Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Alle Wege führen nach Rom – doch wo ist der Lutherplatz?

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Er fand Rom widerlich. Luther hatte bei seinem Rombesuch an vieles gedacht, sicher nicht, dass nach ihm in der Ewigen Stadt einmal ein Platz benannt werden würde. Vermutlich hätte er sich das verbeten. Rom war für ihn »eine Bestie«. Jetzt ist es doch geschehen, im Herbst des vergangenen Jahres, 507 Jahre nach der Rom-Reise des Reformators! Die Anregung kam von der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der Stadtrat hat »Ja« gesagt. Für den Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom, Jens-Martin Kruse, »ein Ausdruck gelebter Ökumene«. Er hätte sich auch eine Treppe an der Augustinerkirche Santa Maria dell’popolo, wo Luther möglicherweise übernachtet hat, vorstellen können. Aber so sei es auch gut.

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Ich mache mich also auf die Suche. Kruse gibt mir noch den Tipp, Richtung Kolosseum, am Colle Oppio (dt. Opium-Hügel). Der Taxifahrer schaut mich ratlos an. Nach mehrmaliger Wiederholung schreibe ich ihm die Adresse auf: Piazza Martin Lutero. Auf der Straßenkarte ist der Ort nicht verzeichnet. Plötzlich hat er etwas gefunden, allerdings handelt es sich um eine Piazza Martin Lutero in Gubbio, oberhalb von Perugia. Rom: Fehlanzeige. Der freundliche Taxifahrer steigt aus und fragt seine ortskundigen Kollegen am Fuße des Petersplatzes. Achselzucken und Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz bitte ich ihn, mich Richtung Kolosseum zu fahren. Er lässt mich raus, an der Via Luigi Cremona, in Sichtweite des Kolosseums. Zu meiner Freude treffe ich gleich zwei hilfsbereite Polizisten, die gerade dabei sind, die Ausweise einer kleinen Menschenansammlung am Opium-Hügel zu kontrollieren. Piazza Martin Lutero geben sie in ihr Dienst-Smartphone ein und deuten auf die Spitze des Colle Oppio.

Ich bedanke mich und laufe schnellen Schrittes nach oben, denn es dämmert bereits. Die Kamera im Anschlag, um den Moment festzuhalten. Vorbei an der Via deli Orte di Mecenate, über die Via Carlo Saviotti. An einem Spielplatz erklären mir zwei junge Frauen gestenreich, dass der Platz nicht hier, sondern außerhalb des Parks am Osteingang zu finden sei. Wer Martin Luther war, wussten sie nicht. Sie nicken aber anerkennend, als ich ihnen erkläre, dass sich heute eine weltweite Kirche nach ihm benennt. Die Sonne geht unter und im Laternenschein erreiche ich den besagten Eingang. Von Luther keine Spur. Drei »mittelalterliche« Römer mit einem ausgewachsenen Golden Retriever kreuzen meinen Weg. Ja, Martin Lutero ist ihnen ein Begriff, aber von dem Platz im Colle-Oppio-Park haben sie noch nichts gehört. Ich wünschte mir, der Hund könnte eine Fährte aufnehmen. Ich bin kurz davor aufzugeben. Auf der Viale della Domus Aurea springen mich zwei Straßenköter an. Ich nehme die Beine in die Hand. Als sie von mir ablassen, bleibe ich stehen. Mein Blick geht nach oben. Ich traue meinen Augen kaum. Da stehe ich und kann nicht anders, ich bin ergriffen: »Piazza Martin Lutero« steht auf dem Schild und darunter »Teologo Tedesco della Riforma (1483–1546)«.

Etwa sieben Kilometer vom Petersdom entfernt versteckt sich der kleine Platz des großen Reformators. Außer dem Schild erinnert nichts an Martin Lutero. In der Mitte ein Springbrunnen: Ein Plätzchen zum Ausruhen und Luftholen in der hektischen Metropole. Vielleicht hätte dieser Ort mit Volksnähe dem Signor Lutero doch gefallen.

Willi Wild

Revolutionäre Botschaft

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Diözesanmuseum Paderborn präsentiert die Geschichte der Nächstenliebe

Im antiken Rom sorgte die selbstlose Hilfe für Arme und Kranke zunächst für Argwohn. Bis heute inspiriert die »Erfindung« der frühen Christen die Kunst. In einer ersten umfassenden Gesamtschau wird die Geschichte der Nächstenliebe spannend erzählt.

