Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Christus, Kreativität, Kunst

17. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Bevor Johannes Stüttgen an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, war er Theologiestudent bei Joseph Ratzinger. Als ehemaliger Meisterschüler von Joseph Beuys engagiert er sich für dessen Ideen. Darüber sprach Sabine Kuschel mit ihm.

Herr Stüttgen, im Blick auf sein Christusbild begegnet Joseph Beuys uns als ein sehr interessanter Künstler. Allerdings nicht unbedingt sofort zu verstehen?
Stüttgen:
Aber er arbeitet mit dem Element der Zeit. Er weiß ganz genau, dass bestimmte Dinge ihre Zeit brauchen und sich einprägen. Und einem dann unter Umständen sehr viel später aufgehen. Darauf kommt es an, dass man sich Zeit nimmt, dass man den Dingen auf den Grund geht und nicht einfach immer nur die herrschenden Ideologien wiederkaut und sich in denen einrichtet.

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Fotos: Adrienne Uebbing

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Foto: Adrienne Uebbing

»Das ist der Erfinder der Dampfmaschine«, steht unter einer Christusdarstellung von Beuys. Er will damit offenbar ausdrücken, dass das Schöpferische im Menschen Christus ist?
Stüttgen:
Ganz genau das. Das Schöpferische im Menschen bedeutet, dass aus dem Nichts heraus etwas entstehen kann. Dieses Nichts ist eigentlich nur die Bezeichnung für das Ich. In der deutschen Sprache ist das schön zu sehen. Das Wort Nichts wird eingekleidet vorn durch das N und am Schluss durch das ts. Dazwischen ist das Ich. Das Ich ist der Ursprung des kreativen, schöpferischen Wesens des Menschen. Das man eben auch als die Substanz bezeichnet, die der Mensch gewordene Gott mitgebracht hat. Also praktisch eine Art Inkarnationsprozess, der auf der Erde sozusagen umgestaltet wird in einen Substanzbildungsprozess im Sinne einer Auferstehung.

Ein Prozess, der allgegenwärtig ist?
Stüttgen:
Allgegenwärtig. Also eine Allgegenwärtigkeit, die ununterbrochen wirksam ist, die gleichzeitig auch Aktion, Wille, Tat ist. Das zusammen ergibt, was Beuys den Kunstbegriff nennt. Also insofern ist dieser Christus, die Christuswirksamkeit, die als die Göttlichkeit in den Menschen hineingekommen ist, wirksam als die schöpferische, künstlerische Arbeit. Das mag vielleicht erst mal befremdlich klingen. Wenn man aber etwas länger drüber nachdenkt, wird man feststellen, dass es eine sehr präzise Beschreibung der menschlichen Seele ist.

Komplizierte, tiefgründige Gedankengänge, die Beuys da geführt hat?
Stüttgen:
Sind die wirklich so kompliziert? Na ja, man muss sich dran gewöhnen. Aber ich behaupte, sie sind eigentlich gar nicht so kompliziert. Viel schlimmer ist, dass wir in einer vollkommen verkomplizierten Vorstellungswelt leben. Deswegen haben wir Schwierigkeiten, an die einfachen, grundlegenden Fragestellungen he­ranzukommen. Wir stehen uns da selbst im Weg.

Wie definieren Sie Beuys’ Verhältnis zur Religion und zu Gott?
Stüttgen:
Dieses Verhältnis hatte zwei Seiten. Die eine Seite könnte man die Tradition nennen, in der wir alle großgeworden sind. Die aber jetzt interessanterweise bezüglich der religiösen Momente immer mehr nachlässt. Man kann sagen: Der Materialismus hat sich wirklich durchgesetzt. Das ist die eine Seite der Medaille, die Vergangenheit. Dann haben wir die Gegenwart, d. h. unsere jetzige Ich-Not an dieser Vergangenheit. Auch an den Zuständen, die wir durch diese Vergangenheit hervorgerufen haben. Die nächste Frage geht in die Zukunft. Wir müssen dieses Christusereignis in uns selber vollziehen. Christus ist auf die Erde gekommen als Gott. Er hat auf der Erde seine 30 Jahre gearbeitet und gelehrt. Dann ist er drei Jahre lang sozusagen vollkommen in die menschliche Substanz eingegangen. Denn der Christus ist durch die Johannis-Taufe überhaupt erst gegenwärtig geworden.

Foto: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Dadurch bricht ein ganz neues Zeitalter an. Das kommt uns vielleicht erst jetzt allmählich zu Bewusstsein, nachdem wir diese ganzen Todesvorgänge in unserer Geschichte durchexerziert haben.

Beuys muss durch Krisen gegangen sein, um diese Gedanken hervorzubringen?
Stüttgen:
Ja, er ist durch etliche Krisen gegangen. Durch Krisen hat er diese Kraft entwickeln können. Aber er hatte mit Sicherheit von Anfang an einen sehr klaren Sinn für seine künstlerische Bestimmung. Wie alle großen Geister, die schon sehr früh wissen, wofür sie auf der Erde sind.

Er hat bewusst einige Eklats im Voraus einkalkuliert und konnte souverän damit umgehen?
Stüttgen:
Absolut. Er war einer, der dem System Paroli geboten hat. Er hat gesagt: Das System, egal ob im Westen oder Osten, ist für mich nicht zuständig. Ich bin als Mensch für mich zuständig. Ich habe den Auftrag, mit anderen Menschen eine Gemeinsamkeit in Freiheit zu entwickeln, um die Systeme zu überwinden. Weil die Systeme alle ihrem Wesen nach Todessysteme sind. Ziel ist die Entwicklung der sozialen Skulptur.

Sie haben 20 Jahre Ihres Lebens mit ihm verbringen dürfen. Das war ein großes Glück?
Stüttgen:
Ja, das war ein großes Glück, und von daher habe ich die Verpflichtung, daran weiterzuarbeiten. Ich habe immer wieder erlebt, dass Leute, die ihn kennenlernten, ganz erstaunt darüber waren, wie menschlich er war. Die meisten kannten ihn nur durch die Medien als Superstar. Beuys war ein Mensch, der genau zuhören konnte. Als Lehrer hat er regelrecht Hebammenhilfe geleistet. Was will der Schüler? Das herauszuarbeiten, hat er mitgeholfen. Er hatte einen sehr tiefen Einblick in die Seele. Das war eigentlich sein ganzes Kapital. Er war übrigens ein sehr bescheidener Mensch.

Dem Geheimnis Gottes auf der Spur

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Experten im Glauben, die zwei Bestseller-Autoren Anselm Grün und Tomáš Halík widmen sich dem Unglauben

Sie sind Profis in Sachen Glaube. Beide Theologen, Geistliche, katholisch: Anselm Grün und Tomáš Halík. Gemeinsam widmen sich die beiden Bestseller-Autoren einem Phänomen, von dem sie meinen, dass es für den Glauben eine wichtige Rolle spielt, dem Unglauben, dem Zweifel. »Gottlos werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen« – In ihrem Buch sprechen sie dem Zweifel, dem Unglauben, eine für den Glauben vitale, fruchtbare Funktion zu. Glaube und Unglaube, so stellen sie ausführlich dar, gehören zusammen, brauchen einander. Glaube sei ohne Zweifel nicht zu haben.

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

In die Welt des Glaubens sind die beiden Männer auf ganz unterschiedliche Weise geraten. Der eine wurde hineingeboren, der andere hat sich hineingezweifelt. Für Anselm Grün war der Glaube wie ein feststehendes Haus, unerschütterlich, Geborgenheit spendend. Er wuchs in einer katholischen Familie unmittelbar neben der Kirche auf. Drei Geschwister seines Vaters waren Benediktiner. »Mein Vater war der Einzige in der Familie, der geheiratet hat«, erzählt Anselm Grün. Er selbst äußerte schon als 10-Jähriger den Wunsch, Priester zu werden. Zunächst habe ihn der Glaube so selbstverständlich umgeben, dass der Atheismus nicht zur Anfechtung wurde. Aber im Kloster dann, »als ich alles auf die Karte Gottes gesetzt hatte, wurde die Frage des Atheismus für mich zu einer persönlichen Frage«. Heute, so gibt der Benediktinerpater zu verstehen, ist der Zweifel sein stetiger Begleiter. Wenn er predige, frage er sich immer, ob es stimmt, was er sagt oder ob er sich etwas vormache.

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anders war das bei Tomáš Halík. Er kennt den Zweifel von seiner Jugend an. Er wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren und ist dort aufgewachsen, in einem Land, in dem der Atheismus vonseiten des Staates angeordnet war. »Als 16-Jähriger zweifelt man in der Regel an allen von außen herangetragenen und aufgezwungenen Wahrheiten.« Und so stellte er die Dogmen jener vom Regime aufgezwungenen Ideologie infrage. Bis er sich schließlich am Ende eines langen und verschlungenen Weges zum christlichen Glauben durchgezweifelt hatte.

Halík arbeitete während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei als Psychotherapeut und wurde 1978 heimlich in Erfurt zum Priester geweiht. Er war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek sowie Berater von Václáv Havel. Heute ist er Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und Rektor der Universitätskirche St. Salvator in Prag.

Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihrem Buch intensiv mit dem Atheismus, dem sie eine dem Glauben dienende Bedeutung zusprechen. Die Vorstellungen, die Bilder von Gott seien ebenso vielfältig wie die Art und Weise und unter welchen Pseudonymen Gott einen Menschen anspricht. Vor diesem Hintergrund, so Halík, erinnere der Atheismus daran, dass jeder menschliche Begriff in Beziehung auf Gott nur wie ein Finger ist, der auf den Mond zeigt und nicht der Mond selbst. Wissen wir also gar nichts von Gott? Wenn fast alles ungewiss ist, was ist gewiss? Halíks Antwort fällt kurz und knapp aus: »Gott ist Geheimnis.«

Der Weg des Glaubens, den die beiden Priester gegangen sind, ist ein langer. Sie haben sich unter anderem mit atheistischen Philosophen und mit der Psychologie auseinandergesetzt. Sie kennen die Anfechtungen des Glaubens durch den Zweifel persönlich und aus der Erfahrung als Seelsorger. Die Erkenntnisse, die sie als Gläubige gewonnen haben, sind einander ähnlich, fast identisch, aber sie öffnen mit ihrer Sprache unterschiedliche Fenster. Sie gewähren damit interessante Einblicke in ihre Glaubenswirklichkeit, Einblicke in das Zuhause zweier Christen, Gottsucher, deren Berufung es ist, dem Geheimnis Gottes näherzukommen.

Für Anselm Grün bedeutet Glauben, Gott zu suchen. Er begegne sehr oft Menschen, die gern glauben möchten, jedoch meinen, dies nicht zu vermögen. Ihnen sage er, die Sehnsucht, glauben zu wollen, sei schon Glauben. Im Fragen und Suchen sieht der Benediktinermönch die Chance, tiefer in den Glauben vorzudringen. »Eine Frage stellen heißt, so sagt es uns die deutsche Sprache, eine Furche graben. Wenn wir uns infrage stellen lassen in unserem Glauben, dann lassen wir in den Acker unserer Seele eine Furche graben. Und in dieser Furche kann eine neue Saat aufgehen. Da kann unser Glaube neu aufblühen. Er wird immer wieder aufgelockert, damit er mehr Frucht bringt. Die Frage zwingt uns, immer tiefer zu überlegen: Wer bin ich eigentlich? Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was oder wer ist Gott?« Wer der Frage bis auf den Grund folge, werde immer tiefer in den Grund seiner Seele vorstoßen. »Und auf dem Grund meiner Seele stoße ich auf das Geheimnis, das größer ist als ich: das Geheimnis Gottes.«

Für Halík ist Gott ebenfalls Geheimnis, und Glaube die Sehnsucht, diesem näherzukommen. »Mit einem Geheimnis können wir nie fertig werden, es hat keinen Boden. Das bedeutet nicht, dass wir vor dem Eintreten in das Geheimnis ein Stoppschild stellen müssten, im Gegenteil: Das Geheimnis bietet eine unausschöpfliche Menge von Interpretationsmöglichkeiten. Nur müssen wir uns bewusst sein, dass alle unsere Ausdrücke, die wir für das Geheimnis benutzen, den Charakter eines Bildes, eines Gleichnisses, einer Metapher oder bestenfalls einer Analogie haben.«

Das Buch hält reichlich Glaubensgewissheiten und Einsichten bereit. Nach all den Ausführungen über den Unglauben und die Skepsis darf man schlussfolgern, dass diese Einsichten und Gewissheiten Früchte sind, gewachsen in kritischen Phasen, in Zeiten der Anfechtung und des Fragens. Denn wie Halík sagt, gewinnt er neue Einblicke meistens nach Krisen. Sie tauchen dann auf, Einblicke, sind wie Licht­strahlen, die auf dem Glaubensweg weiter voranbringen.

Sabine Kuschel

Grün, Anselm/Halík, Tomáš/Nonhoff, Winfried (Hg.): Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen, Vier-Türme-Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3-7365-0030-3, 19,99 Euro

Ausdruck für das eigene Leiden

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die Ausstellung »Jesus Reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert« im Kunsthaus Apolda Avantgarde präsentiert 130 Werke aus der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg. Wie Kurator Tom Beege sagt, offenbaren die Arbeiten faszinierende Perspektiven auf die Figur Christi. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel der Ausstellung »Jesus Reloaded« mutet ganz modern an …
Beege:
Das Christusbild besitzt für die Künstler immer noch große Wichtigkeit. Um das herauszustellen, haben wir diesen sehr modischen Titel gewählt. Der ist mit Absicht ein bisschen poppig gehalten. Wir wollten mit der Zeit gehen und sagen: Auch Jesus wurde »reloaded« im 20. Jahrhundert. Das bedeutet, er hat eine ganz neue, sehr moderne Deutungsweise bekommen.

Christus inspirierte viele Künstler des 20. Jahrhunderts. Was ist charakteristisch für das Christusbild dieser Epoche?
Beege:
Das ist sehr individuell, je nach persönlicher Situation des Malers und je nach politischer Situation. Bei Malern aus der DDR wie Fritz Cremer oder Bernhard Heisig besteht die Forderung: Christus möge sich von seinem Kreuz befreien. Trotzdem wird diese Forderung an der Christusfigur festgemacht. Das heißt, Christus ist und bleibt ein Symbol für das menschliche Leiden. Aber in manchen Fällen durchaus auch für die Hoffnung, dass dieses Leiden überwunden werden kann.

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Das war für uns faszinierend. Obwohl viele der Künstler nicht gläubig sind, beinhaltet das Christusbild für sie etwas, was über Logik und Rationalität hinausgeht. Das Christusbild ist immer noch ein wichtiges, machtvolles Symbol, mit dem der Künstler einerseits seine eigene Stellung in der Welt ausdrückt, auf der anderen Seite aber auch für eine Form der christlichen Menschlichkeit eintritt. Die soll aber unabhängig von der Institution Kirche funktionieren. Es geht um die christlichen menschlichen Grundwerte der Liebe, des Verständnisses.

Wie hat sich das Sujet in der Kunst der Moderne verändert?
Beege:
Im 17. und 18. Jahrhundert gab es massive Auseinandersetzungen zwischen weltlicher Philosophie, zwischen Wissenschaft und Religion. Sie haben dazu geführt, dass Kunst, die zum Lob Christi entstanden ist, in dieser Zeit zurückgetreten ist. Der weltliche Charakter oder die weltliche Bedeutung des Christusbildes wurden wichtiger.

Das ist ein Prozess, der am Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Mit Künstlern wie z. B. Édouard Manet und Paul Gauguin, die in der Christusfigur weniger den Christus der Heilsgeschichte gesehen haben als eine Verkörperung für ihr eigenes Leiden und für ihre eigene Situation. Das ist vielleicht der entscheidendste Unterschied zur Darstellung Jesu als Erlöserfigur. Man kann erkennen, dass Christus individualisiert wird. Das heißt, er wird Ausdruck für das eigene Leiden.

Zum Teil spielen Propheten-Motive eine große Rolle, weil viele Künstler sich als unverstandene Propheten verstanden haben. Die starke Identifikation der Künstler mit Christus wird zum Beispiel deutlich am Werk James Ensors, eines belgischen Malers. Er hat sich selbst als Christus porträtiert, um ihn herumstehend seine Kritiker. Das heißt, er fühlte sich durch das Unverstandenwerden der Welt ans Kreuz genagelt.

Dann hatten die beiden Weltkriege Auswirkung auf das Christusbild …
Beege:
Wir finden nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr kritisches Christusbild. Max Beckmann hat gesagt: »Meine Religion ist Hochmut vor Gott, Trotz gegen Gott. Trotz, dass er uns so geschaffen hat, dass wir uns nicht lieben können. Ich werfe Gott in meinen Bildern alles vor, was er falsch gemacht hat.« Diese Aussage beruht auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges.

Ernst Barlach hat eine Zeichnung geschaffen, die wir allerdings nicht in der Ausstellung haben, in der Jesus Christus vor den Toten des Ersten Weltkrieges steht, völlig hilflos, der nicht die Macht hat, jemanden zu erlösen. Sondern der angesichts der Grausamkeit der Kriege und der Menschen fassungslos vor den Ergebnissen dessen steht.

George Grosz klagt mit seinem Christusmotiv Kirche und Staat an, weil sie diesen Krieg zugelassen haben. Also wir finden eine starke Säkularisierung des Christusbildes, ausgehend von einer großen Identifizierung des Künstlers mit dem Christusbild, bis hin zu einer politischen Aussage. Insofern gibt die Ausstellung nicht den religiösen Gedanken des Christusbildes wieder, sondern eher den säkularen Gedanken.

Es gibt beeindruckende Christusbilder und Kreuzigungsszenen. Aber die Künstler, die diese Bilder geschaffen haben, waren keine Christen, sondern Kritiker der Institution Kirche.
Beege:
Das hat uns fasziniert: Es gibt diese kritische Haltung der Kirche gegenüber, aber es gibt auch diese Hinwendung zur Christusfigur. Die Christusbilder, die wir ausstellen, sind nicht im Auftrage der Kirche entstanden. Insofern haben wir ganz andere Konstellationen als in der im Auftrag der Kirchen entwickelten Kunst. Der Weltkrieg hat viel ausgelöst. Otto Dix zum Beispiel hat die Verspottung Christi gemalt und dabei Hitler als einen der Spötter dargestellt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Künstler zur Kirche und zu Christus stehen.

Joseph Beuys war ein Kirchengegner, und trotzdem war der christliche Gedanke, die Kreuzigung, von Bedeutung für seine Philosophie. Er hat diese große Menschlichkeit hinter der christlichen Idee gesehen. Künstler wie Joseph Beuys oder der Österreicher Arnulf Rainer haben sich vom Christentum distanziert. Aber bei der Recherche haben wir festgestellt, dass ihnen das größte Interesse von theologisch geprägten Kulturhistorikern und Kunsthistorikern entgegengebracht wird. Joseph Beuys ist im theologischen Diskurs ein immens wichtiger Künstler, genau wie Arnulf Rainer. Das heißt, die Kirche befasst sich mit dieser kritischen Haltung der Künstler und setzt sich damit auseinander.

www.kunsthausapolda.de

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Kapitulation im Gottesdienst

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Ausgebrannt: Er leitete eine Vorzeigegemeinde. Pfarrer Andreas Möller war beliebt, erfolgreich und irgendwann überlastet. Erst eine Auszeit brachte sein Leben wieder ins Lot.

Andreas Möller, Jahrgang 1962, bezeichnet seinen vierteljährlichen Aufenthalt im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach als »eine der wertvollsten Zeiten in meinem Leben«. Innehalten, das bisherige Leben unter die Lupe nehmen, schauen, warum es zu dieser Krise gekommen ist. Der Pfarrer blickt auf ausgefüllte, erfolgreiche Berufsjahre im Gemeindebezirk Wenigenjena, zu dem in Jena die Gemeinden am Lutherhaus und an der Schillerkirche und in Ziegenhain die an der Marienkirche gehören.

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

1998 kommt der Theologe nach Jena. Gemeinsam mit seiner Frau, die Gemeindepädagogin ist, will er sich am Konzept eines missionarischen Gemeindeaufbaus nach Christian und Fritz Schwarz orientieren. Zu diesem gehören inspirierende Gottesdienste, zweckmäßige Strukturen, die Mitarbeiter übernehmen Verantwortung entsprechend ihren Gaben. Als er der Gemeinde dieses Konzept vorstellt, ist er begeistert von der Resonanz: »Da packen wir mit an.« So kommt es. Die Gemeindesituation wird genau betrachtet, die Menschen, ihre verschiedenen Frömmigkeitsformen, die Gebäude und Räume. Drei Schwerpunkte kristallisieren sich heraus: Christ werden und bleiben. Wie können Christen ihre je eigene Form der Nachfolge entwickeln? Und wie können sie entdecken, welches ihr persönlicher Beitrag für das Anliegen Gottes ist? Dafür gibt es entsprechende Angebote: Seminare, Glaubenskurse, geistliche Übungen, Persönlichkeitstests. Das Gemeindeleben blüht auf. Familiengottesdienste werden so gestaltet, dass sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen. Die Jugendlichen kommen am Abend. Alte und neue Formen existieren nebeneinander. Als die 180 Plätze im Kirchsaal nicht mehr ausreichen, werden die Gottesdienste geteilt. Jeweils drei am Sonntag. Der Zuspruch ist enorm. »Die Nachbargemeinden guckten nach uns.« Es entsteht Druck. Neben der Vielzahl an Gruppen, Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen gibt es einen Berg an Verwaltungsarbeit. »Ich habe den Anspruch, dass alles gut und sauber läuft, aber nicht das Geschick für die Geschäftsführung«, räumt der Theologe ein. 2002 nach einem Urlaub machen sich »Anzeichen von Burnout« bemerkbar. Panikattacken. Der Pfarrer beschließt kürzerzutreten. Als er der Gemeinde dies im Gottesdienst sagen will, bricht er plötzlich in Tränen aus. Totenstille. Möller schildert: »Ein Mann steht auf, Arzt, ein ganz großer Mann, kommt nach vorn, nimmt mich in den Arm und sagt, er habe das kommen sehen.« Für Möller ist dies ein berührender Moment. »Ein emotionaler Höhepunkt. Ich habe mich getröstet gefühlt.«

Nun überlegt und berät die Gemeinde, wie der Pfarrer entlastet werden könnte – und findet eine innovative Lösung. Es wird eine zusätzliche Pfarrstelle eingerichtet, jedoch nicht mit landeskirchlichen, sondern eigenen Mitteln. Es finden sich genügend Spender. Die Stelle wird über einen Förderverein finanziert. Es dauert allerdings eine Weile, bevor 2004 Pfarrer Jörg Gintrowski kommt und sich die Situation in der Gemeinde entspannt. Allerdings laufen im Kirchenkreis Verhandlungen über Strukturveränderungen. Möller engagiert sich. Die Auseinandersetzungen kosten viel Zeit und Kraft. Energie, die der Gemeinde verlorengeht. »Ich wollte für unseren Kirchenkreis etwas bewegen.« Doch er kann sich nicht eingestehen, dass er etwas geschafft hat.

Januar 2012. Der Pfarrer sitzt vor seinem Computer, sein Leben erscheint ihm wie ein Trümmerhaufen. »Ich war so frustriert, wie erstarrt, vergleichbar mit einer festgefahrenen Festplatte auf dem Computer, eine innere Lähmung.« Der Psychiater schreibt ihn krank und verordnet eine Langzeittherapie. Der Theologe klinkt sich aus seinem Alltag aus. Die Gespräche mit dem Psychologen sind wichtig für ihn. Und die Auszeit in Münsterschwarzach. Hier blickt er auf sein Leben und erkennt: »Es ist nicht allein die Arbeit«, denn viele Menschen seien mit Arbeit randvoll eingedeckt und bekämen dennoch kein Burnout. »Es ist auch nicht die mangelnde Wertschätzung«, andere würden für das, was sie tun, ebenfalls keine oder zu wenig Anerkennung ernten. Er unternimmt in Münsterschwarzach eine Reise in die Kindheit. Dabei entdeckt er, dass seine Erziehung in einem Pfarrhaus in der DDR Spuren hinterlassen hat. Die Einstellung seiner Eltern, Dienst für Gott und Menschen gehe vor, leitet auch ihn. Ebenso der Anspruch, alles perfekt erledigen zu wollen. Er nimmt seelische Verwundungen wahr, schreibt Tagebuch, liest die Klagelieder der Bibel. Im Recollectio-Haus hat er viel Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Zum täglichen Ritual gehören die Gottesdienste und Gebete. Ein Team von geistlichen Begleitern, Psychotherapeuten und Ärzten hilft, neue Perspektiven zu erkennen. Andreas Möller steckt seine Grenzen neu ab.

