Die »neuen Männer«

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Suche nach ihrem Rollenbild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen ist Fundraiser von Beruf. Tagsüber setzt er sich ­dafür ein, dass möglichst viele Menschen für eine entwicklungspolitische Initiative in Bielefeld spenden. Am Abend ist er Familienvater. Der 48-Jährige kümmert sich um seine zwei Kinder: Vor dem Schlafengehen wickelt er die zweijährige Tochter Nieke.

Die Kleine und der Sohn Noah, drei Jahre alt, machen viel Freude, aber auch Arbeit und Stress. »Und man ­bekommt viel Gefühl und Zuneigung zurück«, sagt der Diplom-Soziologe. Jantzen ist das, was viele einen »neuen Mann« nennen. Er arbeitet knapp 29 Stunden die Woche und teilt sich partnerschaftlich mit seiner Frau Barbara die Haus- und Familienarbeit.

Die 44-Jährige ist als wissenschaftliche Referentin an der Universität Bielefeld tätig. Sie ist eindeutig die Hauptverdienerin in der Ehe. Doch das stört ihren Ehemann nicht. »Mich freut es, dass wenigstens einer von uns einen gut bezahlten Job hat«, sagt Holger Jantzen lachend. In seinem Job würden zwar keine hohen Gehälter gezahlt, dafür sei er mit seinem Beruf sehr zufrieden.

Hat also nach Jahren der Frauenbewegung und der weiblichen Emanzipation der »neue Mann« seine Rolle gefunden? Will er nicht mehr als starker Alleinverdiener für Kind und Frau zu Hause sorgen? Auch wenn es dafür keine belegten Zahlen gibt: Man trifft immer häufiger auf Partnerschaften, in denen Frauen mehr verdienen als ihre Männer – und die meisten Männer klagen darüber zumindest nicht öffentlich.

Doch das »Zeit-Magazin« meldete kürzlich Zweifel an der Glaubwür­digkeit der »neuen Männer« an. Eine Autorin zitiert darin einen Bekannten C., der für Frau und zwei Kinder seine Karriere aufgegeben hat – und jetzt von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit geplagt wird.

Der Wiener Evolutionsbiologe Karl Grammer hat in zahlreichen Studien ermittelt, dass die Partnerwahl noch immer archaischen Mustern folgt: Männer suchen junge Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, Frauen den erfolgreichen Mann mit Status und Karriere.
Eine Milieu-Studie des Bundes­familienministeriums aus dem Jahr 2007 scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Darin wurden 20 Jahre alte Männer und Frauen nach ihrem Rollenverständnis befragt: Die Männer äußern sich zunehmend verunsichert über die verschiedenen Frauentypen, die ihnen heute begegnen.

Für die jungen Männer, auch aus der bürgerlichen Mitte, bleibt es der Studie zufolge ein Lebensziel, einmal eine Familie zu versorgen. Die Hausarbeit und Kindererziehung überlassen sie gerne weiterhin der Frau. Tatsächlich scheint es vielen Männern schwerzufallen, öffentlich zu ­bekennen, dass ihre Frau mehr Geld nach Hause bringt als sie. Auch Frank W. möchte lieber anonym bleiben: »Aber ich habe kein Problem damit, dass meine Frau mehr verdient als ich«, sagt der 50-Jährige. Bei ihm sei die Berufszufriedenheit als freier Journalist groß – und es habe ihm »eine große Befriedigung« gebracht, hauptsächlich für die Erziehung des gemeinsamen Sohnes verantwortlich gewesen zu sein.

Allerdings räumt er ein, dass das Paar auf Partys oder Empfängen mitunter Erstaunen auslöst. »Wenn die hören, dass meine Frau Geschäfts­führerin eines Wirtschaftsberatungsunternehmens ist, denken viele, ich müsste noch eine höhere berufliche Position einnehmen«, beschreibt er die Stimmungslage.

Ulrike Detmers, Professorin und Mitglied in der Geschäftsführung ­einer großen Backwarenfirma in ­Gütersloh, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. »Es ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass Männer sich partnerschaftlich um Haushalt und Familie kümmern«, sagt sie. Trotzdem gebe es immer mehr Väter, die sich selbstbewusst zu ihrer Rolle bekennen. Detmers setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung und mehr Frauen in Führungspositionen ein. Und sie schreibt seit vier Jahren den Preis »Spitzenvater des Jahres« aus. Die Preisträger müssen aus innerer Überzeugung für das partnerschaftliche Ehe- und Familienmodell eintreten und bei der Kleinst-, Klein- und Schulkinderbetreuung mitwirken.

Schirmherrin der Auszeichnung ist Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie setzt nicht nur auf Ehrungen, sondern will auch die Vätermonate beim Elterngeld ausweiten. Inzwischen nehmen 20 Prozent der Männer die zwei Partnermonate in Anspruch – ab 2011 soll es dann vier Monate geben. »Männer stehen nicht mehr unter dem Weichei-Verdacht, wenn sie sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern«, ist zumindest die Ministerin überzeugt.

Michael Ruffert (epd)