Von einem, der den Atomkrieg verhinderte

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Welt am Abgrund: Vor 33 Jahren verhinderte ein sowjetischer Offizier mit gesundem Menschenverstand einen »Atomkrieg aus Versehen«.

Am 26. September 2016 jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen, ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen, auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt aus der Zone der politischen Machtauseinandersetzung heraustreten und zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde: Ein Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen auch auf deutschem Boden nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar und unabwendbar werden würde.

Das Frühwarnsystem im »Dorf« Serpuchow 15

In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist: Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist Serpuchow 15, ein »Dorf« in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht: in Bunkern auf einem riesigen Gelände von 70 km Durchmesser. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten.

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die argwöhnische politische Führung mit dem Nachfolger Breschnews, Juri Andropow, an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange dauert der Raketenflug aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«.

Zweifel – und eine intuitive Entscheidung

Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere auch in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich überlegte Entscheidung im Kopf war für Petrow undenkbar. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall zwanzig Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch, ein »Atomkrieg aus Versehen«, mit dramatischen Konsequenzen die Folge. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Statt eines Dankes aufs Abstellgleis geschoben

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – oder besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon.

Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow 15«, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernahm.

Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Ein Arte-Film zeigt ihn als einen manisch-depressiven Patienten, ständig zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit.

An jenem 26. September 1983 musste Stanislaw Petrow seinen Dienst unvorhergesehenerweise in Vertretung eines erkrankten Kollegen wahrnehmen. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Petrows ein anderer die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Zufall oder Gottes Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 1983/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass er nur noch ein: »Das hing vom lieben Gott ab«, hervorbringen kann, womit er den Vorgesetzten noch mehr in Rage bringt.

Petrow erinnert sich: »Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: ›Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?‹ Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: ›Andere Informationen habe ich nicht.‹«

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor für Dogmatik an der Universität Paderborn.

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa – heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Gottes Name, er brennt für uns

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Der Schlüssel zur ersten Bitte des Vaterunsers ist in der Dornbuschgeschichte (2. Mose 3) zu finden

Monatlich führen wir unseren Glaubenskurs »Credo« weiter, der die Bitten und Aussagen des Vaterunser beleuchtet. Diesmal geht es um die Bitte »Geheiligt werde dein Name«

Der aus der Sklaverei Ägyptens geflohene Mose sieht in der Wüste seiner Flüchtlingsexistenz einen brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, aus dem heraus »Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!« (V. 5). Er ernennt Mose zum Retter seines Volkes und er offenbart ihm seinen heiligen Namen. Der jüdische Hörer hört hier die alles bestimmende Anfangsgeschichte der Offenbarung Gottes für sein geliebtes Israel. Angesichts dessen Gefangenschaft in Ägypten ist diese Geschichte schon in ihrem Ursprung eine Befreiungs- und Widerstandsgeschichte. Die heiligen Gottesflammen sengen den erschrockenen und widerstrebenden Mose an und belegen ihn für den Befreiungsdienst. In äußerster Strenge nimmt der Heilige den ägyptischen Sklaven Mose in Beschlag. Und im Widerstand gegen Gottes Auftrag fragt Mose nach der Macht seines heiligen Namens. Die Antwort zeigt, wie Gott seinen Namen preisgibt und zugleich verhüllt, wie er sich Mose zu erkennen gibt und doch unverfügbar bleibt: »Ich werde sein, der ich sein werde« (3,14). So wird meist übersetzt. Die jüdischen Theologen Martin Buber und Franz Rosenzweig jedoch haben nachdrücklich darauf verwiesen, dass aus dem erzählerischen Zusammenhang der Dornbuscherzählung nur eine Übersetzung des unaussprechlichen Namens gerechtfertigt ist, die nicht das So- und Ewigsein Gottes in den Vordergrund rückt, »sondern das Gegenwärtigsein, das Für-euch- und Bei-euch-Dasein und -Daseinwerden«. Also, »Ich bin doch da. Ich bin bei euch« – das ist sein heiliger Name. So brennt er für Israel. So aber beansprucht er auch eine Heiligkeit, die sich jeder Form des Zugriffs und der Instrumentalisierung entzieht. Mit diesem Namen lässt sich nicht angeben oder experimentieren, schwören oder zaubern.