Die Wochen im Recollectio-Haus sind eine heilsame Zeit. Er entdeckt den Wert von Familie und von Freundschaften neu. Er macht ausfindig, wie er sich im Alltag eine kurze Pause schaffen kann, kennt seine 30 Möglichkeiten der Entspannung, die nicht länger als fünf Minuten dauern und nicht mehr als fünf Euro kosten. Zum Beispiel eine Tasse Kaffee trinken, ein Comic lesen, ein paar Schritte im Garten gehen. Er kehrt nach Hause zurück mit einer anderen Sensibilität. »Ich weiß mich zu schützen.« Nach 18 Jahren verabschiedet sich der Pfarrer von Jena und betritt beruflich Neuland. Seit März ist Möller Referent für Gemeindeentwicklung. Zur Einführung in dieses neue Amt schreibt eine Jenaer Autorin: »Die EKM hätte kaum einen Besseren finden können.«

Sabine Kuschel

Klang ist seine Leidenschaft

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Porträt: Für Geigenbauer Martin Schleske ist die Barmherzigkeit die eigentliche Schöpferkraft

Martin Schleske ist einer der besten Geigenbauer der Welt. Seine Instrumente werden von international namhaften Musikern gespielt. Der Bau einer Geige ist für ihn wie ein Gleichnis für die Weisheit Gottes.

Voriges Jahr ist Martin Schleske mit seiner Werkstatt aus der Nähe von München nach Landsberg am Lech gezogen. Das Haus im Zentrum der historischen Altstadt hat eine etwa 1000-jährige Geschichte, die auf den Karmeliterorden zurückgeht. Dass Anhänger der Karmeliter in diesem Haus lebten, damit erklärt sich Schleske die Ruhe, die von diesem Gebäude ausgeht. Als er es nach umfangreichen Bauarbeiten in Besitz nahm, sei es ihm vorgekommen, als trete er in den Orden der Karmeliten ein, deren Geisteshaltung ihm nahe sei, erzählt Schleske.

Martin Schleske in seiner Werkstatt. Hinter ihm Hölzer, mehr als 120 Jahre alt. Fotos: Sabine Kuschel

Martin Schleske in seiner Werkstatt. Hinter ihm Hölzer, mehr als 120 Jahre alt. Fotos: Sabine Kuschel

In diesem Haus soll – vielleicht in 30, 35 oder 40 Jahren – einmal Schleskes beste Geige entstehen. Martin Schleske, geboren in Stuttgart, ist 51 Jahre alt. Die großen Maschinen, die er für seine Arbeit als Geigenbaumeister braucht, befinden sich im Keller. Sie wurden dort aufgestellt, bevor die Treppe im Haus eingebaut wurde. Dort stehen sie nun. »Ich habe zu meinen Söhnen gesagt, ihr müsst mich vor den Maschinen aus dem Haus tragen.« Denn in dieser Werkstatt möchte der Geigenbauer bis zu seinem Lebensende arbeiten. »Und am liebsten mit 85 Jahren meine beste Geige bauen.« Antonio Stradivari (1644 bis 1737) sei mit 93 Jahren gestorben. Und das Geheimnis seiner unvergleichlichen Instrumente liege in seiner über Jahrzehnte erprobten Meisterschaft. Ein Geigenbauer brauche die über viele Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen, um schließlich ein Instrument mit einem vollkommenen Klang schaffen zu können, sagt Schleske. Dieser Leidenschaft hat sich der Geigenbaumeister verschrieben. Er sei in seinem Beruf angetreten, um eine Violine zu bauen, die entweder eine Stradivari übertrifft oder um zu erforschen, warum dies nicht möglich ist. Viele Faktoren beeinflussen die Resonanzen und den Klang eines Instrumentes. Seine Ausbildung als Geigenbauer reichte ihm nicht aus, deshalb studierte Schleske zusätzlich Physik.

Neben der Suche nach dem optimalen Klang folgt der Geigenbauer noch einer anderen Berufung. Er möchte Menschen inspirieren, Gott zu lieben. Er tut dies, indem er Bücher schreibt. Es sind tiefsinnige Beschreibungen darüber, wie seine Gotteserfahrungen seine Arbeit durchdringen, und wie vieles, was er beim Bau einer Geige erlebt, ein Gleichnis für die Weisheit Gottes ist.

Beim Geigenbau fließen jahrelange Erfahrungen, empirische Erkenntnisse, fachliches Wissen, handwerkliches Können, Intuition und Inspiration zusammen. Will der Meister erahnen, welchen Klang er dem Holz abgewinnen kann, muss er bei seiner Arbeit aufmerksam hören und auf jedes Detail achten. Auf den Faserverlauf des Holzes, seine Geschichte, seine Eigenheiten und Verletzungen. Um das Holz mit seinen unabänderlichen Gegebenheiten zum Klingen zu bringen, »dazu braucht es Barmherzigkeit«, erklärt Schleske. »Sie ist die eigentliche Schöpferkraft, die alles heiligt, was sie berührt. Die krummen Fasern, Drehwuchs, das Reaktionsholz, das sich durch schwierige Umstände gebildet hat – all das, was nicht perfekt ist. Es ist das Geheimnis des Geigenbaus. Nicht das Holz wird dem Meister gerecht, sondern der Meister wird dem Holz gerecht.«

Schleske kennt Situationen, in denen er mit seinem Latein am Ende ist, etwa bei der Klangeinstellung eines Instrumentes. Nach seinen Darstellungen ist das ein sehr sensibler, diffiziler Vorgang. »Danach bin ich manchmal so erschöpft, dass ich tagelang nur mechanische Arbeiten machen kann.«

In seinem Beruf gibt es Stunden höchster Anspannung, Zeiten der Ratlosigkeit. Fragen, die scheinbar nicht zu lösen sind. Schleske spricht von einer inneren Armut, die respektiert werden will, weil sie der Inspiration die Tür öffnet. Der Geigenbauer begegnet einem als einer, der seine leeren Hände Gott entgegenstreckt und darauf vertraut, dass dieser sie füllt. »Inspiration ist die Kapitulation vor Gott.«

Das innere Hören, das Hören mit dem Herzen, ist dem Instrumentenbauer vertraut. »Eine Geige zu bauen«, schreibt er, »ist eine Lebensschule des inneren Hörens.« Dank dieser Fähigkeit ist er zu der tiefen Einsicht vorgedrungen, als Schöpfer eines Instrumentes ist er ein Empfangender, ein Suchender, innerlich getrieben von der Sehnsucht, zu »erhören«, was geschehen soll.
Glaube-Alltag-17-2016-cello

Martin Schleske hat sich intensiv mit jüdischen Schriften auseinandergesetzt. Er hat die Bhagavad Gita des Hinduismus gelesen und lieben gelernt. Und er hat die Bibel gründlich studiert. Sein Glauben hat sich im frühen Jugendalter bewähren müssen. Er ist in dem geistigen Kampf mit seinem Vater stark und tief geworden. Schleske wurde getauft, jedoch nicht christlich erzogen, wenngleich kirchliche Tradition seinen Eltern nicht fremd war. Als 13-Jähriger focht er fast täglich religiöse Kämpfe mit seinem Vater aus. Jedes Mittagessen sei von Diskussionen über den Glauben geprägt gewesen. Sein Vater, Professor für Geisteswissenschaften, »mir intellektuell überlegen«, sei Nihilist gewesen, dessen Glauben im Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde. »Er hat meinen Glauben zerlegt«, schildert Schleske. In seiner Not zog sich der Heranwachsende in sein Zimmer zurück, nahm seine Bibel zur Hand, zündete eine Kerze an und vertiefte sich in die Heilige Schrift. Dabei erlebte er eine unmittelbare Gottespräsenz und empfand eine große Liebe zu Gott. Im Laufe der Jahre beobachtete er, wie sein Vater nachdenklicher und stiller geworden sei und sich heute wahrscheinlich als gläubig bezeichnen würde.

Der Tag des Instrumentenbauers beginnt mit dem Lesen der Bibel oder anderer religiöser Schriften und dem Aufschreiben seiner Gedanken. Im oberen Stockwerk seiner Werkstatt stehen Notizbücher aneinandergereiht. Seine Bücher, sagt er, entstehen nicht am Schreibtisch, sondern an der Werkbank. Wenn ihm beim selbstvergessenen Arbeiten Ideen kommen, hält er inne, steigt die Treppe nach oben, um die Gedanken schriftlich festzuhalten.

Wer wie dieser Geigenbauer alle Sinne, Fähigkeiten und Kräfte in den Dienst des Klanges stellt, leidenschaftlich, fast besessen sich der Arbeit hingibt, fühlt sich gelegentlich seinem Ideal sehr nahe. Erreicht habe er es noch nicht. »Ich bin dankbar, wie weit ich gekommen bin.« Eine Geige jedoch, mit der er ganz zufrieden sei, habe er noch nicht gebaut. »Das ist nicht schlimm, denn ich empfinde Zufriedenheit als einen hochgradig unkreativen Zustand.« Der nicht anspornt.

Schleske ist überzeugt, der Klang der Violine ist noch nicht der beste, den er ihr als Geigenbauer geben kann. Er will ihr einen Klang schenken, den die Welt noch nicht gehört hat. Das ist sein Ehrgeiz, seine Berufung, seine Passion.

Für Schleske ist Musik in Klang gegossenes Gebet. Er helfe mit, dass ein Instrument entstehen kann. Aber das bedeute viel mehr. »Denn ein Musikinstrument ist eine von den Händen des Himmels geformte Schale, in die sich die Seele eines Menschen ausgießen darf. Wenn das geschieht, dann geschieht etwas Heilsames.« Er möchte einen heilsamen Klang schaffen, einen Klang, der den Musiker, der die Geige spielt, und den Hörenden gleichermaßen berührt und heilt.

Sabine Kuschel

Zur Lektüre empfohlen
Schleske, Martin: Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens, adeo, 347 S., ISBN 978-3-86334-076-6, 22,99 Euro
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Goldmann Verlag, 448 S., ISBN 978-3-44222-068-7, 12,99 Euro

»Eingaben sind wie Petitionen im Parlament«

3. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Mitsprache: Wie jedes Gemeindemitglied Einfluss auf seine Landeskirche nehmen kann

Sollte die Kirche sich stärker in der Flüchtlingsarbeit engagieren? Einkehrhäuser und Rüstzeitheime für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen? Und wie steht es mit dem kirchlichen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Die Gemeindemitglieder an der Basis machen sich Gedanken über das, was die Kirche tun und was sie lassen sollte. Sie haben Wünsche und Erwartungen an die Kirche. Die Landessynoden sind als Kirchenparlament das oberste Entscheidungsgremium der evangelischen Landeskirchen und damit Adressaten für die Anliegen in den Gemeinden. Wie kann nun ein einzelnes Gemeindemitglied Einfluss auf die Landessynoden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts nehmen?

Jedes Gemeindemitglied kann eine Eingabe an die jeweilige Landessynode schicken. Besonders rege wird diese Möglichkeit nicht genutzt. Die Zahl der Eingaben, die pro Tagung die Synode der EKM erreiche, bewege sich im einstelligen Bereich, so Kirchenrat Thomas Brucksch, Leiter des Referates Allgemeines Recht und Verfassungsrecht im Erfurter Landeskirchenamt. In der anhaltischen Landeskirche sieht es nicht viel anders aus. »In dieser Legislatur waren es 15 Eingaben«, sagt Präses Andreas Schindler.

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

»Eingaben von Gemeindemitgliedern sind wie Petitionen beim Parlament«, erklärt Brucksch. In der EKM gehe jede Eingabe an das Präsidium, werde dort bekanntgegeben, eventuell ausgehängt, sodass sie zur Kenntnis genommen werden könne. Das Präsidium gibt dann die Eingabe je nach Thema in einen der zehn Ausschüsse der Landessynode. Das kann beispielsweise der Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen, der Haushalts- und Finanz­ausschuss oder der Ausschuss Umwelt, Klima und Landwirtschaft sein. Es könne sein, so Brucksch, dass die Synode nicht zuständig ist. Wenn es sich etwa um eine Eingabe zur Finanzierung der Kirchturmrestaurierung in einer Gemeinde handelt, würde der Ausschuss die Eingabe an die Kreissynode weiterreichen, wo sie am richtigen Platz wäre.

Der Ausschuss versuche, das hinter einer Eingabe liegende Problem zu erkennen, das möglicherweise in der Synode beraten werden sollte, legt Brucksch dar. Im Fall der Kirchturmsanierung könne es also sein, dass der Ausschuss schlussfolgert: Es ist ein Skandal, wenn das Geld für den Kirchturm fehlt. Das muss die Synode ändern.

Wenn aus Sicht des Ausschusses das Thema im Plenum erörtert werden soll, stellt er einen Antrag an die Landessynode, beispielsweise Änderungen am Finanzsystem vorzunehmen. Die Synode könne sich aber nicht zu allen Themen äußern, merkt Brucksch an. Deshalb sei es Aufgabe des Ausschusses, zu fragen, wie mit den Eingaben umzugehen ist. Manchmal könne er zu einer Frage nichts sagen und gibt die Eingabe an das Landeskirchamt. Der Adressat einer Eingabe bekomme immer eine Antwort.

Der Weg der Eingaben läuft in Anhalt etwas anders. Die Eingaben kommen zum Präses. Er teilt sie zu Beginn jeder Tagung der Synode mit. Es gibt einen Eingabenausschuss, an den die Eingabe geht, und der überlegt, wie sie bearbeitet werden soll. Sie werde dann wie in der EKM an einen Ausschuss weitergeleitet. Einige wenige, so Schindler, gehen an den Landeskirchenrat.

Neben der Möglichkeit, eine Eingabe an die Landessynoden zu richten, kann jedes Gemeindemitglied Anliegen über die Kreissynode oder über einen Landessynodalen einbringen.

In Anhalt sind überdies während jeder Synodentagung Gemeindemitglieder zu einer Fragestunde eingeladen, die allerdings keinen großen Zulauf habe, so Schindler.

Zahlenmäßig werden nicht viele Eingaben eingereicht, im Blick auf die Themen ist es ein buntes Potpourri. In der EKM beziehen sich die Eingaben auf Kirchenmusik, die kirchliche Lebensordnung, das Pachtvergabeverfahren und das Reisekostenrecht.

Selbstbestimmtes Sterben, der konziliare Prozess und Wirtschaftswachstum sind einige der Themen in Anhalt. Oder auch die Altersgrenze für Gemeindekirchenräte, die – angestoßen durch eine Eingabe – heraufgesetzt wurde. Mussten nach der alten Regelung Kirchenälteste mit 75 aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, können sie nun noch mit 75 gewählt werden. Zum Umgang mit den Eingaben in der anhaltischen Landeskirche zieht der Präses ein positives Fazit: »Ich habe noch nie erlebt, dass eine Eingabe versandet ist.«

Sabine Kuschel

Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview: Für Fernsehmoderator Peter Hahne heißt an die Auferstehung zu glauben, den Verstand einzuschalten

Der Fernsehjournalist Peter Hahne ist der bestplatzierte christliche Autor auf der Jahresbestsellerliste 2015 für religiöse Bücher. Sein Buch »Niemals aufgeben« rangiert auf Platz vier. Darüber und über Ostern sprach mit ihm Sabine Kuschel.

Herr Hahne, was würden Sie predigen, wenn Sie Ostern auf der Kanzel stünden?
Hahne:
Hoffnung, Hoffnung und nochmal: Hoffnung. Und keine politischen Ratschläge zu Flüchtlingen oder Parteien! Weil das Grab Jesu leer ist, sind seine Verheißungen keine leeren Versprechungen. Bei ihm gibt es Leben angesichts des Todes, denn er hat den Tod besiegt. Allein daraus resultiert sein Anspruch, die Hoffnung der Welt zu sein. Deshalb gibt es für Christen keine hoffnungslosen Fälle.

Was heißt es für Sie, an die Auferstehung Christi zu glauben?
Hahne:
Meinen Verstand einzuschalten – denn der Bericht von der Auferstehung ist die bestbezeugte Tatsache der Antike. Als Paulus das aufschrieb (1. Korintherbrief, Kapitel 15), lebten ja die Zeugen noch. Lüge wäre sofort entlarvt worden! Und für Lug und Trug hätte ein Bonhoeffer oder die heute (bis in die Flüchtlingslager!) verfolgten Christen ihr Leben wohl kaum geopfert. Glauben heißt: Wissen, was trägt.

Angesichts des Glaubensnotstandes ist Ihr Buch »Niemals aufgeben« ein Appell, sich der lebensnotwendigen christlichen Wurzeln zu besinnen. Woran kranken Gesellschaft und Kirche?
Hahne:
An Oberflächlichkeit und Beliebigkeit. Interessant ist nur, was uns konkurrenzlos wichtig ist und macht. Wir haben die freiheitlichste Verfassung der Welt, weil das Grundgesetz aus den Quellen der Bibel gewachsen ist: »In Verantwortung vor Gott und den Menschen.« Zurück zu den Wurzeln! Offensiv unseren Glauben bekennen und leben! Deshalb fürchte ich mich nicht vor der Stärke des Islams, sondern vor der Schwäche des Christentums.

Was hilft Christen in ausweglos erscheinenden Situationen, nicht aufzugeben?
Hahne:
Nicht der Appell: »Steh auf, reiß dich zusammen!«, sondern sich helfen lassen. Das schlüssele ich in dem Buch auf: Glaube, Gottes Wort, Gebet und vor allem Gemeinschaft schenken Motivation in Resignation. Allein geht man ein.

Peter Hahne. Foto: privat

Peter Hahne. Foto: privat

Das Leid in der Welt ist groß – wie lautet Ihrer Meinung nach die Antwort des Glaubens?
Hahne:
Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes, das ist unser Trost. Christen werden ja nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern aus dem Jenseits getröstet. Glaube ist ein Vertrauen, das einen auch mit unbeantworteten Fragen leben lässt. Viele bezeugen: Erst das Leid brachte mich zu Gott und damit zu sinnvollem Leben.

Osterfreude – hat Sie Raum im Alltag eines Fernsehmoderators?
Hahne:
O ja! Ich bin ein Sonntagskind, am 9. November geboren. Dass ich mit Ihnen jetzt reden kann, ist dem schönsten Geburtstagsgeschenk vor 26 Jahren zu verdanken. Schon Luther sagte: »Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.« Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Christen mit einem Gesicht herumlaufen, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt …

Es ging das Gerücht, Sie wollten zur katholischen Kirche konvertieren?
Hahne:
Ich halte es mit Martin Luther, der ist auch nicht konvertiert, sondern hat reformiert. Bis er merkte, dass politische Predigt und volle Kassen seiner Kirche wichtiger waren als Jesus Christus und sein Wort von Gericht und Gnade, Gesetz und Evangelium, Himmel und Hölle. Eine Kirche, die sich nach dem Evangelium und nach Luther nennt, sollte radikal werden, das heißt (lateinisch: radix = Wurzel) zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren. Sonst ist alles Etikettenschwindel, den die Leute durchschauen.

Ich bin froh und dankbar über jeden Pfarrer, der sich der Theologie der leeren Kirchenbänke widersetzt! Es gibt lebendige Gemeinde, Gott sei Dank!

Am 15. April erscheint ein weiteres Buch von Peter Hahne:
Hahne, Peter: Finger weg von unserem Bargeld! Wie wir immer weiter entmündigt werden, Bastei Lübbe, 128 S., ISBN 978-3-8699-5085-3, 10 Euro

Juristen unter dem Druck der Öffentlichkeit

7. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Staatsanwalt Jens Wörmann kann sich in die Situation des Pilatus hineinversetzen

Jens Wörmann ist Staatsanwalt im Geraer Justizzentrum. Auf seinem Schreibtisch landen die von der Polizei aufgenommenen oder die bei der Staatsanwaltschaft angezeigten Straftaten. Als Staatsanwalt sammelt Wörmann die Vorgänge, prüft, ob ein Tatverdacht vorliegt, ob dem Beschuldigten die Tat nachgewiesen werden kann, und er entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Wenn ja, obliegt es dem Staatsanwalt, Anklage zu erheben. Ein Urteil fällt er nicht. Die Anklage geht zum Gericht, wo ein Richter die Entscheidung trifft. Wörmann sieht sich in einer anderen Rolle als Pilatus, der nach heutigem Rechtsverständnis eher mit einem Richter als mit einem Staatsanwalt zu vergleichen sei. »Als Präfekt hatte er die Kompetenzen zur Verurteilung, Bestrafung und Vollstreckung«, so Wörmann. Im Unterschied zu einem Richter beschränke sich seine Autorität auf die Anklage. Immerhin könne er mit dieser Einfluss auf einen Prozess nehmen.

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Nun hat Wörmann es nicht mit so unbescholtenen Typen zu tun, wie Jesus es war. Zwar beschäftigt sich der Staatsanwalt im Alltag häufig mit leichteren Delikten wie Ladendiebstahl, Beleidigung und Schwarzfahrten. Doch ebenso fallen Mord und Totschlag, Wirtschaftskriminalität und organisierte Kriminalität in sein Ressort.

Die biblische Szene mit Jesus und Pilatus ins Heute übertragen – eine Horrorvorstellung! Ein Unschuldiger wird vor den Kadi gezerrt und verurteilt? »Ausgeschlossen sind Fehlurteile auch heute nicht.« Allerdings schätzt Wörmann das Risiko gering ein. Es sei selten, dass ein einzelner Richter ein Urteil fällt, wie Pilatus das tat. Bei großen Verfahren seien mehrere Richter beteiligt. Niemand könne in erster Instanz letztgültig verurteilt werden. Bestünden Zweifel an dem richterlichen Spruch, könnten Rechtsmittel eingelegt werden. Und wenn über mehrere Instanzen geklagt wird, seien so viele Richter und Staatsanwälte mit dem Fall beschäftigt, dass ein Fehlurteil schwer vorstellbar sei, so der Jurist.

Jedenfalls kann sich Wörmann in die Situation des römischen Präfekten hineinversetzen. Es sei ein Unterschied, ob außer den Beteiligten niemand Interesse an einem Fall hat oder ob Journalisten und Politiker daran Anteil nehmen. Die große Erwartungshaltung der Öffentlichkeit könne einen Richter und Staatsanwalt beeinflussen. In dieser Situation war Pilatus. Er sah sich als einzelner Richter einer aufgeheizten Menschenmenge gegenüber, die ihm vorgab, wie er über Jesus zu urteilen hatte.

Im Gegensatz zu Pilatus, der Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, wird Wörmann mit den Straftaten auf dem Papier konfrontiert. Der Staatsanwalt liest in den Akten die Personalien, die meist von der Polizei formulierte Aussage des Täters, Zeugenaussagen. »Das ist neutral, objektiv, verschafft Abstand. Bei schriftlichen Aussagen fehlt aber auch das Gespür dafür, ob jemand lügt.«

Pilatus konnte sich von Jesus einen persönlichen Eindruck verschaffen. Er habe keinen juristischen Grund gefunden, um Jesus hinrichten zu lassen, so Wörmann. Dass er Jesus gegen seine innere Überzeugung verurteilte, dafür spreche die Geste des Händewaschens. Pilatus traf seine Entscheidung unter dem Druck der Menschenmasse. Die Macht der Mehrheit!

Sabine Kuschel

Gott, Mode, Kunst

17. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Interview: Der Unternehmer und Kunstsammler Thomas Rusche

Im Kunsthaus Apolda ist eine Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche GmbH« zu sehen. Präsentiert werden Werke aus der Sammlung Thomas Rusches. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Rusche, zuerst eine Frage an den Herrenausstatter: Wie ist der moderne Mann gut angezogen?
Rusche:
Ob Mann oder Frau – zunächst sollte ein jeder seine Persönlichkeit kennen. Die Frage der guten Kleidung darf man nicht unterbewerten. Denn wir sprechen alle mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck zählt. Und den erzeugt die Kleidung. Wie bei allen wichtigen Fragen im Leben besteht der erste Schritt darin, uns selber kennenzulernen. Wissen wir, worin wir uns wohlfühlen, im Jackett oder im Pullover, welche Farben uns gefallen? Wenn wir uns in unserer Kleidung nicht wohlfühlen, dann spürt das der andere. Als Erstes gilt: Die Kleidung ist meine zweite Haut, ich sollte mich darin wohlfühlen. Als Nächstes folgt die Überlegung: Was mache ich heute? Wenn ich abends ins Theater gehe, ziehe ich mich anders an, als wenn ich im Wald einen Spaziergang mache. Für einen Waldspaziergang ziehe ich mich anders an, als wenn ich Freunde zum Bier besuche oder aber zu einem festlichen Abendessen. Drittens ist zu fragen: Was ist die Erwartungshaltung der anderen? Freunde in Apolda, die mich zu einem Abendessen einladen, erwarten vermutlich eine andere Kleidung, als bei einem festlichen Abendessen in London erwartet wird. Mein persönliches Gefühl, der objektive Anlass und die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen – in diesem Dreieck entfaltet sich Kleidungskultur. Ich habe die Möglichkeit, durch meine Kleidung einen Beitrag zur Kultur zu leisten. Denn Kleidung ist, ebenso wie die Kunst, ein Kulturgut und nicht nur eine funktionelle Notwendigkeit.

