem flossen Eigenmittel der Stiftung Luthergedenkstätten und Geld aus dem Förderprogramm »Reformationsjubiläum 2017« des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in das Projekt ein. »So viel Melanchthon war nie«, sagte ­Stiftungsdirektor Stefan Rhein vor der Eröffnung am 15. Februar. Davon ­können sich Besucher ab jetzt täglich, außer montags, und im Sommer an allen sieben Wochentagen, ein Bild machen.

Angela Stoye

Traumjob im zweiten Anlauf

15. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Dorothea Schulz-Ngomane arbeitet als Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Kenia

Von Magdeburg nach ­Ostafrika: Seit drei Jahren lebt und arbeitet Dorothea Schulz-Ngomane als ­Pfarrerin in Nairobi.

Zwischen Magdeburg und Nairobi ist eigentlich alles anders«, meint Dorothea Schulz-Ngomane, von der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Kenia. Mit Rückblick auf acht Jahre Dienst in verschiedenen Stadtgemeinden in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt und inzwischen drei Jahren Erfahrung in der ostafrikanischen Metropole Nairobi kann sie sich in dieser Einschätzung ziemlich sicher sein. Natürlich seien sich Gemeinden im Allgemeinen auch ähnlich. Sie nennt das Kirchenjahr mit seinen Festen, das Gotteshaus als Ort der inneren Einkehr, aber auch als Platz für gezeigte Freude oder Heilung von Konflikten. Das Besondere in Kenia aber sei das gesamte Drumherum.

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Zur Gemeinde von Dorothea Schulz-Ngomane gehören viele Familien, deren Leben vom Entwicklungsdienst bestimmt ist. Andere sind in Kenia politisch aktiv, zum Beispiel bei Stiftungen. Sehr viele aber auch wirtschaftlich, denn Kenia hat bei allen Entwicklungsproblemen ein gutes Investitionsklima. Das zieht auch deutsche Firmen an. Den Gottesdienst besuchen Diplomaten und andere, die nach wenigen Jahren wieder das Land wechseln und in neue Kulturkreise gehen oder eben von dort her nach Kenia kommen. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder liegt im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Darauf und auf die hohe Fluktuation der Gemeindemitglieder muss sich die Pfarrerin einstellen.

Auf der anderen Seite gibt es auch Familien, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen, mit Ehepartnern aus Kenia. Das bringt wiederum Kontinuität in die Gemeinde, die immerhin schon seit 45 Jahren besteht und mit etwa 150 Mitgliedern wie ein Verein organisiert ist. Der Gemeindesaal befindet sich gleich neben der Deutschen Botschaft in Nairobi.

Dorothea Schulz-Ngomane ist in Halle geboren und in einem Dorf im Saalkreis aufgewachsen. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Potsdam, studierte in Berlin und Rostock Theologie und lernte Portugiesisch. Letzteres brachte sie in Kontakt zu ihrem heutigen Mann Salomon, der als DDR-Vertragsarbeitnehmer aus Mosambik nach Berlin gekommen war. Im Ostteil der Stadt entstand mit der »Cabana« 1986 die erste kirchliche Begegnungsstätte für In- und Ausländer, in der die junge Studentin aktiv mitarbeitete. Salomon konnte nach der Wende in der neuen Bundesrepublik bleiben und Sozialpädagogik studieren. Stolz sind beide auf ihre kleine Familie mit drei Jungs im Alter von 20, 15 und acht ­Jahren.

»Wir wollten immer hier in Afrika leben und arbeiten«, meint Dorothea Schulz-Ngomane. Der Sprung nach Kenia klappte dennoch erst im zweiten Anlauf: Beim ersten Versuch waren die Kinder noch zu klein und es gab Unruhen im Land. Dann – mitten in der Adventszeit 2009 – sei plötzlich alles sehr schnell gegangen, erzählt sie. Drei Kandidaten reisten nach Nairobi zum Probegottesdienst und Dorothea Schulz-Ngomane wurde von der Gemeinde, die mit der Kenya Evangelical Lutheran Church (KELC) verbunden ist, für gut befunden und gewählt. Die Hälfte ihrer sechsjährigen Dienstzeit hat sie mittlerweile absolviert. Eine Verlängerung ist möglich, aber, so schränkt die Pfarrerin ein, da müsse sie noch schauen, wie das mit den Kindern gehe.

Andreas Herrmann

In Stein gehauene Wunderwerke

Sachsen-Anhalts Landesausstellung würdigt den mittelalterlichen »Naumburger Meister«.