Die Heiligung des Gottesnamens erschließt sich nun aber für uns Christen erst in den Schlussworten des Matthäusevangeliums (Matthäus 28, 20) als den letztgültigen irdischen Worten des Auferstandenen auf dem Gottesberg: »Und siehe, ich bin bei euch.« Im Kontext der göttlichen Namensoffenbarung im brennenden Busch aus 2. Mose 3 wird klar, warum die zweifelnden Jünger nicht religiös ergriffen zum Himmel hinaufblicken, sondern vor dem Heiligen im Gottesschrecken erschüttert auf ihr Gesicht fallen (Matthäus 28, 17) – ebenso, wie es von Mose heißt: »Und er verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen« (V. 6).

Und der Engel des Herrn erschien ihm  in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte  und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2  Foto: Burkhard Dube

Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2. Foto: Burkhard Dube

»Ich bin bei euch«: Der Name des Gottes Israels verbindet sich für uns Christen mit dem Namen des Auferstandenen. Und so wie sich Gott mit seinem Namen Israel nicht in die Hand gibt, so bleibt auch der Auferstandene unverfügbar.
Mose muss sich gegen alles Widerstreben auf den Weg machen und dem heiligen Namen trauen. Nur im Aufbruch und im Gehorsam, der den je notwendigen Widerstand gegen Pharao und die Befreiungsaktion für Israel einschließt, wird er die Macht des Namens erfahren. Und so wie Israel dem Gott der Väter nicht vorschreiben konnte, wie er ihnen befreiend und leitend vorausgehen sollte, so kann sich auch die Nähe und Gegenwart des Auferstandenen für uns sehr anders ereignen, als wir uns das wünschen.

Wie kann man in den Schrecken unserer Tage, wie in schweren Niederlagen auch eines persönlichen Lebens noch an den Namen des Auferstanden, der Gott für uns zu sein verspricht, glauben? Wie kann man heute diesen Namen »heiligen«, wo doch so vieles dagegenspricht? Man »kann« es gar nicht. Ganz und gar ist der Glaube darauf angewiesen, dass »Gott treu die Verbindung hält und wir mit ihm treu in Verbindung stehen« – was die ursprüngliche Bedeutung von »heilig« und »heiligen« im Neuen Testament ist. Sein heiliger Name muss uns erscheinen und für uns brennen. Und noch radikaler stellt sich im Angesicht des brennenden Busches und des Kreuzes auch die Frage nach der Macht des Bösen, das täglich über so viele Menschen kommt. Der Glaube hat dafür bis zum Jüngsten Tag keine Antwort parat, die aufgeht. Er kann den Namen nur vom Feuer und vom Kreuz Christi her als mit den Leidenden mitleidend denken. »Ich bin doch da; ich bin bei euch.« Das ist sein Name. Das ist seine Heiligung. Und das ist ein Widerstandswort! Jede weitere Antwort wäre Vermessenheit angesichts der Opfer. Die Klage bleibt offen. Und doch hält der Glaube sich an den Trost, dass Gott in der Kraft seines Namens den Opfern nahe ist und sie in Ewigkeit bewahrt, ja, uns alle heiligt und bewahrt.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Lasst uns einander gnädig sein

24. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Betrachtung über die Hirten, denen zuerst die Botschaft von der Geburt des Heilandes der Welt zugekommen ist

Wie waren sie? Sie werden oft als fromme und brave Leute dargestellt – als »die redlichen Hirten«, die sich während der Nachtwache tiefgründige religiöse Gedanken über die alten Weissagungen machen und so innerlich vorbereitet sind auf das himmlische Geschehen. Man möchte so immer auch ein bisschen frömmelnd begründen und einleuchtend machen, warum denn gerade diesen Feld-, Wald- und Wiesen-Burschen als Ersten die Botschaft von der Geburt des Heilands der Welt durch die himmlischen Heerscharen zugekommen ist.