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Sprechen wir über Kunst. Sie sammeln seit Ihrer Kindheit Alte Meister, bevorzugt Alte niederländische Meister. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rusche:
Weil meine Familie im Münsterland lebt. Und die niederländische Malerei des
17. Jahrhunderts auch das heutige Belgien und das Münsterland umfasst.

Im Kunsthaus Apolda sind religiöse Motive auf Bildern zeitgenössischer Kunst denen der alten Malerei gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt, dass Künstler heute auf christliche Ikonografie zurückgreifen. Das Interesse an religiösen Themen ist offensichtlich ungebrochen.
Rusche:
In der Kunst des 21. Jahrhunderts finden Sie die großen Sehnsuchtsfragen des Menschen. Das ist das Spannende an der Ausstellung. Ich glaube, dass große Kunst sich immer mit diesen großen Themen auseinandersetzt: Woher komme ich, wohin gehe ich, was soll mein Leben, gibt es einen Gott? Zeitgenössische Künstler drücken diese Themen in einer ähnlichen Vielfalt aus, wie ich das bei den niederländischen Alten Meistern erlebe. Es gibt Künstler in der Sammlung, auch Zeitgenossen, die das offensichtlich thematisieren in einer ungebrochenen christlichen Tradition. Und es gibt Künstler, die das Religiöse nur sehr zurückhaltend, andeutungsweise ausdrücken.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Gemälde für Ihre Sammlung aus?
Rusche:
Bilder, die ich erwerbe, wähle ich nicht primär nach Motiven aus, vielmehr geht es mir um mein inneres Angesprochensein. Ein Bild berührt mich oder es berührt mich nicht. Das hat relativ wenig mit Gefallen zu tun, vielmehr mit einer tieferen Schwingungsdimension als den ersten Eindruck. Kunst geht tiefer, wenn sie große Menschheits- und Gesellschaftsthemen anspricht. Und das geschieht oft bei religiös-provozierten Fragen.

Sie finden in der Kunst Antworten auf die tiefen Lebensfragen?
Rusche:
Zumindest finde ich sie dort auch gestellt. Ich glaube, dass es neben der Religion die Kunst ist, die große Lebens- und Menschheitsfragen benennt. Viele Künstler verzweifeln an der gesellschaftlichen Situation oder auch ganz persönlich an ihrem Leben. Große Kunst ist oftmals Ausdruck dieser Verzweiflung. Ein großer Unterschied zwischen Kunst und Religion, insbesondere der christlichen Religion besteht meines Erachtens darin, dass der christliche Glaube eine klare eindeutige Antwort auf die Menschheitsfragen gibt, zu der sich Künstler oftmals nicht durchringen können.

Ich persönlich bin Christ. Ich glaube, dass Jesus, diese große historisch bezeugte Persönlichkeit, der Christus, der Sohn Gottes, der Retter der Welt und auch meines ganz persönlichen Lebens ist.

Sie haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Theologie studiert. Sie sind Unternehmer, Sie sind Kunstsammler. Was hat der Philosoph mit dem Unternehmer zu tun?
Rusche:
Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Philosophie und Ökonomie: die Wirtschaftsethik. Sie fragt: Wie kann man auf moralische Weise Geld verdienen? Oder schließt Geldverdienen, ökonomisch profitabel zu sein, die Frage des Moralischen von vornherein aus? Die Wirtschaftsethik sagt Nein. Je größer die Schnittmenge zwischen dem Moralischen und dem Ökonomischen ist, desto besser geht es dir in Person, desto besser geht es dem Unternehmen, in welchem du arbeitest oder das du besitzt. Und desto besser geht es der Gesellschaft.

Wenn es in einem Arbeitsteam menschlich gut läuft, kann sich das auf den Erfolg des Unternehmens auswirken.

Was bedeutet es für Sie, reich zu sein?
Rusche:
Ob reich oder nicht, für mich ist wichtig: Wenn ich einen Euro in der Hand habe, überlege ich, was kann ich verantwortungsvoll mit diesem Euro tun? Wenn Sie jetzt einen Politiker nicht nach Geld, sondern nach Macht fragen würden, sollte er ähnlich antworten: Geld und politische Macht sind immer Gestaltungsauftrag. Was kann ich wie damit tun? Wie kann ich meine persönlichen Talente einbringen, um einen Beitrag zu leisten für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie zum heiligen Josef beten, rappelt es bei Ihnen in der Kasse, mehr, als wenn Sie nicht beten würden oder wenn Sie nicht beten.
Rusche:
Dieser Ausspruch stammt von dem Leiter meines Jesuitenkollegs. Er sagte mir: Thomas, darf ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn ich persönliche Probleme habe, dann bete ich zur Mutter Gottes, die hilft mir. Wenn ich finanzielle Probleme habe, dann bete ich zum heiligen Josef, und der hilft mir. Das habe ich früh verinnerlicht. Und es hilft auch mir bis heute.

Ganz konkret erfahre ich in meinem Leben ständig, dass der liebe Gott sich für unser aller, für dein und für mein kleines Leben interessiert und ihm nichts zu gering ist. Es liegt nun an uns Menschen, dass wir auch im Kleinsten um seine Hilfe bitten. Gott wartet nur darauf, von uns um Hilfe gebeten zu werden. Oftmals verliere ich mich im täglichen Hamsterrad meines Lebens und denke gar nicht an Gott. Dabei geht er mit seiner unendlichen Güte und Liebe immer mit mir. Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht. Beten heißt, mich der Kraft Gottes zu vergewissern.

Zur Person
Thomas Rusche wurde 1962 in Münster (Westfalen) geboren. Nach seinem Abitur an einem jesuitischen Gymnasium studierte er von 1982 bis 1990 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie.

Er leitet als Geschäftsführender Gesellschafter das Familienunternehmen, die SØR Rusche GmbH.

Als Kunstsammler fördert Rusche den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Alten Meistern. Die Werke der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« im Apoldaer Kunsthaus stammen aus seiner Sammlung.

Jauchzet, frohlocket!

1. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Musik und Emotionen: Ein Gespräch mit dem Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach beginnt mit einem grandiosen Eingangschor. Über die Aufforderung zu jauchzen äußert sich der Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Kreile, in diesen Tagen probt der Dresdner Kreuzchor das Weihnachtsoratorium, das mit einem kraftvollen Chor beginnt. Das »Jauchzet, frohlocket« bringt jubelnde Freude zum Ausdruck. Färbt diese Musik auf den Alltag des Kreuzkantors ab?
Kreile:
Im Alltag habe auch ich nicht so oft Gelegenheit zum Jauchzen. Reine, ungefilterte Freude auszudrücken, ist dem Menschen heute nicht mehr so oft möglich. Er geht seinem Beruf nach, ist eingebunden in bestimmten Beziehungsgeflechten. Er ist meistens beschäftigt mit der Bewältigung der Alltagsprobleme und -sorgen. Das Leben hat sich insgesamt beschleunigt. Zum Aufbau einer gefühlsmäßigen Haltung, die dann zum Jauchzen führt, fehlt vielleicht die Zeit und die Gelegenheit. Man muss Dinge auf Abstand halten können, um jauchzen zu können. Man darf nicht belastet sein. Muss sich Themen zuwenden können, die den Rahmen des Alltäglichen sprengen. Niemand würde sagen, wenn er sich diesen oder jenen Gegenstand gekauft hat, ich habe gejauchzt. Nein, man jauchzt, wenn man eine menschlich erfüllende Nachricht bekommt. Etwa wenn jemand, der einem nahesteht, eine Krankheit überwunden hat. Es ist ein Qualitätsniveau ganz besonderer Art, wenn jemand zu jauchzen beginnt.

Wenn man das Jauchzen des Eingangs­chores hört, bekommt man Gänsehaut. Hat Johann Sebastian Bach eine musikalische Ausdrucksform gefunden, die ihresgleichen sucht?
Kreile:
Als der Barockmeister sich dem Text und dem Emotionsgehalt dieser Worte näherte, fand er eine bereits vorhandene, von ihm komponierte musikalische Ausdrucksform, die ihm geeignet erschien: Der Anfang der Kantate »Tönet, ihr Pauken!« Ein romantischer Komponist hätte das Wort »jauchzen« musikalisch anders umgesetzt. Und wenn man als Komponist heute diesen Text vertonen wollte, könnte man sich Ekstatischeres vorstellen als in der Tiefenlage anzufangen. Aber es hat funktioniert. Die Kombination dieser Worte mit dieser Musik wird in der ganzen Welt gern gehört. Das große Reservoir, aus dem das Jauchzen gespeist wird, teilt sich mit, springt auf andere über, entwickelt Kraft.

Obwohl wir sagen müssen: Sowohl das, was Jauchzen ist, als auch das, was es inhaltlich transportiert, wird im Weihnachtsoratorium entwickelt. Die Pracht und Lebendigkeit dieses Eingangschores, die Trompeten, die Tonart D-Dur und das Umfeld, auch die Zeit, das alles spielt eine Rolle, so dass wir das »Jauchzen« hier an seinem richtigen Platz wahrnehmen.

Moderne Musik vermag sicher auch Ekstase auszulösen. Gibt es dort Vergleichbares, das eine ebensolche Kraft und Wirkung entfalten kann wie Bachs »Jauchzen«?
Kreile:
Nein, das wüsste ich jetzt nicht. Es gibt sicher Stücke, die Ekstatisches ausdrücken können – nicht unbedingt verknüpft mit dem Wort »Jauchzet«. Stücke, die starke emotionale Bewegung und Freude ausdrücken. Doch die Wirkung dieser Bach’schen Musik, insbesondere die des Wortes »Jauchzet« muss man auch immer im Zusammenhang mit der gesamten Erfolgsgeschichte und der Prägung unserer abendländischen Kultur betrachten.

Das Wort »jauchzen« wird im Alltag nicht mehr gebraucht, es wirkt altmodisch …
Kreile:
Es gibt Worte in unserem deutschen Sprachschatz, die zwar noch allgemein verstanden, die von vielen auch mit bestimmten Emotionen assoziiert werden, die aber nicht mehr im Alltagsgebrauch vorhanden sind. Der Begriff »jauchzen« gehört unbedingt dazu, ebenso »jubilieren«. Es sind Worte, die ihre Wurzeln in der deutschen Bibelübertragung haben.

Als Leiter des Dresdner Kreuzchores obliegt Roderich Kreile auch die Funktion eines städtischen Intendanten. Foto: Sabine Kuschel

Als Leiter des Dresdner Kreuzchores obliegt Roderich Kreile auch die Funktion eines städtischen Intendanten. Foto: Sabine Kuschel

Mich fasziniert in diesem Zusammenhang, was die Forschung über Ausdrücke, die eine so große emotionale Wirkung haben, herausgefunden hat. Wie sich die Sprache des Menschen entwickelt hat, darüber gibt es Theorien. Eine Zeitlang dachte man, dass es zuerst Vorformen des Sprechens gab und sich danach das Singen entwickelt hat. Aber inzwischen gibt es Hinweise, dass es wahrscheinlich anders war. Es handelt sich um eine Zusammenführung. Aus einer Art melodiösem Summen mit bestimmten Vokalbildungen haben sich dann sowohl die Sprache als auch das Singen entwickelt.

Der Vormensch hat in der Natur nicht nur das wahrgenommen, was seine Artgenossen ausgedrückt haben, sondern auch das, was er in der Tierwelt beobachtet hat: die Kommunikation von Vögeln. Auch Warnrufe, sowohl aus der Vogelwelt als auch von anderen Tiergattungen. Warnrufe, die auch heute noch beim Menschen physische Reaktionen hervorrufen. Zum Beispiel, wenn man das Kreischen eines Stückes Kreide auf einer Schiefertafel hört, zuckt man zusammen, erschrickt. Man vermutet, dass dieses Geräusch mal ein Warnruf war und deshalb so auf den Menschen wirkt.

Ebenso wird der Mensch die Freude der Schöpfung, der Kreatur bemerkt haben im Tirilieren, im Jubilieren. Ich komme immer wieder auf die Vögel zurück, weil die Menschen aus dem, was in der Vogelwelt geschah, sicher viele Informationen gezogen haben.

Wenn es für manche besonderen emotionalen Erlebnisse an Worten fehlt, vermag die Musik dies auszudrücken?
Kreile:
Ein Mensch, der von Emotionen überschwemmt wird, wird nicht sagen: »Freude, Freude, Freude« oder »Zorn, Zorn, Zorn«. Sondern der ganze Körper, die Physis reagiert und er wird Laute ausstoßen, er wird jauchzen, er wird nicht intellektuell argumentieren, kommunizieren, sondern er wird den Vorgängen, die seine Seele bewegen, unmittelbar Ausdruck verleihen. Und eine Glückserfahrung ist dann Auslöser für das Jauchzen. Das direkte, unverfälschte Hervortreten der freudig bewegten Seele. Ja und ich würde dem heutigen Menschen sehr gönnen, dass er diese Erfahrung öfter macht.

Die Weihnachtsmusiken sind eine Gelegenheit dazu. Die Menschen, die scharenweise ins Weihnachtsoratorium strömen, kommen gewiss auch in der Erwartung, durch die Musik in diesen besonderen Gefühlszustand gehoben zu werden.
Kreile:
Ja, wenn die Leute in der Weihnachtszeit in die Konzerte gehen, haben sie eine ganz bestimmte Erwartung an das, was mit ihnen geschehen soll. Ebenso, wenn sie alle am Heiligen Abend in die Kirche gehen. Sie haben bestimmte Vorstellungen, Erwartungen. Und die müssen dann auch befriedigt werden. Das soll nun die Leistung Bachs oder den Gehalt des Wortes »jauchzen« nicht schmälern. Aber die Emotionalität, die empfunden wird, wird auch genährt aus der eigenen Erwartungshaltung.

Adventsserie zum Monatsspruch
Der Monatsspruch für Dezember steht bei Jesaja 49, Vers 13: »Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.«
In den Adventsausgaben werden wir einige Aspekte dieses Bibeltextes beleuchten. Nacheinander wird es um die darin vorkommenden Begriffe »jauchzen«, »freuen«, »trösten« und »erbarmen« gehen.

Der Tod vermag nicht zu scheiden

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie das Leben nach dem Tod naher Angehöriger weitergeht

Ein Spaziergang am Ewigkeitssonntag über den Friedhof, vorbei an Gräbern unbekannter Menschen. An dem einen oder anderen Grab verweilen. Ein Grabstein schenkt den Hinterbliebenen Trost. Der Verstorbene ist nicht vergessen. Auf dem Grabstein ist sein Name, Geburts- und Sterbedatum festgeschrieben. Darüber hinaus hoffen Christen, dass ihr Name bei Gott ins Buch des Lebens eingeschrieben ist.

»Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter«, sagt Jutta Adler-Bickhardt (66). Ihr erster Mann, Dietmar Adler, ist vor 26 Jahren, 1989, gestorben. Als dessen Grab voriges Jahr aufgelöst wurde, wollte Sohn Benjamin den Grabstein behalten, erzählt Jutta Adler-Bickhardt. »Er wollte, dass etwas bleibt.« Der in Stein gemeißelte Name seines Vaters. Dieser Wunsch soll ihm erfüllt werden. Benjamin wird später neben dem Grabstein seiner Mutter auch den Namen seines Vaters lesen. Jutta Adler-Bickhardt ist in zweiter Ehe verheiratet. Sie und ihr Mann denken manchmal an die Zeit nach ihrem Tod. Jutta zeigt den Entwurf eines Grabsteines. Darauf stehen die beiden Namen der Eheleute und die ihrer vorherigen Partner. So ist das Leben!

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto:  Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto: Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt wählt eine Grabgestaltung, die ihre Lebenswirklichkeit spiegelt, die bleibende, unzertrennliche Verbundenheit mit den Menschen, die zu ihr gehören – auch wenn sie bereits tot sind. Die Verstorbenen – »man ist sie nicht einfach los«, sagt sie. Sie leben in der Erinnerung weiter mit uns, insbesondere, wenn Kinder da sind. »In Benjamins Familie lebt Dietmar weiter.« Und in ihrer neuen Partnerschaft wolle und könne sie ihre Vergangenheit nicht ausblenden. Es sei ihr wichtig, mit ihrem jetzigen Partner über ihre gemeinsame Zeit mit Dietmar reden zu können. Ebenso im Freundes- und Bekanntenkreis. Es sei ein Geschenk, wenn man sich mit Verwandten und Freunden über das frühere Leben austauschen könne. Dabei sind die Toten oft gegenwärtig.

Man ist sie nicht einfach los? Ist diese Formulierung zweideutig zu verstehen? Schwingt in ihr der leise Wunsch mit, vergessen zu können? Es gebe Erinnerungen, die Jutta am liebsten ausblenden würde. Bevor Dietmar unheilbar krank wurde, sei ihre Ehe in einer schweren Krise gewesen. Durch die ernste Krankheit ihres Mannes seien jedoch die Probleme nichtig geworden. Jutta hat ihren Mann bis zu seinem Tode zu Hause gepflegt. »Ich bin dankbar, dass wir uns in den letzten Tagen wiedergefunden haben. Er ist in meinen Armen gestorben.« Dass sie ihrem Mann an seinem Lebensende so nahe sein konnte, sei ein großer Trost für sie. Angehörigen bis zum letzten Atemzug zu Hause nahe sein. »Das würde ich jedem empfehlen. Es tut hinterher gut. Man muss sich keine Vorwürfe machen.«

Allerdings gibt sie zu bedenken: Ohne die Hilfe von Freunden hätte sie die Pflege ihres schwer kranken Mannes nicht bewältigen können. 1989 waren andere Zeiten, Hospizdienst gab es noch nicht. Die Unterstützung, die sie erfahren hat, erfüllt sie mit Dankbarkeit. »Ich hatte mir damals vorgenommen, wenn ich mal mehr Zeit habe, will ich das zurückgeben.« Heute ist Jutta ehrenamtliche Hospizhelferin im Dresdner St.-Joseph-Stift.

Trauern braucht nicht nur Zeit, sondern auch einen entsprechenden Rahmen. Der habe ihr gefehlt, bedauert Jutta. Die Bedingungen nach Dietmars Tod seien für sie schwierig gewesen. Politisch war das Jahr 1989 eine Zeit des Umbruchs. Existenzielle Sorgen drängten die Trauer in den Hintergrund. »Ich hatte Angst unter der Brücke zu landen.« Es fehlte an Geld, denn Dietmar war der Hauptverdiener. Das neunjährige Kind hatte seinen Vater verloren. Sie war nun alleinerziehende Mutter.

Das Leben ging weiter. Jutta fand eine Arbeit als Pharmareferentin, später ihren zweiten Mann.

Die Verstorbenen – sie treten nicht aus unserem Leben, weil sie körperlich nicht mehr anwesend sind. Sie bleiben gegenwärtig, begleiten uns.

Der Gedanke an die Auferstehung sei ihr früher fremd gewesen, erinnert sich Jutta. Als Dietmar jedoch krank wurde, ohne Aussicht auf Genesung, habe sie sich dem Thema genähert. Ohne zu wissen, wie sich ein Wiedersehen gestalten könnte, habe sie allmählich in dem Glauben an die Auferstehung Hoffnung und Trost gefunden.

Sabine Kuschel

Die Bibel wird groß

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: Ein Rundgang durch die neue Dauerausstellung im wiedereröffneten Eisenacher Lutherhaus

Nach zweijähriger Sanierung und Erweiterung wurde im September das Eisenacher Lutherhaus wiedereröffnet. In dem historischen Gebäude ist ein modernes Museum entstanden. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Luther und die Bibel«.

Das Museum ist durch einen Glasanbau erweitert worden. Dieser führt in das historische Gebäude, in dem Martin Luther der Überlieferung nach während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 gewohnt haben soll. Das moderne Museum lädt auf drei Etagen zu einem Rundgang durch die Jahrhunderte ein, angefangen von der Reformationsgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Gemälde, kostbare Bibeln und Schriftstücke, mittelalterliche Schnitzplastiken und andere Exponate sowie Videos und Mediastationen präsentieren exemplarisch das Leben des großen Reformators und seine Wirkungsgeschichte bis heute.

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Das Leben im ausgehenden Mittelalter war von inniger Frömmigkeit geprägt, obwohl nur wenige Christen Zugang zur Bibel hatten. Auch Luther hatte im Alter von 20 Jahren noch keine Bibel gesehen. Ausgestellt werden Exemplare der lateinischen Bibel, die Vulgata, zu Luthers Schulzeit die am häufigsten benutzte Bibel.

Brot und Wein

Nachdem Luther die Bibel entdeckt hatte, gewann er daraus wesentliche Einsichten und Glaubensgewissheit. Ihm wurde deutlich: Jesus Christus ist nicht der zornige Richter, der im Jüngsten Gericht über das Leben der Menschen entscheidet. Fortan sollten Heilige nicht mehr als Vermittler zwischen Mensch und Gott angerufen werden. Als Vorbilder im Glauben galten sie den Reformatoren weiterhin. Diesen Aspekt thematisiert die Ausstellung ebenso wie den Bildersturm und andere Auswirkungen der Reformation. Was sich durch sie änderte, dokumentiert beispielsweise die Gegenüberstellung eines großen und kleinen Abendmahlskelches, denn die Reformatoren forderten die Austeilung des Abendmahls unter »beiderlei Gestalt«. Brot und Wein wurden an die Gemeinde gereicht, wozu ein größerer Kelch erforderlich war. Im Mittelalter erhielt die Gemeinde das Abendmahl unter »einer Gestalt«, also nur Brot. Der kleine Kelch war für den Priester bestimmt.

Ein Bild – Luther mit dem Kurfürsten Johann Friedrich dem Großzügigen und mit Melanchthon – ist Indiz dafür, dass die Reformation nicht stattgefunden hätte ohne Unterstützung durch die weltliche Obrigkeit und die Zusammenarbeit mit vielen Reformatoren.

An einer Station wird der Besucher aufgefordert, das Übersetzen auszuprobieren. Ihm werden verschiedene Worte angeboten, mit denen ein Bibelvers so oder so interpretiert werden kann. Luthers Sendbrief vom Dolmetschen vermittelt einen Eindruck, wie mühselig und zeitaufwendig das Übersetzen ist. Der Sprecher dieses Schreibens schildert, wie lange die Übersetzer nach einem einzigen Wort suchen, ohne es zu finden: 14 Tage, drei bis vier Wochen Arbeit ohne Erfolg. Nach drei Tagen seien mitunter keine drei Zeilen übersetzt worden.

Luthers Vermächtnis

Luther war ein Mann des Wortes. Und er liebte die Musik, er spielte Laute, schrieb und komponierte Kirchenlieder. Sein Anliegen, die frohe Botschaft der Bibel durch eingängige Texte und Melodien zu verbreiten, schlägt sich in einer reichen evangelischen Musiktradition nieder. »Hier gibts was auf die Ohren« heißt es im »Musikzimmer«, einem Raum, in dem sich die Besucher in Nischen niederlassen und ausgewählte Werke der Kirchenmusik hören können.

Als Martin Luther 1546 starb, war das ein Schock. Doch sein Werk hat sich als dauerhaft erwiesen. Seine Bibelübersetzung beeinflusste Sprache, Musik und Literatur. Sie inspirierte Komponisten, Dichter, Philosophen und Theologen, Gläubige und Nichtgläubige zu eigenen Werken.

Der Weg in die Welt

Dass nicht nur Christen, sondern auch Atheisten wie Friedrich Nietzsche von Luthers Sprache geprägt sind, beleuchtet die Schau. Sie stellt sogar einen Bezug zu Walter Ulbricht her. Seine zehn »Grundsätze der sozialistischen Moral« sollten die Zehn Gebote verdrängen. Und atheistische Bräuche wie die Jugendweihe imitierten christliche Traditionen wie die Konfirmation.

Bekanntlich verfasste Luther Schriften, in denen wüste Ausfälle gegen das Judentum vorkommen. Dieses beschämende Kapitel integriert die Ausstellung mit dem antisemitischen »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben«. Das Institut sollte aus der Lutherbibel sowie den Gesangbüchern »alles Jüdische« tilgen.

Schließlich präsentiert die Ausstellung, wie Luthers Bibel den Weg in die Welt fand. 1456 gab es lediglich 150 Exemplare der Gutenberg-Bibel. Das änderte sich 1710 als Carl Hildebrandt von Canstein mit August Hermann Francke in Halle eine Bibelanstalt gründete. Zwei Stapel Bibeln zeigen: 1534 existierten nur 5 000 Exemplare der Lutherbibel, 1713 in der Cansteinschen Bibelanstalt hatte sich diese Zahl auf 10 000 verdoppelt.