Das weiße Kleid ist am Boden versengt, der Blick der Frau ruht auf einem der beiden schwarzen Babys an ihrer Brust. In ihrer lebensgroßen Foto-Kunst inszeniert sich die New Yorker Künstlerin Vanessa Beecroft als weiße Madonna. Das angekohlte Kleid verweist auf die zahlreichen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Museumsdirektor Christoph Stiegemann zeigt das Werk, wie prägend die Botschaft der tätigen Nächstenliebe bis heute ist. Unter dem Titel »Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart« bietet das Diözesanmuseum in Paderborn einen Streifzug durch die Geschichte der Nächstenliebe und ihrer künstlerischen Darstellung.

Am Anfang der bis zum 13. Dezember laufenden Ausstellung steht der berühmte Brief des Apostels Paulus über das allumfassende Gebot der Liebe (1. Korinther 13,13). »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei«, heißt es in dem Schriftstück aus dem zweiten Jahrhundert, »aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Der Papyrus aus der Dubliner Chester Beatty Library sei wohl das spektakulärste Stück der Schau, erklärt Stiegemann. Er ist eines der frühesten Original-Dokumente der christlichen Nächstenliebe.

Mitleid galt im alten Rom als Schwäche

Die von Christen gelehrte Zuwendung zu armen und kranken Menschen sei in der Antike etwas revolutionär Neues gewesen, sagt Stiegemann. Bis dahin galt in der römischen und griechischen Welt der strahlende Held als Ideal, Mitleid war etwas für Schwächlinge. Für die Christen sind alle Menschen Kinder Gottes. Was man dem Geringsten tut, tut man gegenüber Gott, erklären sie. Dass sich das Christentum rasch weltweit ausbreitete, liegt nach Stiegemanns Überzeugung auch daran, dass das Christentum die Nächstenliebe praktisch umsetzte.

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Nach den Ursprüngen der Caritas – der lateinische Begriff für Nächstenliebe bei den frühen Christen – folgt die Schau den Spuren ihrer Institutionalisierung in den Herrschaftsgebieten mittelalterlicher Könige und Bischöfe. Beleuchtet werden die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Pest, Krieg und Hungersnöten. Suppenschüsseln für Armenspeisungen illustrieren die städtische oder frühstaatliche Fürsorge, die an die Stelle von Almosenverteilung rückte. Zu den Exponaten gehören daneben unter anderem antike Sarkophage oder mittelalterliche Buchmalerei und Schatzkunst.

Wie die Idee der Nächstenliebe die Kunst beflügelt hat, zeigen frühe Darstellungen des Gleichnisses des barmherzigen Samariters in Altarbildern aus dem 11. Jahrhundert und Darstellungen der Caritas bei Lucas Cranach dem Älteren, Eugène Delacroix sowie Max Liebermann bis hin zu Videoarbeiten von Bill Viola. Der italienische Maler Raffael porträtiert im Jahr 1507 die Caritas als eine ihre Kinder umsorgende Mutter. Die Darstellung der Kardinaltugenden in dem Altarbild gehört zu den seltenen Originalexponaten. Leihgeber der rund 200 Ausstellungsstücke sind unter anderem der Vatikan, der Pariser Louvre oder das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Schau soll aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählen. Dargestellt werden auch die Schattenseiten: Der Erste Weltkrieg etwa, in dem Franziskanerinnen aus Salzkotten das Leiden an der Front durch Lazarettdienste zu mildern versuchten. Oder die sogenannte Euthanasie, als die Nationalsozialisten behinderte und kranke Menschen zur Tötung aussonderten. Dadurch wurden auch Heil- und Pflegeanstalten zu Tötungsanstalten, erklärt Stiegemann. Besucher können Briefe von Nonnen lesen, die das Grauen dieser Erfahrungen ihrem Bischof schildern.

Eine Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger

Am Ende der Ausstellung verweisen Infotafeln auf tätige Nächstenliebe, wie sie heute von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden der Diakonie und der Caritas oder Organisationen wie Amnesty International oder der Welthungerhilfe geleistet werden.