Im Judentum der Zeitenwende galten Hirten gerade nicht als redlich, sondern als notorisch unredlich, als Räuber und Betrüger, als Strolche und Tagediebe. Hirten waren den Hohenpriestern und Schriftgelehrten – den damaligen Predigern und religiösen Hierarchen – genauso suspekt und verdächtig wie Zöllner und Steuereintreiber. So wie diese ständig in der Versuchung lebten, in die eigene Tasche zu wirtschaften und den Leuten mehr Geld abzunehmen als vorgeschrieben, so standen Hirten allezeit in der Versuchung, das Eine oder Andere vom Ertrag der Herde zu ihren eigenen Gunsten und zur Linderung ihrer Armut zu unterschlagen. Darum gab es zu jener Zeit »im jüdischen Lande« ein Gesetz, das verbot, von dem Gesindel Wolle, Milch oder Kleinvieh zu kaufen. Ja, die Hirten waren damals so fragwürdige und verdächtige Existenzen, dass ihnen per se die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt waren: Hirten durften beispielsweise nicht das Richteramt bekleiden und wurden als Zeugen vor Gericht gar nicht erst zugelassen. Schon überhaupt nicht wären sie in den Bethlehemitischen Rotary-Club aufgenommen oder in ein ehrbares Stadtparlament gewählt worden, wenn es so etwas damals gegeben hätte.

Sie würden heute in keinen Rotary-Club aufgenommen: Die Hirten von Bethlehem beten das Christkind an. Eine um 1850 entstandene Schnitzerei aus dem aus der Region Oberammergau. – Foto: Wikipedia/Andreas Praefcke

Sie würden heute in keinen Rotary-Club aufgenommen: Die Hirten von Bethlehem beten das Christkind an. Eine um 1850 entstandene Schnitzerei aus dem aus der Region Oberammergau. – Foto: Wikipedia/Andreas Praefcke

Wer sich die gesellschaftliche Außenseiterstellung der Hirten vor Augen führt, der ahnt, wie unerhört es ist und war, dass Lukas sagt, gerade Hirten sei es zuerst und vor allen anderen verkündigt worden: »Euch ist heute der Heiland geboren.« – Hier allerdings wird schon im ersten Anfang der irdischen Existenz Jesu vorweggenommen, was später von ihm gesagt wurde und was ihn letztlich ans Kreuz gebracht hat – seine Gemeinschaft mit den Gottlosen. »Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen!« Das ist das Wort der frommen Feinde Jesu, die den Skandal seiner Nähe zu den Geächteten und seine Lebensgemeinschaft mit den Gottlosen nicht ertragen und ihn darum selber der Gottlosigkeit und Gotteslästerung bezichtigen, was dann zum entscheidenden Grund für die Todesstrafe seiner Kreuzigung wird.

Das jedoch ist nun zur Weihnacht in der Hirtenperspektive die uneingeschränkt Frohe Botschaft für alle, für alle Redlichen oder Unredlichen, für alle großen und etwas weniger großen Sünder: »Euch – ja, euch, den Hirten und so euch allen – ist heute der Heiland geboren!«

Gott ist Euch allen gnädig, wie er es den Hirten von Bethlehem war und ist, und mir, ist er es auch – in dem Kind der Maria, dem Sohn Gottes, in dem wahren Menschen, der geboren ist, und in dem wahren Gott, der in Windeln gewickelt in der Krippe liegt. Gott ist Euch gnädig – in ihm. Deshalb seid dieser Tage auch zueinander ein bisschen gnädig, etwas gnädiger als sonst:

Denn wenn für Dich und mich und für die, denen Du und ich etwas zu vergeben haben, gleichermaßen gilt – wie es den ungnädigen Hirten und Herren und Damen zu Bethlehem galt: »Euch ist heute der Heiland geboren!«, dann ist doch auch heute kein menschliches Leben so aussichtslos und verwirkt, so verraten und verdorben, so besorgt und verärgert, so schwach und krank, dass wir es nicht mehr gnädig achten dürften und könnten. Lasst uns darum alle einander gnädig sein, etwas gnädiger als sonst, denn Gott gnade uns, wie er den Hirten gegnadet hat. Denn so war es doch – am Ende der Heiligen Nacht, als sie umkehrten und den Gott Israels priesen und lobten – , dass aus fernen und gottlosen Hirten in der Weihnachtsnacht begnadete Menschen wurden. Johannes Calvin, der Genfer Reformator, nennt in seiner Auslegung von Lukas 2,8 den begnadeten Stand, zu dem es die Hirten in der Nacht gebracht haben: »Wollen wir also zu Christus kommen, darf es uns nicht verdrießen, denen zu folgen, die Gott zur Beschämung menschlichen Hochmuts von den Herden wegnahm und uns zu Lehrern einsetzte.« Wie sollten wir, die wir von diesen Lehrern so viel lernen können, nicht auch selber gnädiger werden und sein können?

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Theologie an der Universität Bielefeld.

Wo’s nottut, lässt sich alles wagen

27. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Pfingstbetrachtung über das Wirken des Heiligen Geistes

Rolf Wischnath

Rolf Wischnath

Die Frage des Heiligen Geistes ist nicht nur in diesen Pfingsttagen, sondern zu jeder Zeit die Frage unseres Lebens. Sie betrifft zuerst und vor allem den Ursprung unseres Glaubens: Kein Gedanke an den dreieinigen Gott, kein Gebet, kein Trost und Glaubensmut, kein Gehaltenwerden im Leben und im Sterben, welche nicht begründet wären allein in der Kraft des Heiligen Geistes. Allein! Einer der Kernsätze in Luthers Kleinem Katechismus steht in der Auslegung des dritten Teils des Glaubensbekenntnisses: »Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich … berufen, … erleuchtet, … geheiligt und erhalten.«

Aber die Frage des Heiligen Geistes steht auch hinter jeder Aktivität der verfassten Kirchen, hinter jedem Gottesdienst, jeder Predigt und Konfirmandenstunde, hinter ihren diakonischen Anstrengungen, dem Betrieb ihrer Gremien und allen Freizeitangeboten. Wenn es nicht im Geist ­geschieht, ist es vergeblich.
Wenn wir vom Heiligen Geist sprechen, dann meinen wir, dass wir beteiligt sind am Werk Gottes für die Welt. Es kann sich immer nur um ein Mittun handeln – daraufhin, dass Gott selbst schon in Jesus Christus etwas mit uns getan hat und tut. Im Blick auf das Wirken des Heiligen Geistes brauchen wir uns also nicht zu präparieren. Von ihm gefunden finden wir uns schon vor in seinem Werk.

Das jedoch bedeutet nicht, dass wir den Heiligen Geist zur Verfügung hätten. Schon in der frühen Zeit der Christenheit gab es Charismatiker (Geistbewegte), die meinten, den Geist in sich zu haben und in aufsehenerregenden Taten und Erfolgen vorführen zu können. Die in der Ökumene schnell wachsende Zahl der charismatischen Gemeinden (besonders in Lateinamerika) liegt oft auf dieser Linie: Zungenreden, Zuckungen, unbegrenzte Tränen, Lachen und vorgebliche Wunderheilungen prägen dann das äußere Bild der aus unserem Protestantismus erwachsenen Eiferer. Das Johannesevangelium setzt sich hart mit dieser Art von Begeisterten auseinander, indem es im Wort Jesu unterstreicht: Die Voraussetzungen für den Geistempfang liegen nicht in uns, sondern in dem, was Jesus für uns tut; und dies ist vor allem sein Weg zum Kreuz. Das Kreuz aber verbietet die Instrumentalisierung des Geistes zum Überschwang und zu Spektakeln. Das Kriterium, eine Erscheinung und Gabe als Erscheinung und Gabe des Heiligen Geistes zu erkennen, ist das darin ausgesprochene Zeugnis von Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Das aber kann vielerlei Gestalten haben. Eine sich oft wiederholende sei genannt:

Jeder einigermaßen engagierte Christ hat wohl dann und wann, mal mehr oder weniger mit dem ­Ge­danken gespielt (oder gar gekämpft) haben, diese Sache an den Nagel zu hängen, die derzeitige Kirche zu verlassen, sich abzuwenden von aufgeblasenen Backen und sich nicht weiter abzugeben mit dem törichten Wort vom Kreuz und jener verwegenen Geschichte vom leeren Grab. Wenn wir dennoch dabeigeblieben sind, dann doch nur darum, weil uns rätselhafter Weise das Weggehen noch schwerer und unmöglicher wurde als das Dabeibleiben – rätselhafter Weise! Man steht sich selbst wie einem Rätsel gegenüber. Man fängt an, beschämt zu staunen über das tröstliche Evangelium, über die Einheit im Geist in der Mitte einer oft so problematischen Kirche und über die fremde Beständigkeit, die uns Ungetreue beim Wort von Jesus Christus so unentrinnbar festhält. Das ist das Werk des Heiligen Geistes.

Und das gibt es nun: Das Zeugnis des Geistes überzeugt so, dass nun nicht nur der Geist selber, sondern auch Menschen für das Recht ihres Herrn eintreten. Sie treten hin vor die Welt mit der unerhörten Zeugenaussage: Sein Sterben ist der Sieg über die Welt; und: »Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst« (Benedikt XVI). Das gibt es – und hier sind wir einbezogen: Menschen, denen der Glaube nie zu Besitz und Stolz wird, sondern die angefochten bleiben, halten sich an jenes Zeugnis des Geistes. So unerhört das ist, es ist ­dennoch kein Wagnis. Der Geist lehrt uns ja: Es nicht zu ­wagen, wäre das größere Risiko, bei dem wir alles aufs Spiel ­setzen. Wenn schon »Wagnis«, dann doch nur im Sinn von Schillers Tell: Als ihn der Fährmann zum Zeugen anruft, dass im Sturm die Überfahrt nicht zu ­wagen sei, um die ein gehetzter Flüchtling bittet, da antwortet er: »Wo’s nottut, Fährmann, lässt sich ­alles wagen!«

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Theologie an der Universität Bielefeld.

Jedes Unglück muss an Gott vorbei

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt

Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.

Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches ­Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem ­großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle ­anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)

Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen ­unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ­ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?

Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt ­einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.

Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.

Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.

Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.

Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und ­Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.

Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück ­geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem ­Leben trotzdem Sinn und Zukunft.

In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit ­denen, die so sehr versehrt wurden.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

»Ich habe ihn verraten und verkauft«

19. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Eine theologische Reflexion über den Verrat des Judas


Das Thema »Verrat« ist im Christentum geprägt vom Verrat des Judas. In der Passionszeit wollen wir uns von verschiedenen Seiten dem Phänomen nähern.

Verraten und verkauft« – eine gängige Redensart. Seit wann sie im Deutschen vorkommt, ist unsicher. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) schreibt nach dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Schelmenroman »Simplicissimus«: »Ein gebohrner ehrlicher Teutscher weiß im Kriege nicht, ob er verrathen oder verkaufft, ob er unter Narren oder Klugen sitze.«

Wo immer allerdings die Wörter »verraten und verkauft« im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte vorkommen, sind sie geprägt vom Verrat des Judas. Dieser Verrat übertrifft nach Meinung Unzähliger alles. Was ist sein »Verrat«? Es ist der Bruch des Vertrauensverhältnisses zu einem Freund, Vernichtung des Vertrauens durch eine Handlung, die allem widerspricht, was Judas an Gutem mit seinem HERRN erfahren hatte. Dieser Verrat vollzieht sich durch ­Judas’ Zusage an die Mitglieder des Hohen Rates, er werde gegen »Judaslohn« Jesus denunzieren und seinen Häschern zeigen, wo sie ihn würden verhaften können.