An Multimedia-Stationen erzählen Menschen, wie sie zur Bibel stehen. Der ehemalige Thüringer Landesbischof Christoph Kähler stellt die von ihm geleitete Überarbeitung der Luther-Bibel vor. Der Text soll 2016 als Buch vorliegen und zum 500. Reformationsjubiläum für die evangelischen Kirchen verbindlich werden.

Viele Exponate stehen jeweils für bestimmten Abschnitte und Aspekte im Leben Luthers beziehungsweise der Reformationsgeschichte. Um den zeitgeschichtlichen Bezug zu sehen, ist es unerlässlich, die Begleittexte zu lesen. Wer sich dafür Zeit nimmt, erhält eine spannende Lektion in Reformationsgeschichte. Moderne museumspädagogische Elemente erleichtern die Beschäftigung mit zum Teil religionsgeschichtlich komplexen Zusammenhängen. Die Ausstellung vermittelt ein differenziertes Bild von den Geschehnissen zur Zeit Luthers und sie hinterlässt einen tiefgründigen Eindruck von der grandiosen Wirkung der Bibel über die Zeiten hinweg bis heute.

Sabine Kuschel

Das Lutherhaus ist von April bis Oktober Mo. bis So. 10 bis 17 Uhr, von November bis März Di. bis So. 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen

Kreuze, Engel, Epitaphien

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Porträt:  Der Metallkünstler Thomas Leu geht religiös unvoreingenommen an die Arbeit

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Hallenser Metallbildhauers Thomas Leu.

Eine Christusfigur in der künstlerischen Sprache unserer Zeit. Sie soll »jubelnd, siegreich und triumphierend wirken, Hoffnung machen und Versöhnung ausstrahlen«. Und sie soll eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus sichtbar machen. So konkret formulierte die Kirchengemeinde in Quedlinburg (Kirchenkreis Halberstadt) ihre Wünsche und Erwartungen an ein neues Kreuz für die Stiftskirche St. Servatius, erbaut zwischen 1070 und 1129. Der Entwurf des Metallbildhauers Thomas Leu überzeugte die Gemeinde. Ihre Ansprüche löste er ein, indem er ein Kreuz aus Aluminium gestaltete. Das Kreuz – ein Rahmen, der einen leeren Raum umfasst, ein Hohlraum in der Form des Gekreuzigten, der als Gekreuzigter jedoch nicht mehr da ist. Seit 2006 schwebt diese moderne Christusfigur in der alten ehrwürdigen Kirche.

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Es war Leus erster kirchlicher Auftrag. Als Christ versteht sich der Hallenser nicht, er wurde zwar als Kind getauft, jedoch nicht religiös erzogen. Er geht religiös unvoreingenommen an seine Arbeit und hofft, dadurch auch für nichtgläubige Menschen einen Zugang zu kirchlichen Räumen eröffnen zu können. Das Gotteshaus in Quedlinburg beispielsweise ist eine vielbesuchte Touristenkirche, in die oft Menschen kommen, die nur kurze Zeit im Kirchenraum verweilen und möglicherweise wenig Bezug zum Christentum haben. Neben dem Anspruch der Gemeinde, eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu zeigen, sei es ihm darum gegangen, eine Synthese von Plastik und Raum herzustellen, beschreibt Leu.

1964 in Halle geboren, weiß er beizeiten, dass er einen künstlerischen Beruf ausüben will. Bildhauer oder Metallgestalter? Bei der Eignungsprüfung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle war er sich noch nicht sicher, wo er das Kreuz setzen sollte. Er entschied sich schließlich für Metall und bereut diese Entscheidung nicht, »denn Bildhauerei ist das trotzdem«. Zur damaligen Zeit legte die Kunsthochschule Wert darauf, dass die Bewerber ein Handwerk erlernten. Leu absolvierte eine Gürtlerei- und Emaillierausbildung, wurde Kunstschmied. 1990 schloss er in Burg Giebichenstein das Studium als Diplom-Metallbildhauer ab. Dass er auch schmieden und schweißen kann, ist von Vorteil, denn wenn es an künstlerischen Aufträgen mangelt, kann er handwerklich arbeiten. Eine Zeitlang hat er das getan, Treppengeländer und Zäune gebaut.

Im Spektrum seiner Projekte nehmen die kirchlichen Themen inzwischen viel Raum ein. Ebenfalls im Jahr 2006 entstand der Taufengel in der St. Nikolaikirche in Wettin (Kirchenkreis Halle-Saalkreis). Ein Metalldrahtgewebe aus Aluminium, »superleicht, keine zwei Kilo schwer«. Stets ist durch das transparente Gewebe der Raum dahinter sichtbar und sorgt auch hier für eine Verschmelzung von Raum und Skulptur. Diese werde noch verstärkt durch Interferenzen des Gewebes bei leichten Bewegungen der hängenden Figur. Sie sei manchmal in ihrer Konturierung nicht genau fassbar, was der Eigenart des »Erscheinens« von Engeln nahekommt, so der Künstler.

Das Christophorushaus in Tangermünde (Kirchenkreis Stendal) liegt wunderschön an der Elbe. Bei der Gestaltung des Gemeindehauses inspirierte ihn die Lage am Fluss zu einer Reliefwand mit Wasserstruktur.

Einen sehr außergewöhnlichen Auftrag bekam Leu 1997 aus Japan, eine Skulptur für einen buddhistischen Tempel. Da das Händereichen zum zentralen Ritus der Mönche in dem betreffenden Tempel gehört, formte der Künstler aus Aluminiumrohren Hände. Seit 2010 ist Thomas Leu an einem sehr interessanten Projekt beteiligt, dem Epitaph-Projekt im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli in Leipzig. Die geretteten Epitaphien aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche werden nach aufwendiger Restaurierung seit 2014 wieder eingebaut. Sie erinnern an Persönlichkeiten aus der Geschichte der Leipziger Universität.

Die Gedächtnismale aus Stein, Holz und Metall entstanden zwischen 1547 und 1770. Wenige Tage bevor das unter Denkmalschutz stehende Gotteshaus am 30. Mai 1968 gesprengt wurde, versuchte eine Gruppe von Handwerkern der städtischen Denkmalpflege die Epitaphien zu retten. Die jahrzehntelange Lagerung hat den wertvollen Kulturgütern nicht gutgetan. Thomas Leu versteht seine Arbeit nicht als Restaurierung. Am Computer erläutert er seinen Part als Metallbildhauer an diesem Epitaph-Projekt. Ein Foto dokumentiert den Zustand eines Epitaphs nach der Lagerung: Beschädigt. »Der große Engel fehlte«, so Leu. Was tun, wenn die historischen Objekte nur noch fragmentarisch vorhanden sind?

Seine Arbeit beginnt damit, dass er sich in die Sprache der Bildhauer, die die Kunstwerke geschaffen haben, hineindenkt. Ebenso in den Schadensstand der Epitaphien. Er schaut, wie viel vom Original erhalten ist und was davon fehlt. Die spannende Herausforderung des Metallkünstlers besteht darin, nicht das Fehlende nach dem historischen Vorbild des Originals nachzubilden, sondern durch moderne Konstruktionen zu ergänzen. Am Ende muss ein Zusammenhang entstehen, Altes und Neues sollen ein Ganzes bilden. Bis Ende 2015 wird der größte Teil der wertvollen Kunstwerke im Paulinum eingebaut sein.

Sabine Kuschel

Porträts, Ikonen, Kirchen

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel:  Mariana Lepadus studierte in ihrer Heimat in Rumänien Kirchen- und Ikonenmalerei

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier der Eislebener Künstlerin Mariana Lepadus.

Die Kirche in Landgrafroda (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) ist ein Schmuckstück – außen und innen. Den Innenraum der Jugendstilkirche restaurierte Mariana Lepadus. Als die Kirchenmalerin das Gotteshaus vor der Restaurierung sah, fiel zwar der Renovierungsbedarf ins Auge, aber die einst schönen Farben, die geometrischen Formen, die reiche Symbolik waren noch zu erkennen. Zur 100-Jahr-Feier 2008 sollte die Kirche in altem neuen Glanz erscheinen. Doch das Geld war knapp. Die Kirche verdankt ihr Schicksal einer lapidaren – oder vielleicht doch cleveren (?) Bemerkung. Gerald Hermann, Kirchenältester und sehr engagiert für »seine« Kirche, erinnert sich. Als Mariana Lepadus zögerte, gab er ihr gegenüber zu verstehen, falls sie sich nicht dazu entschließen könnte, die Kirche zu restaurieren, würde er die Wände einfach weiß überstreichen. Frevel in den Augen der Künstlerin. Das wollte sie nicht zulassen. Auch wenn ihr die Gemeinde keine üppige Bezahlung anbieten konnte, nahm sie den Auftrag an. Jede Woche kam sie für zwei bis drei Tage aus der Lutherstadt Eisleben, wo sie wohnt, nach Landgrafroda, um der Kirche ihr ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mit Akribie und Perfektionismus ging sie ans Werk. Alle Linien und Formen habe sie ohne Lineal und Schablonen gemalt, bewundert Hermann ihr Können. Auch wie akkurat alles geworden sei. Lepadus betrachtet diese Kirche als ihr Lebenswerk. »Ich bin stolz.«
Ihr Kunsthandwerk, die Kirchen- und Ikonenmalerei, hat sie von Rumänien mit nach Deutschland gebracht. 1961 in Maglavit, einem Dorf im Donautal, geboren, besuchte sie während der Ceausescu-Ära eine Kunsthochschule für Kirchenmalerei. Unterstützt wurde das Studium von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Es bot zwar die Chance einer ideologiefreien Auseinandersetzung mit Kunst, Glauben und kirchlicher Tradition. Aber als Frau musste sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Schwere Arbeit auf der Baustelle, von früh bis spät restaurierte sie nach Vorlagen Fresken und Ikonen. Unterkunft und Essen waren frei, ansonsten erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld. »Das war Ausbeutung«, sagt Mariana Lepadus heute zu ihrer Ausbildung in Rumänien. »Ich möchte ein Buch darüber schreiben.« Sechs Jahre dauerte das Studium.

1988 kam sie in die DDR, 1989 wurde ihr erstes, einige Jahre später ihr zweites Kind geboren. 15 Jahre arbeitete sie als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Seitdem ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel, ist sie freischaffend.

Sie malt Bilder mit sakralen Themen, Ikonen, Porträts und Stadtansichten. Daneben leitet die Künstlerin Kurse und Workshops in verschiedenen Bildungseinrichtungen und unterrichtet an der Musikschule Querfurt. Sie wirkt mit an dem Projekt der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland »Frauen der Reformation in der Region«. In der künstlerischen Auseinandersetzung finde sie Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb sagt sie zu ihrer und ihres Mannes Berufsentscheidung – er ist Musiker: »Wir leben unseren Traum.«

Ihr großes Vorbild ist Lucas Cranach. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion eines Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Marienkirche in Kemberg (Kirchenkreis Wittenberg). Ein Auftrag, der für die Künstlerin allerdings nicht nur helle Freude bereithält. Unglücklich ist sie über die Entscheidung der Kemberger Kirchengemeinde. In deren Marienkirche wurde 1994 bei einem Brand der 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren erschaffene Altar fast vollständig zerstört. »Die Kirchengemeinde hat sehr getrauert«, sagt Dr. Bettina Seyderhelm, Kunsthistorikerin in Magdeburg. Lange Zeit war unklar, wie der Altarraum künftig gestaltet werden sollte. Über verschiedene Modelle wurde nachgedacht und in vielen Veranstaltungen darüber beraten. Die Angebote von Künstlern, den Altar nachzumalen, überzeugten die Gemeinde nicht. Sie war der Auffassung, »ein kopierter Altar ist immer eine Kopie«, so Seyderhelm. Ein internationaler Künstlerwettbewerb wurde ausgeschrieben, sechs namhafte Künstler reichten ihre Entwürfe ein. Die Gemeinde entschied sich für ein Kreuz des Österreicher Künstlers Arnulf Ralf. Und damit gegen eine Rekonstruktion des Altars.

Daraufhin bildete sich eine private Initiative, die sich für eine Nachahmung des Cranachschen Altarbildes engagiert und Mariana Lepadus damit beauftragte. Mit der ihr eigenen Sorgfalt und Leidenschaft widmet sie sich dieser Aufgabe. Und bedauert, dass ihr Werk nicht in der Kirche, sondern an einem anderen Ort seinen Platz finden wird.

Überhaupt würde sie sich ein viel größeres Interesse an sakraler Kunst wünschen. Am liebsten würde sie noch weitere Kirchen wie die in Landgrafroda ausmalen, denn renovierungsbedürftige Gotteshäuser gebe es genug.

Sabine Kuschel

Befreit von Raum und Zeit

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Ewigkeit: Interview mit George Alexander Albrecht, dem Musiker und in der Sterbebegleitung tätigen Hospizmitarbeiter

Im vorletzten Teil beschäftigt sich unser Glaubenskurs mit der abschließenden Formulierung des Vaterunser »in Ewigkeit«. Mit dem Dirigenten Professor George Alexander Albrecht sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Albrecht, wir wollen heute über ein großes, geheimnisvolles Thema sprechen: Ewigkeit. Wie stehen Sie zu ihr?
Albrecht:
Es gibt kaum ein größeres Thema. Ewigkeit heißt, ich bin befreit von Raum und Zeit. Es gibt kein Gestern, kein Heute, kein Morgen. Sterbende haben das deutliche, unwiderlegbare Gefühl: Ich bin ewig. Ich bin überzeugt, auch Neugeborene wissen das. Eine Studie von Hirnforschern beschäftigt sich damit, dass das Gehirn ein Wissen mitbringt, von dem ich behaupte, dass dasselbe Gehirn im Alter, in der letzten Lebensminute dieses Wissen wiedererlangt. Das heißt, wir kommen daher, wo wir hingehen. Wir gehen dahin, wo wir herkommen. Neugeborene wissen das noch, und die Sterbenden wissen es wieder, können es aber oft nicht sagen. Denn auch im Nahtoderlebnis geht es um die Befreiung von Raum und Zeit. Man hat die klare Erkenntnis: Ich bin ewig. Das empfinden alle ausnahmslos, egal, ob sie glauben oder nicht.

GuA-20-2015-logoSie begleiten Sterbende, Gläubige und Atheisten. Sterben Menschen, die glauben, leichter als solche, die nicht glauben?
Albrecht:
Leicht ist es nie, aber wer glaubt, stirbt nicht so qualvoll schwer, wie der, der nichts glaubt. Gläubige, ob es Christen, Moslems, Juden oder Buddhisten sind, sterben leichter. Ich begleite seit vielen Jahren Sterbende, die nichts glauben. Etwa zwei Drittel der Sterbenden, die ich begleitet habe, waren Nichtglaubende. Aber im Moment des Todes werden alle gläubig. Das ist ein unglaubliches Phänomen.

Tatsächlich?
Albrecht:
Ich erzähle Ihnen ein, zwei Beispiele. Sehr oft beginnt die Bekanntschaft, indem die Betreffenden sagen: »Ich glaube nichts, mit mir können Sie über Religion nicht reden.« Dann antworte ich immer: »Das will ich überhaupt nicht. Wir wollen uns über das Wetter unterhalten, über die Menschen und vielleicht über Politik. Über Kunst und Musik oder worüber Sie wollen.«

Mission steht nie auf dem Programm. Aber die Menschen merken dann doch irgendetwas. Sei es, dass sie die Grundeinstellung spüren: Da ist einer, der akzeptiert mich, wie ich bin.

Eine Frau habe ich fünf Jahre besucht, ehe sie sterben konnte. Sie war seit Wochen verstummt und gelähmt. Sie konnte sich nicht bewegen und kein Wort kam mehr über ihre Lippen. Im Moment des Sterbens richtete sie sich auf, schaute auf die weiße Wand und sagte: »Ja, was ist denn das?« Und starb. Sie staunte, weil sie etwas gesehen hatte oder sich vor ihr ein Weg auftat. Es geht weiter.

George Alexander Albrecht, Jahrgang 1935, studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent, unter anderem der Berliner und Münchner Philharmonie, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig. Von 1996 bis 2002 war er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar. Der Katholik engagiert sich seit vielen Jahren in der Hospizarbeit.  Foto: Guido Werner

George Alexander Albrecht, Jahrgang 1935, studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent, unter anderem der Berliner und Münchner Philharmonie, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig. Von 1996 bis 2002 war er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar. Der Katholik engagiert sich seit vielen Jahren in der Hospizarbeit. Foto: Guido Werner

Ein Mann sagte mir: »Also ich bin Atheist. Ich glaube nichts und halte das alles für Fantasterei und Quatsch, was die Kirchen sagen.« Und dieser Mann flüsterte im Sterben plötzlich einen wunderbaren Satz: »Die Zivilisation hat Uhren, und die Natur hat Zeit.« Da schimmert schon so etwas wie eine Glaubensnähe durch. Dann sagte er ein paar Tage später und an dem Tag starb er: »Mit mir wird’s nichts mehr.« »So warum?«

»Das steht da oben geschrieben.« Ich antwortete: »Du bist mir ein schöner Atheist.« Kurzer Lacher.

Der dritte schöne Fall, den muss ich noch eben erzählen. Auch Atheist, er konnte überhaupt nicht mehr sprechen. Und ich wurde plötzlich wegberufen zu Konzerten nach Australien. Ich ging an sein Bett und sagte ihm: »Wir müssen uns verabschieden. Ich muss verreisen. Es kann gut sein, dass wir uns nicht wiedersehen.« Ich wusste genau, er stirbt in wenigen Tagen. Als er so traurig guckte, sagte ich: »Wir machen beide eine weite Reise, aber du kommst in das bessere Land.« Er musste lächeln und hat mit dem Kopf genickt. Atheist. Wunderbar. Solche Erlebnisse gibt es viele, und sie tun einem gut.

Sterbebegleitung – eine schwere und zugleich eine schöne Aufgabe?
Albrecht:
Es ist manchmal unendlich traurig. Aber diese Arbeit macht auch Freude. Man glaubt es nicht, aber es ist so. Und wir Christen haben, was sehr oft nicht beachtet wird, eine Religion der Freude. Wir haben Grund, uns nur zu freuen, selbst im Leid, selbst in der sogenannten Hoffnungslosigkeit, die es für uns überhaupt nicht geben darf. Wir könnten uns nur freuen, weil wir diese Zukunft haben, weil wir in das Licht kommen. Und Licht ist dasselbe wie Ewigkeit. Mehr kann man eigentlich nicht dazu sagen.

Wir warten noch heute auf die Synthese von Seelsorge und Psychotherapie

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Priester, Psychotherapeut, Kirchenrebell – was Eugen Drewermann zum Thema Seelsorge und Beichte zu sagen hat

»Stärkung zur Umkehr« steht über einer Initiative des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesem Jahr. Umkehr, Buße und Beichte sollen dabei neu in den Blick genommen werden. Sabine Kuschel sprach über diese Themen mit dem Psychotherapeuten und früheren Priester Eugen Drewermann.

Herr Drewermann, wie stehen Sie zur Beichte?
Drewermann:
Es ist die Frage, wie man sie versteht. Katholischerseits ist die Beichte eines der sieben Sakramente und kann nur gespendet werden vom Pfarrer unter bestimmten Voraussetzungen. Da ist die priesterliche Amts­tätigkeit, die Vermittlung zwischen Mensch und Gott. Und die Beichte selber wird ausgeübt nach Art eines Richteramtes entsprechend dem Wortlaut: Wem der Priester die Sünden vergibt, dem sind sie vergeben. Da gilt der Priester gewissermaßen an Gottes statt.

Das alles ist von den Reformatoren abgelehnt worden, weil es so nicht in der Bibel steht und vor allem, weil es die Unmittelbarkeit des Vertrauens zwischen der menschlichen Person und der Person Gottes, wie Christus sie ermöglicht hat, einschränkt, stört und schädigt, statt sie zu bestärken und zu vermitteln.

Wie können Ihrer Meinung nach Schuldeinsicht gewonnen und Vergebung erfahren werden?
Drewermann:
Ein ganz anderes ist zu betonen. Nämlich wie wichtig eine Aussprache unter Menschen ist. Und da wäre im Sinn der Vereinigung des konfessionell gespaltenen Standpunkts die katholische Kirche an ihre eigene dogmatische Lehrvoraussetzung zu erinnern. Sie sagt, man kann nur als ein getaufter Christ die Beichte und Absolution empfangen. Wenn die Taufe wiederum nicht lediglich eine ritualisierte Form von Gnadenvermittlung ist, sondern die Wandlung des gesamten Lebens in Christus als Wirklichkeit zur Voraussetzung nimmt, dann allerdings kann man vertrauen, dass begangene Schuld, und sei sie noch so schwer, sich überleben und überreichen und überlieben lässt in Christus. Aber das wiederum ist ein langer Prozess. Und das Beste, was wir davon heute vermitteln können, dürfte sich dem anschließen, was im 20. Jahrhundert in vielfacher Weise als Psychotherapie entwickelt wurde. Das ist ein langsam voranschreitendes geduldiges Bemühen durch Vertrauen: langsam Einsicht in die eigene Biografie gewinnen, sie durcharbeiten und durch gefestigtere Standpunkte der Persönlichkeit nach und nach integrieren. So verstehe ich das Anliegen der Reformatoren.

Also ersetzen Sie die Beichtpraxis durch Psychotherapie?
Drewermann:
Das Vertrauen, dass Gott uns vergibt, lässt sich durch keine äußere Instanz ersetzen. Wir können psychologisch sogar sagen, es ist sehr wichtig, darum zu ringen, dass die Menschen, denen man Schaden zugefügt hat, fähig werden zum Vergeben. Aber das kann man in so vielen Fällen gar nicht selber leisten oder erwirken. Es bleibt am Ende außerordentlich schwer, sich mit der Schuld der eigenen Vergangenheit nach und nach zu versöhnen, sich selbst zu vergeben.

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Der Protestantismus hat in meinen Augen vollkommen recht, denn er betont, Glauben hat mit der Überwindung der Angst, mit der Geborgenheit in Christus und der Reifung der Persönlichkeit zu tun. Der Katholizismus müsste an dieser Stelle sich selbst beim Wort nehmen. Man kann nur aus Gnade befähigt werden, Gnade zu empfangen. Ein Mensch ist allein zur Versöhnung, zur Umkehr, zur Wahrheitsfindung, zur reifenden Ehrlichkeit seiner Person imstande, wenn er glauben kann, dass er selber akzeptabel sei. Wenn er all den Verneinungen gegenübertritt, die sein Leben durchzogen haben.

Eine Psychotherapie, bei der kein Sündenregister erstellt wird, sondern der Mensch Geduld, Verständnis und bedingungslose Annahme erfährt?
Drewermann:
Psychotherapie in diesem Sinne ist ein Verfahren, nicht zu verurteilen, gerade nicht ein Bußgericht von außen anzustrengen, wie das in der katholischen Beichtpraxis immer noch geschieht. Sondern ohne zensieren, ohne Wertung, in möglicher Zuwendung und Akzeptanz, im gewissen Sinn voraussetzungslos den anderen so zu sehen, so zu verstehen, so anzunehmen, wie er nun mal ist. Das ist ein Aufgreifen vor allem der therapeutischen Arbeit, die Jesus im Neuen Testament in der Vielzahl der Wunderheilungen den Menschen schenkt. Er überwindet durch seine voraussetzungslose Annahme der Menschen all das, was man an Bösem in ihnen finden mag.

Im Römerbrief heißt es: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt …
Drewermann:
Martin Luther hat 1520 in seinem Traktat über die Freiheit eines Christenmenschen einmal gemeint: Wenn ihr gute Werke sehen wollt, müsst ihr auf die Person schauen. Und wollte damit sagen: Es geht so vieles in den Menschen vor sich. Wenn ihr schon auf die Hände der Menschen schaut, müsst ihr sehen, wie sie zittern oder sich zu Fäusten ballen. Die Menschen haben eine ganze Biografie hinter sich.

Im Abstand von über 500 Jahren müsste man hinzufügen: Je mehr man begreift, was Menschen tun, wird man verstehen, dass sie Böses gar nicht tun wollen. Was sie tun, mag sehr, sehr böse sein. Aber was in ihnen vor sich geht, ist ein Ringen gegen und mit sich selber. Luther will weiter sagen, es mangelt in aller Regel nicht daran, dass Menschen nicht wüssten, was Gut und Böse ist. Es zerbricht in ihrer eigenen Persönlichkeit die Möglichkeit, das zu tun, was sie selber wirklich wollen. Das ist Römerbrief, Kapitel fünf bis sieben. Das hat Luther als Erfahrung dem Christentum zurückgegeben mit Berufung auf Augustinus und Paulus.

