Die Erde in der Hand eines Verbrechers?

15. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Hiob, der unschuldig Leidende

Die Erde ist in die Hand eines Verbrechers gegeben. Er verhüllt das Angesicht ihrer Richter. Wenn nicht er, wer ist’s dann?« (Hiob 9,24) So hatte noch keiner von Gott geredet. Aus der leidenschaftlichen Klage Hiobs, des unschuldig Leidenden, wird eine an Schärfe nicht zu überbietende Anklage Gottes. Wenn nicht er selber der »rascha«, der Frevler, der Verbrecher ist, wer sollte es sonst sein? Schon die Rabbinen haben darüber gestritten, ob Hiob das über Gott oder den Satan gesagt habe.

Wie auch immer die Antwort ausfällt, an den Leiderfahrungen Hiobs ändert sie nichts. Selbst wenn’s über den Satan gesagt wäre, wogegen der Textzusammenhang spricht, bleibt immer noch die Frage, warum der Gott Israels dem Satan freie Hand ließ, Hiob in solch ein Meer der Leiden zu stürzen. Begegnete ihm Gott in der Larve des Satans? Wer also, wenn nicht er? Bei dieser Frage stockt einem der Atem. Ist das nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Darf Hiob, was selbst nach unserem Recht unter Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe verboten ist (§ 166 StGB)? Rechtfertigt erfahrenes Leid jede Form der Gotteslästerung? Darf der Mensch so von Gott reden? Der unschuldig leidende Mensch, Hiob, darf das! Denn am Ende des Buches stellt Gott Hiobs Freunden, den Verteidigern Gottes, gegenüber fest: »Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (Hiob 42,7). Was war falsch am Reden der Freunde über Gott und was richtig am Reden Hiobs?

Die Freunde Hiobs waren gefangen in der »reinen Lehre«. Sie hatten sich ihr Bild gemacht von Gott und vom Menschen. Und das war unumstößlich: »Ja, nicht aus dem Staub geht Unheil hervor und aus dem Acker sprießt kein Übel« (Hiob 5,6). Vielmehr ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Sein Leiden muss eine Ursache haben. Und die kann nur in einer offensichtlichen oder auch verborgenen Schuld gegen Gott bestehen. Daher werden die beamteten Tröster nicht müde darin, Hiob zu mahnen, er möge sein Gewissen erforschen und Gott seine Schuld bekennen, zu ihm umkehren, damit sein Leben wieder in Ordnung käme. Doch wie kann er, wenn selbst Gott dem Satan gegenüber feststellt, dass sein Knecht Hiob in jeder Weise »fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend« sei (Hiob 1,8)? Hiobs Freunde wollten davon nichts wissen. So wurden aus neunmalklugen Seelsorgern Quälgeister, die den Leidenden regelrecht kanibalisierten (Hiob 19,20-22). Uns jedoch steht es nicht zu, über ihnen den Stab zu brechen. Denn ein Verdienst bleibt den Freunden: Mit ihrem Insistieren auf dem Dogma trieben sie Hiob von sich weg und dem lebendigen Gott in die Arme.
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Aber was war nun richtig am klagenden, anklagenden Reden Hiobs? »Die einfachste, normalste Reaktion wäre, den Atheismus zu erkennen. Auch die gesündeste Reaktion für alle diejenigen, denen ein etwas einfältiger Gott bisher Preise verteilte, Sanktionen auferlegte oder Fehler verzieh und in seiner Güte die Menschen wie ewige Kinder behandelte« (Emanuel Levinas). Aber dieser einfältige Gott, das ist nicht der Gott Hiobs. Und daher kommt die normale Reaktion, Atheismus, die Absage an Gott, für ihn nicht in Frage. Das »Große an Hiob ist, dass die Leidenschaft der Freiheit bei ihm nicht erstickt und nicht zur Ruhe gebracht wird« (Sören Kierkegaard). Dieser Hiob sagt sich nicht von Gott los, sondern ist so frei, mit ihm leidenschaftlich in Klage und Anklage die Grenzstreitigkeiten des Glaubens auszufechten. Da ist einer, der nicht vor den Bildern Gottes kniet, die sich der Mensch von ihm macht, sondern vor dem lebendigen, unergründlichen Gott selbst. Da ist einer, der hält gegen Gott an Gott fest!

Und warum schließlich hat Gott den in jeder Weise untadeligen Hiob in die Hand des Satans fallen lassen? Wozu die Qualen, der Verlust des Besitzes, der Kinder, der Gesundheit? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur eines, dass sich Gott nicht von seinem Knecht Hiob distanziert. Von Anfang an setzte er nicht auf die These des Satans, dass sich Hiob im Leiden von ihm lossagen, ihn verfluchen würde. Wenn ich eine Antwort auf die Frage wüsste, dann eigentlich nur die, dass der Gott Israels und der Kirche es Hiob, dem leidenden Menschen, zutraut, stärker zu sein als der Satan. Aber Vorsicht vor den Antworten! Vielleicht ist das ja auch schon wieder mein Bild von Gott und vom Menschen, vor dem ich knie.