Die Schau wolle nicht mit erhobenem Zeigefinger die richtige Moral verkünden, erklärt Stiegemann. Sie könne anregen, sensibel zu sein gegenüber Flüchtlingen, der Ausbeutung von Entwicklungsländern oder der steigenden Müllproduktion in der heutigen Wegwerfgesellschaft. »Wenn wir dazu motivieren, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht.«

Holger Spierig (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

www.caritas-ausstellung.de

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4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich das Kreuz aus der Menschheitsgeschichte nicht herausdrängen lässt

Aus globalem und welthistorischem Blickwinkel war es völlig unwichtig, was da an einem Freitag vor fast zweitausend Jahren auf dem Hügel Golgota in einem aufgelassenen Steinbruch vor der Stadt Jerusalem geschah. Nach verhältnismäßig kurzem Todeskampf starb dort am Verbrechergalgen ein Wanderrabbi namens Jeschua aus Nazareth, ein Prediger der Umkehr und Prophet einer gerechteren Welt wie viele damals. Außerhalb der galiläischen Landschaft um den See Gennesaret kannte ihn noch kaum jemand. Die Jerusalemer Führungsclique hatte er dennoch in Angst versetzt, als er ihr in seinen Predigten Heuchelei und dogmatischen Starrsinn vorwarf und als er die irdischen Machtzentren in Jerusalem, Cäsarea, Rom unbefangen relativierte; Gott allein sei der Herr über die Menschen.

Lebensbaum und Mitte des Kosmos

In einem Schauprozess vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum verurteilten ihn die Priester und Ältesten als religiösen Aufrührer und brachten den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, ihn kreuzigen zu lassen.

Warum hat man diesen einen Gekreuzigten nicht vergessen – und mit ihm das Kreuz, das nicht nur einen Höhepunkt grausamer Strafjustiz markiert, sondern zu den Ursymbolen der Menschheitskultur gehört?

Seit undenklichen Zeiten markiert es kosmische Ordnung, Mitte und Kraftzentrum allen Lebens. Zwei Linien schneiden sich, und schon hat der unendliche Raum einen Mittelpunkt, sind zwei Achsen da zwischen Morgen und Abend, Himmel und Erde, vier Himmelsrichtungen. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen bildet ein Kreuz, er greift nach der Welt, übt Macht aus, umarmt und segnet. Der aufrecht in der Welt stehende Mensch ähnelt einem Baum, und tatsächlich stellen altorientalische und mittelamerikanische Kulturen den Kosmos im Bild des Lebensbaumes dar. Die Christen werden das Kreuz als erlösenden Lebensbaum jenem Baum im Paradies gegenüberstellen, von dem das erste Menschenpaar die verbotene Frucht aß.

Anfangs sprachen die Christen freilich gar nicht so gern über das Heil bringende Holz des Kreuzes und über die maßlos erniedrigende Art des Todes, den ihr Erlöser auf Golgota gefunden hatte.

Im vierten Jahrhundert, als Konstantin die Sklavenreligion der Christen zum Reichskult machte und die Kirche die Auffindung des »wahren Kreuzes« durch die Kaiserinmutter Helena mit einem eigenen Fest zu feiern begann, schlug die Stimmung um. Plötzlich redete alle Welt vom Kreuz, die Christenfrauen verwendeten goldene Kreuze als Halsschmuck, man entschloss sich, den Kreuzestod des Mensch gewordenen Gottes nicht mehr als erniedrigendes Scheitern zu interpretieren, sondern als schönstes Zeichen der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen und als Wiederherstellung der verlorenen Menschenwürde. So war das zwar lange schon in den Schriften des Neuen Testaments zu lesen, aber erst jetzt setzte sich die neue Wertschätzung des Kreuzes auf breiter Front durch, an der Basis sozusagen. Paulus, der schriftkundige jüdische Theologe, war es, der den Fluch entschlossen zur Erlösung uminterpretierte. Das Verbrecherkreuz sah er als Signal der Versöhnung Gottes mit der Welt, als Symbol einer Kraft, die in der scheinbaren Ohnmacht und Schwäche wirkt und am Ende stärker ist als alle Gewalt irdischer Machthaber. Eine Umwertung aller Werte, die immer etwas von Mystik an sich hat.

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

In den Basiliken und Dorfkirchen hing Christus noch jahrhundertelang wie ein Monarch am Kreuz, in strahlende Prunkgewänder gehüllt, auf dem Kopf eine goldene Krone statt der Dornen. Erst im 13. Jahrhundert wurde aus dem triumphierenden Himmelskönig der geschundene Menschensohn. Sinnfälligstes Beispiel dieser neuen, realistischen Passionsfrömmigkeit: die Pietá, die Darstellung der Schmerzensmutter mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß.