Die Untat des Judas gipfelt in einem Kuss. Dieser gilt bis heute als ­äußerster Akt der Abscheulichkeit, obwohl es in der Geschichte der Kirche auch andere Verratstaten gegeben hat, die an den Judas-Kuss heranreichen. Auch in der Geschichte meiner eigenen Konfession gibt es die Tat eines ungeheuerlichen Verrats – nämlich im reformierten Genf:
Am 6. Oktober 1553 verbrennt dort der Arzt und »Ketzer« Michael Servet, weil Johannes Calvin ihn – Servet vertritt unangepasste Überzeugungen in der Trinitätslehre – an den Rat Genfs überführt und verrät. Calvin bekommt kein Geld dafür. Aber das ist auch schon das »Beste«, was man über seine Rolle bei dieser Schande sagen kann. Und das Ganze lässt sich – bei all meiner Verehrung für den großen Theologen – nicht schönreden.

Der Jünger Judas aber verrät und verkauft Jesus an den Hohen Rat für 30 Silberstücke. So sorgt er dafür, dass Jesus im ursprünglichen Sinne »verraten und verkauft« wird. Weil er seine Tat rückgängig machen will, erhängt er sich in äußerster Verzweiflung – der Legende nach – am »Judasbaum«.

Nun jedoch wird oft übergangen, was zwischen dem Verrat und dem Selbstmord des Judas eigentlich geschieht, nämlich ein Akt ungeheuchelter Reue: »Judas packte die Reue.« Er bringt die 30 Silberstücke zu den führenden Priestern und Ratsältesten zurück und sagt: ›Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten und verkauft.‹« (Matthäus, 27,3+4).

In der Enttäuschung über die Tat des Judas, in seiner Verfemung als größter Verbrecher wird oft dieses Ende seiner Schande nicht mehr wahrgenommen. Man muss nämlich dem Verräter Judas zumindest zugutehalten:
Er ist der Einzige, der als Beteiligter in der Passion Jesu und am Justizmord erkennt, dass Jesus gänzlich verraten und verkauft wird und dass ihm darin schwerstes Unrecht geschieht. Und er ist der Einzige, der diese Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Ja, Judas allein kehrt um von dem Irrtum und der Untat, in die er sich verstrickt hat. Er bereut. Von keinem sonst, die mitverantwortlich waren am Leiden und Sterben Jesu, wird das gesagt. Die Jünger fliehen. Petrus ist feige – »und weint dann heftig«. Pilatus waltet seines Amtes genauso wie die Hohenpriester. Das Volk gafft und schreit. Nur von Judas heißt es: »Es packte ihn die Reue.«

Und die Reue des Judas über seinen Verrat bleibt nicht folgenlos. Er steht ein für das, was er getan hat. Er spricht aus, was uns allen auszusprechen so schwerfällt: »Ich habe Schuld auf mich geladen.« Keine abmildernde Entschuldigung! Nein, er benennt das Verbrechen, wie es kein Richter schärfer benennen könnte: »Ich habe ihn verraten und verkauft.«

Damit spricht er als Einziger die Wahrheit im Prozess aus: »Ein Unschuldiger wird getötet.« Und dann vollzieht Judas an sich selbst das ­Urteil, das nach jüdischem Recht über den zu verhängen ist, der eine falsche Anklage erhoben hat. Er erhängt sich selbst. Denn falsche Ankläger sollen mit derselben Strafe bestraft werden, die sie über den bringen wollten, den sie angeschuldigt haben.

Dieser Suizidant weiß nicht, dass an diesem Tag ein anderer für ihn und seine Schuld sterben wird. Er kann das Leiden, den Tod Jesu nicht umkehren, nicht aufhalten. Er kann es nicht verhindern, dass Jesus auch für ihn stirbt. So ist auch Judas nicht verloren in Ewigkeit. Und wenn er in Ewigkeit vor Gott nicht verloren ist, wen dürften wir dann heute verloren geben, verraten und verkaufen? Nicht einmal uns selbst.

Rolf Wischnath


Der Autor war Generalsuperintendent für den Sprengel Cottbus (1995–2004). Er lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.