Keine Theologie und Seelsorge ohne Psychologie?
Drewermann:
Die Seelsorge selber müsste psychotherapeutische Qualität annehmen. Den Psychotherapeuten kann man sagen, ihr versucht, in einen Menschen, den ihr noch nicht kennt, ein Vertrauen zu setzen, das sich rein empirisch vielleicht gar nicht rechtfertigt lässt. Insofern hat alles, was ihr tut, ob ihr an Gott glaubt oder nicht, eine religiöse Dimension. Den Seelsorgern müsste man sagen, es hat keinen Sinn, sich in die Position dessen zu setzen, der im Namen Gottes Rat zu erteilen wüsste. Das Wichtigste ist hinzuhören, was Gott in der Seele eines Menschen, der sich an euch wendet, zu sagen hat.

Alles Heil ist konkret. Insofern müssten beide voneinander lernen: die Seelsorger von all dem, was Menschen guttut und was man in psychotherapeutischen Gesprächen methodisch und inhaltlich gelernt hat. Und umgekehrt ist Psychotherapie ohne ein absolutes Vertrauen im Hintergrund kaum durchführbar. Auf diese Synthese aber warten wir.

Warum kommt diese Synthese bisher nicht zustande?
Drewermann:
Sie wird zum einen in der Theologie nicht wirklich angestrebt. Theologischerseits fürchtet man, dass, wenn Gott in der menschlichen Seele gefunden würde, er dann näher erklärt werden könnte. Und auf der anderen Seite: Viele Psychotherapeuten sind heute der Auffassung, dass, wenn von Gott die Rede ist, man einen komplexbelasteten Begriff aus den Kindertagen mit durchs Leben schleppt. Die Therapeuten müsste man heilen von einer Art praktischem Atheismus. Beide Standpunkte sind falsch. Die Menschen frei zu machen, bedeutet auch, sie ein Stück weit auf Gott hinzuführen oder sie sogar als von Gott als begleitet zu betrachten. Und umgekehrt, Gott tiefer zu verstehen in der Seele der Menschen heißt gerade nicht, ihn zu leugnen, sondern wie jetzt gerade zu beobachten: Die Blumen reifen, gerade weil sie die Sonne in sich tragen.

Verkündigung mit Wort und Gesang

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Im Porträt: Sebastian Kircheis – Wie die Kirchenmusik das Leben des Pfarrers prägt

Wer den Pfarrer im Gottesdienst erlebt, ist zuerst beeindruckt von seinem liturgischen Gesang. »Sie haben schön gesungen«, bekommt er manchmal zu hören. Sebastian Kircheis (Jahrgang 1963) ist aber über dieses Kompliment nicht erfreut. Im Gegenteil: »Mich ärgert das immer«, sagt der ehemalige Kruzianer, denn es sei keine große Leistung, die Liturgie zu singen. Die Predigtvorbereitung hingegen koste ihn mitunter viele Stunden Zeit und Arbeit. Wenn er dann »unter Umständen mit dem Ergebnis sogar zufrieden ist«, stattdessen aber sein Gesang gelobt wird, findet er das unverhältnismäßig. Verständlich, weil der Prediger dem »Musiker« keinesfalls nachsteht. Der Weimarer Pfarrer verkündigt das Evangelium nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern auch mit Musik. Neben die anspruchsvolle Schriftauslegung stellt er ebenbürtig das gesungene Wort.

Sebastian Kircheis. Foto: Sabine Kuschel

Sebastian Kircheis. Foto: Sabine Kuschel

Man fragt sich, ob er seinen Beruf vielleicht etwas traurig empfinden würde, wenn er nur auf das gesprochene Wort angewiesen wäre? Der Theologe lacht. »Ich hab noch nicht drüber nachgedacht.« Worüber er sich aber schon öfter Gedanken gemacht hat, ist die Frage, wie das Gemeindeleben durch Kirchenmusik bereichert werden kann. Wenn es sich an irgendeiner Stelle totgelaufen hat, dann überlegt er, wie es wieder zum Leben erweckt werden kann. Und dabei fällt ihm meistens zuerst die Musik ein. Ein aktuelles Beispiel: Die Vespern am Sonnabendabend in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul mit einer kurzen Andacht waren oft kein Höhepunkt im gottesdienstlichen Geschehen. Etwas kühl, nicht immer gut besucht. Wenn sich jedoch die Kirchenmusik hinzugesellt, beispielsweise durch Mitwirkung der Schüler vom Musikgymnasium Schloss Belvedere wie vorigen Sonnabend, wird die Andacht zu einem spirituellen Erlebnis. Bei den Überlegungen, wie dieses kirchliche Angebot einladender gestaltet werden kann, habe er seine Vorstellungen eingebracht und er sei nun sehr froh, dass gemeinsam mit dem Kantor neue Wege beschritten werden.

Bevor Kircheis vor etwa drei Jahren nach Weimar kam, war er Pfarrer in Gera, wo der Heinrich-Schütz-Chor das kirchenmusikalische Geschehen prägt. Hier arbeitete der Theologe mit einem Kantor zusammen, den er als »hochbegabten Musiker und außergewöhnlichen Improvisator« beschreibt. Konzerte mit hohem Niveau. Dennoch habe er Lücken entdeckt, bemerkt Kircheis. Es gab weder einen Kinderchor noch eine Kurrende, wenig Chormusik im Gottesdienst. Ohne mit dem hochkarätigen Kirchenmusiker aneinanderzugeraten, was sich nicht immer vermeiden ließ, galt es, die gute kirchenmusikalische Tradition weiterhin zu pflegen und zugleich andere Formen anzuregen, um Gemeinde, die Kinder und Jugendlichen stärker einzubinden. Über viele Jahre hätten sie – der hauptamtliche Kirchenmusiker und der Theologe mit musikalischen Fähigkeiten – Projekte verfolgt, die ihnen beiden viel Vergnügen bereiteten, obendrein den Kindern und Jugendlichen der Gemeinde. Ein besonderes Ereignis waren etwa die Besuche eines sehr guten Chores aus Schweden, mit dem gemeinsam ein Workshop am Gymnasium auf die Beine gestellt wurde. Die Art, wie der schwedische Chorleiter die jungen Leute mitnehmen, sie zu einer Lebensäußerung bewegen konnte und sie zugleich an die biblische Botschaft heranführte, habe ihn schwer beeindruckt, erzählt Kircheis.

Seine erste Pfarrstelle war im thüringischen Rudersdorf bei Buttstädt. Hier leitete er den örtlichen Gesangsverein, gründete Kinder- und Posaunenchor und – eine Besonderheit: den 9-Uhr-Chor. Die Probe begann pünktlich 21 Uhr, wenn die jungen Eltern ihre Kinder ins Bett gebracht hatten, und sie endete eine Stunde später, 22 Uhr, damit die Jugendlichen rechtzeitig zur Disco konnten. »Die Kirmes war in den Dörfern kirchlich tot«, erinnert sich der Pfarrer, doch er hatte eine Idee, wie sie wieder zurück in die Kirche geholt werden konnte. Natürlich mit Musik.

Mit Musik lassen sich Kinder und Jugendliche am besten in das Gemeindeleben und in die Auseinandersetzung mit der Bibel einbeziehen. Sebastian Kircheis ist selbst so mit den biblischen Texten vertraut geworden. »Ich habe sie verinnerlicht, indem ich sie gesungen habe.« Als kleiner Junge hat er bei seinem Vater, der auch Pfarrer war und für den genauso die Kirchenmusik eine große Rolle spielte, gesehen, wie das geht: Verkündigung – mit Wort und Musik. Wenn im Gottesdienst eine musikalische Darbietung geplant war, wurde sie im Pfarrhaus einstudiert. Zu Hause wurde immer gesungen und musiziert. So ist es bis heute geblieben. Sebastian Kircheis und seine Frau Cornelia haben fünf Kinder, die alle auch Musik machen. Familientraditionen, deren Wurzeln im Erzgebirge liegen, wo der Großvater ebenfalls Pfarrer war. Und Wert darauf legte, dass jedes Kind singen, ein Blas- und ein Streichinstrument beherrschen, Klavier spielen und – wenn gewollt – noch das Orgelspiel erlernen konnte. Aus der Familie sind zwei Kirchenmusiker und zwei Theologen hervorgegangen. Einer von ihnen ist sein Vater, Gotthard Kircheis, ehemaliger Superintendent in Aue. Ein »verhinderter Kruzianer«. Der ebenfalls aus dem Erzgebirge stammende Kreuzkantor Rudolf Mauersberger hätte den Gotthard gern in seinem Chor gesehen. Aber dessen Vater erlaubte es nicht. Der Junge war schlecht ernährt und dünn – es war Nachkriegszeit und die Eltern hatten Sorge, das Kind könnte die Strapazen eines Kruzianers nicht überstehen. Die Musik integrierte er dennoch fest in sein Leben. Nach dem Theologiestudium, bevor er sich entschied, Pfarrer zu werden, arbeitete er am Theater als Sänger. Und dann im Pfarramt gründete er selbstverständlich Kurrende, Posaunenchor und leitete die Kinder zum Singen und Musizieren an. So lag es für seinen Sohn Sebastian auf der Hand, Kruzianer zu werden.

Dann das Erlebnis des Jungen im Chor in der Dresdner Kreuzkirche: Teil eines großen Orchesters zu sein! »Schwer beeindruckt – das ist nicht der richtige Ausdruck.« – Gedankenpause. – »Da kann man Gänsehaut bekommen«, schildert Sebastian Kircheis. Nicht nur die Konzerte, die ausnahmslos von vielen Menschen besucht werden, sind für die Chorknaben prägende Erlebnisse. Die Kruzianer sind in der Dresdner Kreuzkirche Träger des liturgischen Geschehens. »Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie der evangelische Gottesdienst gemeint ist, der wohl vom Wort lebt, aber gesungen und gesprochen. Das Ineinandergehen von Wort und Gesang – das hat mich nie losgelassen.« Und erfasst die heutigen Gottesdienstbesucher, wenn sie das glückliche Zusammenspiel von Wort und Gesang erleben.

Die Mitte seines Glaubens definiert der Theologe als Christusverbindung. »Dass ich getauft bin, in eine Beziehung gestellt, ein Gegenüber habe, das ist es, was mich in Spannung hält und auch entlastet in dem Sinne, dass ich nicht etwas bringen muss.« Dieses Vertrauen – wie könnte es anders sein – drängt ihn zu singen. Ganz wie der Volksmund sagt: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Im Psalm 89, Vers 2, findet der Pfarrer komprimiert, worum es ihm geht: »Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich.«

Sabine Kuschel

Gott auf die Spur kommen

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview mit Katharina und Thomas Schönfuß über Spiritualität in der Partnerschaft

Lassen sich in einer Partnerschaft Spuren Gottes entdecken? Ja, meint das Ehepaar Schönfuß. Katharina Schönfuß, Ehe- und Lebensberaterin, und Thomas Schönfuß, Pfarrer und Leiter des Hauses der Stille in Grumbach, leiten Seminare zu diesem Thema. Mit ihnen sprach Sabine Kuschel.

Herr und Frau Schönfuß: Es ist nach Ihrer Erfahrung also möglich, dass Mann und Frau in ihrer Partnerschaft Gottes Spuren entdecken können?

Thomas Schönfuß: Ja, das kann man so sagen. Wir versuchen zumindest, Menschen dazu anzuregen, über Spuren Gottes in ihrer Paarbeziehung nachzudenken und dann zu schauen, ob sich etwas entdecken lässt. Ein Wochenende, bei dem sich Paare mit diesem Thema beschäftigen, kann die Aufmerksamkeit dafür stärken. Sie sehen eventuell dann auch etwas, was sie – nicht sensibilisiert – übersehen würden.

Katharina Schönfuß: Wir bieten den Rahmen dafür an. Die Partner sollen sich Zeit nehmen, aufmerksam werden. Was Gott mit mir oder mit meiner Partnerschaft vorhat – das ist immer unverfügbar. Man kann das nicht machen.

Thomas Schönfuß      Katharina Schönfuß. 	Fotos: privat

Thomas Schönfuß (links) und Katharina Schönfuß (rechts). Fotos: privat

Wie kommen Menschen Gott auf die Spur? Wie geschieht das?

Thomas Schönfuß: Hier im Haus der Stille gibt es drei Gebetszeiten, morgens, mittags und abends. Morgens wird betont: Wir empfangen diesen Tag aus Gottes Hand. Jeder Tag ist ein Geschenk an uns. Das ist ein wichtiger Impuls. Das Mittagsgebet ist ein Anhalten mitten im Tagwerk. Das Abendgebet ist verbunden mit dem Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Das ist eine Form des Tagesrückblicks: Wir schauen auf diesen Tag zurück – in dem Bewusstsein, dass Gott mit liebevollem Blick auf uns schaut. Ebenso dürfen wir mit ehrfurchtsvollem, liebevollem Blick auf den Tag zurückschauen. Was hat dieser Tag für uns bedeutet, was hat er gebracht? Was hat uns gefreut? Was hat uns belastet? Darüber können wir uns austauschen, um dann beides, sowohl die Freude als auch die Last an Gott zurückzugeben. Die Freude in Form des Dankes, das Belastende in Form der Klage. Manchmal wird den Menschen bei einem solchen Rückblick klar, dass Gott in ihrem Leben wirkt.

Dass und wie sie einander gefunden haben – darin erkennen Paare möglicherweise Spuren Gottes?

Thomas Schönfuß: Ja, zum Beispiel in der Art und Weise, wie sie sich gefunden haben, an den Zufällen, die es gab, bevor sie sich fanden und lieben lernten. Manche sind sich wiederbegegnet. Welche winzigen Details manchmal dazu führten, dass der Faden geknüpft wurde – da kommt man ins Staunen. Das Staunen ist immer der erste Schritt, um aufmerksam für Gottes Spuren zu werden. Oder wie Krisen bewältigt wurden. Ehepaare staunen mitunter auch darüber, dass sie bestimmte Zeiten durchgestanden haben, zusammengeblieben, nicht aneinander verzweifelt sind. Wie war das eigentlich, kam das nur durch uns oder ist uns da Kraft zugewachsen? Das kann eine Entdeckung sein.

Katharina Schönfuß: Wir regen dazu an, in der eigenen Biografie und der des Paares nach Gott zu suchen. Danach zu fragen, ob sich die Paare Gott näher oder ferner fühlten, wenn es ihnen gut ging.

Thomas Schönfuß: Ein Diagramm kann zeigen, wie im Laufe meines Lebens die Intensität der Gottesbeziehung war? Im Kindesalter, als Jugendlicher, als junger Erwachsener. Daraus ergibt sich eine interessante Kurve, über die der Einzelne ins Staunen kommt. In dieses Diagramm wird weiterhin eingetragen, wie es in der Partnerschaft war. Wann sich die Partner besonders nahe und wann sie einander fern oder fremd waren? Diese beiden Kurven zeigen Berührungspunkte, sie zeigen Nähe und Distanz zwischen Mann und Frau – und auch im Blick auf die Gottesbeziehung. Und es ist gut, wenn die Ehepartner – jedes Paar für sich – darüber ins Gespräch kommen. Manchmal fallen ihnen dazu bestimmte Details ein, die sie auf eine Spur bringen, zu einer Erkenntnis.

Es kommen wahrscheinlich kaum Paare, die sich trennen wollen?

Thomas Schönfuß: Ja, das schon, aber es sind nicht nur Paare, die ganz besonders gut miteinander auskommen. Konfliktpunkte und Unterschiedlichkeiten kommen sehr wohl zur Sprache.

Katharina Schönfuß: Die Partner schauen nicht immer wohlwollend aufeinander. Das ist in keiner Partnerschaft so. Aber Gott schaut wohlwollend auf uns.

Die Paare kommen mit der Sehnsucht, unter dem liebevollen Blick Gottes, der beiden gilt, jeweils von dem eigenen nicht-wohlwollenden Blick befreit zu werden?

Katharina Schönfuß: Genau.



Was geben Sie den Paaren für ihren Alltag mit nach Hause?

Thomas Schönfuß: Sie nehmen den Segen mit. Es ist so: Wir feiern am Sonntag in der Gruppe – nur mit den Seminarteilnehmern Gottesdienst. In diesem gibt es die Möglichkeit, sich als Paar segnen zu lassen. Bevor ich den Paaren den Segen zuspreche, frage ich sie, wofür sie den Segen speziell erbitten. Der Segen ist für viele ein Höhepunkt.



»Spiritualität in der Partnerschaft« ist das Thema eines Kurses vom 8. bis 10. Mai im Haus der Stille Grumbach. Das Seminar lädt dazu ein, Spuren Gottes in der Paarbeziehung zu entdecken.

www.haus-der-stille.net

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Verraten und verkauft

27. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – Pfarrer Matthias Storcks Ringen um Vergebung

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« So leicht, wie dieser Satz über die Lippen geht, ist er nicht umzusetzen. »Vergeben, das ist nicht so einfach«, sagt Matthias Storck (Jahrgang 1956), Pfarrer in Herford (Westfalen). Wer wie er bitteres Unrecht erlitten hat, Demütigung, Bespitzelung, Verrat und Gewalt, weiß, wie es ist, jemandem seine Schuld zu vergeben, verzeihen zu wollen, zu können oder dies nicht zu können. Der Theologe war in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis. In seinem Buch »Karierte Wolken« erzählt er, was ihm während seines 14-monatigen Knastaufenthaltes widerfahren ist.

Seine Geschichte ist ungeheuer­lich. Ins Gefängnis bringt ihn ein Freund, ein vermeintlicher Freund, damals Pfarrer in einem Dorf, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Der Theologe macht dort von sich reden. In seinem Pfarrhaus treffen sich ausgewählte Leute, die unzufrieden mit den Verhältnissen sind und dem Pfarrer gegenüber offen sagen können, was sie denken. Storck studiert zu dieser Zeit – Ende der 1970er Jahre – in Greifswald Theologie. Politisch auffällig, weil er sich gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts wendet, eine entsprechende Eingabe ans Ministerium für Volksbildung verfasst. An einem Tag im September 1979 ruft ihn jener befreundete Pfarrer an, fordert Storck und dessen Verlobte auf, ihn dringend aufzusuchen, weil er ihnen etwas Wichtiges zu sagen habe. Das Paar macht sich umgehend auf den Weg. Als sie ihn treffen, überreicht ihnen der Pfarrer einen Zettel mit einem Fluchtangebot über Polen. Die beiden sagen ihm, dass das für sie nicht in Frage komme, sie zerreißen das Papier und wähnen sich in dem Glauben, die Sache sei damit erledigt. Kurze Zeit später wird Storck von der Straße weg verhaftet. Auch seine Partnerin wird festgenommen. Verurteilt werden beide zu einer Gefängnisstrafe wegen versuchter Republikflucht. Obwohl sie nie die DDR verlassen wollten. Die Realität im Knast ist hart, sehr hart, zum Teil grausam. Die Zeit habe ein riesiges Loch in seiner Seele hinterlassen, sagt Storck.

Matthias Storck

Matthias Storck

Er und seine Partnerin werden die Strafe nicht absitzen, die westdeutsche Regierung kauft die beiden nach einem reichlichen Jahr frei. Warum er durch diese Hölle gehen muss, die Hintergründe für seine Verhaftung, dass ihn ein befreundeter Pfarrer verraten hat, erfährt Storck erst Jahrzehnte später, nach der Wende.

Wie geht er mit diesen Erfahrungen um? Ist es möglich zu verzeihen? Ihn beschäftigt die Frage von Anfang an. Er ringt darum, seinen Schuldigern vergeben zu können. Aus Storcks Schilderungen schimmert durch: Vergebung ist ein komplizierter Weg, mit Höhen, Tiefen, vor und zurück – vielleicht eine Lebensaufgabe. »Vergebung ist ein Prozess, in den man sich einüben kann. Wir müssen üben, vergeben zu können.« So schwer es ist. Auch aus egoistischen Gründen, meint der Theologe, denn solange er nicht vermag, diesem oder jenem Schuldiger zu verzeihen, belasten sie ihn, »werden sie einem auf den Füßen stehen«. Mit dem Pfarrer, dem er seinen Knastaufenthalt zu »verdanken« hat, geht es ihm so. Dabei wäre er bereit, ihm zu vergeben. Aber es bedürfte eines Eingeständnisses der Schuld, der Bitte um Verzeihung. Als Storck erfährt, wer ihn der Stasi ausgeliefert hat, sucht er ihn auf und stellt ihn zur Rede. »Er hätte nur sagen müssen: Es tut mir leid.« Doch dieses Schuldbekenntnis bleibt aus. Vergebung ist schwer, wenn jemand gar nicht darum bittet oder seine Schuld nicht erkennen will. Storck erlebt: nur wenige bitten um Verzeihung, die meisten würden ihre Unschuld beteuern.

Zu Storcks großen Enttäuschungen gehört der Gefängnispfarrer, der ihn im Knast begleitet, der Kontakte zur Familie hält, zu Gottesdiensten einlädt – auch er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi.

In anderen Fällen gelingt es zu verzeihen. Storck erinnert sich an den 19-Jährigen, der ihm nach einer schrecklichen Zeit der Einzelhaft in seiner Zelle Gesellschaft leistet. Er ist aus Westberlin. Gefasst wird er, weil er einem Verwandten für die Flucht aus der DDR seinen Ausweis gibt. Als er mit Storck die Zelle teilt, stehen ihm sieben Jahre Bautzen bevor. Storck ist froh, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können. Eines Tages wird er plötzlich verlegt. Alles, was Storck diesem jungen Mann anvertraute, gibt dieser zu Protokoll. Enttäuschung und Schmerz sind unermesslich. »Aber so ein Schmerz kann heilen«, sagt Storck heute im Abstand von Jahrzehnten. Er stellt sich vor, was aus dem jungen Mann mit dem Kindergesicht geworden wäre, wenn er sieben Jahre hätte in Bautzen sitzen müssen! Mit seinen Spitzeldiensten kauft er sich frei. Vermutlich sei er unter die anlässlich des 30. Jahrestages der DDR angeordnete Amnestie gefallen. »Gott sei Dank, dass der das gemacht hat. Er hat sich damit gerettet. Er wird gelernt haben, dass man niemanden verrät«, ist der Pfarrer zuversichtlich.

»Zwischen Vater und Vaterunser klafft eine schmerzhafte Wunde.« Mitte der 90er Jahre blickt Storck in einen tiefen Abgrund. Die Akten der Stasi offenbaren ihm: Sein Vater, ebenfalls Pfarrer – er war IM. Der Vater, der ihm immer gesagt habe, wie man in einem totalitären System mit der Wahrheit umzugehen hat. »In mir blieb die Welt stehen, und das Herz drehte sich wie ein Kreisel in der Brust. Ist Christus noch Christus?«, fragt der Theologe in seinem Buch. Für ihn bricht die Welt zusammen. Verraten und verkauft. Von Menschen, denen er sich besonders verbunden fühlte und die von Berufs wegen einen Vertrauensvorschuss genießen. Sein Freund, der Gefängnispfarrer, sein eigener Vater. Der Vater, der mit ihm im Gefängnis das Abendmahl feiert. Mit Kaffee und Kuchen. Ein unvergesslich tröstlicher, stärkender Moment. »Alle, die einen Talar anhaben, scheinen eine Krankheit zu haben«, denkt Storck, als er mit der Wahrheit konfrontiert wird. »Das war noch mal die Hölle.«

Wie bewältigt Storck seine Geschichte? Er hadert mit seinem Vater und er kämpft um dessen Rettung, denn er sagt sich: »Er bleibt der Großvater meiner Kinder.« Entlastend liest sich die Bemerkung in den Akten, der Vater sei ein unwilliger Mitarbeiter, er erzähle Nebensächlichkeiten. Schwer hingegen wiegt, er übergab die Eingabe seines Sohnes gegen den Wehrkundeunterricht der Stasi. Ohne zu bedenken, dass sie diese nicht etwa lesen wollte, denn sie war bereits im Besitz des von Matthias Storck eigenhändig unterschriebenen und abgeschickten Briefes. Storck vermutet, der Stasi ging es um seine Fingerabdrücke.

Der Theologe übt sich in den Prozess der Vergebung ein, indem er lernt, seinen Vater, der inzwischen gestorben ist, zu verstehen. »Das Tragische: Wenn sich mein Vater eingestanden hätte, dass er IM war, wären seine Theologie, sein Wahrheitsbegriff, seine Verdienste – sie wären ihm davongelaufen. Er hätte das nicht ausgehalten.« Irgendwann lässt der Sohn die Geschichte auf sich beruhen, spricht den Vater nicht mehr daraufhin an. Ihm hilft die Erkenntnis: »Sie haben ihn erpresst.« Er könne umso besser mit dem Versagen anderer Menschen umgehen, je genauer er seine eigenen Grenzen und Schwächen kenne. Jeder könne in solch missliche Situationen geraten. Dies hätten ihn die extremen Erfahrungen seines Lebens gelehrt. Wann jemand umkippt, etwa zum Verräter wird, das sei eine Frage von Nuancen. »Gott sei Dank, bin ich nicht in die Versuchung gekommen. Das ist nicht mein Verdienst. Es ist eine große Gnade.«

Sabine Kuschel

Gottes Wort – klar und einfach

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Türen öffnen: Mit leichter Sprache Menschen mit Lernschwierigkeiten die Frohe Botschaft vermitteln

Dass sich für alle Menschen eine Tür zum Glauben öffnet, ist Anliegen des Erfurter Büros für Leichte Sprache.