 

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Sie gilt als die schönste Frau des Mittelalters. Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes hat die Fantasie vieler Interpreten und Bewunderer nachhaltig beschäftigt. Jetzt steht sie zusammen mit ihrem Mann Ekkehard und den anderen zehn lebensgroßen Stiftern im Mittelpunkt einer Exposition, die sich ganz ihrem Schöpfer, dem namenlosen »Naumburger Meister« widmet. Mit der am 29. Juni eröffneten Landesausstellung Sachsen-Anhalts sollen nun erstmals umfassend Werk und Einfluss des ­gotischen Bildhauers und Architekten gewürdigt werden.

Die Exposition zeigt so ziemlich ­alles, was über den Künstler bekannt ist. Einen »Glücksfall« nennt Kurator Holger Kunde das Zustandekommen. Insgesamt 500 Exponate vereint die Schau, die wegen ihrer Fülle gleich auf mehrere Orte im und am Dom sowie in der Stadt verteilt werden muss. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: In der Ausstellung wird eine ganze Epoche lebendig, die in ihrer künstlerischen Ausdrucksform eine unvergleichliche Wirklichkeitsnähe und individuelle Ausdruckskraft entfaltet. Als Pendant und Gegenstück zu Uta steht hier die Skulptur König Childeberts I. aus St. Germain de Pres, eine der bekanntesten französischen Plastiken aus dem 13. Jahrhundert.

Überhaupt spielen die Bezüge des Naumburger Meisters zu Frankreich eine herausragende Rolle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der namentlich nicht bekannte Bildhauer dort das Handwerk erlernt hat. Zugleich zeichnet die Exposition seinen Weg von den nordfranzösischen Bauhütten über Mainz bis nach Meißen nach, wo er nach 1250 wirkt und sich seine Spur verliert. Doch seine stärksten Zeugnisse hat der Bildhauer zweifellos im Naumburger Dom hinterlassen. Hier leitet er Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

In der Ausstellung hat der Betrachter nun die Möglichkeit, nicht nur die angestammten Figuren im Chor und am Lettner mit Kreuzigungsgruppe und Passionsrelief in Augenschein zu nehmen. Vis-à-vis stehen Fragmente des Lettners aus Mainz mit dem Zug der Seligen und Verdammten, dazu der berühmte »Kopf mit der Binde«, die Mantelteilung des Heiligen Martin aus Bassenheim oder die Grabplatte des Rittes von Hagen aus dem Merseburger Dom. Ebenso eindrucksvoll wie diese Figuren erscheinen freilich die filigranen Blattkapitelle oder die farbigen Glasfenster. Dass diese Kunst in einen europäischen Kontext gehört, veranschaulichen vor allem die bedeutenden Leihgaben aus Frankreich (ein Drittel der Exponate kommen dorther).

Doch die Naumburger Ausstellung lässt es nicht bei der kunsthistorischen Bedeutung des Naumburger Meisters und der zeitgeschichtlichen Einordnung bewenden. In einem eigenen Ausstellungsteil geht es ebenso um die Rezeptionsgeschichte. Die reicht bis ins vergangene Jahrhundert, wo Walt Disney der ­»bösen Königin« im Zeichentrickfilm »Schneewittchen« von 1937 die Züge der Markgräfin verlieh. Im national­sozialistischen Deutschland wird Uta schließlich zur Ikone der unbeugsamen »deutschen Frau« missbraucht. Noch kurz vor Kriegsende lässt ein Plakat sie als Schutzgeist über Wehrmachtssoldaten erscheinen.

Diese Verirrungen werden ebenso wenig ausgeblendet wie die gezielte Zerstörung der Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen Könige. 1914 beschießen deutsche Truppen den Bau so stark, dass sich das Blei verflüssigt und durch die Wasserspeier rinnt, bevor es erstarrt. Von den kostbaren Steinskulpturen des Eingangsportals existieren heute nur noch Gipsabdrücke, die in einem aus Stahlwangen nachgestalteten Portal stehen. Sie sind zwar erst gut 100 Jahre alt, bleiben als letzte Zeugnisse der einstigen Pracht aber kaum weniger wertvoll als die Originale. »Dass wir sie für diese Ausstellung bekommen haben«, meint der Kustos, »zeigt auch die Bedeutung, die ihr beigemessen wird.«

Martin Hanusch

Die Landesausstellung »Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen« ist vom 29. Juni bis zum 2. November zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 19 Uhr, freitags bis 22 Uhr
www.naumburgermeister.eu

Damit die Kirche im Dorfe bleibt

14. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Interview: Wenn Menschen, die der Kirche oft gar nicht angehören, ihr Herz für das Kirchengebäude entdecken


Rund 200 Kirchbaufördervereine gibt es in ­Sachsen-Anhalt, 200 in Sachsen und 130 in Thüringen. Zwei Jahre lang untersuchte die ­Theologin Grietje ­Neugebauer im Rahmen ­eines Forschungsvorhabens, warum Menschen sich für »ihre« Kirche ­engagieren. ­Harald Krille sprach mit ihr.