Triumphierende Inschrift auf Goldgrund

Im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich die Passionskunst noch einmal: Der Schmerzensmann wird zum Stellvertreter. Der gequälte Messias bündelt in sich alles Leid, was Menschen einander antun. Lovis Corinth, Marc Chagall, Salvador Dalí, Alfred Hrdlicka, Francis Bacon malen Gekreuzigte, welche die Gewalttätigkeit der Welt schmerzhaft deutlich, ohne jede Vergeistigung, abbilden. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum viele Menschen heute die Darstellung des zu Tode gefolterten Christus ablehnen, bis hin zu Prozessen gegen Kreuze in Gerichtssälen und Schulzimmern. Sie argumentieren, der Tote am Kreuz traumatisiere die Kinder und verstoße gegen das religiöse Toleranzgebot.
Ein angenehmes, ästhetisches Logo wird das Kreuz jedenfalls niemals sein. Es streicht alle menschlichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben radikal durch, es verstört, es irritiert. Das blutige Kreuz auf Golgota ist das genaue Gegenteil einer weich gespülten Wellness-Religion, die keine Entscheidung fordert und keine Konsequenzen hat.

Nicht einmal hundert Meter von der Golgota-Kapelle entfernt soll sich in derselben Jerusalemer Kirche die Grabkammer befinden, in der Jesu Leichnam bestattet wurde und wo die Auferstehung stattgefunden hat. Non est hic, »er ist nicht hier«, meldet eine triumphierende Inschrift auf Goldgrund mit den Worten der Engel, die den Frauen am Ostermorgen am leeren Grab begegneten. Drei schlichte kleine Worte. Pilatus hatte nur das vorletzte Wort. Der Mensch, den er ans Kreuz nageln ließ, lebt. Bis heute.

Christian Feldmann

Himmel und Erde küssen sich

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Popkultur: Siegerin einer Gesangsshow ist eine sizilianische Nonne

Ob sich da für einen Moment Himmel und Erde berührt haben? Was sonst kann es gewesen sein, das die italienischen Zuschauerinnen und Zuschauer der jüngsten Staffel der Gesangsshow »Voice of Italy« im Juni bewogen hat, die sizilianische Nonne Cristina Scuccia zur Siegerin zu küren? Und zwar mit deutlichen 62 Prozent der Stimmen.

Es ist unzweifelhaft: Die 25-Jährige ist begabt – mit einer starken Stimme und tänzerischem Talent. Das und ihr christlicher Glaube führten sie zur Musicalschule des Ursulinerinnen-Ordens nach Rom. Aber reicht das als Erklärung? Auch bei »Voice of Italiy« treten schließlich eine ganze Reihe von Talenten auf.

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Darum hat bei der Entscheidung für Schwester Cristina vermutlich noch etwas anderes mitgespielt, das mehr gewesen sein dürfte als der Paul-Potts- oder Susan-Boyle-Effekt. Deren Auftritte hatten das Publikum einer britischen Castingshow vor wenigen Jahren millionenfach zu Tränen gerührt und aus zwei unbekannten Hobby-Sängern quasi über Nacht Weltstars gemacht.

Wenn jedoch eine Nonne in schwarzer Tracht mit Kruzifix um den Hals über die Bühne wirbelt und mit ebenso starker Stimme wie Ausstrahlung übrigens durchaus weltliche Popsongs zum Klingen bringt, dann hat das wohl doch noch eine andere Qualität: Schwester Cristina vereint zwei Welten – Showbusiness und Klosterleben, Popkultur und »Ora et Labora«, weltliche Eitelkeiten und christliche Demut.

Gerade das scheint das Publikum im Innersten berührt zu haben, ebenso wie die Jurymitglieder, auf deren Gesichtern sich ungläubiges Staunen breitmachte, als sie wie üblich die Sängerin erst nach dem Ende ihres ersten Auftritts zu sehen bekamen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht im wahren Leben. Eine Nonne als Showstar. Das kannte man nur aus Hollywood: aus dem Musical »Sister Act«, das von einer als Ordensschwester verkleideten eher zweitklassigen Barsängerin erzählt, von ihrem Unterschlupf im Kloster und von der Macht der Musik.

Aber diese Nonne, die da im italienischen Fernsehen zu sehen war, war nicht verkleidet. Sie war echt. Authentisch. Glaubwürdig. Nicht nur in ihrem Gesang, auch in ihrer Botschaft. Weil sie die Aufforderung ihres Papstes ernst genommen hat, die Kirche solle mitten hineingehen in die Welt. Mitten hinein in die Welt: So hat es Schwester Cristina sogar geschafft, während einer Fernsehsendung mit dem Publikum das »Vaterunser« zu beten und dieses Gebet in Millionen von Wohnstuben hineinzutragen. Das war für die junge Sizilianerin wahrscheinlich der größte Erfolg.