Rüdiger Lux

Literaturempfehlung:
Rüdiger, Lux: Hiob. Im Räderwerk des Bösen, Biblische Gestalten Bd. 25, Evangelische Verlagsanstalt, 320 S., ISBN 978-3-37402-878-8, 18,80 Euro

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
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Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Vom Guten im Bösen, vom Unglück im Glück

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Josefsgeschichte – ein Edelstein der biblischen Erzählkunst

Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josefsgeschichte eine moderne Erzählung und Josef war ein moderner Mensch. Was aber hat diesen Edelstein der biblischen Erzählkunst zu einer modernen Geschichte gemacht? Dies, dass sie sich durch eine »revolutionäre Weltlichkeit« auszeichnet (Gerhard von Rad). Dem Leser der Meisternovelle in 1. Mose 37-50 wird ein junger Mann vor Augen gestellt, der auf den ersten Blick ganz in der Welt aufgeht: Josef, der Träumer, das Lieblingskind, die Petze, der verhasste Todeskandidat, der nach Ägypten verkaufte Haussklave, der Glückspilz, der erfolgreiche Hausverwalter, der Standhafte und Verleumdete, der Häftling, der weise Traumdeuter, Vizepharao, Retter in der Not und große Versorger, der harte Prüfer und Versöhner … Nichts Menschlich-Allzumenschliches ist ihm fremd. Alles riecht nach Welt. Wie ein autonomes Geschehen läuft die Kette der Ereignisse vor den Blicken des Publikums ab, etsi deus non daretur – »als ob es Gott nicht gäbe« (Dietrich Bonhoeffer).

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Vor uns steht ein junger Mann mit einer mehrfach gebrochenen Karriere. Das macht ihn interessant. Glatte Karrieren sind etwas für Langweiler! Und dass die Josefsnovelle ihr Publikum in mehr als 2 000 Jahren Literaturgeschichte gelangweilt hätte, das kann wahrlich niemand behaupten. Dieses Kapitel der Weltliteratur, immer neu und immer anders erzählt, hat im kulturellen Gedächtnis des Judentums, der Christenheit und des Islams breite Spuren hinterlassen, bis hin zur monumentalen Roman-Tetralogie »Joseph und seine Brüder« von Thomas Mann.

Ja, auch die Religionen lieben das Weltliche und sind – trotz gelegentlicher apokalyptischer Neurosen – nicht auf Weltflucht programmiert. In diesem ständigen Auf und Ab einer Familiengeschichte fällt es schwer, so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. Da gibt es Glück im Unglück, aber auch Unglück im Glück, Gutes im Bösen, aber auch Böses im Guten. Vieles, was geschieht, trägt den Stempel der Kontingenz, des Zufälligen, Überraschenden. Und doch wird der Leser den Eindruck nicht los, dass hinter all diesen Irrungen und Wirrungen eine »unsichtbare Hand« steht, ein verborgener Sinn in einem Meer von scheinbaren Sinnlosigkeiten.

Doch dieser Sinn erschließt sich Josef und seinen Brüdern erst im Nachhinein, in den wenigen Augenblicken, in denen Göttliches im Weltlichen aufblitzt, der Gott Israels in der Geschichte seines Volkes, für das Jakob und seine Söhne stehen. Durch Vaterliebe und Bruderhass, Sklavenlos und Gefängnis, durch Niederlagen und Erfolge, den großen Hunger und kluge Landwirtschaftspolitik, durch Schuld und Versöhnung, durch dieses ganze unentwirrbare Geflecht menschlicher Leidenschaften und Schicksale, schimmert das verborgene Handeln Gottes hindurch, seine Vorsehung. Am Ende tröstet Josef seine Brüder mit den Worten: »Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt« (1. Mose 45,5). Da ist einer, der es gelernt hat, einen Sinn im scheinbar Sinnlosen zu entdecken, in all den Irrwegen und Umwegen, die er gehen musste, Gottes Wege mit ihm und seinen Brüdern zu erkennen und anzunehmen; einer, dem eine Ahnung davon aufgegangen ist, dass Gottes Wege Lebenswege sind, Wege, die nicht auf Vernichtung, sondern auf Rettung, nicht auf Vergeltung, sondern auf Versöhnung, nicht auf den Hungertod, sondern auf Brot und die Fülle des Lebens »für alle Welt« (1. Mose 41,56 f.) aus sind. Da ist einer, der am Ende seines ganz und gar weltlichen Lebens und des Lebens seiner Brüder Bilanz zieht: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20). Das nenne ich wirklich ein begnadetes Leben. Das Leben eines Menschen, der in dem Bösen, das ihm widerfuhr, die Güte Gottes fand.