Grietje Neugebauer und »ihre« Kirchbauvereine: Seit Januar ist die 34-Jährige als Pfarrerin  in Halle tätig. Zuvor  untersuchte sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  Kirchbaufördervereine in  Sachsen-Anhalt. (Foto: Harald Krille)

Grietje Neugebauer und »ihre« Kirchbauvereine: Seit Januar ist die 34-Jährige als Pfarrerin in Halle tätig. Zuvor untersuchte sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Kirchbaufördervereine in Sachsen-Anhalt. (Foto: Harald Krille)

Frau Neugebauer, in Sachsen-Anhalt gehören prozentual die wenigsten Einwohner einer christlichen Kirche an. Zugleich gibt es rekordverdächtige rund 200 Kirchbaufördervereine. Wie erklärt sich das?
Neugebauer: Wir haben sehr viele und sehr alte Kirchengebäude. Zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gehören zwar nur insgesamt rund vier Prozent der Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zugleich befinden sich hier aber 20 Prozent aller ­Kirchengebäude. Hier trifft es wie sonst kaum in Deutschland zu, dass fast jedes Dorf seine eigene Kirche hat. Und im Bereich der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen stehen zudem 95 Prozent der Gebäude unter Denkmalschutz. Mehr als die Hälfte stammt von vor 1500!

Trotzdem, was motiviert Menschen, die sonst mit Kirche nichts oder nicht viel am Hut haben, sich für den baulichen Erhalt ihrer Kirche zu ­engagieren?
Neugebauer: Dahinter stecken vielfältige Motive. Eine wichtige Rolle spielen die Umbruchserfahrungen nach der Wende. Etwa der Bevölkerungsrückgang, der Wegzug der jungen und dynamischen Bewohner des Ortes. Es gibt oft keine Kneipe mehr im Ort, keinen Raum, wo man sich treffen kann und der letzte Bäcker hat geschlossen. Da treten die Kirchen als ein identitätsstiftendes Gebäude und als Kommunikationsort wieder in den Vordergrund. Bei vielen weckt der Anblick der Kirche heimatliche Gefühle. Dazu kommt die historische und kunsthistorische Bedeutung, aber vor allem auch der Bezug zur eigenen Biografie. Das erscheint wegen der Säkularisation zunächst erstaunlich, aber viele Menschen erinnern sich eben doch noch, dass sie selbst oder ihre Eltern oder Großeltern in der Kirche getauft worden sind oder dort geheiratet haben. Und diese biografische Prägung kann dazu motivieren, den Ort, der für einen Teil der Familiengeschichte steht, zu erhalten.

Das klingt so, als gäbe es Kirchbauvereine vor allem in ländlichen Gemeinden?

Neugebauer: Es gibt sie auch in kleineren oder größeren Städten. Aber es stimmt, mehr als 70 Prozent der Kirchbaufördervereine bestehen in Gemeinden bis 2000 Einwohnern. Im ländlichen Raum ist die Ausdünnung der sozialen wie technischen Infrastruktur ja auch besonders stark zu spüren. Diesem Lebensgefühl des Wegbruchs wollen die Menschen ­etwas entgegensetzen. Und da hat die Kirche als »Mitte des Dorfes« auch eine symbolische Bedeutung.

In einem Drittel der Kirchbauvereine sind – laut ihrer Untersuchung – die Mehrheit der Engagierten keine Kirchenmitglieder. Ich kann mir vorstellen, dass das Verhältnis zwischen verfasster Kirche und Kirchbauvereinen nicht immer ganz spannungsfrei ist?
Neugebauer: Das stimmt. Die Kirchengemeinden sind in den Dörfern oft sehr klein und damit auch sehr schwach. Und die Kirchbauvereine sind, weil sie sich für eine Sache ­engagieren, allein dadurch schon stark. Und es machen Bewohner des Ortes mit, die sonst gar nicht zur ­Gemeinde gehören, früher vielleicht sogar in der Öffentlichkeit antikirchlich agiert haben. Dazu kommen manchmal Abstimmungsschwierigkeiten, die auch darin begründet sind, dass die Pfarrer immer größere Gebiete zu betreuen haben und nicht mehr so viel vor Ort sein können wie sie vielleicht gerne möchten. Das alles führt manchmal dazu, dass sich die Kirchbauvereine in ihrem Anliegen, die Kirche zu erhalten, nicht gewürdigt sehen.