Die singende Nonne verkörpert offenbar etwas, das hinausweist über unser irdisches Leben. Sie und ihr Erfolg lassen ahnen, dass viele Menschen die Sehnsucht teilen, für Momente die Banalität ihres Alltags hinter sich zu lassen, an etwas Höherem teilzuhaben. Auch die, denen ein personaler Gott und traditionelle Formen christlichen Lebens fremd geworden sind.

Schwester Cristina hat diesen Menschen etwas geschenkt, sie hat in ihnen etwas zum Klingen gebracht, dem man nur wünschen kann, dass es bleibt: das Gespür dafür, wie es ist, wenn sich Himmel und Erde berühren.

Annemarie Heibrock

Dieses Konklave wird anders als die vorangegangenen

6. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Für die Wahl des Nachfolgers von Papst Benedikt XVI. werden die Kardinäle im März zum 75. Mal von der Außenwelt isoliert für das Konklave eingeschlossen. Seit dem Jahr 1295 müssen die Purpurträger sich in einen versiegelten Raum zurückziehen, um unter Ausschluss politischen Drucks von außen ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche zu ­bestimmen. Dennoch wird dieses Konklave sich in mehreren Punkten grundlegend von allen vorangegangenen unterscheiden.

Allein die Tatsache, dass der Wahl nicht der Tod des bisherigen Amtsinhabers vorangeht, sorgt für eine veränderte Konstellation. In der Trauerzeit wäre Kritik an der Amtsführung des Verstorbenen tabu gewesen, heute kann ein Nachfolger durchaus unter Berücksichtigung der Stärken und Schwächen von Papst Benedikt XVI. gewählt werden. Damit könnte es zu einer besonders ausgewogenen Entscheidung kommen. Der ­Wahl­prozess könnte sich durch offene Auseinandersetzungen jedoch auch in die Länge ziehen.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Joseph Ratzinger wurde 2005 ebenso wie sein Vorgänger Johannes Paul II. im vierten Wahlgang zum Papst gewählt. Er hatte bei der Trauerfeier für seinen Vorgänger die Gelegenheit, sich dem Kardinalskollegium mit einer beeindruckenden Predigt vorzustellen. Eine solche Gelegenheit fällt diesmal weg. Allerdings hatte der päpstliche »Kulturminister« Gianfranco Ravasi mit täglich drei Ansprachen an das Kardinalskollegium während der Fastenexerzitien im Vatikan eine Woche lang die Möglichkeit, sich den in Rom anwesenden Purpurträgern von herausragender Position vorzustellen.

Im Unterschied zum letzten Konklave gibt es bislang keine klare Favoritenliste. Benedikt empfahl dem Kardinalskollegium seinen Kulturminister zwar als möglichen Kandidaten, indem er ihn mit den diesjährigen Fastenexerzitien in der Kurie beauftragte. Darüber hinaus ist die Liste der Namen, die in Rom als mögliche Anwärter zirkulieren, jedoch lang.

Der Mailänder Erzbischof Angelo Scola gilt als konservativer Theologe, der zugleich den Dialog zu denen sucht, die der Kirche fern sind, ob im Dialog mit anderen Religionen oder mit Einladungen zum Gottesdienst, die an Straßenkreuzungen verteilt werden.

Der Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden, Peter Turkson, könnte die Hoffnungen auf den ersten Schwarzafrikaner auf dem Papstthron erfüllen. Der 64-Jährige hat Erfahrungen als Kurienmitglied im Vatikan und als ehemaliger Bischof von Cape Coast in seinem Heimatland Ghana. Der Kanadier Marc Ouellet hat als Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation Kontakt zu den Diözesen weltweit. Neben ­einer tiefen Kenntnis der Kurie blickt er aber auf eine Amtszeit als Bischof von Quebec und auf Erfahrungen als Missionar in Lateinamerika zurück. Südamerika spielt wegen der großen Zahl an Katholiken im Vergleich zu anderen Kontinenten bei den Überlegungen zum Konklave eine besondere Rolle.

Die Liste der »Papabili« lässt sich über den Argentinier Leonardo Sandri, den Philippiner Luis Antonio Tagle, den Ungarn Peter Erdö oder den Österreicher Christoph Schönborn und viele andere beliebig verlängern. Die Zeit vor dem eigentlichen Beginn des Konklaves werden die Kardinäle in Rom vom 1. März an nutzen, um Mehrheiten für einzelne Kandidaten auszuloten.