Um Gottes Wort hören, lesen und erfassen zu können, dazu bedarf es der Sprache. Sie ist eine Tür für den Glauben. Doch es gibt Menschen, die haben Mühe, die Bibel, Andachten, Predigten, die theologische Rede über Gott zu verstehen: Zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Seh- und Hörschwächen, alte Menschen, Demenzkranke oder Migranten. Durch komplizierte Texte bleiben ihnen Informationen verschlossen, woraus Benachteiligungen entstehen können. Auch die Entscheidung für Gott, für den Glauben ist von der Sprache abhängig. Wer die Geschichten der Bibel oder Pfarrer nicht versteht, dem kann der Zugang zum Glauben fehlen.

Das Büro für Leichte Sprache in Erfurt, ein Angebot des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD), will für Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen: mittels »Leichter Sprache«. Das heißt komplizierte, also für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwer verständliche Texte werden in die Leichte Sprache übersetzt. Kein leichtes Vorhaben, im Gegenteil, teilweise schwere Arbeit, so Nancy Brack, Jahrgang 1980, die Leiterin des Büros. Sie studierte Erziehungs- und Rechtswissenschaften, promovierte zum Thema »Wirklichkeitskonstruktion von Menschen, die von ihrer Umwelt als ›geistig behindert‹ bezeichnet werden«. Im 13-köpfigen Team des Erfurter Büros arbeiten zehn Menschen mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten als Prüferinnen und Prüfer. Sie sind die Experten für Leichte Sprache, sie prüfen, ob Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verstehen sind.

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Sabine Juppe, Jahrgang 1968. Wenn sie Nachrichten hört oder liest, erfasst sie oft nicht den Inhalt der Worte, entweder weil zu schnell gesprochen wird oder die Sätze zu kompliziert sind. Als Kind sei ihre linke Gehirnhälfte ausgefallen, sie litt unter schweren Anfällen. »Ich kann zwar gut logisch denken«, sagt sie. Aber Lesen fällt ihr schwer.

Heiko Schneider, Jahrgang 1967. Wenige Tage nach der Geburt bekam er epileptische Anfälle, in deren Folge sein Sehnerv abgestorben ist. Lesen bereitet ihm Probleme, zusätzlich erschwert durch die eingeschränkte Sehkraft.

Ute Koch, Jahrgang 1966. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt wurde ihr Gehirn geschädigt, sie kann lesen und schreiben, jedoch nicht rechnen.

Die drei arbeiten in den Erfurter Werkstätten des CJD, betraut etwa mit Aufgaben wie Verbandsmaterial in Schachteln zu verpacken. Und sie sind Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache. Wöchentlich kommen sie für zwei Stunden in das Erfurter Büro, um Texte auf Verständlichkeit zu testen. Ein Ergebnis ihrer Bemühungen liegt nun als Buch vor: »Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache«. Es soll Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen für Gottes Wort.

Am Anfang standen Fragen: Wie kann man christlichen Menschen mit Förderbedarf ermöglichen, eine Andacht besser zu verstehen? Welche Texte eignen sich? Pfarrer Christoph Victor, tätig im Diakonischen Werk Mitteldeutschland, stellte den Initiatoren die Manuskripte seiner im Rundfunk gehaltenen Andachten zur Verfügung. Diese wurden den Prüferinnen und Prüfern vorgelesen, sie durften auswählen, welche der Andachten ihnen besonders gut gefielen und deshalb in das Buch aufgenommen werden sollten. Zehn Prüfer, Christen und Nichtchristen, waren an der Entscheidung beteiligt. Es sei heftig diskutiert worden, erzählt Nancy Brack. Über Gott und das Leben, darüber, wo Gott war, als dies oder das passierte, wann er half oder wann nicht. Viele Wochen dauerte dieser Prozess. Die nach Meinung der Prüfer schönsten Andachten fanden Eingang in das Buch. Nachdem die Texte ausgewählt worden waren, machte sich Nancy Brack an die Arbeit, die in sogenannter schwerer Sprache verfassten Andachten in Leichte Sprache zu übersetzen. Etwa 40 Regeln habe das Netzwerk für Leichte Sprache aufgestellt. Kriterien für gute Lesbarkeit sind Schriftgröße und Zeilenabstand. Die Sätze sollten kurz sein und keine fremden Worte enthalten. Die allerwichtigste Regel: Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die Experten. Sie prüfen, ob die Texte gut zu verstehen sind. Die von Nancy Brack übersetzten Andachten nahmen die Prüferinnen und Prüfer wieder »unter die Lupe«. Sie strichen an, was ihnen unverständlich war, kritisierten, was ihnen nicht gefiel, suchten hier und dort nach einer anderen Formulierung. Zum Schluss überlegten alle noch, welche Bilder zu den Texten passen könnten. Viele Ideen lagen auf dem Tisch. Die zum Team gehörende Grafikerin Katharina Magerl illustrierte die Geschichten – klar und farbenfroh. Entstanden ist ein ansprechendes Buch mit »schönen Gedanken über Gott«. Welches Anliegen und welche Hoffnung die Macher mit diesem Projekt verbinden, klingt in Leichter Sprache so: »Jeder Mensch soll Texte über Gott verstehen. Deshalb sind Texte über Gott in Leichter Sprache wichtig. Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb brauchen die Menschen verschiedene Türen zu Gott. Mit diesem Buch wollen wir Türen öffnen.«

Sabine Kuschel

www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Victor, Christoph; Brack, Nancy: Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-267-5, 14,80 Euro

Gottes Wort wird Gestalt

25. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Musik, Gottesdienste, Natur inspirieren die Bildhauerin Petra Arndt aus Volkenroda

Ihr Weg als Künstlerin ist eng mit der Geschichte des Klosters Volkenroda verbunden. Als das kulturelle und spirituelle Leben im Ort aufblühen, beginnt auch Petra Arndts neuer Weg.

Petra Arndts Galerie in Volkenroda in der Nähe des Klosters. Der Raum ist von Musik erfüllt. »Spiegel im Spiegel« des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Die gleichmäßige Konstruktion der Töne im Tintinnabuli-Stil hat eine starke Wirkung. Groß, schwermütig, hell. Neben den Skulpturen – Figuren und Köpfe – laden gedeckte Tische zum Verweilen ein. Die Künstlerin führt durch die Galerie, vor der einen und anderen Figur bleibt sie stehen. »Teresa von Avila«, aufrecht sitzend, mit erhobenem Kopf, konzen­triert, ruhig, zuversichtlich, auf Empfang eingestellt. »Nur Gott allein genügt.« Diese Aussage inspirierte die Bildhauerin zu der Bronzeplastik. »Nur Gott allein genügt.« – Lange habe sie sich mit diesem Satz aufgehalten, sagt Petra Arndt. Sie steht vor ihrem Werk, streicht mit der Hand über die Figur, mustert sie eingehend. Ebenso eine Figur des Christus. »Mit dieser bin ich sehr zufrieden«, so das Urteil der Schöpferin. In vielen ihrer Arbeiten hat Gottes Wort Gestalt angenommen. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.« Ein anderer Spruch, der die Künstlerin zu einer Figur anregte. Ein Mädchenkopf mit keck abstehenden Zöpfen, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet.

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt wurde 1958 im thüringischen Schlotheim geboren, wird als Kind getauft und konfirmiert. Sie interessiert sich für Kunst, hört viel Musik, fährt zu Konzerten nach Mühlhausen oder Erfurt. »Ich hatte das schon immer in mir«, sagt sie und meint damit das Verlangen nach künstlerischem Ausdruck, es musste jedoch noch die entsprechende Form gefunden werden. Nach der Schule Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Der Glauben liegt in der DDR ad acta.

Ihr Weg als Künstlerin, ihre Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist eng verbunden mit der Geschichte des Klosters Volkenroda. Das 1131 gegründete Zisterzienserkloster in der Nähe ihres Geburtsortes führt in der DDR ein erbarmungswürdiges Dasein, die Kirche zerfällt. Volkenroda – ein kleiner langweiliger Ort. Das ändert sich nach der Wende. 1994 erwirbt die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal das Kloster Volkenroda, baut es wieder auf und macht daraus ein geistliches Zentrum. Das spirituelle und das kulturelle Leben blühen auf. Gottesdienst, Gebetszeiten, Lesungen, Konzerte, Begegnungen. Petra Arndt ist offen und dankbar für diese Angebote. Viele Menschen kommen hierher. Kultur und Religion gehen zusammen. Bei keiner Veranstaltung fehlt der spirituelle Impuls. Gottes Wort ist immer dabei. Der Geist, der in Volkenroda weht, sie nennt ihn einen philosophischen, erfasst sie. Das intensive geistliche Leben, das Reden und Nachdenken über Gott und Glauben wirkt. Anfangs fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Aber sie fühlt sich in dieser Welt des Glaubens aufgehoben und nähert sich ihr immer mehr an. Ihr neuer Weg beginnt.

»Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.«

Durch Probieren findet sie ihre Ausdrucksform, bevorzugt die Gestaltung mit Ton. Parallel zu den plastischen Arbeiten schreibt sie Gedichte. Schreiben und gestalten – die kreativen Ausdrucksformen wechseln.

Die Titel ihrer Ausstellungen sprechen für sich: »Seelenlust«, »Der Schöpfer hängt im Weidemond«, »Zwischen Zweifel und Gebet«. Bevor das Motto feststeht, unter dem sie ihre Werke präsentiert, bewegt sie ihre Ideen und Gedanken lange im Herzen. »Man weiß nie, wann das Thema kommt«, sagt sie. Ihre Inspirationsquellen sind Musik, Gespräch, Gottesdienst, Natur. Ein innerer Spannungsbogen will aufgebaut werden. Die Idee muss wachsen und reifen – bis zum Augenblick der Geburt.

»Die Kraft des Ursprungs« (Kontinuum der Zeitlosigkeit«) soll das Thema der nächsten Ausstellung 2015 im Kloster Wieprechtshausen sein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert, in der Nähe von Northeim im südlichen Niedersachsen.

Sabine Kuschel

Dem Glauben auf die Sprünge helfen

4. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview mit Theologieprofessor Peter Zimmerling über die Alltagstauglichkeit protestantischen Glaubens

Regelmäßiger Gottesdienstbesuch, Tischgebete und andere christliche  Übungen führen im Protestantismus  ein kümmerliches Leben. Dabei sind religiöse Rituale wichtig, damit der Glauben leben und wachsen kann. Wie evangelische Spiritualität wiederbelebt werden kann, erfragte Sabine Kuschel bei Peter Zimmerling, Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Herr Professor Zimmerling, was halten Sie von der These: Der Protestantismus braucht als Korrektiv den Katholizismus?
Zimmerling:
Die kann ich unterstützen, wenn man mit gleichem Atemzug sagt: Der Katholizismus braucht als Korrektiv den Protestantismus. Wir brauchen uns gegenseitig!

Peter Zimmerling bei einem Vortrag. Foto: Harald Krille

Peter Zimmerling bei einem Vortrag. Foto: Harald Krille

Im Katholizismus gehört die religiöse Übung mit Ritual und Symbol unverzichtbar zum Glauben. Im Protestantismus hingegen wurde das lange Zeit infrage gestellt oder zumindest skeptisch gesehen. Protestanten können sich dabei übrigens nicht auf Martin Luther berufen. In dem Büchlein »Eine einfältige Weise zu beten« schreibt er: Es kann zwar sein, dass ich mein Gebet unterbrechen muss, um meinem Nächsten zu helfen. Dann gilt meine Hilfe als Gebet. Luther sagt jedoch im nächsten Satz: Man lasse sich bloß nicht von dem Gedanken verführen, dass es am Ende gar nicht mehr nötig sei, überhaupt zu beten. Das ist die Gratwanderung, auf der man sich als evangelischer Christ bewegt. Die religiöse Übung an sich steht immer in Gefahr zum religiösen Werk zu werden. Aber umgekehrt darf man sich nicht verführen lassen, auf religiöse Übungen überhaupt zu ver-
zichten.

Und wozu brauchen die Katholiken uns?
Zimmerling:
Religiöse Rituale und Übungen sind kein Selbstzweck: Diese Erkenntnis gilt es, den katholischen Mitchristen immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das Religiöse insgesamt darf nicht zum Selbstzweck werden!
Es reicht eben nicht, seine Sonntagspflicht zu erfüllen und die Welt sich selbst zu überlassen.

Damit der Glaube leben und wachsen kann, braucht er Nahrung. Was ist Ihrer Meinung nach der Minimalproviant?
Zimmerling:
Ich stamme aus einer kirchendistanzierten Familie. Dennoch war es selbstverständlich, dass meine Mutter am Abend vor dem Einschlafen das Gebet »Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm« sprach.

Später lehrte mich meine ältere Schwester das Vaterunser. Bis zur Pubertät war das Abendgebet selbstverständlich. Das galt auch für das Tischgebet am Sonntagmittag. Zudem brachte meine Mutter mir als Kind eine Reihe von Klassikern des Gesangbuchs bei. Nicht anders erzählt es Matthias Claudius vor zweihundert Jahren von seiner Mutter. Diese Tradition ist jedoch nach 1968 abgebrochen und müsste dringend wiederbelebt werden. Angesichts der Situation geht es darum, den jungen Müttern und

Vätern Mut zu machen, im Rahmen der Kindererziehung wieder solche kleinen Rituale zu praktizieren. Familiengottesdienste sind Gelegenheiten, davon zu sprechen. Vätern und Müttern könnte am Ende des Gottesdienstes ein schön gedrucktes Kindergebet zum Abend mitgegeben werden.

Regelmäßiger Gottesdienstbesuch, Tischgebete und andere christliche Übungen sind im Protestantismus verkümmert. Es wirkt so, als ob der Glaube keine Einübung brauche.
Zimmerling:
Der Protestantismus zeichnet sich durch eine Begeisterung für das Alltägliche aus. Das kann man an den beiden Gründergestalten des lutherischen Protestantismus ablesen: Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora versuchten zunächst beide, ihren Glauben im Kloster, an einem Ort außerhalb der Welt, außerhalb des Alltags zu leben. Nach ihrem Austritt aus dem jeweiligen Orden haben sie ihren Glauben zwar noch am klösterlichen Ort (im früheren Wittenberger Kloster Luthers), aber fortan als Ehepaar und als Familie inmitten der Welt gelebt. Deswegen sage ich: Das Markenzeichen evangelischen Glaubens ist seine Alltagsverträglichkeit. Noch etwas anderes kommt dazu: Luther und Katharina haben damit gezeigt, Glaube ist nicht bloß Sache einer frommen Elite, sondern kann von jedermann und jederfrau gelebt werden.

Die Kirche ist in einer schwierigen Situation. Christen haben zwar alle Freiheit, ihren Glauben zu leben. Es gibt hier und dort auch Aufbrüche. Aber insgesamt müssen wir fragen: Hat das Christentum in unserem Land seine Kraft verloren?
Zimmerling:
Ich befürchte, viele Menschen unserer Gesellschaft meinen: Das Christentum hatte lang genug Zeit, um zu zeigen, was in ihm steckt. Sie sind skeptisch, ob das alt gewordene Christentum noch die Kraft hat, sich wieder zu erneuern. Ich bin davon überzeugt, dass in ihm eine ewig junge Dynamik steckt. Vielleicht braucht es Ruhezeiten, in denen alles wie tot scheint. Auch dem Acker muss Ruhezeit gegeben werden, bis er wieder Frucht trägt. Das passt nur schlecht zu einer schnelllebigen Gesellschaft. Da will jeder immer sofort Erfolge und Früchte sehen. Geistliche Prozesse sind Wachstumsprozesse und die brauchen Zeit. Deswegen habe ich Hoffnung, dass der Protestantismus in Deutschland keineswegs am Ende ist. Ich würde uns allen ein bisschen mehr Selbstgewissheit und Vertrauen in die Zukunft wünschen.

Kann das Reformationsfest im Blick auf die Erneuerung des Christentums etwas leisten?
Zimmerling:
Das Reformationsfest besitzt viele Bedeutungsfacetten. Dadurch kann es leicht passieren, dass die entscheidende Facette, die Frage nach dem christlichen Glauben und seiner Gestalt, in den Hintergrund tritt. Immerhin: Das Reformationsfest bietet die Chance, sich auf den Ausgangspunkt zu besinnen. Und der bestand letztlich in der Frage nach dem Gottesverständnis.

Im Zentrum stand für Luther die Frage, wie der Glaube an Gott gelebt wird. Noch präziser gesagt: Wie ist mit der Tatsache umzugehen, dass auch ein Christ in seinem Leben immer wieder versagt und schuldig wird.Diese Frage konnte fast 1 500 Jahre lang in der Christenheit nicht gelöst werden. Luther beantwortete sie, als ihm aufging, dass Gott bereit ist – egal wie groß die Schuld ist – sie immer wieder neu zu vergeben und dem Menschen ewiges Leben zu schenken, ohne eine Vorleistung vonseiten des Menschen. Diese Erkenntnis hat das damalige Europa bis in die Grundfesten hinein erschüttert.

Menschen erfuhren, dass das Evangelium wirklich eine befreiende, frohmachende Botschaft ist. Damit verbunden war ein neues Gottesbild. Ein Gottesverständnis, das im Mittelalter offensichtlich nur im Raum der Mystik bekannt war: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe«, wie Luther sagt, und eben kein rächender Gott, vor dem man sich in Acht nehmen muss.

Modern ausgedrückt, hat die Reformation die Frage nach dem Zerstörerischen im menschlichen Leben gelöst. Luther erkannte, dass sie nicht vom Menschen selber zu lösen ist. Sie kann nur in der Kraft des Glaubens an das Wirken Jesu Christi gelöst werden – eine ungeheuer entlastende Nachricht. Im Laufe ihrer Geschichte ist es den evangelischen Kirchen nicht leicht gefallen, diese befreiende Ursprungserfahrung von Generation zu Generation weiterzugeben.

Die Zahl Sieben – Verbindung zu einer anderen Welt

1. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Die Primzahlen weisen in die Unendlichkeit

Sechs Tage hat Gott gebraucht, um die Welt zu erschaffen, so überliefert es der Schöpfungsbericht in 1. Mose 2. Der Mythos, dass Gott die Welt in sechs Tagen entstehen ließ, entspreche menschlicher Vorstellung, meint Albrecht Beutelspacher, Professor für Mathematik an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Gründer und Direktor des Museums »Mathematikum« in Gießen. »Damit sage ich nicht, dass die Welt tatsächlich in sechs Tagen erschaffen wurde. Die Sechs ist eine Macherzahl, sie passt zu uns. Wir würden Dinge sicher im Sechserrhythmus und im Zwölferrhythmus arrangieren und dann wieder von vorn anfangen.« Also haben die Menschen von sich auf Gott geschlossen und den Mythos von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen begründet.

Albrecht Beutelspacher. Foto: Wikipedia

Albrecht Beutelspacher. Foto: Wikipedia

Aber die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt weiter, dass Gott sich, nachdem er sechs Tage aktiv mit der Welt beschäftigt war, am siebenten Tag Ruhe gönnte. Er nahm sich Zeit, um sein Werk zu betrachten und zu sehen, wie gut alles geraten war. Und damit, so Beutelspacher, stellt die Sieben eine Verbindung zu einer anderen Welt her. Es gibt nicht nur das Machen, sondern auch die Ruhe. »Ich glaube, dass die Sieben nicht nur ein Tag nach dem sechsten ist und dann geht es wieder von vorne los. Sondern die Siebenheit beleuchtet die ganze Woche.«

In der Bibel spielt die Zahl eine wichtige Rolle. Mose wird aufgefordert, von allen reinen Tieren je sieben mit in die Arche zu nehmen, ebenso von den Vögeln je sieben Männchen und Weibchen (1. Mose 7,2f).

Weiter geht es mit Jakob, der sieben Jahre diente, um Rahel zu bekommen (1. Mose 29,18) und dann noch einmal sieben Jahre (Vers 30) diente. Die Kühe, die schönen fetten wie die häßlichen mageren, die in den Träumen des Pharaos auftauchen, deutet Joseph als Hinweis auf sieben Jahre des Wohlstands, denen sieben Jahre des Mangels folgen. Auch im Neuen Testament begegnet die Zahl in verschiedenen Zusammenhängen. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung beispielsweise, berichtet von sieben Sendschreiben aus der Feder des Johannes.

»Die Zahl ist etwas ganz besonderes. Sie ist nicht von dieser Welt, sie zeigt uns eine andere Welt«, sagt der Mathematiker. »Zum einen fällt auf, dass diese Zahl in der Welt nicht vorkommt, in der realen Welt gibt es keine Kristalle mit siebenfältiger Symmetrie, keine Blüten mit genau sieben Blütenblättern.« Dass die Woche sieben Tage zählt, sei nicht von der Natur vorgegeben, wie das beim Tag und beim Jahr der Fall ist. Astronomisch festgelegt: An einem Tag dreht sich die Erde einmal um sich selbst. In einem Jahr dreht sie sich einmal um die Sonne. Nach 24 Stunden ist ein Tag um, nach 365 das Jahr zu Ende. Die Woche hingegen könnte ebenso fünf, acht oder 10 Tage dauern, meint Beutelspacher. »Aber weltweit hat sich die Sieben-Tages-Woche durchgesetzt.«

Um von solchen zunächst oberflächlichen Beobachtungen in die andere Dimension zu kommen, bietet der Mathematiker einen Vergleich der Zahlen Sechs und Sieben an. Sieben ist nicht einfach sechs plus eins. »Es sind zwei Zahlen, die einen völlig unterschiedlichen Charakter haben.« Deutlich zu sehen, sei dies an den Zahlen Zwölf, der großen Schwester der Sechs, und der Dreizehn. »Zwölf ist eine Zahl, die in sich stimmig ist. Ein Dutzend, die zwölf Jünger, zwölf Stämme Jakobs, die Monate, die Stunden am Tag. Die Zwölf ist durch viele Zahlen teilbar. Sie ist in zwei, drei, vier, sechs Teile aufzuteilen«, erläutert der Professor. Die Dreizehn sprenge diesen Zwölferrahmen. »Der 13. Jünger – man spricht auch von einem Teufelsdutzend. Wenn es 13 Dinge sind, die man irgendwie unterbringen muss, klappt das überhaupt nicht.« Ähnlich wie mit Zwölf und Dreizehn sei es mit der Sechs und Sieben. Die Sechs ist gut aufzuteilen, die Sieben nicht. Sie ist eine Primzahl. »Wenn der Mathematiker Primzahlen hört, öffnet sich ihm eine riesige Welt von Abenteuern.« Die Welt der Unendlichkeiten. Und das hängt damit zusammen, dass die Primzahlen niemals aufhören.

Aber kommt nicht nach jeder x-beliebigen Zahl eine weitere? Beutelspacher verneint. »Wir denken, das geht immer weiter, aber in der Realität hören die Zahlen auf.« Wie die menschliche Existenz. Der Wissenschaftler zieht die Parallele zum persönlichen Leben. »Bisher war es immer so, wenn ich mich abends ins Bett gelegt habe, bin ich am nächsten Tag aufgewacht. Es waren viele, viele, viele Tage. Oder: Mein Herz hat in meinem Alter schon zwei Milliarden Mal geschlagen. Immer ganz regelmäßig, sehr verlässlich, aber irgendwann wird es aufhören.« Alles, was es auf der Welt gibt, ist endlich. Die Anzahl der Elementarteilchen der Atome im Universum – eine riesige Zahl, aber eine endliche. Wenn wir Menschen anfangen würden zu zählen, gelangten wir nicht an das Ende, weil die Zahlen viel zu groß sind, aber sie seien irgendwann zu Ende.

Nicht so die Primzahlen. Es sei zwar schwer bei den dreistelligen Zahlen real große Primzahlen zu finden, so der Professor. »Aber es gibt sie.« – Und so weisen sie in die Unendlichkeit. Ein Blick in die Ewigkeit.

Albrecht Beutelspacher ist Christ. Seit seiner frühen Jugend spielt er in seiner Kirchengemeinde Orgel – bis heute. Zwischen Musik und Mathematik sieht er sehr enge Beziehungen. Für ihn ist die Kirchenmusik ein Ausgleich zum Berufsalltag als Mathematiker, Quelle der Inspiration und des inneren Friedens.

Das Wissen um die Primzahlen sagt dem Wissenschaftler: Es gibt diese andere Welt. »Das ist kein Beweis für Gott.« Dennoch, wer genau nachdenkt, wisse, es gibt etwas anderes, Bereiche, die grundsätzlich für uns Menschen unzugänglich sind. »In Glücksmomenten können wir sie wie in einem Lichtstrahl erkennen und in diese Welt hineinsehen. Aber eben nur für Momente.«

Ist es mit solchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen leichter an Gott zu glauben?