Es bleibt doch auch das grundsätz­liche Problem: Es gibt immer weniger Kirchenmitglieder, dementsprechend immer weniger Geld. Aber die Gebäude werden erhalten und mit ihnen stehen die Unterhaltskosten ins Haus. Wäre es nicht wirklich besser, manche Kirchen einfach abzureißen?
Neugebauer: Ich denke, solange sich genug Menschen vor Ort für ein Kirchengebäude engagieren, sollte es erhalten bleiben. Die Menschen haben doch oft gar nicht so hohe Ansprüche. Hauptsache, es findet darin ab und an etwas statt. Und dazu muss nicht ­unbedingt die Heizung funktionieren, da ist erst mal wichtig, dass einem das Dach nicht auf den Kopf fällt.

Dennoch, eine schöne stattliche Kirche, die Mitte des Dorfes, und dann zwei oder vielleicht vier Mal im Jahr Gottesdienst – und das war alles?
Neugebauer: Wie ich schon sagte – die Kirchengebäude gewinnen zunehmend Bedeutung als Kommunika­tionszentren. Es geht um eine Ausweitung der Nutzung auch zusätzlich zu Gottesdiensten. Ich halte es für eine positive Entwicklung, dass inzwischen Menschen auf uns zukommen und sich wünschen, dass dort eine Dorfveranstaltung stattfindet.

Wo würden Sie da Grenzen sehen? Können künftig Modenschauen, Feuerwehrsitzungen und Kaninchenausstellungen in der Kirche stattfinden?
Neugebauer: Ich denke, es ist sehr schwierig, allgemeingültige Grenzen zu setzen. Sie sollten immer vor Ort mit den Kirchengemeinden ausgehandelt werden. Da kann es durchaus sein, dass in dem einen Ort eine nichtkirchliche Trauerfeier in der Kirche stattfinden kann, weil es keine Trauerhalle im Ort gibt. Und eine andere ­Kirchengemeinde tut sich da schwerer damit. Wichtig ist das Gespräch zwischen den Beteiligten.

Welche Chancen sehen Sie in den Kirchbauvereinen über die Frage der Gebäudeerhaltung hinaus?
Neugebauer: Sie sind eine Chance für die Kirchengemeinden sich zu ­öffnen. Menschen bringen sich oft in ganz anderen Bereichen ein, als wir das so einplanen. Gottesdienste und Gemeindeabende sind eben nicht für jeden etwas. Aber selbst Hand anzulegen, ganz praktisch im Umfeld der Kirche das Gestrüpp zu beseitigen ist für den einen oder anderen eine Möglichkeit der Beteiligung. Und ich mache die Beobachtung, dass durch die Beschäftigung mit dem ­Kirchengebäude auch eine Beschäf­tigung mit dem Inhalt, wofür eine ­Kirche steht, wachsen kann. Das ist ein Prozess, der viel Zeit braucht, weil der Traditionsabbruch in vielen Familien sehr groß ist. Aber da gibt es Chancen für die Kirche, wenn sie im Gespräch bleibt.

Netzwerk für Kirchbauförderer

Um den Informations- und Erfahrungsaustausch der vielen lokalen Initiativen zur Erhaltung der Kirchengebäude im gesamten mitteldeutschen Raum zu fördern, befindet sich derzeit ein Netzwerk im Aufbau. Es arbeitet zunächst unter dem Dach des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e.V. Darüber ­hinaus wird die Gründung eines eigenständigen gemeinnützigen Vereins ­angestrebt. Der Aufbau des Netzwerks wird bis zur Gründung eines Vereins durch eine Steuerungsgruppe von Mitgliedern verschiedener Vereine und ­interessierten Bürgern organisiert. Dazu werden noch weitere Mitstreiter ­gesucht, die sich für den Erhalt der Kirche in ihren Orten einsetzen möchten.

Eine Kontaktaufnahme ist möglich über Pfarrerin i. E. Grietje Neugebauer, Goldlackweg 3, 06118 Halle (Saale), Telefon (0345) 5233877, Fax (0345) 6845791 oder über die Internetseite des Landesheimatbundes: www.lhbsa.de.

Europäische Fachmesse »denkmal 2010«

denkmal2010_dt_jpgVom 18. bis 20. November treffen sich Europas Fachexperten in Sachen ­Denkmalpflege in Leipzig zur Messe »denkmal 2010«. Mit einer Mischung aus Ausstellung und Fachprogramm bietet sie Architekten, Restauratoren, Handwerkern, Denkmalpflegern aber auch Investoren und Bauherren wie ­interessierten Laien Informationen rund um die Sanierung von Denkmälern.

Das Schwerpunktthema lautet diesmal »Backstein, Ziegel und Klinker in der Architektur des 20. Jahrhunderts«. Die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (Stiftung KiBa) und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden dabei mit einem ­gemeinsamen Messestand auf das wertvolle Erbe an sakralen Gebäuden, ­Orgeln und anderen Kunstgegenständen in Mitteldeutschland hinweisen. Daneben ist für den 20. November von 10.00 Uhr bis 12.30 Uhr ein begleitendes Vortragsprogramm geplant.