Bettina Gabbe

Ein Lutheraner in Rom

10. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Händel-Festspiele widmen sich dem Verhältnis des Komponisten zu den Konfessionen

An Luther kommt in diesem Jahr keines der Musikfestivals vorbei. Auch die Händel-Festspiele in Halle machen da keine Ausnahme und erweisen dem Reformator gegenwärtig die Ehre. »Händel und die Konfessionen« lautet das Motto des traditionsreichen Musikfestivals, das seit dem 31. Mai in Halle läuft und noch bis zum 10. Juni andauert. Passend zum Schwerpunktjahr »Reformation und Musik« innerhalb der Lutherdekade wollen die Festspiele dabei auf die ­unterschiedlichen Strömungen eingehen, denen Händel in seiner Zeit begegnete.

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

Für Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele, ist das Motto dabei eine logische Konsequenz. »Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die durchgehend in einem protestantisch geprägten Umfeld gearbeitet haben«, zähle Händel zu den wenigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, die für verschiedene Konfessionen tätig waren, unterstreicht der Direktor der Stiftung Händel-Haus. Er selbst stammte aus einem streng lutherischen Elternhaus, genoss eine Kantorenausbildung, spielte im calvinistischen Dom in Halle die Orgel und komponierte in seiner italienischen Zeit diverse Werke für die römisch-katholische Kirche. In England wandte sich der begnadete Komponist dann der Musiktradition der anglikanischen Kirche zu.

Deutlich wird seine Offenheit und religiöse Toleranz in dem thematischen Konzert unter dem Motto »Der ökumenische Musiker – ein Lutheraner in Rom«. Zwar habe es zu Händels Zeit keine Ökumene in unserem Sinne gegeben, räumt Erik Dremel, Dozent an der Theologischen Fakultät in Halle, in seinem Einführungsvortrag ein. Doch eine gelebte Ökumene, »eine Begegnung von Menschen verschiedener Konfessionen auf Augenhöhe«, gab es schon. Dafür steht in besonderer Weise seine Zeit in Italien. Händel hat in den Jahren 1707 bis 1710 kein Problem damit, katholische Kirchenmusik zu schreiben. Zu seinen Förderern gehören hier die Kardinäle Pamphilij, Ottoboni und Colonna. Beispielhaft erklingen am 2. Juni in ­einem Konzert im Händel-Haus drei geistliche Werke aus seiner Feder: »Laudate Puer Dominum«, das noch aus seiner Hamburger Zeit stammt, sowie das »Salve Regina«, eine marianische Antiphon, und die Kantate »Gloria«.

Der überzeugende Auftritt des Bozen Baroque-Orchesters unter der Leitung von Claudio Astronio mit der Sopranistin Gemma Bertagnoli ist ein Teil der Veranstaltungsreihe »Nach Luther«, die den Händel-Festspielen in diesem Jahr ihr besonderes Gepräge geben. Neben einem Konzert, das sich Händels Lehrer, dem wichtigen protestantischen Kirchenmusiker Friedrich Wilhelm Zachow, zuwendet, erklingt im Rahmen dieser Reihe auch Händels einzige deutschsprachige Passionsmusik, die »Brockes-Passion«. Insgesamt elf Aufführungen und eine Sonderausstellung widmen sich sowohl dem Schwerpunktthema »Händel und die Konfessionen« als auch dem Veranstaltungsreigen »Nach Luther«. Dabei werden eine Reihe von Kompositionen an authentischen ­Orten der Reformation zur Aufführung gebracht. So zählen Exkursionen nach Wittenberg und Eisleben und Konzerte im Lutherhaus oder der Andreaskirche zum Programm.

Für die Schirmherrin der diesjährigen Händel-Festspiele, die EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann, ist eine solche Schwerpunktsetzung folgerichtig. Händels Lebensweg sei stark von der Reformation geprägt ­gewesen. Zudem hätten in seinem Schaffen zentrale biblische Texte immer eine große Rolle gespielt, sagt sie zum Auftakt. Das kann Erik Dremel von der Theologischen Fakultät nur unterstreichen. Händel sei Zeit seines Lebens ein stolzer Lutheraner geblieben, der seine Bibel »selbst fleißig gelesen hat«. Um in Rom weiter Karriere zu machen, hätte Händel konvertieren müssen. Das habe er bewusst nicht getan, auch nicht in seiner langen Londoner Zeit, wo er wiederum Kirchenmusik für die anglikanische Kirche schrieb. »Seine lutherische Herkunft und seine Heimat«, ist Dremel überzeugt, »hat er nie verleugnet.«

Martin Hanusch

www.haendelfestspiele.halle.de

Lateinische Gebete und bayerische Blasmusik

27. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen.  Fotos: Harald Krille

Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen. Fotos: Harald Krille


Reportage: Rom – die »Ewige Stadt« ist Zentrum der katholischen Weltkirche und täglich Ziel tausender Pilger.