»Das weiß ich nicht genau«, antwortet der Mathematiker. Aber: Je mehr man wisse, wie alles funktioniert, wie eine Pflanze wächst, wie die Planeten kreisen, desto mehr komme man in den Zustand des Staunens. Zwar ist das naive Staunen auch schön. Aber wer genauer hinschaue, wie das geht, könne mathematisch oder biologisch beschreiben, dass eine Sonnenblume von innen nach außen wächst. Die Einsicht, wie das Leben, das Wachsen und Werden funktioniert, macht das Staunen viel, viel größer.

Sabine Kuschel

Die Bibel – einfach erzählt

18. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, der eine Gemeindepfarrer, der andere Professor: Hans-Jörg und Roland Rosenstock. Gemeinsam haben Sie ein Buch geschrieben, eine Anleitung zum Lesen der Bibel. Das Gespräch mit den Brüdern führte Sabine Kuschel

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, was war für Sie der Anlass, gemeinsam ein Buch zu schreiben?
Hans-Jörg Rosenstock:
Wenn ich als Pfarrer von einem Gemeindemitglied nach einer Einführung in die Bibel gefragt wurde, geriet ich in Verlegenheit. Die Bücher, die ich dazu kenne, sind fachtheologisch oder zu umfangreich geschrieben. Ich hatte darum schon länger die Idee zu einem leicht verständlichen kleinen Buch.

Roland Rosenstock: Ich gebe seit einigen Jahren Kurse für Lehrerinnen und Lehrer, die an evangelischen Schulen tätig sind. Dabei treffe ich auf viele, die den christlichen Glauben nicht mehr kennen. Für sie habe ich Module entwickelt, zu denen die Kerntexte der Bibel gehören. Aus dieser Erfahrung in der Weiterbildung sind die Texte erwachsen, die in unserem Buch von meiner Seite eingeflossen sind.

Was sind Ihre Lieblingsgeschichten in der Bibel?
Hans-Jörg: I
ch liebe das Buch Hiob sehr. Das ist ganz große Literatur. Ein Theaterstück von tiefer Weisheit und Auseinandersetzung mit dem Leben. Deswegen war mir auch wichtig, dass wir dem Buch Hiob ein ganzes Kapitel widmen.

Roland: Das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament gehört zu meinen Lieblingstexten in der doppelten existenziellen Form, der Liebe zwischen Mann und Frau und der zwischen Gott und Mensch. Ich finde es schade, dass über das Hohe Lied der Liebe so wenig gepredigt wird. Die große Spannweite der alttestamentlichen Texte wird in den Gottesdiensten heute kaum noch berücksichtigt. Dabei haben die Geschichten des Alten Testaments eine große narrative Kraft. Darum legen wir einen Schwerpunkt auf das Alte Testament.

Es ist schwer, die Bibel wie ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen …
Hans-Jörg:
Auf jeden Fall. Ich habe dafür ein ganzes Jahr gebraucht und bin manchmal verzweifelt. Die Bibel ist kein Buch, das von vorne nach hinten geschrieben wurde, sondern eine Textsammlung entstanden über tausend Jahre. Es sind sehr wertvolle Texte, die Menschen für ihr Leben viel bedeutet haben, ihnen heilig gewesen sind, und darum weitergegeben wurden. Diese Texte wurden für die Bibel nach Formen geordnet. Da sind die Geschichtsbücher, die Psalmen, die Weisheiten, die Prophetenbücher, die Evangelien, die Briefe. Es ist wichtig, diese Formen zu verstehen.

Roland: Die Texte, die in Kinderbibeln vorkommen oder im Kindergottesdienst erzählt werden, stehen häufig so nicht in der Bibel. Das ist ein Problem, denn wer dann anfängt, die Bibel zu lesen, sieht auch die anderen Texte, in denen uns beispielsweise Gewalt begegnet. Gott wird als jemand dargestellt, der zerstören, der zornig sein kann. Es geht auch um ein spezifisches Mann-Frau-Verhältnis. Auf diese Texte bereiten wir in der christlichen Erziehung zu wenig vor.

Eine Herausforderung für Leserinnen und Leser ist es auch, zu verstehen, dass viele biblische Schriften ursprünglich mündlich erzählt wurden. Sie wurden zunächst nicht schriftlich verfasst, sie wurden dann erst aufgeschrieben als die Gefahr bestand, dass sie verloren gehen. Deshalb haben wir Übersetzungen ausgewählt, die diesen erzählenden Charakter betonen, wie die von Walter Jens. Wir müssen den Menschen wieder diese erzählende Sprache nahebringen.

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen und so sprechen auch biblische Texte unterschiedlich in die Situation hinein. Bestimmte Texte werden in einer bestimmten Zeit besser verstanden als zu anderen Zeiten.
Hans-Jörg:
Wir leben in einer Zeit, die von Unsicherheiten und von großen sozialen Gegensätzen geprägt ist, sodass im Moment die prophetischen Texte und die Hoffnungstexte stärker zu den Menschen sprechen. Da ist das große Thema »soziale Gerechtigkeit« in der Bibel, von der wir gerade in Deutschland noch eine Menge lernen können.

Computerspiele und Spielfilme sind von apokalyptischen Motiven durchdrungen; es war eine spannende Herausforderung für uns, auf die Apokalypse in unserem Buch näher einzugehen.

Roland: Nehmen Sie die Aussage: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen« aus Psalm 18. Heute würde dieser Vers keinen Konfirmanden ansprechen, vor der Wende war das anders. Damals war das sozusagen ein sehr aktueller prophetischer Text. Viele Menschen bei uns in Ostdeutschland haben den Eindruck, Religion hat eine Relevanz für ihr Leben, sie wissen nur noch nicht genau welche. Diese Menschen möchten wir hineinnehmen in die Wirklichkeit der Bibel, ohne sie zu überfordern.

Es ist eine Kunst, biblische Geschichten leicht verständlich rüberzubringen. Ihrem Buch gelingt das. Es ist in einer einfachen Sprache geschrieben.
Roland:
Wir verzichten komplett auf Fremdwörter. Daher könnte der Eindruck entstehen, es bliebe weit hinter der Komplexität heutiger Exegese zurück. Aber hinter unserem Buch steht ein konkreter wissenschaftlicher Ansatz, den wir im kommentierten Buchregister erklären. Ich glaube, wir brauchen ein Gefühl dafür, wie Menschen ihre eigene Religiosität entwickeln können. Ich vergleiche das immer mit der Musik. Wenn ich selber kein Instrument spiele, kenne ich mich in dieser Welt nicht aus. Aber wenn mich jemand behutsam heranführt, mich mit in ein Konzert nimmt, mir einiges erklärt, dann komme ich in eine Wirklichkeit hinein, die mich existenziell betrifft und mir etwas eröffnet, was es vorher für mich nicht gab. So ist es auch mit dem Glauben. Dafür ist das Buch ein Erstzugang. Dann braucht es Menschen, die weiter mit den Betreffenden biblische Texte lesen. Dabei ist nicht die Anzahl der Texte oder die intellektuelle Durchdringung das Entscheidende, sondern die Frage, ob eine Geschichte für mein Leben eine Bedeutung hat, sich mein Leben in diesen Geschichten deutet.

Hans-Jörg: Wir wollten das Buch in einer einfachen und klaren Sprache schreiben. Um das zu erreichen haben wir in einem ganz eigenen Arbeitsschritt die Texte sprachlich überarbeitet. Es gab Korrekturleserinnen aus unterschiedlichen Bildungsgruppen. Ihre Vorschläge haben wir gerne aufgenommen.

Wie kommt es, dass Sie beide Theologie studiert haben?
Hans-Jörg:
Der frühe Tod unserer Mutter spielte bestimmt eine wichtige Rolle. Unser Vater, der von Beruf Schriftsetzermeister war, vermittelte uns einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurchträgt. In den Familien unserer Eltern gab es übrigens keine Theologen, wir sind die ersten, die einen akademischen Abschluss erwerben konnten.

Roland: Die evangelische Jugendarbeit hat uns beide lange geprägt. Hier gab es den Freiraum, selbst etwas auszuprobieren und wir trafen auf Menschen, die ihren christlichen Glauben überzeugend gelebt haben. Hier haben wir auch das erste Mal gelernt, biblische Geschichte lebendig zu erzählen.

Rosenstock, Jörg/Rosenstock, Roland: Wie lese ich die Bibel? Neugier genügt, Luther-Verlag, 136 S., ISBN 978-3-7858-0639-5, 10,90 Euro

Kunst im Schützengraben

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914«

Eine Ausstellung beleuchtet die Rolle der Stadt der Dichter vor und während des Ersten Weltkrieges. Ein Rundgang.

Was hat die geistige Elite in Weimar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Wie in allen unmittelbar beteiligten Ländern auch engagierten sich die Intellektuellen in der Residenzstadt und ihrer Umgebung für die Begründung und die vermeintlich gerechte Sache des Krieges. Dies veranschaulicht die kulturhistorische Ausstellung »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914« im Neuen Museum Weimar. Eröffnet wurde die Präsentation am 1. August anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Die Schau beleuchtet einen bislang wenig beachteten Teil Weimarer Geschichte: die Rolle Weimars im Prozess der intellektuellen Aufrüstung, die sich im Zuge der Nationalisierung im wilhelminischen Kaiserreich vollzog. Wie Kuratorin Gerda Wendermann erläutert, hatte sich die Stadt nach dem Tode Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Symbolort der deutschen Kultur entwickelt. Das sogenannte klassische Erbe sei überhöht, die Stadt und Umgebung als gemütvolles »Herz Deutschlands« mythisiert worden.

Im Foyer des Museum sind acht Porträts ausgewählter Persönlichkeiten aus Weimar und Jena zu sehen, die für den Zeitgeist der damaligen Epoche stehen: Großherzog Wilhelm Ernst, Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, der Agitator Adolf Bartels, der Naturforscher Ernst Haeckel, der Philosoph Rudolf Eucken, der Verleger Eugen Diederichs, der Weltbürger Harry Graf Kessler und die Frauenrechtlerin Selma von Lengenfeld. Sie werden als Modernisierer, Bewahrer, Nationalisten, Pazifisten und Neuidealisten charakterisiert.

Am Beispiel dieser acht Protagonisten werde gezeigt, wie sich in Weimar am Vorabend des Krieges die kulturellen Gegensätze und weltanschaulichen Diskurse verdichteten, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar.

Der Rundgang beginnt mit dem Moment der Mobilmachung. Eine Videoinstallation zeigt den Heeresgottesdienst zur Verabschiedung des Bataillons am 7. August 1914 im Innenhof des Weimarer Schlosses. Die Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte verdeutlichen zahlreiche Zeugnisse der Zeit: Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien, architektonische und plastische Arbeiten, literarische Propaganda, öffentliche Aufrufe und Feldpostsendungen.

Während es im ersten Teil der Schau um die strategische Ausrichtung der Residenzstadt als nationaler Erinnerungsort geht, sind Kriegseuphorie und die schreckliche Realität der Schlachten aus dem Blickwinkel beteiligter Künstler weitere Themen. Zu Beginn zogen viele in den Krieg, der die deutsche Kultur verteidigen sollte. Zu sehen sind Zeichnungen und Gemälde, die den Krieg heroisieren. Schließlich verfolgt die Präsentation den Wandel in der Kunst von der Überhöhung des Krieges hin zu einer eindeutigen Anklage, wie sie beispielsweise in den Bildern von Gert Wollheim zum Ausdruck kommt. Während Wollheim an der Front kämpfte, entstanden Zeichnungen und Skizzen, die er in eine Mappe einklebte. Im Spätsommer 1917 wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Auf der Grundlage seiner im Feld entstandenen Zeichnungen begann der Künstler 1918 mit großformatigen Antikriegsbildern. Eines der Hauptwerke dieser Zeit heißt »Im Schützengraben«. Es zeigt zwei Soldaten, die gekrümmt im Schützengraben sitzen. Das Trauma seines eigenen Bauchschusses verarbeitet Wollheim in mehreren Arbeiten. In dem Gemälde »Der Verurteilte« verdichtet er das Motiv eines hingerichteten Menschen, indem er den Verurteilten auf einer Schädelstätte zeigt.
Ein Kapitel widmet sich dem 400. Jahrestag der Reformation 1917, zu dem deutschlandweit Feste geplant waren, die aber kriegsbedingt teilweise ausfallen mussten. Wie die Schau dokumentiert, dienten Jubiläumsfeierlichkeiten auch als Mittel gegen die im Kriegsverlauf zunehmende Demoralisierung der Bevölkerung.

Bereits während des Krieges begannen die Überlegungen für einen zentralen Ort zum Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges. Eine breite Debatte entstand aber erst 1924, zehn Jahre nach Kriegsbeginn, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert die Deutschen dazu aufgerufen hatte, den im Krieg Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Abschließend wirft die Ausstellung einen Blick auf die Revolution im November 1918, die Abdankung des Adels und die weitere Entwicklung nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Krieg der Geister« ist bis 9. November mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.klassik-stiftung.de/2014

Einander ähnlich und doch verschieden

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Vorgestellt: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, ihre Biografien ähneln sich, die persönliche Entwicklung verläuft parallel – und doch unterscheiden sie sich.

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, die Zwillinge sind 1966 in Bielefeld geboren. An ihre Mutter haben sie keine Erinnerung. Sie stirbt, als die Jungen drei Jahre alt sind. »Der frühe Tod unserer Mutter hat eine zentrale Bedeutung für uns«, sagt Roland. Durch diese Erfahrung werden die Kinder früh mit den existenziellen Fragen nach dem Tod und wie es danach weitergeht konfrontiert. Sie wachsen mit diesen Themen auf.

Der Vater, der von Beruf Schrift­setzermeister war, vermittelte seinen Söhnen einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurch trägt. Dieser Glaube habe ihn sehr berührt, schildert Hans-Jörg. Als Geschäftsmann »war der Vater es gewohnt, im Leben zu bestehen«. Daneben gab es für ihn die andere Dimension, die des Glaubens. Wann immer es ihm möglich war, ist er zum Gottesdienst gegangen. Es sei zu spüren gewesen, dass ihm Glaube und Kirche viel bedeuten. Durch den frühen Tod seiner Frau habe sein Leben einen Bruch erlitten, »mit dem er aber dann gelebt hat«. Er habe nicht gefragt, warum Gott das zulässt. »Er hat an seinem Glauben festgehalten. Das hat mich tief beeindruckt.«

»Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit«

»Wir waren in einer Situation, dass wir als Kinder viel bearbeiten mussten«, ergänzt Roland im Blick auf den frühen Verlust der Mutter. »Wir waren beide keine guten Schüler.« Sie lernen auf der Realschule, an Gymnasium ist nicht zu denken. »Wenn Sie mit unserer damaligen Englisch- oder Französischlehrerin sprechen würden, sie hielten es für ausgeschlossen, dass wir mal Griechisch, Latein und Hebräisch lernen.«

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, Engagement in kirchlichen Kinder- und Jugendgruppen. Glauben. Es gibt nicht den Moment, an dem er beginnt, er entwickelt sich bei beiden in einem längeren Prozess. »Es war von Anfang an eine Auseinandersetzung mit den schwierigen Erfahrungen«, resümiert Roland. Im Leben des Vaters ist alles anders gekommen als gedacht, durch den frühen Tod seiner Frau ändern sich dessen Pläne. Doch die Kinder nehmen auch wahr, wie ihr Vater diesen Bruch akzeptiert, sie erleben, dass es möglich ist, diese schwierigen Erfahrungen zu bewältigen. »Ich glaube, dass Religion genau diese Kompetenz vermittelt«, sagt Roland. Das Erlebnis von Gemeinschaft sei in der Auseinandersetzung für sie sehr wichtig gewesen.

Roland Rosenstock. Foto: privat

Roland Rosenstock. Foto: privat

Ihr Vater legte Wert darauf, dass die Zwillinge immer gleich angezogen waren. Solange sie klein sind, verlaufen ihre Wege parallel. In der Pubertät ändert sich das. Nachdem die Jungen aufs Gymnasium gewechselt sind, wird der Drang, sich vom anderen zu unterscheiden, der Wunsch, den eigenen Weg zu gehen, stark. »Das ist dann in der Oberstufe auch geschehen.«

Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit. Sie hilft den Heranwachsenden, mit den schwierigen Erfahrungen fertigzuwerden, ihre eigene Persönlichkeit zu finden, Stärke zu entwickeln. Die Begegnung mit glaubwürdigen Christen, unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer gemeinsam mit anderen Menschen zu beten und zu singen – das sind für die Jugendlichen unvergessliche Eindrücke. Ihre schulischen Leistungen verbessern sich. Dass die Brüder einen solchen Entwicklungssprung machen konnten, führen sie auf die kirchliche Jugendarbeit zurück. »Sie hat uns geholfen, zu uns zu finden, weil sie uns etwas zugetraut hat. Sie hat uns auch zugetraut, Fehler zu machen.«

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Roland ist der erste, der in Bethel mit dem Theologiestudium beginnt. Hans-Jörg will nach dem Zivildienst die Jugendarbeit zu seinem Beruf machen. Doch beim Einstellungsgespräch für die Diakonenausbildung werden die Weichen anders gestellt. Ihm wird geraten, Theologie zu studieren, weil aus der Unterhaltung zu schließen sei, dass der richtige Beruf für ihn Pfarrer sei. Hans-Jörg befolgt diesen Rat und sagt heute: »Ein wunderbarer Beruf, in dem ich sehr glücklich bin.«

Sie studieren beide Theologie, aber jeder geht seinen eigenen Weg, es gibt während der Studienzeit kaum Berührungspunkte.

An eine Karriere als Theologieprofessor habe er nicht gedacht, sagt Roland. »Ich wollte nicht Professor, also kein Wissenschaftler werden.« Stattdessen kann er sich vorstellen, als Krankenhausseelsorger zu arbeiten, weil ihn die Verbindung zwischen Psychologie und Theologie sehr interessiert. »Professor zu werden, das war nicht im Plan. Das ist erst viel, viel später gekommen – durch Professoren, die mich gefördert haben.«

Während Hans-Jörg sich am wohlsten in den heimatlichen Gefilden fühlt, zieht es Roland ins osteuropäische Ausland: Slowakei, Russland, Ostdeutschland. »Das hat mich mehr interessiert als Amerika oder Frankreich.« Ein Studentenaustausch führt ihn nach Greifswald. Hier erlebt er das Ende der DDR, die Wende bis zur Währungsunion. An diesem Punkt, so Roland, unterscheiden sich die Biografien der Zwillinge wesentlich. Die Erfahrungen als Theologiestudent in Greifswald sind für Roland ausschlaggebend, schließlich hier zu bleiben.

Hans-Jörg ist Gemeindepfarrer in Gütersloh. Roland ist Theologieprofessor. Beide sind verheiratet, Hans-Jörg hat zwei Kinder im Alter von 10 und 16 Jahren, Roland drei im Alter zwischen 11 und 15. Als Theologen haben sie unterschiedliche Schwerpunkte. Roland interessiert sich mehr für das Neue Testament, Hans-Jörg ist dem Alten Testament sehr zugetan. Versöhnung und Vergebung seien für ihn zentrale Gedanken, so Roland. Sein Bruder orientiert sich an der prophetischen Tradition, ihn beschäftigen Themen wie Gerechtigkeit, Kinder-und Jugendarmut. Nachdem sich die Zwillingsbrüder in den zurückliegenden Jahren – beruflich und familiär bedingt – nur selten begegneten, haben sie jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben, einen Leitfaden zum Lesen der Bibel.

Sabine Kuschel

Dazu lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe ein Interview mit den Zwillingsbrüdern.

Gerechtigkeit und Fürsorge

22. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Christliche Werte verhindern Gewalt – Interview mit dem Kriminologen Dieter Hermann

Ob jemand zuschlägt oder nicht, das hängt davon ab, von welchen Werten sich ein Mensch leiten lässt. Dieter Hermann, Professor für Kriminologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, erforscht, wie Werte menschliches Tun beeinflussen. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Hermann, Sie erforschen, wie Werte das Handeln von Menschen beeinflussen. Sie sind dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass Werte auch kriminelles Verhalten beeinflussen?
Hermann:
Theoretisch beeinflussen Werte alle Verhaltensweisen, und somit auch kriminelles Handeln. Allerdings gab es in den letzten 30 Jahren kaum Studien zum Einfluss von Werten auf kriminelles Verhalten. Das Thema ist in Vergessenheit geraten. Ich habe es lediglich neu entdeckt. Man kann mit Werten kriminelles Verhalten sehr gut prognostizieren und sehr gut erklären.

Dann müsste man umgekehrt schließen, dass Werte Gewaltbereitschaft auch zurückdrängen können. Aber so einfach ist es doch nicht?
Hermann:
Nein, Werte sind relativ stabile Merkmale. Sie sind etwas ganz Individuelles und Persönliches, sie machen die Persönlichkeit aus. Werte lassen sich nicht ohne Weiteres beeinflussen. Von daher ist es schwierig, sie zu verändern, hier einzugreifen. Aber sie sind veränderbar, beeinflussbar.

Wie können wir unsere Gesellschaft zum Guten verändern?
Hermann:
Das geht mit Präventionsmaßnahmen. Generell ist es so, dass Werte einen Einfluss auf Gewaltbereitschaft haben, jedoch nicht alle Wertorientierungen, sondern nur bestimmte Werte. Wertorientierungen, die Gewalt verhindern, bezeichne ich als idealistisch nomozentrierte Werte. Idealistisch meint: Hilfsbereitschaft, die Bereitschaft anderen, sozial Schwachen zu helfen. Nomozentriert meint, dass die Orientierung an Normen und Gesetzen wichtig ist. Diese Kombination von Hilfsbereitschaft und der Lebensphilosophie, soziale Normen einzuhalten, charakterisiert idealistisch nomozentrierte Werte. Personen, die diese Werte haben, sind weniger gewaltbereit. Diese Werte sind abhängig von religiösen Werten. Diese werden in erster Linie in der Familie vermittelt, aber auch von der Kirche.

Zur Prävention von Gewalt müsste in der Gesellschaft ein Klima entstehen, das solche idealistisch nomozentrierten Werte als wichtig betrachtet. Gleichzeitig haben Kirchen eine Verantwortung, christliche Werte zu vermitteln. Wenn sie christliche Werte vermitteln, verstärken diese auch die Wichtigkeit idealistisch-nomozentrierter Werte.

Dieter Hermann: »Die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte.« Foto: privat

Dieter Hermann: »Die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte.« Foto: privat

Neben diesen beiden Ansatzpunkten für Prävention gibt es noch einen dritten Aspekt. Die idealistisch-nomozentrierten Werte haben einen Einfluss auf Medienpräferenzen – bei allen Menschen und insbesondere bei Kindern. Personen mit dieser Wertorientierung lehnen gewaltorientierte Medieninhalte stärker ab als andere. Die Präferenz und der Konsum von Gewaltmedien wirken sich auf das Verhalten aus. Man könnte also in einem weiteren Schritt versuchen, schon bei Kindern diese Präferenz für mediale Gewalt zu unterbinden.

Es müsste bereits an Grundschulen ein Unterrichtsfach wie zum Beispiel Medienpädagogik zur Vermittlung von Medienkompetenz eingerichtet werden. Und wenn man das mit der Vermittlung von Werten kombiniert, wäre dies ein vorzügliches Präventionsinstrument.

Eine interessante Überlegung. Die Medien werden seit Langem gerügt, weil sie der Gewalt viel Raum geben. Allerdings orientieren sie sich an der Marktlage. Und es gibt offensichtlich ein großes Interesse an diesen Themen. Ihr Ansatz würde ein komplettes Umdenken bewirken?
Hermann:
Ja, wobei dieses Umdenken beim Konsumenten ansetzen müsste, nicht bei den Medienproduzenten. Es wäre wichtig, den Reiz von medialen Gewaltinhalten zu reduzieren und Medieninhalte besser zu reflektieren, sodass gewaltorientierte Medienfiguren nicht unbedingt als Vorbild gelten. Dies würde auch die Marktlage verändern, sodass sich langfristig das Medienangebot verändern würde.

Wie erklären Sie sich das große Interesse der Konsumenten an diesen Themen?
Hermann:
Es könnte eine anthropologische Konstante sein: Gewalt hat etwas Faszinierendes.

Bei der Vermittlung von Werten hat das Elternhaus eine große Bedeutung?
Hermann:
Ja. Werte entstehen in erster Linie in Sozialisationsprozessen. Eltern sind der primäre Faktor für die Vermittlung von Werten. An zweiter Stelle kommen die Freunde. Wenn die Kinder dann älter sind, kommen auch Institutionen als Vermittler von Werten dazu: Kirche, Schule, Gesellschaft und Arbeitgeber.