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Lesetipp
Lux, Rüdiger: Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern, Evangelische Verlagsanstalt, 312 S., ISBN 978-3-374-01848-2, 16,80 Euro

Gotteswahn, Mord und Totschlag

8. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Kain und Abel – Die Spur des Blutes zieht sich durch Geschichte und Gegenwart


Warum wird Kains Opfer verworfen, das von Abel aber nicht? Hat nicht Gott selbst mit seiner Ungleichbehandlung der beiden Brüder die böse Tat provoziert? Sind Gotteswahn, Mord und Totschlag das hässliche Gesicht des Monotheismus?

Kain und Abel, das ist ein klarer Fall! Das Opfer ist bekannt. Der Täter kommt – wie so oft – aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld. Die Anklage lautet Brudermord. Das Urteil ist gesprochen.

Ist der Fall von Kain und Abel ein klarer Fall? Bei jedem Verbrechen bleibt die Frage: Warum? Warum wurde Kain zum Brudermörder? Weil Gott auf die Opfergaben Abels schaute, sie angenommen hat, die des Kain aber nicht? Zurücksetzung, Ungleichbehandlung schmerzen. Wenn schon nicht alle vor dem Gesetz gleich sind, dann – so unsere Hoffnung – doch wenigstens vor Gott. Sind sie das? Warum wird Kains Opfer verworfen, das von Abel aber nicht? Die Ausleger aller Zeiten sind mit kriminalistischem Scharfsinn dieser Frage nachgegangen: Weil Kains Opfergaben vom verfluchten Acker stammten (1. Mose 3,17-19)? Weil Kain im Unterschied zu Abel nicht uneigennützig allein »durch Glauben« opferte (Hebräer 11,4)? Weil der Brudermord das Resultat eines gnadenlosen Kultur- und Konkurrenzkampfes zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern war?

GuA-19-2016Der Erzähler selbst gibt auf die Frage nach dem Warum keine Antwort. Er stellt nur nüchtern fest: So ist es, so war es! Der Anlass zur blutigen Tat lag weder in der Kultur noch in der Ökonomie verborgen, sondern in der Religion, noch präziser: in Gott selbst! Und Gott ist dir, Mensch, keine Rechenschaft schuldig für das, was er tut oder lässt. Gott ist der Skandal in unserer Geschichte! Ist er das? Hat er denn nicht mit seiner Ungleichbehandlung der beiden Brüder die böse Tat provoziert? Ist die Religion ein Aggressionsbeschleuniger? Sind Gotteswahn, Mord und Totschlag das hässliche Gesicht des Monotheismus? Die Spur des Blutes, die sich infolge von Religionskonflikten durch Geschichte und Gegenwart zieht, kann nicht geleugnet werden. Eines können ihre Verursacher aber nicht, sich dabei auf die Geschichte von Kain und Abel berufen und ihren Gott dafür verantwortlich machen.

Denn Gott will das nicht! Ungleichbehandlung und Zurücksetzung sind kein Freibrief für Gewalt. Menschen müssen lernen, mit unaufhebbaren Ungleichheiten zu leben; müssen lernen, das Gelingen Anderer und das eigene Misslingen auszuhalten, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Annahme oder Verwerfung der Opfergaben, die Kain und Abel darbringen, ist ja nicht gleichbedeutend mit der Annahme oder der Verwerfung ihrer Personen. Denn wenn eines in der Erzählung von Kain und Abel deutlich wird, dann dies, dass sich Gott Kains, des Brudermörders, angenommen hat. Er warnt ihn: Die Sünde lauert vor deiner Tür, »du aber herrsche über sie!« Er fragt: »Wo ist Abel, dein Bruder?« Er lässt ihm seine freche Lüge – »Ich weiß es nicht.« – nicht durchgehen. Er deckt die böse Tat auf: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.« Die Wahrheit kommt ans Licht. Er spricht ihm das Urteil.

Aber er verflucht ihn nicht! Wörtlich übersetzt heißt es da: »Du bist verflucht vom Acker her«, durch das Blut, das zu mir schreit. Der Fluch, das ist die Konsequenz der bösen Tat, des Neids auf das gelingende Leben Anderer. Nicht durch Gott, sondern durch den Brudermord hat sich Kains ganze Lebenswirklichkeit in einen Fluch verwandelt. Der Acker, von dem er lebte, trägt und erträgt ihn nicht mehr. Er hat ihn mit dem Blut des Bruders vergiftet. Und daher muss der unstete und flüchtige Mörder fürchten, jetzt selbst zum Opfer von Rache und Gewalt zu werden.

Was aber macht Gott? Er unterbricht den Kreislauf der Rache, die Spirale der Gewalt. »Der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.« Gott wandelt das Kainsmal des Brudermörders in ein Schutz- und Gnadenzeichen. Kein Mensch hat das Recht, zum Mörder des Mörders zu werden. Kain steht unter Gottes Täterschutz! Und wer schützt Abel, das heißt verdolmetscht häbäl – »Hauch«? Wer schützt den, der sein Leben viel zu früh ausgehaucht hat? Du, Mensch, »sollst deines Bruders Hüter sein!«

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.