Im September besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates Deutschland. Im Vorfeld sammelten zwei Journalisten in ökumenischer Eintracht Eindrücke vom Leben im Zentrum der Weltkirche.

Auf der Via della Conciliazione geht am späten Nachmittag des Pfingstsonnabends gar nichts mehr. Trotz mehrerer Fahrspuren steht der Verkehr, unser Taxi mittendrin. Die prachtvolle »Straße der Versöhnung« führt direkt von Engelsburg und Tiberbrücke zum Petersplatz und Petersdom, dessen Kuppel sich am Ende der Blickachse majestätisch erhebt. 1937 ließ der faschistische Diktator Benito Mussolini die Schneise durch das dicht bebaute mittelalter­liche Handwerkerquartier, das Borgo, schlagen. Damit erfüllte er einen alten Wunsch der Päpste und bedankte sich zugleich für die 1929 unterzeichneten Lateranverträge. Mit ihnen wurde der Frieden zwischen dem Papst und dem jungen italienischen Nationalstaat besiegelt. Zugleich sind sie die Grundlage der bis heute weltweit anerkannten völkerrechtlichen Unabhängigkeit und Souveränität des Kirchenstaates.

Der Papst in allen Varianten
Links und rechts der Conciliazione reihen sich die Eingänge zu diversen exterritorialen Gebäuden des Vatikans. Das päpstliche Presseamt hat hier seinen Sitz, um die Ecke herum bei der Engelsburg sind die Redaktionsräume von Radio Vatikan. Wappenschilder markieren die Sitze diverser Botschaften, die praktisch alle Länder, auch muslimische, am Heiligen Stuhl unterhalten. Durchmischt wird das ganze von Hotels, Gaststätten und vor allem Souvenirläden. Die Bandbreite des Angebotes reicht von handwerklich und künstlerisch hochwertigen Kreuzen, Monstranzen und Leuchtern bis zur Plastikkrippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind in der Schneekugel.

Dazwischen der Papst in allen Varianten: auf Teppichen, als Anstecknadel, als Plastikpuppe. Und weil gerade der Vorgänger von Benedikt XVI., der polnischstämmige ­Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, ist auch dieser allgegenwärtig. Selbst beide zusammen sind zu haben – auf einem Frühstückstellerchen. Die Preise, so das Gefühl, steigen mit zunehmender Nähe zum Petersplatz …

Rom-Wallfahrt der Pferdezüchter
Doch uns steht der Sinn nicht nach Shopping, wir wollen zum Vatikan. Also aussteigen und zu Fuß weiter. Wir trauen unseren Ohren nicht: Aus Richtung Petersplatz erklingt gut bayerische Marsch- und Volksmusik. Ungläubiges Staunen: Pferdewagen mit Fässern Münchner Brauereien ­beladen, andere mit den Modellen bayerischer Kirchen, sind für das Verkehrschaos verantwortlich. Dazwischen Blaskapellen, Reiterformationen und Trachtengruppen. Schrill kreischt eine Schar asiatischer Touristinnen auf, als einer der Kutscher über ihren Köpfen wieder und wieder seine Peitsche knallen lässt. Der Zug quält sich rund um den Petersplatz durch die unübersehbare Menge von Schaulustigen. Dicht gefolgt von den dröhnenden Fahrzeugen der Stadtreinigung, die jeden Pferdeapfel sogleich wegkehren. 42 Pferde und sechs ­Gespanne, so erfahren wir später, gehören zur Rom-Wallfahrt des Bayerischen Pferdezuchtverbandes. Begleitet von fünf Musikgruppen aus Deutschland, Österreich und Italien.

Wir müssen zum Bronzetor am rechten Ende der Kolonnaden, dem Haupteingang zum päpstlichen Palast. Dort sind die bestellten Eintrittskarten für die Messe mit dem »Heiligen Vater« am Pfingstsonntag für uns hinterlegt. Zwar ist der Besuch von Gottesdiensten oder der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz kostenlos. Aber selbst für Sankt Peter, die größte Kirche der Welt, die immerhin bis zu 60000 Gläubigen Platz bietet, gibt die »Präfektur des päpstlichen Hauses« Billetts für die Teilnahme aus. Wie viele Pilger jährlich nach Rom kommen, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Zudem: Wer ist Pilger und wer »nur« normaler Tourist? Die Stadt Rom zählte im vergangenen Jahr 20 Millionen Übernachtungsgäste – mithin im Durchschnitt rund 55000 pro Tag. Tendenz steigend.