Eine Verantwortung für die Kirche, viel wert auf Werte zu legen. Tut sie es in ausreichendem Maße?
Hermann:
Es gelingt den Kirchen oft nicht, ihre Werte nach außen zu tragen. Die Kirchen sind multinationale Unternehmen und haben ein breites Spektrum an Handlungsfeldern. Ich habe den Eindruck, sie sind in der Gefahr, das Zentrum aus den Augen zu verlieren und wichtige Dinge als zweitrangig einzustufen. Ich war lange Zeit in einem Kirchengemeinderat tätig. Dort ist mir aufgefallen, dass Fragen über die Farben von Fliesen oder Gottesdienstzeiten wichtiger waren als die Inhalte.

Natürlich sind Personalfragen und Fragen nach der Organisation und Optimierung, nach Marketingkonzepten wichtig. Aber wenn dabei das Zentrum der Religion in die zweite Reihe rückt, ist das ein Problem.

Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?
Hermann:
Christlich-religiöse Werte sind für mich persönlich besonders wichtig sowie Gerechtigkeit und Fürsorge. Ich denke, die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte. Und diese Mischung ist wahrscheinlich auch notwendig. Gerechtigkeit ohne Fürsorge, ohne Nächstenliebe, ist kalt und herzlos. Und Nächstenliebe ohne Gerechtigkeit ist wahrscheinlich auch nicht optimal.

Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

19. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

»Ich habe Gottes große Gnade erfahren«

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Gerhard Günther hat wochenlang im Koma gelegen – Durch Leid ist sein Glauben tiefer und größer geworden

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.« Gerhard Günther kennt diese nüchterne wie kluge Maxime, er stimmt ihr zu. Daran gehalten hat er sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit er ins Berufsleben eingetreten ist, erinnert er sich, habe er immer extrem viel gearbeitet. 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Schule wird er Kraftfahrzeugmechaniker, »in der DDR ein Traumberuf, mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, wirtschaftlichen Wohlstand zu erzielen«. Wie er sagt, verdiente er, der gelernte Kfz-Mechaniker, mehr als sein Freund, ein Diplom-Ingenieur. Nach der Wende führt ihn sein Weg in die Politik. Von 1994 bis 2001 ist er im Stadtrat der Stadt Königsee, dann im Kreisrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt, seit 2004 Mitglied im Thüringer Landtag. »Alles Jobs, bei denen ein Zwölf-Stunden-Tag normal ist und die Arbeitswoche sieben Tage hat.« Es sei ihm finanziell gut gegangen, besser als vielen anderen, sagt er. Aber dieses Leben hat seinen Preis: Es kostet ihn Zeit, wertvolle Lebenszeit. Und wenn er das so sagt, meint er damit, dass man mit der Zeit, diesem »unendlich hohen Gut« auch schlecht umgehen kann. Statt zu viel zu arbeiten, sollte die Familie Priorität haben, so seine Einsicht heute. »Wir haben in früheren Jahren zu wenig miteinander geredet.

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Ich habe gelernt, alle Konflikte sind lösbar, wenn man miteinander spricht«, sagt Günther. Diese simple Erkenntnis ist das Ergebnis eines langen Leidensweges. 2009 wird eine schwere Lungenerkrankung bei ihm festgestellt und ihm eine Lebenserwartung von eineinhalb Jahren prognostiziert. Eine glückliche Fügung will es, dass er an einen Lungenspezialisten in Hannover gerät, der ihm Hoffnung macht. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, sagt ihm der Arzt, aber dank eines neu entwickelten Medikamentes könne der Status quo erhalten werden. Eine Hoffnungsbotschaft. Günther nimmt an Tests teil, alles sieht gut aus. Leistungssport kann er freilich nicht treiben, aber doch eingeschränkt am Leben teilhaben. Bis sich Ende 2011 sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er macht sich auf den Weg nach Hannover in die Klinik. Er steigt ins Auto und fährt selbst – es geht ihm schlecht, er wird schwächer. »Das klingt dramatisch«, sagt er. Mit letzter Kraft sei er in die Notaufnahme gefahren. Kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder. Seine letzte bewusste Wahrnehmung. Er wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die ihn am Leben hält. Seiner Familie erklären die Ärzte, dass nur eine Lungentransplantation sein Leben retten könne.

Glücklicherweise wird nach etwa zehn Tagen ein Spenderorgan gefunden. Neun Stunden dauert die Operation. Doch als sie abgeschlossen ist, wacht Günther nicht auf. Er liegt im Koma, mehrere Wochen. Er habe immer gespürt, dass die Familie, seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin, bei ihm ist.

Gerhard Günther schildert unter Tränen, was damals geschah. »Ich war am Eingang zu einer anderen Welt. Dorthin, glaube ich, wollte ich. Doch dann kam dieser Ruf.« Er hört die eindringliche Bitte seiner Partnerin: »Lass mich nicht allein, ich brauche dich jetzt!« Er erinnert sich an »dieses Gefühl der Nähe und Wärme, an diesen Ruf«. Er ist sich sicher: Jesus hat auf mein Leben geschaut und gesagt: Mit dir kann ich noch etwas anfangen. Du kriegst eine Aufgabe. Du gehst zurück ins Leben.

Mit diesen Gedanken wird er wach. Bis auf die Augen kann er sich überhaupt nicht bewegen. Er kann mit der neuen Lunge wieder atmen, aber nicht mehr sprechen. Seine Stimmbänder sind gelähmt. Als ihm der Arzt sagt, dass er nie wieder wird sprechen können, glaubt er das nicht. Wie der blinde Bartimäus in der Bibel glaubt, dass Jesus an ihm ein Wunder bewirken kann, so vertraut Günther auf Gott. Er ist überzeugt, wenn Jesus ihn mit einer Aufgabe ins Leben zurückschickt, wird er wieder sprechen können. So geschieht es.

Er übt mit Hanteln, trainiert seine Muskeln. Tag für Tag. Er lernt es, einen Finger zu bewegen, dann die ganze Hand. Eines Tages kann er sitzen, das Handy halten. Stehen – der erste Schritt. Alles muss er neu lernen. Gehen, essen. In kleinen Schritten erobert sein Körper das Leben zurück. Ein halbes Jahr später kann er nach Hause. Er nimmt seine Arbeit im Landtag wieder auf, knüpft Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, weil er dafür werben will, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen.

»Ich bin der glücklichste Mensch«, sagt er. »Ich habe Gottes große Gnade erfahren, gesehen, wie mächtig Gott ist.« Ihm seien seither zwei Jahre irdischen Leben geschenkt worden.

Seit Herbst 2013 geht es ihm gesundheitlich wieder schlecht. Die Abstoßungsreaktionen seines Körpers auf das transplantierte Organ machen ihm zu schaffen. Im September wird er aus dem Landtag ausscheiden. Aber er ist dankbar für jeden Tag, für alles, was er erlebt.

»Wenn mein Leben morgen zu Ende ist, gehe ich in Frieden, denn ich weiß, dort, wohin ich gehe, wird es schön sein.«

Sabine Kuschel

Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

Fromm heißt, tauglich fürs Leben sein

10. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview mit Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Kloster Petersberg

Den Alltag unterbrechen, innehalten, die Antenne zu Gott ausfahren. Wie wichtig und heilsam das sein kann, darüber sprach Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Klosterberg Petersberg, mit Sabine Kuschel

Bruder Johannes, wie sieht Ihr Tag hier im Kloster aus?
Bruder Johannes:
Das »Gerüst« bilden die drei Gebetszeiten. Wir laden ein zu Einkehrzeiten am Wochenende, Exerzitien, Bete-und-arbeite-Wochen, zu Gottesdiensten. Dazukommen Führungen in der Stiftskirche. Der Petersberg ist auch ein Kulturort, der von Schulklassen, Gemeindegruppen und Touristen besucht wird, die wir führen.

Bruder Johannes. Foto: privat

Bruder Johannes. Foto: privat

Ich stehe zwischen sechs und halb sieben Uhr auf. Dann habe ich eineinhalb Stunden Zeit für Frühstück, persönliche Stille, Bibellese und wenn nötig nach der Heizung zu schauen. Acht Uhr ist das gemeinsame Gebet – eine halbe Stunde. Anschließend Tagesbesprechung mit den Schwestern und Brüdern. Die Zwischenzeiten sind sehr unterschiedlich gestaltet, je nachdem ob wir Gäste haben oder nicht. Wenn nicht, erledige ich Post, E-Mails und bereite mich auf die Predigt oder biblische Impulse vor. Zwischendurch möchte ich auch mal etwas Praktisches machen: Holzhacken oder mit der Kettensäge arbeiten.
Mittagspause darf auch sein.

An den Abenden haben wir relativ viel Zeit für uns, zum Lesen, zum Spazierengehen, für Begegnungen oder auch zum Vorbereiten. An einem Abend in der Woche treffen wir Brüder uns zum Gespräch, zum Austausch und Erzählen. Alle zwei Monate haben wir einen stillen Tag, an dem wir schweigen.

Was halten Sie davon, ständig und überall erreichbar zu sein?
Bruder Johannes:
Es ist eine missliche Sache, immer erreichbar zu sein. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich auch gerne meinen Brüdern melden, wenn der Zug Verspätung hat und sie mich später abholen müssen.

Aber: Ständig erreichbar zu sein ist für Menschen eine Belastung. Wir können uns dadurch überfordern.

Das Kloster bietet die Möglichkeit, Gewohnheiten zu unterbrechen, aus dem Alltag auszusteigen …
Bruder Johannes:
Ja, die Menschen, die zu uns kommen, wollen bewusst aus ihrem
normalen Arbeitsrhythmus aussteigen. Es tut ihnen gut, dass sie sich hier einfügen können, nicht müssen, in einen Tagesrhythmus, der durch drei Gebetszeiten geprägt ist.

Wie können die Menschen diese ruhigere Gangart nach dem Klosterbesuch in ihrem Alltag fortsetzen?
Bruder Johannes:
Ich finde es wichtig, dass der Tag nicht zu vollgepackt ist, dass wir uns einen Tagesrhythmus schaffen, der auch Freiräume bietet. Hier im Kloster haben wir dafür besondere Bedingungen. Bis morgens acht Uhr die Glocke läutet, haben wir Zeit, die Bibel zu lesen, zu beten und uns in den Tag einzustimmen. Das ist so im Alltag nicht für alle möglich. Aber wir machen immer wieder die Erfahrung: Wenn Menschen einige Tage mit uns gelebt haben, sagen sie: »Ach ja, solch ein Rhythmus täte mir gut.« Nun ist es ihre Aufgabe, das, was möglich ist, zu übernehmen, auf ihre Verhältnisse umzugestalten.

Kein leichtes Unterfangen!?
Bruder Johannes:
Eine ganz wichtige Frage ist: Will ich mir denn überhaupt Zeiten der Stille nehmen, in denen ich keine Ablenkung habe? Denn wenn ich mir Zeit für mich nehme, dann kommen die unerledigten Aufgaben, Spannungen und Konflikte, die sonst beiseitegeschoben werden, die ich aber eigentlich lösen müsste. Es kommen die normalen Sorgen um die Kinder und die Gesundheit, um den Arbeitsplatz.

Wir müssen lernen, uns die Angst vor dem Alleinsein und vor der Stille einzugestehen und sie auszuhalten. Entscheidend dabei: Alles, was mir zu schaffen macht, kann ich im Gebet an Gott abgeben, ich darf es loslassen. Damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Aber es hilft mir, das Alleinsein, die Einsamkeit, die Stille auch als eine Chance zu sehen. Ich brauche stille Zeiten, um mir immer wieder bestimmte Fragen stellen zu können. Zum Beispiel: Wo stehe ich heute? Was will ich mir in der nächsten Zeit vornehmen? Dieses Innehalten ist wichtig, damit ich mich nicht nur vom Alltagsgeschehen bestimmen lasse. In einem Vortrag habe ich ein Zitat des katholischen Theologen Johann Baptist Metz gehört. Er sagt: »Religion definiere ich mit Unterbrechung.« Das finde ich hochinteressant. Das heißt, Religion ist, wenn ich mich nicht nur vom linearen, vom alltäglichen Geschehen bestimmen lasse, sondern wenn ich innehalte und meine Antenne nach oben ausfahre. Wenn ich mich frage, was gibt es noch außer Beruf, Familie und Freizeit?

Theologisches Wissen ist erst ein Gewinn, wenn es das Lebensgefühl bestimmt. Wie vermitteln Sie den Menschen, die zur Unterbrechung ihres Alltags ins Kloster kommen, Ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Ihren Glauben?
Bruder Johannes:
Ich denke, in unserer Gästearbeit sind persönliche Gespräche ein wichtiges Element. Wir Christen brauchen immer wieder einen Ort, wo wir schwach sein dürfen, über Zweifel reden können.

Kann ich sagen: Ich weiß mich angenommen, ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren?

Wenn sich Vertrauen bildet, dann können die Menschen sich auch in ihrer Schwäche zeigen, darüber sprechen, dass sie teilweise ungesund leben, unter Konflikten und Minderwertigkeitsgefühlen leiden und zur Selbstannahme finden wollen.

Wir bieten den Menschen persönliche Segnung mit Handauflegung an. Wir sprechen ihnen den Segen Gottes zu. Sie können auch sagen, wofür sie sich diesen besonders wünschen.

Und nach einer solchen Pause können die Menschen sich wieder ihren Aufgaben widmen und sich ins Leben schicken?
Bruder Johannes:
Das ist mir die wichtigste Aufgabe hier auf dem Petersberg. Dass sich die Menschen wieder neu dem Leben stellen können, in das, was kommt. Das ist der ursprüngliche Sinn von Frömmigkeit: tauglich fürs Leben sein. Fromm sein heißt, tauglich fürs Leben. Das kann ich im Grunde nur aus der Gottesbeziehung heraus. Und – nun mache ich einen großen Sprung – wenn ich gelassen leben, mich nicht nur von der Arbeit bestimmen lassen will, muss ich den ganzen Lebensbogen sehen, der von heute bis in die Ewigkeit hinein gespannt ist, der in die neue Welt Gottes führt. Ich habe nicht nur diese Lebenszeit, es gibt die neue Welt Gottes. Ich muss hier nicht alles perfekt fertig kriegen. Ich kann in der neuen Welt Gottes ankommen auch mit dem, was hier in diesem Leben nur bruchstückhaft war. Ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren.

Freilich: Den Glauben an die Auferstehung habe ich nicht in der Hand. Den muss ich immer wieder ergreifen. Aber es gibt Hilfen, die Jesusgeschichten, wie Menschen durch ihn verändert worden sind, damals und heute. Und das Geheimnis der Schöpfung kann mir helfen, an die Auferstehung zu glauben.

Glauben macht innerlich reich

18. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Interview mit Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

In der Adventszeit begleitet uns das Thema Armut. Im Gespräch mit Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, geht es um die Frage, inwieweit Armut und Wohlstand Voraussetzungen zum Glück sind. Mit der Politikerin sprach Sabine Kuschel.

Christine Lieberknecht

Christine Lieberknecht

Frau Ministerpräsidentin, werfen wir zuerst einen Blick in die Vergangenheit, als Pfarrer in der DDR in bescheidenen Verhältnissen lebten. Sie sind in einem Pfarrhaus aufgewachsen und waren dann selbst Pfarrerin. Wie war das damals?
Lieberknecht:
Ich bin in materiell durchaus bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Wir waren vier Kinder. Vater Alleinverdiener. Aber das Materielle hat für uns überhaupt keine Rolle gespielt, weil wir zu Hause musiziert haben, wir haben gebastelt, wir haben Weihnachtsgeschichten und biblische Geschichten gelesen und sie gespielt. Wir hatten Kinderreichtum, wir waren vier Geschwister. Und wo im Dorf Kinder sind, kommen andere dazu. Wir hatten nicht viel, aber das Leben war schön und reich und wir waren glücklich. Wir hatten einen großen inneren Reichtum.

Und die schönsten Geschenke waren die selbst gebastelten?
Lieberknecht:
Es war bei uns verpönt, Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Sie wurden prinzipiell selbst gebastelt. Natürlich gab es auch mal ein großes Geschenk. Mein erstes Fahrrad musste natürlich gekauft werden. Aber im Großen und Ganzen bestand die Adventszeit darin, dass wir alles selber machten, Geschichten erzählten und spielten. Dadurch sind wir, glaube ich, sehr kreativ und zupackend geworden alle miteinander.
Ein kleines bisschen privilegiert waren wir auch. In den 80er Jahren, als ich und mein Mann Pfarrer waren, gab es die Partnerschaften mit Kirchengemeinden im Westen. Die waren sehr eng und wurden gepflegt und dadurch bekamen wir auch Westpakete. Das war schön.

Was ist für Sie die schönste Weihnachtstradition?
Lieberknecht:
Mir gefällt, wie unsere Tochter mit ihrer Familie Weihnachten feiert. Am Heiligabend stehen die Familie, das Miteinander und die Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt. Sie stellen einen ganz hohen Baum auf. Am Heiligen Abend machen sie nichts anderes, als sich über den Baum zu freuen. Die Eltern tanzen mit ihren drei kleinen Mädchen um den Baum herum, sie essen festlich, singen Lieder, machen Spiele. Die sind so glücklich. Die Geschenke gibt es dann erst am ersten Feiertag. Meine Tochter hat mit ihrer Familie das aufgenommen, was wir unseren Kindern haben vorleben wollen. Obwohl uns dies nie so gut gelungen ist wie unserer Tochter jetzt. Sie hat für das, was sie bei uns erlebt hat, die vollendete Form gefunden.

Es gibt in unserem reichen Land auch Armut. Wie kann die Schere zwischen Arm und Reich, von der gesagt wird, dass sie weiter auseinandergeht, geschlossen werden?
Lieberknecht:
Dass sie weiter auseinandergeht, wird immer wieder behauptet. Die Zahlen sagen allerdings, dass sich diese Schere zumindest bei den Einkommen in den letzten Jahren ein bisschen geschlossen hat. Noch nicht weit genug, wie ich ausdrücklich hinzufüge. Der Schlüssel, um die Unterschiede zu überwinden, ist Bildung. Aber das Wichtigste ist, dass wir miteinander das Leben teilen.

Vieles, wovon die Leute heute meinen, es sei ihnen ein Bedürfnis, kannten wir gar nicht. Wir hatten dafür Eltern, die sehr viel Zeit für ihre Kinder hatten. Das ist heute zu oft nicht mehr so. Also dass Kinder ohne Schulbrot von zu Hause weggehen, ist nicht in erster Linie eine materielle Frage, es ist eine Kulturfrage. Überhaupt etwas selber zu machen, das stärkt das Selbstbewusstsein. Wenn Menschen Fantasie haben, kreativ sind, können sie auch mit sehr wenig Geld auskommen. Wo jedoch eine innere Leere ist, kann man noch so viel Geld geben, es wird die Menschen nicht glücklich machen.

Also Wohlstand ist keine Voraussetzung für ein zufriedenes, glückliches Leben?
Lieberknecht:
Natürlich: Wer ausreichend Geld hat, hat viele Sorgen nicht, die Menschen haben, denen es an Geld mangelt. Diese Sorgen will ich gar nicht schönreden. Doch Geld macht nicht automatisch glücklich und ein schmales Budget nicht automatisch unglücklich. Es gibt Menschen mit großen Sorgen, die wenig haben und arm sind. Es gibt aber auch glückliche Menschen, die sehr bescheiden leben. Es gibt Menschen, die haben viel Geld und sind auch glücklich. Aber auch andere, die haben viel Geld und Riesensorgen. Das heißt, der Schlüssel zum Glück sind nicht die materiellen Dinge. Entscheidend ist der innere Reichtum. Der kommt für mich wirklich aus dem christlichen Glauben.

Die Leidtragenden sind die Kinder

10. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Christliche Kinder- & Jugendwerk »Die Arche« hilft Kindern, die unter materieller und emotionaler Armut leiden

In der Adventszeit soll uns das Thema Armut begleiten. Im zweiten Beitrag geht es um Kinderarmut. Nach Angaben des Christlichen Kinder- & Jugendwerkes »Die Arche« sind in Deutschland etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche von materieller und emotionaler Armut betroffen.

In dem großen Gemeinschaftsraum im Obergeschoss der Scheibestraße in Leipzig sitzen Kinder in Zweier- oder Dreiergruppen. Sie malen und spielen Schach. In einem benachbarten Raum haben sie Ruhe, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auf einem Tisch stehen belegte Brote, geschnittenes Obst und Saft bereit, damit die Kinder, die nach der Schule in die Einrichtung der Arche kommen, etwas essen und trinken können. Für viele sei dies die erste Mahlzeit am Tag, sagt Sozialarbeiterin Adrienn Szivos. Dass Kinder ohne Frühstück und ohne Pausenbrot von zu Hause weggehen, sei keine Seltenheit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arche werden fast jeden Tag mit diesem Problem konfrontiert. An mittlerweile 15 Standorten in Deutschland will das 1995 von Pastor Bernd Siggelkow gegründete Hilfswerk der Armut von Kindern begegnen. In ihren Einrichtungen bietet die Arche den Kindern kostenlos eine Mahlzeit, hilft bei den Hausaufgaben, lädt zu Sport, Spiel und anderen Freizeitbeschäftigungen ein. Dazu gehen die Leipziger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in Schulen.

Daniel Zinser. Foto: privat

Daniel Zinser. Foto: privat

Kleidung muss kein Indiz für Reichtum oder Armut sein. Wenn jedoch Kinder seit zwei Wochen dieselbe Hose tragen, die Kleidung schmutzig ist und Löcher aufweist, sei das oft ein Indiz für Armut. Verhaltensauffälligkeiten, blasse Gesichter, schlechte Zähne seien weitere Anzeichen, so Daniel Zinser, Leiter der Einrichtung in Leipzig, die im März ihre Arbeit aufgenommen hat.

Wer wenig Geld zur Verfügung hat, muss gut haushalten und auf dies und jenes verzichten. Dass das Geld in manchen Familien knapp ist, mag ein Problem sein. Ein weiteres ist, dass oft die falschen Prioritäten gesetzt würden. Er beobachte, so Zinser, dass in manchen Elternhäusern außer dem modernen Flachbildfernseher zusätzlich drei weitere Geräte stehen, die teilweise auch eingeschaltet sind und Strom verbrauchen. Die Kinder jedoch bekommen kein Frühstück, weil das Geld nicht für Essen reicht – ein Widerspruch, den Arche-Mitarbeiter oft wahrnehmen. Ebenso erlebe er, dass sich Hartz-IV-Empfänger einen Sky-Fernsehanschluss leisten, der Gebühren kostet.

Die Leidtragenden, wenn es im Elternhaus nicht rund läuft, sind die Kinder. Zum »täglichen Brot« der Arche-Mitarbeiter gehört neben der materiellen Armut noch eine andere Form von Armut, die vielleicht noch schlimmer ist: die emotionale. Betroffen sind Kinder und Jugendliche, deren Eltern – sie müssen nicht zwangsläufig unter Geldnot leiden – keine Zeit für ihren Nachwuchs haben. Die Eltern sitzen den ganzen Tag vor dem Computer oder haben Alkoholprobleme, die Kinder verbringen ihre Zeit auf der Straße. Sie von hier wegzuholen und ihnen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anzubieten, ist eines der Ziele der Arche.

Zinser erlebt oft zu Herzen gehende Einzelschicksale. Eine traurige Geschichte erzählt er von einem der Feriencamps, zu denen die Arche zweimal im Jahr einlädt. Bei einer dieser Freizeiten lautete das Motto »Lebensträume«. Die Kinder sollten aufschreiben, wonach sie sich sehnen, wovon sie träumen. Ein Junge, Förderschüler, habe auf dem Papier herumgekritzelt, ohne dass das Geschriebene zu entziffern war. Gefragt, was sein Text zu bedeuten habe, antwortete er: »Tot«. Er wünschte sich, tot zu sein, wusste jedoch nicht, wie das Wort geschrieben wird.

Ein anderer Junge sei durch seinen übertriebenen Hang zu Statussymbolen aufgefallen, erinnert sich Zinser. Er prahlte immer, er habe zu Hause einen neuen Computer sowie zwei neue Handys. Mit seiner Angeberei vor Gleichaltrigen habe er sich selbst ins Abseits manövriert. Einmal habe er berichtet, er sei in den Ferien gemeinsam mit seinem Vater verreist gewesen. Wie sich herausstellte, entsprach nichts von dem, was der Junge erzählte, der Wahrheit. Er litt darunter, dass der Vater keine Zeit für ihn hatte, und flüchtete aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt.

Mittlerweile habe er sich sehr verändert. Er ist jetzt 16 Jahre alt, kommt regelmäßig in die Arche und möchte sich hier gern ehrenamtlich engagieren. »Es war schön zu beobachten, wie er immer seltener diese übertriebenen Geschichten erzählte«, so Zinser. In der Arche habe er gespürt, dass er so angenommen wird wie er ist.
Sabine Kuschel

nächste Seite »