Militärisches Korps des Vatikans
Zwei Schweizer Gardisten in maßgeschneiderter Renaissanceuniform bewachen mit mächtiger Hellebarde das Bronzetor wie auch jeden anderen Eingang in den Vatikan. 110 Mann stark ist das einzige militärische Korps des Vatikans für die unmittelbare Sicherheit des Papstes und seiner Gebäude zuständig. Die Prunkgewänder dienen der Repräsentation – ansonsten tragen sie schlichte blaue Uniformen, sind in Nahkampf und Personenschutz trainiert, tragen Pfefferspray und moderne Schusswaffen bei sich. Sie werden den Papst auch bei seinem Deutschlandbesuch begleiten – dann aber in Zivil.

Daneben gibt es die Vatikanische Gendarmerie, die alle Polizeiaufgaben wahrnimmt. Großen Widerhall fand vor einiger Zeit die Meldung, dass der nur 0,44 Quadratkilometer große Kirchenstaat bezogen auf seine wenigen Hundert Bewohnern die höchste ­Kriminalitätsrate der Welt habe. In die Statistik fallen eben auch alle Taschendiebstähle auf dem täglich von Tausenden besuchten Petersplatz.

Offizielle Amtssprache ist übrigens Latein – doch darin werden nur die ­offiziellen Dokumente abgefasst. Verkehrsprache ist Italienisch. Immerhin aber soll es in einem Gebäude nicht weit von der Peterskirche den wohl weltweit einzigen Bankautomaten mit wahlweise lateinischer Menüführung geben … Und die weltweit meistfrequentierte Apotheke befindet sich hinter den Mauern des Kirchenstaates: Wer ein Rezept für ein in Italien sonst nicht oder nur wesentlich teurer erhältliches Medikament vorweisen kann, bekommt so Einlass in die sonst verschlossene Stadt und die päpstliche Apotheke.

»Sicher ist sicher«, sagen wir uns und frühstücken am Sonntag schon um sieben Uhr. 20 Minuten vor acht Uhr sind wir mit unseren Eintrittskarten auf dem Petersplatz, 9.30 Uhr soll die Messe beginnen. Es erwartet uns eine fünfreihige Warteschlange, die bereits das halbe Rund des wahrlich nicht kleinen Platzes füllt. Der Begriff Weltkirche wird greifbar: Afrikaner, Asiaten, Nord- und Südamerikaner, Ost und Westeuropäer gehören zur Warteschar. Unmittelbar vor und hinter uns sind deutsche Pilger. Die Stimmung ist gelöst – bis sich eine italienische Gruppe von der Seite untermischen will. »Nix da! Hinten, hinten, sonst Patschi, Patschi!«, droht ein frommer Germane lautstark.

Pilgergruppen aus aller Welt
Nach dem Gottesdienst, den Tausen­de per Videoleinwand auf dem Petersplatz verfolgen, ist die römische Luft schon wieder von Peitschenknall und »Dicke-Backen-Musik« erfüllt. Die Pferde-Pilger aus Bayern und ihre begleitenden Blaskapellen nehmen Aufstellung für das mittägliche Angelusgebet des Papstes, dass er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im obersten Stock des vatikanischen Palastes hält. Nach dem Gebet begrüßt er die größten Pilgergruppen in ihren Landessprachen. Während Brasilianer, Slowaken und US-Amerikaner zur Antwort jubeln und winken, intonieren die deutschen Kapellen das ökumenische »Großer Gott, wir loben dich«. »Danke für die schöne Musik aus meiner Heimat«, antwortet Benedikt, und: »Vergelt’s Gott!«


Von Harald Krille und Matthias Holluba

Harald Krille, Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, und Matthias Holluba, Chefredakteur vom »Tag des Herrn«, der katholischen Bistumszeitung für die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Dresden-Meißen, besuchten Pfingsten gemeinsam Rom und den Vatikan.

Buchtipp für weitere Hintergrundinfos zum Vatikan: Erbacher, Jürgen (Hg): Der Vatikan – Das Lexikon, St. Benno-Verlag, 474 S., ISBN 978-3-7462-2752-8, 9,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«

24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille


Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.

Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.

Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.

Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt ­landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die ­katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«

Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« ­Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.

1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.

Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die ­Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.

Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich ­einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.

Von Harald Krille und Matthias Holluba

Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org

Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.

Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161